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Über das Causalgesetz

Gustav Theodor Fechner: Über das Causalgesetz - Kapitel 1
Quellenangabe
titleÜber das Causalgesetz
typeessay
authorG. Th. Fechner
created19990719
sendergustav@rz.uni-leipzig.de
firstpub1821
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G. Th. Fechner

Über das Causalgesetz

Öffentliche Sitzung zur Feier von Leibnitzens Todestage

14. November 1849

Wir feiern heute abermals das Gedächtnis eines Mannes, der wohl wie keiner gewohnt und befähigt war, allgemein philosophische Interessen mit den Interessen exakter Forschung in Verbindung zu setzen und neue Wege für die Befriedigung beider zu eröffnen. Dies mag es rechtfertigen oder entschuldigen, wenn ich heute und an diesem Orte einen Gegenstand zu behandeln mir erlaube, der, eben im Sinne jenes gemeinschaftlichen Interesses, über den speziellen Kreis der Forschungen, welchen sich unsere Gesellschaft gesetzt hat, freilich von einer Seite hinausgreift. Es ist die Frage nach einem obersten Gesetz des Geschehens im Gebiete der Natur und des Geistes und hiermit einem obersten Regulator unserer Schlüsse im Gebiete der gesamten Erfahrung, die ich hier zu behandeln unternehme; eine Frage, die ihrem allgemeinen Gesichtspunkte nach in der Tat rein philosophischer Natur ist, aber zugleich die Interessen des exakten Forschers in tief eingreifendster Weise berührt, da dem, der überall erfahrungsmäßige Gesetze sucht, einerseits die Frage nach einem obersten allgemeinsten sich leicht von selbst aufdringt, andererseits vielseitig und oft vorwurfsvoll die Frage aufgedrungen wird, ob er nicht in einer alles, was geschieht und geschehen kann, zugleich umfassenden und bindenden Gesetzlichkeit zu viel sucht, mehr, als was er suchen sollte und finden kann. Dies bringt von selbst die Freiheitsfrage ins Spiel. Fürchten Sie aber nicht, daß ich die ganzen Weitläufigkeiten und Schwierigkeiten dieses so oft besprochenen und nie erledigten Gegenstandes hier von Neuem vor Ihnen entwickeln werde. Statt solche in den Gang der exakten Forschungen einführen zu wollen, ist es vielmehr ein Versuch, sie daraus zu eliminieren, mit dem ich wage, hier aufzutreten.

Unter Beschränkung der folgenden Betrachtungen auf die Gesetze, nach denen etwas wirklich geschieht, als welche nicht immer mit denen übereinkommen, nach denen etwas geschehen soll, lassen sich gar mancherlei Gesetze sowohl im Bereiche des materiellen als geistigen Geschehens unterscheiden; in jenem z. B. das der Gravitation, der magnetischen, elektrischen, chemischen Anziehung, des Beharrens, der Koexistenz kleiner Schwingungen usw.; in diesem das der Assoziation, der Gewöhnung, der Verknüpfung von Lust und Trieb usw. Viele besondere Gesetze können sich einem allgemeineren unterordnen; so alle besonderen Anziehungsgesetze dem allgemeineren, daß die Massen sich in der sie verbindenden geraden Linie nacheinander hin zu bewegen streben, und alle Anziehungs- und alle Abstoßungsgesetze zugleich dem allgemeineren Gesetze der Wechselwirkung, daß die Massen in der Richtung ihrer Verbindungslinie überhaupt mit gleichen Bewegungsquantitäten ihren Abstand zu ändern streben. Die Gesetze der Assoziation, der Gewöhnung usw. im geistigen Gebiete sind selbst schon allgemeine Gesetze, denen sich besondere Gesetze für besondere Verhältnisse unterordnen, und ihrerseits noch allgemeineren Gesetzen geistigen Geschehens unterzuordnen.

Leicht erhellt, daß die Verschiedenheit der Gesetze des Geschehens ebenso mit der Verschiedenheit der Umstände, für die sie gelten, als mit der Verschiedenheit der Erfolge, die durch sie bestimmt werden, zusammenhängt. Das Gravitationsgesetz ist verschieden von dem Kohäsionsgesetz, sofern jenes sich auf merkliche Entfernungen der Teilchen, dieses auf Berührungsnähe bezieht; das sind verschiedene Umstände, mit denen auch ein verschiedener Erfolg zusammenhängt; und das verschiedene Gesetz bestimmt eben den nach den verschiedenen Umständen verschiedenen Erfolg oder die Beziehung zwischen beiden. Entsprechend mit den Gesetzen im Geistigen. Allgemeinere Gesetze des Geschehens sind daher nicht nur solche, welche formell einen größeren Kreis von Gesetzen, sondern auch, weil dies damit zusammenhängt, solche, welche real einen größeren Kreis von Umständen und Erfolgen unter sich begreifen, zwischen denen sie die Beziehung festsetzen; und die Frage, ob es ein allgemeinstes Gesetz des Geschehens gibt, würde also hiermit von selbst zugleich die sein: gibt es ein Gesetz, welches alle möglichen Gesetze, und welches alle möglichen Umstände und alle möglichen Erfolge, welche im Gebiete des Geschehens vorkommen können, unter sich befaßt?

Werfen wir jetzt diese Frage auf.

Jedenfalls läßt sich ein solches Gesetz denken, und zwar ein solches, welches das materielle und das geistige Geschehen zugleich umfaßt; ja es läßt sich eben nur eins als das allgemeinst mögliche Gesetz denken, und zwar dieses: Daß überall und zu allen Zeiten, insoweit dieselben Umstände wiederkehren, auch derselbe Erfolg wiederkehrt; soweit nicht dieselben Umstände wiederkehren, auch nicht derselbe Erfolg wiederkehrt.

Es ist dies nämlich der sich von selbst verstehende Begriff eines formal und real allgemeinsten Gesetzes für das Geschehen. Denn wenn irgendwo und irgendwann einmal etwas unter denselben Umständen anders erfolgen könnte, als das andere Mal, so träte eben dieser Fall aus der allgemeinen Gesetzlichkeit, welche verlangt wird, heraus, und sie bestände nicht wirklich als solche. Wenn aber dieselbe Folge auch einmal andere Gründe als das andere Mal haben könnte, so bestände innerhalb dieser Möglichkeit Gesetzlosigkeit in umgekehrter Richtung, man könnte durch kein Gesetz mehr bestimmen, welcher der verschiedenen möglichen Gründe zu der gegebenen Folge stattfände.

Um keinen Zweifel über die Bedeutung der Ausdrücke zu lassen, verstehe ich ein- für allemal unter Umständen alle irgendwie angebbaren Bestimmungen der materiellen oder geistigen Existenz in Raum und Zeit; nur der absolute Ort im Raum und Zeitpunkt in der Zeit kann nicht als ein Umstand, eine Bestimmung der Existenz angesehen werden, da er seine Bestimmtheit erst durch das darin Existierende erhält. Der Gebrauch des Wortes Umstand erscheint insofern zweckmäßig, als in unserem Gesetze die Natur jedes Geschehens mit der Natur dessen, wovon es in Zeit und Raum umstanden wird, in Beziehung gesetzt wird. Insofern Umstände einen Erfolg im Sinne unseres Gesetzes mitführen, nennen wir sie Gründe des Erfolgs.

Durch seine unbeschränkte Allgemeinheit und begriffliche Selbstverständlichkeit zeigt sich unser Gesetz jedenfalls vorzüglich geeignet, eine prinzipielle Bedeutung anzunehmen. Zwar ließe sich auch von einem allgemeinsten Gesetze der Art sprechen, welches zwar alles Geschehen umfaßte, aber nicht nach allen Beziehungen umfaßte, indem es innerhalb seiner allgemeinen Bestimmtheit doch noch die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Erfolge und Gründe frei ließe. Indes würde ein solches Gesetz eben deshalb weniger allgemein und durchgreifend sein, als das vorige, sofern dem Griffe seiner Allgemeinheit das Besondere mehr oder weniger als gesetzlich unbestimmt entginge. Wenn sich nun doch manche im Freiheitsinteresse genötigt halten, eine derartige Unbestimmtheit des obersten Gesetzes wie der untergeordneten mindestens in gewissem Gebiete zu statuieren, so wird es dagegen selbst eine Aufgabe des Folgenden sein, zu zeigen, daß die vollständigste Bestimmtheit im Sinne unseres allgemeinen Gesetzes ganz ohne Eintrag für unser Freiheitsinteresse bestehen kann, indem die in diesem Interesse etwa zu fordernde Unbestimmtheit an einer anderen Stelle oder von einer anderen Seite des Gesetzes nur um so mächtiger hervorbricht.

Man könnte den Einwand erheben, unser Gesetz sei von vorn herein illusorisch, da für jedes Geschehen doch eigentlich die Totalität der Umstände in Zeit und Raum als bedingend in Betracht komme, mithin von einer Wiederholung derselben in Zeit und Raum als Gründen des Geschehens nicht die Rede sein könne. Dann könnte aber überhaupt von keinem Gesetze des Geschehens die Rede sein, da ein solches Wiederholung der Fälle und ihrer Umstände voraussetzt. Gesetz ist nur, was wiederholte Anwendung zuläßt. Bei jedem Gesetze des Geschehens müssen wir daher die Möglichkeit supponieren, von in Raum und Zeit ferner liegenden Gründen zu Gunsten der näheren oder um so mehr zu abstrahieren, je ferner sie liegen. Ob diese Supposition real zulässig, fällt mit der erfahrungsmäßigen Bewährung unseres Gesetzes selbst, auf die wir gleich zu sprechen kommen, zusammen, da nur mit Bezug auf diese Voraussetzung die Bewährung möglich ist und einen Sinn haben kann. Im Fall ihrer Triftigkeit aber läßt sich dann unter Anleitung unseres Gesetzes selbst auch der reine Erfolg für isoliert gedachte Umstände finden. Wir können zwei Weltkörper nicht wirklich von der Wirkung der übrigen Weltkörper abschneiden, aber finden, wie sie sich wirklich ohne diese Mitwirkung gegen einander benehmen würden, indem wir zusehen, was erfolgt, je mehr sie sich voneinander entfernen.

Die bloße Denkbarkeit unseres Gesetzes schließt aber noch nicht seine Realität oder wirkliche Gültigkeit ein, solange auch das Gegenteil denkbar. Und in der Tat hindert an sich nichts zu denken, daß zu verschiedenen Zeiten oder an verschiedenen Orten dieselben Umstände auch einen verschiedenen Erfolg mit sich führten, derselbe Erfolg auch von verschiedenen Umständen abhängen könnte; daß z. B. zwei Weltkörper von bestimmt gegebener Masse und Entfernung sich heute so und morgen so anzögen, oder hier anzögen, an einer anderen Stelle des Himmels abstießen; daß zwei Menschen oder derselbe Mensch unter ganz denselben äußeren und inneren Verhältnissen doch verschieden handeln könnte. Da nun die Denkbarkeit weder hier noch dort für die Realität entscheidet, gilt es, in der Erfahrung nachzusehen.

Nun ist zuzugestehen, daß ganz reine Erfahrungen sich nicht machen lassen, weil nach aller Beziehung genau weder dieselben Umstände noch Erfolge in irgendwelchem größeren oder kleineren räumlichen oder zeitlichen Umkreise wiederkehren; aber sie kehren vielfach angenähert wieder, und in der größten Verschiedenheit der Umstände lassen sich doch immer übereinstimmende Gesichtspunkte auffinden, wozu sich auch das Übereinstimmende in den Folgen aufsuchen läßt. Und so kann man sagen, daß, soweit die Erfahrungen zu schließen gestatten, wir jenes allgemeine Gesetz nur bestätigt finden können. So äußert sich im Gebiet des Körperlichen, soweit wir beobachten können, das Gravitationsgesetz unter denselben Umständen immer in derselben Weise hier und in Millionen Meilen von hier, jetzt, wie in aller Zeit, von der Beobachtungen in die unsere reichen. Ebenso mit jedem anderen Naturgesetz. Zwar mag es scheinen, daß, wenn auch dieselben Gründe immer dieselben Erfolge nachziehen, doch derselbe Erfolg von verschiedenerlei Gründen abhängen kann. Eine Saite kann z. B. denselben Ton geben, mag sie gestrichen, geschlagen, gezupft, überhaupt auf die verschiedenste Weise in Schwingung versetzt sein; allein stets werden wir dann finden, einmal, daß diese verschiedenen Gründe doch etwas Gemeinschaftliches haben, was das Gemeinschaftliche im Erfolge bedingt; zweitens, daß wir die von der Verschiedenheit der Gründe abhängige verschiedene Seite der Erfolge nur vernachlässigen. Wie denn in unserem Falle das denselben Ton mitführende Gemeinschaftliche die Schwingung einer immer in derselben Weise gespannten Saite ist, das Verschiedene im Erfolge aber, was wir vernachlässigen, darin liegt, daß eine gestrichene und eine gezupfte Saite ihre Schwingung doch in sehr verschiedener Weise ausführen und die Luft in verschiedener Weise anstoßen. Um nicht weitläufig zu werden, berücksichtigen wir diese zweite Seite des Gesetzes überhaupt künftig nur auf besondere Veranlassung, da sich die Betrachtungen, die für die erste Seite gelten, immer leicht darauf ausdehnen oder übertragen lassen und entsprechende Tatsachen dafür zu Gebote stehen.

Unser allgemeinstes Gesetz faßt Organisches und Unorganisches in gleicher Weise und Weite, ein Umstand, der wohl beitragen kann, seinem Ausspruch zugleich Sicherheit und Wichtigkeit zu verleihen, da sich hiermit der eben so verwirrende als verwirrte Streit, inwiefern die Gesetze des Unorganischen auf das Organische übertragbar sind, das Organische nach den Gesetzen des Unorganischen betrachtet werden dürfe, auf die einfachste Weise klärt und, wenn nicht für die Bedürfnisse des Philosophen, doch des exakten Forschers, der ein leitendes Prinzip für seine Untersuchungen verlangt, erledigt. Es ist in der Tat nur ein besonderer, obwohl sehr allgemeiner Fall unseres allgemeinsten Gesetzes, den ich in dem Satz ausspreche, daß, insoweit im Organischen dieselben Umstände wiederkehren als im Unorganischen, auch dieselben Erfolge wiederkehren, insoweit nicht dieselben Umstände, auch nicht dieselben Erfolge. Die Erfahrung aber bestätigt diesen Satz, so weit sie immer vorliegt, und hiermit zugleich unser Gesetz selbst durch einen seiner allgemeinsten Fälle.

So wirkt das Auge optisch nach den Gesetzen der camera obscura, weil und so weit die Umstände seiner Einrichtung die einer camera obscura sind; das Stimmorgan gibt Töne nach den Gesetzen der Blasinstrumente und schwingenden Bänder, weil und soweit die Umstände seiner Einrichtung dieselben sind; das Herz wirkt wie ein Druckwerk, weil und insoweit es als solches eingerichtet ist; die Gliedmaßen wirken wie Hebel und Pendel, weil und insoweit sie als solche eingerichtet sind, und so in allen Fällen. Dagegen erzeugt der organische Leib Stoffe, die in keiner Retorte und keinem Tiegel erzeugt werden können, weil der Leib ganz anders eingerichtet ist als diese; im Nervensystem gehen Vorgänge vonstatten, wie sie sonst nirgends vorgehen, weil sonst nirgends äquivalente Einrichtungen da sind. Nun läßt sich streiten, ob solche Unterschiede der Einrichtung in einem Wesensunterschiede des Organischen und Unorganischen begründet liegen, oder auf welche letzten Gründe sie selbst zurückführbar sind. Aber der exakte Forscher, wie sehr ihn auch dieser Streit im philosophischen Interesse kümmern mag, kann doch an der Hand unseres Gesetzes der Rücksichtnahme auf diesen Streit im Gange seiner Forschung selbst völlig entbehren. Er darf jedenfalls das Organische nach den im Unorganischen gültig gefundenen Regeln betrachten und behandeln, soweit er entsprechende, oder nach Regeln, die sich im Sinne unseres Gesetzes bewähren, darauf zurückführbare Umstände darin wiederfindet, wie die angeführten Beispiele selbst beweisen; er muß für neue, nicht so darauf reduzierbare Umstände ebensogut neue Regeln suchen, als wenn ihm neue, auf Früheres nicht zurückführbare Umstände im Unorganischen selbst begegnen, und muß dann ferner suchen, die neuen Regeln mit den alten so viel möglich unter allgemeinere Regeln zu vereinigen; nicht anders, als er schon im Gebiete des Unorganischen für sich zu tun gewohnt gewesen.

Die Unterscheidung des Organischen von dem Unorganischen, die Überhebung, wenn man will, des ersteren über das letztere, bedeutet sonach nichts mehr vor der Instanz unseres allgemeinsten Gesetzes, das selbst noch über diese Unterscheidung hinweggreift und sich über diese Überhebung erhebt. Der Charakter des Organischen kann besondere Erfolge nur nach Maßgabe bedingen, als er auch besondere Umstände oder Mittel mitführt, sie zu bedingen; und das tut er freilich vielfach und liegt selbst in seinem Begriffe. Aber nicht in jeder Beziehung tut er es, und soweit es nicht der Fall, kann er auch keine neuen Erfolge gegen das Unorganische bedingen. Aber die andere Seite der Sache ist ebenso gewiß; insoweit es der Fall, muß er auch neue Folgen bedingen; und die Erforschung der neuen Gesetze für diese neuen Umstände wird also hiermit nicht abgeschnitten, sondern gefordert. Es gilt nur, diese neuen Gesetze auch wirklich wieder mit den neuen Umständen in Beziehung zu setzen, nicht, wie so häufig, durch den allgemeinen Begriff des Organischen die Frage nach dieser Beziehung überhaupt für beseitigt zu halten.

Man versucht vielleicht, dem Naturforscher dies leitende Prinzip durch folgenden Einwand zu verkümmern: es lasse sich zwischen Organischem und Unorganischem wohl die Gleichheit der materiellen Umstände beobachten; aber im Organischen wirke auch ein ideelles Prinzip, nenne man es nun Seele, Lebensprinzip, Zweckprinzip, mit; das nicht in die Beobachtung des Naturforschers falle und doch die Erfolge mit beteilige; die Umstände könnten also im Organischen und Unorganischen wohl äußerlich gleich scheinen, aber in Rücksicht auf den zutretenden ideellen Faktor nicht wirklich gleich sein. Hiermit werde die Übertragung von Regeln aus dem Unorganischen ins Organische nach beobachteter scheinbarer Gleichheit der Umstände in jedem Falle unstatthaft. Aber Erfahrungen der obgenannten Art zeigen doch jedenfalls, daß, wie es sich auch mit dem Unterschiede des Ideellen zwischen beiden Gebieten verhalte, soweit nur die materiellen Umstände in beiden dieselben sind, auch die materiellen Erfolge dieselben in beiden bleiben, so daß jener voraussetzliche Unterschied des Ideellen zwischen beiden Gebieten die Schlüsse in nichts ändern kann, die in Betreff materieller Erfolge aus der Gleichheit oder Ungleichheit der materiellen Umstände gezogen werden können. Der Grund, daß dies sich so verhält, kann eine verschiedene philosophische Deutung finden. Man kann z. B. die Ansicht aufstellen, daß, insoweit die materiellen Umstände in beiden Gebieten koinzidieren, auch die ideellen es tun, da man ja doch eine allgemeine Beziehung der ganzen, das Organische und Unorganische zusammen einschließenden Natur zu Ideen und dem göttlichen Geist anerkennt; daß man aber, insoweit es sich um bloße Verfolgung der materiellen Erfolge handle, im organischen und unorganischen Gebiete in gleicher Weise von dem ideellen Faktor abstrahieren könne, der dafür in Betreff der ideellen Erfolge in beiden in Betracht zu ziehen.

So nimmt man wirklich überall nicht darauf Rücksicht, daß ein Gott in der Natur waltet, wenn es sich nur um naturwissenschaftliche Verfolgung der materiellen Seite der Natur handelt, ungeachtet man doch sein Dasein so wenig wird leugnen wollen, als das Dasein der Seele in unserem Leibe, während man freilich nicht ebenso von Gott und unserer Seele abstrahieren könnte, wenn es sich um Verfolgung der ideellen Seite der Existenz handelt. Dies heißt noch nicht, das Geistige bezugslos zum Materiellen setzen, sondern das Materielle als äußeren Ausdruck des Geistigen einer anderen Betrachtungsweise aufheben. Man mag bezweifeln, ob diese Ansicht genügend oder vollständig durchführbar sei, es würde großer Zurüstung bedürfen und nicht hierher gehören, sie gegen alle Einwürfe rechtfertigen zu wollen, man mag eine beliebige andere Ansicht dagegen setzen; aber den exakten Forscher der Natur hat dieser Streit nicht zu kümmern, soweit es ihm bloß um den sicheren Gang seiner Forschung zu tun ist; das Faktum bleibt für ihn immer bestehend und stellt ihm seinen Gesichtspunkt: soweit im Organischen die materiellen Umstände dieselben oder nicht dieselben sind, als im Unorganischen, sind auch die materiellen Erfolge dieselben oder nicht dieselben und Regeln aus dem einen Gebiete in das andere übertragbar oder nicht übertragbar. Hätte man diesen einfachen Gesichtspunkt immer einfach festgehalten, so würde man wohl manchen unnützen Streit an Orten erspart haben, wohin er nicht gehört, und über Gegenstände, die er nicht berühren sollte.

Das geistige Gebiet anlangend, was jedoch nie ohne materielle oder leibliche Mitgabe existiert, die daher auch immer Mitrücksicht erfordert, so finden wir auch hier, daß nach Maßgabe als die Menschen sich in der Art ihrer vorhandenen geistigen Konstitution mehr gleichen und ähnlichen sonstigen Umständen unterliegen, auch ihr Benehmen ähnlicher wird, so daß wenigstens in der Erfahrung kein Grund liegt zu zweifeln, daß zwei innerlich, geistig und leiblich, ganz gleich konstituierte Menschen unter ganz gleichen äußeren Anlässen sich auch immer ganz gleich benehmen würden. Was gewisse Freiheitstheorien gegen diesen in gewisser Weise doch selbstverständlich erscheinenden Satz einzuwenden finden könnten, berührt uns hier noch nicht, wo wir erst auf den erfahrungsmäßigen Gesichtspunkt achten. Dagegen wendet man vielleicht ein, daß er müßig sei, weil eine absolute Gleichheit aller inneren und äußeren Umstände für zwei Menschen doch überhaupt nicht vorkommt und unstreitig der Natur der Sache nach nicht vorkommen kann; Gleichheit findet immer nur nach gewissen Beziehungen statt. Aber da es größere oder geringere Annäherungen an diesen Fall gibt, so ist immerhin nötig, ihn als idealen Grenzfall vor Augen zu stellen; und daß er sich nie vollständig verwirklicht, wird selbst die Basis weiterer Betrachtungen werden, wodurch wir dem Interesse indeterministischer Freiheit nicht trotz unseres Gesetzes, sondern vermöge desselben zu genügen versuchen.

Was die Beispiele anlangt, durch welche man die Annahme einer nur halb durchgreifenden Gesetzlichkeit im Gebiete des Geschehens zu rechtfertigen sucht, um dem Freiheitsinteresse vielmehr auf Kosten unseres Gesetzes zu genügen, so können sie näher betrachtet diesem Zwecke nur schlecht dienen. Die bürgerlichen oder Staatsgesetze z. B. umschreiben das Handeln freilich nur in allgemeiner Weise und lassen doch noch innerhalb dieser allgemeinen Bestimmtheit eine Menge Möglichkeiten des Handelns frei, die sie nicht bestimmen, zwischen denen sie nicht entscheiden. Ebenso, sagt man, könnte es mit den Gesetzen des Geschehens überhaupt sein. Aber in der Tat kann es nicht ebenso damit sein, weil jene Gesetze des Handelns nur einen kleinen Teil der Gesetze, nach welchen etwas geschieht und geschehen soll, bilden; das Handeln wird doch nicht bloß von bürgerlichen Gesetzen bestimmt, es gibt auch moralische, psychologische und Naturgesetze, welche es mitbestimmen, ja viel mehr bestimmen, als die bürgerlichen, welche ohne solche gar nicht befolgt werden würden. Und so wird sich in allen Fällen finden, daß, wo gewisse Gesetze im Gebiete des Geschehens nicht durchgreifen, noch andere Gesetze da sind, durch welche man die Bestimmtheit im Sinne unseres allgemeinen Gesetzes als vollendet ansehen kann, welcher Sinn doch bemerktermaßen noch eine Unbestimmtheit übrigläßt, auf die wir bald zu sprechen kommen.

Knüpfen wir nun einige allgemeinere Betrachtungen an unser Gesetz.

1) Durch dasselbe ist ein Bezug gesetzt zwischen dem, was in allem Raum und aller Zeit geschieht, den wir als einen Identitätsbezug fassen können. Denn wenn beispielsweise zwei Weltkörper Millionen Meilen von hier sich nach demselben Gesetze anziehen als hier, und nach Millionen Jahren desgleichen, so besteht eben hiermit etwas Identisches zwischen hier und jetzt und jenen fernen Räumen und Zeiten. Es ist hiermit etwas Einiges, Ewiges, Allgegenwärtiges, Allwaltendes, Herrschendes, die ganze Welt der Natur und des Geistes Bindendes anerkannt, und schon die Betrachtung dieses Einigen, Ewigen, Allgegenwärtigen, Allwaltenden, Herrschenden auf der Seite der bloßen Natur kann uns auf das Dasein eines entsprechenden Geistigen hinweisen, insofern wir nämlich überhaupt in der Natur den Ausdruck eines geistigen Waltens anzuerkennen geneigt sind. Es leuchtet ein, welche Bedeutung dieser Gesichtspunkt ebenso in religiöser als naturphilosophischer Beziehung gewinnen kann; doch liegt uns die Verfolgung dieses Gesichtspunktes hier nicht weiter ob.

2) Sofern von verschiedenen Umständen immer verschiedene Erfolge abhängen, liegt in dieser Seite unseres obersten Gesetzes das allgemeine Prinzip für seine Besonderung, und, sofern man Kräfte als Vermittler der Erfolge statuiert, zugleich das Prinzip für die Besonderung der Kräfte, als welche nur durch ihr Gesetz charakterisiert werden können. Da nämlich jeder besondere Umstand oder Komplex von Umständen bei Wiederholung immer denselben besonderen Erfolg oder Komplex von Erfolgen mit sich führt, kann man dafür auch immer ein besonderes Gesetz und eine besondere, diese Art des Erfolgs vermittelnde Kraft aufstellen. Auf solche Art lassen sich Gesetze und Kräfte bis ins Einzelnste spezialisieren, und in der Tat hat nie eine Grenze in dieser Beziehung stattgefunden. Sofern aber die verschiedenen besonderen Umstände in Kontinuität zusammenhängen oder sich allgemeineren unterordnen, gilt es auch von den verschiedenen Gesetzen und Kräften. Gewöhnlich unterscheiden wir nur die besondersten Gesetze nicht besonders und kennen die allgemeinsten nicht hinlänglich, um davon zu sprechen oder sie in die Betrachtung einzuführen. Wir unterscheiden z. B. nicht die Gesetze der Anziehung für jeden anderen Abstand und jedes andere Verhältnis der Massen, sondern betrachten sie nur vereinigt unter dem allgemeinen Gesetze der Gravitation; wir kennen die allgemeinen Gesetze nicht hinreichend, unter denen sich die Erscheinungen des Lichts und Magnetismus vereinigen, und betrachten diese Erscheinungen demnach nur unter den besonders dafür geltenden Gesetzen.

Natürlich kann mit dieser Auffassung die nicht seltene Vorstellung nicht bestehen, als seien die verschiedenen Kräfte selbständig existierende, real von einander abgesonderte Wesen, welche die Erfolge zu beherrschen vermögen, ohne selbst von ihnen beherrscht zu werden. Vielmehr, wie sich die Umstände ändern, unter denen die Kräfte wirken, ändern sich die Kräfte zwar nicht begrifflich, aber real, indem sie dabei nur immer unter dem allgemeinen Gesetze begriffen bleiben, welches die Umstände vor und nach der Wandlung und hiermit die der Wandlung selbst umfaßt. So kann sich Gravitation durch ihre eigene Wirkung in Kohäsion verwandeln, indem sie die Teilchen aus merklicher Entfernung zur Berührungsnähe bringt; doch faßt ein allgemeineres Gesetz Gravitation und Kohäsion als besondere Fälle unter sich, indem es für alle möglichen Grade der Entfernung und Nähe den Erfolg bestimmt, mithin auch für den Übergang aus merklichen Entfernungen in Berührungsnähe.

Wenn Stoffe, die in der Außenwelt noch eben den unorganischen Kräften, weil unorganischen Verhältnissen, unterlagen, in den Organismus eintreten, so geht nicht ein neues fremdartiges Kraftwesen darauf über, welches die neuen Erfolge, die sich daran zeigen, bedingte, sondern die organischen und unorganischen Anordnungen sind selbst beides nur besondere Fälle der allgemein möglichen materiellen Anordnungen, wofür auch allgemeine Gesetze gelten müssen, in denen es begründet liegt, wie sich die Erscheinungen ändern, wenn Stoffe aus den einen in die anderen Anordnungen eintreten. Die Bildung des Kristalls in der Salzlauge und die Bildung des Hühnchens im Ei gehen unter dem Einfluß sehr verschiedener Kräfte vonstatten, aber dies hindert nicht, daß es ein Gesetz gebe, welches bestimmt, wie nach den verschiedenen materiellen Umständen, welche in der Salzlauge und welche in dem bebrüteten Ei obwalten, auch die materiellen Bildungserfolge in beiden verschieden ausfallen müssen; welches allgemeinere Gesetz eine allgemeinere materielle Bildungskraft charakterisiert, wovon die organische und unorganische nur besondere Fälle sind.

Auf solche Weise fallen überhaupt alle Scheidewände, die man so gern zwischen verschiedenen Kräften zu setzen pflegt, ohne daß doch die Unterscheidungen dazwischen fallen, die man vielmehr beliebig noch weiter treiben kann, als man gewohnt ist, es zu tun.

3) Die Erfahrungsschlüsse, Induktion und Analogie, gewinnen unter Anerkennung unseres Gesetzes eine Verallgemeinerung und prinzipielle Bestimmtheit und Sicherheit, worin sie gewöhnlich nicht gefaßt werden.

Für Induktion hält man im Allgemeinen das Fußen auf wiederholten Erfahrungen nötig. Nach unserem Gesetze aber reicht an sich eine einzige Erfahrung vollkommen aus, die Wiederkehr eines Erfolgs unter denselben Umständen für alle Zeit zu verbürgen und ein sicheres Gesetz darauf zu gründen, und die Wiederholung der Erfahrung ist nur nötig, teils für die Unsicherheit und Zerstreutheit unserer sinnlichen Auffassung Abhilfe zu gewähren, teils aus den einzelnen Fällen allgemeinere Gesetze zu abstrahieren. Die Analogie anlangend, so schließt man gewöhnlich unbestimmt: Ähnliche Gründe werden ähnliche Erfolge geben; aber es fragt sich: In wie weit ähnliche? Nach unserem Gesetze wird man vollkommen bestimmt schließen: Insoweit sich die Gründe gleichen, werden sich die Erfolge gleichen; insoweit sich die Gründe nicht gleichen, werden sich auch die Erfolge nicht gleichen. Hierdurch wird das Ungleiche der Fälle dem Schluß eben so dienstbar gemacht, als das Gleiche. Die meisten Erfahrungsfehlschlüsse beruhen auf einem Mangel an konsequenter Sonderung und Festhaltung dieses doppelten Gesichtspunktes, und die Häufigkeit solcher Fehlschlüsse ist Grund gewesen, daß man den Erfahrungsschlüssen gewöhnlich überhaupt nur eine prekäre Sicherheit den sogenannten Vernunftschlüssen gegenüber beilegt, die auf dem Satz des Widerspruchs ruhen. Inzwischen haben die Erfahrungsschlüsse prinzipiell eine Sicherheit, welche der unseres obersten Gesetzes selbst gleich kommt, das für das reale Gebiet eine analoge Bedeutung hat, als der Satz des Widerspruchs für das begriffliche; sofern das reale Gebiet so wenig als das Vernunftgebiet einen Widerspruch mit dem einmal Gesetzten duldet; nur daß freilich unser Gesetz als ein Gesetz für die Erfahrung auch seine allgemeinste Bewährung prinzipiell nur in der allgemeinsten Erfahrung suchen kann. Fehler in Anwendung der Erfahrungsschlüsse können natürlich dem Prinzip derselben so wenig zugerechnet werden, als logische Fehler dem der Vernunftschlüsse.

Bemerken wir nun noch, daß Vernunftschlüsse ohne Zuziehung von Erfahrungsschlüssen, anstatt für die Wirklichkeit irgendwie Gültigkeit zu haben, überhaupt nichts dafür bedeuten können. Denn ich kann zwar schließen: Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, also ist Cajus sterblich; daß aber alle Menschen sterblich sind, ist selbst erst eine Sache der Induktion und Analogie, ohne welche der ganze Schluß ins Leere gebaut wäre. Hiernach kann man behaupten, daß jede Sicherheit des Schlusses auf dem Gebiet des Wirklichen von der Sicherheit und sicheren Anwendung unseres allgemeinsten Gesetzes abhängt.

4) Sofern unser Gesetz gilt, können wir eine vollkommen unverbrüchliche Gesetzmäßigkeit durch die ganze Natur- und Geisterwelt herrschend annehmen, wie dies ebenso im Interesse unserer theoretischen Forschung, als einem richtig verstandenen praktischen Interesse ist, dessen ungeachtet aber, und hiermit kommen wir auf einen Hauptgegenstand unserer Betrachtung, jede Freiheit oder Indetermination damit verträglich finden, die anzunehmen uns irgendein Interesse veranlassen kann. Der Streit zwischen Determinismus und Indeterminismus bleibt auch hier noch offen, aber er läßt sich bis zu einer tieferen Wurzel zurückführen, wo er, wenn man ihn noch fortsetzen will, mehr ein Wortstreit als ein Streit um die Sache erscheint.

Von vornherein erhellt leicht, daß unser Gesetz trotzdem, daß es bindend für allen Raum und alle Zeit, für alle Materie und allen Geist wäre, doch seinem Wesen nach eine Indetermination noch übrigläßt, ja die größte, die sich denken läßt. Denn es sagt wohl, daß insofern dieselben Umstände wiederkehren, auch derselbe Erfolg wiederkehren müsse, sofern nicht, nicht; aber es liegt nichts in seinem Ausdrucke, was die Art des ersten Erfolgs selbst an irgendwelchem Orte für irgendwelche Umstände, noch die Art des Eintritts der ersten Umstände selbst irgendwie bestimmte. In diesem Bezug läßt es alles frei, und dächten wir uns ein höchstes Wesen, die Welt nach unserem Gesetze schaffend und ordnend, so würde es anfangs danach alles schaffen und ordnen können, wie es wollte, ohne durch irgend etwas gebunden zu sein, ja es fände in dem Gesetze anfangs gar keinen Anhalt, wonach es sich richten könnte; es bliebe rein an seinen indeterminierten Willen gewiesen. Nur was es einmal gesetzt hätte, wäre bindend für alle Folge. Es schüfe vor allen Dingen die Gesetze aller Dinge mit Freiheit. Unser oberstes Gesetz selbst könnte man sich mit Freiheit geschaffen denken, denn es liegt in seinem Begriffe nichts, was uns auch seine Realität verbürgte. Indes ist nicht nötig, auf den Anfang der Dinge zurückzugehen oder zu provozieren, um noch jetzt so viel Indetermination in der Welt mit unserem Gesetze verträglich zu finden, als man im Freiheitsinteresse nötig halten mag. In der Tat werden nach unserem Gesetz auch jetzt die kommenden Erfolge doch nur nach Maßgabe durch die bisherigen Umstände vorbedingt und vorbestimmt sein, als diese Umstände selbst Wiederholungen von alten Umständen sind. Das sind sie aber nie vollständig. Jeder andere Raum und jede andere Zeit führt immer von Neuem neue Umstände oder neue Abänderungen der alten Umstände mit sich, die also auch immer von Neuem neue oder abgeänderte Folgen fordern, welche durch die Gesetze, die sich auf das anderswo und früher Dagewesene gründen, nicht vorausbestimmt noch vorausbestimmbar sind, oder es nur so weit sind, als noch im Neuen das Alte sich forterhält; aber es erhält sich eben nie ganz fort. Die Welt ist eine von Ort zu Ort sich ändernde und in der Zeit kontinuierlich sich entwickelnde. Man betrachte nur z.B. die Ausbildung der Erde von ihrer ersten Zeit an durch die verschiedenen Schöpfungen organischer Reiche, des Menschen und die fortschreitende Entwicklung des Menschen selbst hindurch. An diesen Umstand kann der Indeterminist seine ganze Freiheitslehre knüpfen, ohne deshalb der durchgreifendsten Gesetzlichkeit der Natur und des Geistes irgendwie Abbruch zu tun.

Er kann z. B. sagen – ich lasse ihn sprechen, ohne damit noch meine eigentliche Meinung vollkommen auszusprechen: Die Menschen wurden zuerst durch einen göttlichen Freiheitsakt geschaffen, der, ohne selbst durch Vorheriges hinlänglich determiniert zu sein, nun aber für alle Folge determinierend wirkt. Denn da die Umstände der Menschenschöpfung das erste Mal eintraten, war noch kein Präjudiz für die Entstehung der Menschen aus diesen neuen Umständen da; dies trat erst mit ihrer Schöpfung ein. Unter denselben Umständen würden nun künftig wieder Menschen entstehen müssen , aber das Gesetz dazu ist eben erst mit ihrer ersten Schöpfung gegeben und wird nun so lange bestehen, als die Welt besteht. Aus allem Vorhergegangenen läßt sich die erste Entstehung der Menschen nicht als eine notwendige hinlänglich erklären, noch war sie früher wirklich notwendig; denn mit den neuen Umständen kam wirklich erst der neue Grund des Geschehens auf eine durch nichts Vorgängiges bedingte Weise in die Welt.

Auch die menschliche Freiheit wäre so zu fassen. Jedes frühere geistige Geschehen wirkt regelgebend für das spätere, und so determiniert sich der menschliche Charakter im Laufe des Lebens immer mehr, sofern in gewisser Beziehung immer die alten Umstände wiederkehren; aber in gewisser Beziehung geht doch das Neue immer über das Alte hinaus, die alten Verhältnisse wiederholen sich nie vollständig und so hört die Freiheit, sich noch künftig so oder so zu determinieren, nie völlig auf. In dem immer neu Eintretenden liegen immer neue Gründe indeterministischer Freiheit. Die Erfahrungen lassen sich auf diese Weise sehr wohl repräsentieren. Der Charakter des Menschen formiert sich wirklich mit der Zeit immer mehr und fester, in Folge und nach Maßgabe seiner bisherigen Erziehung und Handlungsweise; man kann hiernach mehr oder weniger berechnen, wie er sich künftig unter vorkommenden Umständen benehmen wird, mehr oder weniger nur deshalb, weil die künftigen inneren und äußeren Umstände selbst immer nur mehr oder weniger, nie ganz den bisherigen ähnlich sind, überdies namentlich die inneren Umstände uns oft sehr wenig bekannt sind. Was aber ganz neue innerliche oder äußerliche Umstände aus dem Menschen machen können, ist nie zu berechnen. Auch wird von den meisten Anhängern indeterministischer Freiheit die Festsetzung eines Charakters ohne Aufgeben der Freiheit, ja durch die Freiheit selbst, in ähnlicher Weise, als hier von uns, wenn auch nicht erklärt, doch geschildert. Da jeder neue Mensch schon die ganze bisherige Entwicklungsgeschichte der Menschheit hinter sich hat, ist er freilich auch ihrer ganzen schon entwickelten Gesetzlichkeit untertan; aber er kann doch immer selbst neue Momente zur Fortentwicklung derselben mit Freiheit beitragen, die maßgebend werden für die Zukunft. Auch läßt sich aus allgemeinen Gesichtspunkten als die Bestimmung des Einzelnen ansehen, nicht sowohl das von der Menschheit schon Gewonnene wieder aufzulösen, als es fortzubilden.

Mit dieser Betrachtungsweise kann sich auch jede exakte Forschung insofern befriedigt halten, als dem Prinzip derselben dadurch kein Abbruch geschieht und ihr keine neuen Schranken dadurch gesetzt werden. Denn faktisch ist dies von jeher ihr Prinzip gewesen, Regeln nicht vor dem Gegebenen zu machen, sondern aus dem Gegebenen zu suchen, und nach Maßgabe, als die Welt fortschreitet und ganz neue Verhältnisse eintreten; wird sie auch immer neue Regeln aufsuchen müssen; die alten reichen immer nur hin, einen Teil des Neuen zu erklären, so weit das Alte noch darin eingeht.

Inzwischen kann der Determinist die Sache doch auch anders fassen. Er kann darauf aufmerksam machen, daß jedenfalls vieles von dem, was wir neue Umstände zu nennen geneigt sind, nur eine derartige Abänderung oder Kombination alter Umstände ist, daß die neuen Erfolge als besondere Fälle unter schon gewonnene alte Regeln treten; der Erfolg einer Neuerung lasse sich oft nach einer durch alte Gesetze gedeckten Proportionalität oder Zusammensetzung oder allgemeiner als Funktion des früher Dagewesenen berechnen. Und die Möglichkeit hiervon liege in der Allgemeinheit unseres Gesetzes selbst begründet. Denn vermöge derselben werde es nicht bloß für das Einzelne, sondern auch das Allgemeine der Fälle zu gelten haben, und sofern in gewissem Raume, in gewisser Zeit sich eine gewisse Regel der Proportionalität oder Zusammensetzung gültig erweise, fordere die volle Allgemeinheit des Gesetzes, daß sie für alle Zeiten und alle Räume ferner gültig bleibe.

So kehrt unser Planetensystem in Betreff der Anordnung seiner Massen in Ewigkeit nie wieder ganz in die Verfassung zurück, die es in irgendeinem Momente gehabt; aber dessenungeachtet ist alle Bewegung desselben in Ewigkeit völlig determiniert nach Regeln, welche sich ganz auf schon Dagewesenes gründen. Zuletzt reduzieren sich alle Umstände, auf die es bei dem Erfolge hier ankommt, auf Größen von Maßen, Distanzen, Geschwindigkeiten, Richtungen, auf Zusammensetzungen und Verhältnisse von all diesem; und wie sich die Ursachen zusammensetzen, setzen sich die Folgen zusammen; die Erfahrung selbst hat bewiesen, daß es der Fall ist, und hat zugleich die Regeln kennengelehrt, nach der Zusammensetzung der Ursachen die Zusammensetzung der Folgen zu berechnen. Im Sinne des Deterministen wird es nun liegen, das, was wir beim Planetensystem bemerken, zu verallgemeinern, zu sagen: Alles, was wir neue Umstände nennen, sind solche Abänderungen und Zusammensetzungen, die sich nach Regeln berechnen lassen, welche, wenn nicht aus dem Dagewesenen schon gefunden, doch daraus findbar sind. Von Anbeginn an sind alle die Grundverhältnisse gegeben, auf die es ankommt, und so gegeben, daß keine neue Determination im Laufe der Zeiten erst eintreten kann.

Es ist nicht möglich, diesen Streit erfahrungsmäßig zu entscheiden. Faktisch ist, daß für den Deterministen die Zurückführung des Neuen auf alte Gesetze bei weitem nicht gelungen ist und ebensowenig Aussicht ist, daß sie, namentlich im Gebiete des Organischen und Geistigen, je vollständig wird gelingen können. Ja es hat sich noch neuerdings ein Umstand gezeigt, der diese Aussicht ferner als je rückt. Man glaubte wohl sonst, es lasse sich alles in der Natur auf Zusammensetzungen von Elementarkräften zwischen je einem und einem anderen Teilchen zurückführen, und mit den Gesetzen dieser Kräfte und ihrer Zusammensetzung sei das Prinzip gegeben, alles zu berechnen, was in der Natur geschieht. Aber es hat sich gezeigt, daß dem nicht so ist (vergl. W. Weber in den Abhandlungen der Jablon. Gesellschaft. S. 376), daß im Gebiete des Unwägbaren, was doch überall auch in das Wägbare eingreift, und namentlich im Organischen, und vielleicht als Träger des Geistigen eine besonders hohe Bedeutung hat, nicht bloß der besondere Erfolg, sondern auch das allgemeine Gesetz des Erfolgs bei der Wirkung zweier Teilchen durch Zutritt eines dritten, dann ferner eines vierten usf. abgeändert wird, auf eine Weise, der nachzukommen immer schwieriger werden muß, je mehr die Verwicklung steigt; die Verbindung zum Ganzen hat einen Einfluß, der sich aus der Zusammensetzung irgendwelcher Einzelheiten nicht berechnen läßt. Entsprechend ist es auch im Geistigen. Die einfachsten Gesetze, welche für die einfachsten Verhältnisse gelten, reichen nirgends hin, durch Zusammensetzung auch das zu decken, was der Verwicklung dieser Verhältnisse im Ganzen angehört.

Andererseits jedoch ist eben so gewiß, daß nichts hindert, in Erkenntnis der Gesetze, die für größere und immer größere Verwicklungen gelten, immer, weiter fortzuschreiten, und daß wirklich in dieser Beziehung fortgehends Fortschritte gemacht werden, auf die sich der Determinist berufen kann, dem es schwer einleuchten will, daß irgendein Gesetz außer Wechselbedingtheit mit anderen durch einen Akt freier Willkür so oder auch so hätte entstehen können. Er fühlt ein Bedürfnis, einen bindenden Zusammenhang aller Gesetze nicht minder, wie alles dessen, was durch die Gesetze gebunden ist, anzunehmen.

Den ganzen philosophischen Streit zwischen Determinismus und Indeterminismus hier zu erörtern und ausfechten, ist nun erklärtermaßen nicht unsere Absicht. Indes, ohne Rücksicht auf den bisher geführten Streit, liegt in unserer Fassung des Gegenstandes selbst ein Vermittlungsweg zwischen Determinismus und Indeterminismus, der mir geeignet scheint, den Streit, zwar nicht zu entscheiden, aber zu schlichten, und ich nehme hierfür Ihre Aufmerksamkeit noch für eine kurze Zeit in Anspruch.

Es ist faktisch und begreiflich, auch in den eben geführten Erörterungen anerkannt, daß, nach Maßgabe als sich die Verhältnisse verwickeln oder auf eine höhere Ordnung steigen, wie dies im Sinne der fortschreitenden Entwicklung der Welt im Ganzen ist, die Berechnung der Erfolge dieser verwickelteren Verhältnisse immer schwieriger wird, einen immer höheren Entwicklungsgrad des Geistes voraussetzt, sei es auch, daß sie an sich immer möglich sei. Und unstreitig kann kein Wesen Erfolge berechnen, die aus Gründen hervorgehen, welche komplizierter oder von höherer Ordnung sind, als die inneren Verhältnisse des Wesens selbst, sondern nur niedrigere, mögen wir dies übrigens auf das Geistige oder Leibliche beziehen, was immer miteinander geht, da ein höher entwickeltes Geistiges stets mit einem höher entwickelten Leiblichen zusammenhängt. Ein Wurm wird nie voraussehen können, wie sich ein Affe, ein Affe nie, wie sich ein Mensch, ein Mensch nie, wie sich Gott benehmen wird, außer nach Beziehungen, nach denen sie dem Höheren selbst adäquat sind, denn sofern die Einsicht jedes Wesens mit seiner Entwicklungsstufe zusammenhängt, kann es nicht über das Vermögen dieser hinaus etwas erschließen, was erst in einer höheren Entwicklungsstufe Raum hat.

So wird ein Mensch, der noch auf einer niederen Bildungsstufe steht, nie berechnen können, wie er sich benehmen wird, wenn er selbst auf eine höhere gelangt ist, außer nach Beziehungen, in denen er schon jetzt mit der höheren übereinkommt; das Umgekehrte ist wohl eher möglich, daß der Mensch, auf höhere Bildungsstufe gelangt, die Motive seiner Handlungsweise auf der früheren niederen übersieht, obschon auch dies nie vollständig. Sofern nun faktisch die Welt in einer fortschreitenden Entwicklung begriffen ist, läßt sich glauben, es bestehe eine Unmöglichkeit schlechthin in der Natur der Sache, alle Erfolge der Welt voraus zu berechnen, insofern die Berechnung dessen, was in die spätere höhere Entwicklung fallen wird, ein Wesen von noch höherem Entwicklungsgrade schon voraussetzen würde, was sich widerspricht. So bliebe faktisch eine Indetermination für die Erkenntnis des Zukünftigen zu aller Zeit bestehen; aber es würde für den erlangten höheren Erkenntnisgrad möglich sein, die Notwendigkeit des früher Geschehenen mehr oder weniger zu berechnen. Ja alles, was mit dem Gefühl der Freiheit in der Welt geschieht, könnte möglicher Weise eben ein solches sein, was der Natur nach durch kein vorhandenes Wesen vollkommen vorauszusehen war, indem eben damit erst ein solches Entwicklungsmoment in die Welt trat, welches für die Zukunft die Möglichkeit fernerer Voraussicht bedingte.

Es kann keine Frage sein, daß nach diesem Prinzip wirklich eine Indetermination in die Berechnung aller endlichen Wesen kommt, nicht bloß eine scheinbare, sondern eine wirkliche, d.h. in der Natur der Dinge und des Erkennens gegründete, aber man kann, und vielleicht mit Recht, bezweifeln, ob eine Anwendung hiervon auf den göttlichen Geist und dessen Voraussicht zu machen sei. Sollte man diesen Geist auch sich entwickelnd denken, wie den Geist eines Kindes, das in seiner Dummheit noch nicht voraussehen kann, was es als Erwachsener tun wird? Zwar scheint es bedenklich, uns hier in Fragen zu vertiefen, die vom Gebiet des Wissens in das des Glaubens abführen, indes, da der Mensch überall dahin trachten muß, daß nicht die obersten Prinzipien seines Wissens mit denen, die er im Interesse seines Glaubens festhalten muß, in Widerspruch treten, ein solcher sich aber gerade hier aufzudringen scheint, so seien noch einige Worte über diesen Gegenstand beigefügt, mit der Beschränkung und dem Rückhalt, die dieser Gelegenheit ziemen.

Wir müssen nie vergessen, daß bei aller Ähnlichkeit, die wir mit Gott haben mögen, doch auch eine gewaltige Seite des Unterschiedes nach unserem Glauben darin liegen bleibt, daß er alle Gründe des Geschehens von Anfang in sich trägt, wir nicht. Wir wachsen und entwickeln uns an Geist und Leib unter Einwirkung dessen, was uns von außen kommt, dergleichen Art Entwicklung kann für Gott nicht stattfinden. Wir dürfen uns daher unstreitig auch die Fortentwicklung Gottes, falls wir von einer solchen sprechen wollen, nicht wie die eines von Anfang an törichten Kindes denken, das immer klüger wird, indem es immer mehr von dem erkennen lernt, was des ganzen Gottes ist, eine Vorstellung, die der Würde unserer Ansichten von Gott nicht angemessen sein würde. Aber es steht eine andere würdigere Vorstellung zu Gebote, die dem Sachverhalt, so weit wir ihn nach dem Wirken Gottes zu beurteilen vermögen, entspricht und doch von einer anderen Seite wieder die Indetermination in die Erkenntnis des Zukünftigen einführt, die wir in gewisser Weise im Freiheitsinteresse immer fordern werden.

Stellen wir uns einen Dichter vor, der die Idee eines Gedichtes faßt; erst nur ganz im Allgemeinen. Indem er anfangs seine ganze geistige Kraft in Feststellung und Ordnung der allgemeinen Grundzüge der Idee verwendet, ist unmöglich, daß ihm die Besonderheiten der künftigen Ausführung auch schon ebenso vorschweben können. Sind die allgemeinen Grundzüge recht geordnet, so geht er an das Besondere und immer mehr in das Besondere; aber indem er zu jeder Zeit seine ganze geistige Kraft unter Festhaltung der früheren allgemeinen Idee auf die Ausarbeitung einer gewissen neuen Stufe der Besonderheiten wendet, schweben ihm die künftigen noch nicht ebenso vor. So wird er nie ins Speziellste voraussehen, was er künftig im Verfolg der Ausarbeitung für Vorstellungen fassen wird. Ein menschlicher Dichter freilich greift oft schon ins Einzelne vor; er denkt wohl bei der allgemeinen Idee schon an einen einzelnen Zug, den er einmal in der Ausführung anbringen wird und wendet die Idee danach. Aber dies ist nicht ein Zug der Vollkommenheit, sondern der Unvollkommenheit in der Ausarbeitungsweise der menschlichen Werke. Und so können wir uns denn auch denken, daß Gott im Ganzen auf diese Weise seine Welt ausarbeitet, ja daß der Weltgang eben nur die äußere Erscheinung dieses göttlichen Gedankenganges ist, wofür man ihn ja ohnehin so oft erklärt hat. Dann läge aber auch in der Natur der Sache, daß für die Vorausberechnung von jeder neuen Ausarbeitungsstufe keine Möglichkeit in der Natur der Dinge existierte. Wenn Gott daran denkt, tritt sie auch schon ein; sie kann durch das tiefste Denken aus der weisesten Idee heraus erzeugt sein, aber es ist eben deshalb nicht möglich, daß er sie mit aller seiner Weisheit so, wie sie eintreten wird, voraussähe, weil im Momente, wo er sie das erste Mal sieht, sie auch das erste Mal da ist. Nicht anders ist es bei den inneren Schöpfungen des menschlichen Dichters, nur daß diese nicht gleiche Realität als die göttlichen haben. Was aber Gott nicht voraussehen, vorausberechnen kann, wird um so weniger eines seiner endlichen Wesen vorausberechnen können.

Nach dieser Betrachtungsweise erscheint nun die deterministische Weltansicht der indeterministischen so nahe gerückt, daß man versucht sein kann, beide darin versöhnt zu finden. Denn man kann sagen: Was durch kein Wesen, durch Gott selbst nicht, nach keiner dem Wissen zugänglichen Regel vorausgesehen, zur Zeit seines Entstehens aus nichts Früherem zulänglich abgeleitet werden kann, ist immer als etwas in Realität, an sich Unbestimmbares anzusehen, und sofern der Eintritt von allem dergleichen mit einem Gefühl der freien Willkür im Menschen oder Gott in Beziehung tritt, so ist die freie Willkür eine durch nichts Vorgängiges determinierte.

Auf der anderen Seite aber behält diese Ansicht doch ihren deterministischen Gesichtspunkt darin, daß sie die Möglichkeit offenläßt, der Geist könne die Notwendigkeit dessen, was er vorausblickend in keiner Weise als kommend berechnen konnte, rückblickend übersehen lernen, nachdem er erst zu höherer Einsicht oder Entwicklung gelangt ist. Aber auch hierin kann, ja muß der Determinist faktische, in der Natur der Sache liegende Beschränkungen zugeben. Ein endlicher Geist kann seiner Natur nach nie die Totalität der Gründe zur Totalität der Folgen übersehen, sondern nur immer mehr oder weniger Einzelnes im Einzelnen verfolgen, die Notwendigkeit von diesem und jenem nach diesen und jenen Beziehungen, unter diesen und jenen Bedingungen erkennen, und eine erste Indetermination bleibt schon durch unser allgemeines Gesetz stets im letzten Hintergrunde.

Hiernach bliebe als der wesentliche Unterschied unserer, den deterministischen und indeterministischen Gesichtspunkt verknüpfenden Ansicht von der gewöhnlichen indeterministischen Freiheitsansicht nur der bestehen, daß doch in der unseren eine unbestimmbare und unbegrenzte Möglichkeit zugestanden, ja behauptet wird, im Fortschritt unserer Erkenntnis die Gründe dessen, was wir mit Freiheit entstanden achten, und jedes, freien Willens selbst rückwärts immer weiter, immer spezieller in die verborgensten Motive hinein zu verfolgen, daß keine in der Natur der Sache liegende Grenze, sondern nur die Schrankenlosigkeit des Gegenstandes selbst uns eine Schranke setzt.

Sagt man hiergegen, so bliebe der freie Wille doch etwas an sich vollkommen Determiniertes, er konnte doch nur ganz so entstehen, wie er eben entstanden ist, da die bis ins Unbestimmte verfolgbaren Gründe desselben, um so verfolgbar zu sein, auch so da sein müssen; so möchte es zuvörderst fraglich sein, ob es triftig ist, von einer vollständigen Determination, einer Vorausbestimniung an sich noch zu sprechen, wenn sie für kein endliches noch unendliches Wissen besteht; zweitens, ob, wenn man den Namen Determinismus auch noch auf die hier vorgetragene Ansicht anwenden wollte, nicht die schlimmen Seiten, die man an dem gewöhnlichen Determinismus rügt, gehoben sind, denn der alte Name ist es ja nicht, vor dem wir uns zu fürchten haben, sondern die alte Sache; diese aber ist es hier nicht mehr.

Ich glaube in der Tat, daß diese schlimmen Seiten des Determinismus schwinden, und daß auch die nicht minder schlimmen Seiten, die man dem einseitigen Indeterminismus ebenso vorwerfen kann, zugleich schwinden, sofern man nur die hier versuchte Vermittlung zwischen beiden mit der Ansicht in Beziehung setzt, daß das Gesetz der göttlichen Weltordnung ein im Ganzen gutes sei, welches selbst den Bösen durch die Folgen des Bösen hier oder dort notwendig endlich zum Guten determiniere. Und der Blick in die Weltordnung spricht für eine solche Natur des höchsten Gesetzes, um so mehr, je mehr wir denselben erweitern und vertiefen; obwohl auch in dieser Beziehung eine Erschöpfung für uns als endliche Wesen nicht möglich. Aber dies weiter auszuführen, ist hier nicht der Ort.

Der exakte Forscher dürfte jedenfalls bei dieser Ansicht, die wir hier der Prüfung Preis geben, den Vorteil finden, daß er, ohne den Glauben an etwas faktisch Unbestimmbares in dem, was auch er seine Freiheit nennen kann, aufzugeben, doch auch keine Schranken für das Streben gesetzt sieht, die Motive freier Taten ins Unbestimmte zu verfolgen, daß er auch im weitesten Fortschritt seiner Forschung nie besorgen darf, auf Gesetzlosigkeit zu stoßen, nie veranlaßt sein kann, solche vorauszusetzen, vielmehr je weiter er forscht, so mehr hoffen darf, sich in die Erkenntnis eines im Ganzen alles zweckmäßig und gut führenden Gesetzes zu vertiefen, nur daß es als von unendlicher Tiefe nie ganz wird zu erschöpfen sein, ja sich selbst nie ganz erschöpft im Wissen und im Handeln.

Und so wird nach allem unser oberstes Gesetz auf keine Weise mit dem Freiheitsinteresse in Konflikt erscheinen können, wenn sich doch zeigt, daß es eben sowohl einer streng indeterministischen Auffassung des Freiheitsbegriffes, als einer Vermittlung derselben mit der deterministischen Auffassung dienen kann. Sollte daher auch die Annahme einer nur halb durchgreifenden Gesetzlichkeit im Gebiete des Geschehens in jenem früher angegebenen, unserem Gesetze zuwiderlaufenden Sinne erfahrungsmäßig nie vollständig widerlegt werden können, weil die Erfahrung überhaupt Schranken hat, so wird sie doch nach dem, was wir erfahren können, unwahrscheinlich, nach dem, was wir fordern müssen, unnötig erscheinen.

Dies zu zeigen, war eine Hauptabsicht dieses Vortrags.








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