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Über das Universum

Unbekannte Autoren: Über das Universum - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
year1993
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3?458?33240?5
titleÜber das Universum
pages5?10
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13t Vorl.

Wenn in den Zeiten der spätern Kaisern, die aufkeimende würdigere Ansicht der Natur, durch mannigfaltige mythische Ideen verdunkelt wurde, wenn gehässige Streitigkeiten über religiöse Gegenstände und allgemeine Unduldsamkeit viel zur Schwächung des römischen Reiches beitrugen, so verbreiteten die nachfolgenden Einfälle der Barbaren vollends eine tiefe Nacht über das Abendland, während Griechenland, obgleich denselben Mängeln unterliegend, sich doch einen Schein des Lichts bewahrte.

Die 3te Epoche wird durch den Einfall der Araber bezeichnet, durch welchen ohne Zweifel die in Schwachheit versunkene Welt wieder aufgefrischt worden ist. – Die Araber waren ein wandernder semitischer Stamm, und warfen sich, nachdem sie 50 Jahr erobernd in Arabien umhergezogen, zuerst auf Aegypten. (Es muß bemerkt werden, daß, wohl schon viel früher eine ähnliche Invasion statt gefunden. Herr General Rühle von Lilienstern hat es wahrscheinlich gemacht, daß die uralten Hyksos nichts anderes waren, als ein erobernder semitischer Stamm der Perser oder Meder.) Kaum aber haben sie ihre vaterländischen Gränzen verlassen, so verbreiten sie sich mit solcher Schnelligkeit, daß in unbegreiflich kurzer Zeit von den Ufern des Ganges, bis an die Säulen des Hercules, alle Völkerschaften ihnen unterthan sind. Sie selbst vergleichen sich in ihren Gedichten einem Wolkenzuge, der an den Bergen lagert, um jeder Richtung des Windes zu folgen.

Um die Araber kurz zu charakterisiren, so kann man sie im Allgemeinen unwissend nennen, aber nicht roh. Einzelne unter ihnen zeichnen sich aus durch eine große Liebe zur Natur, die sie gründlicher zu untersuchen anfangen, und man möchte die Art unserer heutigen Naturbeobachtung von den Arabern datiren. Früh schon, von Mohamed hatten griechische Aerzte aus der Schule von Edessa und Athen wissenschaftliche Kenntnisse unter ihnen verbreitet, und die Dichtkunst hatte selbst eine schöne Blüthe erreicht. Zu Mecca und Okkadh waren im 5ten Jahrhundert lyrische Kampfspiele angeordnet, die nicht unähnlich den olympischen, zu gewissen bestimmten Zeiten gehalten wurden. Die Gedichte denen man den Preis zuerkannte, wurden mit goldnen Buchstaben auf Byssus geschrieben, und in der Caaba zu Mecca aufgehängt. (Von Antara ist eine der 7 Moallakah, und Hamaza Heldenlieder sind kürzlich von Prof. Freitag in Bonn edirt worden.)

Den höchsten Flor des Reichs kann man unter den Hascheniden und Abbassiden annehmen. Al-Manzur, ein Chalif der letzteren Dynastie erbaute Bagdad (762) zur Residenz, wo unter dem großen Harun-al-Raschid, gelehrte Schulen gestiftet wurden, so wie auch zu Mosul. Diese erhielten ihren ersten Glanz durch griechische Flüchtlinge, die wegen orthodoxer Verfolgungen ihr Vaterland aufzugeben, sich gezwungen sahen. So muß es denn dankbar erkannt werden, daß Griechenland, die alte Wiege abendländischer Kultur, von jeher, selbst im Stande der tiefsten Versunkenheit, Strahlen der Civilisation nach allen Seiten ausgesendet hat.

Harun-al-Raschid ließ die Werke der berühmtesten griechischen Gelehrten ins Arabische übersetzen, durch einen eignen Uebersetzer-Ausschuß, der diese Uebertragungen durch viele Abschriften verbreitete. Einer seiner Nachfolger, der Khalif Al Mamum machte es zur Bedingung eines Friedensschlusses, daß der griechische Kaiser ihm mehrere ausgezeichnete Manuskripte (den Almagest des Ptolomäus) überlassen mußte. –

Mit der Dynastie der Abbassiden wetteiferte die der Ommajaden in Spanien. Was Bagdad in Asien, war die hohe Schule von Cordova für Europa, wo denn überhaupt im 10t Jahrh. die Araber die Stütze der Litteratur wurden. –

In Astronomie, Geographie, Medicin und Physik hat ihr Fleiß sehr glücklich und nützlich gewirkt, und noch zeugt manches arabische Kunstwort von ihrem Einfluß, selbst auf unsere heutige Kultur. Namentlich trägt der Himmel die Spuren ihrer Herschaft, indem die meisten Constellationen arabische Benennungen haben. – Schon früher ist erwähnt worden, daß die indischen Zahlzeichen durch die Araber in Europa eingeführt wurden, die höchst wahrscheinlich im 13ten Jahrh. über Persien ihnen zugekommen waren. Erst im 14t Jahrh. wurden diese Ziffern nach ihren Verbreitern die Arabischen genannt, durch den Handel der Genueser und Venetianer allgemeiner bekannt. Das erste Document in dem die Bezeichnung der Jahreszahl auf diese Weise vorkommt ist ein Brief des Petrarca über den heiligen Augustinus vom Jahre 1373.

Zu ihren wichtigsten chemischen Entdeckungen gehört die Auffindung der Säuren: sie kannten die Salpetersäure, und das Königswasser, deren Entdeckung man fälschlich dem Raimundus Lullus zuschreibt: sie gebührt dem großen Abelmousa Schafr el ?

Auch die Kunst des destillirens sind wir den Arabern schuldig: sie verfertigten Alkohol und Naphta, und kannten das Quecksilberoxyd.

Wir bemerken 2 Reflexe des arabischen, wissenschaftlichen Lichtes; den einen nach Osten hin, gegen die Mongolen, wo ein Enkel des Timur zu Samarkand einen Sternkatalog anfertigen ließ: den andern im Westen, wo in Spanien Alphons X. (1252- 1284, mit einer Toleranz, die man jetzt kaum begreifen würde) zu Toledo einen Congreß von christlichen, jüdischen und saracenischen Astronomen vereinigte, durch welche die berühmten alphonsinischen Tafeln ausgearbeitet wurden. – Der Historiker Mariana sagt von diesem Könige: er verlor die Erde, indem er zu viel nach den Sternen sah.

Die glänzende Epoche der arabischen Herschaft beginnt 640 mit der Eroberung von Aegypten, und schließt 1236 mit der Eroberung von Cordova durch Ferdinand III.

Einen schwachen Abglanz der arabischen wissenschaftlichen Bestrebungen finden wir bei dem Spanier Raimundus Lullus aus Majorca, in dessen Schriften aber ein mystischer Spuk vorherrscht, den er die : ars magna, nennt. Bei weitem höher steht Roger Baco, ein englischer Mönch des 13ten Jahrh., der durch die Kraft seines Genie's sich weit über sein Zeitalter erhob, und in mehreren Wissenschaften Entdeckungen machte, welche die Bewunderung der Nachwelt verdienen. Man kann sagen, daß von ihm eine völlige Reform der Naturlehre ausging. Der Zauberei angeklagt, und von dem General des Franziskaner Ordens verfolgt, mußte er viele Jahre seines Lebens im Kerker schmachten.

Wenn hier abermals ein sichtbarer Ruhepunkt eintritt in der Geschichte menschlicher Bestrebungen in Erkenntniß eines Naturganzen, so ist doch der organische Zusammenhang nicht zu übersehen, wie sich allgemach die wichtige 4te Epoche vorbereitete, welche wir mit der Entdeckung von Amerika bezeichnen. Gleichzeitig mit dem Aufblühen des Handels der italienischen Freistaaten, datirt die für das Vorschreiten der Wissenschaften merkwürdigste Erfindung der Buchdruckerkunst (1436) und ein allgemeiner erwachendes Interesse für die klassische Litteratur. Die Verbindung zwischen Griechenland und Italien war nie ganz aufgehoben gewesen: wie denn Apulien und Calabrien noch lange unter byzantinischer Herrschaft blieb. Der normännische König Robert von Neapel schickte 1453 eigne Gesandte nach Constantinopel, um von dorther Handschriften von guten Autoren zu erlangen. – Wir erinnern uns hier besonders an die Namen: Petrarca, Boccaccio, Lascaris, Poliziano, Bessarion – Männer die sich besonders ausgezeichnet haben im Kampf gegen die Scholastiker, und durch deren Bestrebungen die allgemeine Schätzung der klassischen Litteratur so sehr befördert worden ist, um deren Erweckung sich auch die Akademie der Medicäer zu Florenz Verdienste erworben hat. – Durchaus ungegründet ist die Behauptung, daß das Studium der klassischen Autoren von dem der Natur abgeführt habe, vielmehr danken wir dem erwachten Sinn für die Klassiker, die erneuerte Kenntniß vieler einzelner Zweige der Wissenschaft, deren Horizont durch materielle geographische Entdeckungen sich so sehr erweitern sollte.

Schon im Jahre 1003 waren scandinavische Schiffer nach New foundland gekommen, wo sie eine Art Weinstock (unseren Vitis vinifera zum Verwechseln ähnlich) gefunden hatten, wonach sie dem ganzen Lande den Namen Wienland gaben. Später im Jahre 1390 besuchten die Brüder Zeen den großen westlichen Continent, und obgleich ihre Nachrichten von den einzelnen Ländern dunkel und verworren sind, so kann man doch mit Gewißheit annehmen, daß sie einen Theil der vereinigten Staaten müssen gesehen haben. – Frühere ausgedehnte Landreisen, besonders nach Asien hin, hatten mit der großen Erstreckung unserer Erdhälfte gegen Osten bekannt gemacht, und auf die Annahme der Rundung der Erde geführt. Die meisten dieser Reisen, von Mönchen unternommen, waren großentheils ohne bedeutendes Ergebniß für die Naturwissenschaft geblieben, mit Ausnahme derjenigen des Venetianers Marco Polo, der nicht nur die nördlichen Theile von Asien bereiste, sondern auch seinen Rückweg durch das Tropenklima von Jawa und Sumatra nahm. Es war dies ein zuvor ungebildeter, aber geistreicher Mann, der interessante naturhistorische Bemerkungen gemacht hat, und unter andern auf den hohen Bergen der Bucharei den verminderten Luftdruck erkannte, und die Schwierigkeit auf diesen Höhen Feuer anzuzünden.

Aber wie unbedeutend ist der Einfluß einzelner Reisender im Vergleich mit dem Leben großer Heere, ja ganzer Völker, die nach Entdeckung des neuen Continentes nach Amerika hinübergezogen und Städte gründeten auf Höhen die selbst unter dem Aequator die Schneegrenze erreichen.

Merkwürdig, und unstreitbar einwirkend ist es, daß um dieselbe Zeit dieser wichtigen Entdeckung die schönsten Gebilde der griechischen Kunst, aus dem Schooße der Erde ans Licht kamen, und aus ihren Gräbern wieder hervorgingen. Von 1498–1506 fand man den Laocoon, den Apoll und den Torso. Gleichzeitig mußten auch Luther und Calvin auftreten, um dem menschlichen Geschlechte eine neue Geistes Freiheit und Stärke (denn beide sind eins) zu erwerben.

Copernicus neues Weltsystem wurde erst kurz vor dem Tode des großen Mannes bekannt, um das Jahr 1543, obgleich es erwiesen ist, daß er es ungleich früher vollendet hatte. Bei seiner gründlichen Bekanntschaft mit dem klassischen Alterthum hatte er gefunden, daß mehrere alte Schriftsteller, wie Nicetas, Ecphontes pp. von einer Bewegung der Erde reden und wenn dies auch auf eine leere, nichts sagende Weise geschieht, so hatte er doch darin Veranlaßung gefunden, näher darüber nachzudenken. Er glaubte nur das System des Philolaus herzustellen, obgleich dieser keinesweges die Sonne, sondern einen großen Weltheerd als Mittelpunkt des Weltgebäudes annahm. Besonders begeisterte ihn, wie Prof. Ideler nachgewiesen hat, eine Stelle aus dem Werke des Martianus Capella, der den Mercur und die Venus um die Sonne kreisen läßt. Die dem System des Copernicus analogste Stelle, die bei den Alten über die Bewegung der Erde vorkommt, die vom Aristarch von Samos kann er nicht einmal gekannt haben. Die steht im Arenarius des Archimedes, der nach Ideler erst ein Jahr nach des Copernicus Tode zu Venedig herauskam.

Diese vorbereitende Entwickelung, wie diese gleichzeitigen Erscheinungen bezeichnen die Entdeckung der neuen Erdhälfte, als die merkwürdigste Epoche in der Geschichte des menschlichen Geistes, und von hier an datirt eben so recht im Allgemeinen eine großartigere Ansicht der Natur, als insbesondere die Ausbildung einer eigentlichen physicalischen Geographie. – Eine Menge neuer Erscheinungen boten sich den Ankömmlingen in Amerika dar. Man fand einen großen Continent, von ununterbrochener Erstreckung, in dem unter dem Aequator Schnee auf den Bergen liegt. Dies führte auf eine genauere Bestimmung der unteren Schneegränze in den verschiedenen Klimaten, die man nach ihrer relativen Höhe über dem Meere unterscheiden lernte; so wie man auch die Pflanzen und Thierformen verschieden fand, je nach der Höhe und Breite unter der sie vorkommen. Man warf die Frage auf, warum Amerika unter dem Gleicher nicht so heiß sei als Afrika, und ob in seiner ganzen Erstreckung es irgend von Negern bewohnt werde? Man fand, daß seine Einwohner einen abgeschlossenen Menschenstamm ausmachen, der zwar unter sich verschieden, durch einen eigenthümlichen Bau der Backenknochen übereinstimmt, noch mehr aber durch eine gewisse grammatische Analogie der Sprache verbunden ist, in denen man bald semitische, bald sogar baskische Anklänge zu vernehmen glaubte. Alles dies mußte gründliche Untersuchungen über die Menschenracen anregen, und verbreiten. Ganz besonders beschäftigte damals die Frage, die noch jetzt der Gegenstand von Untersuchungen ist, von woher die erste Bevölkerung dieses Erdtheils an Menschen und Thieren gekommen, und ob eine Einwanderung ,vom nördlichen Asien her wahrscheinlich sey? Ein sonst geistreicher Schriftsteller glaubte, um das Ueberkommen der reißenden Thiere zu erklären, zu der Annahme genöthigt zu seyn, daß sie als ganz kleine Thiere in denselben Booten, worin die Menschen kamen, mit eingeschifft worden wären.

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