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Theodor Gottlieb von Hippel: Über die Ehe - Kapitel 3
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titleÜber die Ehe
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorGünter de Bruyn
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Das erste Kapitel

Klagen über die Vorurteile beim Heiraten

Traum zur Abhelfung

Wer Kegel schieben will, muß eine Bahn haben, wer ein Haus baut, einen Grund legen, wer nicht sät, kann auch nicht ernten, und wer kein Feld hat, kann nicht säen. Die Vorurteile, die bei den Ehen zur anderen Natur geworden sind, machen die Menschen untauglich, die Rolle zu spielen, die sie hätten spielen sollen oder können, und ebendiese Vorurteile sind auch mehr schuld an der Entvölkerung als ägyptische Dienstbarkeit, Auflagen im Staat und die Eitelkeitssorge der Weiber, ihre Schönheit durch Schwangerschaft zu verderben. Die Gesetze bestimmen die Ehefähigkeit: die Natur bestimmt sie noch genauer. Allein was helfen alle diese Bestimmungen und Ausnahmen, wenn man durchaus nicht das sein darf, was man ist? Bei den Römern war eine Mannsperson im vierzehnten Jahr vaterfähig, und ein Mädchen konnte schon im zwölften Jahre ja sagen und dieses Ja auch beweisen. Die Römer waren der Meinung der Natur. Heutzutage ist man anderer Meinung. Man ist nicht nur später mannbar, sondern darf auch das nicht sein, was man ist, wenn man die gesetzmäßigen Jahre erreicht hat. Es ist eine unnatürliche Mode, die man Tugend nennt, erfunden worden, die vorzüglich Mannspersonen zur Last fällt. Nach ihr darf man nicht eher heiraten, als bis man kaum mehr dazu fähig ist. Man verbindet nicht Personen mit Personen, sondern Pferde und Wagen mit Pferden und Wagen, Dukaten mit harten Talern, ein Landhaus mit einem städtischen Palast.

Das Obst bricht ein jeder ab, wenn es reif ist, allein ein junger Mensch muß nicht nur achtzehn oder dreiundzwanzig Jahr alt sein, sondern er muß auch zweitausend Reichstaler Einkünfte haben, von Adel sein, just sechzehn Ahnen haben, warten, bis sein Vater tot ist, um dessen Haus zu beziehen, sechs Pferde haben, auf Reisen gewesen sein, fünf Leute in Livree halten und was weiß ich, was alles vorhergegangen sein muß, ehe ihm erlaubt wird, bei einem Mädchen zu wachen. Nichts ist unnatürlicher, als sich zu einer Sache so lange vorzubereiten, die in so kurzer Zeit geendigt ist. Man beschneidet uns die Flügel, um desto besser zu fliegen. Die Weisheitszähne, die erst im zwanzigsten Jahre keimen sollen, sind, wie mich dünkt, zum Heiraten nicht nötig. Wir heiraten heutzutage leider nicht, um zu heiraten, sondern um das Andenken derer zu begehen, die ehemals geheiratet haben.

Es ist die Hauptpflicht der Eltern, ihren Kindern zur Liebe Gelegenheit zu verschaffen. Die Liebe ist der Stimmhammer des Herzens und setzt dem Ehrgeiz und jedem anderen Geiz oder Laster (welches einerlei ist) Ziel und Maß. Sie macht gefällig, mitleidig und Menschen zu Menschen. Sie ist die Experimentalmoral, so wie es eine Physik dieser Art gibt. Unsere Verfassungen der Religion und des Staates erlauben uns in der Liebe kein Vergnügen ohne Nutzen. Die Eltern müssen daher auf Mittel denken, so geschwind, als es sich tun läßt, die Kinder zu verheiraten oder, mit anderen Worten zu sagen: aus der Not eine Tugend zu machen. Wer Kinder zeugen will, muß selbst kein Kind mehr sein, sagt man, allein: gibts wohl ein ernsthafteres Geschäft als dieses in der Welt? Und müßte man nicht eben dadurch die Volljährigkeit erlangen, wenn man heiratet? Ich glaube, man kann eher Theologe, Richter oder Arzt spielen als Vater. Dieses letzte ist man nur.

Aristoteles will, daß man im fünfunddreißigsten Jahre heiraten soll, Plato, daß es nicht vor dem dreißigsten geschehe, allein ein anderes ist sollen, ein anderes können. Die alten Deutschen hielten dafür, daß ein Mann dreißig Jahre alt sein müsse, allein das waren auch die alten Deutschen, die wir jetzt nicht mehr sind. Wer jetzt dreißig Jahre alt ist, ist ein alter Deutscher im anderen Verstande, denn ein jeder vermutet von ihm, daß er im Zölibat bleiben werde. Je aufgeklärter die Zeiten sind, je zeitiger werden Mädchen und Jünglinge reif. Von diesem Punkt fängt die Aufklärung der Zeiten an, denn er allein belebt und macht Mut. Er ist das Salz, ohne welches keine Handlung Geschmack hat. Von einem Verschnittenen ist niemals eine erhabene Tat geschehen. Er muß sich aufs Singen so wie der Kapaun auf schönere Federn einschränken.

Die Israeliten sind klein gewesen, sagt man, weil sie so zeitig geheiratet haben, allein ich sehe keinen Nachteil von kleinen Bürgern ein. Wenigstens sind sie besser als gar keine. Kleine Soldaten sind, wie mich dünkt, vorteilhaft zu brauchen. Feinde, die groß sind, schießen entweder über sie weg, oder sie müssen sich bücken. In beiden Fällen gewinnen die Kleinen. In Rußland, wo die Sonne stärker wirkt, wird alles in zwei Monaten reif.

Ist es nicht schade, daß das erste Glas vom Jüngling (denn wie soll er es anders machen?) einer Buhlschwester zugebracht wird und die Hefen für ein ehrliches Mädchen aufbehalten werden? Und wer kann es diesem verdenken, wenn es sich zu seiner Zeit nach einer frischen Flasche umsieht?

Ein Licht steckt das andere sehr leicht an, und man könnte annehmen, daß Genies von einem noch ungeschwächten Vater gezeugt werden müssen. Wenigstens sind die ersten Kinder von jeher immer die besten gewesen. Kein Wunder, daß uneheliche gemeinhin die besten Köpfe sind. Auch die Gestalt des Leibes ist bei den ersten Kindern schöner, welches uneheliche Kinder ebenfalls beweisen. Die Eindrücke, die ein paar runzelvolle Leute aufeinander machen, können nichts Regelmäßiges hervorbringen. Die Vorzüge, die man in alten und neuen Zeiten der Erstgeburt verstattet, würden sich vielleicht hieraus erklären lassen. In Frankreich ist der älteste Sohn der Erbe der Güter, der zweite wird Soldat, und der dritte wird das, was in allen Ländern der dritte Sohn werden sollte: ein Geistlicher. Wollt ihr noch weiter zählen, so werdet ihr nicht nur in Frankreich, sondern beinahe überall finden, daß die jüngsten, oder Kinder der Pflicht, gemeinhin im Hospital sterben.

Ist es nicht etwas Widersinniges, daß ein Mann, den der Staat ehrt, der über das Vermögen und das Leben der ganzen Familie zu erkennen das Recht hat, sich in diesem ganzen Stück dem Urteil einer Person aus derselben, Vater, Mutter, Base usw., unterwerfen muß? Man bedient sich, um die Schwierigkeiten, die einem Ehelustigen gemacht werden, in ihrem ganzen Umfang zu zeigen, des Worts: anwerben, welches eigentlich: im Schweiße des Angesichts eine Sache treiben heißt. Anwerbung, heißt es indessen in einem bewährten Sprichwort, macht keine Verbindung. Wenn also gleich die Rekrutin ja sagt, so muß dennoch ein Tag anberaumt werden, an welchem die Sache näher erwogen wird. Alsdann kommt die Familie zusammen, wobei die Weiber, die bei den Römern kein Wort mitzureden hatten, nicht nur Sitz und Stimme haben, sondern auch wegen ihrer Träume in Ansehen stehen.

Oft wird das Ja nur unter dem Vorbehalt des Vorkaufsrechts gegeben. Es gibt Verlobungen mit Bedingungen, und wenn das Angeld, welches gemeinhin in einem Ring besteht, gegeben worden und das Aufgebot geschehen ist, so kann endlich nach allen diesen Fristen (und nachdem sich noch die ganze Familie neu gekleidet und eine Schar von Brautführern sich geputzt hat) die Braut mit dem Manne ziehen. Man wundert sich, warum bei diesen Weitläufigkeiten dem Bräutigam nicht alle Lust vergeht. Allein gemeinhin pflegt sich derselbe schadlos zu halten. Er macht sich während dieser Zeit mit der Kammerjungfer bekannt und übt sich in einer Sache, welche die besondere Art hat, daß man in ihr ohne Übung am stärksten ist.

Ich weiß nicht, ob jemand von meinen Lesern den Herrn von H–:y kennt.

»Nein, mein Herr von B–:ß, meine Tochter ist nicht für Sie«, waren seine ersten Worte.

»Aber mein Herr von H–:y...«, antwortet Herr B–:ß.

»Wie gesagt, es wird nichts draus!«

»Lassen Sie mich aufrichtig reden: Sie sind arm...«

»Ich arm? Solange dieses Pergament noch leserliche Buchstaben hat und ...«

»Lorchen liebt mich, mein Herr von H–:y!«

»Die Liebe ist das wenigste. Die Ehre, mein Herr, die Ehre muß Ehen binden.«

»Ich bin ein Kavalier.«

»Aber Sie können nicht Johanniterritter werden, denn hierzu ist Ihr Blut zu leicht befunden.«

»Ihre Tochter wird sich zu Tode grämen.«

»So stirbt sie auf dem Bett der Ehre.«

»Und ich ...« –: hier ging Herr B–:ß davon, und man weiß, daß er aus Verzweiflung nach Paris gegangen ist und sein Vermögen als Sklave einer Theaterprinzessin verzehrt hat. Wie leid tut es mir, daß er noch sechs Schwestern hat! Arme Mädchen! Hätte euch euer Bruder unter seine Flügel nehmen können, ihr würdet nicht der unnatürlichen Notwendigkeit ausgesetzt sein, ohne Liebe zu leben. Ein hübsches Mädchen, das das Glück hat, vom fünfzehnten bis zum neunzehnten Jahr in einem guten Hause zu sein, wo es sein Licht leuchten lassen kann, findet zuverlässig einen Liebhaber, welcher Lust hat, sich in einen Ehemann verwandeln zu lassen –: obgleich es kein Geld hat. Addiere, lieber Leser, wieviel Bürger durch diesen Vorfall der Welt entzogen werden. Jedem Fräulein gib sechs Kinder und multipliziere sechs mit sechs. Rechne Lorchen und die recht guten Waden unseres verlorenen Sohns mit, so hast du fünfundvierzig Menschen.

»Lorchen!« ruft Herr A–:, »wie ist der Verfasser auf diesen Namen gekommen, der in mein Herz mit goldenen Buchstaben geätzt ist? Müssen denn alle Lorchens unglücklich sein und unglücklich machen? Grausamer Vater einer so gütigen Tochter!«

Der grausame Vater wollte, daß sein zukünftiger Schwiegersohn ihm zu den zweimal hunderttausend Gulden noch einhunderttausend Gulden hinzuverdienen und so viel hundert Witwen und Waisen, als tausend in seinen Büchern vorkommen, unglücklich zu machen behilflich sein sollte.

Und was soll ich von Herrn B–: sagen und was von Herrn C–: und was von Herrn D–: und was von allen Herren durch das ganze Alphabet? Es ist nichts gewisser, als daß mißlungene Liebe schuld daran ist, daß die Quadratur des Zirkels noch nicht erfunden, die Meereslänge nicht berechnet und das Seewasser noch nicht süß gemacht ist. Daß die Griechen und Römer größere Genies aufzuweisen hatten als wir, macht, daß sie in tausend Stücken vernünftiger heirateten und nächstdem –: nicht Griechisch und Latein lernen mußten. Und da wir mit dem deutschen Abc fertig sind, so ist es ausgemacht, daß α) mit einem Kaufdiener entwischt, weil sie der Vater an keinen Rat geben wollte, daß β) ihrem Gemahl untreu ist, weil sie die Mutter zum unaufrichtigen Ja gezwungen hat. Daß γ) keine Kinder hat, läßt sich aus ihrem Fräuleinstande erklären.

Kannst du den Regen aufhalten und die Blüte nur eine einzige Sekunde verlängern oder den Apfel davor bewahren, daß ihn kein Wurm sticht? Ebensowenig bist du imstande, deine Tochter zu verschließen, wenn sie ausgehen will. Die Natur läßt sich nicht zwingen. Wer selbst Vater oder Mutter werden kann, sollte wenigstens in diesem Punkt nicht unter seinen Eltern stehen. Es ist zwar nur des Wohlstandes und nicht der Notwendigkeit wegen, daß heutzutage die Eltern ihre Einwilligung geben; allein der Wohlstand ist weit strenger als alle Gesetze.

Die Ehe ist eine Last, und zur Übernehmung einer jeden Last muß man aufgemuntert, nicht aber behindert werden. Was man schon auf den Schultern hat, trägt man eher, als was man sich noch auflegen soll. Kann man gut zur Miete wohnen, warum sollte man sich ein eigenes Haus anschaffen? Wir sind Pilger in der Welt: kein Wunder, daß wir die Veränderung lieben. Ein Eigentümer trägt sich entweder mit dem Gedanken, ein anderes Haus anzuschaffen, oder er zieht wenigstens von einem Zimmer ins andere. Vielleicht hat die deutsche Sprache darum dem Wort Frau das sonst wenig passende Wort Zimmer angehangen. Erhielte man die Vorzüge der Ehe ohne die Pflicht, eine Frau Tag und Nacht zur Seite zu haben und allerlei Wind und Wetter übernehmen zu müssen, so würde sich jeder gern entschließen zu heiraten.

Der Staat sollte auf nichts ein so wachsames Auge haben als auf Abstellung alter Vorurteile, welche Ehen hindern können; denn die Ehe ist ein kleiner Staat. So wie es in den meisten Häusern zugeht, so geht es in der Stadt zu, und so wie in den meisten Städten, so im Lande. Man hatte bei den Römern Aufmunterungen zur Ehe, und noch wird man in vielen Teilen von Deutschland finden, daß kleine Strafen für diejenigen ausgesetzt sind, die sich nicht verheiraten, nachdem sie einige Jahre Bürger gewesen. Viel Kinder, viel Paternoster, sagt man an einigen Orten Deutschlands, und selbst von einer Hure sagt man, sie sei in gesegneten Umständen. Ihr Leib ist dem Staat gesegnet, denn Kinder sind der nützlichste Tribut, den ein Bürger bezahlen kann.

Man erlaube mir einzuschlafen und nachher einen Traum darüber zu erzählen. Wem er nicht gefällt, der bilde sich ein, daß ich im Schlafe geredet hätte. Mir träumte, es wäre ein Staat, wo Frauenspersonen keinen Rang behaupten. Die Weiber können nach den Gesetzen nicht viel mehr ohne Vormund und Beihilfe tun, als zu Bette gehen. Die Kauffrau (handelnde Frau) macht eine Ausnahme, allein diese gilt nur in Handlungssachen, wo ihr doch ein Diener gemeinhin zur Hand geht. (Von Regentinnen rede ich nicht; denn diese hören auf, Frauen zu sein, sobald sie den Thron besteigen.) Alle Frauenzimmer sollen gleich sein. Im Orient, wie man erzählt, geht es mit den Mädchen wie im Himmel zu, wo kein Ansehen der Person ist. Der Vornehmste heiratet das gemeinste, und die Tochter eines Königs glaubt kein Recht zu haben, einen König zu heiraten. Sie verlangt nicht einen König, sondern, was ebensoviel ist, einen Mann. Die Bäuerin, die Bürgerliche, die Adlige, die Hochadlige können zwar einen kleinen Unterschied machen, allein auch dieser Unterschied darf nie so beträchtlich werden, daß nicht dabei ohne Umstände beständige Ausnahmen stattfinden.

Die Weiber sollen es für eine Beleidigung ansehen, wenn sie keine Stelle im Staat bekleiden und doch den Titel und die Ehre davon genießen. Eine Ehre, die ich nicht verdiene, ist es so wenig, daß ich keine größere Schande kenne. Frau Doktorin, Frau Präsidentin ist ebenso lächerlich, als jemand Euer Exzellenz zu nennen, weil er mit dem Minister in einem Zimmer schläft. Es gehört eine Frau, wie mich dünkt, zu Hause ihrem Manne und in Gesellschaft anderen Frauen an. Die Frau Minister dient dem Staat weniger als der Sekretär des Herrn Gemahls, und nichts ist vernünftiger, als den Rang abzuschaffen, den die Weiber durch ihre Männer behaupten.

Damit ich aber dem schönen Geschlecht auch selbst im Traum den Vorzug nicht benehme, den ihm die Natur verliehen hat, so würde sein Rang auf das Geschlecht einzuschränken sein und in der Treue gegen seine Männer und in vielen Kindern bestehen. Von diesem ihm eigentümlichen Rang ist es durch falschen Schimmer entfernt worden, und warum sollte es sich Titel kaufen, da sein Amt ihm schon so viel Würde beilegt? Eine gewisse Kirche, für die ich sonst viel Hochachtung habe, ist zwar der Meinung, daß die Ehen die Erde, die Keuschheiten den Himmel bevölkern, allein ich bin der Meinung, daß je mehr Seelen für die Welt vorhanden, je mehr auch für den Himmel da sind. Ein Staatsmann, der die Bevölkerung befördert, kann also für den Himmel ein größeres Verdienst als ein Superintendent haben, welcher letztere nur die Sorgen über die Seelen hat, die schon vorhanden sind. Hieraus würde auch einigermaßen die große geistliche Würde sich verteidigen lassen, welche ein jeder Monarch in seinem Lande bekleidet oder bekleiden kann.

Die Römer hatten viele Vorteile für Väter, die Kinder hatten. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so kamen die Juden der Natur der Sache näher, wenn sie den Weibern die Ehren zueigneten, welche die Römer den Männern zuschrieben. Denn die Weiber haben bei diesem Geschäft die größere Mühe, und was noch mehr ist: man ist bei ihnen gewiß, daß sie die Mütter sind, wogegen es sich, ob der Mann Vater ist, kaum genau bestimmen läßt. Man läßt den Weibern also nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn man sie für ihre Kinder belohnt. Sie können wahrlich auf diese Taten so stolz als auf Siege sein. Geschichtsschreiber sollten diese Siege für die Nachwelt aufschreiben und die Wahrheit auch auf sie anwenden, daß derjenige, der sein Leben fürs Vaterland verloren hat, unsterblich ist. Wer seine Pflicht erfüllt, verdient Belohnung: aber warum soll man diese der gnädigen Frau zugestehen, die Blätter und keine Feigen hat? Die Aufhebung des uneigentlichen Weiberranges und die Einsetzung der Weiber in ihren eigentlichen Rang wird ohne Zweifel ein Land mehr bevölkern als alle anderen Hilfsmittel. Der Aufwand, der jetzt so viele Ehen unmöglich macht, würde von selbst schwinden, und standesungleiche Ehen würden zur Regel werden. Es ist lächerlich, daß die Weiber den Stand ihrer Männer annehmen, billig aber ist es, daß sie in dem Fall, daß sie Witwen werden, an den Gütern der Männer teilhaben.

Die Töchter sollten nicht einmal von dem Zunamen des Vaters etwas genießen. Wenn mein Nachbar zum Beispiel Heydefeldt hieße, sollte darum seine Tochter Fräulein Heydefeldt genannt werden? Minchen sollte man sie nennen. Der Zuname würde sich finden, und fände er sich nicht, so könnte das Mädchen, wenn es vierzig Jahre alt und im Hospital wäre, das Fräulein Minchen aus dem Heydefeldtschen Hause heißen. Hätte sie aber Lust, den Namen des Amadeus Creuzberger anzunehmen, so lasse man ihr das Vergnügen. Ein Frauenzimmer ist ein Konsonant, den man ohne den Vokal des Mannes nicht aussprechen kann. Wie ungerecht also die Gesetze sind, wenn sie verordnen, daß ein Frauenzimmer einen Mann nehme müsse, der ihm ebenbürtig ist, fällt in die Augen. Eine Mißheirat ist für mich ein unausstehlicher Begriff. Vernünftige Gesetze sollten diesen Torheiten ein Ende machen. Monarchen haben zwar Ursache, der falschen Ehre das Wort zu reden, denn sie ist das Bollwerk der Monarchie, allein durch meinen Vorschlag müßte der Adel eben nicht leiden. Ich habe nichts gegen den Adel. Ich kann es leiden (wenn die Motten es leiden können), daß ein Pergament in der Familie aufbewahrt wird. Ich eifere nicht dawider, daß Ahnen gezählt werden. Allein wie kommt die Frau dazu? Die Kinder folgen dem Vater, die Töchter nicht in dem strengen Sinn wie die Söhne.

Es ist wahr, daß bei dieser Methode die Schmeichelei gestürzt wird. Allein warum sollen wir kriechen, da wir gehen, warum bitten, da wir fordern können? Ist nicht selbst jetzt das einzige Mittel, mit einem Frauenzimmer sich auszusöhnen, es ärger mit ihm zu treiben? Wer ein Mädchen um Verzeihung bittet, wenn er es geküßt hat, erhält keine. Es wird ihm aber verziehen, wenn er seine Hand weitersetzt. Die Stecknadeln, mit denen die Frauenzimmer sich verschanzen, halten keinen Sturm aus. Sie haben diese Verteidigungsmethode vom Rosenstrauch gelernt. Rosen werden indessen gepflückt, und so gehts auch mit den Mädchen. Laut Gesetz können unverheiratete Frauenzimmer klagen, wenn sie wider Willen geküßt werden, allein ich weiß keinen Fall, in dem Gebrauch davon gemacht worden ist –: es müßten denn Zeugen dabeigewesen sein. So sehr ist die Natur bemüht, ihre Rechte nicht verjähren zu lassen.

Guten Morgen, lieber Leser. Bist du aber über meinem Traum selbst eingeschlafen, so wirst du in einem Hörsaal aufwachen –: oder noch fester einschlafen.

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