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Über die Epochen der neueren Geschichte

Leopold von Ranke: Über die Epochen der neueren Geschichte - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeessay
authorLeopold von Ranke
booktitleAusgewählte Aufsätze und Meisterschriften
titleÜber die Epochen der neueren Geschichte
publisherAlfred Kröner Verlag
editorHans Hofmann
year1942
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090201
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Neunzehnter Vortrag

Wenn man die oben geschilderten Monarchien kurz charakterisieren wollte, so müßte man sagen, daß sie zumeist auf dem uralten historischen Grunde beruhen, welchen die romanisch-germanischen Nationen eingenommen hatten; man müßte hinzusetzen, daß diese abendländische Christenheit sich gewissermaßen dadurch ausbreitete, daß sie Rußland in ihren Kreis zog, indem die Tendenz der abendländischen Völker eine ungeheure Wirkung auf die materielle Kultur hatte. Da stand auf einer Seite im südlichen Europa die große bourbonische Monarchie, auf der andern England als Beherrscherin der Meere; ihnen gegenüber Rußland, in der Mitte der alten Welt, den großen europäisch-asiatischen Kontinent einnehmend; alle diese Mächte gewaltig aufeinander wirkend und sich gegeneinander bewegend. Das hatte nun natürlich nicht bloß auf Österreich, sondern auch auf das übrige Deutschland eine bedeutende Rückwirkung. Dort war das monarchisch-katholische Element eben in Österreich wieder sehr stark geworden; es schien, als ob der Kaiser wieder der mächtigste Fürst von Deutschland sei. Da geschah es nun, daß dem österreichischen Prinzip gegenüber das preußische erschien.

Ursprünglich war Brandenburg, auf welches die preußische Macht gegründet worden ist, überaus schwach; so schwach, daß die fränkischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth für besser gehalten und Brandenburg vorgezogen wurden, wenn die Fürsten zu wählen hatten. Wodurch gelangte nun Brandenburg zuerst zu einer gewissen materiellen Konsistenz in sich selbst? Hierauf haben wir zu antworten: durch die Reformation. Brandenburg war ungemein zersetzt durch eine Menge Bistümer und andere geistliche Gerechtsame, welche durch die Reformation zwar nicht vernichtet, aber doch unterworfen wurden. Es gelang den Kurfürsten von Brandenburg – in dieser Beziehung stehen sie den Engländern näher als den Deutschen –, die Reformation ohne viele Anstrengung in ihrem Lande im Verein mit den Bischöfen einzuführen. Dadurch gelangte also Brandenburg zwar zu einer größeren Konsistenz, aber es spielte selbst im Norden Deutschlands noch immer nicht die erste Rolle, sondern stand an politischer Bedeutung ohngefähr Sachsen gleich, mit dessen Politik es auch häufig Hand in Hand ging.

Was Brandenburg dann zunächst eine größere Ausbreitung gab, das war seine Verbindung mit Preußen im Osten und mit Cleve und Zubehör im Westen, begründet am Ende des 16. Jahrhunderts durch eine Familienverbindung. In Preußen, diesem alten Ordenslande, war zur Zeit der Reformation Albrecht Ordensmeister der Deutschherren. Dieser wollte zum lutherischen Bekenntnis übertreten, konnte das aber nur tun, indem er das Land unter den Schutz Polens stellte. Albrechts Familie – der fränkische Zweig der Hohenzollern – erwarb ein gewisses Erbrecht auf Cleve und stand andererseits in der engsten Verbindung mit den hohenzollernschen Vettern in Brandenburg. Dadurch bekamen die letzteren, als die Herzoge von Preußen ausstarben, nicht nur das Herzogtum Preußen, sondern auch Cleve in ihre Hand, so daß das Kurhaus Brandenburg einerseits nach Osten, andererseits sich nach Westen erstreckte, einerseits mit Polen, Rußland und Schweden, andererseits mit dem westlichen Deutschland und Frankreich in Berührung kam. Der Kaiser hatte zwar keine Lust, dieses zuzugestehen, sondern hätte gerne Preußen wieder zu einem Ordenslande umgewandelt; allein er hatte nicht die Macht dazu.

Nach solchen Vorbereitungen trat Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, auf. Dieser schwebte in der größten Gefahr zwischen den Schweden, welche Pommern besetzt hatten, auf das Brandenburg alte Ansprüche hatte, und zwischen den Franzosen, dem Kaiser und den übrigen Reichsständen. Er war aber tapfer und geschickt und hatte unter anderem den Grundsatz, nie neutral zu sein, sondern sich immer auf die eine oder andere Partei zu schlagen. Er wußte sich, freilich unter Abtretung Vorpommerns an Schweden, einige große Reichsbistümer zu erwerben, nämlich Magdeburg, Minden und einige andere Bistümer, so daß er von der Markgrafschaft Brandenburg aus sich nach dem mittleren Deutschland ausdehnen und zugleich Cleve fester halten konnte. Dadurch, daß er sich mit Pfalz-Neuburg, welches mit ihm zugleich Ansprüche auf Cleve hatte, auseinandersetzte, gelangte er zu bedeutender Macht auch in Mitteldeutschland, und Brandenburg dehnte sich nunmehr in außerordentlicher Länge aus, indem es in drei Gruppen, Ostpreußen, Brandenburg mit Magdeburg usw. und Cleve mit einigen Landstrichen in Westfalen, von der Ostsee bis gegen Frankreich reichte. Dies gab der brandenburgischen Macht eine solche Bedeutung, daß dieselbe neben Österreich den mächtigsten Staat in Deutschland darstellte. Seinen Einfluß zeigte der Große Kurfürst zunächst in dem Konflikt im Osten. Dort gab es unaufhörliche Streitigkeiten zwischen Polen und Schweden. Karl X. Gustav drang im Jahre 1656 erobernd in Polen vor, und Friedrich Wilhelm erlangte durch jenen Grundsatz, sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite zu schlagen, erst von Schweden und hierauf von Polen die Anerkennung der Souveränität seines Herzogtums Preußen, wo er eine ansehnliche Macht aufgestellt hatte. Dieser Umstand war von größter Bedeutung für einen Fürsten von Brandenburg; denn alle übrigen deutschen Fürsten waren nicht souverän, sondern standen unter dem Kaiser. Später schlug er die Schweden aus Pommern und Preußen hinaus und erfocht mit seiner gut organisierten brandenburgischen Miliz die glänzendsten Siege. Freilich mußte er das den Schweden abgenommene Land im Frieden zu Nimwegen wieder herausgeben, was er dem Kaiser, auf dessen Verlangen es geschehen, nie vergeben konnte; aber sein Ruhm und die militärische Bedeutung, die er seiner Armee gegeben hatte, wogen jene Eroberung bei weitem auf.

Auf den Großen Kurfürsten folgte sein Sohn Friedrich I., ein Fürst, der mehr das Zeremonielle liebte, aber doch ein geschickter Politiker war. Sein Ehrgeiz ging dahin, nicht bloß Herzog zu sein, sondern unter den höchsten Häuptern Europas als König zu rangieren. Dazu bot sich ihm bald eine Gelegenheit dar, die er geschickt benützte. Der Kaiser Leopold bedurfte, um seine Ansprüche auf die spanische Erbschaft durchzusetzen, einer kräftigen Unterstützung, und diese gewährte ihm, noch ehe England oder irgendeine andere Macht sich für den Kaiser erklärt hatte, Friedrich gegen das Zugeständnis, sich als König von Preußen krönen lassen zu dürfen, was zwar Brandenburg in keine größere Unabhängigkeit versetzte, als früher, aber doch Preußen in den Augen des gesamten Europas eine erhöhte Bedeutung verlieh. Durch seine Teilnahme an dem spanischen Erbfolgekriege erwarb er auch ein Stück aus der spanischen Erbschaft, nämlich Obergeldern, wodurch er seine Macht im Westen von Deutschland mehr konsolidierte. Die Politik der brandenburgischen Fürsten um diese Zeit stand nicht in absolutem Gegensatz zu Österreich, sondern zuweilen benützten sie die kaiserliche Autorität, um sich etwas gewähren zu lassen, zuweilen setzten sie sich ihr entgegen.

Auf Friedrich folgte Friedrich Wilhelm I., ein Fürst, der von all der Bildung, die sein Vater hatte, nichts wissen wollte, sondern mit einer gewissen Roheit die Macht als Macht ins Auge faßte, unbekümmert um äußeres Gepränge. Er schaffte alles ab, was sein Vater eingerichtet, und wendete jeden Groschen Geld auf die Armee. Um diese zu vergrößern, wurde das Hoflager auf ein Minimum von Kosten reduziert und eine Armee ins Feld gebracht, die für dieses Land eine ungeheure zu nennen war. Sein Vater hatte ihm höchstens 30000 Mann hinterlassen, die er während der siebenundzwanzig Jahre seiner Regierung auf mehr als 80000 Mann vermehrte, während das große Österreich eine Armee von kaum mehr als 100000 Mann unterhielt. Um diesen Anstrengungen gewachsen zu sein, mußte er dem Lande eine gute Organisation geben, und dies tat er auch. Außerdem gelang es ihm, den Schweden den größten Teil von Pommern abzunehmen, hauptsächlich deshalb, weil Rußland Karl XII. von Schweden besiegt hatte. Was Preußen an Rußland knüpfte, war der gemeinschaftliche Gegensatz gegen Schweden und Polen; denn wenn diese beiden Staaten in ihren früheren Machtverhältnissen geblieben wären, so würde Preußen nie zu der Bedeutung gelangt sein, die es schon damals hatte. Dem Prinzipe nach stehen sich aber Preußen und Rußland entgegen; denn Preußen ist ein germanischer, Rußland aber ein slavischer Staat.

In diesem Verhältnis stand man bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Da ereignete es sich, daß König Friedrich Wilhelm I., obwohl seine Gemahlin aus dem Hause Hannover war, sich in dem zwischen Österreich und England ausgebrochenen Hader für den Kaiser erklärte, der von seiten Preußens einen Angriff auf Schlesien fürchtete, und daher alles aufbot, um Friedrich Wilhelm für sich zu gewinnen. Deshalb versprach er ihm bei der zunächst bevorstehenden Erledigung von Jülich und Berg, worauf Preußen aus jener clevischen Erbschaft Ansprüche besaß, seinen kaiserlichen Beistand in einem geheimen Traktate. Dies bewirkte, daß Friedrich Wilhelm plötzlich sehr kaiserlich gesinnt wurde und, als es zum Kriege zwischen dem Kaiser und den Franzosen kam, sogar seinen Kronprinzen abschickte, um dem Kaiser Hilfe zu leisten. Infolge des Konfliktes zwischen England und Österreich geriet er sogar in Zwist mit seinem eigenen Sohne. Die Absicht der Königin und der älteren Kinder war eine Doppelvermählung zwischen dem Kronprinzen von Preußen, dem nachmaligen Friedrich II., und einer englischen Prinzessin einerseits und der ältesten Schwester Friedrichs mit einem englischen Prinzen andererseits.

Der König war gegen diese Verbindung, weil er den englischen Einfluß fürchtete, und da der Sohn einige Bewegungen nach dieser Seite hin machte, ließ er ihn festnehmen, ja hätte ihn beinah hinrichten lassen, alles aus Rücksicht auf Österreich. Nachdem Friedrich Wilhelm soviel für Österreich getan hatte und von seinem früheren Bündnis abgewichen war, hielt es der Kaiser doch für angemessen, bei späteren Begebenheiten auf Preußen gar keine Rücksicht zu nehmen; die bergische Angelegenheit nahm eine ganz andere Wendung. Das erfüllte den alten König mit heftigem Zorn, namentlich gegen den Kaiser; als er die erlittene Unbill völlig durchschaute, sagte er, auf seinen Sohn Friedrich deutend: hier steht einer, der mich rächen wird!Obwohl Friedrich Wilhelm mit dem Kronprinzen nicht in gutem Einvernehmen stand, so blieb es ihm doch nicht verborgen, daß in Friedrich ein gewaltiges Talent liege; nur wollte er ihn absolut zum Soldaten machen, ließ ihn Conduitelisten schreiben und die geringsten Dienste leisten; auch wollte er ihn bei den religiösen Lehrbegriffen erhalten, die er selbst hatte, während Friedrich der calvinistischen Lehre in ihrer vollen Strenge anhing. Obwohl der Prinz von seinem Vater hart behandelt wurde, so darf man doch behaupten, daß dies ein Glück für ihn war; denn sonst hätte er sich wahrscheinlich nicht durch jene militärischen und andere Tugenden ausgezeichnet, durch die er nachher berühmt wurde.

Nun trafen zwei Ereignisse von der größten Wichtigkeit zusammen, nämlich der Tod Friedrich Wilhelms, der im Mai, und der Tod Kaiser Karls VI., der im Oktober 1740 eintrat. Friedrich hatte soeben seine Regierung angetreten und bereits von seinen monarchischen Gaben Beweise geliefert. Als er nun diese ungeheure Armee vor sich sah und nicht wußte, was er damit anfangen sollte, so eröffnete ihm der Tod des Kaisers eine willkommene Bahn für seine Tätigkeit. Die Sukzession in Österreich war streitig; der Kaiser hatte zwar seine pragmatische Sanktion durchgesetzt, vermöge deren seine Tochter mit ihrem Gemahl von Lothringen erben sollte; aber obgleich die meisten Fürsten Europas diese Sanktion garantiert hatten, so waren doch unmittelbar nach dem Tode Karls VI. mehrere Prätendenten aufgetreten, von denen allerdings Karl Albrecht von Bayern nach altem deutschen Rechte die nächsten Ansprüche hatte.

Dies hatte Friedrich II. vorausgesehen, und weiter, daß Frankreich ebenfalls Neigung verspüren würde, in dem bevorstehenden Konflikte eine Rolle zu spielen und den Krieg entweder direkt für die Bourbonen oder auf andere Weise zu benützen. Preußen hatte selbst einige Ansprüche an Österreich zu machen. Ein früherer brandenburgischer Fürst hatte auch in Jägerndorf regiert, war aber im Dreißigjährigen Kriege durch Österreich daraus verjagt worden. Schon der große Kurfürst hatte hiefür, sowie für einige andere Besitzungen, Liegnitz, Brieg und Wohlau in Schlesien, die noch mit der alten piastischen Verlassenschaft zusammenhingen, Entschädigung verlangt, war aber damit durchgefallen, und so war es eine Art Tradition im hohenzollernschen Hause geworden, daß Österreich Preußen an seinen rechtlichen Ansprüchen verkürzt habe. Nun ging Friedrich mit seinem Minister von Podewils und seinem General Schwerin zu Rate, ob er mit seinem Heere noch im Winter 1740 auf 1741 in Schlesien einrücken oder noch länger zuwarten solle. Die erstere Ansicht gewann die Oberhand; er rückte noch im Dezember in Schlesien ein und nahm es unter dem ungeheuren Aufsehen Europas, in Besitz, wobei ihm namentlich der Umstand zustatten kam, daß die Städte, wo die protestantische Bevölkerung die überwiegende war, ihn als ihren Retter begrüßten. Freilich war das Land leichter zu erobern, als zu behaupten. Friedrich II. betrieb nun auch, daß der Kurfürst von Bayern gegen Österreich ins Feld ging, und daß ihn die Franzosen hiebei unterstützten; er erkannte ihn als König von Böhmen an, und bewirkte, daß er zum deutschen Kaiser gewählt wurde.Bayern litt damals an der größten Finanznot und war gar nicht militärisch organisiert.

Sollte er nun aber zugeben, daß die Bayern ganz Österreich eroberten? Das wollte er nicht, sondern verlangte in einer Zusammenkunft mit dem österreichischen General Neipperg, daß ihm Schlesien abgetreten würde, wogegen er versprach, die Franzosen in Deutschland ihrem Schicksal zu überlassen. Dabei wollte er aber doch Karl Albrecht nicht fallen lassen, sondern bewirken, daß er Kaiser blieb; denn Friedrichs Plan ging dahinaus, ein deutsches Kaisertum auf die Gemeinschaft der deutschen Fürsten zu gründen, von denen der Kaiser gewissermaßen abhängen solle; Österreich sollte dabei so viel vermögen, wie die andern Fürsten, aber nicht mehr. Diese Idee konnte er aber nicht durchführen; es kam sogleich zu neuen Kriegen, als sich Österreich wieder stärker fühlte, und Friedrich geriet namentlich durch die Kräfte, welche Maria Theresia aus Ungarn herbeizog, und durch die Fortschritte, welche die englische, sogenannte pragmatische Armee unter Georg II. machte, in große Bedrängnis. Er mußte einwilligen, daß Franz I., der Gemahl Marias Theresias, deutscher Kaiser wurde und Österreich sein altes Übergewicht wieder erhielt.

Übrigens hatte Friedrich durch die Erwerbung Schlesiens seine Länder fast um ein Drittel vergrößert und konnte, gestützt auf seine tüchtige, ruhmgekrönte Armee, als ein ganz unabhängiger europäischer Fürst auftreten. Das ganze übrige Europa wollte dies aber nicht dulden, und so kam es zum Siebenjährigen Kriege, in welchem Frankreich sich mit Österreich und Rußland gegen Preußen vereinigte. Es war ein verzweifelter, aber heroischer Kampf, in welchem Friedrich ein paarmal nahe daran war, sich selbst das Leben zu nehmen. Diese mächtige Koalition gegen Preußen kam auf folgende Weise zustande: Frankreich wollte Preußen wie einen Vasallen behandeln und zum Kriege gegen England zwingen, und als Friedrich sich nicht dazu verstehen wollte, reizte er Ludwig XV. zum höchsten Zorn, der ihn fortan einen Rebellen nannte und, trotz seines schlechten Lebenswandels, die Religion vorschützte, um ihn zu bekämpfen. Einen ähnlichen Vorwand gebrauchte Elisabeth von Rußland, die zugleich wie eine Messalina lebte. Maria Theresia, übrigens fromm und brav, benutzte die Antipathien der katholischen Geistlichkeit gegen Friedrich zu ihren Gunsten, so daß sich alles vereinigte, Friedrich auf die entgegengesetzte Seite zu werfen.

Friedrich konnte jedoch auch nicht streng protestantisch auftreten, weil er viele Katholiken zu Untertanen hatte, und so bildete er seine Toleranz zu einem von den damals herrschenden Begriffen ziemlich abweichenden System aus, wobei er vom Christentum ganz abstrahierte; jedoch glaubte er an einen Gott und leugnete nicht die Unsterblichkeit der Seele.Beim Tode seiner Schwester rief er aus: welches Glück, wenn ich sie wiedersehen werde! Er war unstreitig der größte Politiker, den Preußen jemals hatte, ja ich halte ihn für den größten Politiker, den Deutschland hervorgebracht hat, indem er in der Mitte der Dinge lebte, die Stürme herankommen sah und immer die richtigen Maßregeln ergriff. Da brach im Jahre 1768 der Krieg zwischen Rußland und der Türkei aus, wozu sich die gesteigerten Verwicklungen in Polen gesellten, welche endlich dazu führten, daß Rußland, Österreich und Preußen sich dahin miteinander vereinigten, daß jede dieser Mächte ein Stück von Polen in Besitz nahm. Dadurch bekam die preußische Monarchie eine noch größere Bedeutung; immer aber hatte sie ihren Standpunkt im Osten, besonders in Brandenburg, und die Kriege Friedrichs waren immer nur darauf gerichtet, diese seine Stammprovinzen zu behaupten; das entlegene Preußen ließ er sich im Siebenjährigen Kriege von Rußland wegnehmen und auch zur Verteidigung seiner rheinischen Gebiete tat er nichts; mit einem Worte, er konzentrierte seine Operationen auf einem kleineren Terrain.

Auf diese Weise kam Preußen empor; es war zwar oft mit Österreich verbündet und hat, wie oben erwähnt, Österreich sogar die Königswürde zu verdanken, allein dennoch sind seine Haupterwerbungen eher im Widerspruche mit Österreich geschehen. Das Grundprinzip, auf dem Preußen beruht, ist ein ganz verschiedenes von dem Österreichs. Die Hauptschöpfungen Friedrichs, welche Preußen hauptsächlich ihm zu verdanken hat, sind die europäische Unabhängigkeit, ein vortrefflich ausgebildetes Militärwesen, eine sehr kräftige, energische Administration, die ihresgleichen in der Welt nicht hat. Dazu kommt noch die gute geographische Position, bei welcher hauptsächlich hervorzuheben ist, daß Österreich dem Schwerpunkt der Monarchie nicht zu nahe stand. In Deutschland wirkten sie notwendig gegeneinander: Österreich wollte immer das Kaisertum stärken und um sich greifen, Friedrich dagegen wollte unaufhörlich das Kaisertum schwächen und die Fürsten stärken. So kam es, als Kaiser Joseph II. Bayern an sich ziehen wollte, zu jenem Fürstenbunde, in welchem Friedrich die Einheit Deutschlands auf ein Bündnis von Fürsten mit einem von ihnen abhängigen Kaiser an der Spitze, gründen wollte, wie es von jeher sein Plan gewesen war. –

So hatten sich nach und nach diese fünf unabhängigen Mächte gebildet, welche alle auf etwas verschiedenen Prinzipien beruhen: Erstens Frankreich auf dem katholischen und monarchischen Prinzip, welches aber noch mit hierarchischen Tendenzen vereinigt ist, ein Prinzip, welches zugleich romanisch war; zweitens England auf dem germanisch-maritimen und parlamentarischen Prinzip; drittens Rußland auf dem slawisch-griechischen Prinzip, verbunden mit der Tendenz, in materieller Beziehung sich die Kultur des Abendlandes anzueignen; viertens Osterreich auf dem katholisch-monarchisch-deutschen Prinzip; fünftens Preußen auf dem deutsch-protestantisch-militärisch-administrativen Prinzip. So sind sie alle gleichsam auf dem Baume von Europa gewachsen. Österreich ist mehr nach und nach durch eine fortwährend konsequente Politik emporgekommen als durch große Fürsten; Rußland sozusagen auf einmal durch ein einziges großes Genie; Preußen durch die vorhergehende Leistung einiger sehr bedeutender Fürsten und durch die Talente und Anstrengungen eines großen Königs; England durch das Parlament; Frankreich durch Ludwig XIV. und die Nachwirkung seiner Staatsverwaltung.

So hatten sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts diese großen Mächte gestaltet, zu vergleichen mit ebenso vielen Himmelskörpern, welche sich unaufhörlich mit- und nebeneinander bewegen, bald in einer gewissen Konjunktion, bald in einer gewissen Abweichung voneinander. In dieser Epoche waren sie niemals einig gewesen, sie bewegten sich stets autonom nach ihren eignen innern Trieben, was überhaupt das Grundprinzip einer großen Macht ist – momentan kann sie sich mit einer andern verbinden, was in jener Zeit auch häufig geschah, wo jede dieser Mächte eine Verbindung suchte, aber den Tendenzen einer andern darf sich eine Großmacht nie unterwerfen.Friedrich II. sagte, er könne nie ohne ein Bündnis sein, und hiezu fand er nach dem Siebenjährigen Kriege keine geeignetere Macht als Rußland. Die hier geschilderten Ereignisse waren indessen noch nicht das letzte Wort, welches die Weltgeschichte gesprochen hat, und so kommen wir abermals zu einem neuen Zeitalter, zu dem der Revolution.

§8 Das Zeitalter der Revolution

Um dieses Zeitalter, wo die revolutionäre Tendenz zur Herrschaft kam, zu charakterisieren, will ich verschiedene Momente desselben auseinanderhalten: Erstens die Ausbildung der monarchischen Tendenz; zweitens die nordamerikanische Revolution; drittens die Französische Revolution; viertens die Weltmacht Napoleons; fünftens die konstitutionelle Zeit nach Napoleon.

1. Die Ausbildung der monarchischen Tendenz

Man kann sagen, daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die monarchischen Tendenzen durchaus in Europa vorwalteten. Es bestand ja wesentlich aus den genannten Großmächten, in denen an sich eine beträchtliche monarchische Kraft lag; je entschiedener sich die Monarchie durchgesetzt hatte, um so größer war ihre Autorität und Macht geworden. Namentlich hatte die Aufstellung der Monarchie Friedrichs II. den Anstoß gegeben für alle andern Staaten, sich etwas mehr im monarchischen Sinne zu konsolidieren. Die monarchische Tendenz, die in Preußen am entschiedensten zutage gekommen war, wirkte alsbald auch auf Österreich zurück, wo Maria Theresia ihre administrativen Einrichtungen den preußischen nachbildete. Ihr folgte Joseph II., der mit der größten Energie die monarchischen Prinzipien durchzuführen suchte und darüber mit allen seinen Landschaften in Hader geriet. Joseph II. hatte nie die Geduld gehabt, sich gründlich zu unterrichten, und ohne eine feste Grundlage war er kopfüber auf die Ideen der Philosophie des Jahrhunderts eingegangen, in denen er das Ideal der Welt erblickte. Die Folge davon war, daß sich seine Provinzen nach und nach gegen ihn empörten.

Dieselbe monarchische Tendenz zeigte sich in Dänemark, wo sie Struensee durchführte, in Schweden, wo Gustav III. eine Revolution machte, um die Aristokratie zu stürzen. Die nämliche Tendenz wirkte im südlichen Europa. Sie war zugleich verbündet mit dem Geiste der damaligen Literatur. Die philosophische Richtung der französischen Literatur hat nämlich verschiedene Phasen durchgemacht. Von Haus aus war sie in Opposition mit den hierarchisch-aristokratischen Prinzipien geraten; aber sie blieb zunächst dabei monarchisch; sie glaubte an eine allgemeine Verbesserung der Dinge durch die Monarchie; sie war anfangs nicht atheistisch, sondern theistisch; Voltaire behauptete, die Priester seien die Gegner der Monarchie, die Philosophen aber seien ihre Freunde. Dies war die Richtung der Literatur, welcher sich Friedrich II., Gustav III., Katharina II. anschlossen. Aber auch nach dem westlichen und romanischen Europa erstreckten sich die Wirkungen dieser sogenannten Philosophie, in deren Folge namentlich die Jesuiten auf das heftigste angefeindet wurden.

Es suchten sich nämlich, wie berührt, auch die bourbonischen Höfe mehr zu konsolidieren und wollten deshalb jenen innigen Zusammenhang mit Rom nicht mehr dulden, welchen die Jesuiten hauptsächlich vermittelten. Nur kam es in Frankreich, wo schlecht regiert wurde und die Parteien sich geltend machten, nicht zu einer so energischen Aktion der Gewalt wie anderswo; sondern die Sache ging, da sich die Faktion ihrer bemächtigt hatte, stoßweise vor sich. Es standen sich zwei Parteien, die philosophische und die katholisch-religiöse einander gegenüber. Die erstere formulierte ihre Anklagen gegen die Jesuiten. Dieser Orden hatte sich auch in Frankreich ungemein ausgebreitet, und da er sein eigentliches Ziel, die Bekämpfung des Protestantismus, nicht mehr mit der früheren Kraft verfolgen konnte, so hatte er sich des Unterrichtswesens bemächtigt. Ein Hauptanklagepunkt gegen die Jesuiten war auch der blühende Handel, den sie in alle Weltgegenden trieben, und da wollte es der Zufall, daß ein Bankrott ausbrach, für welchen man den ganzen Orden haftbar machen wollte. Die Sache kam vor das Parlament, und die Jesuiten wurden nach und nach von der öffentlichen Meinung verurteilt. Dasselbe Schicksal hatten sie in Spanien und Portugal, wo der große Minister Pombal, der die Ideen des Jahrhunderts teilte, zuerst den Kampf gegen die Jesuiten eröffnete. Die bourbonischen Höfe in Spanien, Frankreich und Italien folgten nach, und endlich sah sich sogar der Papst Clemens XIV. mehr oder weniger genötigt, im Jahre 1773 den Jesuitenorden aufzuheben. Der Orden fiel als Opfer des in ganz Europa sich erhebenden monarchischen Geistes, dem auch der Papst endlich nachgeben mußte.

Gespräch

König Max: War es eigentlich die freigeisterische Tendenz, welcher dieser Orden weichen mußte, abgesehen von der monarchischen?

Ranke: Freigeisterisch ist zuviel gesagt; es war die philosophische Tendenz, der die Jesuiten zum Opfer fielen, welche sich übrigens der Monarchie anschloß. Die Monarchie hatte aber auch ein Interesse, die Macht der Jesuiten zu dämpfen, denn sie waren so stark geworden, daß sie sich zuweilen sogar der Regierung widersetzten; z.B. in folgendem Falle: als Portugal und Spanien einen Vertrag über den Austausch gewisser Territorien in Südamerika geschlossen hatten, widersetzten sie sich dieser Übereinkunft. Überhaupt widersetzten sie sich gewissen Männern, welche das monarchische Prinzip repräsentierten. Als Choiseul alle Kräfte des Landes vereinigen wollte, um sie gegen England zu führen, so opponierten sie sich. Auch die Tendenz der Monarchie, vollkommen Herr im Lande zu sein und nicht einen General in Rom sehen zu müssen, von welchem eine zahlreiche, im Lande wohnende Körperschaft ihren Impuls gewinne, wirkte mit.

König Max: Widersetzten sich die Jesuiten auch im Innern des Landes?

Ranke: Auf den König Joseph von Portugal wurde einst geschossen, und Pombal hat mit Recht oder Unrecht dieses Attentat den Jesuiten in die Schuhe geschoben. Als in Spanien eine Verordnung erschien, welche das Tragen breitkrempiger Hüte und der sogenannten spanischen Mäntel beschränkte, und die Population sich dagegen erhob, behauptete man, die Jesuiten hätten Anteil an der Empörung gehabt. Kurz sie schlossen sich dem Staatsprinzip nirgends an und widersetzten sich auch den Neuerungen in politischer Hinsicht. Die meisten der Verbrechen, die man ihnen zur Last legte, sind aber nicht erwiesen worden.

König Max: Kam es nicht auch vor, daß die Jesuiten sich in Verbindungen mit auswärtigen Mächten einließen, die ihrem eignen Vaterlande Nachteil und Gefahr brachten?

Ranke: Früher geschah dies, später aber nicht mehr. Die Jesuiten waren sehr fügsam. Anfangs schlossen sie sich an die Spanier an, später aber wurden sie von den französischen Königen gewonnen. Sie verstanden eben ihren Vorteil auf das beste.

Wir haben soeben gesehen, daß in den Zeiten der sogenannten Aufklärung von Republik und Liberalismus nicht die Rede war, sondern daß man den Kampf gegen die Aristokratie und die Herrschaft der Geistlichkeit fortsetzte. Natürlich geriet indes dadurch ganz Europa in die größte Aufregung; denn die hierarchische und aristokratische Richtung war damals noch unendlich stark in Europa repräsentiert; Deutschland beruhte größtenteils darauf, insbesondere die österreichische Autorität im Reich beruhte eigentlich auf dem Bistum.

2. Die nordamerikanische Revolution

Wie ist es nun gekommen, daß noch eine andre Macht in dieser neueren Welt erschienen ist, und wo ist dies zuerst geschehen? Es geschah in Amerika, durch den Abfall der nordamerikanischen Provinzen von England. Die weitere Frage ist die, welches ist die vorwaltende Idee bei diesem Abfalle gewesen? Welches war die Abstraktion hievon, die auf Europa überging?

Wir müssen uns hiebei erinnern, daß, nachdem das germanisch-maritime und parlamentarische Prinzip in England zu so großer Macht gekommen war, dieses Land den früheren spanischen Kolonien andre entgegensetzte, und zwar in Nordamerika. Die meisten dieser Kolonien wurden aber in Opposition gegen die frühere englische Tendenz gegründet, meistens durch kirchliche Parteien, Katholiken und Protestanten, die von der anglikanischen, herrschenden Kirche ausgeschlossen waren. Diese Einwanderer wuchsen aber bedeutend an, und mit ihrer Hilfe eroberten im 18. Jahrhundert die Engländer Kanada, welches bis dahin eine französische Besitzung war.Mit Recht sagten die Franzosen damals: wir haben Amerika in Deutschland verloren; indem die Franzosen den Krieg gegen Friedrich II. von Preußen erklärten. Wären sie statt dessen nach Amerika hinübergegangen, so hätten sie die Engländer eher abwehren können. Dadurch wurde das germanisch-protestantische Prinzip auch im nördlichen Amerika überwiegend und gewann eine unermeßliche Bedeutung. Es war eine englisch-protestantische Kolonisation, gewissermaßen im Gegensatz gegen den Mutterstaat gegründet, vor welcher alle Ureinwohner zurückwichen. Solange die whigistischen Prinzipien in England die herrschenden waren, ging die Sache in Nordamerika gut; da aber kam Georg III. zur Regierung, der die Whigs stürzte und ein neues toryistisches Ministerium einsetzte, welches die Geschäfte nicht so gut verstand und mit den obersten Behörden der amerikanischen Provinzen nicht in einem so engen Zusammenhange war wie die früheren Minister.

Dieses neue Ministerium suchte die zerrütteten Finanzen Englands wiederherzustellen und hielt es für das beste, zu diesem Zwecke die nordamerikanischen Kolonien, welche immer blühender heranwuchsen, zu besteuern. Die nordamerikanischen Kolonien hätten sich diesem Begehren auch fügen müssen, wenn Georg III. als König nicht in einem ganz andern Verhältnisse sich befunden hätte als alle übrigen damaligen Fürsten. Er aber war an sein Parlament gebunden, und alle Steuern mußten vorerst durch das Parlament bewilligt werden. Die Nordamerikaner stellten nun folgenden Satz auf: das Parlament könne nur im Namen derer Steuern bewilligen, welche durch dasselbe repräsentiert seien; die Provinzen seien aber im Parlamente nicht vertreten, also könne dieses auch nicht für sie Steuern bewilligen. Der Widerspruch also, welcher sich gegen die neue Auflage in Nordamerika erhob, ging nicht sowohl gegen das Königtum, als gegen diese parlamentarische Verfassung, indem die Nordamerikaner behaupteten, das parlamentarische Recht beruhe auf dem Grundsatze, daß niemand genötigt werden könne, sein Eigentum ohne weiteres hinzugeben. Daraus entspann sich nun ein Streit über die Grundlagen der Verfassung, inwiefern dieselbe repräsentativ sei oder nicht. Die Amerikaner blieben auf ihrem Sinn, und der König mit seinem Parlamente vereinigte sich zu der Behauptung, die amerikanischen Provinzen seien rechtlich verbunden, wenigstens die äußeren Auflagen zu bezahlen, auf Tee, Glas usw., die mit dem Handel in Verbindung stünden. Auch dem jedoch setzten sich die Nordamerikaner entgegen, die ihre Kraft zu fühlen anfingen. Sie schlossen sich fest aneinander an und wollten nun auch schon die Handelsbeschränkungen abwerfen, welche ihnen die Engländer bisher auferlegt hatten.

Um diese Zeit hatten die Engländer bereits einen großen Teil von Ostindien erobert, und es war ihnen durch die Ostindische Kompanie leicht geworden, wohlfeilen Tee zu bekommen. Auf diesen legten sie nun eine Taxe, durch die er aber nicht teurer wurde als früher, und verschifften ihn nach Nordamerika, wobei sie verlangten, daß die Nordamerikaner diesen Tee mit der darauf gelegten Taxe kaufen sollten. Diese hatten aber bereits Feuer gefangen und es erfolgte nun durch jenen berühmten Bostoner Teesturm der erste Akt offener Rebellion. Das erregte natürlich in England den größten Unwillen, und der König beschloß, den Hafen von Boston zu sperren und die Nordamerikaner mit Gewalt zur Botmäßigkeit zurückzubringen. Da der König und das Parlament sich mehr miteinander koalisierten, so richtete sich die amerikanische Bewegung nunmehr auch gegen den König, und die Nordamerikaner neigten sich immer mehr zu den populären Prinzipien der englischen Verfassung hin.

Im Jahre 1775 brach der Krieg aus, konnte aber nicht geführt werden, wenn die Nordamerikaner noch unter der englischen Herrschaft geblieben wären, und da geschah das denkwürdige, für die Weltgeschichte höchst bedeutende Ereignis, daß die Nordamerikaner republikanische Tendenzen hervorkehrten, und zwar nicht wie einst die Holländer, wo Holland eine aristokratische Regierungsform beibehielt; die Nordamerikaner glaubten vielmehr, daß sie individuell durch die in England gemachten Gesetze nicht mehr gebunden seien. Sie ergriffen daher die Momente der englischen Verfassung, in denen dieselbe rein repräsentativ erscheint, und jeder meinte, dazu ein Recht zu haben, einer Regierung zu widerstehen, in welcher nicht auch er repräsentiert sei. Von dieser Idee der Repräsentation bis zur Republik war nur noch ein Schritt, und dieser erfolgte auch. Dadurch kam es zum Kampfe zwischen diesen beiden Körpern und der englischen Nation, einem Kampfe zwischen der mehr royalistischen Tendenz und der demokratischen, die beide in der englischen Verfassung wurzelten.

Wenn man sieht, wie die Dinge sich entwickelten, so kann man nicht sagen, daß der König von England und sein Parlament unrecht hatten, sowenig ich dieses von Karl I. von England behaupte. Die Sache hätte recht gut geschlichtet werden können, wenn nicht beide Teile in leidenschaftlicher Weise an ihren Rechten festgehalten hätten. Ob aber die Amerikaner an sich fähig gewesen wären, sich zu behaupten, ist sehr zweifelhaft; allein sie fanden Unterstützung in Europa, und zwar bei den bourbonischen Mächten, namentlich bei Frankreich und Spanien. Diese standen in bezug auf die Seemacht in einem prinzipiellen Gegensatz zu England, von dem sie im Siebenjährigen Kriege unendlich viel gelitten hatten. Sie wollten sich daher des englischen Übergewichtes entledigen, und hiezu ergriffen sie den Augenblick, wo innerhalb der großen anglo-sächsischen Nationalität dieser Streit ausbrach, um für die nordamerikanische Rebellion Partei zu ergreifen, ohne in der Leidenschaft des Momentes zu bedenken, daß alle Regierungen auf demselben Prinzip fußen, das jetzt von den Nordamerikanern angegriffen wurde. In den Jahren 1776, 1777 und 1778 waren die Nordamerikaner ihrem Verderben überaus nahe gekommen. Nur durch die Unterstützung Frankreichs zur See und zu Land, durch Geld und durch freiwilligen Zuzug aus Haß gegen England, gelang es den Nordamerikanern, sich endlich zu behaupten und im Frieden zu Versailles die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit zu erringen.

Dadurch, daß die Nordamerikaner, abfallend von dem in England gültigen konstitutionellen Prinzip, eine neue Republik schufen, welche auf dem individuellen Rechte jedes einzelnen beruht, trat eine neue Macht in die Welt; denn die Ideen greifen alsdann am schnellsten um sich, wenn sie eine bestimmte, ihnen entsprechende Repräsentation gefunden haben. So kam in diese romanisch-germanische Welt die republikanische Tendenz. Die Monarchie hat das der Verkehrtheit der Minister Georgs III. zu verdanken.

Gespräch

König Max: Liegt dieses republikanische Prinzip schon in der englischen Verfassung?

Ranke: Das kann man nicht geradezu behaupten; angebahnt war es allerdings darin, aber die Monarchie war auch ihrerseits in der Konstitution begründet.

König Max: Hat die englische Verfassung wirklich das Prinzip ausgesprochen, daß alle Untertanen in einer gewissen Weise repräsentiert sein müssen?

Ranke: Das ist in der englischen Verfassung nicht klar ausgesprochen. Übrigens hätte, wenn es allgemein anerkannt worden wäre, das Mutterland selbst mit der Reform seiner parlamentarischen Verfassung vorangehen müssen; denn in England selbst waren manche große Städte im Parlament gar nicht vertreten, während kleine Flecken (die rotten boroughs) ihre Vertreter nach London sandten. Diese Repräsentation war daher mehr eine juristische Fiktion. Eine Art von Vertretung hätten die Amerikaner mit Recht in Anspruch nehmen können. Es war auch einmal die Absicht, wie der Streit schon in Gang gekommen war, von England aus den Amerikanern eine Gesamtverfassung zu geben; allein die Amerikaner nahmen dieselbe nicht an.

Worin bestand nun diese nordamerikanische Republik? Erstens darin, daß die monarchischen Influenzen, welche bisher dagewesen waren, beseitigt wurden. Im Innern hatte man keinen Kampf zu bestehen: die ganze Gesellschaft blieb, wie sie war, und nur die königlichen Gouverneure und Untergouverneure wurden abgesetzt und andere gewählt. Zweitens die zweite Veränderung bestand darin, daß diese Provinzen sich zu einem einzigen Körper vereinigten. Daß dies geschehen konnte, daß sich sogar ein gewisser Ruhm an die Männer knüpfte, die zu diesen Veränderungen hauptsächlich beigetragen hatten, daß dieses neubegründete Gemeinwesen einen guten Fortgang nahm, waren Umstände, die auf Europa die größte Rückwirkung hatten.

Es tauchte die Meinung auf, daß dieses die wohlfeilste Regierungsform sei; und während die Untertanen in Europa unbedingt gehorchen müßten, so habe dort allein der Mensch seinen Wert. Bisher hatte man in Europa gemeint, daß die Monarchie den Vorteil der Nation am besten verstehe, jetzt kam die Theorie auf, die Nation müsse sich selbst regieren. Jetzt erst bekam die Repräsentationstheorie ihre volle Bedeutung, nachdem sie einen Staat gebildet hatte; dahin zielten nun alle revolutionären Bestrebungen der späteren Zeit. Die junge Republik nahm durch die eigene Propagationsfähigkeit jener Generation und durch den fortwährenden Zuzug aus Europa einen allgemeinen raschen Aufschwung, so daß jetzt die Nordamerikaner eine der größten Nationen der Welt geworden sind, die unaufhörlich auf Europa einwirkt. Dies war eine größere Revolution, als früher je eine in der Welt gewesen war, es war eine völlige Umkehr des Prinzips. Früher war es der König von Gottes Gnaden, um den sich alles gruppierte; jetzt tauchte die Idee auf, daß die Gewalt von unten aufsteigen müsse. Darin beruht der Unterschied zwischen den alten Ständen und den jetzigen konstitutionellen Ständen. Jene waren dem Königtum analog, sie beruhen auf einem gewissen Erbrecht; allein die modernen Stände gehen aus der Menge hervor. Diese beiden Prinzipien stehen einander gegenüber wie zwei Welten, und die moderne Welt bewegt sich in nichts anderem als in dem Konflikt zwischen diesen beiden. In Europa war der Gegensatz dieser Prinzipien bisher noch nicht eingetreten; er kam aber zum Ausbruch in der Französischen Revolution.

3. Die Französische Revolution

In Frankreich war ebenfalls ein Streit ausgebrochen zwischen der Monarchie und den bisherigen ständischen und aristokratischen Berechtigungen, zunächst ohne irgendeinen Bezug auf die eben geschilderten Repräsentationstheorien zu haben. Die Monarchie Ludwigs XIV. war mitten auf ihrem Wege besiegt worden. Die auf Ludwig XIV. folgenden Fürsten hatten durch ihre Schwäche ein gewaltiges Faktionswesen im Lande hervorgerufen, wobei aber immer das monarchische Prinzip festgehalten wurde. Ludwig XV. tat sogar am Ende seiner Regierung noch einen großen Schritt auf der monarchischen Bahn. Das System privilegierter Stände war im 18. Jahrhundert im Kampf mit den Monarchen entschieden stärker geworden. Geistliche und Adel waren alles geworden, die Bürger waren unterdrückt; die Regierung selbst war in ewigen Geldnöten. Da entschloß sich Ludwig XV., eine Veränderung mit den Parlamenten vorzunehmen, Gerichtshöfen mit einigen politischen Rechten ausgestattet, welche sich gleichsam als die Repräsentanten aller Vorrechte gerierten. Ludwig XV. exilierte diese Parlamente aus den Städten und setzte eine neue Gerichtsverfassung durch, in welcher die Parlamente aller ihrer politischen Rechte entkleidet und als bloße Gerichtshöfe neu konstituiert werden sollten.

In diesem Augenblicke jedoch starb Ludwig XV., und sein Enkel Ludwig XVI. folgte ihm nach. Ludwig XV. hatte zwar einiges im monarchischen Sinne durchgesetzt; aber es war durch gehässige Mittel geschehen, und man sah darin nicht die Aktion des monarchischen Prinzips, sondern die Tätigkeit gewisser Parteien. Ludwig XVI. glaubte, er müsse den Anfang seiner Regierung durch einen Akt der Güte bezeichnen, und glaubte die Nation, welche für die Parlamente war, dadurch zu gewinnen, daß er dieselben mit ihren früheren Rechten wiederherstellte, wonach sie unter anderem die Befugnis hatten, sich den Edikten des Königs zu opponieren und überhaupt die Privilegien, welche noch immer im Lande galten, aufrechtzuerhalten. Dadurch aber schürzte er den Knoten seines ganzen Schicksals. Durch seine Gutmütigkeit und seine Neigung zu Verbesserungen wurde er veranlaßt, manche Reformen in Angriff zu nehmen; aber sowie er dieses tat, widersetzten sich ihm die Parlamente; so erging es dem Minister Turgot mit seinen Verbesserungen und anderen ebenso.

Nun ließ sich der König in den amerikanischen Krieg ein, in der Hoffnung, den Engländern eine Niederlage beizubringen, und eine große Menge Franzosen gingen nach Amerika. Dadurch wurde zweierlei bewirkt. Erstens diese Franzosen, welche gesehen hatten, wie schlecht es in ihrem Vaterlande zuging, gerieten nun auf die Idee, daß die Amerikaner allein das Rechte getroffen hätten. Zweitens die französische Literatur nahm jetzt eine andere Richtung. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewann die materialistische Richtung in der Philosophie die Oberhand (Diderot usw.). Diese Philosophen glaubten nicht an Gott und wollten auch von dem Könige nichts mehr hören. Das war denn eine ganz andere Republik, welche diese Männer im Sinne hatten; die nordamerikanische Republik hatte immer noch etwas Ideales, aber diese materialistischen Ansichten gingen aus dem Streben nach ungebundenem Genusse hervor.

Also auf einer Seite unterstützte Ludwig XVI. teilweise eine dem Königtum entgegenlaufende Bewegung, auf der andern Seite war die Regierung in die Notwendigkeit versetzt, stets neue Geldmittel aufzubringen und die hiezu nötigen Veränderungen in den Finanzen Frankreichs vorzunehmen. So ging Frankreich aus dem amerikanischen Kriege hervor, zwar mächtiger zur See, aber in einer ungeheueren Geldverlegenheit und im Innern zersetzt durch zwei mächtige Faktionen, die Parlamente und die Privilegierten auf der einen, die Philosophen auf der andern Seite, die unaufhörlich gegen Aristokratie und Hierarchie ankämpften. Die Regierung fand sich in der Unmöglichkeit, die Sachen so fortgehen zu lassen, sie mußte Veränderungen vornehmen. Was tat sie nun? Calonne,Generalkontrolleur der Finanzen von 1783 bis 1787. von philosophischen Ideen durchdrungen, berief im Jahre 1787 eine Anzahl von angesehenen Männern aus dem Reiche, um die Steuerverfassung abzuändern, während das legale Verfahren erfordert hätte, die Reichsstände zu berufen,Seit 1614 waren keine Stände mehr berufen worden und die Notablen hatte bereits Richelieu versammelt, aber Calonne war eben kein Richelieu. wozu sich indessen Calonne nicht verstehen wollte. Kaum war dieser Minister mit seinen weitreichenden physiokratischen VorschlägenNach Calonnes Vorschlägen sollten die Auflagen auf den Ertrag des Landes gegründet und alle Jahre im Frühling Leute auf das Land geschickt werden, um die Aussaat und demnach auch den Ertrag der Ernte zu bemessen. Dieses war eine Konsequenz des physiokratischen Systems, welchem schon Du Quesnay anhing, den Ludwig XV. seinen Penseur nannte. hervorgetreten, so stieß er auf die heftigste Opposition bei den Notablen. Sie erklärten, daß sie nicht das Recht hätten, Steuern zu bewilligen, und so wurde Calonne alsbald gestürzt. Sein Nachfolger als Premierminister, der Erzbischof von Brienne,Siehe die Anm. auf S.41. machte zwar einige vernünftige Vorschläge, die auch von den Notablen zum Teil angenommen wurden, allein dies geschah immer unter dem Vorbehalt, daß sie später dem Parlament vorgelegt werden würden.

Das Verfahren, welches in Frankreich zu beobachten war, war folgendes: wenn die Regierung neue Finanzedikte erließ, so mußten sie vorher dem Parlamente vorgelegt werden, um sie zu verifizieren, und dann erst wurden die Steuern bezahlt. Das Parlament war aber prinzipiell gegen jede Veränderung, und die Aristokratie nahm mit Vergnügen diesen Zeitpunkt wahr, das Königtum zu beschränken. Endlich trat die Opposition mit der Erklärung hervor, das Parlament sei gar nicht befugt, Steuern zu bewilligen, hiezu müßten die Generalstände berufen werden. Die Regierung, die durch dieses Verlangen in die größte Verlegenheit geriet, nahm zu verschiedenen Ausflüchten ihre Zuflucht; denn, wenn diese altaristokratischen Elemente berufen wurden, so war das Königtum in jeder Weise beschränkt, und es würde eine beschränkte Monarchie im alten Sinne des Wortes zustande gekommen sein. Die Regierung erklärte sich bereit, die Stände erst nach vier Jahren zu berufen; aber daran war nicht zu denken, denn die Aristokratie glaubte, jetzt oder nimmer sei die Zeit gekommen, um sich neben der Regierung aufzustellen.

Wenn man nun die alten Stände nicht haben wollte, wie konnte man überhaupt die Stände berufen? Die Stände bestanden aus Adel, Geistlichkeit und Bürgern. An der Geistlichkeit ließ sich nichts ändern, am Adel ebensowenig; also meinte die Regierung, sie müsse dem dritten Stande eine stärkere Repräsentation geben, als früher, und müsse ihn so stark machen, wie die beiden andern zusammengenommen: denn nur dadurch könnte sie sich der beiden andern Stände erwehren. Dies war aber auf der andern Seite höchst gefährlich, denn im dritten Stande hatte die republikanische Idee Wurzel gefaßt. Die Bürger waren voll von Unwillen gegen die beiden andern Stände, und so kam die größte Gärung zum Vorschein. Der Minister Necker ließ nun bekannt machen, daß im nächsten Mai 1789 die Stände zusammentreten sollten, wobei der dritte Stand so viele Mitglieder haben würde, wie die beiden andern Stände zusammen ( doublement du Tiers). Die Regierung verbündete sich also gewissermaßen mit den neuen amerikanischen Ideen, so daß Necker selbst darüber erschrak. Aber nicht genug; das Publikum wurde öffentlich von der Regierung aufgefordert, seine Ansichten darüber auszusprechen, wie die Verfassung Frankreichs am besten geordnet werden könne. Diese Maßregel trug vollends das ihrige dazu bei, das Land in die größte Agitation zu versetzen.Der Abbé Siéyès antwortet in seiner Broschüre: Qu'est ce que le tiers-état? auf die Frage, was das Bürgertum sein solle: quelque chose; aber freilich wollte später der dritte Stand nicht bloß etwas sein, sondern alles. Unter diesen Verhältnissen kamen die Stände im Jahre 1789 zusammen, ohne daß man wußte, was daraus werden und wie in dieser Versammlung die Abstimmung erfolgen sollte: ob nach Köpfen – par tête –, in welchem Fall der dritte Stand die Oberhand gehabt hätte, oder nach Ständen,– par ordre–, wo Adel und Geistlichkeit im Vorteil gewesen wären. Necker hatte nicht den Mut, dieses zu entscheiden.

Gleich anfangs schon, bei der Verifikation der Vollmachten, konnte man sich nicht darüber einigen, ob die Prüfung gemeinschaftlich, oder in jedem Stande gesondert geschehen solle. Der König meinte, die Stände sollten sich vorläufig miteinander vereinigen, dann aber eine Verfassung vorlegen, die auf dem Zweikammersystem beruhte. Selbst diese vorläufige Vereinigung war aber nicht mehr durchzusetzen. Mirabeau erklärte im Namen des dritten Standes: wir sind Repräsentanten des Volkes; niemand kann uns befehlen; wir wollen aber einen Pakt mit dem Könige machen. Die Summe aller dieser Verwicklungen war, daß der König, der den dritten Stand verdoppelt hatte, um an ihm eine Stütze zu finden, vor seiner eigenen Schöpfung erschrak und durch die Haltung des dritten Standes bewogen wurde, sich auf die Seite der privilegierten Stände zu schlagen. Der dritte Stand erklärte sich nun, wie in Nordamerika, nicht nur gegen die Stände, sondern auch gegen den König, und es kam nun zu jenem berühmten Auftritte, wo die Bevölkerung von Paris, für den dritten Stand begeistert, nach Versailles zog, den König nötigte, nach Paris zu gehen, und ihn dort gewissermaßen zum Gefangenen machte. Der König ließ nun den Adel wissen, er solle sich mit dem dritten Stande vereinigen und dieser setzte seine Absicht durch, daß über jede einzelne Frage par tête abgestimmt werden sollte.

Dadurch wurde nun alles zum Umstürze reif. Nunmehr bekam die Theorie der Repräsentation und die Ansicht, daß die Gewalt von unten aufsteige, die Oberhand, und die Männer, die hier vereinigt waren, gingen daran, die Verfassung Frankreichs auf dieser Grundlage aufzubauen, welche allem widersprach, was da bestand. Sie mußten aber hierin viel weiter gehen, als die Nordamerikaner. Dort hatte es genügt, einige wenige Beamte zu beseitigen und Gewählte an ihre Stelle zu setzen; hier war der alte romano-germanische Staat eingewurzelt, dessen Einrichtungen sämtlich hinweggeräumt werden mußten. Es war die Abstraktion der amerikanischen Idee und nicht die Realität. Dieses fiel gerade in den Moment, wo der Kampf zwischen den beiden Mächten der Monarchie und Aristokratie auf das wütendste entbrannt war. Man darf behaupten, daß die Nachgiebigkeit des Königs in dieser Beziehung eine höchst verkehrte und unheilvolle war; aber das ist eben das Unglück der Menschen, daß sie ihre Maßregeln von Minute zu Minute ergreifen. Diese Konzession von seiten des Königs führte nun zu der konstituierenden Versammlung.

Ich habe gezeigt, wie diese Idee des von unten her zu gründenden Staates aus Amerika nach Europa hinübergewandert war, und wie diese Abstraktion der amerikanischen Republik in Europa Wurzel schlug, und zwar gerade in dem Lande, das in allen Dingen immer den Ton angegeben hatte. So nun trat jene konstituierende Versammlung zusammen, welche eine Verfassung machen wollte, in der das Königtum neben den andern Faktoren der Gewalt bestehen sollte. Dies konnte aber von keiner Dauer sein; denn das monarchische Prinzip war untergraben, und ein anderes Prinzip, als das republikanische, existierte nicht. Bald entwickelte sich aus der konstitutionellen Partei die jacobinische, welche die Idee der Volkssouveränität und der von unten aufsteigenden Gewalt in ihren äußersten Konsequenzen geltend machte, bis die ganze Nation, von einem fanatischen Schwindel ergriffen, an nichts anderes mehr dachte, als an Verwirklichung ihres politischen Ideals von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Schritt für Schritt gelangte man zur Absetzung Ludwigs XVI., zu seiner Hinrichtung und endlich zur Proklamierung der Republik. Mittlerweile wurde der Krieg gegen Deutschland unternommen, der daraus entsprang, daß die Franzosen ihre politischen Neuerungen auch ins Elsaß einführen wollten, denen sich die deutschen Fürsten, die im Elsaß ihre Berechtigungen hatten, unter Berufung an das Reich widersetzten. Anfangs richteten die deutschen Alliierten mit ihren geringen aufgebotenen Kräften nichts aus; später aber verstärkten sie sich und bedrohten Frankreich ernstlich, und es entwickelte sich nun dort infolgedessen die Partei des Schreckens, welche alles nivellierte und die Religion der Vernunft dekretierte. Das Abenteuerlichste wurde als Gottheit des Tages begrüßt; wer im mindesten den herrschenden Doktrinen abhold schien, ward verdächtig und der bloße Verdacht führte zur Guillotine. Die größten Phantasten, die den Staat durch den Gang dieser Dinge erobert hatten, diejenigen, welche die herrschenden Ideen am stärksten und wildesten repräsentierten, wurden die Meister. Der Schrecken aber hatte wenigstens die Folge, daß alles, was der Herrschaft des wilden Haufens entfliehen konnte, an die Grenze eilte und sich dort wütend mit den auswärtigen Feinden Frankreichs herumschlug, so daß an eine Restauration der Bourbonen nicht zu denken war.

Gespräch

König Max: Worin hat wohl Ludwig XVI. hauptsächlich gefehlt?

Ranke: Die Fehler Ludwigs XVI. waren keine Fehler des Herzens, seine Intention war rein, er wollte keine Freiheit schwächen, er wollte vielmehr der Nation Rechte geben. Seine politischen Fehler aber waren ungeheuer: erstens daß er die Parlamente wieder herstellte; zweitens daß er sich in den amerikanischen Krieg stürzte; drittens daß er seiner Gemahlin einen so großen Einfluß, namentlich auf Besetzung der Ministerstellen, ließ; viertens daß er soweit ging, den dritten Stand zu verdoppeln, und als diese Macht da war und ihm über den Kopf zu wachsen schien, davor erschrak und sich gegen sie wendete.

König Max: Mußte denn nicht Ludwig XVI. wegen der im Lande herrschenden Finanznot eine Repräsentation des Volkes einführen?

Ranke: Er war nicht sowohl darin zu tadeln, daß er die Parlamente berief, als daß er sogleich anfangen wollte, zu reformieren. Ferner hätte er nicht das Publikum auffordern sollen, seine Meinung über die Verfassungsrevision abzugeben. Endlich hätte er das doublement du tiers-etat gehörig organisieren sollen, ehe er mit dieser Maßregel vor die Generalstände trat. Etwas mußte allerdings geschehen, aber von einem monarchischen Gesichtspunkte aus in mehr geschäftsmännischer Weise.

König Max: Wäre es Ludwig XVI. möglich gewesen, fortzuregieren, wenn er eine monarchische Verfassung gegeben hätte?

Ranke: Dann hätte er die Stände niemals berufen und wenigstens die Verdoppelung des dritten Standes beruhen lassen müssen; sein Hauptfehler aber liegt darin, daß er sich des verdoppelten dritten Standes, als er einmal da war, gar nicht bediente.

König Max: Ist es wahr, daß Ludwig XVI. die Geschichte Karls I. von England las und Tag für Tag gerade das Gegenteil von den Maßregeln ergriff, welche Karl I. genommen hatte?

Ranke: Dies ist unrichtig; erst im Gefängnis hat er die Geschichte Karls I. gelesen.

König Max: Auf welche Rechtsprinzipien wurde Ludwig XVI. verurteilt?

Ranke: Der Hauptanklagepunkt war, daß er ein Verräter an der Nation sei und mit auswärtigen Mächten gegen dieselbe konspiriert habe. Karl I. hingegen wurde mehr einer Verletzung der Interessen der Nation angeklagt.

4. Die Napoleonische Zeit

Nachdem die Sache bis auf diesen Höhepunkt gediehen war, so konnten die Republikaner nicht länger mehr regieren. Das System des Schreckens wurde von einigen Gemäßigten gestürzt, die aber immer noch ziemlich weit in ihren politischen Ansichten gingen. Hierauf wurde das Direktorium gegründet. Aber auch dieses konnte sich nicht halten; denn die Nationalvertretung, die ihm zur Seite stand, war in ewigem Schwanken begriffen, da verfassungsgemäß immer ein Dritteil der Repräsentanten austreten und nach einer gewissen Periode durch Neugewählte ersetzt werden mußte. Weder im Innern noch nach außen hatte das Direktorium Glück; die neue Koalition des Jahres 1798, gebildet von Österreich, Rußland und England, verbündet mit der starken royalistischen Partei in Frankreich, die besonders in Paris und andern Städten mächtig war, machte siegreiche Fortschritte. Wäre damals ein General, wie Monk,George Monk, Herzog von Albemarle († 1670), englischer Feldherr, der im englischen Bürgerkrieg auf Seiten des Königs focht, 1646 ins Parlamentsheer übertrat und nach Cromwells Tod im Streit zwischen Armee und Parlament für das Parlament eintrat, aber die Verbindung mit Karl II. aufnahm und im Parlament die Zurückrufung der Stuarts auf den englischen Thron durchsetzte. für das Königtum aufgetreten, so wären wahrscheinlich damals schon die Bourbonen auf den französischen Thron wieder eingesetzt worden; allein es geschah das gerade Gegenteil von dem. Ein ausgezeichneter General war zwar da, der in den früheren Kriegen bereits das beste getan, Italien erobert und in Ägypten großen Ruhm davongetragen hatte; aber den legitimen König wiederherzustellen, das lag ihm ferne; er selbst wollte Meister von Frankreich sein. Bonaparte setzte sich nach seiner Rückkunft aus Ägypten im Jahre 1799 in den Besitz der Macht als Konsul.

Nun fing er an, den ganzen Staat umzubilden und den größten Teil von dem rückgängig zu machen, was die Republikaner eingeführt hatten. Er zeigte unendliches Talent, der Finanzverwirrung zu steuern; als Konsul bereits ließ er den Code Napoléon verfassen und restaurierte dadurch die Justiz; er schloß das Konkordat mit dem Papste ab und restaurierte die Religion; er setzte die ganze Administration auf einen neuen Fuß und restaurierte das Militär. Kurz er war eines der größten Genies für Staatsverwaltung. Er machte der Koalition ein Ende und trat nun auf als der große Mann der Welt. Er ließ zwar keine Spur von Anarchie übrig, aber er nahm die Revolution in allen ihren Resultaten an. Er restaurierte z.B. zwar die Kirche, ließ aber die geistlichen Güter in den Händen derer, die sie während der Revolution erworben hatten; er erkannte die Vernichtung aller früheren Privilegien an, wollte aber auf sie die Monarchie gründen. Er versuchte es, mit einer Verfassung zu regieren, aber es gelang ihm ebensowenig wie Cromwell.

Mit einem Worte, er wollte Meister der Welt werden und eine Dynastie gründen, vor der alle anderen sich beugen mußten. Napoleon war nicht Kaiser von Frankreich allein, wie Thiers sagt, sondern ging von der Ansicht aus, daß er der Nachfolger Karls des Großen sei, wie er selbst oft sich äußerte.

Der vornehmste Gegensatz, mit dem er zu kämpfen hatte, waren die Engländer, und da Österreich sich der Engländer annahm, so stürzte er sich auf dieses und vernichtete es (im Preßburger Frieden 1805). Preußen, welches sich nicht zur rechten Zeit mit Österreich alliiert hatte und ihm in sein Geschäft dreinredete, vernichtete er ebenfalls. Spanien nahm er durch eine Intrige ohnegleichen, durch welche er den König von Spanien dahin brachte zugunsten seines Bruders Joseph zu abdizieren.

Auf diese Weise kam die Revolution auch nach Deutschland, aber sie kam dahin nicht in der Gestalt des Schreckens,Einzelne Erscheinungen terroristischer Natur kamen am Rheine vor; in Mainz z.B. war eine Guillotine aufgerichtet. sondern mehr in monarchischer Form. Napoleon hatte endlich das Deutsche Reich zur Abtretung des linken Rheinufers gezwungen, und um die dadurch in Schaden geratenen deutschen Fürsten zu entschädigen, bewilligte er die Aufhebung der ganzen hierarchischen Verfassung und die Mediatisierung einer großen Anzahl von Reichsstädten. Einige deutsche Territorien wurden hiebei von Napoleon vergrößert, was man ein Glück für Deutschland nennen darf, da infolgedessen wenigstens noch einige der altgermanischen Ideen aufrecht erhalten werden konnten.

In dieses neugestaltete Deutschland trat nun die Revolution als Umsturz der früheren Verfassung und zugleich als Herrschaft des französischen Kaisers ein, der nach Besiegung Österreichs und Preußens den Herrn in Deutschland spielte, den Rheinbund gründete und der Herrschaft der deutschen Fürsten wohl bald ein Ende gemacht hätte, wenn er Meister geblieben wäre. Da kam denn in Deutschland die Manie der Volksverbesserung und des Vernichtenwollens alles Bestehenden an die Tagesordnung. Diese Ideen haben indessen hier aus sich selbst nichts vermocht; alles geschah im Nachtrieb von Frankreich. Das gedemütigte Österreich mußte Napoleon seine Tochter geben, denn er wollte eine große neue Dynastie gründen und dazu mußte er einen legitimen Erben haben. Wer kann sagen, was aus Europa geworden sein würde, wenn ihm dieser Plan gelungen wäre?

Mit Rußland hatte Napoleon anfangs in gutem Einvernehmen gestanden, ja es war eine Zusammenkunft der beiden Monarchen gehalten worden, bei welcher Rußland und Frankreich gleichsam die Welt unter sich teilten. Allein diese Freundschaft konnte keinen Bestand halten. Es entstanden Differenzen zwischen beiden Mächten und die führten endlich zu dem ungeheuren Zuge Napoleons nach Moskau, der in der Weltgeschichte ohne Beispiel gewesen ist. Wer kann wohl sagen, was aus der Welt geworden wäre, wenn nicht die Russen als Halbbarbaren ihre Hauptstadt angezündet hätten, und wenn Napoleon in Moskau Winterquartier hätte nehmen können?

Nach diesem unglücklichen Feldzug erwachte in Deutschland neuer Mut, namentlich in Preußen, obwohl es damals zu völliger politischer Unbedeutendheit herabgesunken war. Der Eintracht der Alliierten gelang es dann, der Napoleonischen Herrschaft ein Ende zu machen.Bayern war so glücklich, noch im rechten Augenblick sich den gegen Napoleon verbündeten Mächten anzuschließen. Dieser Weltkampf und der Sturz Napoleons bewirkten nunmehr, daß die europäischen Mächte sich so auseinandersetzten, wie es – im ganzen genommen – noch heutzutage geblieben ist. Auf den damals 1814 und 1815 geschlossenen Verträgen beruht die ganze Gestaltung von Europa.

5. Die konstitutionelle Zeit

Die ganze Aufmerksamkeit, die bisher den auswärtigen Angelegenheiten zugewendet gewesen war, richtete sich nun auf die inneren Verhältnisse. Da war kein Land, wo nicht die beiden Prinzipien der Monarchie und der Volkssouveränität miteinander in Widerstreit geraten wären.

In dem südlichen Europa, in Spanien, im römischen und in einigen andern italienischen Staaten versuchte man das Königtum pure zu restaurieren. In den übrigen Staaten aber war man nicht dieser Ansicht; man wollte das konstitutionelle Wesen, welches in dem Napoleonischen Zeitalter, wo es bestanden hatte, bloße Formel gewesen war, in seiner Wirklichkeit herstellen. Man wollte die beiden Prinzipien – Nationalsouveränität und Monarchie, Erblichkeit von oben, Selbstregierung von unten – miteinander vereinigen. Dies war das Losungswort in Europa. Sogar der Selbstherrscher aller Reußen, Kaiser Alexander, glaubte, durch eine Konstitution in Polen regieren zu können; und die Bourbonen gaben eine Konstitution, die gar nicht schlecht war. Auch in Deutschland, welches der Lage der Dinge gemäß statt zu einem Kaisertum zu einem Staatenbunde vereinigt worden war, wurden die konstitutionellen Prinzipien eingeführt, ausgenommen in Preußen, wo die Provinzialstände blieben, und in Österreich, wo man zwar auch Provinzialstände hatte, aber am meisten hinter den konstitutionellen Ideen zurückgeblieben war. So wurde der Kampf, der bisher in den großen Regionen der Welt sich bewegt hatte, in das Innere der Staaten versetzt und die konstitutionelle Tendenz, die man als einen Fortschritt der Zeit betrachtete, wurde überwiegend, nachdem durch den langen Kriegszustand das monarchische Prinzip verstärkt worden war.

Da traten die Ereignisse des Jahres 1830 ein. Die Konstitution der älteren Bourbonen war nicht fähig, die Ordnung zu erhalten. Bei der ersten Bewegung der Bourbons, welche sich gegen die Konstitution und die darin garantierte Preßfreiheit richtete, entstammten die populären Gefühle, welche in den letzten Jahren an Intensität gewonnen hatten und nicht vergessen konnten, daß die Bourbons die Erneuerung ihrer Herrschaft fremden Nationen verdankten. Die alte Charte und die alte Dynastie wurden gestürzt und das Haus Orleans kam auf den Thron. Aber auch dieses neue System genügte den Franzosen nicht. Es herrschten unaufhörliche Streitigkeiten über Fragen der Verfassung, und die Erhitzung zugunsten der konstitutionellen Prinzipien wirkte sogar auf England zurück und veranlaßte dort jene Parlamentsreform im liberalen Sinne. Infolge dieser Bewegungen wurde das neue Königreich Belgien gegründet und ganz Europa geriet in Gärung. Dazu kam, daß Preußen im Jahre 1840 sich ebenfalls veranlaßt sah, von der bisher beschrittenen Bahn der reinen Administration mit Provinzialständen abzuweichen und einen Versuch zu machen, das Ständewesen zu restaurieren. Doch führte dieses nicht zum rechten Ziele, und endlich kam man im Jahre 1847 zu dem vereinigten Landtag, welcher, nachdem er berufen war, eine entschiedene Richtung nach der liberalen Seite nahm. Das äußerte den größten Einfluß nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa.

Die Ideen des Umsturzes entwickelten sich in jedem Augenblicke mit größerer Stärke, ohne daß ihnen die Regierungen die gehörige Kraft entgegensetzten, bis sich aus der Tiefe der Dinge die Revolution vom Jahre 1848 bildete, in welcher auch der quasilegitime König verjagt wurde, und die förmliche Republik zutage kam, zwar nicht als Schreckensherrschaft, aber doch als eine Darstellung der Nationalsouveränität. Dies hatte eine ungeheure Rückwirkung auf Deutschland, so daß die großen Mächte Österreich und Preußen selbst von ihrer Basis herabgeworfen wurden und die Neigung aufkam, alle Autorität in Zweifel zu setzen und die öffentliche Gewalt bloß auf die Nationalsouveränität zu gründen. An der Unmöglichkeit der Durchführung und an dem militärischen Prinzipe fanden diese Umsturztendenzen endlich ihren unübersteiglichen Widerstand. Indem alles sich rekorrigierte, stand auch in Frankreich ein Machthaber auf, welcher die Nationalsouveränität mit der höchsten Gewalt in Verbindung setzte. Louis Napoleon hat insofern eine gewisse Beziehung zu den übrigen europäischen Fürsten, als er ein Monarch und zwar ein absoluter Monarch ist; aber im Prinzip ist er ihnen entgegengesetzt, indem er durch Wahl Kaiser geworden ist und so gewissermaßen das Prinzip der neueren Zeit repräsentiert.

Die Entwicklung der Dinge hat also, in Kürze resümiert, zu folgenden Erscheinungen geführt. Es besteht erstens die Republik in Nordamerika; zweitens die modifizierte und mit liberalen Ideen erfüllte ständische Verfassung in England; drittens die Nationalsouveränität der nordamerikanischen Prinzipien, monarchisch gestaltet, in Frankreich; viertens die alten auf dem Geburtsrecht beruhenden Fürsten in Deutschland; fünftens von diesen gewaltigen Elementen unaufhörlich gefährdet, in Rußland das Prinzip der rein slavischen Autokratie.

Es versteht sich von selbst, daß durch alles das eine ungeheure Gärung in die Welt kam, indem diese Prinzipien aufeinander agieren und reagieren. Was die jetzige Weltgestaltung noch näher bestimmt, ist der Umstand, daß diese Fragen sich auch auf das Gebiet der auswärtigen Politik warfen, und zwar auf die Auseinandersetzung der Grenzen, indem der Gewalthaber in Frankreich nicht gemeint scheint, die alten Grenzen anzuerkennen, und nun der Krieg zwischen Rußland und den Westmächten ausgebrochen ist, von dem man nicht weiß, wohin er führen wird. Die Mächte haben ihre wahre Position noch nicht gefunden, und wir haben deshalb gefährliche innere und äußere Kämpfe zu erwarten. Die mehr liberalen Potenzen haben sich mehr auf die Seite der Türkei geschlagen; die mehr konservativen, mit Ausnahme Österreichs, auf die Seite Rußlands. Durch die Unbesonnenheit des russischen Kabinetts ist der Talisman, welcher die Geister in Ruhe fesselte, gelöst worden, und alle diese gewaltigen Regungen, welche in der jüngsten Zeit gebannt worden waren, tendieren nun wieder gegeneinander.

Auch das aber ist noch nicht das letzte Wort der heutigen Geschichte. Weil alles auf dem tiefen Boden der europäischen Geschichte beruht, so erweckt der Rückblick auf die Erfahrungen der Vergangenheit die Hoffnung, daß aus den größten Gärungen und Gefahren, in denen zu leben, geschweige denn zu regieren, einen hohen Grad von Energie und Umsicht erheischt, wieder vernünftige Zustände hervorgehen werden; um so mehr, als die materiellen Entwicklungen der Dinge in der größten Ausbreitung begriffen sind.

Und so will ich hiemit schließen mit den Worten, mit denen Macchiavell seinen »Fürsten« eröffnet: »Was ich in langer Zeit gelernt habe, biete ich dir in wenigen kurzen Sätzen dar.« Mein Ziel ist aber das entgegengesetzte. Während von Macchiavell der Fürst zur Ruchlosigkeit aufgefordert wird, ist mein Streben vielmehr, Ew. Majestät in ihren Tugenden zu befördern.

Schlußgespräch

König Max: Was kann man als die leitenden Tendenzen unseres Jahrhunderts bezeichnen?

Ranke: Ich würde als leitende Tendenzen unserer Zeit aufstellen: die Auseinandersetzung beider Prinzipien, der Monarchie und der Volkssouveränität, mit welcher alle andern Gegensätze zusammenhängen; ferner die unendliche Entfaltung der materiellen Kräfte und die überaus vielseitige Entwicklung der Naturwissenschaften. Jenseit der Streitigkeiten, die den Staat berühren, treten auch noch immer geistliche Tendenzen hervor.

Der menschliche Geist ist in einer unermeßlichen Fortentwicklung begriffen und gerade der Kampf der Gegensätze trägt dazu bei, diese Entwicklung zu fördern. Gerade wie der Kampf zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt sehr dazu beitrug, die europäische Christenheit zu entwickeln, so ist dies auch bei dem gegenwärtigen Kampfe zwischen Monarchie und Volkssouveränität der Fall. Welche ungeheure Kraft hat nicht z.B. das revolutionäre Wesen in Frankreich geäußert, um sich Europa zu unterwerfen, und umgekehrt, welche Fülle von Kraft hat nicht das übrige Europa gezeigt, um das revolutionäre Frankreich zu bändigen! Von all diesen Dingen hatte die frühere Welt keine Idee. Diese Überwältigung aller andern Elemente, die in der Welt sind, durch den Geist der abendländischen Christenheit, namentlich durch die germanischen Ideen ist ganz beispiellos.

Eine solche Macht, wie sie England aufgestellt hat, verdoppelt durch die verwandten anglo-amerikanischen Ideen, ist noch nie vorhanden gewesen. Die Engländer beherrschen die ganze Welt mit ihrem Handel; sie haben Ostindien, sie haben China Europa geöffnet; alle diese Reiche unterwerfen sich gleichsam dem europäischen Geiste. Darin liegt eben diese ungeheure Übermacht des konstitutionellen und des republikanischen Prinzipes, weil die Völker, bei denen diese Staatsform herrscht, das meiste in der Welt ausrichten. Sie schreiten immer vor; sie kommen jetzt der Türkei zu Hilfe, aber ihr Zweck ist, sie zu unterwerfen und abhängig zu machen, und das wird auch der Erfolg sein.

Die Ausbreitung des romano-germanischen Geistes ist eine ganz ungeheure, um so mehr, da sie nicht mehr durch die kirchliche Form gefesselt ist. Der romano-germanische Geist geht über die Form der Kirche hinaus und dehnt sich frei und ungebunden als Kultur durch die ganze Welt aus. Eine ungeheure Teilnahme des großen Publikums am geistigen Leben, eine immense Expansion der Kenntnisse, eine lebendige Teilnahme an öffentlichen Dingen charakterisiert unser Zeitalter. Man muß diese Zeit nicht verkennen. Es ist ein Glück, in derselben zu leben, aber schwer ist es für jeden, inmitten dieser beiden einander entgegengesetzten Tendenzen, welche alle Kräfte ergreifen und in jedem Augenblicke uns nahetreten, und inmitten dieser unendlichen Mannigfaltigkeit des Lebens, die sich über die Erde ausbreitet, sich zu bewegen. Da ist kein Beamter, kein Lehrer, kurz niemand, der sich in einer öffentlichen Stellung befindet, bis zu den untersten Sphären hinab, der sich nicht in ein bestimmtes Verhältnis zu jenen beiden Prinzipien setzen müßte.

Darin liegt allerdings etwas für den Geist ungemein anregendes; wer aber darauf ausgeht, bloß darin eine Tendenz der Weltgeschichte zu sehen, daß die Nationalsouveränität über alles herrschend werde, der weiß nicht, was die Glocke geschlagen hat. Denn mit diesen Bestrebungen haben sich so viele destruktive Tendenzen vereinigt, daß die Kultur und die Christenheit bedroht wären, wenn sie die Oberhand gewinnen würden. Dadurch bekommt also auch die Monarchie wieder eine Wurzel in der Welt, indem sie nötig wird, um die destruktiven Tendenzen auszurotten, welche von den populären Prinzipien, wie von einer großen Flut, mit hereingeschwemmt werden. In dieser Aktion und Reaktion der Geister liegt eine ungeheure Bewegung und zugleich ein großes Lebenselement.

König Max: Ist die Ausprägung der Nationalitäten auch ein Zug unserer Zeit?

Ranke: Allerdings tendiert die Nationalsouveränität dahin. Frankreich z. B. hat sich als Nation gegen die Fremdherrschaft erhoben; ebenso Rußland und Deutschland gegen die Franzosen. Diese Nationalitäten haben also eine größere Bedeutung gewonnen. Eine ganz andre Frage ist aber die Konstituierung der Nationalitäten als Staaten, welche auch zu den Lieblingsideen unserer Zeit gehört. Deutschland aber hat sich wie ein Mann gegen Frankreich erhoben, ohne als Staat konstituiert gewesen zu sein; also hängen diese beiden Begriffe, Ausprägung der Nationalitäten und Konstituierung derselben zu Staaten, nicht mit Notwendigkeit zusammen. Die Abschließung der Nationalitäten aber gegeneinander ist jetzt nicht mehr durchführbar; sie alle gehören mit zum großen europäischen Konzert.

König Max: Wenn man in seiner Zeit etwas Bedeutendes wirken will, soll und kann, so muß man also seine Zeit verstehen, die Aufgabe derselben sich klarmachen und eine gewisse Zeitrichtung ergreifen, um die besondere Aufgabe, die man sich hiernach gestellt hat, zu realisieren?

Ranke: Vor allem muß man die Welt verstehen und dann das Gute wollen. Es ist beim Privatmann dasselbe wie beim Fürsten; nur in der Potenz ist die Aufgabe verschieden. In seiner Zeit stehend, muß er dasjenige tun, was ihm notwendig scheint und was ihm sein Gewissen diktiert. Er darf seine Feinde nicht für gering achten und sich nicht eine Vorstellung von den Dingen machen, wie sie nicht sind. Glaubt er nach seinem besten Wissen und Gewissen mit den Strömungen der Zeit gehen zu können, so soll er es tun; ist er nicht dieser Meinung, so darf er sich ihnen nicht hingeben.

König Max: Was ist die Aufgabe des deutschen Regenten in dieser Zeit?

Ranke: Es wird sehr schwer sein, die vorwaltende Tendenz der jetzigen Zeit ganz zu verwerfen; sie zu ignorieren, ist auch nicht möglich. Das Wahre liegt wohl in der Mitte. Der Fürst muß sein Prinzip der Erblichkeit, der Regierung von oben her, festhalten, solange er kann, demungeachtet aber alles das tun, was in der Richtung der Zeit liegt, und was auch eine aus der Nationalsouveranität entsprungene Macht tun würde. Ich glaube nicht, daß man die Kammern abschaffen kann, aber modifizieren muß man sie. Auch das ist die Aufgabe des Regenten, die Nationalität zu entwickeln, was gleichfalls mit der Idee der Zeit zusammenhängt. Die Erfüllung dieser Aufgabe im einzelnen unterliegt freilich großen Schwierigkeiten; jede Frage muß nach ihrem inneren Werte behandelt werden.

König Max: Wie nun das Prinzip der Kirche wieder aufgetaucht ist, und dieselbe ihre Stärke in der demokratischen Richtung der Zeit sucht, so scheint sie wohl die Furcht vor derselben zu benutzen, um uns einseitig ihre Tendenz aufzunötigen?

Ranke: In der Demokratie liegt auch ein starkes Element gegen die Kirche; die Demokratie hat doch mit der weltlichen Autorität dasselbe Interesse; sie wird sich nie einer Theokratie unterwerfen wollen.

König Max: Kann man annehmen, daß es jetzt eine größere Menge von ausgezeichnet gesitteten Menschen gebe als früher?

Ranke: Das läßt sich kaum behaupten. In der Sittlichkeit kann ein Fortschritt nicht angenommen werden, denn die Sittlichkeit ist zu sehr mit der Persönlichkeit verbunden. In der Humanität aber ist ein Fortschritt wahrnehmbar, d.h. das Volk betrinkt sich jetzt weniger als früher; es prügelt sich weniger usw. Daß aber in jedem nachfolgenden Jahrhundert eine größere Anzahl von sittlich höher potenzierten Menschen existiere, läßt sich nicht annehmen. Auch glaube ich nicht, daß in diesem Jahrhundert eine größere Anzahl intelligenter Leute sich vorfinde als in dem vorigen Jahrhundert.

König Max: Was ist wohl von der Nemesis in der Geschichte dann zu halten, wenn nicht bloß die leitenden Persönlichkeiten, sondern das ganze Volk ein Nationalverbrechen begangen hat und sich auf einer unrechten Basis bewegt?

Ranke: Das ganze Volk wird darunter leiden müssen. Frankreich z. B. hat für die Verbrechen der Revolution ungeheuer gelitten. Die Franzosen sind jetzt ärger gefesselt als je zuvor.

König Max: Ludwig Napoleons Herrschaft beruht auf der Volkssouveränität; aber wird nicht das Volk eben darin die Berechtigung finden, ihn wieder abzusetzen?

Ranke: Darin liegt die Gefahr, die bei dem stabileren Prinzip der Legitimität weniger zu befürchten ist.

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