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Uilenspiegel und Lamme Goedzak

Charles de Coster: Uilenspiegel und Lamme Goedzak - Kapitel 101
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles de Coster
titleUilenspiegel und Lamme Goedzak
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
translatorAlbert Wesselski
correctorJosef Muehlgassner
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XV

Am 15. August, dem Marientag und dem Tage der Segnung der Kräuter und Wurzeln, wo die sattgefressenen Hennen taub bleiben für den Zinkenruf des Hahns, der sie um Liebe bittet, am 15. August also wurde durch einen von Kardinal Granvella bezahlten Italiener ein großes Steinkreuz an einem der Tore Antwerpens zertrümmert. Und die Prozession der Jungfrau, voran grüne, gelbe und rote Narren, verließ die Kirche von Unserer Frau.

Aber das Marienbild wurde auf dem Wege von unbekannten Männern beschimpft und deshalb schleunigst in die Kirche zurückgebracht. Man stellte es wieder auf das Chor und schloß die Gitter.

Uilenspiegel und Lamme traten bei Unserer Frau ein. Junge verhungerte und zerlumpte Burschen, zwischen ihnen auch einige Männer, die allesamt jedermann unbekannt waren, stellten sich vor dem Chore auf und gaben einander Zeichen und Winke. Mit den Füßen und den Zungen verübten sie einen mächtigen Lärm. Niemand hatte sie früher in Antwerpen gesehn, niemand sah sie später wieder. Der eine, mit einem Gesichte wie eine verbrannte Zwiebel, fragte, ob Maaiken, nämlich Unsere Frau, Angst gehabt habe, daß sie so schnell in die Kirche zurückgekehrt sei.

»Du bist es nicht, vor dem sie Angst gehabt hat, schäbiger Neger,« antwortete Uilenspiegel. Der Bube, zu dem er sprach, trat auf ihn zu, um ihn zu schlagen; aber Uilenspiegel packte ihn beim Kragen: »Wenn du mich schlägst, laß ich dich deine Zunge ausspeien!«

Dann wandte er sich an etliche Männer von Antwerpen, die da waren, und wies auf die zerlumpten Burschen: »Signoorkens und Pagadders, seid auf der Hut, das sind keine ehrlichen Vlamen, sondern bezahlte Verräter, die uns in Unglück, Elend und Verderben bringen sollen.«

Dann sprach er zu den Unbekannten und sagte: »Han, ihr ausgehungerten Eselsschnauzen, woher habt ihr denn das Geld, das in euern Taschen klingt? Habt ihr euere Haut schon im voraus auf Trommeln verkauft?«

»Will denn der Kerl predigen?« sagten die Unbekannten. Dann begannen sie durcheinanderzuschreien und Unsere Frau zu höhnen: »Maaiken hat ein schönes Kleid! Maaiken hat eine schöne Krone! Ich werde die Sachen meiner Metze geben.« Sie gingen weg, während einer von ihnen die Kanzel bestiegen hatte, wo er eine dummdreiste Rede hielt; aber sie kamen wieder und schrien: »Komm herunter, Maaiken, komm herunter, sonst kommen wir dich holen. Tu ein Wunder, auf daß wir sehn, ob du gerade so gut gehn kannst, wie du dich tragen läßt, Maaiken, du Faulenzerin!«

Uilenspiegel hatte gut rufen: »Ihr Unheilstifter, hört auf mit dem schändlichen Gerede, jede Aufreizung ist ein Verbrechen!« – sie standen nicht ab von ihren Hetzereien, und einige sprachen sogar schon davon, das Chor zu erbrechen und Maaiken zum Herunterkommen zu zwingen. Darob außer sich, warf ihnen ein altes Weib, das in der Kirche Kerzen verkaufte, die Asche ihres Fußwärmers ins Gesicht; aber sie wurde geprügelt und zu Boden geworfen. Und nun ging das Toben los.

Der Markgraf kam mit seinen Schergen in die Kirche. Er ermahnte das versammelte Volk, die Kirche zu verlassen, aber so gelinde, daß nur wenige seiner Aufforderung folgten; die andern sagten: »Wir wollen zuerst hören, wie die Domherren Maaiken zu Ehren die Vesper singen.«

Der Markgraf antwortete: »Es wird nicht gesungen werden.«

»So werden wir selber singen,« antworteten die unbekannten Lumpen. Und das taten sie in den Seitenschiffen und im Langhause. Manche spielten mit Kirschenkernen und sagten: »Maaiken, im Paradiese spielst du nie und langweilst dich; spiel mit uns.« Und sie beschimpften das Bild ohne Unterlaß; sie schrien, zischten und pfiffen.

Der Markgraf tat, als ob er ängstlich würde, und ging. Auf seinen Befehl wurden alle Türen der Kirche bis auf eine geschlossen.

Ohne daß sich das Volk hineingemengt hätte, wurde das unbekannte Lumpenpack immer frecher und brüllte immer mehr. Und die Deckenwölbungen hallten wider wie beim Donner von hundert Geschützen.

Der eine, der mit dem Gesichte wie eine verbrannte Zwiebel, der bei den andern eine gewisse Achtung zu genießen schien, stieg auf die Kanzel, gab ihnen ein Zeichen mit der Hand und predigte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Die drei sind nur einer, und in dem einen sind drei; Gott bewahre uns im Paradiese vor der Rechnerei. Heute, am fünfzehnten August, ist Maaiken in großem Kleiderstaat draußen erschienen, um den Signoorkens und Pagadders von Antwerpen ihr hölzernes Gesicht zu zeigen. Aber in der Prozession ist Maaiken dem Teufel Satanas begegnet, und Satanas hat sie gehöhnt und gesagt: ›Du bist wohl recht stolz, Maaiken, daß du herausgeputzt bist wie eine Königin und von vier Signoorkens getragen wirst, und du siehst den armen Pagadder Satanas gar nicht mehr an, der zu Fuß gehn muß.‹ Und Maaiken hat geantwortet: ›Weiche, Satanas, sonst zertrete ich dir den Kopf noch mehr, häßliche Schlange!‹ ›Maaiken,‹ hat Satanas gesagt, ›das ist das Geschäft, womit du seit fünfzehn Jahrhunderten die Zeit verbringst, aber der Geist des Herrn, deines Meisters, hat mich befreit. Ich bin stärker als du, und du wirst mir nicht mehr auf das Haupt treten, und ich werde dich heute tanzen lassen.‹ Satanas hat eine Peitsche genommen, eine schneidende Peitsche, und Maaiken zu schlagen begonnen; und sie hat sich nicht zu schreien getraut, weil sie so ihre Angst kundgetan hätte. Und so hat sie sich in scharfen Trab gesetzt und die Signoorkens, die sie trugen, gezwungen, auch zu laufen, damit sie sie nicht samt ihrer Goldkrone und ihren Kleinoden in das arme gemeine Volk fallen ließen. Und jetzt bleibt sie feig und starr in ihrer Nische, weil sie Satanas sieht, der da ist und auf dem Pfeiler unter der kleinen Kuppel sitzt und, die Peitsche schwingend, mit Kichern zu ihr sagt: ›Ich werde dich das Blut und die Tränen, die in deinem Namen geflossen sind, bezahlen lassen! Maaiken, wie stehts denn mit deiner Jungfräulichkeit? Jetzt heißt es ausziehen. Du wirst entzweigeschlagen werden, schlechtes Holzbild, für alle diese Bilder aus Fleisch und Knochen, die in deinem Namen erbarmungslos verbrannt, gehenkt und lebendig begraben worden sind.‹ So sprach Satanas, und er sprach gut. Du mußt herunter von deiner Nische, Maaiken, du blutige, Maaiken, du grausame, die du ganz unähnlich bist deinem Sohne Christus.«

Und die ganze Menge der Unbekannten heulte, schrie und brüllte: »Maaiken! Maaiken! Jetzt heißt es ausziehen! Beseichst du dich in deiner Nische vor Furcht? Auf, Brabant und der Herzog! Weg mit den hölzernen Heiligen! Wer nimmt ein Bad in der Schelde? Das Holz schwimmt besser als die Fische!« Und das Volk hörte zu, ohne ein Wort zu sagen.

Aber Uilenspiegel stieg auf die Kanzel und trieb den andern mit Gewalt die Treppe hinunter; und er sprach zum Volke: »Ihr gefährlichen Narren, ihr mondsüchtigen Narren, ihr albernen Narren, seht ihr denn nicht weiter, als eure Nase rotzt? Begreift ihr denn nicht, daß all das Verräterwerk ist? Sie wollen euch zur Tempelschändung und Plünderung verleiten, um euch dann als Aufrührer zu erklären, euere Kasten zu leeren, euch zu köpfen und euch lebendig zu verbrennen! Und der König wird erben. Signoorkens und Pagadders, kümmert euch nicht um die Worte dieser Unheilstifter: laßt Unsere Frau in ihrer Nische, lebt für euch, arbeitet fröhlich und verzehrt euern Verdienst und Nutzen. Der schwarze Teufel des Verderbens hat ein Aug auf euch, und Plünderung und Zerstörung sollen ihm dienen, das feindliche Heer zu rufen; dann werdet ihr als Aufrührer behandelt werden und die Gewaltherrschaft Albas dulden müssen samt der Inquisition, der Gütereinziehung und dem Tode. Und er wird erben.«

»Ach,« sagte Lamme, »plündert nicht, Signoorkens und Pagadders. Der König ist sowieso schon ärgerlich. Die Tochter der Stickerin hat es meinem Freunde Uilenspiegel gesagt. Plündert nicht, meine Herren!« Aber das Volk konnte sie nicht hören.

Die Unbekannten schrien: »Drauf und vorwärts! Sturm! Brabant und der Herzog! Ins Wasser mit den Heiligen! Sie schwimmen besser als die Fische!«

Umsonst schrie Uilenspiegel auf der Kanzel: »Signoorkens und Pagadders, duldet das Plündern nicht! Stürzt nicht die Stadt ins Verderben!« Er wurde heruntergerissen, und man zerfetzte ihm alles, Gesicht, Wams und Hosen, wenn er auch mit den Füßen und den Händen Vergeltung übte. Blutüberströmt ließ er nicht ab zu schreien: »Duldet das Plündern nicht!«

Aber alles war eitel.

Die Unbekannten und das Lumpenpack der Stadt warfen sich auf das Chorgitter und zerbrachen es, und sie liefen: »Heil den Geusen!«

Allesamt begannen zu zerbrechen, zu verwüsten und zu zertrümmern. Noch vor Mitternacht war diese große Kirche, die siebzig Altäre, ungezählte prächtige Gemälde und eine Menge wertvoller Kleinode gehabt hatte, geleert wie eine Nußschale. Die Altäre waren gestürzt, die Bilder zerschlagen und alle Schreine erbrochen.

Nach dieser Tat machten sich dieselben Unbekannten auf, um so wie bei Unserer Frau auch bei den Minoriten zu hausen und bei den Franziskanern, bei St. Peter, bei St. Andreas, bei St. Michael, bei den Weißen Schwestern, bei den Grauen Schwestern, beim Dritten Orden und bei den Predigern und in allen Kirchen und Kapellen der Stadt. Sie nahmen Kerzen und Fackeln, und so liefen sie überall herum.

Unter ihnen gab es keinen Streit und keinen Zwist; und keiner von ihnen wurde verletzt bei diesem großen Zerbrechen von Stein, Holz und anderm Werkstoff.

Sie fanden sich im Haag ein, um dort die Aufhebung der Bilder und der Altäre einzuleiten; weder dort noch anderswo leisteten ihnen die Reformierten Beistand. Im Haag befragte sie der Magistrat, wo ihre Vollmacht sei.

»Da ist sie,« sagte einer und schlug auf sein Herz.

»Ihre Vollmacht, hört ihrs, Signoorkens und Pagadders?« sagte Uilenspiegel, als er davon vernommen hatte. »Es ist also jemand da, der sie beauftragt, als Tempelschänder zu handeln. Kommt nun irgendein Dieb in meine Hütte, um zu plündern, werde ich tun wie der Magistrat im Haag: ich werde meinen Hut abnehmen und sagen: Lieber Dieb, gnädiger Taugenichts, verehrungswürdiger Landstreicher, zeig mir deine Vollmacht; er wird mir sagen, er habe sie in seinem Herzen, das gierig sei nach meinem Gut. Und ich werde ihm die Schlüssel von allem geben. Denkt nach, denkt nach, wem diese Plünderung nützt. Mißtraut dem roten Hunde; das Verbrechen ist begangen, jetzt kommt die Strafe. Mißtraut dem roten Hunde. Das große Steinkruzifix ist zerschlagen. Mißtraut dem roten Hunde.«

Als es der große Staatsrat in Mecheln durch seinen Vorsitzenden Viglius ausgesprochen hatte, daß dem Bildersturm kein Hindernis in den Weg zu legen sei, sagte Uilenspiegel: »Ach, die Ernte ist reif für die spanischen Schnitter. Der Herzog! Der Herzog kommt über uns. Vlamen, das Meer schwillt an, das Meer der Rache. Ihr armen Frauen und Mädchen, flieht vor der Grube! Ihr armen Männer, flieht vor dem Galgen, dem Feuer und dem Schwerte! Philipp will das blutige Werk Karls vollenden. Der Vater hat Mord und Verbannung gesät; der Sohn hat geschworen, er werde lieber über einen Friedhof herrschen, als über ein Volk von Ketzern. Flieht! Hier ist der Henker mit den Totengräbern.«

Das Volk hörte auf Uilenspiegel, und zu Hunderten verließen die Familien die Städte; und die Straßen waren versperrt durch Karren mit dem Hausrat derer, die ins Elend zogen.

Und Uilenspiegel war überall; traurig und seine Liebste suchend, war Lamme an seiner Seite.

Und in Damme weinte Nele neben der wahnsinnigen Katelijne.

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