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Ueber das göttliche Recht der Obrigkeit

Christoph Martin Wieland: Ueber das göttliche Recht der Obrigkeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber das göttliche Recht der Obrigkeit
pages22
created20131125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Ueber das
göttliche Recht der Obrigkeit,

oder
über den Lehrsatz:

»Daß die höchste Gewalt in einem Staate durch das Volk geschaffen sey.«

An Herrn Professor Dohm in Cassel.Dieser Aufsatz durfte für den, welcher Wielands Charakter als politischen Schriftsteller beurtheilen will, um so weniger fehlen, da er zu zwei gleich sonderbaren Erscheinungen Veranlassung gegeben hat. Wielands Freunde selbst verkannten hierin den Verfasser des goldnen Spiegels, und Friedrich Heinrich Jacobi gab eine Erklärung voll edler Entrüstung dagegen ab. Bald darauf jedoch fand Wieland in Herrn Sr. (Schneider) einen Vertheidiger, dessen Aufsatz »über das Recht des Stärkern« im Januarstück des von Boie herausgegebenen Deutschen Museums vom Jahr 1781 an J..b (Jacob) einen Gegner fand. Jacobs Schreiben an Schneider wurde in Wielands Mercur vom Jahr 1787 (März, 239) abgedruckt, und bei dieser Gelegenheit erklärte sich Wieland hierüber also:

»Wiewohl es mir ganz angenehm seyn könnte, den Meditationen eines philosophischen Kopfes durch meine Gedanken, zwar ohne meine Absicht und also ohne alles Verdienst auf meiner Seite, eine Richtung gegeben zu haben, wodurch vielleicht der Moralphilosophie einiger Vortheil zuwachsen könnte, so kann ich doch nicht umhin, eine kleine Verwunderung darüber zu bezeigen, wie es möglich gewesen ist, daß der wahre Sinn meiner Gedanken über das sogenannte Jus divinum der Gewalthaber ein Räthsel bleiben konnte, und wie irgend ein vernünftiger Mensch hinlänglichen Grund in denselben zu finden vermeinte, mir den offenbar unsinnigen Satz aufzubürden, die Stärke oder physische Kraft sey das erste Principium dessen, was in menschlichen Handlungen recht oder unrecht ist. Da ich es (auch nach dem unerwarteten hitzigen Ausfall, den einer meiner alten Freunde aus Veranlassung jener Gedanken im Deutschen Museum auf mich gethan hatte), gar nicht für möglich hielt, von mehr als einem Menschensohne so seltsam mißverstanden zu werden: so konnte ich auch nie von mir selbst erhalten, mich in eine schulgerechte Erörterung derselben einzulassen, und das bekannte Mährchen Schach Lolo, besonders der Prolog zu demselben (der mir für Alle, die eine Nase haben, ein hinlänglicher Commentar über den Sinn meiner Meinung von dem göttlichen Recht der Obrigkeit zu seyn schien) war Alles, was ich mich entschließen konnte, zur Erläuterung derselben beizutragen. Indessen bekam ich einige Jahre nachher neue Gelegenheit zum Erstaunen, da ein mir unbekannter Secundant auftrat, der meine Ruhe bei den Angriffen des Herrn G. R. Jacobi vielleicht für Unvermögen, mich selbst zu vertheidigen, ansehen mochte und also ein gutes Werk zu thun glaubte, wenn er sich meiner aufgegebenen Sache annähme. Unglücklicher Weise aber glaubte er mich nicht anders retten zu können, als durch die Behauptung des Satzes: daß die Stärke überhaupt der Grund des Rechts sey, eines Satzes, welchen, seiner Meinung nach, meine Behauptung des göttlichen Rechts der Obrigkeit so nothwendig voraussetze, daß sie mit demselben stehen oder fallen müsse. Ich gestehe, daß diese Erscheinung mir noch weit stärker wider die Stirne fuhr, als der erste Ausfall meines Freundes zu Düsseldorf. Schach Lolo, dachte ich, hätte doch dem wackern Manne den Schlüssel zu meiner Meinung geben können! Aber vermuthlich gehörte er zu den weisen Männern, die keine Verse oder doch wenigstens keine Mährchen lesen, und von deren einem ich vor einigen Jahren in einem weitläufigen und sehr motivirten Briefe gebeten und beschworen wurde, doch endlich einmal, relictis nugis, gescheidt zu werden, und anstatt der leidigen Mährchen schöne dogmatische Abhandlungen über »das Laster weh den Menschen thut, die Tugend ist das höchste Gut,« und dergleichen noch so wenig gepredigte Wahrheiten zu schreiben. – Wie dem auch seyn mag, es kam mir so lustig vor, mich von Jemand so in ganzem Ernste wegen einer Meinung, die mir nie in den Sinn gekommen war, vertheidigt zu sehen, daß ich abermals schwieg und die Sache um so getroster auf sich beruhen ließ, weil ich glaubte, Jeder, den diese Dinge interessiren könnten, brauchte blos meine Gedanken über das göttliche Recht der Obrigkeit noch einmal zu überlesen, um zu sehen, daß mich mein ungebetener Vertheidiger noch weniger verstanden habe, als mein Gegner. Daß ich mich aber hierin abermals geirrt habe, beweiset der Aufsatz des Herrn J..b, worin der Herr Hofrath Wieland von Neuem als ein unvorsichtiger Lehrer und Behaupter des Grundsatzes, »die Stärke sey das Principium des Rechts,« auftritt und deßwegen (wie billig) mit solchen Elenchis zu Paaren getrieben wird, vor welchen Pyrrho selbst verstummen müßte. Aber warum hatte auch der kurzsichtige Wieland nicht so viel Menschenverstand, zu sehen, daß derjenige, der das Jus divinum der Gewalthaber mit dem Rechte eines Sturmwinds, die antillischen Inseln zu verwüsten, in eine Linie stellt, »die paradoxen Folgerungen, die alle Tugend aufheben, und die sich haufenweise darbieten,« hätte wegräumen sollen, wofern er nicht Gefahr laufen wollte, von wackern Lesern, die über solche Dinge keinen Scherz verstehen und auch die handgreiflichste Ironie, sobald sie mit einer ernsthaften Miene vorgebracht wird, im Wortverstande nehmen, nicht mißverstanden zu werden.«


Von Dohm, an welchen dieser Aufsatz gerichtet ist, und welcher zuletzt westfälischer Staatsrath und Gesandter am sächsischen Hofe war, in den Privatstand aber zurückgezogen im J. 1820, von allen Guten betrauert, starb, braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß er derselbe Christian Wilhelm v. Dohm ist, der sich noch am Ende seines thatenreichen Lebens in den »Denkwürdigkeiten meiner Zeit« ein seiner so würdiges Denkmal gestiftet hat.

Geschrieben im Jahre 1777.

 


 

285 Schon lange, mein lieber Freund, hab' ich es bei tausend Gelegenheiten erfahren, daß ich für den Herausgeber eines Journals ein viel zu zartes Gewissen habe. Daher allein kommen die kleinen Anmerkungen, die ich mich zuweilen verbunden glaube unter den Text der Aufsätze, die mir von bekannten oder unbekannten Gelehrten eingeschickt werden, zu setzen. Der Augenschein lehrt zwar, daß ich mich seit geraumer Zeit über diesen Punkt mit großer Bescheidenheit und Selbstverleugnung betragen. Indessen begegnet es doch zuweilen, daß ich – wenn ein Verfasser sich entweder auf eine angebliche Thatsache stützt, von deren Ungrund ich gewiß bin, oder einen Lehrsatz für eine geheiligte Wahrheit ausgibt, der nach meiner Ueberzeugung entweder geradezu falsch oder wenigstens eines von diesen unauflöslichen Problemen ist, über die man ewig Pro und Contra streiten kann, ohne jemals ans Ende zu kommen – in beiderlei es nicht leicht von mir erhalten kann, eine solche Stelle ohne einen kleinen Avis au Lecteur passiren zu lassen.

So ging's mir neulich bei der Stelle Ihrer lesenswürdigen Nachrichten von Portugal (Deutscher Mercur, Sept. 1777), wo Sie (Seite 265 und 266), nachdem Sie eine Art von herzlichem kosmopolitischen Jubel darüber angestimmt, daß die portugiesischen Reichsstände in ihrem Manifest vom Jahre 1641 so viel Gefühl vom Menschenrecht geäußert und 286 unter Anderem darin ausdrücklich behauptet: »das Volk habe ein Recht, durch seine Repräsentanten über die Aufführung seines Königs zu erkennen und sich von dessen Herrschaft los zu machen, wofern er sich durch eine schlimme Staatsverwaltung des königlichen Amtes unwürdig mache« – endlich in folgende Nutzanwendung ausbrechen: sollte man sich nicht schämen, noch zuweilen in aufgeklärten Ländern sich so auszudrücken, als wenn das Volk um des Monarchen, nicht dieser um jenes willen da wäre, und als verkennte man die große Wahrheit, daß in einem Staat keine Gewalt von oben herab dem Volk aufgedrückt, sondern allemal von unten herauf durch das Volk (dem sie nützen und frommen soll) geschaffen sey – Wahrheiten, die schon im vorigen Jahrhundert und (sogar) in Portugal anerkannt worden.«

Ich konnte diese Stelle, die mir gleich beim ersten Lesen wider die Stirne fuhr, aus zwei Ursachen unmöglich, ohne meines Orts Salvanda zu salviren, vorbeigehen lassen – erstens, weil ich den Satz, den Sie (mit der Gewißheit eines Mathematikers, der von einem demonstrirten geometrischen Lehrsatz spricht) für eine große Wahrheit geben, für keine Wahrheit halte; und zweitens, weil Sie sich so auszudrücken scheinen, als ob er mit dem vorgehenden: »daß das Volk nicht um des Monarchen willen da sey,« völlig von einem Schlage sey, da doch, meiner Ueberzeugung nach, zwischen diesen beiden Sätzen ganz und gar keine nothwendige Verbindung ist. – Weil ich aber damals weder Raum noch Zeit hatte, den Grund meines von dem Ihrigen (vielleicht nur dem Scheine nach) so verschiedenen politischen Glaubens anzugeben, und Sie den Ihrigen mit einer so heroischen Zuversicht für Wahrheit gaben: so hielt ich's für anständig und bescheiden, mir den Namen selbst zu geben, den Sie mir als 287 einem (nach Ihrem System) vom wahren politischen Glauben Abweichenden geben mußten und mich einstweilen bis zum Austrag der Sache demüthiglich für den Ketzer zu erklären; wiewohl ich, nach der Schärfe zu reden, mich selbst für den Rechtgläubigen und Sie – mit Ihrer Erlaubniß – für den Ketzer hielt. Schon damals war ich entschlossen, mich nächstens über die Gründe meiner Meinung zu erklären: und nun, nachdem Sie mich in Ihrem letzten Briefe so ernstlich dazu auffordern, will ich ohne weitere Vorrede zur Sache schreiten. – »Im Ernste (sagen Sie), ich wüßte nicht, wie man die große Wahrheit, so wie ich sie ausgedrückt habe, verkennen könnte, und ich wäre sehr begierig zu sehen, wie der Verfasser des goldnen Spiegels, der Lehrer der Könige, das göttliche Recht seiner Schüler vertheidigen könnte u. s. w.«

Die Könige bedürfen weder meines Unterrichts (denn die Starken bedürfen des Arztes nicht), noch meiner Vertheidigung – oder es stände übel um ihre Sicherheit. Aber, da ich ein Mensch bin und nichts Menschliches als fremd ansehe, ist mir's ja wohl auch erlaubt, über menschliche – und, soweit meine Divinationskraft reicht – auch über göttliche Dinge zu sagen, was mich recht dünkt. Und so lassen Sie uns dann, wofern Sie just nichts Nöthigeres oder Angenehmeres zu thun haben, hören, wie ich das göttliche Recht – nicht der Könige oder Monarchen ausschließungsweise, sondern der Obrigkeit überhaupt oder derjenigen, die (nach St. Pauls weisem Ausdruck) Gewalt über uns haben – für den ersten Anlauf behaupten werde.


288 Das göttliche Recht der Obrigkeit? – Winke mir nicht so furchtbar, ehrwürdiger Schatten Algernon Sidney'sAlgernon Sidney, Sohn des Grafen von Leicester, geboren um das Jahr 1622, ausgezeichnet als Staatsmann und Krieger, hat sein Andenken besonders verewigt durch seine Betrachtungen über die Regierungsformen (übersetzt von Erhard, Leipz. 1793. 2 Bände, im Auszug von Jacob, Hamb. 1795). Seine Verwickelung in den Kampf des Parlaments mit dem Könige zog ihm den Haß des Hofes zu, und ungeachtet er für die Hinrichtung Karls I. nicht gestimmt, auch Cromwell'n selbst und dessen Sohne seine Dienste verweigert hatte, so wurde er doch wegen des Verdachts einer Verschwörung gegen Karl II. zum Tode verurtheilt und am 7. Dec. 1683 enthauptet. Zum Beweise seiner Schuld bediente man sich verschiedener Stellen seines nur noch handschriftlich in einem Schranke bei ihm gefundenen Werkes, worin die Rechtmäßigkeit des Widerstandes gegen eine tyrannische Regierung behauptet war. Unter Wilhelm III. wurde das Urtheil cassirt, und er feierlich gerechtfertigt. Man darf weder bei diesem noch bei andern gleichgesinnten politischen Schriftstellern jener Zeit übersehen, daß sie gereizt waren durch die übertriebenen Behauptungen des Baronet Rob. Filmer, der in seinem Werke: Patriarcha, or the natural power of Kings, die Rechte der Könige von Gott ableitete. Ein Werk von so ähnlichem Inhalt, wie der gegenwärtige Aufsatz, mag wohl bei dieser Gelegenheit in Erinnerung gebracht werden. Wem aber die Erinnerung zur Belehrung dienen soll, der lese nach diesem Aufsatz den von Heeren (Bd. 2. der kleinen Schr.) über die Entstehung, die Ausbildung und den praktischen Einfluß der politischen Theorien im neueren Europa.! Ich verkenne das göttliche Recht der Menschheit nicht. Beide Rechte in meinem Sinn, auf gleiche Weise heilig, auf gleiche Weise in dem höhern Rechte der Natur der Dinge und der Nothwendigkeit (dem wahren göttlichen Rechte) gegründet.

Ich werde schreckliche Wahrheiten sagen – wiewohl sich deren nicht eine sagen läßt, die nicht schon lange vor uns gesagt worden wäre. Denn welche Frage ist von Alten und Neuern mehr untersucht, mehr in alle Arten von Licht gestellt, mehr unter allen möglichen Gesichtspunkten betrachtet, mehr mit allem möglichen Eifer und Interesse für und wider debattirt worden, als die Frage: ob die obrigkeitliche Gewalt Gottes Ordnung oder blose Menschensatzung sey?

Mir ist, denke ich, Alles wohl bekannt, was die Verfechter der wirklichen und vermeinten Rechte der Menschheit für ihre Behauptung:

»daß alle rechtmäßige obrigkeitliche Gewalt vom Volk herrühre,«

jemals vorgebracht haben. Ich zweifle sehr, ob Algernon Sidney, in seinem ausführlichen und vortrefflichen Werke Discourses concerning Government, irgend einem, der bisher auf ihn gefolgt und künftig folgen wird, etwas wirklich Neues zur Befestigung dieses Grundsteins seines ganzen Systems aufzubringen übrig gelassen habe. Sein Buch enthält, neben viel goldenen Wahrheiten, viele höchst verwickelte Probleme, an denen, so wie er sie behauptet, eben so viel falsch als wahr ist. Diese nach der Schärfe zu prüfen und das Wahre darin vom Falschen zu scheiden, würde ein ewiges Werk seyn; und wozu könnte es helfen? – Wir werden, 289 hoff' ich, einen kürzern Weg finden, um aus diesem Labyrinth ins Freie zu kommen.


Fürs Erste etliche Präliminar-Fragen:

1) Was würde ohne Regierung und bürgerliche Verfassung aus dem Menschengeschlechte werden oder vielmehr längst geworden seyn?

»Barbaren?« – Nein, denn alle Völker, die man so zu nennen pflegt, leben unter einer Art von Regierung.

»Wilde?« – Auch diese haben ihre Oberhäupter.

Wir wollen also weiter fragen. Das einzige Volk, das, soviel man weiß, mit völliger Freiheit lebt, sind die liebenswürdigen, gefühlvollen, geistreichen, glücklichen Einwohner von Terra del FungoTerra del Fuego (nicht Fungo) – Feuerland.; im Ernste, eine Art von menschenähnlichen Wesen, die so elend ist, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach in weniger als fünfzig Jahren zur Ehre der Natur völlig erloschen seyn wird.

2) Wie lange gab es (allen Urkunden aus den ältern Zeiten unsers Planeten seit seiner letzten Umschaffung zufolge) Völkerschaften und große und kleine Staaten, die von Königen und einzelnen Oberhäuptern regiert wurden, bis sich endlich das Volk in etlichen kleinen griechischen Städten einfallen ließ, anstatt eines einzelnen Regulus sich von ihrer vielen unter einem andern Namen und zuletzt (so kurze Zeit es auch dauern konnte) sich gar nicht mehr regieren zu lassen?

3) Wo ist der Beweis, daß die ersten Könige und Obrigkeiten unter den Menschen erwählt worden?

4) Wie sollt' es wohl ein Volk anfangen, um sich selbst zu regieren? – Und wenn es, von Natur und Nothwendigkeits wegen, unvermögend ist, sich selbst zu regieren, wie kann 290 man sagen; es habe ein natürliches Recht zu etwas, wozu es von Natur unvermögend ist? Und wenn es also kein solches Recht hat, wie kann es ein Recht, das es nicht hat, einem Andern übertragen?


Ich denke, wir haben uns bereits durchs Dickste und Gröbste durchgehauen – Es fängt schon an, in dieser sylva Sylvarum heller vor uns zu werden – Setzen wir uns denn zusammen hin und sehen in aller Gelassenheit, ob die Wahrheit, von der uns die Begierde, sie zu suchen, oft zu weit wegführt, nicht vielleicht dicht neben uns steht?


Eine Menge Volks ist – eine Menge großer Kinder – eben so unfähig, ohne Obrigkeit sich selbst in einem leidlichen Zustande zu erhalten, als unsere kleinen Kinder leben und gedeihen könnten, wenn man sie der lieben natürlichen Freiheit überlassen wollte. Und warum hat die Natur diese letztern so lange, bis sie sich selbst regieren können, der elterlichen Gewalt unterworfen? – Als weil sie sich eine Zeit lang nicht selbst regieren können. Und hier zeigt sich ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dem Kind und einem jeden großen Haufen Menschen, die sich zusammen halten und (es sey nun aus blosem Zufalle und Instinct, nur auf kurze Zeit oder mit Vorsatz und Ueberlegung auf immer) für einen Mann zu stehen gesonnen sind – und die man, in beiden Fällen, Volk nennt. Für das Kind kommt eine Zeit, wo es sich selbst regieren kann, und sofort hört die väterliche Gewalt 291 auf. Für ein Volk gibt's keine solche Zeit in der Natur; je größer, je älter, je aufgeklärter es wird, je unfähiger wird es, sich selbst zu regieren. Ich berufe mich über diesen und alle andere Sätze, die ich blos ihrer Evidenz wegen nicht beweise, auf die allgemeine und besondere Geschichte der ganzen menschlichen Gattung von so viel Jahrtausenden, als man zurückzählen will, bis auf diesen heutigen 31. October 1777. Der Urheber der Natur hat also durch eben den Act, durch den er Menschen machte, das ewige Gesetz der Nothwendigkeit promulgirt: daß sie regiert werden müssen; und – so ist alle obrigkeitliche Gewalt an sich betrachtet göttlichen Rechts.

Wenn sich ein Auflauf unter dem Volk einer Stadt begibt – wird der Erste der Beste, der Muth oder Verwegenheit genug hat, sich an ihre Spitze stellen, ihr Anführer, dem sie blindlings folgen. Erinnern Sie sich nur der Geschichte des Masaniello – sie ist, nach ihren Grundzügen, die Geschichte aller andern Aufrührer, Empörungen und Bürgerkriege. Wenn ein Volk in Gährung geräth und zu schwärmen anfängt, so muß es – diese Nothwendigkeit fühlt gar bald ein jedes einzelnes Glied desselben – einen Anführer haben. Und diesen Anführer hat immer die Natur gemacht. Es ist der, der die meiste Kraft hat, der die Uebrigen in seinen Wirbel hineinziehn und mit sich fortreißen kann, der den meisten Muth, die festeste Entschlossenheit, den feurigsten und anhaltendsten Enthusiasmus äußert. – Unter gewissen Umständen ist's auch wohl der, der am besten schwatzen kann; aber allemal, wo gegenwärtige Noth oder Gefahr gefühlt wird, ist's sicherlich der, der am entschlossensten handelt. Also – sobald ein vermischter Haufen Menschen, so klein oder groß er sey, sich durch irgend einen Zufall in dem wilden, 292 ordnungslosen Zustande, den man vulgo den Stand der Natur nennt, befindet oder mit Gewalt sich selbst hineinwirft: so wird der Stärkste das Oberhaupt der Uebrigen – nicht durch eine freie Wahl, sondern in Kraft der Natur selbst – weil er den Muth hat, sich dazu aufzuwerfen, und die Kraft in sich fühlt, seinen Platz zu behaupten. – Indem ich der Stärkste sage, ist, wie Sie sehen, die Rede nicht vom Stärksten an Knochen und Sehnen (wiewohl es Fälle gibt, wo ein Sänftenträger mehr zu bedeuten hat, als ein Julius Cäsar), sondern am stärksten an Sinn, Einbildung, Verstand und Muth – von dem, dessen Genius die Uebrigen im Zwang hält und wie Wasserbäche leitet – und um dieser Stärke willen wurde Julius Cäsar am Ende doch Meister von allen Sänftenträgern in Rom, so gut, als von allen Rednern und Schwätzern und kleinen raubsüchtigen Patriciern, parfumirten Cinäden, aimables Débauchés, wovon es im Lager des alten Pompejus wimmelte – und er hätte entweder zuvor das Leben verlieren müssen, oder er mußte, von natürlichen Zwangrechts wegen, Herr über sie werden. Denn was kann der Obergewalt der Natur widerstehen? Zehntausend Mal tausend schwache Menschen sind zusammengezählt nicht stärker gegen einen überwiegenden Starken, als es jeder von ihnen einzeln ist.

Ich dächte nach diesen so unmittelbar auf die Constitution der menschlichen Natur und (eben darum!) auf die Geschichte aller Völker von Anbeginn der Welt sich stützenden Prämissen sollt' es nun nicht mehr so schrecklich in Ihren Ohren klingen, wenn ich gerade heraussage: das Recht des Stärkern sey Jure Divino die wahre Quelle aller obrigkeitlichen Gewalt. Es versteht sich, daß ich mir bei einem Satze, der, so wahr er auch ist, doch ersten Anblicks so gefährlich 293 aussieht, alle Mißdeutungen, Sophismen und verhaßte Folgerungen verbitten muß. Die Rede ist nicht vom Mißbrauch der Stärke und Gewalt – wiewohl die Natur auch dafür schon gesorgt hat, daß gemißbrauchte und tyrannische Gewalt sich selbst zerstören muß. Ich betrachte für jetzt Alles blos in der Ordnung der Natur – und vermöge dieser ist der Stärkste überall im ganzen All der Schöpfung Meister und Herr; und die Schwächern beugen sich vor ihm, lassen sich von ihm anziehen, bewegen sich um ihn her, vertrauen ihm und erfreuen und trösten sich seines Schutzes: – um so mehr, da, gewöhnlicher Weise, die größte Stärke der wirkenden Kräfte mit verhältnißmäßiger Großmuth, Aufrichtigkeit, Treue, Gutherzigkeit gesellet zu seyn pflegt.

Es ist also dem Wesen der Sache gemäß, es ist Facti, ist immer so gewesen und wird immer so bleiben: unter einem Volk von Jägern ist der kühnste, unverdrossenste, scharfäugigste, duldsamste und dauerhafteste, mit einem Wort, der beste Jäger König; unter einem Volke von Hirten ist's der, der den furchtbarsten Wolf erlegt hat; unter einem wilden Volke, das von Krieg und Raub lebt, ist's der, der die meisten Feinde erschlagen hat – und so sind, ohne allen Zweifel, die ersten Könige entstanden. Die Natur gibt dem Schwächern im Stärkern einen Beschützer, einen Vater. Dieß ist ihr großes Gesetz. Sie hat es nirgends unter Trompetenschall ausrufen oder durch ihren Canzler niederschreiben lassen, denn sie hat keine Trompeter und keinen Canzler und braucht auch keine – sie spricht durch Wirkung und That. Sie sagt nicht: »Ihr Planeten sollt die Sonne für euren König erkennen!« sondern setzt die Sonne mitten unter sie hin; und nun entziehe sich einer ihrer Herrschaft, wenn er kann!

294 So stellte sie zu verschiedenen Zeiten einen Sesostris – einen Cyrus – einen Alexander – einen Cäsar – einen Attila – einen Karl den Franken – einen Muhammed – einen TimurbegTimur, tatarischer Beg, schwang sich vom Vezir zum Selbstherrscher auf. Kriegerisch, wie er war, fiel er über Persien und Indien her, unterjochte Astrachan und Kasan, drang in Rußland ein, demüthigte den Sultan Bajazid und würde auch China's sich bemächtigt haben, hätte nicht der Tod ihm ein Ziel gesetzt. – einen Gustav Vasa – einen Cromwell auf – –

»Wie? Was? einen Cromwell?« – Ja, mein Freund, einen Cromwell! – und ich fechte dadurch nicht gegen mich selbst: denn der Plan der Natur ist so unermeßlich groß, daß sie oft und alle Augenblicke uns Kurzsichtigen nach widersprechenden Gesetzen und Zwecken zu handeln scheint. – Ja, dieser Cromwell, der Zerstörer der Staatsverfassung seines Vaterlandes, der Mörder seines Königs, der tapferste, der tugendhafteste, devoteste Bösewicht, der vielleicht jemals gelebt hat – war zu seiner Zeit der Stärkste unter seinem Volke, und so folgte daraus, was unter damaligen Umständen folgen mußte. Und – was brauchen wir weitern Zeugnisses? – Die ehrwürdigsten Mächte erkannten laut oder stillschweigend sein Recht; Könige neigten sich vor dem Manne, der ihren Bruder öffentlich durch Nachrichters Hand zum Tode gebracht hatte, schickten ihre Gesandten, nahmen die seinigen an, schlossen Bündnisse mit ihm und suchten seine Freundschaft. – Wenn Könige nicht wissen sollten, was in ihrer eignen Sache Recht ist, wer sollt's wissen?

Doch dieß im Vorbeigehen – denn auf diesem Seitenwege würden wir uns zu weit von unserer Hauptfrage verirren.


Alles, was ich bisher gesagt habe, zweckt dahin ab, als einen Grundsatz aufzustellen: es liege in der menschlichen Natur ein angeborner Instinct, denjenigen für unsern natürlichen Obern, Führer und Regenten zu erkennen und uns 295 willig von ihm leiten und meistern zu lassen, dessen Obermacht wir fühlen, und dieß sey hie erste Quelle der obrigkeitlichen Gewalt unter den Menschen gewesen.

Und nun behaupte ich, eben dieser Instinct sey auch in der Folge auf Seiten der Völker die Hauptursache gewesen, warum sie sich bei allen den mannigfaltigen Veränderungen beruhiget haben, die nach und nach

per varios casus et tot discrimina rerum

mit der politischen Form und Verfassung der Staaten vorgegangen. Immer verhielt sich das Volk, d. i. der größte Theil der Nation, leidend dabei. Denn auch dann, wenn es anmaßliche oder erwählte Repräsentanten hatte, waren gemeiniglich die Rechte des Volks nur der Schild und Deckmantel, unter welchem die Mächtigsten unter dem Adel und der Klerisei und die Ehrgeizigsten, Verschmitztesten und Beredtesten unter dem Volke ihre Privatabsichten desto sicherer durchzusetzen wußten. – Wenn etwa noch Jemand wäre, der nicht wüßte, was Repräsentanten einer Nation sind: so kann er sich aus der neuern und neuesten Geschichte einer gewissen Ile flottanteSchwimmende Insel, ist, wie sogleich einleuchtet, im uneigentlichen Sinne gesagt statt eines Staates, der zu keinem festen, sichern Bestande gelangen kann; er braucht also nicht gerade ein Inselreich zu seyn. Da nun aber der Herausgeber nicht weiß, ob damit Polen oder England oder Frankreich gemeint sey, so scheint es rathsam, zur Erläuterung darüber einige von Dohm, an den dieser Aufsatz gerichtet ist, in demselben Jahre 1777 geschriebene Stellen hier beizufügen. – England. – »Die Berathschlagungen werden wieder den Gang nehmen, den man im englischen Parlamente gewohnt ist. Die Ministerialpartei überläßt es der Opposition, schöne Reden zu halten, und begnügt sich, wenn's zum Stimmensammeln kommt, die Majorität zu machen.« – Frankreich. – »Die beiden wichtigsten, nicht nur Frankreich, sondern überhaupt die Menschheit interessirendsten Verordnungen Turgots sind die über die Abschaffung der Frohndienste zum Wegebau und über die Abschaffung der Zünfte. Sicher wird jeder Leser derselben sich wundern, zu hören, daß sich in der Ausübung Widerspruch und Hindernisse fanden. Und diese Hindernisse kommen von einer Seite her, von der man sie nicht vermuthet hätte – vom Parlament zu Paris, eben dem, das die ganze Nation für die Stütze des Staats hielt, dem sie Beifall zujauchzte, als es sich den despotischen Eingriffen Ludwigs XV. widersetzte und im Jan. 1771 cassirt wurde. Ludwig XVI. stellte es im November 1774 wieder her, und nun widersetzte es sich einer der wohlthätigsten Anwendungen, die der Monarch von seiner Gewalt machen konnte. Zwar würde es eine tadelnswürdige Dankbarkeit gewesen seyn, wenn das Parlament sein (freilich immer streitiges) Recht, die königlichen Edicte nur nach eigner Billigung zu registriren und Vorstellungen gegen dieselben zu machen, nicht hätte durch Ausübung desselben in dem Zustande erhalten wollen, worin es dieses Recht bekommen hatte. Allerdings konnte es also auch gegen das Edict von den Frohndiensten Vorstellungen machen – aber diejenigen, die es machte, beweisen, daß es dem Parlamente nicht darum zu thun war, der Repräsentant der Stände, der Vertreter und Beschützer der Freiheiten der Nation zu seyn. Man sieht aus diesen Vorstellungen, daß das Parlament ganz die Grundsätze angenommen hatte, die Boulainvilliers zuerst in ein System ordnete und mit historischen Gründen aufstutzte: daß nämlich Frankreich seiner Natur und ursprünglichen Verfassung nach eine Aristokratie sey, in welcher Adel und Geistlichkeit nur mit Kopf, Degen und Rosenkranz zu dienen schuldig wären, der unglückliche Tier-Etat aber, als Nachkommen der durch die Franken überwundenen alten Gallier, alle mögliche Abgaben allein tragen müsse. Ich will nur zwei Anmerkungen über dieses System machen, die meiner Meinung nach entscheidend sind: erstlich, daß das in nuce angegebene System, wäre es auch historisch wahr, den Rechten der Menschheit überhaupt widerspreche, die nicht erlauben, bei der Classification der Bürger im 18. Jahrhundert zu fragen, ob ihre Vorfahren im sechsten Ueberwinder oder Ueberwundene waren? Zweitens, daß, wenn auch in den früheren Jahrhunderten der Monarchie Adel und Klerisei blos Bürger waren, allein Rechte hatten, dieß doch im 12. Jahrhunderte durch die große Veränderung, welche die Kreuzzüge hervorbrachten, ganz abgeändert sey, und seit 1304 ein wirklicher dritter Stand existire, zu dessen Nachtheil und Beschwerde die beiden andern Stände – und noch weniger das Parlament, nichts festsetzen können. – Indeß bleibt es ausgemacht, daß die jetzigen Parlamenter blos damit umgehen, die Verfassung von Frankreich immer mehr und mehr der von Boulainvilliers vorgestellten ursprünglichen zu approximiren, von der einen Seite als anerkannte Repräsentanten der Stände zu handeln, die königliche Gewalt auf alle mögliche Art einzuschränken und von der andern alle Lasten und Auflagen auf das unglückliche Volk zu wälzen und die kränkende Unterscheidung der Baronen, Klerisei und Sklaven wieder herzustellen. Dieß ist der Plan des Parlaments, zu dessen Ausführung es sich auch mit seinem alten Gegner, der Klerisei, zu verbinden nicht unschicklich hält.« – Polen. – Nach der vorigen Stelle bedarf es keiner Anmerkung weiter. so trefflich davon belehren, daß es ihm, Alles zusammengerechnet, (wenigstens) eben so sicher dünken wird, seine Menschheitsrechte in unsers lieben Herrn Gottes unmittelbarem Schutz zu wissen, als in den Händen solcher Repräsentanten, die alle Augenblicke die Rolle vergessen, die man ihnen zu spielen gegeben hat, und auch, wenn sie's am besten zu machen scheinen, doch immer nur sich selbst repräsentiren.

Man durchgehe die Geschichte aller Wahlreiche und aller erwählten Regenten und sehe – wie viel die Nation dabei gewinnt, daß Etliche aus ihrem Mittel das Recht haben, denjenigen zum König zu setzen, der ihrem besondern Interesse 296 am zuträglichsten ist! – Und eben weil in einem Wahlreiche der gemeine Mann, der doch den zahlreichsten und wichtigsten Theil der Nation ausmacht, gar wohl fühlt, wie wenig es ihm verschlägt, wer ihn beherrsche, indem sein Schicksal im Ganzen genommen das nämliche bleiben wird; so sehen wir ihn so ruhig und gleichgültig abwarten, was die Götter dießfalls beschließen: oder, wenn er sich ja für einen Candidaten mehr als für den andern interessirt, so ist es entweder aus irgend einer dumpfsinnigen Parteilichkeit für dessen Haus oder Person oder aus vermeintem Religionsinteresse, oder weil er unter dem einen mehr in Ruhe und Frieden zu leben hofft, als unter dem andern. Allein, da auf seine Theilnehmung so ganz und gar nichts ankommt – so ist's im Grunde für ihn auch einerlei, ob der Oberherr, der ihm gegeben wird, dazu geboren oder erwählt sey. Sobald er nur einen Reiter auf seinem Rücken fühlt, der seiner mächtig ist, so gibt er sich zufrieden, folgt dem Zügel und duldet den Sporn.

Ueberhaupt sehen wir, daß die Völker sich gern unter eine erbliche Regierung schmiegen, gern einem gewissen Hause, einer festgesetzten Folge von Prinzen unterthan sind, sich gar bald angewöhnen, diese ihre Herren für eine höhere Art von Wesen anzusehen, und vor einem neugebornen Kron- oder Erbprinzen kaum mit weniger Andacht, Glauben, Liebe und Hoffnung die Knie beugen, als die heiligen drei Könige vor dem Christkindlein. All dieß, lieber Herr und Freund, ist in der menschlichen Natur; und wohl dem gemeinen Manne, dem kein Stephanus Junius BrutusStephanus Junius Brutus ist Hubertus Languet, dessen Werk Vindiciae contra tyrannos zuerst 1579 zu Edinburgh erschien, nachher öfters; eine französische Uebersetzung erschien 1581., kein MiltonMilton, der berühmte Dichter, stand während der Kämpfe gegen die Stuarts als politischer Schriftsteller auf der Seite Sidney's, Locke's u. A. »Er kämpfte,« sagt Eichhorn, »für die Freiheit in jedem Sinn, für häusliche, kirchliche und politische, für die erste in einem Buch über die Ehescheidung, für die zweite in einem Buch über die Kirchenverfassung, für die dritte in seinen Schriften über den Proceß Karls I.« Auszeichnung verdient sein Werk über die Preßfreiheit: Areapagitica, a Speech for the liberty of unlicens'd printing., kein Algernon Sidney, keine Cato's BriefeCato's Letters or Essays on liberty civil and religious and other important subjects, von Mrs. Trenchard und Gordon, 4 Bände. Im J. 1748 erschien davon die fünfte Auflage und eine deutsche Uebersetzung zu Göttingen 1756. dieß treuherzige Gefühl wegphilosophirt haben! Er nimmt seine Regenten, gut oder schlimm, als ihm von Gott gegeben an, und ein böser 297 Herr müßte beinah der Dedschial selbst seyn, bis dem Volk einfiele, die Frage aufzuwerfen: ob es auch wohl schuldig sey, Alles von ihm zu leiden? – So tief sitzt im Menschen das Gefühl, daß die bürgerliche Gesellschaft eben so, wie die ganze Natur, von einer höhern, Alles umfassenden, unabhängigen und unwiderstehlichen Macht zusammengedrückt und dadurch in ihrer Form erhalten werden müsse:Die Instanzen, die ich hievon aus den sogenannten Freistaaten selbst herholen könnte, würden diese Wahrheit auf die frappanteste Weise bestätigen. W. – und sofern ihm nur erlaubt ist, über die eine oder die andere dieser regierenden Mächte zu murren, wenn sie's ihm nicht nach seinem Sinn und Bedürfniß machen; so fällt ihm nicht ein, sich gegen sie aufzulehnen, und ein einziger Sonnenblick ist wieder hinlänglich, ihn zufrieden und gutes Muths zu machen.

In ältern Zeiten hatten die Menschen einen großen Glauben an das Loos, oder was wir den ungefähren Zufall nennen. Sie sahen es als eine Art von Orakel an, als einen unmittelbaren Ausspruch der Götter, auf den sie mehr Vertrauen setzten, als auf ihre eigne Klugheit. Und so wurde auch zuweilen, bei Erledigungsfällen, die Ernennung des neuen Regenten dem Loos oder Zufall überlassen – wie in vielen Republiken noch heutiges Tages geschieht. Die Erbfolge ist eine Art von Loos, die in den Augen der Völker eben dadurch eine ganz eigne Heiligkeit erhält, daß man (und dieß mit bestem Grunde) den Prinzen, der vermöge des Erbfolgerechts zum Thron geboren wird, gerade so ansieht und aufnimmt, als ob ihn ein Engel Gottes sichtbarlich aus den Wolken herabgebracht und mit einer durchs ganze Land hinschallenden Stimme gerufen hätte: Sehet, das ist euer Herr! Und man braucht nur die Menschen, anstatt sie in 298 abstracten Theorien studirt zu haben, aus dem gemeinen Leben kennen gelernt und ihre Art, zu empfinden und sich die Sachen vorzustellen, in vielen besondern Fällen beobachtet zu haben, so wird man (glaube ich) so überzeugt seyn, als ich es bin: daß ein Volk zu einem Prinzen, der ihm solchergestalt aus dem Himmel in den Schooß gefallen ist – mehr Vertrauen hat, als zu einem, den es selbst erwählt hätte. Daß freilich die Herren Philosophen und Staatsgelehrten und all das ehrsüchtige Völklein, das auch gern am Ruder sitzen und die Welt regieren helfen möchte, anders gesinnt ist, wollen wir ihnen nicht verdenken; es ist sehr natürlich: nur sollen sie auch bedenken, daß sie nicht das Volk, vielleicht nicht der zehentausendste Theil des Volks sind, zu dessen ungebetenen Vertretern sie sich aufwerfen.

Die Natur hat jedem ihrer Geschöpfe die Triebe und innern Anlagen gegeben, ohne die es nicht das werden könnte, was es seyn soll. Da die menschliche Gattung ohne Regierung nicht glücklich seyn, nicht einmal erhalten werden konnte: so ist der Mensch von Natur das gelehrigste und lenksamste aller Wesen – man müßte ihn denn nun gar nicht zu behandeln wissen. Was ihn aber am meisten geschickt macht, sich regieren zu lassen – und so regieren zu lassen, wie es gewöhnlich geschieht – sind drei oder vier charakteristische Züge, um derenwillen er sich von seines Gleichen schon oft hat den Görgen singen lassen müssen. – Zum Exempel, daß tausend Menschen, die man einzeln nicht vom Flecke bringen könnte, alle zusammen hinterdrein ziehn werden, sollt' es auch durch die Pforte der Höllen seyn, sobald einer vorangeht und ruft: Ein braver Kerl geht mit! – sodann: daß sie es einem Jeden herzlich Dank wissen, der ihnen die Mühe erspart, sich über eine Sache, die gleichwohl besorgt 299 werden muß, den Kopf zu zerbrechen; ferner: daß sie sich sehr leicht an etwas gewöhnen, daß nichts so albern, widersinnisch, unlustig, mühselig und beschwerlich ist, das ihnen die Gewohnheit nicht erträglich und zum Theil so leicht macht, daß sie es zuletzt gar nicht mehr fühlen – und endlich; daß sie größtentheils und in den meisten Augenblicken ihres Lebens in einem Nebel wandeln, der sie nicht viel weiter, als vor ihre Füße hinsehen läßt; so daß sie sich um alles Gegenwärtige, was ein wenig weit von ihnen liegt, wenig und um die Zukunft oder die entferntern Folgen des Gegenwärtigen gar nicht bekümmern –: vier Qualitäten, die (unter uns gesagt) der weltberühmten menschlichen Vernunft eben nicht die größte Ehre machen. Aber – ohne sie, wie sollten auch Menschen von ihres Gleichen regiert werden können? – Denn, nachdem die Regierung und bürgerliche Ordnung einmal bei den verschiedenen Völkern Platz genommen und Wurzeln geschlagen, so wird freilich der Fall, daß die Regenten wirklich auch die Besten unter ihrem Volke sind, immer seltner. Aber es bedarf auch dessen nicht schlechterdings. Denn, wenn das Werk nur einmal eingerichtet und im Gange ist, so braucht es eben keiner so starken Hand, um es darin zu erhalten; die Gewalt und Kraft, die den Staat zusammenhält, liegt dann in der ganzen politischen Maschinerie; und es ist zur Noth genug, wenn derjenige, der dafür angesehen wird, als ob er den Olympus trage, nur unten steht und repräsentirt. Wäre das nicht, so müßte von zweien der größten Reiche in Europa schon längst keine Fuge mehr in die andere passen. – Freilich kommen dann auch Fälle – aber darum gibt's auch keine Maschine und keinen Staat, der ewig dauert.

300 Ich habe behauptet: daß die Völker aus eben dem Grunde natürlicher Nothwendigkeit der obrigkeitlichen Gewalt unterworfen sind, um dessenwillen die Kinder natürliche Unterthanen ihrer Eltern sind. Es wäre leicht, die Aehnlichkeit zwischen einem Volke und einem Kinde ausführlich darzuthun, wenn es, nach dem, was ich eben über die Ursachen der sonderbaren Lenksamkeit der menschlichen Gattung gesagt habe, noch nöthig wäre. Das bekannte: Ihr Griechen bleibt ewig Kinder! ist ein Compliment, das man, ohne sich an ihrer angeblichen Majestät zu versündigen, allen Nationen in der Welt machen kann. Und wie sollt' es auch anders seyn können, da jedes Volk, statt der täglich abgehenden, täglich wieder mit Kindern recrutirt wird, und das eigentliche Alter der Vernunft bei jedem Menschen nur ein schmaler Isthmus zwischen einer zwiefachen Kindheit ist! – Ja selbst in diesem Alter der Vernunft, welch ein Unterschied zwischen tausend Menschen, jeder einzeln und für sich in seinem eignen Wirkungskreise genommen, und eben diesen tausend Menschen, wenn sie in einem Haufen versammelt sind? Ist's nicht uralte, millionenmal bestätigte Wahrheit, daß die Menschen, sobald sie sich in eine Masse zusammendrängen, einzeln den größten Theil ihrer Kraft verlieren? Wie oft hat man gesehen, daß die gescheidtesten Leute einer oder vieler Nationen, sobald sie in großer Anzahl feierlich und in Ceremonien-Röcken versammelt sind, um über die wichtigsten Gegenstände der Menschheit in Corpore zu deliberiren – sich just in Corpore so albern betragen, so wenig wissen, was sie wollen, einander so wenig verstehen, so viel Zeit mit Nebendingen verderben, über die klarsten Dinge so viel schwatzen, punctiren, grübeln, zanken und sophistisiren, als ob sie die ausgemachtesten – Abderiten wären; und 301 endlich: – nach, Gott weiß! wie viel Sessionen – zuletzt doch entweder gar nichts zu Stande bringen oder von einem Einzigen, der durch List oder Gewalt Meister über sie wird, sich bemaulkorben und (gern oder ungern) ganz anders wohin führen lassen müssen, als wohin sie anfangs gehen wollten!

Und wenn es denn eine so große Wahrheit ist und bleibt, daß Kinder und Völker aus dem nämlichen Grunde regiert werden müssen: wie auffallend ist nicht das Widersinnische in der Meinung derjenigen, die zu einem Menschheitsrechte machen: »das Volk habe ein unverlierbares Recht, über die Regierung seiner Obrigkeit zu urtheilen und sich, zum Exempel, der Herrschaft seines Königs zu entziehen, wenn er durch eine schlimme Regierung sich der Krone unwürdig gemacht.« Wie? Kinder – die eben darum, weil sie sich nicht selbst regieren können, unter väterlicher Gewalt stehen – sollen ein Recht haben, ihren Vater zu controliren? entscheidend zu urtheilen, ob seine Befehle vernünftig und zu ihrem Besten zweckmäßig seyen? ob er ihnen nicht mehr Spielzeug und Naschwerk geben sollte? ob er ihnen in diesem oder jenem Falle die Ruthe auch wohl mit Recht oder nicht zu stark oder keinen Streich zu viel gegeben habe? ob er auch Weisheit und Tugend genug habe, so liebe, artige, gescheidte und im Grunde doch wohl Alles besser wissende Kinder, wie sie sind, zu regieren? ob er nicht zuweilen selbst thue, was er ihnen verbeut? und ob sie also nicht gar wohl befugt seyen, sich mit gesammter Hand über ihn her zu machen und ihm die Ruthe auch zu geben, die er sie so oft unbilliger Weise empfinden lassen u. s. w.? Feine, weise, wohl überlegte Grundsätze – deren Einführung in die Kinderzucht und in die bürgerliche Regierung herrliche Folgen haben würde! – Es mag, wenn Sie wollen, eine ganz löbliche 302 Beschäftigung der Herren Philosophen seyn, immer und ewig darüber zu raffiniren, wie den Gebrechen und Schäden der Menschheit und ihren Einrichtungen geholfen werden könnte: nur müssen die Mittel, die sie uns dazu anpreisen, nicht (wie, leider! fast immer der Fall ist) ärger seyn, als das Uebel selbst, wovon sie uns heilen, oder dem sie zuvorkommen wollen.


Ich sehe wohl, daß ich noch gar viel zu sagen hätte, wenn ich ins Detail gehen, die Verbindung meines Grundsatzes mit den echten und allgemein anerkannten Grundmaximen einer jeden guten bürgerlichen Regierung zeigen und auf alle Einwürfe, die ich voraussehe, auch voraus antworten wollte. – Aber μηδεν αγαν! – nur dieß lassen Sie mich jetzt noch sagen: Wenn wir die Weltgeschichte von Jahrhundert zu Jahrhundert und die besonderen Völkergeschichten von Generation zu Generation übersehen und vergleichen, und sehen dann, wie wunderbar die unermeßliche Kette von Ursachen und Wirkungen sich fortschlingt; wie immer ganz andere Effecte herauskommen, als man von den vermeinten Ursachen erwartet hätte; wie ein Reich, dem von seinen eignen Staatsärzten der gewisse Untergang als eine Folge jeder angeblichen Sottise, so die Regierung gemacht, zwanzig und mehr Jahre hinter einander angedroht worden, dessen ungeachtet sich in seinem Stand und Wesen erhält und die Weissagungen seiner Propheten zu Schanden macht; wie oft die klügsten Maßregeln nichts, und dagegen ein dummer Streich wider Wissen und Hoffen dessen, der ihn gemacht, den besten Effect hervorgebracht; wie mitten unter allen 303 anscheinenden Ursachen einer allgemeinen Zerrüttung sich das Ganze doch immer im Gleichgewichte und jede Nation wenigstens in einem leidlichen Zustande erhält – kurz – wenn wir sehen, durch was für ein Minimum von Weisheit die Welt regiert und wahrlich wenigstens so regiert wird, daß es schwerlich einer von uns besser machen würde: so däucht mich, es leuchte stark in die Augen, daß es blos die in allen Regierungen hinter der Scene spielende Theokratie sey, welche macht, daß es, trotz unsern eiteln Besorgnissen – nicht schlimmer und oft gegen alle unsere Deductionen, Theorien und Demonstrationen so viel besser in der Welt geht, als es unsrer einfältigen Meinung nach gehen sollte.

Uebrigens hoffe ich, Sie werden mit mir überzeugt seyn, daß die Auflösung des politischen Problems, worüber ich Ihnen hier meine geringe Meinung en gros mitgetheilt, auf welche Weise sie auch geschehe, in die Praxin wenig oder gar keinen Einfluß habe. Dergleichen Dinge sind gut per la predica. Im Leben selbst aber bleibt's doch immer beim Alten. Es gab eine Zeit, wo die Monarchenfresser – gefährlich waren; dermalen braucht Claus Zettel seinen Kopf nicht aus der Löwenhaut herauszustecken, um uns zu sagen, daß er kein Löwe im Ernste sey. Der Cynismus, der je länger je mehr Mode zu werden scheint, und unter dessen mancherlei komischen Symptomen auch dieß ist, daß wir so stolze Blicke aus unsern Tonnen hervor auf die Könige werfen – wird, wie alle unsre Moden, vorübergehn und schwerlich mehr Spur hinter sich lassen, als die ellenlangen Haaraufsätze und die dreifingerbreiten Haarbeutel. Und so lassen Sie mich mit einer Wahrheit schließen, die gewiß von uns Beiden, so verschieden wir auch über den Grund der obrigkeitlichen Macht denken mögen, mit gleich starker Ueberzeugung für eine große 304 Wahrheit anerkannt wird – und die ich nicht besser noch kürzer auszudrücken weiß, als wie sie auf dem Grabmal der berühmten Mistriß Macaulay»Regierung ist eine Macht, eingesetzt zum Heil des Menschengeschlechts, wenn sie von Weisheit, Gerechtigkeit und Milde geleitet wird.« Ungeachtet aber Wieland die Mistriß M. eine berühmte nennt, so kenne ich sie doch nicht. Auf die allerdings berühmte politische Schriftstellerin dieses Namens (geborne Sawbridge und späterhin an einen jüngeren Bruder des bekannten Doctor Graham verheirathet), welcher der D. Wilson eine Bildsäule im Charakter der Freiheit errichten ließ, würde solch eine Grabschrift passen; da sie aber erst im J. 1791 starb, so konnte sie im J. 1777 kein Grabmal haben, sie müßte sich es denn bei ihren Lebzeiten oder ihrem ersten damals verstorbenen Ehemann haben errichten lassen, was ich nicht weiß. eingegraben steht:

Government
is a Power
delegated for the
Happiness of Mankind
when conducted by
Wisdom, Justice
and Mercy.

Und – um dieser theoretischen Wahrheit auch noch eine Nutzanwendung beizufügen – möchten Obrigkeiten und Unterthanen der Ermahnung Pauls des Apostels – der auch blos als Mensch einer der Weisesten und Größten war, die je gewesen sind – ewig treu bleiben:

Ihr Kinder,
seyd gehorsam den Eltern
in allen Dingen,
denn dieß ist dem Herrn gefällig!
Ihr Väter,
erbittert eure Kinder nicht,
auf daß sie nicht scheu werden!

 


 








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