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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 102
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XVI

Als Uilenspiegel im Gerstenmond, das ist der Oktober, in Gent war, sah er Egmont. Der Graf kam eben von einem Gelage bei dem edeln Abte von St. Baafs. Träumerisch ein Liedchen summend, ließ er sein Pferd im Schritt gehn. Plötzlich sah er an seiner Seite einen Mann mit einer brennenden Laterne. »Was bringst du mir?« fragte Egmont.

»Gutes,« antwortete Uilenspiegel, »das Gute, was eine Laterne hat, wann sie angezündet ist.«

»Geh deine Wege und laß mich,« antwortete der Graf.

»Ich geh nicht,« entgegnete Uilenspiegel.

»Du willst also einen Peitschenhieb?«

»Ich möchte ihrer sechs hinnehmen, wenn ich in Euern Kopf eine solche Laterne stecken könnte, daß Ihr von hier bis in den Escorial klar sähet.«

»Mich kümmert weder deine Laterne, noch der Escorial,« antwortete der Graf.

»Meinetwegen,« antwortete Uilenspiegel; »aber mich brennt es. Euch einen Wink zu geben.« Dann packte er das Pferd, das sich bäumte und ausschlug, beim Zaume: »Gnädiger Herr, bedenkt, daß Ihr heute so hübsch auf Euerm Pferde tanzet und daß Euer Kopf auch sehr hübsch auf Euern Schultern tanzt; aber der König beabsichtigt, wie man sagt, diesen schönen Tanz zu unterbrechen. Euch Euern Leib zu lassen, aber Euern Kopf zu nehmen und ihn in so fernen Gegenden tanzen zu lassen, daß Ihr ihn nie wiederbekommen könntet. Schenkt mir einen Gulden; ich hab ihn ehrlich verdient.«

»Die Peitsche, wenn du nicht verschwindest mit deinen schlechten Winken.«

»Gnädiger Herr, ich bin Uilenspiegel, der Sohn des Klaas, der für den Glauben lebendig verbrannt worden ist, und der Soetkin, die vor Schmerz gestorben ist. Die Asche schlägt an meine Brust und sagt mir, daß Egmont, der wackere Soldat, in den Reitern, die er befehligt, dem Herzog von Alba eine dreimal siegreiche Truppe entgegenstellen könnte.«

»Geh,« antwortete Egmont; »ich bin kein Verräter.«

»Rette die Lande; du allein kannst es,« sagte Uilenspiegel.

Der Graf wollte Uilenspiegel schlagen; aber der hatte nicht so lang gewartet. Er machte sich aus dem Staub und schrie: »Eßt Laternen, eßt Laternen, Herr Graf. Rettet die Lande.«

An einem andern Tage hielt Egmont, der durstig war, vor der Schenke zum ›Bont Verken‹, deren Wirtin eine hübsche Frau aus Courtrai war, genannt das Muizeken. Der Graf hob sich in den Steigbügeln und rief: »Zu trinken!«

Uilenspiegel, der Muizeken diente, kam heraus, in der einen Hand einen Zinnhumpen, in der andern eine Flasche Rotwein. Als ihn der Graf sah, sagte er: »Du bist da, du Rabe mit der schwarzen Prophezeiung?«

»Gnädiger Herr,« antwortete Uilenspiegel, »wenn meine Prophezeiung schwarz ist, so kommt das daher, weil sie schlecht gewaschen ist; aber sagt mir, was ist röter: der Wein, der durch die Kehle rinnt, oder das Blut, das aus dem Halse spritzt? Das ists, was meine Laterne hat wissen wollen.«

Der Graf antwortete nichts; er trank, bezahlte und ritt weg.

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