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Ueber Ludwig Steub

Felix Dahn: Ueber Ludwig Steub - Kapitel 5
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authorFelix Dahn
booktitleMein Leben - Ludwig Steub
titleUeber Ludwig Steub
publisherDeutsche Bücherei
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Drei Sommer in Tirol

I–III. Stuttgart. Zweite vermehrte Auflage. 1871.

Seitdem der Fragmentist dahin gegangen, wo ihm kein »immergrüner Buschwald« rauschen mag, – denn nur diesseit des Avernus grünt der Lorber – führt keine deutsche Hand den Griffel des Humors mit solcher Grazie wie Ludwig Steub. Seine Schilderungen von Land und Leuten in Altbayern und Tirol sind »hors de concours«, sie bilden in dem weiten Kaiserreich deutschen Schriftwerks ein in sich abgeschlossenes Thal, dessen Anmuth in keinem andern wiederkehrt.

Das vorliegende Buch hat sogleich, wie es vor bald dreißig Jahren zuerst aus den stillen Thälern unter die Menschen trat, auf dem Haupte das blitzende Helmdach des Firne-Schnees, um die Schultern den grünen Mantel des Bergwalds, in den Händen aber das Edelweiß der Heldensage und die Alpenrosen schönster Landschaftsschilderung, schon durch seinen reichen Inhalt die Herzen gewonnen. Das Eintönige der meisten Reisewerke war vermieden durch kunstvoll gewählte Vertheilung des Stoffs. Die »gefürstete Grafschaft« liegt so nah und ist so klein: der Reiz der Ferne und Unübersehbarkeit gebricht, der uns dem Wanderer in andere Erdtheile nachzuziehen vermag. Und doch folgte man hier sonder Ermüden dem wegekundigen Führer über die Schroffen der Felsengebirge und über der Gletscher gefährliches Eis, an seinem Munde hangend, der rauhen Steige vergessend über dem Wohlklang seiner Worte und der wechselnden Rede gefälligem Fluß. Mit seinen Händen mischend und scheidend, beherrscht er eine Welt von Farben und Gestalten: bald zeigt er uns hoch wie Adlerhorste an den Felsen klebend die Burgen der alten Rhätier und Breonen, welche Drusus gestürmt und Horatius besungen, und läßt uns nachsinnen, wie im Angesicht dieser unwandelbaren Berge der Wechsel der kurzlebigen Menschengeschlechter auf den Etrusker den Römer, auf den Römer den Gothen, den Bajuvaren, den Langobarden, den Alamanen von Westen, den Slaven von Osten her gedrängt; darauf folgt unmittelbar ein Bild aus der gegenwärtigsten Gegenwart: am Brunnen schäkernde Mädchen etwa, oder von der Kanzel eifernd Pfaffen, oder »Kaiserjäger« mit dem nickenden Busch am Hute.

Jetzt ein treffliches Landschaftsbild: wenig Worte und jedes Wort eine Anschauung erzwingend; nun eine sinnige Namendeutung, um hinüberzuleiten zu einer geschichtlichen Reminiscenz; endlich die Zeichnung des Häuserbaues, der Tracht, des Erwerbszweiges eines Thales, welche uns die Leute rasch so vertraut macht, als hätten wir ihnen sommerlang die harten Hände geschüttelt. Und wie der Inhalt, so die Form: anmuthig wechseln die Töne: – die fröhliche Morgenlaune, in welcher der Wanderer den Frühthau von der Heckenrose streift und weitausholend die Schritte und den Bergstock setzt; der helle und scharfe Blick für das Reale in Natur und Menschentreiben; die gesunde Lebenslust, die sich des feurigen Terlaner-Weines freut; der siegbewußte Frohmuth überlegener Bildung gegen Aberglauben, Priesterkram und Bureaukratenzopf; der edle Stolz deutscher Kraft und deutscher Tiefe gegenüber wälschem Formgeschick; die leise, tiefschmerzliche Klage – es war im Jahre 1845 – um die hoffnungslosen und unerträglichen Zustände in Oesterreich, Preußen, Bayern und allen deutschen Vaterländern insgesammt; endlich, neben schrillen Klängen eines gewissen Humors der Verzweiflung, die Trauer um das Vergängliche alles Schönen, um des Menschen ganzes thränenwürdiges Los; jene elegische Abendstimmung, die aus der tiefsten Seele Grund hervor uns mit den ersten Schatten der Dämmerung beschleicht – es mangelt und versagt kein Orgelton des menschlichen Registers.

Den reichen Inhalt dieser Schilderungen mag der Leser selbst genießen und würdigen, am besten freilich an Ort und Stelle. Dabei drängt sich auf, daß die Zusätze, die in diesen letzten Jahren entstanden, an Tiefe, an Reiz und Grazie der Form, an Durchbildung und Vollendung der Darstellung sich zu dem Buche der ersten Auftage verhalten, wie abgelagerter, firngewordener Wein zu jungem Getränk. Eine Kunst, wie sie im Stile Ludwig Steubs geborgen liegt, muß mit den reifenden Jahren immer wachsenden Reichthum häufen. Denn es übt sich, es lernt sich auch das Geheimniß des Schönen und das holde Gewebe anmuthiger Form. Nur über diese Form, über den Stil noch einige Worte. Wie ein gutes Gedicht genießt man gute Prosa nur, wenn man sie wiederholt, und zwar das zweite Mal laut liest. Hat einer seiner Leser in diesem Buch eine Seite gelesen und den Inhalt längst erfaßt, so mag er noch nicht von dem Blättchen scheiden: es zwingt ihn eine stille Kraft, noch zu verweilen. Das ist der Duft der Form, der darüber schwebt; und alsbald ergreift er sich darauf, daß er die eben gelesenen Zeilen noch einmal mit halblauter Stimme vor sich hinsummt, wie eines Liedes liebe Melodie. Langsam, behaglich will dieser Stil genossen sein, wie man edlen Rüdesheimer nicht ohne Weiteres in die Kehle gießt, nur um sich des Inhalts zu erfüllen; verweilend sucht man seinen besten Duft zu halten. Wir haben fast verlernt in diesen Tagen der Stenographie, der Zeitungsartikel und der Telegramme, mit holder Muße zu schreiben; und bei dem hastigen Wesen, da man sich begnügt, dem Leser irgendwie die Wörter an den Kopf zu werfen, wenn er's nur auffängt, gleichviel ob's ihm vor Plumpheit die Hirnnerven »erdosen« läßt, kann man auch vom Leser nicht verlangen, daß er sich solch ungefüger Behandlung seinerseits »mit holder Muße« hingebe.

Nimmt sich nun aber ein Leser, der selbst mit einigem Formsinn begnadet ist, die angenehme Mühe, in dem glatten Mosaik des Meisters Ludwig nach den Spalten und Klammern zu spähen, welche diese Gebilde heilen und verbinden, so zeigt sich, daß die scheinbar so leicht gebauten Sätze mit sorgsamster Kunst gefügt sind und geheftet.

Da steht am rechten Ort, mit dem schmeichelndsten Vocal, mit melodischem Silbenfall, von feinstem Gefühl aus einem reichen Vorrath ähnlicher erkoren, das allein richtige, das notwendige Wort : versuche Du die nächstverwandte Schattirung an seine Stelle zu setzen, sofort empfindest Du das Bild gestört: es war jener Ausdruck kunstnothwendig. Dabei schöpft der kundige Mann zuweilen mit zierlicher Schale aus den beiden unversiegenden Jungbrunnen der neuhochdeutschen Schriftsprache: aus älteren Sprachschichten und aus den Mundarten, in welchen eben ältere Formen und Wörter oft noch fortleben. Dies führt uns zu einer zweiten Geheimkunst oder, besser, zu einem zweiten Kunstgeheimniß des Verfassers. Der Reiz älterer und mundartlicher Wörter liegt größtenteils in einer frischen, lebendigen Sinnlichkeit, welche auf Anschauung und Phantasie erwecklich wirkt, und welche – für unser Gefühl wenigstens und durch die abschleifende Gewohnheit – den Ausdrücken der Schriftsprache erstorben ist, denen wir Tag um Tag immer wieder in dem Chausseestaub der Zeitungsspalten, im Modergeruch der Acten begegnen. Solche Worte sind Schemen, blutlose Gespenster, bildlose Abstractionen geworden; aus der Sprache der Rechtspflege, der philosophirenden Dialektik, wo diese Farblosigkeit am Platz, ist solche nüchterne Schablonen-Terminologie (namentlich auch durch die vielen Fremdwörter aus dem Griechischen, Lateinischen, Romanischen, bei denen wir nur etwa denken, nie schauen) in unsere ganze Prosa hinübergedrungen. Es ist dies ein Symptom, das bei dem Culturfortschritt eines Volkes unausbleiblich in der Sprache auftaucht: sie verliert die sinnliche Frische. In der Vorcultur und in einfachen Zuständen ist ja bekanntlich z. B. auch die Rechtssprache schönen, wogenden, sinnlichen Lebens voll.

Dazu kommt, daß gewisse Wendungen, die ursprünglich ebenfalls bildvoll, sinnlich, lebendig waren, uns wegen ihrer häufigen Verwerthung in höchst prosaischem Zusammenhang schon nach dem Gesetz der Ideen-Association nüchtern, seelenlos anmuthen; wir denken gar nichts mehr, wenn wir dieses hohle Erz schellen hören. Vielleicht ist der geneigte Leser, der das liest – wenn uns ein solcher auf diesen nicht für Jedermann lockenden Pfaden wirklich bis hierher gefolgt ist – mit uns der Ansicht, daß ein Protokoll eines Amts-, ja sogar eines Landesgerichts ein ziemlich langweiliger Bestandtheil des Universums ist; heißt es nun z. B.: »Es erscheint Herr N. und bringt vor« so weht uns sofort jener Lufthauch überheizter Amtsstuben entgegen, welcher, geschwängert mit Partikelchen von Pappendeckel und viel citirten Gesetzes-Paragraphen, austrocknend auf die Kehle und die Seele wirkt. Wir haben gar nicht mehr die Vorstellung, daß »er-scheinen« ein sehr schönes Bild für das Auftauchen einer Menschengestalt ist, und daß man das Schöpfen einer Erklärung aus der Tiefe der Brust und das Hinbreiten vor dem Richter sehr anschaulich ein Vor-bringen nennen mag.

Unsere Prosa ist zu abstract geworden, um schön zu sein. Um nun seine Prosa schön zu gestalten und eindringlich, so daß sie Aug' und Ohr und Phantasie lade zum Verweilen auf den gefälligen Bildern, die sie baut, wählt unser Reisemarschall, wort- wie wege-vertraut, stets den sinnlichsten Ausdruck, das concreteste, engst bezeichnende Wort. Er sagt nicht: »wenn wir nach Alpbach gehen wollen« – er sagt anschaulich: »der Wandrer, der nach Alpbach trachtet« und sofort sehen wir mit des Geistes Augen den wegfährtigen Mann den langen Bergstock vorwärts setzen. Ein sinniger Leser wird auf jeder Seite des Buches von diesem echt künstlerischen Realismus liebliche Belege finden.

Aber der echte Realismus ist der – Idealismus.

Und so schwebt denn über diesen rhätischen Blättern voll rauher Schroffen und hartarbeitender Menschen, über diesen groben Bajuvaren im zottigen Zwilch, über des Verfassers eigener, oft stark scheltender Sprache oder urkräftigem, echt süddeutschen Humor – über dem Allem webt und flimmert ein feiner, leiser, veredelnder Duft – ein Hauch, der nicht aus dem Innthal aufgestiegen, auch an der Isar just nicht heimisch ist. Er weht von Ferne her. Freilich, wer einmal von Schloß Tirol herab die Sonne zu Gnaden gehen sah und die Mendola sich wie ahnungsvoll nach Süden neigen, wer durch das epheuwirre Sarca-Thal dahingezogen, und die grauen Zinnen, die geborstenen Säulen sich hat spiegeln sehen im Tobliner See, und wer dabei der Tausende gedacht, welche, hoch und schlank, wie ihre Speere, über diese Berge gezogen, Jahrhunderte lang, aufjubelnd, wann ihnen der laue Wind aus Süden die blonden Locken aus den Schläfen spielte: – wer das gesehen und bedacht, der weiß es wohl, woher der Athem weht edelster Anmuth über jene Berge und über diese Blätter hin:

»Italia winket dort im Süden –
Es fliegt ein Kranich-Zug voraus;
Die Seele spannt die nimmermüden,
Die Flügel ihrer Sehnsucht aus!«Dahn, Gedichte. Zweite Sammlung, 3. Auflage, Leipzig 1883. Seite 385.

Kurz gesagt, der Schilderer Tirols, des Landes, das fünfzehnhundert Jahre lang die Brücke war, auf welcher die classische Cultur Italiens und Griechenlands, in Warenballen, Fässern und Kisten der »Mercatanti« als unbeachtete Verpackung eingeschlagen, zu den Barbaren ihren Einzug hielt, der Schilderer Tirols muß auch das leise Geflüster hesperischer Lüste verstehen.

Allüberall fühlt man nun in dem Buche Steubs den wohlthätigen Hauch einer so tief getränkten klassischen Bildung, eine solche Geistesvertrautheit mit hellenischer und lateinischer Kunst, wie sie zwischen Grünwald und Föhring nicht oft die brausende Isar nährt. Man spürt es, daß der Verfasser dem Rauschen der Lorberen und Cypressen Latiums und in ihrem dunkelgrünen Schatten den schlanken Palmen Ioniens gelauscht. Denn, mag sich deutsche Kraft höher erschwingen und deutsche Tiefe geheimnißvoller senken, – eines müssen wir ihnen doch mit ewiger Sehnsucht neidvoll überlassen, den Söhnen des Südens, den Kindern von Hellas: in Kunst und Leben seliger Schönheit unerreichten Kranz.


Die wenigsten Bücher Steubs haben übrigens eine zweite Auflage erlebt. Aber in diesem Fall hat der liebe Gott eben gezeigt, daß er (vermöge der providentiellen Einrichtung der Leihbiliotheken!) immer noch das Wunder verrichten kann, mit wenigen Broden und Fischen eine große Volksmenge zu sättigen: und wenn Ludwig Steub ein nicht oft aufgelegter, so ist er doch ein, auch nördlich des Thüringer Waldes, dieser Wasser- wie Ruhmes-Scheide Deutschlands, wohl gekannter, verehrter und beliebter Autor.

Als ich vor elf Jahren unter die wilden Preußen fuhr, hatte ich seinen Namen nicht erst zu verkünden, und noch höher zu verherrlichen: vom Geheimrath Friedländer, dem Jupiter optumus maxumus, wie ihn die Candidaten der Prüfungscommission nennen, abwärts bis herab zu uns ganz gewöhnlich Gebildeten, kannten sie ihn, ehrten und liebten ihn.

Er sollte nur nicht immer wieder in allen »schiechen Löchern« von Tirol herum krauchen, sondern einmal über Elbe, Spree, Weichsel und Nogat an den Pregel kommen und sich überzeugen, daß sein Name vom hohen Ortler bis an den Galt-Garben sich erschwungen hat.

Zum Schluß aber noch ein ernsteres Wort.

Ludwig Steub hat die siebziger Jahre erreicht.

Vergleichen wir ihn und seines gleichen – es sind deren aber wenige – mit dem Nachwuchs der Schriftsteller jüngster Jahrgänge, so ist das Ergebniß nicht eben sehr erfreulich.

Er hat so viel Gründliches, ehrlich Erarbeitetes gelernt. Und er ist so fein in der Form. Und er giebt sich so wenig als unfehlbar. Und er ist – schriftlich und mündlich – so liebenswürdig.

Ach! und so Viele, die ihm in der Zeit – aber nicht im Geiste – nachgefolgt sind und nachfolgen, haben so wenig gelernt. Und sind so brutal formlos. Und von einer mehr als päpstlichen Unfehlbarkeit! Und schon schriftlich so unliebenswürdig, daß man der mündlichen Liebenswürdigkeit, weitausbiegend, aus dem Wege weicht.

Wahrscheinlich ist es bei mir bereits beginnende Altersschwäche, welche mich, wenn ich die Augen »rund ume gehn« lasse, so auffallend Wenige erblicken läßt in dem Nachwuchs unserer berufenen »Ueberholer«, welche an Wissen, Gemüth und Anmuth der Form ihn nur zu würdigen, geschweige zu erreichen »in der Lage sind«, unsern Meister Ludwig Steub. –

Königsberg, Juli 1883.

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