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Über James Cook und andere Essays

Georg Forster: Über James Cook und andere Essays - Kapitel 5
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Über Proselytenmacherei

An die Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift

Verschiedenheit der Meinungen war nie ein Grund, der Sie bestimmt hatte, jemanden Ihre Freundschaft zu entziehen. Nie versagten Sie Ihre Hochachtung einem rechtschaffenen Manne, der aus Überzeugung und nach Grundsätzen, diese mochten von den Ihrigen so abstechend als möglich sein, ohne Beeinträchtigung der Rechte des einzelnen Menschen oder des gesellschaftlichen Vertrages handelte. Nur der Unwürdige war Ihnen verächtlich, der die Stimme der natürlichen Gerechtigkeit in seinem Busen übertäuben, und gegen besseres Wissen vorsetzlich die Befriedigung seines Willens auf Kosten der Freiheit und des Eigenthums seines Mitmenschen suchen konnte.

Der Satz, von welchem alle Moralisten ausgehen: die Anerkennung derselben Rechte, die man für sich verlangt, in jedem einzelnen Menschen; führt mich also, mit dem Bewußtsein, daß er die unerschütterliche Grundlage Ihres Denkens und Handels bleibt, in vollem Vertrauen zu Ihnen, indem ich eine Meinung, welche von der Ihrigen abweicht und sie bestreiten soll, durch Ihre Monatsschrift vor das Publikum zu bringen wünsche.

Der August Ihrer Monatsschrift von diesem Jahr enthält, unter der Rubrik: Proselytenmacherei, ein Schreiben des Herrn Hofgerichtsraths Bender zu Eltvill im Rheingau an die katholische Wittwe eines Protestanten; worin er ihr mißräth, ihre Söhne in der lutherschen Religion erziehen zu lassen. Die öffentliche Bekanntmachung dieses Schreibens soll, Ihrer Erinnerung zufolge, »zur Beschämung des Briefstellers dienen, der auf das hinterlistigste alle Motive in Bewegung zu setzen sucht, um eine schwache und betrübte Person zu einem unredlichen Schritte zu verleiten, indem er ihr denselben als Pflicht und als Befehl von Gott vorspiegeln will.« Erlauben Sie mir, daß ich über die Wahl der auffallenden Worte, deren Sie Sich bedienen, ein wenig mit Ihnen rechten darf.

Proselytenmacherei. Ich begreife nicht, wie man im protestantischen Deutschland, welches so lange her bemüht gewesen ist, von allen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte, in Absicht der Vorstellungsart, der Sitten, Gebräuche, Religionen, und Verfassungen, der Armuth und des Reichthums der Begriffe, des Gebrauchs, Mißbrauchs und Nichtgebrauchs der Verstandeskräfte genaue Kenntnisse einzusammeln; ich begreife nicht, wie man da den Geist eines angeblich alleinseeligmachenden Glaubens je soweit hat verkennen können, um sich zu schmeicheln, daß seine Bekenner dem ernsten Bestreben entsagen würden, Andersgesinnte zu ihrer Meinung zu überreden. Von wem mag sich die Behauptung wohl herschreiben, daß die Katholiken auf Bekehrungen je Verzicht gethan? Niemand hat mir ihren Urheber zu nennen gewußt; und dies vielleicht um soviel weniger, als es gewiß ist, daß dieser Wahn erst seit kurzem gerügt wird, und überall so wenig Beifall findet, daß er kaum der Rüge werth zu sein scheint. Wenn ich einer Muthmaßung Raum geben dürfte, so würde ich seine Entstehung dort suchen, wo man ihn zuerst widerlegte. Von Schulverbesserungen, von Aufnahme der Wissenschaften und Künste, von Klösteraufhebungen, von Duldung andrer Glaubensverwandten, von Beförderungen protestantischer Gelehrten im katholischen Deutschland, hatte man, und zwar mit Recht, viel rühmen gehört. Wie leicht schwärmt man nicht für das Gute, welches jedem nach seiner Einsicht das Beste scheint! Es bedurfte nur einer lebhaften Einbildungskraft und eines edlen Enthusiasmus für die Wohlthat der Reformation, um den Trugschluß zu erzeugen: daß ein aufgeklärter Katholik im Stillen schon mehr als halber Protestant sein müsse. Die Katholiken waren wohl weit entfernt, sich von dieser vermeintlichen Metamorphose ihrer selbst etwas träumen zu lassen; eben so entfernt, wie jene Protestanten, denen derselbe Enthusiasmus auf den Kopf zusagen durfte: sie könnten, ohne es selbst zu wissen, heimliche Jesuiten sein. Allein es währte gewiß nicht lange, so mußte der Mann, der diese unsichtbaren Verwandlungen erspäht zu haben glaubte, sich selbst seinen Irrthum eingestehn, sobald er nehmlich zur wirklichen Untersuchung schritt, und die deutschen Katholiken gegen das Ideal in seinem Kopfe hielt. Nach dieser Entdekkung wußte er sich dann vermuthlich keinen ändern Rath, als jenen so notorisch gewordnen Kampf mit seinem eigenen Hirngespinnst. Die längstbekannte, nie bezweifelte Überzeugung der Katholiken, daß die Bekehrung der Andersgesinnten verdienstlich sei, mußte itzt auf einmal etwas unerhörtes heißen, damit man über protestantische Sorglosigkeit laute Klagen erheben und uns in die polemisirenden Jahrhunderte zurükversetzen konnte. Wenn der Verdruß über jene Selbsttäuschung auch so weit gegangen wäre, daß er über alles und jedes Beginnen unsrer katholischen Landsleute die unbilligsten Urtheile veranlaßt hätte; so würden Sie Sich mit mir über eine so natürliche, dem menschlichen Herzen so angemessene, Wirkung wohl schwerlich gewundert haben.

Ich wiederhole also: daß die meisten Katholiken sich durch den Lehrbegrif ihrer Kirche berufen glaubten, Proselyten zu machen, dies konnte keinem in seiner Religion zwekmäßig unterrichteten Protestanten, keinem, für dessen Belehrung und Unterhaltung durch unsere zahllosen Journale gesorgt werden sollte, unbekannt geblieben sein. Der Glaube, daß außer dem Schooße der Kirche keine Seligkeit zu hoffen sei, stände ja mit der Menschenliebe im Widerspruch, wenn er nicht an den Wunsch eine allgemeine Bekehrung zu bewirken innig gebunden wäre. Diese beiden Grundsätze stehen und fallen miteinander; und die Katholiken können nicht eher aufhören zu bekehren, bis sie aufhören zu verdammen. Der aufgeklärte Protestant, der allen christlichen Parteien ziemlich gleiche Ansprüche auf die Seligkeit zugesteht, muß zwar nach seinem Gefühl diesen verdammenden Glauben mit seiner unmittelbaren Folge, dem Bekehrungseifer, mißbilligen und verwerfen; allein er wird zugleich gestehn, daß der Katholik auch bei diesem Glauben wenigstens noch konsequent ist. Daß dieser Glaube, daß so mancher andere Glaube sich des menschlichen Herzens hat bemeistern können: darüber darf der Philosoph das Loos der Menschheit bedauern, denn das ist seinem Glauben gemäß; er wird aber unstreitig der letzte sein, der seinen Mitmenschen die güldene Freyheit absprechen möchte, zu glauben was sie wollen oder können. Diese Freiheit aufzuheben, ist nicht nur unerlaubt, sondern auch zum Glük nur in unaufgeklärten Ländern noch möglich.

»Der Himmel bewahre«, wird man mir antworten, »daß ein Protestant, er sei Philosoph oder nicht, den Einfall haben sollte, einen andern Glauben, wäre es auch der alleinseligmachende selbst, im Heiligen Römischen Reiche verfolgen oder in einem gehässigen Lichte darstellen zu wollen. Das aber läßt sich keinem wehren, daß er nach Grundsätzen einer erleuchteten Vernunft, welche seit kurzem so manche Riesenschritte gethan, sich selbst von seiner Überzeugung Rechenschaft geben, sich gegen eine Religion, welche die Zahl ihrer Bekenner zu vermehren sucht, mit Gründen verwahren, seine Glaubensgenossen vor dem Abfall sichern, und der Wahrheit Zeugniß geben darf«.

Wahrheit! schönes, großes, heiliges Wort, unzertrennlich von Empfindung und Gedanken; und dem Menschengeschlechte so theuer, daß Religion und Philosophie an die Ergründung seines göttlichen Sinnes die höchste Glükseligkeit knüpften! Wer ist so blödsinnig, daß er Wahrheit nicht erkennen; wer so neidisch, daß er die erkannte Wahrheit nicht mittheilen möchte? Verzeihen Sie diese Apostrophe; Sie wissen ja, ich war von jeher ein Eiferer für

Die Sonnen: Wahr und Gut und Schön! Wahrheit also muß behauptet, muß mit Gründen verfochten werden; und so lange sie einem unaufgelöseten Problem ähnlich sieht, das ist, überall wo Verschiedenheit der Meinungen herrscht: kann ihre Erforschung ohne Diskussionen, ihre Mittheilung ohne Überredung nicht von Statten gehn. Indem ich hier die Gründe meiner Überzeugung darlege, wünsche ich ihre Gültigkeit anerkannt zu sehn; sie sind die Überredungsmittel, deren ich mich bediene, um meinen Erkenntnissen Eingang zu verschaffen, um Andere mit mir gleichförmig denken und empfinden zu lassen, um für meine Meinung Stimmen zu gewinnen. Indem Sie durch Ihre Monatsschrift dem Aberglauben, der Schwärmerei und dem Betrug entgegen arbeiten wollten, hatten auch Sie die Absicht, der Wahrheit, wie sie von Ihnen erkannt worden war, Beistimmung zu erwerben, Ihre Überzeugung in mehreren Köpfen geltend zu machen, Ihre Leser, mit einem Worte, zu überreden. Behauptungen, von deren Zuverläßigkeit man überzeugt ist, die man aber nicht ausbreiten will, bringt man auch nicht ins Publikum.

Von der Wahrheitsliebe ist also der Bekehrungsgeist unzertrennlich, insofern er das Bestreben ist, andere zu seiner Meinung zu gewinnen. Vom Wilden bis zum Großinquisitor, vom frommen Schwärmer bis zum Philosophen sind wir alle Proselytenmacher; und was so tief in der menschlichen Natur gegründet ist, kann nicht an sich, kann nur durch den Gebrauch unrechtmäßiger Mittel sträflich sein. Der Streit zwischen Protestanten und Katholiken hatte vieler Menschen Blut gekostet, als endlich ein feierlicher Friedensschluß jeder Partei die gewaltthätige Beeinträchtigung der andern untersagte. Allein auch damals schon kannte man die Rechte der Menschheit zu wohl, damals schon hatte man sie mit so großem Nachdruk geltend zu machen gewußt, daß jedem deutschen Manne Freiheit des Gewissens zuerkannt, mithin auch allen Religionsparteien, deren Rechtmäßigkeit jene Sanktion förmlich bestätigte, gestattet wurde, Proselyten anzunehmen, die sich durch Bestimmungsgründe, welche ihnen überwiegend schienen, zu einem freiwilligen Tausch bewogen fänden. Dem Katholiken steht es also frei, aus eigener Wahl zur protestantischen Religion überzugehn, und eben so dem Protestanten, katholisch zu werden.

Wenn es nun unläugbar ist, daß der Geist der Proselytenmacherei so lange unter den Katholiken nicht erlöschen kann, bis die katholische Kirche durch eine bestimmte, alle ihre Bekenner bindende, Auslegung ihres Lehrbegrifs den Andersgesinnten die Hofnung der Seligkeit zugestehn wird; wenn ferner durch die itztgültigen Religionsverträge die Gewissensfreiheit anerkannt, und der Übergang von einer Kirche zur andern gestartet worden: wer möchte es wagen, den Katholiken ihre Proselytenmacherei zu wehren, oder auch nur dieses Wort mit dem Ausdruk der Verunglimpfung auszusprechen, um die Handlung selbst und die Religion, welche sie zu billigen scheint, in einem gehässigen Lichte zu zeigen? Die Erbitterung war einst heftig zwischen der protestantischen und katholischen Partei; kaum sind sie noch besänftigt, kaum ist Mäßigung und Duldung allgemeiner geworden; und in diesem reizbaren Zustande kann leicht ein hartes Wort die Ruhe stören und für einen wirklichen Angrif gelten. Die erneuerte Wuth der Religionsstreitigkeiten –ich appellire an Ihr Gefühl!– würde dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts keine Ehre machen.

»Sind denn aber die Schranken nicht zu bestimmen, innerhalb welchen eine wohlgemeinte Warnung erlaubt und unbeleidigend ist? Soll der eifrige Protestant ruhig zusehn, daß die katholische Religion von allen Seiten um sich greift, überall durch ihre Überredungskünste neue Bekenner an sich lokt, und das Häuflein seiner Glaubensgenossen größtentheils oder (– meinen Sie? –) endlich ganz verschlingt«? Hier ist meine Antwort. Können die Protestanten wirklich der Macht der Überredung nicht widerstehen, ist es mit ihrem Herzen und ihrem Verstande so bestellt, daß die Lehre, für welche das Blut ihrer Väter einst geflossen, ihnen itzt verwerflich scheint: so ist ja alle Rettung verloren, aller Widerstand vergeblich, und jede Anklage eines katholischen Proselytenmachers bei dem Publikum eine Herausforderung, welche die gefürchtete Apostasie des großen Haufens und demnächst den Sturz der ganzen Partei nur beschleunigt. Setzen Sie den Islam, oder welche Religion Sie wollen, an die Stelle der katholischen; und das Resultat bleibt dasselbe. Könnte die göttliche Sendung Mohammeds durch Gründe vertheidigt werden, welche jeden Einwurf Ihrer Vernunft und Ihres Gefühls besiegten, so müßten Sie noch heute Muselmänner sein.

Doch die gute Sache des Protestantismus ist bei weitem so verzweifelt noch nicht, als die Furcht vor den Bekehrern sie zu machen scheint. Was beide Parteien, nächst ihrer Überzeugung, an Gründen für ihre verschiednen Glaubensmeinungen vorzubringen wissen, ist alles längst gesagt; und wenn etwas mit Wahrscheinlichkeit behauptet werden kann, so ist es dieser Satz: den Polemikern auf beiden Seiten sei Trotz geboten, daß sie auch nur Ein neues Argument noch anzuführen wüßten! Ihr Streit ist schon darum nicht zu vermitteln, weil er die ersten Prinzipien betrift, und schon darum schwer zu führen, weil die tiefsinnigsten Denker, wo es auf Prinzipien ankommt, einander so leicht mißverstehn. Doch, gesetzt, daß einige der größten menschlichen Geister jene allgemeingültigen Prinzipien, die jeder individuellen Menschenvernunft Gesetze geben, so gefaßt – oder errathen – hätten, daß sie darüber einverstanden wären, und darnach über die Ansprüche der Religionen aburtheilen könnten: so wäre doch ihr Urtheil für die Millionen von eingeschränkteren Fähigkeiten unerreichbar, mithin kein Entscheidungsgrund. Auch die Vernunft χατ' εξοχηεν existirt nur für den, der sie zu fassen glaubt; jedem andern aufgedrungen, wird sie ein Götze, dessen Unfehlbarkeit zu predigen entweder Thorheit oder noch schlimmere Anmaßung scheint.

Wenn man demnach, um Protestant oder Katholik zu werden, auf die ersten Prinzipien selten zurükzukommen pflegt, weil man es nicht kann oder mag: so müssen wohl andere Ursachen den Ausschlag geben, so oft eine von beiden Parteien einen Proselyten macht. Hat es ferner seine Richtigkeit, daß die Anzahl der von den Protestanten für die katholische Kirche gewonnenen Proselyten bedenklich ist: so wird die Veranlassung zu diesen Bekehrungen, sobald sie sich entdekt, das Mittel an die Hand geben, ihnen Einhalt zu thun.

Es giebt nur zwei Wege, wie man auf die Überzeugung eines Menschen wirken kann: durch den Kopf, und durch das Herz. Je heller und erleuchteter aber der Verstand, je reiner, edler und einfacher das Gefühl; desto fester steht die Überzeugung, desto schwerer wird es, eine andere an ihre Stelle zu setzen, desto wichtiger, erhabener, vollkommener müssen die Gründe seyn, wodurch man eine Bekehrung bewerkstelligen will. Sie werden mir zugeben, daß bei Protestanten, welche schön und wahr und gut empfinden, richtig und scharfsinnig denken, keine Bekehrung zu befürchten sei; weil Sie dem Katholizismus, sobald ihn Menschen von dieser Bezeichnung wählen könnten, entweder entschiedene Vorzüge einräumen müßten, oder wenigstens gegen den Übertritt mehr nichts als die bloße Verschiedenheit Ihrer Geisteskräfte einzuwenden hätten. Also: aus welcher Klasse von Protestanten kann sich die katholische Kirche Proselyten suchen? Die Antwort ist bereits im vorhergehenden enthalten: aus derjenigen Klasse, worin so mancher Protestant keinen Sinn für die Moralität seiner Religion, für ihre Gründe zu wenig Vernunft besitzt, und nur vermöge der zufälligen Verhältnisse seiner Lage und seines Aufenthalts durch Erziehung und Gewohnheit im Protestantismus erhalten wird. Wie nun jeder höhere Grad der Vernunft nur demjenigen, der ihn besitzt, Gesetze geben, und das geläuterte Gefühl seine Wirkungen von dem roheren nimmermehr erwarten darf: so reduziren sich alle Mittel, welche nicht auf die Erwekkung des moralischen Sinnes und auf verstärkte Wirksamkeit der eignen Denkkräfte im einzelnen Menschen abzwekken, und wodurch man gleichwohl die Anhängigkeit an eine bisher nur aus Gewohnheit von ihm anerkannte Religion erzwingen will, auf eine wirkliche Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit, offenbare Gewalt, Recht des Stärkeren. Ist die Religion in die Verfassung unzertrennlich verwebt, ist sie ein Hauptrad der großen Staatsmaschine, und sieht sich aus diesem Grunde die gesetzgebende Macht gezwungen, um der Proselytenmacherei zu wehren, dem Gewissen des Bürgers Fesseln anzulegen: so hat alle freie Diskussion ein Ende; von Vernunft, Aufklärung und Wahrheitsliebe kann weiter nicht die Rede sein; Denkfreiheit und Moralität der Wahl sind vernichtet; Maschine steht nur gegen Maschine, und je früher man die zwei- oder dreimalhunderttausend Argumente Ihres Königs ins Feld rükken lässt, desto schneller und sicherer ist der Sieg des Protestantismus entschieden.

So wären wir aber heute noch auf demselben Punkte, wo man vor dreihundert Jahren stand; und so viele Märtyrer der Wahrheit, von allen Religionen und Sekten, wären ganz umsonst gestorben! Märtyrer der Wahrheit, sage ich; nicht der besondern Meinung, die ihnen wahr und der Aufopferung des Lebens werth dünkte, – denn unter widersprechenden Meinungen kann höchstens eine nur die wahre sein, und doch litten Huß und Servet wie Märtyrer des Kalenders, – sondern der theuer erkauften, mit Blut besiegelten Wahrheit: daß der Glaube eines Menschen, was immer sein Gegenstand sei, keiner Gewalt auf Erden unterthan, und selbst vom eignen Willen unabhängig ist!

Nein. Die allgemeine Anerkennung dieser Wahrheit haben wir vor den dunkleren Jahrhunderten voraus; selbst die unumschränktesten Herrscher haben sie zur Richtschnur gewählt; und durch ihre Kraft ist das schrekliche Zwangssystem in Gewissenssachen endlich gefallen. Jene großen Regenten wagten es also, diejenige Klasse von Unterthanen, deren Verstand und Gefühl den Argumenten der Bekehrer den wenigsten Widerstand leisten konnte, sich selbst zu überlassen. Ohne Zweifel hatte diese Sorglosigkeit die betrübtesten Folgen für die protestantische Kirche? Ganze Dörfer, ganze Städte und Distrikte bekannten sich zur katholischen Religion? Die protestantischen Pfarrer ermüdeten das Ohr ihrer Monarchen mit Klagen über die Verminderung der Zehenten?

Da wäre nun der Fall doch bedenklich, und die göttliche Sache der Wahrheit bedürfte wohl zu ihrer Rettung – menschlicher Hülfe. In der That muß ein jeder rechtschafner Protestant, der in seinem System mehr Wahrheit und Menschenglük findet, als andre Lehrbegriffe ihm darzubieten scheinen für die Erhaltung dieses Systems unter solchen Umständen recht ernstlich besorgt sein: er muß es um so viel eher, da er keine unmittelbare Dazwischenkunft einer höhern Macht zum Besten irgend eines menschlichen Glaubens, auch nicht des wahren, in unsern Zeitläuften erwartet, sondern leicht den Beruf fühlen kann, statt aller Wunderkräfte seine Klugheit und Redlichkeit für das Werkzeug anzusehn, in welchem für diesesmal die Beschirmung der Wahrheit beschlossen liegt. Hier ist indessen keine Zeit zu verlieren. Was räth uns die Klugheit?

Zuerst, die Bekehrer selbst zu erforschen. Durch welche Vorspiegelungen, durch welche Künste gelingt es denen, die nach der so ängstlich wiederholten Klage der protestantischen Jurnalisten, von der katholischen Kirche zu diesem Geschäfte besonders ausersehen sein sollen, so viele Protestanten zu bethören? Es werden vielleicht Männer von tiefer Einsicht, von warmem Gefühl, von hinreißender Beredsamkeit sein? Weit gefehlt! Von rohen Mönchen und verschmitzten Priestern sprechen die Kläger. »Jenen, so lautet ferner die Beschuldigung, ist ihre Regel der Inbegrif alles Wissens, ihr Gefühl ist Köhlerglaube, die Quelle ihrer Beredsamkeit ist die Legende. Diese, fährt man fort, erschleichen das Zutrauen, schmeicheln dem Gewissen, halten dem Eigennutz eine Lokspeise vor.« Wir wollen hier die Fragen: ob Menschen von dieser Bezeichnung wirklich vermöge eines erhaltnen Auftrags handeln? und die andre: ob man überhaupt noch Missionen in das protestantische Deutschland schikt, fürs erste unerörtert lassen; genug.

Die Proselyten solcher Bekehrer sind also nur Wundersüchtige von schwacher Vernunft, oder Gewinnsüchtige von erstorbenem Gefühl. Die Unglüklichen! die Bedaurenswürdigen! – Welches grausame Schiksal stieß sie so weit hinab, daß sie die schönste Bestimmung des Menschengeschlechts verfehlen, im Gebrauch ihrer Anlagen glüklich zu sein, glüklich als denkende und empfindende Wesen? Wer fesselte ihre Vernunft, wer stumpfte ihr Gefühl?

»Sie sind Sklaven.«

Um ihrer Denkkraft Wirksamkeit, ihrem Gefühl sittliche Vollkommenheit zu verschaffen, fordern wir also ihre Wiedereinsetzung in alle Rechte der Menschheit. Freie Menschen nur können ihrer Bestimmung gemäß handeln. Laßt uns hinwegeilen über das allzubekannte, allzuwahre, was, so oft man es erwähnt, die Lebenskraft selbst des Sklaven mit seiner Wahrheit durchdringt: Frei sein heiße Mensch sein; der Freie nur bilde sich hinauf zum Vollkommnen; er sammle und erkenne die Verhältnisse der Wesen zu ihm und untereinander, fühle ihre Harmonie, ehre die heilige Kraft der Menschennatur, die das Weltall in ihn trägt, und genieße die Wonne, sich selbst und seinen Himmel im Busen mit Andern zu theilen! Ein freier Bürger eines freien Staats, und zugleich ein Proselyt zu sein: das wäre dann entweder ein Widerspruch, oder es gereichte dem Kopfe und dem Herzen des Freiwählenden zur Ehre.

Man hat wohl eher den beklagenswerthen Zustand jener Unglücklichen, die der Despotismus herabwürdigt, die er des Adels der Menschheit beraubt hatte, durch eine schlaue petitionem principii zum Beweise angeführt, daß die Vormundschaft eines Despoten ihnen unentbehrlich sei; als ob nicht selbst das roheste oder auch das verworfenste Volk eine größere Masse von Einsichten und mehr lauteres Menschengefühl in sich faßte, als je ein Despot allein besitzen kann. Doch es sei der Fürst der weiseste und beste Mann im Staate; Weisheit und Güte beweisen noch nicht das Herrscherrecht. Kann ich die gesetzgebende Macht meiner Vernunft über mich selbst nur veräußern? Die Gesetze einer Vernunft befolgen, die nicht die meinige ist? Sie annehmen, sie anerkennen, sie verstehn, setzt bei mir gleichen Grad der Vernunft voraus: allein alsdann höbe die letzte Voraussetzung die erste auf. Diesem Dilemma entgeht man nie: ohne Anerkennung giebt es keine Superiorität; Anerkennung aber ist unmöglich bei ungleichem Fassungsvermögen; mithin ist die Herrschaft, selbst des Weisesten und Besten, kein Recht, sondern Gewalt. Die Einschränkung der Gewissensfreiheit ist nur der auffallendste Akt dieser Gewalt; ein Akt, wodurch der Despotismus seinen Untergebenen die Rükkehr zu ihrer eignen Vernunft gar abzuschneiden, alle freiwillige Regungen in ihnen zu erstikken sucht. Mit der Freiheit: sich vom Übernatürlichen andre als die vom Regenten vorgeschriebnen Vorstellungen zu machen, verschwindet die letzte Veranlassung zur eignen Anstrengung der Vernunft; bei der maschinenmäßigen Befolgung einer Heilsordnung, die alles Nachdenken verbietet, erlischt der letzte Funke von Empfindung, womit nur erkannte Wahrheit das Herz zu erwärmen pflegt. Weise Regenten, denen diese tödliche Folgen unverholen blieben, schenkten daher dem Volke die Gewissensfreiheit als ein kräftiges Mittel zur eigenen Bildung, wodurch es vorbereitet werden könnte, die Majestätsrechte der Menschheit in sich selbst zu empfinden, und deren Ausübung dereinst in seine Hände zurükzufordern. O warum glaubten sie, daß es noch dieser Vorbereitung bedürfte? Warum fühlten sie sich nicht groß genug, um die Befreier ihres Volks zu werden? Warum bedachten sie es nicht, daß einen Theil ihrer Rechte aufzuopfern, soviel als gar nichts der Freiheit des Bürgers einräumen heiße, solange der Nachfolger auf dem Throne alles niederreißen darf was sein Vorfahr baute, und die Gesetzgebung von der Willkühr eines jeden neuen Sultans, diese von den Eingebungen seines Divans, und diese wieder von den Launen des Harems, abhängt?

Es soll mich nicht wundern, wenn man diese Gedanken eines schwärmerischen Anstrichs zeiht. Lebhaftigkeit des Geistes und Wärme der Empfindung führen uns bald über die Gränzen des Wirklichen hinaus; und was immer der Lieblingsgegenstand sei, womit sich unser intellektuelles Wesen beschäftigt, so idealisirt ihn unsre Phantasie. In Ihrer Monatsschrift, diesem Schauplatz der Schwärmereien für und wider die Vernunft, mag immerhin auch die meinige ihre Stätte finden. Sollen wir schwärmen, so sei es für die Freiheit! Das ist wenigstens eine unschädliche, ehrwürdige, herz- und geistererhebende Schwärmerei, die nach dem Zeugniß der Geschichte, nicht immer ohne wohlthätige Folgen bleibt. Doch itzt zurük aus unsern utopischen Theorieen in die wirkliche sublunarische Welt.

Die Gewissensfreiheit existirt wirklich in einigen Staaten, deren Verfassung das Widerspiel der republikanischen ist; und man besorgt also im Ernst, daß die Bekehrung derselben zur katholischen Kirche unvermeidlich sei? Inzwischen, was nach der Theorie so zuverlässig war, so unfehlbar eintreffen mußte, ist gleichwohl bis itzt noch nicht geschehen: kein Distrikt, keine Stadt, kein Dorf in jenen Ländern ist bekehrt, kein Pfarrer hat über die Verminderung seiner Heerde und die Abnahme seiner Einkünfte geklagt. Beispiele von einzelnen Proselyten lassen sich nachweisen; allein sie bleiben seltne Ausnahmen, und können eben so wenig einen allgemein gewordnen Hang zum Katholizismus unter den Protestanten darthun, als Steblitzki und Lord Gordon die besondre Neigung der itzigen Christen zum Judenthum beweisen. So giebt es auch neuerliche Beispiele, daß Katholiken zur protestantischen Religion übergetreten sind; nur fallen sie selten so in die Augen wie der Übertritt des itzigen Herzogs von Norfolk, und man giebt sich keine Mühe sie zusammenzusuchen, weil die Kühnheit, daraus etwas allgemeines folgern zu wollen, hier jeden abschrekken muß. Bei der bekannten Denkungsart der katholischen Glaubensverwandten, die den Wunsch nach Bekehrungen rege und die Bewerkstelligung derselben verdienstlich macht, muß allerdings die Zahl der Proselyten, welche zu dieser Kirche übergehn, die der andern weit übersteigen, ohne jedoch für eine stärkere Neigung bei Protestanten zur Apostasie das mindeste erweislich zu machen. Der ganze Unterschied liegt darin, daß die Protestanten sich nicht wie so manche Katholiken, um neue Bekenner ihres Glaubens bewerben. Bedenkt man aber die unleugbar häufigen Versuche und Bemühungen eifriger Katholiken, die Protestanten zur Annahme ihres Bekenntnisses zu überreden, es sei nun, daß sie ihre Gründe vom weltlichen oder geistlichen Vortheil oder von beiden zugleich entlehnen, das Herz oder den Verstand in Anspruch nehmen; und zählt man noch hinzu, was so oft und dringend von der heimlichen Geschäftigkeit gewisser papistischen Ordensmänner durch den Weg geheimer Gesellschaften, physikalischer und hyperphysischer Prästigiatoren und andrer Emissarien in Ihrer Monatsschrift behauptet worden ist: so möchte man in Versuchung gerathen, den unbedeutenden Erfolg dieser mächtigen Bestürmung, bei der vorausgesetzten Schwäche der Prinzipien des großen protestantischen Haufens, geradezu einem Wunder zuzuschreiben: wenn uns, in Ermangelung der aufgeklärten Vernunft, die Macht der Gewohnheit nicht das Räthsel lösete. Daß bei vernünftigen Männern Hypothesen sich in Dogmen verwandeln, daß die aufgeklärten Britten den Sonntag wie puritanische Kopfhänger feiern, daß die katholische Kirche sich noch der Kurie unterwirft, daß Sklaven sich mißhandeln lassen von schwächern Tyrannen: diese und so viele Dinge mehr werden durch die Macht der Gewohnheit bewirkt. Wie? und der protestantische Glaube wäre allein nicht sicher unter ihrem Schutz? Wenigstens bei den Versuchen katholischer Proselytenmacher ihn wankend zu machen, sollte ich meinen, daß wir ruhig schlafen könnten. Oder wollen wir erst sehn, durch welche Mittel die Macht der Gewohnheit untergraben und überwältigt werden kann?

Zwei Kräfte giebt es allerdings, deren Wirksamkeit die Gewohnheit nicht widersteht: der Trieb der Selbsterhaltung, und das Beispiel. Ihre Art zu wirken ist sehr verschieden: die erste bringt schnelle, plötzliche Revolutionen zuwege; die zweite kommt unvermerkt und langsam zum Ziel. Der Druk des Despotismus, wenn er zu gewaltsam ist, wekt auch in einem anscheinlich erstorbenen Staatskörper das Selbstgefühl des Bürgers. Zum Selbstgefühl erwachen, heißt schon frei sein; denn ein jeder Despotismus ist wie der nächtliche Alp verschwunden, in dem Augenblik, wo das Volk zum ganzen Bewußtsein wieder erwacht. So schüttelt Frankreich itzt den Todesschlummer ab, in welchem es versunken lag, und wird frei. So befreite auch ein plötzliches Erwachen der Vernunft unsre deutschen Voreltern vom hierarchischen Joch, und nimmermehr wird dieselbe Reformation, die so schnell und unaufhaltsam jene aufs äußerste getriebenen Gemüther ergrif, durch eine ähnliche Veränderung wieder plötzlich und auf einmal in den Limbus der geistlichen Alleingewalt zurüksinken. Die einstimmige Mißbilligung solcher Maaßregeln, die auch nur dem leisesten Verdacht eines neuen Eingrifs in die Rechte der Gewissensfreiheit unterworfen sind, beweiset zur Genüge, daß die Tyrannei einer protestantischen Unfehlbarkeit schwerlich in der Reihe der ausführbaren Dinge zu suchen ist. Nichts geringeres aber als der Druk einer solchen Tyrannei könnte die Protestanten auffordern, das Joch ihrer Kirche plötzlich abzuwerfen; – doch auch alsdann gewiß nicht um ein schwereres freiwillig wieder aufzunehmen.

»Allein die Macht des Beispiels, diese langsam und sicher wirkende, sanft überredende, sich einschmeichelnde Macht, kann unvermerkt die Wachsamkeit der Protestanten einschläfern und alle Stützen ihrer Kirche untergraben.« Ich räume Ihnen ein, von dieser Seite drohet den Protestanten noch die meiste Gefahr. Wo katholische Fürsten protestantische Staaten beherrschen, und die Religion bei der Besetzung der Ämter ihnen mehr gilt als Geschiklichkeit und Verdienst: dort lassen sich die nachtheiligen Folgen des Beispiels leicht voraussehen. Dagegen hat man aber in solchen Staaten dem Mißbrauch der oberherrlichen Gewalt schon vorzubeugen und alle Besorgnisse in Zukunft überflüssig zu machen gewußt. Im Kurfürstenthum Sachsen ist die Besetzung der Landesstellen mit Subjekten die der Augsburgischen Konfession nicht zugethan sind, dem katholischen Regenten gänzlich untersagt. In Hessen mußte Friedrich II. unter der Garantie von England und Dännemark der Erziehung seiner Kinder entsagen, dem ältesten Sohn die Grafschaft Hanau abtreten, und den versammelten Ständen mit einem feierlichen Eide betheuern, daß sein Übertritt zur katholischen Religion keines der konstitutionsmäßigen Rechte der herrschenden reformirten Kirche schmälern sollte. Diesen Maaßregeln muß man es zuschreiben, daß das Beispiel der regierenden Fürsten in beiden Ländern ganz unschädlich geblieben ist. Allein diese Unschädlichkeit, muß ich bekennen, ist die Wohlthat der Verfassung, welche zwar von ächtrepublikanischer Freiheit weit entfernt, aber gleichwohl frei genug gewesen ist, um der Willkühr des Fürsten Gränzen zu setzen.

Ganz anders und ohne allen Vergleich gefährlicher müßte es um die Sicherheit der protestantischen Kirche in solchen Ländern stehen, wo alles von der unumschränkten Gewalt eines Einzigen abhängig ist. Gesetzt einmal, der Beherrscher einer protestantischen Despotie träte öffentlich zum katholischen Glauben über; er besetzte die öffentlichen Ämter mit Katholiken; er suchte durch eine Verordnung nach der andern den Geist der protestantischen Kirche umzumodeln, katholische oder eigentlicher papistische Grundsätze in denselben überzutragen, die Denk- und Gewissensfreiheit einzuengen, kurz alles dahin einzuleiten, daß der große Schritt einer feierlichen Wiedervereinigung mit Rom zuletzt weder auffallen noch empören könnte; gesetzt, er wäre schlau genug, das sinkende Ansehen des Papstes in Deutschland unter einem politischen Vorwand aufrecht zu erhalten; er legte endlich dem aufgeklärten Patriotismus der katholischen Erzbischöfe neue Hindernisse in den Weg, und hemmte dadurch die Fortschritte der deutschkatholischen Kirche zur Läuterung und Independenz; – unter diesen, freilich höchst unwahrscheinlichen, Voraussetzungen den Erfolg bezweifeln zu wollen, verriethe doch eine gänzliche Unbekanntschaft mit den Gesetzen der Analogie. Nur scheint es mir aus diesem eventuellen Falle, wie aus allem Bishergesagten, bis zur unleugbaren Evidenz zu erhellen, daß nicht der Katholizismus an und für sich, sondern einzig und allein in Verbindung mit den Gräueln einer despotischen Regierungsform, der protestantischen Kirche furchtbar ist. Nehmen wir den Katholizismus ganz hinweg aus der Reihe der Dinge, so können Sklaven immer noch durch irgend ein andres geistliches Zwangssystem, irgend ein symbolisches Formular, in Lastthiere verwandelt werden, an denen, wie an den polnischen Leibeigenen, die menschliche Gestalt, das Ebenbild der Gottheit und folglich das Sigel der Freiheit, kaum noch kenntlich ist.

Es ist keine neue Lehre, die ich hier vortrage; man hat schon längst gesagt, schon längst, vielleicht mit kräftigern Gründen, die Ohnmacht des hierarchischen Despotismus, außer in Verbindung mit dem weltlichen, erwiesen; den letztern hat man vielfältig vor dem höchsten Tribunal der Menschheit aller Majestätsverbrechen angeklagt und schuldig erfunden. Seine Tükke sei indeß noch so gefährlich, so können Umstände eintreten, welche ihn in gewissen Schranken halten, ihn nöthigen, seinen weitaussehenden Projekten, wenigstens auf einige Zeit zu entsagen. Wenn unter mehrern Staaten von verschiednem Interesse und verschiedner Verfassung, die aber durch Sprache, Sitten, Handel und Litteratur im engsten Verkehr miteinander stehen, einer oder der andere sich der uneingeschränkten Regierungsform nähert; so scheuet doch daselbst die Ungerechtigkeit die von jenem Verkehr unzertrennliche Publizität. Der gewöhnliche Despotismus schämt sich, wie die niedrigen Raubthiere, wie Tiger und Panther, wenn man ihn auf seinen Schlichen ertappt. Der Blutdurst muß wirklich so hoch steigen, wie bei den Nachfolgern Augusts auf dem Römischen Kaiserthron, eh er sich über diese Furcht hinaussetzt. Wäre demnach der Fall möglich, daß irgend ein Alleinherrscher den Katholizismus in protestantischen Staaten begünstigte, so scheint mir wenigstens in der Publizität ein sichres Zufluchtsmittel für die bedrängte Kirche zu liegen; die Besorgnisse der Unterthanen und der Nachbarn würden vereinigt bis zum Throne dringen, und vielleicht wäre es nicht einmal nöthig, die Stimme des Tadels und der Mißbilligung zu erheben. Denn oft füllt auch ein sanfter, guthmütiger Fürst den Despotensitz; in diesem Falle würde man auch durch Anspielungen seinen Endzwek erreichen, und die Proselytenmacherei könnte dann der kleine Husar sein, den man statt des Despotismus peitschte.

Eine solche Metonymie hätte aber auch ihre Gränzen. Es wäre doch unter diesen Umständen unbillig, Scherz in Ernst zu verwandeln, und auf die Proselytenmacherei so aus allen Kräften loszuschlagen, als ob sie wirklich etwas verschuldet hätte. Am wenigsten dürfte es in einem solchen Falle – dem einzigen, wo es überhaupt zu entschuldigen wäre, gegen die Bekehrer Zeter! zu schreien – am wenigsten dürfte es da nöthig sein, die Handlungen, Meinungen, Briefe, auch wenn Sie wollen, die Thorheiten und Inkonsequenzen irgend einer Privatperson von übrigens unbescholtnem Rufe, öffentlich zur Schau zu stellen, und der Mißdeutung oder gar der Verachtung Preis zu geben, bloß weil sie mit unserm Gemisch von Ahndungen, Fertigkeiten, Überzeugungen und Syllogismen, welches wir unsere Religion nennen, nicht zu reimen sind.

Beschämung! – ja! Beschämung des Briefstellers nennen Sie aber die andere Absicht, welche Sie bewogen hat, das Schreiben des Herrn Hofgerichtsraths Bender in Ihrer Monatsschrift abdrukken zu lassen. Sollte wohl sein Betragen dieses harte Urtheil von Ihnen in einer öffentlichen Schrift verdienen? Er ein Katholik, räth seiner Glaubensgenossinn, ihre Kinder katholisch zu erziehn, aus Pflicht zu seiner Religion und als Freund. Seit wenn ist es ein Verbrechen, nach seiner Überzeugung zu handeln? Seit wenn darf ein Freund keinen wohlgemeinten Rath ertheilen, der die Gewissensruhe und die Annehmlichkeit der äußern Verhältnisse der so berathenen Person zur Absicht hat? Allerdings ein großes, unverzeihliches Verbrechen, daß ein katholischer Beamter in einem katholischen Lande katholische Grundsätze hat; daß er den Satz vom einzig seligmachenden Glauben steif und fest annimmt und darnach handelt; daß er von seinen Altern, in der Schule, von orthodoxen Theologen seiner Kirche diese Meinung mit der Muttermilch und mit der ersten Milch des Unterrichts eingesogen hat! Ich müßte mich sehr irren, oder die Katholiken dürfen sich wohl über protestantische Intoleranz beschweren, wenn dasjenige, was nach protestantischen Grundsätzen höchstens ein bedaurenswerthes Unglük ist, einem Menschen zum Verbrechen und zur Schande angerechnet wird? Ist es aber in den Augen eines Protestanten schändlich, ein Katholik zu sein, und seinem Glauben gemäß zu handeln; so wird man sich auch nicht wundern müssen, wenn Katholiken den Protestantismus verabscheuen, und von den Handlungen der Protestanten, die aus ihrem Lehrbegrif fließen, manches lieblose Urtheil fällen sollten.

Wahrlich, diese gegenseitige gute Meinung bereitet die beiden Parteien zu einer gar brüderlichen Verträglichkeit als Christen und Landsleute vor!

Mit einem nicht minder harten Ausdruk heißt es ferner: der Rath dieses Mannes sei auf das hinterlistigste motivirt; und gleichwohl hatte er nicht den Schaden, sondern den Vortheil der Wittwe zur Absicht. Wenn ich mir Sie Selbst, meine Herren, an dem Platz des Briefstellers denke, der sich in seinem Gewissen verpflichtet glaubt, seiner Kirche die Kinder der Amtmannswittwe als Proselyten zuzusichern, so begreife ich wohl, daß Sie überzeugender, eindringender, pathetischer geschrieben; allein ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie, als Katholiken, andre Beweggründe gewählt hätten, oder bei deren Erwählung sich einer Hinterlist bewußt gewesen wären. Der Bekehrungseifer, den der alleinseligmachende Glaube nothwenig zur Folge hat, suppeditirt alle in dem Schreiben vorkommende Argumente, und macht es begreiflich, daß der Briefsteller sogar geglaubt haben könne, ein Versprechen dürfe gebrochen werden, wenn nur der Kirche die Knaben nicht entgingen. Die Täuschung läßt sich leicht erklären, vermöge welcher man widerrechtlich handelt, und dennoch sein Gewissen dadurch zu beruhigen glaubt. Kennen wir nicht die Macht religiöser Meinungen über die Gemüther? Nicht die traurigen Wirkungen der Vorurtheile und Autoritäten, zumal einer vermeintlich göttlichen Autorität? Diese rechtfertigte ja sogar vorzeiten jeden Angrif auf leibliche Freiheit und materielles Eigenthum der Andersgesinnten; und noch itzt wird die Usurpation, womit sie ihre Aussprüche jeder Vernunft aufdringen und bei einem jeden Räsonnement vorausgesetzt wissen will, über den ganzen Erdball theils für rechtmäßig anerkannt, theils des verjährten Besitzes wegen tolerirt. »Gott« – so lautet der gewöhnliche Ausdruk: – »Gott selbst hat geredet, hier verschwinden alle Einwürfe der Vernunft«. So urtheilt der gewissenhafte Mann nach den Postulaten seines Glaubens. Daß dadurch ein Mensch, der vielleicht auch mit unüberwindlicher Stärke des Vorurtheils an seinen Glaubensmeinungen hing, und von ihrer ausschließenden Wahrheit nicht weniger überzeugt sein mochte, in seinen Erwartungen hintergangen, daß ein feierlicher, freiwilliger Vertrag gebrochen wird; – von der Unredlichkeit dieses Schrittes, die Sie ihm vorwerfen, hat er keinen Begrif. Immerhin mag die Frömmigkeit mit der Jurisprudenz davon gelaufen sein; unredlich kann der Briefsteller nur alsdann erst heißen, wenn er von der Ungültigkeit seiner Gründe schon voraus überzeugt gewesen ist, wenn er die Wittwe (die bei Ihnen wohl nur in Konformität einer gewissen Terminologie eine schwache und betrübte Person heißt) mit Vorspiegelungen, die seiner eignen Überzeugung nicht genügten, aufgefordert hätte, den Schatten ihres verstorbnen Ehemanus noch im Grabe zu beleidigen.

Sie scheinen mir in diesem Falle von einem Katholiken protestantische Grundsätze zu forden, wenigstens seine Handlungen und Absichten nicht aus seinem Gesichtspunkte zu beurtheilen, und auf diese Weise zu jenen harten Ausdrükken gekommen zu sein, womit nur vorsetzliche Verbrechen, keinesweges aber die Verirrungen, die aus religiösen Meinungen entspringen, geahndet werden dürfen. Dadurch geben Sie manchem Leser, ganz wider Ihre Absicht, eine hinreichende Veranlassung, Ihre Darstellung des katholischen Bekehrungseifers in die Klasse gewöhnlicher Kontroversschriften zu setzen und den Vorwurf der Proselytenmacherei zu retorquiren. Ihre gewiß verdienstliche Bemühung, dem Heer von Betrügern aller Art entgegen zu arbeiten, und sowohl das geistige Eigenthum unsrer klaren Begriffe als auch das materielle unsrer Baarschaften vor jenem Raubgesindel zu sichern, macht den Wunsch in mir rege, daß nichts in Ihren Aufsätzen vorhanden sein möchte, was die Beschuldigung des Parteigeistes auch von fernher nur begünstigen könnte. Es ist aber unmöglich, bei der Wahrheitsliebe, die aus Ihren Aufsätzen hervorleuchtet, nicht zugleich zu bedauern, daß darin ein etwas leidenschaftlicher Synkretismus zuweilen sichtbar wird, welcher über wissentliche Betrüger, und über die treuherzigen Anhänger an Vorurtheile der Erziehung und religiöse Autorität gleiche Verdammniß ergehen läßt; ein Synkretismus, welcher die edelsten Menschen, wenn sie eine Ihnen verdächtige Sache aus einem andern Gesichtspunkte ansehn, sogleich für Mitschuldige erklärt, und als solche zu züchtigen sucht. Ich darf wohl sagen, daß dieses Verfahren dem Nutzen, welchen Ihre Monatsschrift stiften kann, sehr wesentlichen Abbruch thut, ohne, so viel ich einsehe, den mindesten Ersatz zu liefern.

Es raubt Ihnen erstlich alles Zutrauen der Katholiken; nicht allein der sogenannten rechtgläubigen, die jeder Widerstand, wenns möglich wäre, zu größerer Anstrengung gegen den Protestantismus reizen muß; sondern auch derjenigen, die mit redlicher Unverdrossenheit unter ihren Glaubensgenossen die Masse von Kenntnissen zu vermehren, den Geist der Duldung und seine wohlthätigen Wirkungen immer mehr zu verbreiten, und ihre Volksreligion nach und nach von allem papistischen Sauerteig zu reinigen wünschen. Diese gutdenkenden Männer muß es verdrießen, daß die Nekkereien der Protestanten und ihre Vorwürfe den Eifer orthodoxer Katholiken gerade für diejenigen Sätze wach erhalten, deren Mißbrauch und schädliche Mißdeutung sie längst erkannt haben, deren Ansehn aber einschlummern muß, eh es ganz gestürzt werden kann. Anstatt also der Aufklärung des katholischen Deutschlands in die Hände zu arbeiten, wirken Sie ihr gerade entgegen. In der That fehlt es den Katholiken weder an Scharfsinnigkeit in Ansehung der Mängel, noch an Wetteifer mit den Protestanten, um ihnen abzuhelfen; allein das Allgemeinwerden dieser Denkungsart kann nur die Macht des Beispiels bewirken: des Beispiels der bereits aufgeklärtem Katholiken, die von ihren Fürsten als fähigere Köpfe hervorgezogen werden und durch eigne Vortreflichkeit des Charakters glänzen müssen; der Protestanten, indem sie ihre Nachbarn den unendlichen Gewinn an Wohlstand und innerer sowohl als äußerer Prosperität aller Art, den ihnen politische und religiöse Freiheit verschaft, in vollem Maaße empfinden lassen, und dadurch den Wunsch nach den Mitteln ähnliche Vortheile zu erlangen, im höchsten Grade erwekken müssen. Wie viel bleibt auf diesem Wege nicht noch den Protestanten für sich selbst und ihre katholischen Brüder zu erringen übrig?

Von der Härte, womit Sie Sich gegen Andersgesinnte äußern, besorge ich ferner einige unvortheilhafte Eindrükke auch für Ihre protestantischen Leser. Eines Theils wird dadurch die Abneigung gegen die Katholiken und der Religionshaß nur genährt; andern Theils aber, wo dieses nicht der Fall ist, hebt die Unbilligkeit, die man Ihnen hier vielleicht Schuld geben möchte, auch die gute Wirkung auf, welche sonst Ihre öffentliche Schaustellung der neuen Schwarzkünstler, Desorganisatöre, Goldköche, Monddoktoren, Rosenfelder, und anderer Betrüger unfehlbar in weit größerem Umfang äußern müßte.

Ward einmal der leiseste Verdacht von Parteilichkeit in einer Rüksicht veranlaßt, so ist man immer geneigt in jedem Falle sie wieder im Spiel zu vermuthen.

Bei der höchsten Achtung für die eigne Beruhigung, welche aus dem Bewußtsein einer guten Absicht entspringt, bleibt mir endlich der Wunsch noch übrig, daß Männer, die mit gleich redlichem Eifer, mit mannichfaltigen Schätzen der Erfahrung und des Wissens, mit erleuchteter Vernunft und richtiger Empfindung auf dem Wege der Erkenntniß fortschreiten, bloß des verschiednen Ganges willen, der jedem eigen ist, und eines Tones willen, den innere und äußere Verhältnisse modifizirten, um der besondern Ansicht willen, wodurch das Eine Wahre jedem anders erscheint, doch nie vergessen möchten, daß wechselseitiges Wohlwollen ihre höchste Ehre ist. Der Aufklärung unsers Jahrhunderts scheint es unwürdig, daß gelehrte Streitigkeiten zu persönlicher Verbitterung führen. Wie lange wird diese Intoleranz, die gehässigste von allen, noch dauren? Wenn wird man aufhören zu glauben, daß, weil diese oder jene Prinzipien und Meinungen uns wahr und alleingültig scheinen, sie darum in eben dem Lichte von andern gesehn werden müssen? Sollte man nie dahin kommen können, die Unabhängigkeit der Vernunft, die jeder für sich verlangt, auch allen andern zuzugestehn; dergestalt, daß kein ens rationis den freien Menschen fesseln, keine Vernunft der andern gebieten dürfe, daß die individuelle Vernunft eines jeden Menschen allen andern vernünftigen Geschöpfen das respektabelste Wesen sei, und daß die wahre Aufklärung, welche nimmermehr den Endzwek haben kann, gewissen allgemeingültig seinsollenden Prinzipien einen Despotensitz zu erbauen, vielmehr der eignen Vernunft und dem Gefühl eines jeden Menschen freie, ungehinderte Wirksamkeit verschaffe?

Allein bei der Stimmung unsrer Zeitgenossen, bei ihrem Wahlspruch: nul n'aura d'esprit hors nous et nos amis, bei der traurigen Fertigkeit Andersgesinnte für ehrlos zu halten, und dieses Privaturtheil auch sogleich im Druk zu verkündigen, bleibt die Denkfreiheit nur ein frommer Wunsch. Dürfen wir wohl, wenn die Katholiken über eine Abweichung von ihrem Religionssystem noch hie und da das brutum fulmen einer zukünftigen Verdammniß herabschleudern, dürfen wir da wohl von Unvernunft sprechen, so lange das mildere oder strengere Urtheil, welches wir von diesem Glauben fällen, hinreichende Veranlassung giebt, eine sichere zeitliche Verdammniß, die Schändung des guten Namens, über uns zu bringen? Nach welchen menschlichen, nach welchen angeblich göttlichen Gesetzen kann dieses Verfahren gerechtfertigt werden? Noch einmal: die Nichtanerkennung der Wahrheit bringt keinem Menschen Schande, sondern die Nichtbefolgung der erkannten Wahrheit. Wer sich nicht belehren ließe, daß die drei Winkel eines Dreieks zwei rechten Winkeln gleich sind, dem würde man zwar mit Recht die Fähigkeit zur Mathematik absprechen; aber ehrlos wäre er darum nicht. Sind nun Begriffe von Ehre und Schande nicht einmal mit der Anerkennung oder Nichtanerkennung mathematischer Axiomen verbunden, wie wäre es billig, sie an spekulative Sätze oder gar an Glaubenssachen, deren Evidenz schlechterdings nur subjektiv ist, zu knüpfen?

Doch gesetzt, die Wahrheit wäre das unverfälschte, ausschließende Eigenthum der einen Partei: ist Entehrung der andern das natürliche Zeichen, woran man sie erkennt, das Mittel, wodurch man ihr allgemeine Annahme verschaft? Ich zweifle sehr, ob man auch bei dem glühendsten Bekehrungseifer den Nutzen der Verunglimpfung bei diesem Geschäfte behaupten, oder sich schmeicheln wird, seinen Gegner dadurch leichter zu gewinnen. Wo nun aber der Streit unterschiedne Meinungen betrift, wo es vielleicht niemals ausgemacht werden kann, auf wessen Seite das Recht sich befindet, wo vielleicht Wahrheit und Täuschung auf allen Seiten unzertrennlich in und nebeneinander bestehen: was nutzt es da, die Ehre seines Gegners anzutasten? Ich erwarte keine Antwort auf diese Frage: dahingegen die andre: was es schadet? leicht so beantwortet werden kann, daß ein behutsameres Verfahren gegen Andersgesinnte ungleich räthlicher erscheint. Oder ist der gute Namen eines Privatmannes, der nach andern Grundsätzen als die unsrigen handelt, ein Ding womit man nach Gutdünken spielen kann? Daß Menschen, die das Bedürfniß geliebt zu werden innig empfinden, so leichtsinnig andern entziehen wollen, was sie liebenswürdig und achtungswürdig macht! Daß Philosophen sich einer Handlung nicht enthalten können, von welcher es, gelindestens zu reden, unentschieden ist, ob sie gut oder böse, nützlich oder schädlich sei! Daß der Wahrheitseifer noch immer so verzehrend brennt, zu einer Zeit, wo die Verschiedenheit der Meinungen nicht größer sein kann; wo der freie Untersuchungsgeist erst anfängt seine Fakkel in die Gruft des Ungeheuers, Autorität, zu tragen; wo Scharfsinn und Tiefsinn, Erfahrung und Selbstgefühl so dringend bitten, die Entscheidung der immer nöthiger gewordnen Frage: was ist Wahrheit? zuvor abzuwarten!

Diese Gedanken erwachten von neuem in mir bei der Lesung der wenigen Zeilen, womit Sie das Schreiben des mainzischen Beamten begleitet haben, und bewogen mich, Ihrem darin geäußerten Urtheil über den Briefsteller meine Meinung von der Nothwendigkeit, dem Nutzen und der Billigkeit Ihres Verfahrens entgegenzustellen. Ich will mir schmeicheln, daß ich dadurch bei manchem Ihrer Leser, der vermuthlich auf Ihr bloßes Wort den Briefsteller schon der Hinterlistigkeit und Unredlichkeit schuldig glaubte, eine Revision des Prozesses veranlassen, bei einigen auch vielleicht Milderung des Urtheils bewirken werde. Dies ist wohl die geringste Entschädigung, welche man einem unbescholtenen Manne für die Kränkung, sich öffentlich beschuldigt und verurtheilt zu sehen, verschaffen kann; und mich dünkt, auch ohne in irgend einem nähern, persönlichen oder unmittelbaren, Verhältnisse mit ihm zu stehn, würde keiner, dem meine Gründe einleuchten, Bedenken tragen, damit vor dem Publikum aufzutreten. Sehr erfreulich würde es mir sein, wenn dieser Aufsatz so beschaffen wäre, daß Sie Selbst über die darin verhandelten Gegenstände Ihre Gesinnung ein wenig mildern, und insbesondre Sich dadurch überzeugen könnten, in der Verurtheilung des Briefstellers weiter gegangen zu sein, als die Unbekanntschaft mit seiner Denkungsart, und die in seinem eignen Schreiben vorangeschikten Religionsbegriffe es zu rechtfertigen scheinen. Auf keinen Fall, glaube ich, daß es schaden könne, durch die Eröfnung einer Ansicht der Sachen, welche von der Ihrigen abweicht, weiteres Nachdenken und nähere Prüfung zu veranlassen; dem Ziel, auf welches ich nur hindeuten konnte, kommt dann vielleicht ein andrer etwas näher, und was uns dabei an absoluter Wahrheit verloren gehen möchte, das gewinnen wir an relativer Erkenntniß wieder.

Bedürfte die öffentliche Bekanntmachung meines Aufsatzes dennoch einer Entschuldigung, so fände ich einen sehr nahen Beruf dazu in dem Mißtrauen, welches Ihre Monatsschrift, durch wiederholte Angriffe auf den Katholizismus und mißbilligende Erwähnung einzelner Auftritte in katholischen Ländern, bei dem hiesigen Publikum gegen die von einem aufgeklärten Fürsten hergezogenen Nichtkatholiken endlich doch erwekken könnte. Dieser Schade wäre schon an sich so groß, daß er in meinen Augen von keinem vermeintlichen Vortheil aufgewogen werden kann; denn er ginge zuletzt darauf hinaus, die wohlthätige Absicht, welche man durch die Anstellung der Ausländer, ohne Rüksicht auf ihre religiöse Meinungen, erreichen wollte, zu vereiteln. Wenn irgendwo gegen die Bekenner andrer als der herrschenden Glaubenssätze ein ungegründetes Vorurtheil obwaltet; so scheint kein Mittel wirksamer dasselbe zu entkräften, als die Verpflanzung solcher Andersgesinnten in den Staat, damit sie als nützliche, rechtschaffene und ruhige Bürger von jedermann erkannt und nach ihrem Verdienste geschätzt werden können. Wie aber, wenn es in protestantischen Ländern hinlänglich ist, ein Katholik zu sein, um schon Mißtrauen zu erwekken; wenn man sichs dort erlaubt, unter dem Vorwande der Bekehrungsgefahr die Privatverhältnisse eines jeden Katholiken mit neugierigargwöhnischen Augen zu durchspähen; wenn Protestanten, nicht zufrieden diese Wachsamkeit, sie sei nun überflüssig oder nicht, auf ihre eigene Heimath und Staaten, wo der Protestantismus herrscht, vorsichtig einzuschränken, ihren Späherblik auch über die Gränze, gleichsam in Feindes Land – weil man dem Feinde keine Schonung schuldig zu sein glaubt? – umher irren lassen, und dort ohne Rüksicht auf die Gehässigkeit dieser Rolle, das Innere der Familie, welches sogar der Gesetzgebung heilig ist, auskundschaften, die willkührlichen Privatmeinungen der Menschen vor ihren Richterstuhl ziehen, und indem es die Sicherheit der protestantischen Kirche erheischen soll, mit einer Anmaßung, die sich bis itzt noch zu keinem Rechte hat legitimiren können oder wollen, gegen vermeintliche Vergehungen die harte Strafe der öffentlichen Beschämung zu erkennen? Vielleicht könnten auch billigdenkende Katholiken in diesen Schritten endlich einen unversöhnlichen Religionshaß, einen zügellosen Parteigeist zu erblikken glauben, und sich dann selbst den Vorwurf machen, daß sie zu frühzeitig angefangen hätten, gegen Protestanten mit sorglosem Zutrauen und unbefangener Offenheit zu handeln. Je weiter sich im Mainzischen die Toleranz gegen Nichtkatholiken bereits erstrekt, desto mehr wird die Unbilligkeit daselbst auffallen müssen, womit einzelne Beispiele von weitgetriebener Anhängigkeit an den tridentinischen Lehrbegrif mühsam hervorgesucht werden, um eine Beschuldigung zu motiviren, die man hier so wenig verdient. Ist es nicht auffallend, wie selten von einer Seite die Beispiele von katholischer Intoleranz in hiesiger Gegend, und wie erpicht und verhetzt auf der andern manche Menschen auf diese Jagd sein müssen, da der im Grunde doch unbedeutende Vorfall in Eltvill von zwei verschiednen Einsendern aufgeschnappt worden ist? In der That, wenn man katholischer Seits alles einräumen wollte, was Sie in Beziehung auf den Eltviller Briefsteller nur verlangen können, wird sich dann wohl mehr daraus ergeben, als die Intoleranz eines individuellen Menschen? Man wird es bedauren, daß in einem, wie Sie ihn nennen, frei und besserdenkenden katholischen Staate, Ausnahmen von der Regel anzutreffen sind, und daß ein Beamter, der allenfalls Gelegenheit gehabt haben könnte, redlichere Ausleger der katholischen Lehre als Bellarmin, Busenbaum und Konsorten, um Rath zu fragen, unglüklicherweise nicht gewußt zu haben scheint, daß man auch ohne den Probabilismus ein guter Katholik, und auch als Katholik zuerst Mensch und Bürger sein könne. Aber mit diesem einzigen Falle, oder auch mit mehrern ähnlichen, wenn sich dergleichen finden ließen, es rechtfertigen wollen, daß diesem Lande der rege Geist der Proselytenmacherei zugeschrieben wird: dies hoffe ich, werden nicht allein Katholiken, sondern auch Protestanten einer zu weit getriebenen Besorgniß zuschreiben, um Ihnen keinen Vorwurf darüber zu machen. Es versteht sich von selbst, wenn man vom Geiste eines Landes spricht, so spricht man nicht von einzelnen Ausnahmen; sonst wären die Katholiken berechtigt die Stimme eines Herausgebers der Berlinischen Monatsschrift für den Geist des Protestantismus zu halten. Wenn also die Ausnahmen nicht gelten sollen, so ruhet allerdings der Geist der Proselytenmacherei in den mainzischen nicht nur, sondern in den meisten aufgeklärteren deutsch-katholischen Staaten. Es werden von hier aus weder Missionare in protestantische Länder ausgeschikt, noch die hier wohnenden Protestanten durch Bekehrungsvorschläge beunruhigt. Protestanten können hier zu allerlei weltlichen Ämtern gelangen; die hiesige Universität hat sogar das rühmlichste Beispiel einer uneingeschränkten Toleranz gegeben, und ohne Rüksicht auf religiöse Meinungen einem Juden den medizinischen Doktorhut ertheilt; endlich, unter dem milden Einfluß eines weisen Menschenfreundes auf dem Kurfürstlichen und Erzbischöflichen Throne hat die aufgeklärte Geistlichkeit einem protestantischen Gelehrten, meinem seligen Vorgänger Dieze, in der hiesigen Johanniskirche eine ehrenvolle Grabstätte brüderlich eingeräumt. In einem Lande, wo ich, wie alle protestantischen Gelehrten, der uneingeschränktesten Gewissens- Denk- und Preßfreiheit genieße; in einem Lande, wo man sich der Usurpation der römischen Kurie und allen ihren Eingriffen in die Rechte der Menschheit muthig widersetzt; in einem Lande, wo alles von der Absicht des Regenten, Vorurtheile hinwegzuräumen und eigenes Denken zu befördern, redende Beweise giebt: in diesem Lande fühle ich den Beruf, sowohl den katholischen Einwohnern das Zeugniß einer wahren brüderlichen Duldung fremder Religionsverwandten zu ertheilen, als auch im Namen manches rechtschaffenen Nichtkatholiken, welcher hier das freundschaftliche Vertrauen würdiger Menschen mit mir theilt, öffentlich zu versichern, daß wir aus eigener Erfahrung und nach reiflicher Erwägung der Anklage, Ihrem Urtheil über die mainzische Proselytenmacherei nicht beipflichten können. Herberufen, nicht um seine besondre Religionsmeinung in Aufnahme zu bringen, sondern um gemeinnützige Kenntnisse in Befolgung seiner Amtspflichten anzuwenden, ehrt der Ausländer hier den moralischen Endzwek und die frommen redlichen Lehrer und Bekenner eines jeden Glaubens, ohne dasjenige was ihm Menschliches jedem beigemischt zu sein scheint, damit verwechseln zu müssen. Verehrungswürdig aber ist ihm dasjenige Publikum, welches den apostasirenden Protestanten unfehlbar mit Verachtung auszeichnen würde; und dieser einzige Zug enthält einen Beweis von richtigem Gefühl, der alle bisher bekanntgewordenen vorgeblichen oder wahren Beispiele von Proselytenmacherei, insofern sie eine allgemeine Stimmung darthun sollen, zu Schanden macht.

Um die Übersicht zu erleichtern, fasse ich itzt die Hauptpunkte meiner Meinung zusammen.

  1. Der katholische Bekehrungseifer hat selbst unter den nachtheiligsten Umständen für die protestantische Kirche, noch keinen beunruhigenden Erfolg gehabt.
  2. Die Gewissensfreiheit ist aber bei despotischen Regierungen immer in Gefahr.
  3. Aller Zwang bildet Maschinen, und jedes Symbol ist der freien Moralität des Menschen nachtheilig.
  4. Wenn Protestanten apostasiren, so läßt sich in den meisten Fällen die Ursache auf Mangel an Einsicht und moralischem Gefühl zurükführen.
  5. Das einzige sichere Mittel diesem Mangel abzuhelfen ist Freiheit.
  6. Jedes andre Mittel ist gewaltthätig, und schon darum unwirksam.
  7. Denn seiner Meinung die Beistimmung andrer verschaffen, (Proselytenmacherei) ist im Erkenntnißtriebe gegründet, und an sich tadelfrei.
  8. Nach der gewöhnlichen Auslegung der katholischen Glaubenslehre kann der Bekehrungseifer sogar eine Pflicht scheinen.
  9. Unredlichkeit findet nur Statt, wo man gegen bessere Überzeugung handelt, und also nur in diesem Falle kann der Bekehrer Beschämung verdienen.
  10. Die Befugniß aber, Privatverhältnisse öffentlich bekannt zu machen, zu richten und zu bestrafen, wenn sie gegen die Meinung einer Privatperson anstoßen, ist dieser letztern noch nicht zugestanden.
  11. Auch ruhet wirklich der Geist der Proselytenmacherei in den deutschkatholischen Staaten, und einzelne Beispiele von intoleranten Menschen beweisen nichts wider diese Behauptung.
  12. Man ist vielmehr in verschiednen deutsch-katholischen Staaten eifrig mit der Läuterung der Religionsbegriffe, mit Erringung der Unabhängigkeit von Rom, und mit der Einführung der Druk- und Gewissensfreiheit beschäftigt.

Diese Sätze, habe ich geglaubt gegen Sie, meine hochgeschätzten Herren, behaupten zu können. Itzt überlasse ich sie nebst meinen Gründen, ihrem Schiksal, und bitte Sie nur noch um Erlaubniß, hier an ein paar Worte unsers verewigten Lessing über einen gewissen Ring zu erinnern.

Der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen,
Bei Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurük? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? – O so seid Ihr alle drei
Betrogene Betrüger!

Mainz, d. 7 Septemb. 1789

Georg Forster

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