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Ueber Ludwig Steub

Felix Dahn: Ueber Ludwig Steub - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorFelix Dahn
booktitleMein Leben - Ludwig Steub
titleUeber Ludwig Steub
publisherDeutsche Bücherei
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Es ist eigentlich überflüssig, dieser authentischen Lebensbeschreibung eine Kritik oder Charakteristik des Schriftstellers beizufügen; denn diese Beschreibung hat Jedem, der sie soeben zu Ende gelesen, die eigenartige Anmuth des Stiles ihres Helden und Verfassers so angenehm vor Augen gestellt, daß deren Analyse durch einen Andern unnöthig erscheint. –

Die Veröffentlichungen Steubs gliedern sich in drei Gruppen: I. Hellenica. II. Die gelehrten Arbeiten (über tirolische und bayerische Sprach- und Culturgeschichte). III. Belletristik.

Was die Hellenica betrifft, freuen wir uns, den ehrenreichen Herren Hermann Lingg und Hyacinth Holland darin »über« zu sein, daß wir diese nach Inhalt und Form gleich anziehenden Schilderungen von Land und Leuten in Neu-Hellas schon seit einem Vierteljahrhundert kennen und hochschätzen. In der That: » ex ungue Leonem«. Oder, hier richtiger gesagt: »in der Knospe liegt bereits die Frucht.«

Diese frühesten Schilderungen bekunden bereits die individuellen Züge des Verfassers in starker Ausprägung: vor Allem ein vortrefflich gefüllter und in seinem Reichthum nie verwirrter, vielmehr stets säuberlich geordneter » Schulsack«, d. h. seltene Beschlagenheit in griechischer und lateinischer Sprache, Grammatik, Literaturgeschichte, Geographie, – ein Vorzug, den wir noch wiederholt hervorzuheben haben; und den derjenige am Höchsten anschlägt, welcher den Zustand des Gymnasialunterrichts im lieben Bayerland in jenem tempus plusquam perfectum kennt. Und doch will es fast scheinen, daß der Unterricht in den Tagen des jungen Ludwig besser war, als ungefähr 1840–48, da oft ganz unwissende Pfarrer, zumal in den untersten Klassen, verwendet wurden.

Ferner tritt schon in jenen neugriechischen Essays die Gabe hervor, welche den echten Ethnographen auszeichnet, Dinge zu sehen und zu hören, an denen andere Reisende vorüberstolpern, und die Kunst, aus Steinen und Namen den Werdegang der Völkergeschichte, ein rückwärts gewendeter Prophet, weissagend wieder herauf zu beschwören.

Endlich zeichnet schon jene Darstellung die feine, ganz eigenartige, facettirte Form aus, welche neben den Entdeckungen in der rhäto-rasenischen Urgeschichte den Namen Ludwig Steub zu Ehren gebracht hat und lebendig erhalten wird in der Geschichte deutschen Schriftthums.

Was nun die wissenschaftlichen Leistungen Steubs betrifft, so ist hier nicht der Ort, sie im Einzelnen auszuführen; es ist auch nicht nöthig, da es nur der kurzen Erinnerung an Allbekanntes bedarf. Steub hat aus Andeutungen der antiken Ueberlieferung überzeugend und zweifelfrei dargewiesen, daß die von den Römern in Tirol vorgefundene Bevölkerung nicht, wie man insgemein annahm, eine keltische, sondern eine tuskisch-rasenische war. Diesen Beweis hat der Verfasser mit seltenem Scharfsinn, mit Jahrzehnte hindurch fortgeführtem Sammelfleiß und mit souverainer Beherrschung correcter Methode aus den von ihm zuerst auf die tuskischen Formen zurückgeführten Ortsnamen erbracht.

Jene Untersuchungen sind um so schwieriger, als sie rein formalistisch geführt werden müssen, d. h., ohne daß Sinn und Bedeutung jener Ortsnamen dabei zur Mithilfe herangezogen werden könnten, da das Etruskische noch immer nicht gedeutet werden kann. Haben doch die genauesten Kenner des räthselhaften Idioms noch nicht festgestellt, ob die Sprache eine arische oder nicht arische sei, ob zwar jetzt Deecke sich der früher so heftig von ihm bekämpften Annahme Korssens von der Zugehörigkeit des Etruskischen zu den übrigen italischen Sprachen selbst zuneigt.

Jener Nachweis ist die Hauptleistung Steubs, und sie genügt!Vgl. Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker, III. Berlin 1883, S. 17, und Dahn, deutsche Geschichte, I. Gotha 1883, S. 35. – Die Berufensten haben das Verdienst freudig anerkannt; hören wir nur einen Eidhelfer allerersten Ranges: Heinrich Kiepert sagt in seinem Lehrbuch der alten Geographie, Berlin 1878. S. 370: »Das größte Verdienst um Sammlung dieser uralten Sprachreste unter Zuziehung der älteren, in mittelalterlichen Documenten bewahrten Formen und kritischer Ausscheidung der theilweise in deutschem Munde bis zur Unkenntlichkeit entstellten romanischen hat sich L. Steub erworben in seiner »Rhätischen Ethnologie, Stuttgart 1854, sowie seinen übrigen zahlreichen, durchaus höchst lesenswerthen Schriften über Tirol und die bayerischen Alpen.«

Bei dieser Arbeit mußte sich der Verfasser, wie Kiepert andeutet, selbstverständlich auch mit den übrigen nicht-rasenischen Ortsnamen in Tirol auseinandersetzen, und er hat dabei mit wirklich glänzendem Scharfsinn (nach einer übrigens einfachen, nur eben von ihm zuerst mit durchgreifendem Erfolg angewendeten Methode) einer ganz erstaunlichen Zahl von solchen Räthseln ihr Geheimniß abgefragt.

Außer diesen Rhaetica und Tirolensia hat der Verfasser aber auch für die Culturgeschichte in Bayern Vorzügliches geleistet in seinen zahlreichen kleineren Schriften, von denen wir Einzelnes unten näher charakterisiren.

Diese Bücher sind, unbeschadet ihres bedeutenden Inhalts, so anmuthig geschrieben, daß der Leser in angenehmstem Lustwandeln stets auf einem Grenzgebiet von Wissenschaft und Kunst, von Ernst und höchst ergetzlichem, ganz eigenartigem Humor, von Unterweisung und Unterhaltung hin und her schlendert. Und so ist es dem Verfasser denn wirklich gelungen, an Tirol und Bayern sogar den Tirolern und Bayern, diesen wenig lesenden Bergvölkern, Interesse und, gleichsam wie in einem Honigtränklein heilsame Arzenei, in belustigender Erzählung und Schilderung Kenntniß ihrer nächsten Umgebung und eigenen Vergangenheit beizubringen. Selbst das trockene Problem der Deutung von Familiennamen hat der Verfasser in einem Büchlein, das wir zu seinen dankenswerthesten zählen, höchst amusant zu behandeln verstanden; die gelehrten Resultate mochten Andere daraus sich aneignen, die Anmuth der Form mußten sie »lassen stahn«.

Wohl mancher Leser der Biographie und mancher Kenner der wissenschaftlichen Leistungen des Verfassers hat sich gefragt, weshalb dieser Mann statt der ihm offenbar wenig zusagenden juristischen Praxis nicht die Docentenlaufbahn gewählt und sich zum Professor der Philologie oder Geschichte herausgewachsen hat? Die Antwort lautet, daß in den Jahren, in welchen dies hätte geschehen müssen, unter dem Ministerium Abel, ein deutsch- und freigesinnter Mann kaum als Privatdocent zugelassen, gewiß aber niemals zur Professur befördert worden wäre. – Auch später noch soll es recht hinderlich und aufhaltsam gewesen sein in der akademischen Laufbahn in Bayern, wenn man nicht mit den gerade herrschenden Wölfen heulte.

Was endlich die poetischen Veröffentlichungen Steubs betrifft, so lassen wir zunächst unser Urtheil über die »Rose der Sewi« hier folgen.

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