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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1 Erstes Kapitel.

Hans hatte, da ihn der Heimweg gerade durch Prora geführt, in dem Stalle des Gasthofes »zum König von Preußen« die frisch milchende Kuh angesehen, die er gestern hereingeschickt; den herzlichen Dank der jungen Frau verlegen abgelehnt; in der Wirtsstube von dem neuen Doppelbier, das ihm Clas Wenhak aufgenötigt, nur eben genippt, und war nun mit demselben zur Thür hinaus getreten, wo der Hausknecht sein Pferd am Zügel hielt.

Clas Wenhak schob den Mann beiseite: er selbst wollte dem Herrn Baron beim Aufsteigen behilflich sein. Der hatte bereits den Fuß im Bügel, zog ihn aber wieder zurück. Ueber den kleinen offenen Platz kam sehr schnell ein Jagdwägelchen heran gerasselt, in dessen zweitem Sitz, in die Ecke gelehnt, Fürst Prora saß und sich jetzt, als er des Barons gewahr wurde, schnell aufrichtete, dem Kutscher ein Wort zurufend.

Der Wagen hielt.

Hans war an das Gefährt heran getreten. Der Fürst streckte ihm lebhaft die Hand entgegen.

Guten Abend, lieber Baron! Was führt Sie so spät hierher?

Geschäfte, Durchlaucht –

Ich frage nur, weil ich mich selbst verspätet habe. Sie sind doch auch heute auf dem Zauberfeste in Griebenitz?

Nein, Durchlaucht.

Nein? Aber vor einer halben Stunde, als ich durch Griebenitz fuhr – der Graf stand am Thor, das mit dicken Eichenguirlanden geschmückt wurde, und wetterte in seiner lauten Weise auf die ungeschickten Leute ein – er sagte mir, daß Ihre 2 Großeltern kommen würden und Fräulen Hertha – und dabei zwinkerte er so listig mit den Augen und klopfte dem langen Axel, der gerade heran trat, so derb auf die Schulter – freilich, wenn Sie weg bleiben – der Chef der Familie – hm – hm – sagen Sie, lieber Hans, sind Sie wirklich sicher, daß Sie nicht kommen?

Der Fürst hatte sich bei diesen Worten über den Rand des Sitzes gebeugt und spähte dem jungen Manne in das Gesicht, dessen dunkle Farbe sich vertiefte.

Nun, nun, sagte der Fürst, nichts für ungut, lieber Baron; ich möchte um alles nicht indiskret sein. Hm, hm! Ich darf es doch der Fürstin sagen? Ich meine, daß Sie nicht kommen? Vielleicht bleibt sie dann selbst zu Hause – und ich auch – denn im Grunde wollten wir nur hin, weil wir mit Sicherheit annehmen zu dürfen glaubten – aber ich halte Sie zu lange auf. Also auf Wiedersehen und zwar baldiges! Ich habe ein paar wichtige Dinge mit Ihnen zu besprechen – in unserer Waldangelegenheit – wir müssen doch endlich einmal zum Abschluß kommen, und – wie gesagt, recht bald! Wollen Sie zu mir oder soll ich – gut! Sie haben mehr zu thun als ich – übermorgen – ich fahre dann nach Jagdschloß und spreche bei Ihnen vor – um elf Uhr? Schön! Adieu, lieber Baron! A revoir! Fort!

Der Fürst schüttelte dem jungen Manne nochmals die Hand, das Wägelchen rasselte weiter; Hans wendete sich, trat an das Pferd, das Clas Wenhak noch immer hielt, legte die Hand in die Zügel, saß aber nicht auf, sondern blieb so stehen, regungslos, den Blick vor sich nieder gesenkt. Clas Wenhak, der hinter dem Pferde, von dem Fürsten kaum gesehen, jedenfalls nicht beachtet, so ziemlich alles gehört und in der bewußten Angelegenheit besser Bescheid zu wissen glaubte, als der Fürst selbst, hätte für sein Leben gern den Diskurs in seiner Weise fortgesetzt, wagte es aber nicht und sagte statt dessen, um doch etwas zu sagen:

Ich habe noch vergessen, Herr Baron: Es war heute Morgen ein expresser Brief da für den Herrn Baron – aus 3 Sundin. Wenn ich gewußt hätte, daß der Herr Baron doch herein kämen, hätte ich ihn hier behalten. So habe ich ihn vorhin dem alten Nimmo auf die Seele gebunden, er solle gleich über Neuen-Prohnitz gehen, da wird ihn dann der Herr Baron jedenfalls beim Nachhausekommen finden. Jetzt reitet der Herr Baron doch wohl erst nach Alten-Prohnitz über die Wiesen?

Der Baron hatte flüchtig aufgeblickt, aber starrte sofort wieder vor sich nieder, und Clas Wenhak war gar nicht sicher, daß derselbe gehört, was er gesagt; er fuhr daher auf gut Glück fort:

Er war gewiß von Livonius – wegen des Weizens – das heißt, es war nicht Livonius seine Handschrift, und das Siegel war es auch nicht; aber da ich weiß, daß Livonius es mit dem Weizen so eilig hat – na ja, wenn der Herr Baron verkauft, thun es die anderen Herren auch, sie warten nur darauf; nun schlecht ist der Preis nicht, indessen –

Jetzt aber hatte der Baron entschieden nicht hingehört; Clas Wenhak warf auf seine Frau, die eben still in die Thür getreten war, um zu sehen, warum der Baron noch immer nicht fort sei, einen bezeichnenden Blick, den er nit einer Grimasse begleitete. Die Frau wehrte mit Gegenblick und Miene ab und bewegte die Lippen, was sich ihr Mann in: »Schweig' doch still, Clas!« übersetzte.

Auch hatte Clas wirklich den Mut verloren, weiter ein Wort zu sagen. So standen die drei, der Baron mit gesenkten Augen, die beiden Wirtsleute, sich stumm einander anblickend, während über den stillen Platz eine Krähenschar von den abendlichen Feldern herein nach den großen Eichen des fürstlichen Parkes schwingte. Das Pferd schnellte den Kopf empor und scharrte. Der Baron zuckte ein wenig zusammen, gerade wie jemand, der aus einem schweren Schlafe jäh geweckt wird, hob den Fuß in den Bügel und saß auf; Clas ließ die Zügel los, das Tier bewegte sich vorwärts; des Barons Blick irrte über die beiden jungen Wirtsleute, er faßte an die Mütze, schien aber vergessen zu haben, daß er hatte grüßen wollen, denn er lüftete – ganz gegen seine sonstige höfliche Gewohnheit – die Mütze nicht, sondern zog sie nur tiefer in die Stirn, ritt langsam über 4 den Platz davon und war dann, um die Ecke des fürstlichen Pädagogiums links in die Parkstraße einbiegend, den nachschauenden Blicken der Wirtsleute entschwunden. Clas wendete sich zu seiner Frau.

Na, Lieschen, was sagst Du nun? Heute war er wieder richtig närrisch; sollte er doch wohl noch einmal – und er rieb mit der Spitze des Zeigefingers die Stirn.

Du sollst nicht so von unserem Herrn sprechen, erwiderte Lieschen mit großer Lebhaftigkeit.

Unserem Herrn? Der Fürst ist unser Herr! sagte Clas, die Hände in die Hosentaschen steckend und sich gegen den Thürpfosten lehnend.

Weil wir ihm die Pacht zahlen? Ja, aber wer hat uns so weit gebracht, daß wir sie zahlen können? Ohne unsern Herrn Baron wäre ich noch heute bei mein' Mutting in Sundin.

Clas wiegte sich, leise pfeifend, auf den Hacken.

Du solltest Dich schämen, Clas! sagte Lieschen.

Clas lächelte überlegen und pfiff noch lauter.

Ja, richtig schämen! Wenn unser Herr Baron hier ist, dann weißt Du gar nicht, was Du anstellen sollst vor aller Lieb' und Freundlichkeit, und er ist kaum zum Haus heraus, so machst Du Deine Witze über ihn. Und das heute, wo er wieder so gut gegen uns gewesen ist.

Die alte Kuh! sagte Clas, und schlug das linke Bein über das rechte. Er hat ja noch genug.

Darum braucht er sie uns doch nicht zu geben, und bloß, weil der Doktor sagt, es würde wohl mit meinem Stillen man schwach sein. Andere thäten es nicht, das kann ich Dir sagen.

Dafür hat Deine Tante auch seinen Bruder gestillt, sagte Clas, zur Abwechslung das rechte Bein über das linke schlagend.

Das ist was Rechtes, um fünfundzwanzig Jahre dafür dankbar zu sein.

Deine Tante sagt ja doch immer, er habe ihn lieb gehabt wie seinen Augapfel.

Und wenn er ihn noch lieber gehabt hätte, was haben wir denn dazu gethan?

5 Du bist doch Deiner Tante ihre Nichte.

Clas, Clas, Du versündigst Dich mit Deinen gottlosen Redensarten, und zu dieser Zeit, wo wir Gottes Hilfe so nötig brauchen.

Lieschen hatte schon die letzten Worte schluchzend gesprochen; jetzt fing sie wirklich an zu weinen.

Na, Lieschen, sagte Clas, die Beine auseinander schlagend, ich hab' das ja gar nicht so bös gemeint. Du weißt doch, ich red' so was so hin und denk' mir nichts dabei. Laß gut sein, Lieschen, ich erzähle Dir auch was. Du, Lieschen, ich weiß ganz gut, warum unser Herr Baron vorhin so närrisch war. Durchlaucht und er sprachen über Fräulein Hertha und den jungen Herrn aus Griebenitz – von der Verlobung, weißt Du, Lieschen.

Was Du sagst, Clas!

Lieschen ließ schnell die Schürze von den tropfenden Augen und blickte ihren Mann neugierig an. Clas lächelte schlau, zog die Hände aus den Taschen, trat zu Lieschen an den andern Thürpfosten, legte ihr – es war kein Mensch auf dem Platze, der sie hätte sehen können – den Arm um die Schulter und sagte:

Durchlaucht fragte ihn, ob er heute nach Griebenitz komme, und der Baron antwortete: Nein, und dann fragte Durchlaucht, ob er das auch gewiß wisse? und dabei lachte er so, als wenn er sagen wollte: Sie kommen ja doch!

Er kommt aber nicht, sagte Lieschen eifrig.

Weil Deine Tante es nicht will?

Ach, was hat Tante zu wollen! Er selbst will nichts davon wissen, daß Fräulein Hertha den jungen Grafen heiratet.

Ja, will er sie denn selbst heiraten?

Lieschen lachte herzlich. Ei, sagte sie, der heiratet ja wohl nie, obgleich es jammerschade drum ist, so ein guter Herr und so ein schöner Herr – ja, ja, Clas. Wenn Du Dich auch drüber ärgerst. Na, und jung genug ist er doch noch mit seinen dreißig Jahren.

Ja, wen will sie denn aber? fragte Clas. Doch unmöglich den Baron Gustav; der kommt nicht wieder.

6 Ich glaube es auch nicht, sagte Lieschen, traurig den Kopf schüttelnd; es ist nun zu lange her – über ein Jahr, daß er nicht geschrieben hat. Und er soll zuletzt nach Griechenland gegangen sein, wo sie ja wohl gegen die Türken kämpfen und einander die Hälse abschneiden.

Laß sie, sagte Clas. und ich gehe jede Wette darauf ein, sie heiratet den Grafen doch. I, Lieschen, sie hat ja nicht einen blanken Dreier im Vermögen, und so eine großmächtige Partie kommt ihr im ganzen Leben nicht wieder. Willst Du wetten, Lieschen?

Nein, Clas, auf einen Menschen sein Unglück wett' ich nicht.

Unglück, dummer Schnack! Wo soll sie denn hin, wenn die alten Herrschaften gestorben sind, was alle Tage geschehen kann? Und allein kann sie doch nicht auf Alten-Prohnitz bleiben – na, was bedeutet denn das?

Von der Parkallee, rechts her von der Sundiner Seite, waren Posthorntöne erklungen.

Extrapost! sagte Clas. Das ist schön, und alle Mähren draußen!

Vielleicht bleiben sie hier, sagte Lieschen.

Im Juni? Vor Juli kommt kein Mensch.

Oder fahren weiter nach Griebenitz; die halbe Stunde werden die Mähren ja noch laufen können.

Das ist 'ne Donnerwettergeschicht'! sagte Clas in großer Aufregung, seine Mütze abnehmend und in dem kurzgeschornen Haar krauend; das kann mir die Posthalterei kosten! Wenn ich doch man die beiden Braunen –

Die Extrapost – ein richtiger Postwagen mit Karl Meinks von Neuenfähr alten, steifbeinigen Schimmeln – bog um die Ecke und kam über den Platz auf den Gasthof zu. Clas wollte ins Haus hinein, Lieschen hielt ihn an der Jacke fest.

So, sagte sie, ich soll wohl allein vor dem Riß stehen, in meinem Zustand? Wenn sie weiter wollen, läuft Jochen zum Schlächter Damitz, er leiht uns schon seine Füchse, aber Du sollst sehen, sie bleiben hier.

Sind denn die Zimmer oben – 7 Das ist meine Sach'! Clas, bist Du denn ganz dämlich? Hilf lieber den Herrschaften heraus.

Clas hatte nach der Fremdenglocke in der Hausthür gegriffen und läutete mit aller Macht, trotzdem außer ihm und Lieschen und dem Knechte Jochen, der im Hofe das Postsignal gehört hatte und bereits gelaufen kam, kein Mensch im Hause war, den das Läuten hätte herbeirufen können. So ließ denn Clas den Griff los und stolperte die fünf Stufen hinab an den Schlag der Postkutsche, als diese eben auf dem holperigen Pflaster stillhielt, während Lieschen sich schnell die Haubenbänder zurechtzupfte und ein paarmal über die Schürze strich, damit die fremden Herrschaften wenigstens nicht auf den ersten Blick sehen sollten, wie es um sie stand.

Clas, der inzwischen vergebens an der eingeklemmten Wagenthür gerüttelt, wäre beinahe zu Boden gestürzt, da die Thür plötzlich von innen mit einem kräftigen Fußstoße aufgesprengt wurde und zugleich ein Herr, ohne den heruntergelassenen Tritt zu berühren, heraus sprang. Der Herr wendete sich sofort wieder und sprach – in einer wildfremden Sprache – in den Wagen hinein, worauf alsbald der Kopf einer Person in dem Rahmen der Thür erschien, von dem der verblüffte Clas nicht zu sagen gewußt hätte, ob derselbe auf den Schultern eines Mannes oder einer Frau säße: ein mit scharlachrotem Tuche und dicken, schon ergrauenden Flechten bedeckter Kopf, aus dem ein Paar kohlschwarze Augen unter dichten, kohlschwarzen Brauen auf Clas herabglühten – nur einen Moment, denn alsbald hatte sich die seltsame Person umgedreht und kam jetzt hinterrücks aus dem Wagen geklettert. Und selbst jetzt wäre Clas über das Geschlecht im Zweifel geblieben, da der lange faltenreiche, weißliche, mit breiten Borten besetzte Mantel, welcher die lange, hagere Gestalt umfloß – mehr konnte Clas in seiner Verwirrung nicht unterscheiden – eben so gut einem Manne wie einer Frau gehören mochte, wenn die Person nicht in ihren Armen ein über und über eingewickeltes Etwas getragen hätte, das denn doch offenbar nichts anderes war, als ein ganz junges Kind. Lieschen mußte das auch sofort herausgebracht haben. 8 Sie kam, so schnell sie konnte, die Stufen herab und wollte der Frau, die außerdem noch ein großes Bündel an einem Arme hängen hatte, das Kind abnehmen, was jene aber mit einem zornigen Blicke und einer heftigen Gebärde verweigerte. Darüber hatte Lieschen die Dame nicht bemerkt, die unterdessen hinter ihrem Rücken von dem Herrn aus dem Wagen gehoben war und nun plötzlich, sich leicht auf den Arm des Herrn lehnend, wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand. Oder wenigstens hätte Lieschen, wäre jene wirklich aus der Erde gewachsen, kaum erstaunter, ja erschrockener sein können. So etwas Schönes hatte sie nie gesehen: die war ja wohl noch schöner als Fräulein Hertha. Lieschen vergaß ihren Knix zu machen und sah unwillkürlich auf ihren Clas, dem es nicht anders zu ergehen schien, wie ihr, denn er stand ebenfalls, ohne sich zu regen, mit halboffenem Munde, bis ein Lächeln der Dame und ein helles Lachen des Herrn, der die junge Dame am Arme hielt und ein paar halblaute Worte, welche sie beide in der fremden Sprache wechselten, die Wirtsleute an ihre Pflichten erinnerten. Lieschen holte schnell den vergessenen Knix nach, Clas machte mit abgezogener Mütze seinen besten Diener, und beiden fiel ordentlich ein Stein vom Herzen, als der Herr in ganz verständlichem Deutsch, das allerdings etwas fremdländisch klang, sagte, er wünsche ein paar Zimmer angewiesen zu bekommen, und die Sachen sollten alle aus dem Wagen genommen und herein gebracht werden. Damit wendete er sich und begann mit seiner Dame die Stufen hinauf zu steigen, gefolgt von der seltsamen finster blickenden Alten, welche das Kind trug, während Clas an ihnen vorbei und voraus sprang, den Herrschaften den Weg in den oberen Stock zu zeigen, und Lieschen den Zug schloß, nachdem sie noch Geistesgegenwart genug gehabt hatte, Jochen zuzuraunen, er solle laufen was er könne, Stine und Mine, die hinten im Garten Wäsche aufhingen, zu rufen, und die Dirnen sollten auch laufen was sie könnten.

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