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Über das Gedächtnis

Hermann Ebbinghaus: Über das Gedächtnis - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorHermann Ebbinghaus
titleÜber das Gedächtnis
publisherDuncker & Humblot
addressLeipzig
year1885
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
created20031121
correctorhille@abc.de
modified20070621
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III. Methode der Untersuchung.

§ 11. Sinnlose Silbenreihen.

Um den Weg zu tieferem Eindringen in die Gedächtnisvorgänge, auf den die vorangegangenen Überlegungen hinweisen, einmal praktisch – allerdings nur für ein sehr beschränktes Gebiet – zu erproben, habe ich folgendes Verfahren eingeschlagen.

Aus den einfachen Konsonanten des Alphabets und unseren elf Vokalen und Diphthongen wurden alle überhaupt möglichen Silben einer bestimmten Art gebildet, und zwar alle in der Weise, dass ein Vokallaut in der Mitte steht und zwei Konsonanten ihn umgehen1). Diese Silben, ca. 2300 an der Zahl, wurden durcheinander gemengt und dann, wie der Zufall sie in die Hand führte, zu Reihen von verschiedener Länge zusammengesetzt, deren mehrere jedesmal das Objekt eines Versuchs bildeten2). Bei der Zusammensetzung der Silben wurden ursprünglich, übrigens nicht gerade peinlich, einige Regeln beobachtet, die eine allzu rasche Wiederkehr ähnlich klingender Elemente verhindern sollten; später wurde von diesen abgesehen und nur der Zufall walten gelassen. Die jedesmal benutzten Silben wurden besonders aufbewahrt, bis die ganze Masse durchgebraucht war, dann aufs neue gemischt und wieder verwendet.

1) Die benutzten Vokallaute waren a, e, i, o, u, ä, ö, ü, au, ei, eu. Am Anfang der Silben wurden verwandt die Konsonanten b, d, f, g, h, j, k, l, m, n, p, r, s (= sz), t, w, außerdem ch, sch, weiches s und das französische j (zusammen 19); am Ende f, k, l, m, n, p, r, s (= sz), t, ch, sch (zusammen 11). Für den Auslaut wurden weniger Konsonanten benutzt als für den Anlaut, weil eine deutsche Zunge, selbst nach mehrjähriger Übung in fremden Sprachen, sich mit der korrekten Aussprache der mediae am Ende nicht recht befreundet. Aus demselben Grunde wurde von der Verwendung anderer fremdsprachiger Laute, die ich zur größeren Bereicherung des Materials zuerst versuchte, wieder Abstand genommen.

2) Ich werde die hier angedeuteten Bezeichnungen im folgenden beibehalten und nenne also "Versuch" eine Gruppe von mehreren "Silbenreihen" oder "Einzelreihen". Eine Mehrheit von "Versuchen" nenne ich "Versuchsreihe" oder "Versuchsgruppe".

Alle mit diesen Silbenreihen angestellten Versuche liefen schließlich darauf hinaus, die einzelnen Reihen durch wiederholtes lautes Durchlesen soweit einzuprägen, dass sie gerade eben willkürlich reproduziert werden konnten. Dieses Ziel galt als erreicht, wenn eine Reihe zum erstenmale, nach gegebenem Anfangsglied, ohne Stocken, in einem bestimmten Tempo und mit dem Bewußtsein der Fehlerlosigkeit auswendig hergesagt werden konnte.

§ 12. Vorzüge des Materials.

Das beschriebene, völlig sinnlose Material bietet, zum Teil wegen seiner Sinnlosigkeit, mannigfache Vorteile. Es ist zuvörderst verhältnismäßig einfach und verhältnismäßig gleichartig. Bei den zunächst sich darbietenden Stoffen, Gedichten oder Prosastücken, muß der bald erzählende, bald beschreibende, bald reflektierende Inhalt, hier eine pathetische, dort eine lächerliche Wendung, die Schönheit oder Härte der Metaphern, die Glätte oder Eckigkeit von Rhythmus und Reim eine Fülle von unregelmäßig wechselnden und deshalb störenden Einflüssen ins Spiel bringen: hin- und herspielende Assoziationen, verschiedene Grade der Anteilnahme, Rückerinnerungen an besonders treffende oder schöne Verse u. s. w. Alles dies wird bei unseren Silben vermieden. Unter vielen tausend Kombinationen begegnen kaum einige Dutzend, die einen Sinn ergeben, und unter diesen wiederum nur einige wenige, bei denen während des Lernens auch der Gedanke an diesen Sinn geweckt wurde.

Freilich darf man die Einfachheit und Gleichartigkeit des Materials nicht überschätzen; sie bleiben weit von dem entfernt, was man zu erreichen wünschen möchte. Das Lernen der Silben zieht immer noch drei Sinnesgebiete in Mitleidenschaft, das Auge, das Ohr und den Muskelsinn der Sprachorgane. Und wenn auch diese in wohlumschriebener und immer sehr ähnlicher Weise beteiligt werden, so wird man doch wegen ihrer zusammengesetzten Beteiligung auch eine gewisse Kompliziertheit der Resultate voraussehen müssen. Namentlich aber bleibt die Gleichartigkeit der Silbenreihen erheblich hinter dem zurück, was man in Betreff ihrer erwarten würde; sie zeigen sehr bedeutende und fast unverständliche Differenzen der Leichtigkeit und Schwierigkeit. Ja es scheint beinahe, als ob unter diesem Gesichtspunkt die Unterschiede zwischen sinnvollem und sinnlosem Material praktisch bei weitem nicht so groß seien, als man a priori geneigt ist, sich vorzustellen. Wenigstens fand ich bei dem Auswendiglernen einiger Cantos von Byrons Don Juan verhältnismäßig keine größere Streuung der Zahlen als bei Silbenreihen, auf deren Erlernen eine annähernd gleich lange Zeit verwendet worden war. Dort scheinen die vorhin angedeuteten zahllosen störenden Einflüsse sich doch bald zu einem gewissen mittleren Effekt zu kompensieren; während hier die Prädisposition für verschiedene Buchstaben- und Silbenkombinationen, durch den Einfluß der Muttersprache, eine sehr ungleichartige sein muß.

Unzweifelhafter sind die Vorzüge unseres Materials in zwei anderen Hinsichten. Einmal erlaubt es eine unerschöpfliche Fülle neuer Kombinationen von ganz gleichartigem Charakter, während verschiedene Gedichte, verschiedene Prosastücke immer etwas Unvergleichbares haben. Sodann gestattet es eine sichere und bequeme quantitative Variierung; wogegen ein Abbrechen vor dem Ende, ein Anfangen in der Mitte einer Strophe oder eines Satzes durch die verschiedenartigen Störungen des Sinnes, die es mit sich bringt, auch wieder zu neuen Komplikationen führt.

Zahlenreihen, die ich ebenfalls versuchte, schienen mir für größere Untersuchungen sich zu schnell zu erschöpfen wegen der geringeren Anzahl ihrer Grundelemente.

§ 13. Herstellung möglichst konstanter Versuchsumstände.

Für das Auswendiglernen waren folgende Bestimmungen getroffen:

l. Die einzelnen Reihen wurden immer vollständig von Anfang bis zu Ende durchgelesen; sie wurden nicht in einzelnen Teilen gelernt, die dann zusammengeschweißt worden wären; auch wurden nicht einzelne, besonders schwierige Stellen herausgegriffen und häufiger memoriert. Mit dem Durchlesen und den ab und zu notwendigen Versuchen des Auswendighersagens wurde zwanglos abgewechselt. Auch für die letzteren aber galt als Regel, dass bei einer eintretenden Stockung erst der Rest der Reihe zu Ende gelesen und dann auf ihren Anfang zurückgegriffen wurde.

2. Durchlesen und Hersagen geschahen stets mit gleichförmiger Geschwindigkeit, nämlich im Takt von 150 Schlägen auf die Minute. Zur Regelung derselben wurde ursprünglich ein entfernt aufgestelltes Metronom mit Schlagwerk benutzt; sehr bald aber, viel einfacher und weniger störend für die Aufmerksamkeit, das Ticken einer Taschenuhr. Die Echappementsvorrichtung der meisten Taschenuhren pendelt nämlich 300 mal in der Minute.

3. Da es fast unmöglich ist, andauernd ohne Unterschiede der Betonung zu sprechen, so wurden, damit diese Unterschiede stets dieselben seien, entweder je drei oder je vier Silben sozusagen zu einem Takt zusammengefaßt, und also entweder die 1ste, 4te, 7te, oder die 1ste, 5te, 9te u. s. w. Silbe mit einem mäßigen Iktus versehen. Sonstige Erhebungen der Stimme wurden möglichst vermieden.

4. Nach Erlernung jeder Einzelreihe wurde eine Pause von 15 Sekunden gemacht und zur Aufzeichnung des Resultats benutzt. Dann wurde unmittelbar zu einer folgenden Reihe desselben Versuchs fortgeschritten.

5. Soweit es anging, wurde während des Lernens stets die Absicht festgehalten, das erstrebte Ziel so schnell als möglich zu erreichen. Es wurde also, in dem begrenzten Maße, in dem der bewußte Wille hier von Einfluß ist, beständig versucht, die Aufmerksamkeit auf die ermüdende Arbeit und ihren Zweck möglichst konzentriert zu halten. Selbstverständlich wurde zur Ermöglichung dieser Absicht auf die gänzliche Fernhaltung äußerer Störungen Bedacht genommen; auch die geringeren Zerstreuungen, die durch Anstellung der Versuche in verschiedener Umgebung herbeigeführt werden, wurden tunlichst vermieden.

6. Es wurde niemals versucht, die sinnlosen Silben durch irgendwelche hineingedachte Beziehungen, z. B. nach den Regeln der Mnemotechniker, zu verbinden; das Lernen erfolgte rein durch die Einwirkung der bloßen Wiederholungen auf das natürliche Gedächtnis. Da ich nicht die mindeste praktische Kenntnis der mnemotechnischen Künste besitze, hatte die Erfüllung dieser Bedingung für mich keine Schwierigkeit.

7. Endlich und hauptsächlich wurde darauf geachtet, dass die äußeren Lebensumstände, während der Perioden der Versuche, wenigstens vor allzu großen Veränderungen und Unregelmäßigkeiten bewahrt blieben. Natürlich ist dies im Verlauf vieler Monate nur mit erheblichen Einschränkungen möglich. Allein es wurde dann wenigstens Sorge getragen, dass diejenigen Versuche, deren Resultate direkt mit einander verglichen werden sollten, unter möglichst gleichen Bedingungen der Lebensweise angestellt wurden. Namentlich war die den Versuchen unmittelbar vorausgehende Beschäftigung immer möglichst gleichartig. Da das geistige Leben des Menschen, nicht minder wie das körperliche, einer deutlich hervortretenden 24 stündigen Periodizität unterworfen ist, so wurde bestimmt, dass gleiche Versuchsumstände nur zu gleichen Tageszeiten vorausgesetzt werden sollten. Indes wurden, um einen Tag zu mehr als einem Versuche auszunutzen, gelegentlich verschiedene Untersuchungen zu verschiedenen Tageszeiten gleichzeitig betrieben. Bei allzu großen Änderungen des äußeren oder inneren Lebens wurden die Versuche vorübergehend ausgesetzt. Ihrer Wiederaufnahme gingen dann, verschieden je nach der Dauer der Unterbrechungen, einige Tage erneuter Einübung voraus.

§ 14. Fehlerquellen.

Der leitende Gesichtspunkt bei der Wahl des Materials sowie bei den Bestimmungen für seine Verwendung war, wie man erkennt, überall das Streben, die Bedingungen, unter denen die zu beobachtende Gedächtnistätigkeit ins Spiel trat, möglichst zu vereinfachen und möglichst konstant zu erhalten. Natürlich entfernt man sich, je besser dies gelingt, nur desto mehr von den komplizierten und wechselnden Verhältnissen, unter denen diese Tätigkeit im gewöhnlichen Leben funktioniert und für uns von Bedeutung ist. Aber das ist kein Einwand gegen die Notwendigkeit jenes Verfahrens. Der freie Fall, die reibungslosen Maschinen u. s. w., mit denen sich die Physik beschäftigt, sind auch im Vergleich mit dem, was im wirklichen Geschehen der Natur vorkommt und für uns wichtig ist, nur Abstraktionen. Ein annäherndes Verständnis des Komplizierten und Wirklichen ermöglichen wir uns fast nirgendwo direkt, sondern auf Umwegen, durch sukzessive Zusammensetzung von Erfahrungen, deren jede an künstlich zurechtgemachten und von der Natur selbstin dieser Weise selten oder nie erzeugten Fällen gewonnen wurde.

Einstweilen ist es nicht sowohl von Bedeutung, dass der Anschluß an die Betätigung des Gedächtnisses im gewöhnlichen Leben vorläufig verloren geht, sondern vielmehr umgekehrt, dass dieser Anschluß an die Verwickelungen und Schwankungen des Lebens notgedrungen immer noch ein zu enger ist. Jenes Streben nach möglichst einfachen und gleichartigen Bedingungen stößt natürlich in zahlreichen Punkten auf Schwierigkeiten, die in der Natur der Sache wurzeln und es vereiteln. Die unvermeidliche Ungleichartigkeit des Materials und die ebenso unvermeidlichen Unregelmäßigkeiten der äußeren Lebensbedingungen habe ich bereits berührt. Ich weise noch auf zwei andere solcher unumgänglichen Fehlerquellen hin.

Die Reihen werden durch die sukzessiven Wiederholungen sozusagen auf ein immer höheres Niveau gehoben. In dem Moment, wo sie zuerst hergesagt werden können, ist das erreichte Niveau, wie man annehmen sollte, allemal ein gleiches; und nur wenn das der Fall ist, wenn das charakteristische erstmalige Hersagen überall ein äußerlich gleiches Zeichen einer innerlich gleichen Festigkeit der Reihen ist, hat es ja für uns eigentlich einen Wert. Tatsächlich nun ist das doch nicht der Fall; die inneren Zustände verschiedener Reihen in dem Moment der erstmöglichen Reproduktion sind nicht immer dieselben, sondern höchstens kann man annehmen, dass sie bei verschiedenen Reihen immer um denselben Zustand innerer Festigkeit herum oszillieren. Man erkennt dies deutlich, wenn man nach Erreichung jenes ersten spontanen Hersagens mit dem Wiederholen und Lernen der Reihen weiter fortfährt. In der Regel bleibt dann die gewonnene Möglichkeit willkürlicher Reproduktion bestehen; in zahlreichen Fällen dagegen ist sie unmittelbar nach ihrem ersten Auftreten wieder verschwunden und wird erst durch mehrmaliges Wiederholen aufs neue erworben. Dies beweist, dass die Prädisposition für die Aufnahme der Reihen, abgesehen von ihren Unterschieden im großen, je nach den Tageszeiten, den äußeren und inneren Umständen u. s. w., kleinen, kurzdauernden Schwankungen unterliegt, mag man diese nun als Schwankungen der Aufmerksamkeit oder sonstwie bezeichnen. Nähert sich die Festigkeit des Gelernten dem gewünschten Punkt, und es tritt ein vorübergehender Moment besonderer Lucidität ein, so erhascht man die Reihe gewissermaßen im Fluge, oft zur eigenen Verwunderung, aber man kann sie nicht lange festhalten. Durch das Dazwischentreten eines Moments besonderer Schwerfälligkeit wird umgekehrt die fehlerlose Reproduktion eine Weile hinausgeschoben, obgleich man wohl fühlt, dass man die Reihe "eigentlich" beherrscht und sich ebenfalls wundert über die immer wieder auftretenden Stockungen. Im ersten Falle bleibt die Reihe trotz der Gleichheit des äußerlich Erscheinenden etwas unter dem Niveau der durchschnittlich hiermit verbundenen inneren Festigkeit, im zweiten geht sie etwas darüber hinaus, und man kann, wie gesagt, höchstens die plausible Vermutung aufstellen, dass diese Abweichungen sich bei größeren Gruppen von Reihen kompensieren werden.

Die andere Fehlerquelle kann ich nur als eine möglicherweise vorhandene, dann aber als eine sehr gefährliche bezeichnen. Das ist der geheime Einfluß von sich bildenden Theorien und Ansichten. Eine Untersuchung pflegt auszugehen von bestimmten Voraussetzungen in Betreff der Resultate. Ist das aber auch von vornherein nicht der Fall, so bilden sich diese allmählich, falls man gezwungen ist, alleine zu experimentieren. Denn es ist unmöglich, die Untersuchung längere Zeit fortzuführen, ohne von den Resultaten Kenntnis zu nehmen. Man muß wissen, ob die Fragestellung eine richtige war, oder ob sie vielleicht einer Ergänzung oder Korrektur bedarf; man muß die Schwankungen der Resultate kontrollieren, um die Einzelbeobachtungen so lange fortzusetzen, dass der Mittelwert die für den jeweiligen Zweck erforderliche Sicherheit erhält. Dabei ist es unvermeidlich, dass sich nun hinterher an der Anschauung der Zahlen Vermutungen entwickeln über die Gesetzmäßigkeit, die in ihnen verborgen sein könnte und – einstweilen noch unvollkommen – zur Erscheinung kommt. Bei der Fortsetzung der Untersuchungen bilden dann diese Vermutungen ebenso wie die anfänglich schon vorhandenen ein komplizierendes Moment, welches auf den ferneren Ausfall der Resultate wahrscheinlich einen gewissen Einfluß übt. Selbstverständlich meine ich keine irgendwie bewußte Beeinflussung, sondern ein ähnliches Geschehen, wie wenn man sich Mühe gibt, recht unbefangen zu sein oder sich eines Gedankens zu entschlagen und eben dadurch Gedanken und Befangenheit erst recht nährt. Man geht den Resultaten mit einer halbwegs antizipierenden Kenntnis, mit einer Art von Erwartung entgegen. Dadurch, dass man sich immer wieder sagt, dieselbe dürfe natürlich die Unbefangenheit der Untersuchung nicht alterieren, geschieht dies doch nicht ohne weiteres, vielmehr bleibt sie und spielt in der inneren Gesamtattitüde ihre Rolle. Jenachdem man merkt (und im allgemeinen merkt man dies ja während des Lernens), dass sie sich bestätigt oder nicht bestätigt, wird man, wenn auch in noch so geringem Grade, eine Art Vergnügen oder Überraschung empfinden. Und sollte nicht, trotz der größten Gewissenhaftigkeit, die Überraschung über besonders auffallende Abweichungen nach oben oder nach unten ganz unwillkürlich dahin führen, dass man sich dort etwas mehr zusammennimmt, hier etwas mehr gehen läßt, als ohne jede Kenntnis oder Voraussetzung von der präsumtiven Größe des Resultats geschehen wäre? Ich kann nicht behaupten, dass dies immer oder auch nur häufig der Fall sei, da es sich nicht um direkt zu Beobachtendes handelt, und da zahlreiche Resultate, bei denen man eine solche geheime Beugung der Wahrheit am ehesten erwarten sollte, eine evidente Unabhängigkeit zeigen. Ich muß nur sagen: nach unserer sonstigen Kenntnis von der menschlichen Natur müssen wir auf solche Machinationen, sozusagen, gefaßt sein, und bei Untersuchungen, bei denen die jeweilige innere Haltung von viel größerer Bedeutung ist, als z. B. bei Experimenten über Sinnesempfindungen, müssen wir ihren möglichen täuschenden Einfluß besonders aufmerksam im Auge behalten.

Man erkennt, wie sich dieser Einfluß im allgemeinen äußern würde. Bei mittleren Werten würde er auf die Beschneidung der Extreme hinzielen, bei solchen, bei denen man eine erhebliche Größe oder eine erhebliche Kleinheit voraussieht, auf eine weitere Erhöhung resp. Herabdrückung der Zahlen. Eine sichere Vermeidung des Einflusses ist nur da zu hoffen, wo die Versuche von zwei Personen gemeinsam angestellt werden, von denen eine für geraume Zeit das Lernen über sieh ergehen ließe, ohne nach Zweck und Resultaten desselben zu fragen. Anderenfalls kann man sich auf Umwegen, und dann vermutlich nur teilweise, helfen. Man kann die genauen Resultate, wie ich immer getan habe, wenigstens möglichst lange vor sich selbst verbergen; man kann die Untersuchung ausdehnen auf möglichst extreme Werte der Veränderlichen, sodass die eventuelle Beugung der Wahrheit immer schwieriger wird und relativ immer belangloser; und man kann endlich möglichst vielfache und für unsere Einsicht von einander unabhängige Fragen stellen, in der Erwartung, dass dadurch das wahre Verhalten des innerlich Zusammenhängenden sich doch schließlich Bahn brechen werde.

Wie weit nun bei den im folgenden mitgeteilten Resultaten die besprochene Fehlerquelle eine Trübung herbeigeführt hat, entzieht sich natürlich genauerer Schätzung. Die absolute Größe der Zahlen wird durch sie zweifellos vielfach tangiert sein, allein da die Absicht der Untersuchungen einstweilen nirgendwo auf die genaue Bestimmung absoluter Zahlen gerichtet sein konnte, sondern auf die Gewinnung komparativer (allerdings numerisch komparativer) und verhältnismäßig immer noch allgemeiner Resultate, so ist kein Grund zu allzu ängstlichem Mißtrauen gegeben. In einem wichtigen Falle (§ 38) konnte ich mich direkt vergewissern, dass durch Ausschluß jedes Wissens der Charakter der Resultate keine Veränderung erlitt; wo, in einem anderen Falle, ich selbst einen Zweifel nicht ausschließen konnte, habe ich ihn ausdrücklich hervorgehoben. Jedenfalls wird derjenige, der a priori geneigt ist, den unwillkürlichen Einfluß geheimer Wünsche auf die geistige Gesamthaltung sehr hoch zu veranschlagen, billigerweise auch berücksichtigen müssen, dass der geheime Wunsch, sachliche Wahrheiten zu finden und nicht mit unverhältnismäßiger Mühe Geschöpfe der eigenen Phantasie auf tönerne Füße zu setzen, in dem verwickelten Getriebe jener möglichen Beeinflussungen ebenfalls eine Stelle beanspruchen darf.

§ 15. Messung der gebrauchten Arbeit.

Die Anzahl der Wiederholungen, welche für das Auswendiglernen einer Reihe bis zur erstmöglichen Reproduktion erforderlich war, bestimmte ich ursprünglich nicht direkt durch Nachzählen derselben, sondern indirekt durch Messung der Zeit in Sekunden, welche für das Lernen gebraucht wurde. Ich wollte so die mit dem Nachzählen eventuell verbundene Zerstreuung vermeiden und konnte ja andrerseits voraussetzen, dass Proportionalität bestehen würde zwischen den Zeiten und der jedesmaligen Anzahl der in bestimmtem Rhythmus geschehenden Wiederholungen. Als eine ganz genaue kann man diese Proportionalität freilich von vornherein nicht erwarten, da bei der Messung der Zeit die Momente des Stockens und Besinnens mitgemessen werden, bei dem Zählen der Wiederholungen nicht. Schwierige Reihen, bei denen ja die Stockungen relativ häufiger sein werden, bekommen dadurch bei der Messung der Zeiten verhältnismäßig größere, leichte Reihen verhältnismäßig kleinere Zahlen als bei Bestimmung der Wiederholungen. Allein bei größeren Gruppen von Reihen darf man offenbar ein leidlich gleichartiges Vorkommen der schwierigen und leichten Reihen voraussetzen, sodass sich für jede Gruppe die Abweichungen von der Proportionalität in derselben Weise kompensieren würden.

Als für bestimmte Versuche das direkte Abzählen der Wiederholungen dennoch notwendig wurde, habe ich mich folgenden Verfahrens bedient. Kleine hölzerne Kugelkappen von ca. 14 mm Durchmesser und 4 mm größter Dicke, die in der Mitte durchbohrt waren (sogenannte Knopfformen), wurden auf eine so starke Schnur gezogen, dass sie sich an derselben noch bequem verschieben ließen, aber nicht von selbst hin- und hergleiten konnten. Jedes zehnte Holzstückchen war schwarz, die übrigen hatten ihre Naturfarbe. Während des Lernens wurde die Schnur in den Händen gehalten und bei jeder neuen Wiederholung ein Holzstückchen um einige Zentimeter von links nach rechts verschoben. Konnte die Reihe hergesagt werden, so genügte, bei der dekadischen Einteilung der Holzstückchen, ein Blick auf die Schnur, um die Anzahl der erforderlich gewesenen Wiederholungen zu erfassen. Die Manipulation erforderte so wenig Aufmerksamkeit, dass an den Mittelwerten der (immer gleichzeitig notierten) gebrauchten Zeiten keine Verlängerung gegen früher wahrzunehmen war.

Durch diese gleichzeitige Messung der Zeit und der Wiederholungen wurde beiläufig Gelegenheit gegeben, das, was über das Verhältnis der beiden zu einander vorauszusehen war und soeben angedeutet wurde, zu bestätigen und genauer zu präzisieren. Bei genauer Innehaltung des vorgeschriebenen Rhythmus von 150 Schlägen auf die Minute müßte auf jede Silbe eine Zeit von 0,4 Sekunden entfallen, und bei Unterbrechung des einfachen Lesens der Reihen durch Versuche, sie auswendig herzusagen, müßte diese Zeit wegen der unvermeidlichen Stockungen eine mäßige und durchschnittlich gleiche Verlängerung erfahren. Dies zeigte sich im allgemeinen aber nicht ganz genau bestätigt, vielmehr ergaben sich folgende Modifikationen.

Bei vorwiegendem Durchlesen der Reihen fand leicht ein gewisses Drängen, eine Beschleunigung des Rhythmus statt, die, ohne zum Bewußtsein zu kommen, doch im ganzen den Durchschnitt der auf jede Silbe fallenden Zeit noch unter den Normalwert 0,4 herabdrückte. Bei Abwechslung von Durchlesen und Hersagen dagegen war die eintretende Verlängerung nicht überall annähernd gleich, sondern bei größerer Länge der Reihen wesentlich größer. Es trat in diesem Falle, da die Schwierigkeit mit wachsender Länge sehr rasch zunimmt, wiederum unwillkürlich und direkt nicht bemerkbar, eine Verlangsamung des Tempos ein. Beides wird durch folgende Zusammenstellung einiger Zahlen illustriert.

 

Reihen von 16 Silben wurden vorwiegend gelesen Dabei entfiel auf jede Silbe durchschnittlich eine Zeit von Zahl der Reihen Zahl der Silben
8 mal 0,398 Sek. 60 960
16 " 0,399 " 108 1728

 

Reihen von x Silben wurden teils gelesen, teils versuchsweise hergesagt durchschnittlich ymal Dabei entfiel auf jede Silbe durchschnittlich eine Zeit von z Sekunden Zahl der Reihen Zahl der Silben
x = y = z =
12 18 0,416 68 756
16 31 0,427 252 4032
24 45 0,438 21 504
36 56 0,459 14 504
 

 

   

Sobald übrigens die Richtung dieser Abweichungen von genauer Proportionalität bemerkt wurde, trat bei dem Lernen eine gewisse bewußte Reaktion gegen sie ein.

Endlich zeigte sich noch, dass die wahrscheinlichen Fehler der Zeitbestimmungen verhältnismäßig etwas größer ausfielen als diejenigen der Wiederholungen. Dieses Verhalten ist wohl verständlich, wenn man sich des vorhin Auseinandergesetzten erinnert. Bei der Messung der Zeiten müssen die größeren Werte, die natürlich an den schwierigeren Reihen gewonnen wurden, relativ noch etwas größer ausfallen als bei Zählung der Wiederholungen, weil sie relativ am meisten durch Stockungen verlängert werden; die kleineren Zeiten umgekehrt werden relativ etwas kleiner sein als die kleineren Anzahlen von Wiederholungen, weil sie im allgemeinen den leichteren Reihen entsprechen werden. Die Streuung der Werte für die Zeiten ist also größer als die der Werte für die Wiederholungen.

Die Differenzen der beiden Bestimmungsweisen sind, wie man sieht, erheblich genug, um unter Umständen, bei sehr genauen Untersuchungen, zu verschiedenen Resultaten zu führen. Bei den bisher gewonnenen Ergebnissen ist das nicht der Fall; es ist also für das folgende einerlei, ob man sich an die Zahl der Sekunden oder die der Wiederholungen hält.

Welche Art des Messens die richtigere sei, d. h. ein adäquateres Maß der aufgewandten psychischen Arbeit, läßt sich a priori nicht ausmachen. Man kann sagen, die Einprägung finde lediglich durch die Wiederholungen statt; sie seien also das, worauf es ankomme; eine stockende Wiederholung sei ebenso gut wie eine glatt verlaufende nur eine einmalige Vorführung der Reihe, und beide müßten gleich gezählt werden. Allein andererseits kann man doch bezweifeln, dass die Momente des Besinnens reiner Verlust seien. Es findet in ihnen jedenfalls meist eine gewisse Energieentfaltung statt: einerseits eine sehr rapide nochmalige Zusammenfassung des unmittelbar Zurückliegenden, ein neuer Anlauf sozusagen, um über den Punkt des Anstoßes hinwegzukommen, andererseits eine erhöhte Anspannung der Aufmerksamkeit für das Folgende. Wenn hiermit, wie doch wahrscheinlich, eine festere Einprägung der Reihen an den betreffenden Stellen verbunden ist, so haben diese Momente auch Anspruch auf Berücksichtigung, die ihnen nur durch Messung der Zeiten zu teil wird.

Erst wenn einmal irgendwo eine erhebliche Verschiedenheit der durch die beiden Messungsweisen erhaltenen Resultate zu Tage tritt, wird man die eine Art vor der anderen bevorzugen können. Man wird dann diejenige wählen, welche die einfachere Formulierung der betreffenden Resultate gestattet.

§ 16. Perioden der Versuche.

Die Versuche sind in zwei Perioden, nämlich in den Jahren 1879/80 und 1883/84 angestellt worden und erstreckten sich jedesmal reichlich über ein Jahr. Den definitiven Versuchen der ersten Periode waren während geraumer Zeit tastende Versuche ähnlicher Art vorangegangen, sodass für alle mitgeteilten Resultate die Zeit der wachsenden Übung wesentlich als überwunden angesehen werden darf. Zu Beginn der zweiten Periode wurde auf eine erneute Einübung Bedacht genommen. Diese zeitliche Verteilung der Versuche, mit einer trennenden Zwischenzeit von über drei Jahren, gibt die erwünschte Möglichkeit einer gewissen gegenseitigen Kontrolle mancher Resultate. Freilich sind dieselben nicht vollkommen vergleichbar. Bei den Versuchen der ersten Periode war nämlich, um das oben (§ 14) erwähnte flüchtige Erhaschen der Reihen in Momenten besonderer Konzentration einzuschränken, die Bestimmung getroffen, dass die Reihen gelernt würden, bis zwei fehlerfreie Reproduktionen nach einander möglich seien. In der späteren Zeit habe ich diese Bestimmung, die ihren Zweck doch nur unvollkommen erreicht, wieder fallen gelassen und an der ersten glatten Reproduktion festgehalten. Durch die ältere Bestimmung wird offenbar in manchen Fällen ein etwas längeres Lernen bedingt. Außerdem bestand ein Unterschied der Tagesstunden für die Versuche. Die der späteren Periode fallen alle in die Nachmittagsstunden von 1–3 Uhr, die der früheren verteilen sich ungleich auf die Stunden 10–11 Vorm., 11–12 Vorm., 6–8 Nachm., die ich der Kürze halber gelegentlich mit A, B, C bezeichne.

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