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Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Ueber den freien Gebrauch der Vernunft in Glaubenssachen

Christoph Martin Wieland: Ueber den freien Gebrauch der Vernunft in Glaubenssachen - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1788
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber den freien Gebrauch der Vernunft in Glaubenssachen
pages88
created20131119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Ueber den freien Gebrauch
der

Vernunft in Glaubenssachen

sammt einer Beilage. 1788.


Nimirum Sapere est abjectis utile nugis.


(Aus der Gruber'schen Ausgabe von 1821 aufgenommen.)Wenn Wieland bei dem neuen Abdruck dieser Abhandlung im Jahr 1797 den Leser bittet, nicht außer Acht zu lassen, daß der größte Theil derselben im Jahr 1787 geschrieben sey, so muß dieß bei einem wiederholten Abdruck im Jahr 1821 mancherlei Betrachtungen veranlassen: denn wem kann es gleichgültig seyn, ob die, wahrscheinlich durch französische Bulletins so beliebt gewordenen retrograden Bewegungen auch in diesem Punkte Freunde gefunden haben? Theologen und Aerzte, Philosophen und Aesthetiker wetteiferten mit einander, uns in die angenehmen Schatten der Vorwelt zurückzuführen, und wir wissen Alle, daß es Vielen mit der Vernunft erging, wie den Kindern, die den ausgehenden Vater quälen, daß er sie mitnehme, anfangs vor Freuden voraus springen, allmählich zurückbleiben, nun alle Augenblicke fragen, ob sie nicht bald an Ort und Stelle sind, und endlich auf halbem Wege weinend bitten, sie wieder zur Mutter zurückzubringen. Andern, schon Erwachsenen, ging es wie Petern in der Fremde, von welchem der wackere Meister Grübel erzählt. Er war so weit gegangen, bis er an eine Stelle kam, wo sich der Weg schied, und da er nun nicht wußte, ob rechts oder links, und ihm dabei bedenklich vorkam, daß es zwar jetzt noch nicht schneie, aber bald schneien könne, so hielt er's für viel sicherer, lieber gerades Wegs wieder umzukehren und ganz zu Hause zu bleiben. Peters argumentum ex tuto hat durch die französische Revolution und ihre Folgen eine bis zum Erstaunen weit ausgebreitete Wirksamkeit erhalten. Nur Wenige von denen, die an den Scheideweg kamen, hatten Muth genug, auf gut Glück vorwärts zu gehen, die Meisten stutzten, und, statt zu überlegen, ob rechts oder links, fragten sie: vor- oder rückwärts? Halb Europa steht bedenklich an diesem Punkte still, und Manche sind der Meinung, daß dieß der Vernunft nichts Gutes bedeute. So argwöhnisch oder furchtsam bin ich aber nicht; denn es fehlt doch auch gar viel, daß die Vernunftscheu unserer Zeit allgemeiner wäre, als die Herrschaft der Vernunft oder auch nur die Liebe zu ihr jemals gewesen ist. Wie Viele auch ihre geheimen Gründe haben mögen, zu wünschen, daß (nach einer sehr mißverstandenen Stelle) die Vernunft gefangen werde unter den Gehorsam des Glaubens; wie Viele auch (vergessend der alten Schmach und Bedrückung) eine Hierarchie zurücksehnen mögen, während Andere die Reformation bald als einen Abfall von dem Christenthume, bald gar von dem – deutschen Reiche darstellen: so lange sie nicht bewerkstelligen können, daß America nicht entdeckt ist, daß die Griechen von den Türken nicht vertrieben sind, daß Copernicus, Galilei, Newton, Lavoisier nicht gelebt haben, daß der Orient durch viele Reisen und der Engländer Eroberungen in Ostindien nicht bekannter, historische Kritik nicht geübt worden ist; so lange ist auch an Unterdrückung der Vernunft nicht zu denken. Menschen, bei denen die Phantasie statt der Vernunft, dunkle Gefühle statt heller Begriffe herrschen, wird es zu allen Zeiten geben; haben aber die, die wir aus der nächsten Vergangenheit kennen, mehr als ein vorübergehendes Aufsehen erregt? Hat sich die Bewunderung nicht bald in Verwunderung aufgelöst? Schlimmer aber scheint freilich etwas, als es sonst war. An die Stelle blinder Glaubenseiferer, die sich selten gemacht haben, sind Sophisten getreten, die mit dialektisch-rhetorischen Kunststücken aller Art dem blos Positiven den Schein der Philosophie ankünstelten; Staatsmänner haben Gefahr in der Abweichung vom Positiven finden wollen; und selbst Regierungen sollen an der Zeit so irre geworden seyn, daß sie bei der Krisis derselben eine Neigung zu der alten Hierarchie empfunden hätten. Wenn nun diese Alle sich die Hand böten, könnte daraus nicht ein gefährliches Bündniß gegen die Vernunft entstehen? – Allerdings nicht unmöglich; mit Gewißheit aber auch vorauszusagen, daß es nicht siegen werde. Die Vernunft dulde nur auch nicht, daß Schwärmerei ihre Maske vornehme; denn was hat der guten Sache der Vernunft in unserer Zeit geschadet als dieß? Vernunft ist zwar wohl vereinbar mit Begeisterung, aber eben so wenig mit Schwärmerei (welche Schwarm macht) als mit dialektischen Fechterstreichen (durch die man in dem Schwarme seinen Vortheil absieht); in ihrer Einfachheit und in der Ueberzeugung, die sie bewirkt, daß sie nie eine andere als die gute und gerechte Sache führen könne, darin liegt ihre Macht. Und so zeige sie sich in Wielands Abhandlung nochmals und wirke auch in unserer Zeit – was sie kann; nach abermals 24 Jahren aber entscheide man darüber, ob Wieland auf die Zeit ihrer Entstehung aufmerksam machte, weil er glaubte, die spätere Zeit sey in der Vernunft so weit vorgeschritten, daß sie einer solchen Abhandlung gar nicht mehr bedurft habe.

 


 

An den Leser.

Der größte Theil dieser kleinen Schrift erschien im Januar und März des deutschen Mercurs 1788, und wir müssen diejenigen, denen sie erst jetzt zu Gesichte kommt, bitten, diesen chronologischen Umstand nicht außer Acht zu lassen.

Man wird vielleicht finden, daß der Verfasser sich in Behauptung der Rechte der Vernunft in Glaubenssachen gerade so benommen habe, wie Diogenes, da er Einem, der alle Bewegung in der Welt leugnete, das Gegentheil dadurch bewies, daß er davon ging. Aber seine Absicht war nicht sowohl, die Rechte der Vernunft in Dingen, welche die Religion betreffen, zu behaupten, als, die Nothwendigkeit der wirklichen Ausübung dieser Rechte einleuchtend zu machen; und dieß war nicht wohl möglich, ohne sich ihrer selbst zu bedienen.

4 Wer blos die Partei der Wahrheit hält, kann es schwerlich irgend einer Partei in der Welt recht machen. Indessen glaubt der Verfasser, daß die Redlichkeit seiner Absicht unverkennbar sey; und da er nicht seine Sache, sondern die Sache der Menschheit behauptet, warum sollte er nicht ruhig angehört werden?

 


 

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