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Uebereilung

Ludwig Tieck: Uebereilung - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorLudwig Tieck
titleUebereilung
publisherVerlag von Georg Reimer
seriesTiecks Werke
volumeEinundzwanzigster Band
year1853
firstpub1835
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senderwww.gaga.net
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Ludwig Tieck

Uebereilung

1835

Ich besuchte wieder einmal bei diesem trüben Wetter einen Bekannten, einen alten Professor der Philosophie, oder vielmehr der Geschichte, denn die Vorlesungen über diese setzt er noch fort, da er die Lehre über jene Wissenschaft schon längst aufgegeben hat. Dieser alte Herr, welcher sich einbildet, die Begebenheiten der Welt und unsrer Zeit auf eine ganz eigene Art zu verstehn, und deshalb oft den Kopf schüttelt, wenn jüngere Leute sich freuen, wird nicht selten von ganz eigenthümlichen Grillen regiert. Er schilt auf die Wundersucht unserer Tage, wie die Menschen nur, weil ihr Inneres selbst dürftig und ausgehöhlt ist, sich den Druck der langweiligen Gegenwart dadurch erleichtern und die Finsterniß sich aufhellen wollen, daß sie nach Wundern und Seltsamkeiten suchen und gern das Unmögliche und Widersprechende annehmen, um nur dem lästig Vernünftigen aus dem Wege zu gehn. Dabei aber ist er der Meinung, daß es nur an Augen fehlt, um wahrzunehmen, wie immerdar das Seltsame, ja Wundervolle sich ereigne, nur daß es äußerst selten die Kleidung des Phantastischen an sich nehme, und darum von den Poesie-Suchern nicht beachtet werde. Ruhe doch unser Leben selbst, wenn man sich besinne, ja die ganze Schöpfung auf Bedingungen und Gründen, die man mährchenhaft nennen müsse, und auf das Woher, Wohin und Wozu gebe es nirgend eine Antwort. In dieser allgemeinen Stummheit der Oede glaube das angespannte geistige Ohr manchmal einen Räthsellaut, wie das Echo aus einem andern Dasein zu vernehmen, und diesen Wiederhall übersetze die schaffende Phantasie in Worte, aus denen sich Bilder, Gefühle und Gedanken entwickelten, welche den Sterblichen nachher Dichtkunst, Religion und Idee oder Mystik erschaffen. So sei man eben immer nur bei der Auslegung, willkührlich, ohne Text.

Doch entfernen wir uns von diesen Grillen unsers Balzer. (Ein widerwärtiger Name und eine häßliche Abkürzung von Balthasar.) Dieser Balzer behauptet auch, der prophetischen Träume, welche eingetroffen, der warnenden Ahndungen, die sich erfüllen, seien im Leben weit mehr, als die Denker gemeinhin annehmen wollen. Eben so, spricht er, ist es nichts Besonderes, wenn man plötzlich an Jemand denkt, der uns seit Jahren nicht eingefallen ist, und in demselben Augenblick vom Briefträger die Klingel gezogen wird, um uns von diesem lang vergessenen Bekannten einen Brief zu überreichen. Auch das hat jeder von uns mehr wie einmal erlebt, wie er eine Geschichte, eine Begebenheit erzählen hört, die seit vielen Jahren nicht ist angerührt worden, er geht, noch in Betrachtung darüber, wie man seit so lange eine solche Merkwürdigkeit nicht habe beachten können, in eine andere Gesellschaft, und hört dort, ohne daß Veranlassung gegeben wird, dieselbe Geschichte, und eben so im dritten und vierten Zirkel, so daß er schwören möchte, die Erinnerung an diesen Vorfall liege unmittelbar in der Luft. Und so ist es wohl auch; wenn nicht in der Luft, dann in einem feinern unfühlbaren Fluidum. Können wir nicht dies auf Gefühle, Gesinnungen, Grillen und Ueberzeugungen verschiedener Zeiten ausdehnen? Es scheint wirklich, als könne selbst der Kluge in manchen Jahren einer Thorheit, die die Menge ergreift, nicht ganz ausweichen. Mein Freund, der Professor, hat deshalb die Gewohnheit, alles Merkwürdige, was er erlebt, oder von Andern erfährt, in einem Buche aufzuzeichnen. Dieses ist schon sehr angewachsen, und enthält lauter Seltsamkeiten, die von der Gesellschaft oder den Gelehrten zu wenig beachtet werden. Er vertraut mir zuweilen diese Sammlung, oder lieset mir selbst, wenn er heiter gestimmt ist, einige Kapitel vor.

Ist es der Mond, sagte er neulich, deß feuchte Strahlen eben so nachtheilig auf das Gehirn des Menschen, wie auf viele Pflanzen wirken mögen? Und, fährt dann wohl der alte Professor in seinem Eifer fort, glaube sich nur Niemand ohne Ausnahme so sicher, daß ihn dieser Kobold nicht einmal unsichtbar anrühre, sei es in Gestalt der Dummheit oder des Ueberwitzes, der Zerstreuung oder des Aberglaubens, oder einer unbegreiflichen Unwissenheit. Kein Dictator im Staat oder der Wissenschaft ist immerdar von diesem lächerlichen Tribut ausgenommen. Unser Göthe zum Beispiel. Ich will ihn hier nicht kritisiren oder nachzuweisen mir anmaßen, in welchem seiner Werke er schwach oder kunstlos, in welchem Buche er einer augenblicklichen Laune zu viel nachgegeben habe, denn darüber werden wir noch Vieles erfahren und mannigfaltig streiten; sondern eine kleine Unwissenheit will ich ihm nur aufstechen, die denn am Ende doch nicht so gar klein ist. Wir wissen, wie oft er den Byron gelobt hat, und er muß ihn studirt und mit Anstrengung gelesen haben. Im fünften Heft von Kunst und Alterthum übersetzt er den Monolog im zweiten Akt des Manfred und gleich im zweiten Verse sagt er:

– Wir leben
In Lebens-Ueberdruß, in Scheu des Todes.
In all den Tagen der verwünschten Posse, –
Lebendige Last auf widerstrebendem Herzen, u.s.w.

Im Englischen heißt es aber:

In all the days of this detes'ed yoke, –

Göthe hat hier joke, Spaß, mit yoke, Joch, verwechselt, und war gewiß nicht übereilig, wie so mancher rüstige Dolmetscher; der Anfang: We are the frols of time hat ihn verleitet. Ich muß auch noch sagen, daß der Ausdruck des ganzen Monologs verfehlt ist, wie sich jeder überzeugen kann, der diese Verse mit dem Original vergleichen will. – Unser tüchtig ernster Schiller bemüht sich, das italiänische Mährchen Turandot zu übersetzen, und gleich in der ersten Scene läßt er den Kalaf erzählen:

Am Fuß Des Kaukasus raubt eine wilde Horde
Von Malandrinen uns die Schätze;

Gozzi so:

Sotto 'l monte Caucaseo i malandrini
Ci spogliaron di tutto;

Wer (möchte man fragen) weiß denn nicht, daß Malandrini Räuber sind? Schiller aber (der von Fr. Schlegel als von einem Ignoranten spricht) hält sie für eine Nation. Und Er und Göthe, die beiden großen Männer, von denen der größere lange in Italien gelebt hat, hören viele Proben und die Aufführung des Stückes, das Mährchen wird nachher gedruckt, und der grobe Schnitzer bleibt unbeachtet.

Werthes, welcher schon 1777 eine gut gemeinte, aber höchst flüchtige Übersetzung des Carlo Gozzi herausgab, hat denselben Fehler, und man sieht wohl bei der Vergleichung, daß Schiller diesem nachgeschrieben und wahrscheinlich nur wenig das italiänische Original zu Rathe gezogen hat.

Eine der allernachdenklichsten, ja zum Erschrecken eingerichteten Stellen befindet sich aber im zweiten Band des Zelterschen Briefwechsels mit Göthe (p. 295):

»Indem ich Dein Büchlein wieder und wieder lese, sitze ich immer fest bei der Stelle:

Nur Byzanz blieb noch ein fester Sitz für die Kirche und die mit ihr verbundene Kunst

Kein Mensch wird nun wohl darauf fallen, was denn nun dem Professor der Musik, dem Maurer-Meister, der sich auch wohl für einen Baumeister giebt, hier dunkel, oder unverständlich ist, – die Frage des Briefstellers wird Niemand errathen, die nun ganz unbefangen, harmlos und fromm so lautet:

»Was war Byzanz? Wo war es? – Kannst Du mir in kurzen oder wenigen Worten Aufschluß geben? u.s.w.«

Dieser in vieler Hinsicht tüchtige Mann scheut sich nicht, über die höchsten Angelegenheiten der Literatur, Kunst und Bildung mit Bestimmtheit seine Stimme abzugeben – und kann dies fragen? – Und man hat diese Stelle, bei Wiederlesung der Briefe, bei der Redaktion stehen lassen! – Ich will nicht entscheiden, ob es eine erläßliche oder unerläßliche Sünde für jeden sei, der nur einige Klassen einer Schule durchgelaufen ist, sich nicht gemerkt zu haben, was Byzanz sei: für einen alten Mann, der sich für hochgebildet giebt, und über Alles mitspricht, der den Ausdruck tausendmal in Gesellschaft muß gehört und in Büchern eben so oft gelesen haben, und der doch Niemand anders als den großen Altmeister weiß, um sich im Spätherbst seines Lebens endlich zu erkundigen, was Byzanz sei, – bleibt dies Fragen eine höchst lächerliche Begebenheit. Darum, wie unser geliebter Poet selbst so haglich und vielsinnig sagt:

Eines schickt sich nicht für Alle,
Gehe jeder, wie er's treibe,
Gehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle.

Diese Worte mögen denn also auch als Motto die kleine Anekdote einleiten, welche ich ebenfalls dem Buche des alten Professors entnommen habe, der sie als wirklich von ihm erlebte Begebenheit aufgezeichnet hat. Ich werde sie aber mit meinen und nicht seinen Worten vortragen, da er mir diese Erinnerungshefte seiner Beobachtungen niemals auf lange anvertraut. –

Vor Jahren lebte ein junger Professor der Philosophie in einer großen Stadt, und da er, wie die meisten Philosophen, untrüglich war, und die einzig wahre Wahrheit und die unumstößlich ewige Weisheit gefunden hatte, so fehlte es ihm nicht an Schülern, die auf des Meisters Worte schworen. Der Saal, in welchem er las, war den Wißbegierigen fast zu klein, und diejenigen seiner Schüler, welche er eines vertrauteren Umganges würdigte, wurden von allen übrigen beneidet. Geschäftsleute, die sich kaum noch ihrer Studentenjahre erinnern konnten, hielten es für eine große Gunst, wenn der weise, noch ziemlich junge Plato es ihnen erlaubte, unter den Schülern zu sitzen, um auch von dem durststillenden Brunnen trinken zu dürfen. War dieser Lehrer also in der Mode, und erzog eine Menge unnützer Nachbeter, so konnte doch auch der ernstere Mann, der seinen Scharfsinn zu würdigen verstand, ihm seine Achtung nicht versagen. Es war also ganz in der Ordnung, daß eine witzige, neugierige und dem Forschen nicht abholde französische Dame die Bekanntschaft des berühmten Professors suchte, und sich von ihm, so viel es ihr weniges Deutsch und sein unbeholfenes und schlechtes Französisch gestattete, sein System erklären ließ. Sie, redselig, rasch, nie müde oder träumerisch, war eine Nachfahrerin der berühmten Staël, die zuerst ihre mit sich zufriedenen Landsleute auf unsere Heimath als auf ein Land aufmerksam gemacht hatte, in welchem sich mancherlei, wie in einem fernen Indien, oder einer fabelhaften Gegend entdecken ließe, wovon dem ganz vollendeten Franken nichts im Traum beikomme. Hörte also die junge Witwe, die Frau von Deschamps, recht gläubig und mit Auge und Ohr einsaugend die Metaphysik des docirenden Lehrers an, so war es ihr oft störend, wenn ihr Mund, indem ihr Geist hingerissen war, über das schlechte Französisch des Evangelisten lächeln mußte; noch schlimmer aber war es, wenn plötzlich (wie es wohl bei künstlichen Caskaden in trefflichen Parks geschieht, daß das aufgestaute Wasser zu fließen aufhört und ein betrübender und störender Stillstand eintritt) der begeisterte Lehrer schweigen mußte, weil er weder beflügelte noch langsame Worte in der fremden Sprache finden konnte. Dann trat in der Noth ein schönes Mädchen, eine jüngere Schwester der Reisenden, als Dolmetscherin ein, und übersetzte die Gedanken des Redners, die dieser nothgedrungen dann in deutscher Zunge vortrug. Diese Manier der philosophischen Unterhaltung wurde nach einiger Zeit der früheren vorgezogen. Diese Stunden, der Philosophie geweiht, wurden immer häufiger und vertraulicher. Die beiden jungen anmuthigen Frauen hingen an den Lippen ihres beredten Lehrers, der ihnen so Neues, Niegehörtes vorsagte. Sie glaubten ihn zu verstehen, und er, der ihre Bewunderung sah, zweifelte nicht daran. Es war nicht unnatürlich, daß man nach den anstrengenden Lehrstunden sich an leichteren Gesprächen ergötzte, und der junge Professor zeigte nun den Damen ebenfalls allerhand Künste seiner deutschen Galanterie.

Dieser Lehrer traf seine Schülerinnen in vielen Gesellschaften, am liebsten aber sah er sie in ihrer eignen Wohnung. Es war menschlich und nicht zu verargen, wenn der Professor sich nach einigen Wochen einbildete, daß die beiden liebenswürdigen Frauenzimmer seinen Umgang dem der übrigen Menschen vorzögen. Er war unverheirathet, von angenehmer Bildung, dazu berühmter Schriftsteller, und indem er alles in sein Gedächtniß zusammenfaßte, so glaubte er endlich wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit vorauszusehen, daß aus dem weiblichen Wohlwollen sich noch Liebe entwickeln dürfte.

Sein Gemüth schwankte einige Zeit, welcher Schönheit er den Vorzug geben, welcher Schülerin er mit diesem Vorsatz, Liebe zu empfinden und zu erwecken, näher treten solle. Er entschied sich nach einiger Zeit still in seinem Gemüth für die jüngere Schwester, die die schönere und dabei eine halbe Deutsche war, und deren Gut im Elsaß, von dem er sich viel hatte erzählen lassen, ihm, als einem weltklugen Mann, der er sich zu seyn dünkte, nicht mißfiel. Auch war er mit ihr, durch die Uebersetzungs-Versuche seiner Lehren, vertrauter geworden, und er sah es nicht ungern, wenn er zuweilen diese jüngere Schwester, die sich auch demüthiger gegen ihn betrug, allein in ihrer Wohnung traf.

So standen die Sachen. Der Philosoph ward von seinen Bewunderern, die zum Theil seinetwegen nach jener großen Stadt gekommen waren, mit jedem Tage mehr verehrt: man schrieb ihm Billete und Briefe, in allen der Ausdruck der Hingebung, die dem Glücklichen beinah an Anbetung zu gränzen schien, was er selbst im Stillen tadelte. Er legte sich seine, rosenrothe Blätter mit goldenem Schnitt zu, um geziemend antworten zu können; und beklagte nur oft, daß diese reinen französischen Züge, so klar und sicher abgezirkelt, als wären sie Kupferstich, sich doch zuweilen, wegen der Gleichförmigkeit der Lettern, nur schwer lesen lassen. Er hatte wieder docirt, und freute sich, seine zärtlichen Freundinnen am folgenden Abend im Hause des Gesandten zu treffen. Er erhielt noch am Morgen einen langen Brief von der gelehrten Reisenden, der älteren Schwester. Ewige seiner vertrautesten Freunde waren zum Frühstück bei ihm versammelt. Der Brief wurde erbrochen, und der junge Professor las ihn mit entzücktem Angesicht. Er theilte den Freunden den Inhalt mit. Es waren die schon oft gesagten Sachen, und eine stets, wo möglich, wachsende Bewunderung. Alle freuten sich, wie ihr großer Lehrer auch von Ausländern anerkannt werde. –

Die Dame war schon im Voraus glücklich, den Mann, der ihrem Gemüth und Herzen stets näher komme, diesen Abend beim Gesandten wieder zu sehen: seine Gegenwart würde der großen und glänzenden Gesellschaft erst Weihe und den wahren Adel ertheilen. – Sie fängt schon an, sagte bei dieser Stelle der junge Herr von Rettling, ganz deutsch zu denken, diese Ansicht konnte sie wohl nicht von Frankreich herüberbringen. – So ist es, fuhr ein junger Dichter fort, erst durch uns Deutsche, wenn sie uns und unsere Literatur näher kennen lernen, werden sich die Franzosen zu einer wahren, eigenthümlichen Nation ausbilden. Diese immer neu ankommenden Reisenden gemahnen mich an Josua und Kaleb, die das verheißene glückliche Land für die Bewohner der Wüste auskundschaften sollen. – Und bringt diese Witwe, sagte ein Dritter, nicht gleich eine ungeheure Traube zurück, um ihre Landsleute in ein entzücktes Erstaunen zu versehen? –

Der junge feurige Mann hatte die letzten Worte noch nicht geendet, als der Professor, leichenblaß im Gesicht, das Blatt auf den Boden fallen ließ. – Was ist Ihnen? riefen alle. – Der Professor setzte sich, indem er sich zu fassen suchte, in seinen Armstuhl und sagte dann mit bewegter Stimme: Sie alle, meine Freunde, sind Zeugen gewesen, mit welchem redlichen Eifer, mit welcher zuvorkommenden Freundschaft ich diesem genial seyn wollenden hochmüthigen Frauenzimmer entgegen gekommen bin, wie viel ich ihr von meiner kostbaren Zeit aufgeopfert habe, um ihren verfinsterten Kopf aufzulichten und sie für ein ächteres Dasein durch Begeisterung fähig zu machen. Sie schien es auch zu erkennen – und doch, doch ist es unmöglich, daß die Französin sich verleugnet, daß sie den Uebermuth, die Selbstsucht, die insolente Anmaßung ihrer Nation ablege. Denn sehn Sie nur selbst mit eignen Augen dies skandalöse Blatt, lesen Sie nur selbst diese grobe Impertinenz. Dem rohesten Deutschen wäre es nicht möglich, so zu schreiben, wenn er nicht absichtlich einen offenbaren Feind anredete, den er auf das Aeußerste demüthigen wollte. Lesen Sie: hier zum Eingang Dank, Bewunderung, die feinsten französischen Phrasen, und von meiner Bonhommie, ganz sentimental, – und von meinem System, – nicht ohne Einsicht – und nun: nur mir, nur einem Deutschen sei es möglich – d'unir cette profondeur à une stupiditè sans exemplare – Was sagen Sie dazu? Ist diese Unverschämtheit nicht beispiellos? Alle waren verstummt. Jeder nahm das Blatt, jeder untersuchte, prüfte die anstößige Zeile, und als sich alle überzeugt hatten, daß wirklich diese Abscheulichkeit über den hochverehrten Lehrer ausgesprochen sei, entstand ein fast wildes Getümmel, in welchem jeder seinem Zorn mit den vielseitigsten Widerreden und pathetischen Ergießungen Luft machen wollte. Glauben Sie mir nur, rief der Professor, als endlich eine Stille eintrat, dieser Unsinn soll eigentlich ein Lob enthalten, das heißt, wie diese Uebermüthigen uns loben können und wollen. So denken Sie von uns. Sie halten uns immer noch für Bären und ungelenke wilde Thiere, und es ist ein raffinirter haut goût, in welchem sie ihre sublimirte Herrlichkeit am leckersten herausschmecken, daß sie, die feineren Geister, von uns rohen, unbeholfenen lernen wollen; ja, das ist ihnen eine Art von Wunder, daß stupide Barbarei Tiefsinn hervorbringt, und ein seltsames Naturgesetz es so bedingt, daß nur das Tiefste, Gründlichste auf diesem Boden der Stupidität, folglich nur bei uns wachsen könne. Für ein solches Lob aber danke ich, und will weder mich, noch mein edles Volk auf diese Weise schmähen lassen.

Man hat schon oft gesagt, es sei am besten, jeden Brief, so wie man ihn erhalte, unmittelbar zu beantworten, dies erzeuge die freiste und gesundeste Correspondenz. Dies mag für freundschaftlichen Briefwechsel eine passende Lehre seyn, doch wo Leidenschaft regiert, durch einen Brief veranlaßt, da ist vielleicht anzurathen, daß man den Zorn erst etwas verkühlen lasse, um in der Antwort das richtige Maaß zu finden. So dachten aber diese aufgeregten deutschen Gelehrten nicht. Nach einigem Hin- und Widersprechen stimmten alle in den Vorsatz des Professors ein, diesen unverschämten Brief sogleich auf die schärfste Art zu beantworten, und zwar so, daß höfliche Einleitung, Verbindlichkeit, Galanterie ganz wegbleiben könnten und müßten. Der Professor setzte sich also gleich hin, und schrieb in seinem Französisch, so eilig er vermochte, den bestimmtesten Absage-Brief an seine bisherige Freundin und Bewundrerin. Seine umstehenden Freunde halfen ihm noch mit dieser und jener Redensart aus, die der Einhelfende für beißend oder witzig hielt, und so entstand eine Blumenlese deutschen Zornes, die einem gewöhnlichen Schreibepapier aufgezeichnet wurde, indem sich der Professor jetzt seiner goldblinkenden rosenrothen Blättchen schämte. Er verwahrte sich in dieser Kriegserklärung gegen jede künftige Annäherung, indem der Feind vielleicht jenem ungezogenen Ausdruck eine andere Erklärung unterlegen möchte; er sagte: da die Franken von jeher gesucht hätten, dem Deutschen Sitte und Höflichkeit beizubringen, so werde die Dame es nicht unnatürlich finden, wenn er ihr eignes Billet zum Muster nehme, und es, so viel es seine Kräfte zuließen, nachzuahmen suche. Er müsse also offen bekennen, daß diese ihre Grobheit und Unverschämtheit noch bei weitem seine eigene, beispiellose Stupidität, die sie an ihm bewundert habe, übertreffe. Seine deutsche Bonhommie, welche sie ebenfalls übertrieben lobe, sei aber nicht so weit und groß, daß er ihre grobe Anmaßung belächle, oder für etwas halte, was man einer Dame verzeihen könne, sondern sein Zorn sei ebenfalls von ächt deutscher Natur und Constitution, sein Selbstgefühl und die Achtung, die jeder Gelehrter sich schuldig sei, riethen, und seine Stellung zur Welt, sein Ruhm und sein Werth beföhlen ihm, diese Bekanntschaft mit einer so ächten unverbesserlichen Französin von nun an auf immer mit den stärksten und unzweideutigsten Ausdrücken von sich abzuweisen. Er werde übrigens in der Abendgesellschaft des Gesandten seyn, und wenn sie nach diesen Erklärungen noch den Muth haben solle, sich ihm als einem Bekannten zu nähern, so würde er ihr, sei er auch noch stupider als stupide, zeigen können, mit welcher Verachtung aus seiner gründlichsten Tiefe er eine so Andringende behandeln und von sich weisen könne. Insofern sich Achtung mit dieser Erklärung, so wie Stupidität und Tiefsinn etwa vereinigen lassen, sei er denn auch mit dieser etwanigen

der – und der. –

Alle bewunderten und lobten diesen inhaltreichen Brief, als sei er ein Musterschreiben des gewiegtesten und zugleich resolutesten Diplomaten. Der Diener mußte den Brief alsbald in die Wohnung der Damen tragen.

Am Abend ging der Professor von einigen seiner Schildknappen begleitet, und mit dem ganzen Stolz seiner Würde gepanzert, in das Haus des Gesandten. Viel elegante Welt, Herren und Damen, so wie manche ausgezeichnete Männer, waren versammelt. Der Wirth und seine Gemahlin bewillkommten den Gelehrten freundlich. Nach einiger Zeit traten auch die Französinnen, die in einer fernen Ecke mit einigen Landsleuten ein lebhaftes Gespräch geführt hatten, näher. Himmel, geehrter Freund! rief sie in ihrer Sprache, – welchen sonderbarsten aller Briefe haben Sie mir heut gesendet! Ich war über Land, und finde ihn vor, indem ich bei mir vorfahre, aussteige und im Lesen mich so wenig von meiner Verwunderung erholen kann, daß ich das Blatt mitgenommen habe. Da müssen Sie sich, Vortrefflichster, sehr und mit Kunst entschuldigen, wenn ich Ihnen diesen unbegreiflichen Aufall einer Hypochondern Laune vergeben soll.

Hier ist von keiner Entschuldigung die Rede! rief der Deutsche in heftiger Aufwallung: das Entschuldigen käme Ihnen zu, es würde aber, möchten Sie es noch so künstlich stellen und vorbringen, an meiner Festigkeit abprallen.

Sie erwiederte mit einiger Heftigkeit, lebhaft, wie sie von Natur war, und der Ton des Professors, der sich kaum Mühe gab, sich zu zwingen, artete so sehr in Schreien aus, daß sich alle Köpfe der Näherstehenden voller Erstaunen nach dieser Gruppe umwendeten. Meine Freunde, sagte der Minister, kommen Sie mit mir in jenes Zimmer, daß Ihre so auffallende Verstimmung hier kein Aufsehen errege. Würdigen Sie mich zum Auftrag, Schiedsrichter oder Advokaten anzunehmen, und ich hoffe, so edle Freunde wieder mit einander versöhnen zu können.

Die streitenden Partheien folgten dem freundlichen Manne, mit ihm gingen seine Töchter und zwei andere Gelehrte, den Französinnen folgten einige Damen, die von Neugier gestachelt, sich nicht abweisen ließen, und den Professor begleitete ebenfalls, Zorn in den Mienen, sein General-Stab

Excellenz, sagte der Professor, als man die Thür verschlossen hatte, werden einen unerhörten Vorfall kennen lernen, der immer noch, ohngeachtet wir die französische Tyrannei und Weltherrschaft gestürzt haben, beurkundet, daß diese Franken uns geistig noch jetzt zu Boden treten wollen.

Da die Sache einmal zu einem Verhör ausgeschlagen ist, sagte die Französin lächelnd, so lesen Sie, Herr Graf, diesen Brief des Herrn Professors, den ich heute empfangen habe. – Sie reichte ihm das Blatt mit einem freundlichen Blicke, in welchem der Professor nur Schalkssinn und Uebermuth sah.

Bitte laut zu lesen, Excellenz, sagte dieser; ich führe den andern Brief mit mir, der diesen veranlaßt hat, und ersuche unterthänig, auch dieses Aktenstück dann laut vorzutragen, um mein Gefühl, das sich etwas stark ausgesprochen hat, zu rechtfertigen.

Alle waren gespannt und der Minister fing an mit einer ungewissen Stimme den Brief zu lesen. Seine Verlegenheit nahm zu, theils des sonderbaren Französisch wegen, noch mehr aber, indem er Phrasen und Unziemlichkeiten vortragen sollte, die eigentlich aus der Gesellschaft völlig verbannt sind. Als er geendigt hatte, sagte der Professor: Excellenz sind, wie ich sehe, verwundert, daß ich so schreiben konnte; da Sie sich aber dieser mich kränkenden Sache einmal angenommen haben, so bitte ich das Schreiben dieser Dame nun auch laut zu lesen.

Sie sind ganz unbegreiflich, Professor! rief die Französin; man möchte an Bezauberung und Verhexung glauben; denn eine natürliche Erklärung dieses Betragens giebt es nicht.

Der Minister las auch jenen Brief, und mit heitrer Miene und sichrer Stimme, da er nichts als Freundschaft, Artigkeit und feine Schmeichelei enthielt.

Als er gegen den Schluß kam, legte der Gelehrte die Hand auf das Blatt, und sagte mit rothem Gesicht: jetzt bitte ich, hier nur die beispiellose stupidité, dem Tiefsinn vereinigt, deutlich auszusprechen.

Sind Sie denn – sagte der Minister – und konnte erst vor Lachen seine Stimme nicht wieder finden – hier steht ja ganz deutlich: cette profondeur à une sagacité sans exemple.

Der deutsche Professor nahm mit zitternden Händen das Blatt, sah und las, und las und sah wieder, seine Begleiter prüften ebenfalls, als wenn es eine schwierige Leseart in einem halb erloschenen Manuscripte wäre, und die Französin klatschte laut lachend die kleinen weißen Händchen, und rief dann heiter im Ton eines übermüthigen Kindes: wie? Sie haben stupidité statt sagacité lesen können? Sie, der einsichtsvolle Mann? Und alle Ihre Freunde?

Die Züge, erwiederte stotternd der Gelehrte, sind so ähnlich, so in einander die Buchstaben, so frei und dreist, und doch so unklar, daß – ich bitte um Vergebung.

Er verstummte und zog sich mit seinen beschämten Freunden zurück. Als er das Zimmer verlassen hatte, ergoß sich die Gesellschaft erst, nun ungehemmt, in ein unauslöschliches Gelächter. Der Graf sagte endlich: ich bitte die Damen und Herren, wenn sie es irgend vermögen, von dieser Seltsamkeit nicht weiter zu sprechen; es wäre gut, wenn wir alle den Vorfall ganz vergessen könnten, um den übrigens sehr achtungswerthen Mann nicht zu kränken.

Er mag es tragen, sagte eine junge Dame, die Woche geht auch vorüber, und dann ist es vergessen, man verschweige oder erzähle die Anekdote.

Wenn ich in einer neuen Auflage meines Billets, fügte die Reisende hinzu, seine Leseart, die Variante, hinein korrigirte, hätte ich denn so groß Unrecht? –

Sie sah ihn nicht wieder und reisete bald darauf mit ihrer Schwester in ihr Vaterland zurück.

Ob sie diesen Vorfall auch zu jenen gerechnet haben mögen, durch welche sie unser Deutschland haben kennen lernen.

*

Zu dem älteren Balzer, oder Balthasar, fanden sich auch oft viele reisende Dänen. Er war so glücklich gewesen, schon früh Männer wie Oehlenschläger, Ingemann, Rosenwing, Molbeck und andere talentbegabte Gelehrte kennen zu lernen, und diese Männer sandten ihm zuweilen Freunde oder Bekannte, welche durch Deutschland reiseten. Der manchmal grämelnde Professor behauptete wohl, daß er sich nicht leicht mit andern Ausländern so gefalle, wie mit Dänen, denn alle seien auf anmuthige Art gebildet, fast alle geistreich und scharfsinnig, und besonders ergötze ihn jene Munterkeit des Sinnes, jener rasche Enthusiasmus, mit welchem die meisten alle Gegenstände auffaßten, und dann mit hinreißender Lebendigkeit über sie sprächen und disputirten. Das, sagte er dann, ist der ergötzlichste Gegensatz gegen jene allwissenden Zugeknöpften, die nie lebhaft reden, nie eine bestimmte Meinung äußern, kaum den andern anhören, weil sie für immer überzeugt sind, alles nur allein und auf das beste zu wissen, und keinem zutrauen, daß er sie verstehn wird. Diese so ganz wohlfeilen Stolzen nehmen in unserm lieben Vaterlande sehr zu, und hemmen alle Mittheilung. Man will sich nicht bloß geben, man will niemals eine Schwäche zeigen, nie eine Behauptung zurücknehmen, und so wird denn in der Gesellschaft eine Art von politischem oder philosophischem Rosenkranz abgebetet, wo nach einer gewissen Anzahl von Ave's ein fest gestempeltes Credo vorkommt und so weiter. Nur, sagte Herr Balthasar, führt dieser Feuer-Enthusiasmus diese Dänen manchmal auch so weit (das heißt einige), daß sie ebenfalls von keiner Einrede Notiz nehmen, den Sprechenden gar nicht mehr anhören und begreifen, und vornehmlich in ihrem übrigens edlen Patriotismus oft so alle Schranken überschreiten, daß der Deutsche, welcher in der Regel zu wenig Patriot ist, sie auf lange nicht wieder finden und einholen kann.

Ein solcher junger Däne, der auch für einen Dichter galt, und sich vorzüglich nach Oehlenschläger zu bilden suchte, kam am folgenden Abend zu Balthasar, und erzählte von der Scene, die er gestern im Hause des Gesandten mit angesehn und erlebt hatte. Balthasar war verstimmt über diesen Vorfall, der die Deutschen lächerlich machte, obgleich er ihm Stoff für seine Chronik lieferte.

Unbegreiflich! rief immer wieder der junge Däne, welcher Oswald hieß, wie man sich so vergessen, wie man sich so übereilen kann! Ist es denn nicht beinah, als wenn ein muthwilliger Kobold ihm die Augen zugehalten und alle Sinne betäubt hätte?

So ward hin und her gesprochen und erzählt, der junge Däne war am heftigsten, und schien endlich der Meinung der Franzosen beizutreten, daß dergleichen nur einem deutschen Gelehrten begegnen könne.

Man sprang über zu andern Gegenständen, am lautesten aber wurde über Poesie geredet und gestritten. Der junge Oswald, der Oehlenschläger nachgeahmt, viel gelesen hatte, und mit Critik und ästhetischen Ansichten umzugehn wußte, meinte, daß mancher Aberglaube, eine zu hohe und willkürliche Achtung vor anerkannten Autoritäten, dem Genius immer die schlimmsten Fesseln anlege. Da dergleichen allgemeine Sätze immer zugleich wahr und unwahr seyn können, so bat man ihn, an Beispielen deutlicher zu erörtern, was er eigentlich mit seinen Worten aussprechen wolle. Wir Dänen sind des Glaubens, sagte er hierauf, daß viele unserer Genien, die in neueren Zeiten aufgetreten sind, sich wohl mit den berühmtesten des Auslandes messen dürfen; daß es Rücksichten giebt, aus denen Werke, oder einzelne Stellen, Scenen, Leidenschaften und Situationen so neu und originell erscheinen, wie man sie nirgend findet, und man einsehn muß, wie wir in diesen Dingen alle fremden Dichter, wenn ich vielleicht den einzigen Shakespeare ausnehme, überflügelt haben.

Mir scheint aber, erwiederte der Professor, daß diese neuere Literatur, so viel Lob sie auch verdient, sich schwerlich ohne deutsche Vorbilder entwickelt hätte, und so möchten wir vieles des Vorzüglichsten uns aneignen, als unserem Stamm und unserer Art und Weise angehörig.

Sophisterei! sagte der Däne, denn so wärt ihr Deutschen auch nicht original, indem ihr ohne die Vorbilder Shakspeare's niemals die Begeisterung gefunden hättet, die euch jener Bahn ungetreu machte, in welcher ihr früherhin ziemlich schwerfällig den Franzosen nachhinktet oder wenigstens nachstolpertet.

Göthe und Schiller, wurde von deutscher Seite eingewendet, sind wenigstens, nebst jenen Dichtungen, von denen man noch sprechen dürfte, dem Britten nicht so nahe verwandt, als die dänischen neueren Erzeugnisse unsern poetischen Werken. Geweckt, begeistert seyn durch große Vorbilder ist immer noch sehr von der Nachahmung zu unterscheiden.

So wäre nach meiner Meinung und Einsicht, rief der junge Däne, kein wahres Original-Genie in neueren Zeiten, als nur Shakspeare allein, der weder ein Nachahmer seyn, noch sich von andern Vorbildern begeistern lassen konnte. So ist es denn auch dieser, vor welchem ich mich unbedingt neige, als dem Höchsten, Besten, von dem wir Dänen zwar auch gelernt, aber ihn niemals nachgeahmt haben. Wenn wir uns aber zu dieser Huldigung bequemen, sind wir auch wohl berechtigt, dasselbe von den Deutschen zu verlangen.

Unterlassen wir es etwa? erwiederte der Deutsche; eine neue und neueste Schule will uns sogar schon einreden, wir hätten des Guten hierin zu viel gethan. Ihr Dänen aber, da ihr doch sonst so starke Patrioten seid, solltet von diesem übermüthigen Britten etwas weniger begeistert seyn, denn –

Da der deutsche Gelehrte hierbei eine sonderbare Miene machte, die allen seinen Freunden ausfiel, so fiel der lebhafte Däne um so eifriger ein und rief: Nun, was haben Sie? warum halten Sie so hinter dem Berge?

Der Deutsche sagte: Ihr wißt alle, wie dieser Engländer in seinen Werken die Geschichten seiner Landsleute, so wie ihren Charakter behandelt, eben so zeichnet er oft Italiener, er läßt Franzosen auftreten, Römer, alte Griechen, und nur in einem einzigen Werke läßt er sich mit den Dänen ein, in seinem weltberühmten Hamlet. Aber Himmel! wie zeichnet er uns diese Leute! Voller Unentschlossenheit, treulos, in Halbheit, so zum Guten, wie zum Bösen: alle sprechen höchst vernünftig, selbst weise, und handeln thöricht, die Hauptperson, so liebenswürdig und großartig sie seyn mag, ängstigt sich in Widersprüchen ihres Innern auf und ab, und muß zu Grunde gehn, wenn sie auch von außen her nicht verfolgt oder erdrückt würde: alle entzünden und erhitzen sich in großen Vorsätzen und heroischen Entschlüssen, und kehren um und erlahmen, so wie sie der Ausführung, selbst der günstigen Gelegenheit näher treten. Dergleichen kommt in Shakspeare's Werken niemals so grell und seltsam wieder, und die Frage oder der Argwohn ist wohl erlaubt, ob der Dichter dadurch etwa eure Nation hat charakterisiren wollen.

Die übrigen Zuhörer wußten nicht, ob der ältere Freund im Ernste spreche oder nur scherzen wolle, der junge Däne aber ergab sich einem lauten, übermäßigen Gelächter und rief endlich: Ei, da wären wir an einem trefflichen Landungsplatz angekommen! Nein, da denk' ich viel zu groß von meinem Liebling, um ihm eine solche Abgeschmacktheit zutrauen zu können. Ein ganzes Volk anklagen, – gleichsam es in eine einzige Person verwandeln, um es auf seinem Theater Preis zu geben, – nein, mein Bester, er war zu sehr Dichter und Philosoph, zu sehr Menschenkenner und Menschenfreund, als daß ihm dergleichen Thorheit auch nur als Gespenst in einem Augenblick vorüber flattern konnte. Sollte ich es aber selbst (was ich gewiß unterlasse) auch in diesem Sinne nehmen, so dürfte ich mir auch allen Witz des Prinzen, seinen Tiefsinn, seine Liebenswürdigkeit, Gegenwart des Geistes, diesen einzigen Humor, der selbst im Shakspeare nicht wiederkehrt, als Däne aneignen. Und so hätten wir wenigstens eben so viel in dieser vorgeblichen Anklage gewonnen als verloren.

Der Deutsche sagte: Ihr zieht euch gut aus der Sache, wenn hiermit alles zu Ende wäre. Wie böse aber dieser von euch verehrte Britte auf euch alle zu sprechen war, wie er euch so gar nicht vertraute, wie er den Stab völlig und schonungslos über euch brach, hat er einem einzigen Verse vertraut, der einzeln, wie ein furchtbares Motto dasteht, und keine Milderung, keine sophistische Ausrede zuläßt, wie es wohl bei einer so großen und sinnreich durchflochtenen Composition, wie diese Tragödie des Hamlet darstellt, möglich ist.

Und dieser Vers? – dieser einzelne furchtbare Vers? – –

Er heißt:

Ihr könnt nicht von Vernunft dem Dänen reden.

Wie? schrie der junge Däne. –

Die übrigen Bekannten zogen sich still und lächelnd zurück, da sie die Tragödie auswendig wußten, und Oswald sprach mit bewegter Stimme, die vor Heftigkeit zitterte, so weiter: Nein, das kann kein Wesen, mit halbem Menschenverstande begabt, geschweige ein Dichter, ein großer Dichter ausgesprochen haben. Man könnte mit keinem Dänen vernünftig sprechen, oder nur von Vernunft mit ihm reden? So hoch würde sich ja nicht einmal ein elender Pasquillant im Nationalhaß gegen einen Feind in einem unglücklichen Kriege erheben, und damals lebten wir ja selbst im Frieden mit England. Kein Satyriter, dem man doch Uebertreibung vergiebt, hat sich jemals mit so elenden Worten vernehmen lassen! Ich sage dreist: dieser aberwitzige Unsinn, diese Lästerung steht nicht im Hamlet.

Seht her, rief der Gelehrte. Er wies ihm im Buche die Stelle: »Ihr könnt nicht von Vernunft dem Dänen reden.« –

Oswald war glühend roth geworden und sprach weiter: Bin ich nicht vernünftig? Habe ich nicht von meiner Regierung, die mich für einen vernünftigen Menschen hält, Erlaubniß und Unterstützung sogar, um zu reisen? Sollte sie dumme, unvernünftige Leute ins Ausland schicken? Wie sind alle großen Männer unseres Landes, alle Regenten, vom Absalom bis auf die neuesten Minister, gelästert! – Ich glaube immer, Schlegel hat hier einmal falsch übersetzt. Es steht nimmermehr so im Original.

Sogleich schlug der Deutsche sein Buch auf, indem er sagte: ich glaube, es ist geradezu unmöglich, wörtlicher und getreuer zu übersetzen, wie es Schlegel mit diesem einfachen und doch so bedeutsamen Verse gelungen ist; sehn Sie nur hier:

You can not speak or reason to the Dane.

Nachdem sich Oswald schnell überzeugt hatte, rief er in der höchsten Erbitterung: nun so sei auch von diesem Augenblick Haß und Verachtung diesem sogenannten Dichter zugeschworen, der sich so tief, tief unter den Pöbel hat wegwerfen können. Meine nächste Aufgabe wird seyn, meinen gutmüthigen Landsleuten die Augen zu öffnen, damit sie es inne werden, mit welchem Geiste sie es zu thun haben, wenn sie ihn so gutmüthig verehren wollen. Ja, ein Schauspiel will ich eigends darüber schreiben, oder ein lyrisches Gedicht, in welchem ich die ganze Verächtlichkeit dieses Menschen in das grellste Licht stelle. Es gelingt mir wohl, die Uhr der Welt wieder so weit zurück zu drehen, daß sie wieder mit dem Zeiger die Stelle berührt, auf welcher Voltaire und andre Franzosen wohl nicht mit Unrecht jenen ungeschlachten, völlig ungebildeten rohen Genie-Menschen als ein seltsames Monstrum bezeichneten.

So fuhr er fort, und es war nicht möglich, dem Juvenalischen Strom oder dem Demosthenischen Sturme Einhalt zu thun. Man mußte diese Naturkraft und die patriotische Aufregung austoben lassen, und erst, als Oswald ganz erschöpft war, Hut und Stock nahm, um zu gehn, und diesen sonst befreundeten Kreis nie wieder zu besuchen, konnte der Deutsche, indem er den Ermüdeten auf den Lehnstuhl niederdrückte, die Gelegenheit finden, zu sprechen: Nun seht, Mensch, Freund, wie Ihr Euch übereilt, und ohne alle Noth erhitzt. Ist es denn möglich, daß irgend ein Buch solchen Vers enthalten könnte? Würde man denn den Hamlet bei Euch übersetzt und die Tragödie auf Eurer Bühne gespielt haben, wenn Sie diesen wunderlichen Lehrsatz enthielte? Seht Euch die Stelle doch an, seht, – aber nicht bloß mit dem Auge obenhin, – wer sagt denn die Worte? Der König von Dänemark selbst, in einer öffentlichen Audienz. – Und wem sagt er sie? – Einem jungen dänischen Cavalier, den er durch Schmeichelei und Artigkeit gewinnen will. Gleich in der zweiten Scene des Stücks, als Laertes nach Frankreich zurück kehren will, und vom Könige Abschied nehmen, sagte dieser verbindlich: du nanntest einen Wunsch, Laertes, – was ist es? – du kannst nicht von Vernunft dem Dänen (mir, dem Könige) reden – nichts sagen und fordern, wenn es nicht der Möglichkeit widerspricht, – und dein Wort, deine Forderung, verlieren. – Nun? Ist es nicht so?– Die Deutschen und ihre Gelehrten sind es nicht allein, die solchen Uebereilungen unterworfen sind, die auf Zeilen mit starren Augen Hinblicken und sehn, ohne sie zu sehn.

Der Däne war beschämt und sagte dann: Ja wohl soll sich keiner so fest stehend dünken, daß er nicht auch fallen könne. – Der Deutsche hat mich aber doch mit einer Tücke zu diesem faux pas verleitet, die ganz in der Art ist, wie sie in dieser Tragödie die Menschen verwirrt.

Nur zum Scherz, erwiederte der Deutsche.








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