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Über James Cook und andere Essays

Georg Forster: Über James Cook und andere Essays - Kapitel 7
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Über das Verhältnis der Mainzer gegen die Franken

Gesprochen in der Gesellschaft der Volksfreunde den 15ten November 1792

Mitbürger!

Die Ränke und heimlichen Intriguen der Übelgesinnten scheinen es mit jedem Tage dem guten Bürger dringender ans Herz zu legen, daß er ihnen gesunde Vernunft und offenherzigen, lauten Widerspruch entgegensetze. Dieser Gegenstand ist insbesondere bei unserer, der Belehrung bestimmten Gesellschaft immerfort an der Tagesordnung; und ich bitte daher mit Vertrauen auf Eure brüderliche Zuneigung, um Eure Aufmerksamkeit, indem ich willens bin, Euch von unserm Verhältniß zu den Franken zu unterhalten, und wo möglich, einige der schwachen Einwendungen zu widerlegen, welche die Feinde des gemeinen Wohls sorgfältig unter das Volk ausstreuen, welche manche vielleicht Gutmeinende, aber Irregeführte, ihnen nachbeten, welche endlich die Absicht haben, zwischen uns und der Frankenrepublik allerlei Dämme und Scheidemauern zu errichten, im Grunde aber nur durch ihre Menge und durch die heimliche Art ihrer Fortpflanzung, als Werke der Finsterniß wichtig sind. Gelingt es mir, Euere Beistimmung zu den Gründen die ich vorbringen werde zu erhalten, so hoffe ich desto eher für meinen Eifer um die gute Sache und die Wärme meiner Aufforderungen an Euch liebe Mitbürger, Eurer Genehmhaltung gewürdigt zu werden; in jedem andern Falle, hat der reine gute Wille einigen Anspruch wenigstens auf Entschuldigung.

Zuerst will ich der Misverständnisse erwähnen, welche zwischen unsern Brüdern den Franken und uns, etwa aus der Verschiedenheit des Nationalcharakters entspringen könnten, welche man aber auf eine hinterlistige Art so sehr zu vergrößern sucht, daß man sie als Beweise von der vermeinten großen Schwierigkeit einer politischen Vereinigung zwischen beiden Nationen anzuführen sich nicht entblödet. In dieser Rücksicht werden sie einer Gesellschaft wichtig, deren Zwecke diese Vereinigung sein und bleiben muß.

Bisher war es eine schlaue Politik der Fürsten, die Völker sorgfältig von einander abzusondern, sie an Sitten, Charakter, Gesetzen, Denkungsart und Empfindung gänzlich von einander verschieden zu erhalten, Haß, Neid, Spott, Geringschätzung einer Nation gegen die andere zu nähren und dadurch ihre eigene Oberherrschaft desto sicherer zu stellen. Umsonst behauptete die reinste Sittenlehre, daß alle Menschen Brüder sind; dieselbe Innung, die einen besondern Beruf zu haben vorgab, das zu lehren, hetzte diese Brüder gegeneinander auf; denn ihr verderbtes und versteinertes Herz erkannte keinen Bruder. Die Befriedigung ihrer oft niedrigen, oft bitteren Leidenschaften, ihr stolzes Ich gieng ihnen über alles und ließ kein Mitgefühl in ihnen emporkommen. Herrschen war ihre erste und letzte Glückseligkeit und um ihre Herrschaft zu erweitern, gab es kein zuverläßigeres Mittel, als diejenigen, die sich schon unter ihrem Joch befanden zu blenden, zu täuschen, und sodann – zu plündern.

Unter den tausenderlei Erfindungen, womit sie ihre Untergebenen zu hintergehen wußten, gehört auch diese, daß sie sichs sorgfältig angelegen sein ließen, den Glauben an erbliche Unterschiede unter den Menschen allgemein zu verbreiten, durch Gesetze zu erzwingen, und durch gedungene Apostel predigen zu lassen. Einige Menschen, hieß es, sind zum Befehlen und Regieren, andere zum Besitz von Pfründen und Ämtern geboren; der große Haufe ist zum gehorchen gemacht; der Neger ist seiner schwarzen Haut und seiner platten Nase wegen schon zum Sklaven des Weißen von der Natur bestimmt; und was dergleichen Lästerungen der heiligen gesunden Vernunft noch mehr waren.

Aber sie sind verschwunden von unserm gereinigten, der Freiheit und Gleichheit geweihten Boden, sie sind auf ewig in das Meer der Vergessenheit geworfen, diese Denkmäler der Bosheit der Wenigen und der Schwachheit und Verfinsterung der Menge. Frei sein und gleich sein, der Sinnspruch vernünftiger und moralischer Menschen, ist nunmehr auch der unsrige geworden. Für den Gebrauch seiner Kräfte, des Körpers und des Geistes, fordert jeder gleiches Recht, gleiche Freiheit; und nur die Verschiedenheit dieser Kräfte selbst bestimmt die verschiedene Art ihrer Anwendung und Nützlichkeit. Du Glücklicher! dem die Natur große Vorzüge des Geistes, oder auch gewaltige Leibesstärke geschenkt hat, bist du nicht zufrieden, zu so großem Genuße deiner eigenen Kräfte ausgestattet zu sein? Wie darfst du dem der schwächer ist als du, das Recht versagen, mit seinem geringern Maas von Kräften anzufangen, was er kann und was er ohne Nachtheil eines andern will?

Dies, Mitbürger ist die Sprache der Vernunft, die so lange verkannt und erstickt worden ist. Daß wir sie hier laut reden dürfen, hier, wo sie nie ertönte, so lange nicht der Auswurf des Menschengeschlechts, nämlich ausgeartete, schwachsinnige Privilegirte, hier ihre besseren, nicht privilegirten Brüder verdrängten, – daß wir diese Sprache reden, wem andern verdanken wir es als den freien, den gleichen, den tapferen Franken?

Es ist wahr, man hat dem Deutschen von Jugend auf eine Abneigung gegen seinen französischen Nachbar eingeflößt; es ist wahr ihre Sitten, ihre Sprachen, ihre Temperamente sind verschieden; es ist wahr, als die grausamsten Ungeheuer noch in Frankreich herrschten, da rauchte unser Deutschland auf ihr Geheiß, da ließ ein Marquis de Louvois, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt, damit die Völker ihm fluchen mögen, die Pfalz in Brand stecken und Ludwig der vierzehnte, ein elender Despot, lieh seinen Namen zu diesem verhaßten Befehl. –

Laßt Euch aber nicht irre führen, Mitbürger, durch die Begebenheiten der Vorzeit; erst vier Jahre alt ist die Freiheit der Franken, und seht, schon sind sie ein neues, umgeschaffenes Volk; sie, die Überwinder unsrer Tyrannen, fallen als Brüder in unsere Arme, sie schützen uns, sie geben uns den rührendsten Beweis von Brüdertreue, indem sie ihre so theuer erkaufte Freiheit mit uns theilen wollen – und dies ist das erste Jahr der Republik! So kann die Freiheit im Herzen der Menschen wirken, so heiligt sie sich selbst den Tempel, den sie bewohnt!

Was waren wir noch vor drei Wochen? Wie hat die wunderbare Verwandlung nur so schnell geschehen können, aus bedrückten, gemishandelten, stillschweigenden Knechten eines Priesters, in aufgerichtete, lautredende, freie Bürger, in kühne Freunde der Freiheit und Gleichheit, bereit frei zu leben oder zu sterben! Mitbürger! Brüder! die Kraft, die uns so verwandeln konnte, kann auch Franken und Mainzer verschmelzen zu Einem Volk!

Unsere Sprachen sind verschieden; – müßen es darum auch unsere Begriffe seyn?

Sind Liberté und Egalité nicht mehr dieselben Kleinode der Menschheit, wenn wir sie Freiheit und Gleichheit nennen? Seit wenn hat es die Verschiedenheit der Sprachen unmöglich gemacht, demselben Gesetz zu gehorchen? – Herrscht nicht Rußlands Despotin über hundert Völker von verschiedenen Zungen? Spricht denn nicht der Ungar, der Böhme, der Österreicher, der Brabanter, der Mailänder seine eigene Sprache, und sind sie nicht alle eines Kaisers Knechte? Und hießen nicht einst die Einwohner der halben Welt Bürger von Rom? – Es wird doch freien Völkern nicht schwerer werden, sich gemeinschaftlich zu den ewigen Wahrheiten, die in der Natur des Menschen ihren Grund haben, zu bekennen, als es den Sklaven war, einem Herrn zu gehorchen? –

Damals, als Frankreich noch unter der Peitsche seiner Despoten und ihrer abgefeimten Werkzeuge stand, war es ja das Muster, nach welchem sich alle Kabinette bildeten! damals fanden Fürsten und Edle nichts so ehrenvoll, als ihre Muttersprache zu verläugnen, um schlechtes französisch, noch schlechter auszusprechen. Doch seht! die Franken zerbrechen ihre Ketten, sie sind frei, – und plötzlich ändert sich der ekle Geschmack des lispelnden und lallenden Aristokraten; die Sprache freier Männer verwundet seine Zunge; gern mögt' er uns jezt überreden, daß er durch und durch ein Deutscher sei, daß er sich sogar der französischen Sprache schäme, um hinter drein mit dem Wunsch hervorzutreten, daß wir doch nicht den Franken nachahmen sollten.

Hinweg mit diesen hinterlistigen, diesen schwachen Eingebungen! Was wahr ist, bleibt wahr, in Mainz wie in Paris und es mag gesagt werden wo und in welcher Sprache man will. Irgendwo muß das gute doch zuerst an den Tag kommen, und sich dann über die ganze Erde verbreiten; ein Mainzer erfand die Buchdruckerkunst; und warum nicht ein Franke die Freiheit des achtzehnten Jahrhunderts? Mitbürger, beweiset es laut, daß der Siegesruf dieser Freiheit auch in deutscher Mundart den Knechten fürchterlich klingt; verkündigts ihnen, daß sie rußisch lernen müßen, wenn sie die Rede freier Männer nicht hören und nicht sprechen wollen – was sage ich? Nein! donnert es in ihre Ohren, daß man bald alle tausend Sprachen der Erde nur aus dem Munde freier Menschen hören und den Sklaven nichts übrig lassen wird, als, nachdem sie der Vernunft entsagt haben, auch zum bellen ihre Zuflucht zu nehmen.

Wie? Die Thorheiten und Laster der Nachbaren, da sie noch von ihren Tyrannen gemisleitet wurden, drang man mit lächerlicher und strafbarer Nachahmungssucht dem Deutschen auf, man schämte sich nicht, dem Volke darin mit verderblichem Beispiel voranzugehen – und jezt, da wir Weisheit, Tugend, Glückseligkeit, – kurz Freiheit und Gleichheit aus ihrer Hand erhalten können, will man uns warnen vor dem fränkischen Beispiel? Wer durchschaut nicht diese armseligen, ohnmächtigen Künste der sterbenden Aristokratie?

Immer entzweite die Aristokratie die Menschen miteinander, immer säete sie Zwiespalt und Haß, um ihre Herrschaft sicher zu gründen; jezt, in ihrem gefallenen Zustande, streut sie noch erdichtete Nachrichten, verläumderische Anklagen, heimtückischen Verdacht, leere Drohungen, und tausendfache Schrecken unter das Volk, um Zeit zu gewinnen, um uns in Unthätigkeit zu versenken, um Lauigkeit und Betäubung hervorzubringen und sich den Weg zur Tyrannei von neuem zu bahnen. – Allein der Geist unsrer Gesellschaft, der überall ein siegreicher Gegner jener ränkevollen Herrschgier gewesen ist, wird auch innerhalb unsern Mauern seinen unwiderstehlichen Einfluß äußern, und ihre Pläne zertrümmern. Ihren Bemühungen uns zu entzweien, setzen wir den engen, treuen Bruderbund entgegen; wollen sie den Freiheitseifer dämpfen und alle Bewegung unter uns hemmen; wohlan! so ist Thätigkeit, Betriebsamkeit, Wirken unser Grundgesetz; wir fachen die heilige Flamme an, wir spornen zur Erreichung des großen Ziels, wir ruhen nicht, bis Freiheit und Gleichheit als die unumstößlichen Grundsätze menschlicher Glückseligkeit anerkannt worden sind, wir bieten die so lang gefesselten Kräfte auf, um uns den Besitz der unschätzbaren Wohlthat zu sichern, die uns durch die Ankunft unserer Brüder der Franken, ohne einen Schwertstreich zu Theil geworden ist.

Mit Recht erinnere ich noch einmal, was nie zu oft in dieser Gesellschaft gesagt werden kann, daß die Feinde des Bürgers geschäftigt sind, ihren Gift überall einzumischen, damit nur Mainz still sitze, damit es fürchte und warte, mit einem Wort: Damit es nimmermehr frei werde! dies ist der wichtige Punkt, wohin ich eigentlich kommen mußte, um von unserm Verhältniß zu den Franken zu reden. Hütet Euch, Mitbürger, vor denen die Euch rathen, die Hände in den Schoos zu legen und der Freiheit nicht entgegen zu kommen; traut den Ohrenbläsern nicht, die Euch gern beschwatzen mögten, die alte Tyrannei unter einem neuen Namen wieder anzunehmen. Ich kann Euch beweisen, daß es nicht nur ehrenvoller ist, die ganze, unvermischte Freiheit zu wählen, sondern daß in diesem Falle wie es immer seyn muß, das beste und ehrenvollste auch zugleich das Vorteilhafteste und sicherste ist. Dürfte ich hier einen Augenblick Euch an die Verhältnisse desjenigen, der mit Euch spricht, erinnern, so würde es nicht zur Unzeit gesagt seyn, daß sein Rath desto treuer, unverdächtiger und annehmenswerther ist, weil keine besondere Privatleidenschaft ihn antreibt, gegen Despotismus zu eifern.

Dies ist aber ein Zeitpunkt, wo kein guter Bürger unentschieden bleiben darf; jeder muß jezt zum allgemeinen Besten seinen kleinen Beitrag liefern, und vor allem ist jeder schuldig, jezt seine wahre Gesinnungen an den Tag zu legen. Nach diesen Grundsätzen, liebe Brüder, richtet mich. Ich finde mich in meinem Gewißen gedrungen, öffentlich zu bekennen:

  1. Daß mir die freieste Verfassung die beste scheint.
  2. Daß wir es vor Gott und der Welt nicht verantworten könnten, wenn wir die Gelegenheit, wo wir eine Verfassung bekommen können, von uns stießen.
  3. Daß man jedesmal, so oft es auf das dauerhafte Glück einer ganzen Stadt und eines ganzen Landes ankommt, auf einzelne Personen keine Rücksicht nehmen, vielweniger der Befriedigung einiger wenigen, wenn sie auch sonst unbescholten wären, die Freiheit und die damit verbundene moralische Veredlung Aller aufopfern darf.
    Endlich
  4. daß dies der glückliche, erwünschte Zeitpunkt wirklich ist, wo wir alle Kräfte anspannen müßen, um die Freiheit und Gleichheit, die unsere fränkischen Brüder uns darbieten, mit Eifer und warmen Dankgefühlen anzunehmen und mit Muth bis in den Tod für ihre Beibehaltung zu streiten.

Was die drei ersten Punkte betrift, so wäre es eine Beleidigung der gesunden Vernunft, wenn ich hier, in diesem der Freiheit und Gleichheit geheiligten Versammlungsort nach allem dem, was Brüder Boos, Hoffmann, Metternich und Wedekind Euch schon über die Wahl der besten Verfassung gesagt haben, noch erst weitläuftig erläutern müßte, daß es besser ist frei zu seyn als zu dienen, besser, ganz frei als ein halber Sklav zu seyn; daß Viele mehr werth sind und mehr Rücksicht verdienen als Einer, daß es nicht genug sey, die Freiheit für das bessere zu erkennen, sondern daß man sie auch wollen, und zu rechter Zeit entscheidende Schritte thun müße, um sie zu erringen. – Alle diese Sätze sind so wahr in sich selbst, tragen das Siegel der Wahrheit so deutlich an der Stirne, daß man ohne Wahnsinn das Gegentheil nicht behaupten kann.

Es bleibt nur noch übrig zu zeigen, daß dieses der rechte Augenblick sei, der uns die Freiheit auf ewig zusichern kann; und wenn die unsrige älter als drei Wochen wäre, würde ich mich auch schämen, dieses noch erst beweisen zu müßen. Es kömmt darauf an, die Zeichen unserer Zeit zu kennen; von der Macht der europäischen Höfe, von ihrer Politik, von ihren Kabinetten einige Kenntniß zu haben, und die Mittel, welche sie in Stand setzen, den Krieg noch ein Jahr zu verlängern, gehörig berechnen und prüfen zu können. Es ist aber auch nöthig, die Stimmung der Nationen in Europa, den Enthusiasmus von fünf und zwanzig Millionen freier Menschen, die durch die Lage ihres Landes, durch ihre Reßourcen, durch ihren Muth – durch die Freiheit unüberwindlich sind, mit in den Anschlag zu bringen.

Schaut um Euch her Mitbürger; Ihr seht, die mächtige, die drohende Verschwörung der Despoten gegen die fränkische Freiheit hat ihren Endzweck verfehlt. Mit 150.000 streitbaren Miethlingen konnte der Braunschweiger nicht bis nach Chalons kommen, und die Verrätherei zu Longwy und Verdün abgerechnet, nicht eine französische Festung erobern. Die siegreichen Fahnen der Republik haben ihn aus ihren Gränzen vertrieben; er mußte dem Hunger und der Pest entfliehen – und indem er die Überbleibsel seiner gedemüthigten Schaaren in Sicherheit zu bringen suchte, strömt das Kriegesheer der Freiheit schon über die Gränzen; ganz Savoyen, Nizza, Speier, Worms, Mainz und Frankfurt fallen fast ohne Widerstand den Franken in die Hände; Mons öfnet seine Thore dem Sieger Dumouriez, Trier kann die Ankunft des wackern Wimpfen kaum erwarten, und im Gebirge jenseit des Rheins fliehen Hessen und Preußen vor Cüstine, dem Bürger und Heerführer und seinen Freiheitsschaaren! die ganze östreichische Macht in den Niederlanden ist im Begriff durch Desertion auseinander zu gehen oder nach Luxemburg zu flüchten; die Überreste der Preußischen müßen wählen zwischen dem Rückzug nach Westphalen oder dem Hunger in Koblenz.

Welche Hofnungen bietet noch der künftige Feldzug den Feinden der Freiheit dar? Ganz Deutschland ist an Subsistenzen aller Art, an Lebensmitteln die zum Unterhalt großer Armeen unentbehrlich sind, gänzlich erschöpft. Östreichs Kassen sind leer und sein Kredit wird tiefer sinken, als im vorigen Jahr die Assignaten Frankreichs fielen; die Assignaten stehen wieder hoch und Östreichs Kredit kömmt nie wieder empor! Preußen, ein kleines, blos durch Finanzoperationen und Überspannung aller Art, zum ersten Rang erhobenes Königreich, hat seine besten Truppen aufgeopfert, seinen Schatz, das wahre Geheimniß seiner künstlichen Größe, ausgeleert, und sein Monarch weis nicht zu sparen, nicht zu fechten, nicht zu denken, wie sein Oheim Friederich; er hat Friedrichs kluge Diener entlassen, und Herzberg, der ihn retten könnte, ist von Geistersehern und windigen Hofschranzen verdrängt. Die rußische Kaiserin hat überdies die schöne Gelegenheit benuzt, ihre beiden Nebenbuhler zu überlisten, und während sie den Narrenzug nach Frankreich machten, ganz Pohlen unter ihre Botmäßigkeit gebracht; jezt sehen sie ihren Fehler ein und wissen kaum, wie sie sich des koloßalischen Weibes erwehren sollen. – Sachsen, Baiern, Hannover beobachten eine weise Neutralität, die jezt nöthiger als jemals wird. Schweden ist seit seinem Kriege mit Rußland in Ohnmacht versunken; Dännemarks monarchische Regierung sucht weislich ihre Fortdauer durch Erleichterungen der Volksbürde und durch Preßfreiheit zu sichern; Italien winkt seinen Erlösern und Spanien ist so tief verschuldet, daß es kein Geschwader gegen Frankreich rüsten kann. Die freien Britten jauchzen den freien Franken Beifall zu! Das ist die Lage von Europa.

Tollheit und Raserei nur können unter diesen Umständen zur Fortsetzung des Krieges gegen Frankreich rathen. Freilich wird man mir sagen, daß von den Kabinetten heutiges Tages nichts anders als Tollheit und Raserei zu erwarten steht, und ich bekenne es, ihr diesjähriges Unternehmen giebt davon ein überzeugendes Beispiel. Gesezt also, die verbündeten Höfe spannten alle noch übriggebliebenen Kräfte an, um mit Heeresmacht gegen den Rhein zu ziehen; gesezt sie kämen mit ungeheuren Magazinen unterstützt, (woher sie diese füllen sollen, weiß ich zwar nicht) und brächten die schwere Artillerie, welche sie dieses Jahr vergessen harten mit; – wo meint Ihr wohl, Mitbürger! daß die Franken sie erwarten werden? Doch nicht in den Mauern von Mainz, wenn Franken und Sehwaben ihnen offen liegen, bis an die böhmische und östreichische Gränze?

Die lächerliche Furcht vor einer Belagerung im Winter will ich nicht mehr erwähnen; sie verräth zu deutlich die jämmerlichen Bemühungen unserer Aristokraten, sich die Unbekanntschaft ihrer Mitbürger mit kriegerischen Operationen zu Nutz zu machen, um ihnen ungegründete Besorgnisse einzuraunen. Ihr, meine Brüder! Ihr lacht über solche abgeschmackte Drohungen; Ihr wisset auch, daß Ihr jezt, statt der hochadelichen Memmen, die beim ersten Anschein von Gefahr mit all, ihrer Habe entflohen, freie Männer zu Beschützern habt, die ein Herz im Leibe tragen.

Im Sommer also, soll der Angriff geschehen? Werden aber die Feinde nicht erst Kastel nehmen müßen? Ihr wisset ja, wie gut sie sich auf Belagerungen verstehen! Und wenn sie es nun haben, so wisset, daß Mainz nur von der Landseite belagert werden kann. Wo werden sie aber über den Rhein gehen, wo werden sie Magazine anlegen, um in einem ganz von Subsistenzen entblösten Lande zu leben? Sollen denn endlich die Franken müßig zusehen, derweil die Preußen oder die Kaiserlichen Euch beschiessen? Die Franken? Sie haben Euch Schutz bis auf den lezten Blutstropfen zugesagt; das werden sie leisten, denn es sind nicht Söldner eines treulosen Fürsten; sie sind Republikaner, Brüder und freie Männer, denen ihr Wort heilig ist. Habt Ihrs vergessen, daß jeder Franke die Waffen fürs Vaterland trägt? Zu hunderttausenden, und wenn das nicht zureichte, Millionenweis, werden sie hinzuströmen, wo Gefahr den Brüdern droht; ihre Haufen werden immerwährend sich folgen, daß die Sklaven wieder sagen, sie wüchsen aus der Erde hervor, und die Despoten auf ihren Thronen erzittern!

Allein, verlaßt Euch darauf, Mitbürger! wenn Ihr es zum einem zweiten Feldzuge kommen seht, daß die Vorsehung Deutschlands und des ganzen Erdenrunds Freiwerdung beschlossen und die Herrscher samt ihren Dienern mit unheilbarer Blindheit geschlagen habe. Noch neulich glaubte ich, Deutschland jenseit des Rheins sei zur Freiheit nicht reif; aber die Hand des Schicksals thut Wunder und nichts kann dort die privilegirten Stände noch erhalten, als schleuniger Friede, Aufopferung dessen, was schon verloren ist, und weise, den Umständen angemessene Nachgiebigkeit und Gelindigkeit gegen das Volk. Der Druck eines neuen Feldzuges wird die langduldende Menschheit empören; endlich wird sie losbrechen und an ihren Henkern gerechte Rache nehmen! –

Wenn wir als unpartheiische Menschen, den Schein von der Sache selbst absondern, wenn wir die Minister, die Höflinge, den Adel Deutschlands und die kapitelfähige Geistlichkeit, ohne den äußern Glanz betrachten, den ihr Rang, ihr Reichthum, ihre Anmaßungen, ihre Verschwendung, kurz, den das Vorurtheil ihnen lieh, – o dann sehen wir die Morgenröthe der Freiheit, in der Blöse, dem Aberwitz, der unglaublichen Feigheit und Unwissenheit dieser kläglichen Klasse von Menschen, welche die Staaten von Europa regiert, ihre politischen Verhältnisse knüpft, ihre Finanzen administrirt, ihre Armeen anführt, und ihre Manifeste schreibt.

Dies ist also der günstige Zeitpunkt, Mitbürger, wo Ihr frei werden und frei bleiben könnt, so bald es Euch ein rechter Ernst ist, Euch an die Franken fest anzuschließen und mit Ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Jezt bringt es Euch Ehre, die Ersten in Deutschland zu seyn, welche den Ketten entsagten; laßt nicht Eure Nachbaren in edlem Wetteifer Euch zuvorkommen. Wahrscheinlichkeit des Erfolgs ist alles, wornach Menschen sich entscheiden müßen; wer schlechterdings gar nichts wagt, wird auch schlechterdings nie etwas erwerben. Diese Betrachtung ist es aber nicht allein, die Euch auffordert, Euch zur Annahme der neufränkischen Verfassung zu rathen. Ich habe gesagt, daß dieser Schritt zugleich unter den gegenwärtigen Umständen der Sicherste ist, den Ihr thun könnt; jezt setze ich noch hinzu, bei jedem andern ist für Euch Gefahr; nicht nur Gefahr, daß Eure Vermögensumstände leiden mögen, sondern daß auch Ihr selbst in schwerere Knechtschaft, als Ihr noch je empfunden habt, gerathet.

Der Rhein, ein großer, schiffbarer Fluß, ist die natürliche Gränze eines großen Freistaats, der keine Eroberung zu machen verlangt, sondern nur die Nationen, die sich ihm freiwillig anschließen, aufnimmt und von seinen Feinden für den so muthwillig von ihnen veranlaßten Krieg, eine billige Entschädigung zu fordern berechtigt ist. Der Rhein, wird der Billigkeit gemäß, die Gränze Frankreichs bleiben; dies sieht schon jedes an die politischen Verhältnisse gewöhntes Auge voraus, und zu diesem Opfer würde man sich schon längst verstanden haben, wenn der Franken Ehrenwort sie nicht noch bände, auch die Niederlande (Belgien) und Lüttich den Tyrannen zu entreißen.

Zweifelt also keinesweges, Mitbürger, daß die fränkische Republik Eure Erklärung selbst nur erwartet, um Euch ihren Schutz und ihre Verbrüderung zuzusagen. Wenn der Wunsch der Einwohner von Mainz und der umliegenden Gegend ausgesprochen ist, der Wunsch, frei und Franken zu werden, – so seid ihr dem unzerstörbaren Freistaat einverleibt!

Vielleicht hat man Euch gesagt, daß es schwer halten werde, die Länder diesseit Rheins vom deutschen Reiche loszureißen; – ich frage: Riß man nicht Elsaß und Lothringen von Deutschland los, und gab sie an Frankreich zurück? Alles hängt gewöhnlich vom Glücke der Waffen, jezt aber auch vieles von Euerm freien Willen ab. Gebunden durch ihr Wort und durch euer Verlangen, muß die fränkische Republik Euch vertheidigen, wie sie ihre eigenen Provinzen vertheidigt.

Ich nehme aber das Unmögliche an, ich nehme an, was nicht geschehen wird, daß Frankreich, um des lieben Friedens willen, dennoch für gut fände, Mainz dem deutschen Reiche zu überlassen; dann, Mitbürger, könnt ihr nur in dem einzigen Falle unglücklich seyn, wenn ihr es jezt versäumt, Euch fest an die Franken anzuschließen. Nimmermehr würde die Frankenrepublik die Freiheit eines Staats aufopfern, der sich ihr in die Arme geworfen, der sich auf ihre Grosmuth verlassen hätte, und dessen freie Verfassung ihr künftighin zur Vormauer gegen die Despoten dienen könnte. Die vollkommenste Sicherstellung und Garantie Eurer freien Verfassung wäre dann unfehlbar eine Bedingung des Friedens.

Es ist daher schlechterdings unmöglich, daß nachdem ihr einmal der fränkischen Freiheit theilhaftig geworden wär't, ihr wieder einem Fürsten zufallen könntet; ich setze blos die eine Bedingung hinzu, daß ihr nicht wollt. Einen Fürsten aber wird niemand wollen, wer die Freiheit einmal gekostet hat. Ich traue den Mainzern überhaupt die Einsicht zu, daß sie zwischen dem Schlimmen und Guten zu wählen wissen werden; denn Ihr insbesondere, Brüder dieses Bundes, Ihr habt bereits für Zeitlebens gewählt, Ihr habt der Freiheit und Gleichheit geschworen!

Ungern muß ich noch einen Fall setzen, obwohl ich ihn für unmöglich halte; es giebt aber Menschen in Mainz, die noch immer nicht an die Stimme der Freiheit gewöhnt, noch immer nicht von ihrem Geist durchdrungen sind, und für diese Schwachen sei das Wort, das ich jezt hinzusetzen will. Sollten die persönlichen Eigenschaften eines Mannes, den Deutschland immer hochgeachtet hat, zusammentreffen mit der ungünstigsten Wendung der fränkischen Angelegenheiten, die sich zwar denken, aber nicht vermuthen läßt, um Euch dennoch wieder zur Annahme eines Fürsten zu bewegen und zu zwingen – auch alsdann wird Frankreichs Garantie Euch wenigstens eine Verfassung sichern, wobei ihr nicht die ganze Freiheit wieder einbüßen müßt, vorausgesetzt, daß Ihr durch euer jetziges Betragen diese mütterliche Sorgfalt der Republik verdient.

Und glaubt nur nicht, daß in einem solchen Falle der Fürst, der einen Tropfen Redlichkeit im Herzen, einen Funken Vernunft im Kopfe hat, es je an euch ahnden würde, daß ihr im kritischen Augenblick euch als Männer gefühlt und den unschätzbaren Werth der Freiheit und Gleichheit erkannt hättet. Wie könnte man Euch diese Liebe zur Freiheit übel deuten, da sie jezt das Mittel zur Erhaltung eures Vermögens und Wohlstands ist? Dann würde jeder Euch Thoren und Unsinnige schelten, dann würde selbst ein Fürst sich unglücklich schätzen Euch zu beherrschen, wenn falsche Maasregeln, wenn Kleinmuth und Menschenfurcht Euch in den Fall gebracht hätten, ihm beim Friedensschluß nichts als ein erschöpftes, verarmtes, auf immer zu Grunde gerichtetes Land in die Hände zu geben.

Ihr erstaunt? Ihr fragt, wie die Vorliebe zu gewissen gemäßigten Planen, diese Wirkung haben könne? Wundert Euch nur nicht; die Erfahrung lehrt ja, mit tausendfältigem Beispiel, daß in großen, entscheidenden Zeitpunkten, die Mitteldinge, die nicht halb und nicht ganz, nicht kalt und nicht warm sind, durchaus gar nichts taugen, alle Parteien beleidigen und alles in Gährung bringen. Habt Ihr denn noch nicht genug am Beispiel Frankreichs und der sogenannten gemäßigten Hof- oder Feuillants-Partei? Erinnert Euch, daß diese kurzsichtigen, kleinen Intriganten, die immer nur unter der Decke spielten, heimliche Plane und ränkevolle Kabalen schmiedeten, umher schlichen die Gemüther aufzuhetzen, Verläumdungen, Drohungen, Schmähschriften ausstreuten und durch Bestechungen Anhänger zu gewinnen suchten, – daß diese zulezt mit dem Dolch in der Hand die Eingeweide ihrer eigenen Mutter, ihres Frankreichs, zu zerfleischen suchten. – Das ist das Ziel und Ende des Moderantismus, der immer nur mit einschläfernden Worten, mit sanfter Stimme, mit Engelsblicken, Euch einzuwiegen sucht, um Euch hernach desto bequemer mit Haut und Haar zu verschlingen.

Ich behaupte nichts zuviel; Ihr werdet alles verlieren, wenn Ihr jezt nicht alles nehmt, wenn Ihr nicht jezt von ganzem Herzen ganz frei werden wollt. Die Sache ist ja klar am Tage! Wer soll Euch denn Euer sauberes Mittelding, Euer gemäßigtes Feuillantenprojekt, Euern gewählten Fürsten, Eure Schulden- und Ahnenreichen Landstände, Euere zwei Kammern, wer soll sie Euch garantiren? Doch nicht das liebe heilige deutsche Reich, das sich selbst kaum garantiren kann und in den lezten Zügen liegt? Doch nicht der Reichstag in Regensburg, wo der mainzische Direktorialis von Strauß seit der Einnahme von Mainz mit einer politischen Unpäßlichkeit geplagt ist, die den ganzen Reichstag in Unthätigkeit versetzt? Doch nicht Östreich und Preußen, die sich um Euch so wenig bekümmern? Doch nicht die Fürsten selbst, denen Ihr Euch wieder anvertrauen wolltet? Da hättet Ihr eine schöne Sicherheit! Ihr wißt vielleicht nicht, wie leicht es den Fürsten wird, so bald sie Macht haben, alles vorhergehende was nicht nach ihrem Sinne geschehen ist, geradeweges als ungesetzmäßig anzusehen, aufzuheben und noch oben drein Recht zu behalten.

Diejenigen, die immer mit dem deutschen Reich, als einem Schreckbild auftreten, bedenken nicht, daß sie uns zu sagen vergessen haben, wie denn das deutsche Reich mit uns über die neue – gemäßigte? – Verfassung negoziiren soll. Mit wem von uns soll es denn in Unterhandlung treten? Wird es provisorisch unser Recht anerkennen uns eine neue Verfassung zu geben? das Gegentheil haben wir bei Lüttich gesehen; und ich gehe weiter, ich sage, das deutsche Reich kann nach seinen Grundsätzen nicht mit uns über diesen Gegenstand unterhandeln; denn das hieße ja zugeben, daß die angeblich unverbesserliche und unverletzbare Feste der Reichskonstitution – wirklich nichts anders als eine zusammengeflickte, höchstgebrechliche Polterkammer ist, in welche jeder ein Loch machen kann, der sie nur mit Einem Finger berührt.

In dieser alten Poltenkammer spukt jezt ein lügenhaftes Gespenst, das sich für den Geist der deutschen Freiheit ausgiebt; es ist aber der Teufel der feudalischen Knechtschaft, wie man solches deutlich in den ungeheuren Aktenstößen erkennen kann, womit es sich herumschleppt und an den Ketten, die überall klirren, wohin es sich wendet. Dieses scheußliche Gespenst, das von Titulaturen, Formalitäten, Pergamenten spricht, wenn vernünftige Leute von Wahrheit, Freiheit, Natur und Menschenrecht reden, kann nur auf Eine Art gebannt werden, nämlich, wenn man mit dem Degen in der Faust auf dasselbe eindringt.

Doch jezt hinweg mit diesem Bilde! Mit dürren Worten also; die bewafnete Übermacht kann wohl das deutsche Reich zu Abtretungen zwingen; sie kann es zwingen, Mainz als einen Freistaat anzuerkennen, der das Recht hat sich selbst zu konstituiren; aber während die Frankenrepublik mit Preußen und Östreich noch im blutigen Kampf begriffen ist, zu glauben, daß Mainz vom deutschen Reich eine neue Verfassung durch Unterhandlungen garantirt bekommen könne, ist leider ein Beweis von politischer Kurzsichtigkeit, der sich nur mit Mangel an Übung in solchen Sachen entschuldigen läßt.

Wenn aber das teutsche Reich im Frieden, durch das Obergewicht der Franken genöthigt wird, den Mainzern ihren Willen zu thun, und ihnen die gemäßigte Verfassung, mit einem Wahlfürsten und Landständen und wie die süßen Herren weiter titulirt werden, heilig zuzusichern? Ja, das ist etwas anders; dann habt Ihr Recht, Ihr Herren vom Handelsstande, dann ist es richtig mit Euerm fein ausgedachten Projekt. –

Ein kleiner Umstand fehlt noch! Wollt Ihr nicht die Güte haben uns zu belehren, wie in aller Welt die Frankenrepublik sich so sehr vergessen könnte, Euch eine Verfassung zu garantiren und vom deutschen Reich garantiren zu lassen, die den ewigen Grundpfeilern, worauf sie gebaut ist, der Freiheit und Gleichheit, schnurstraks zuwider läuft? Einer freien Verfassung hat sie ihren Schutz zugesagt; keiner alten Sklaverei, unter dem neuen Namen. Wähnt nicht, daß eine freie Nation sich selbst so sehr widersprechen, so thörigt handeln könne; hintergeht nicht Euch selbst mit falschen Hofnungen, die nimmermehr in Erfüllung gehn können, und hoffet nicht, uns, die Freunde der Freiheit, und unsere Mitbürger mit so leeren, so leicht zu durchschauenden Vorspiegelungen zu täuschen.

Ihr alle aber, Mitbürger von Mainz, Einwohner sowohl der Stadt als des Landes, merkt wohl auf, wohin das verfängliche, das so unschuldig scheinende Projekt jener Herren Euch führt. Es führt an den Rand des Verderbens, es führt des geraden Weges in den alten Zustand, dessen Mängel, Gebrechen, Bedrückungen und Greuel der Ungerechtigkeit, ihr alle einstimmig erkennt, und sogar Eure Verführer selbst nicht zu läugnen wagen. Wenn die Frankenrepublik sich im Frieden nicht um Euch bekümmert, wenn sie Euch eine Verfassung nicht garantirt, die ihren Grundsätzen feindselig zuwider läuft, die sie also nicht garantieren kann, – was bleibt Euch dann übrig, als Euch blindling, wie besiegte, ohnmächtige Rebellen, Euern vormaligen Beherrschern in die Hände zu werfen? Verlassen von Frankreich, von niemand unterstützt, könnt ihr keine Bedingungen machen, ihr müßt Euch – o schreckliches Schicksal, für jeden, der den Despotismus und die Aristokraten kennt! – ihr müßt Euch auf Gnad' und Ungnade ergeben.

Das – das ist der Abgrund, der sich vor Euren Füßen öfnet, der Höllenpfuhl, aus dem Euch Cüstine errettet hat, und in welchen man Euch von neuem stürzen will. – Es ist genug, seinen rauchenden Schlund offen zu sehen, zu sehen wie Blut und Schweiß des rechtschaffenen Bürgers zur Labung schwelgender Tyrannen ausgekocht werden, zu hören, wie Tag und Nacht das Gewinsel der gedrückten Unschuld, das Jammergeschrei der ausgemergelten Armuth aus diesem Schlund emporsteigen, es ist genug, um zurückzuschaudern, da es noch Zeit ist! –

Zwischen dem jetzigen Augenblick aber, und dem Friedensschluße giebt es einen Zeitraum, den ich nicht mit Stillschweigen übergehen kann. Ich habe gesagt, die zeitlichen Vermögensumstände eines jeden Mainzers können nur durch die Annahme der wahren, ächten Freiheit gesichert werden. Jezt will ich es beweisen. Ihr müßt nicht vergessen, Mitbürger, daß die Franken das Recht der Eroberer so lange über Euch behalten, bis Ihr Euch eine freie Verfassung gebt. Die Franken sind frei und freien Menschen befehlen sie nicht. Werdet frei, Mitbürger, gebt Euch eine freie Verfassung, und die Franken versprechen Euch Ihren Schutz; sie sind von dem Augenblick an nicht mehr Eroberer, sondern Brüder.

Bei einer jeden Verfassung aber, welche nicht auf Freiheit und Gleichheit gebauet ist, habt Ihr kein Recht, auf Ihren Schutz, auf Ihre Sicherstellung, auf Ihre brüderliche Schonung zu rechnen. Wenn Ihr nicht frei werden wollt, so seid Ihr nur überwundene Knechte eines andern Herrn, so tritt das Eroberungsrecht Frankreichs ganz vollständig ein, so hat die Republik das Recht, die von allen Völkern im Kriege jederzeit gegen die Überwundenen ausgeübte Herrschaft über Euch auszuüben; und Ihr selbst werdet einsehen, daß wenn von Leuten die Rede ist, die nicht frei seyn, die Herren und Regenten haben wollen, es doch von den Franken eine lächerliche, eine ihrem Vortheil zuwiderlaufende Schwachheit seyn würde, ihnen Erlaubniß zu geben, einem fremden Herrn zu gehorchen.

Wollt Ihr also Herren durchaus haben, so sind sie schon da; es sind die Franken, die Euch erobert haben; ihnen steht das unbezweifelte Recht zu, Euch den Huldigungseid abzufordern, den niemand den Überwindern verweigern kann und darf, der im siebenjährigen und in anderen Kriegen so oft den Überwundenen abgefordert und von ihnen ohne Widerrede geleistet worden ist.

Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, hat man nicht Unrecht gehabt, zu sagen, daß diejenigen, die sich nicht für die Freiheit erklären, so anzusehen wären, als wären sie für die Beibehaltung der Knechtschaft gestimmt, da denn die Behandlung, welche sie von den Eroberern zu gewärtigen haben, nicht ausbleiben kann, daß die Franken sie nämlich nicht für freie Menschen halten, sondern für solche, denen der Sieger Gesetze vorschreiben darf.

Man hat damit nicht sagen wollen, daß mit solchen Menschen etwas dem Völkerrecht, vielweniger den Gesetzen der Menschlichkeit zuwider laufendes vorgenommen werden sollte. Wem, der die edlen, freien Franken kennt, darf so etwas nur einfallen? Mishandlungen hättet Ihr nur von Sklaven und Sklaventreibern zu erwarten. – Sondern das hat man sagen wollen und zwar mit allem Recht, daß es auf jeden Mainzer ankommt, ob er seinen Wunsch frei zu seyn an den Tag legen, oder ob er, indem er das nicht thut, zu erkennen geben will, daß er sich blos für einen Eroberten hält, der keinen Anspruch auf den Schutz der Franken macht, sondern sich von ihnen befehlen lassen will, wie ihm zuvor sein Kurfürst befohlen hat, an dessen Stelle und in dessen Rechte die Eroberer getreten sind.

Was würde aber die Folge einer solchen knechtischen Entschließung seyn? Jeder sieht ein, daß es der Vortheil Frankreichs erfordert, den Feinden der Freiheit allen möglichen Abbruch zu thun, ihnen die Mittel, wodurch sie schaden können, zu nehmen, folglich, Geld und Gut, so viel sichs immer thun läßt, an sich zu ziehen, und das eroberte Land, welches nicht frey seyn will, so auszusaugen und zu erschöpfen, daß es in den Händen seiner künftigen Despoten, wenn es ihnen wieder zufallen sollte, auf viele Regierungen hinaus ein elendes, verarmtes, ausgemergeltes Land bleibe, womit sich gegen die heilige Freiheit nichts mehr machen läßt.

O welcher gutgesinnte Mensch, welcher für das Wohl seiner Brüder fühlende und besorgte Rechtschaffene kann hier noch anstehen, was er seinen Mitbürgern rathen soll? Verderben und Armuth und Sklaverei – oder Glück, Wohlstand und Freiheit? Militärische Herrschaft der Franken – oder ihren brüderlichen Schutz und ihren treuen Gleichheitsbund? Wahrhaftig, lieben Brüder, ich muß es wiederholen: Euer ehemaliger Fürst könnte selbst Euch nicht anders als zur Freiheit rathen, denn er behielte doch die Beruhigung noch übrig, Euch, da er Euch nicht mehr helfen konnte, wenigstens nicht zu Grunde gerichtet zu haben. Was seine Gesinnungen sind, lassen wir indessen dahingestellt; ich habe Euch treu und redlich die Meinigen gesagt, und ich freue mich hinzusetzen zu können, daß ein Mann, den die Mainzer Bürgerschaft immer hoch geachtet hat, ein Staatsbeamter, der unter dem lezten Kurfürsten soviel Gutes gethan, und soviel Böses verhindert hat, als sich unter einem Kurfürsten thun und verhindern läßt, im Herzen ein Freund der Freiheit und Gleichheit – daß Johannes Müller über diese Grundsätze mit mir vollkommen einstimmig ist, und Euch, Mitbürger, durch meinen Mund, als sein Abschiedsvermächtniß zurufen läßt, – »ohne Bedenken mitzuwirken, und ohne Zaudern der Freiheit und Gleichheit zu schwören

Eine Macht giebt es auf Erden, die sollten alle vernünftige Menschen erkennen; die Macht der Wahrheit, meine ich, deren unwiderstehlicher Andrang jedes Hinderniß überwältigen und die unumschränkte Triebfeder unserer Handlungen werden muß. Nicht Euch, Freunde der Freiheit und Gleichheit, nicht Euch, die Ihr auf dieses Grundgesetz geschworen habt, fordere ich hier auf, der Wahrheit die Ehre zu geben und ihr gemäß zu wirken. Ihr bedürft meiner Aufforderung nicht, Ihr seid schon durch den Eintritt selbst in unsern Bund zu Söhnen der Freiheit, zu rastlos wirkenden Freunden und Wohlthätern des Menschengeschlechts, zu Mitkämpfern der freien Franken gestempelt. Aber Euch, Zuhörer und Mitbürger, die Ihr noch nicht im heiligen Bund der Brudertreue zu den Fahnen der Freiheit schwurt, Euch muß ich hier noch einige Worte ins Herz reden. Ist Eure Ehre Euch gleichgültig oder nicht? Haltet Ihr etwas auf Euern guten Namen? Liegt Euch daran, daß Franken Euch hochschätzen und Deutsche Euer Beispiel bewundern? Verdrießt es Euch, wenn man von Euerm Phlegma, von Eurer Unentschlossenheit, von Eurem Kleinmuth spricht? Wollt Ihr lieber, lebhaft fühlende, stark denkende Männer heißen? Soll man glauben, daß Ihr wißt, was Ihr zu thun habt, daß Ihr einen entschiedenen Charakter besitzt, Euch nicht von jedem Winde hin und herbewegen laßt, Euch nicht fürchtet vor den Todten, das heißt, vor dem seligen Domkapitel und seinem Fürsten, die das Frankenheer im lustigen Takt des ça ira zu Grabe getragen hat? Soll nicht ewige Schande auf Euren Namen haften, soll die Nachwelt nicht sagen, im Jahr 1792, als die Franken anfiengen die Welt von ihren Tyrannen zu befreien, da waren die Mainzer die einzigen trägen, unentschloßenen, von Sklavensinn und Feigheit niedergedrückten, fühllosen Geschöpfe, die nicht froh der Freiheit entgegenjauchzten, die Einzigen die nicht mit Eifer, mit Männermuth, mit Kraft und That ihr Glück zu schätzen wußten; sollen nicht Eure Kinder einst erröthen und sich schämen, wenn man sie Mainzer nennt? – So eilt, so strömt hinzu, so drängt Euch heran, und zeichnet Eure Namen in das Buch, das die Wünsche freier Männer enthält; so laßt die Franken endlich sehen, wie die Freiheit auch deutsche Männer begeistern kann; so erholt Euch von der entehrenden Betäubung worin Ihr noch versunken seid, so verläugnet nicht länger Euern Volkscharakter, die Stimmung zur leichten, heitern, geselligen Freude, zu Scherz und Fröhlichkeit, welche jedes Geschäft erleichtert, und jede Arbeit versüßt, so fühlt den ganzen Umfang Eures Glücks, so atmet aus freier Brust, so laßt Euch nicht länger zurückhalten von dem Recht das Euch gebührt, und tretet, tretet männlich und fest zum handeln hervor, mit dem stolzen Bewußtseyn, daß die Herrschaft dem ganzen Volke gehört!

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