Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Georg Ebers: Uarda - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Eine Stunde später hielt Bent-Anat mit ihrem Gefolge vor der Pforte des Setihauses.

Wie ein von Männerhand geschleuderter Ball war einer der Vorläufer in weiten Sprüngen dem Zuge vorangeeilt und hatte dem Oberpriester das Nahen der Prinzessin gemeldet.

Diese stand allein auf ihrem ihren Begleitern voranfahrenden Wagen; Pentaur hatte auf dem des Wegeführers Platz gefunden.

An der Pforte des Tempels empfing der Oberste der Horoskopen die Nahenden.

Die großen Thore der Pylonen waren weit geöffnet und gestatteten den Einblick in den Vorhof des Heiligthums, welches mit glatten Steinfliesen gepflastert und an seiner linken, rechten und hintern Seite von Säulengängen umgeben war.

Die Wände und Architrave, die Säulen und das den Hof nach oben hin abschließende Hohlkehlenkarnieß prangten in buntem Bilder- und Farbenschmuck. In der Mitte des Hofes stand ein großer Opferaltar, auf dem wohlriechende, den weiten Raum mit betäubendem Duft erfüllende KyphikugelnBerühmtes Räucherungsmittel der Aegypter. Rezepte zu seiner Bereitung haben sich im Papyrus Ebers, den Laboratorien der Tempel, bei Dioskorides, Plutarch, Galen u. A. erhalten. Parthey ließ durch den Apotheker L. Voigt in Berlin drei Arten herstellen. Das Kyphi nach der Verordnung des Dioskorides war das beste. Es wurde hergestellt aus Rosinen, Wein, Rad. Galangae, Bacc. Juniperi, Rad. calami aromatici, Asphalt, Mastix, Myrrhen, burgunder Weinbeeren und Honig. auf Cedernholzscheiten von den Flammen verzehrt wurden.

Mehr als hundert weiß gekleidete Priester, die ihr Angesicht der nahenden Prinzessin zuwandten und tief in's Herz schneidende Wehklagen sangen, umgaben ihn in halbkreisförmiger Aufstellung.

Viele Bewohner der Nekropole hatten sich zu beiden Seiten der Sphinxreihen, zwischen denen die Prinzessin dem Heiligthum entgegenfuhr, gesammelt.

Man fragte nicht, was die bei dieser Gelegenheit gesungenen Klagelieder bedeuteten, denn Wehklagen und Unerklärliches war hier das Gewöhnliche.

»Heil dem Kinde des Ramses!« »Anbetung der Sonnentochter Bent-Anat!« erscholl es aus tausend Kehlen und all' die zusammengelaufenen Menschen neigten sich beim Nahen der königlichen Jungfrau bis zur Nähe des Erdbodens.

Vor den Pylonen entstieg die Prinzessin ihrem Wagen und folgte dem sie ernst und schweigend begrüßenden ersten der Horoskopen bis an die Tempelpforte.

Als sie sich den Vorhof zu betreten anschickte, schwoll der priesterliche Gesang plötzlich und unvermittelt zu furchtbarer, donnerähnlicher Stärke an. Von dem Grollen der Bässe getragen, jammerten in leidenschaftlicher Klage die hellen Sopranstimmen der Tempelschüler.

Bent-Anat erschrak und hemmte ihren Fuß. Dann schritt sie weiter.

Aber hinter der Schwelle der Pforte trat Ameni in vollem Priesterornat ihr in den Weg, streckte ihr seinen Krummstab wie zur Abwehr entgegen und rief laut und eifrig:

»Segen bedeutet diesem Heiligthum das Nahen der reinen Tochter des Ramses; aber diese Herberge der Götter verschließt ihre Pforten den Verunreinigten; mögen sie Sklaven sein oder Fürsten. Im Namen der Himmlischen, denen Du entstammst, frage ich Dich, Bent-Anat, bist Du rein oder hast Du Dich befleckt und Deine fürstliche Hand durch die Berührung der Unreinen besudelt?«

Der Priester hatte sich der hohen Gestalt der Prinzessin dicht gegenübergestellt.

Helle Röthe bedeckte die Wangen der Jungfrau, vor ihren Ohren brauste es, als brande ein stürmisches Meer in ihrer Nähe, und ihr Busen hob und senkte sich in leidenschaftlicher Bewegung. Das königliche Blut in ihren Adern wallte unbändig auf, sie fühlte, daß man ihr hier eine unwürdige Rolle in einem mit Vorbedacht veranstalteten Schauspiele zuertheilt habe, ihr Vorsatz, sich selbst der Unreinheit zu zeihen, war vergessen und schon öffneten sich ihre Lippen zu einer heftigen Zurückweisung der sie tief empörenden priesterlichen Anmaßung, als Ameni sein Auge aufschlug und es mit der ganzen Fülle des ihm innewohnenden Ernstes ihr zuwandte.

Bent-Anat schwieg, aber sie hielt diesen Blick aus und erwiederte ihn stolz und abweisend.

Ameni's Stirnader färbte sich bläulich, doch drängte er den sich in seinem Innern wie schwarze Gewitterwolken zusammenballenden Groll zurück und sagte mit einer immerhin von ihrer gewöhnlichen Gemessenheit abweichenden Stimme:

»Zum zweiten Male fragen Dich die Götter durch mich, ihren Vertreter. Hast Du diese heilige Stätte betreten, damit die Himmlischen die Unreinheit von Dir nehmen, die Dir Leib und Seele befleckt?«

Bent-Anat erwiederte kurz und selbstbewußt: »Mein Vater wird Dir die Antwort ertheilen!«

»Nicht mir,« gab Ameni zurück, »sondern den Göttern, in deren Namen ich Dir jetzt befehle, dieses reine Heiligthum zu verlassen, das durch Deine Gegenwart befleckt wird.«

Bent-Anat zuckte zusammen und sagte dumpf: »Ich gehe.«

Dann hob sie den Fuß, um der Pforte des Pylon zuzuschreiten. Da begegnete ihr Blick dem Auge des Dichters.

Wie ein Begnadigter, vor dessen Blick sich große Wunder begeben, hatte er unruhevoll und doch entzückt, geängstigt und doch innerlich erhoben der königlichen Jungfrau gegenübergestanden. Ihr Thun erschien ihm himmelstürmerisch kühn und doch angemessen ihrem wahren und großen Wesen. Neben ihr sank ihm sein verehrtes und bewundertes Vorbild Ameni in die Unbedeutendheit zurück; und als sie sich anschickte, den Tempel zu verlassen, versagte ihm seine Hand, die sich sie zurückzuhalten anschickte, den Dienst und suchte, als Bent-Anat's Blick der seinen begegnete, die Stelle seines übervollen Herzens.

Dem Oberpriester konnte es nicht schwer fallen, in den Zügen dieser unverdorbenen Beiden wie in einem offenen Buche zu lesen; er fühlte, daß ein schnell geschürztes Band ihre Seelen verknüpfe, und der Blick, welchen er sie wechseln sah, erschreckte ihn, denn die Widerspenstige hatte den Dichter angeschaut wie eine Triumphirende, welche Beifall fordert, und Pentaur's Auge war diesem Verlangen entgegengekommen.

Einen Augenblick zauderte Ameni, dann rief er: »Bent-Anat!«

Die Prinzessin wandte sich um und blickte den Priester ernst und fragend an.

Ameni trat ihr einen Schritt entgegen und blieb zwischen ihr und dem Dichter stehen.

»Du forderst,« sagte er ernst, »die Götter zum Kampfe heraus. Das ist kühn; aber es will mir scheinen, als sei Dir der Muth gewachsen, weil Du auf einen Bundesgenossen zählst, der den Himmlischen kaum ferner steht als ich. So laß Dir sagen: Dir, dem irregeleiteten Kinde, mag viel vergeben werden; ein Diener der Gottheit aber,« und bei diesen Worten warf er einen drohenden Blick auf Pentaur, »ein Priester, der im Kampfe der Willkür gegen das Gesetz zum Ueberläufer wird, der seiner Pflicht und seines Eides vergißt, der wird Dir nicht lange helfend zur Seite stehen, denn der ist – und hätte ihn jede Gottheit mit ihren reichsten Gaben gesegnet, – der ist verdammt. Wir stoßen ihn aus unserer Mitte, wir verfluchen ihn, wir . . .«

Bent-Anat schaute bei diesen Worten bald auf den vor Erregung bebenden Ameni, bald auf den ihr gegenüberstehenden Pentaur. Röthe und Blässe wechselten auf ihrem Angesichte, wie Licht und Schatten auf dem Boden eines zur Mittagszeit vom Sturme bewegten Palmenwaldes.

Der Dichter trat ihr einen Schritt entgegen.

Sie fühlte, daß er reden, das Geschehene vertheidigen und sich verderben werde.

Da erfaßte ein tiefes Mitgefühl, eine namenlose Angst ihre Seele und ehe Pentaur seine Lippen zu öffnen vermochte, sank sie langsam vor Ameni nieder und sagte leise:

»Ich habe gesündigt und mich befleckt, Du sagst es, wie Pentaur es sagte vor der Hütte des Paraschiten. Gib mir die Reinheit wieder, Ameni, denn ich bin unrein.«

Wie eine Flamme, die eine Menschenhand erdrückt, erlosch die Glut in des Oberpriesters Augen. Freundlich, fast liebevoll, schaute er zu der Prinzessin hernieder, segnete sie, führte sie vor das Allerheiligste, ließ sie dort von Weihrauchwolken umwehen, mit den neun heiligsten Salbölen begießen und gebot ihr, in das Königsschloß zurückzukehren.

Noch, sagte er, sei ihre Schuld nicht gesühnt; bald aber werde sie erfahren, durch welche Gebete und Uebungen sie die volle Reinheit vor den Göttern, die er im Sanktuarium zu befragen gedenke, zurück erlangen könne.

Während der erwähnten Ceremonien fuhren die im Vorhofe des Tempels aufgestellten Priesterchöre in ihren Lamentationen fort.

Das vor dem Tempel stehende Volk lauschte auf die priesterlichen Lieder und unterbrach sie von Zeit zu Zeit mit gellendem Jammergeschrei, denn schon hatte sich eine dunkle Kunde von dem Geschehenen unter der Menge verbreitet.

Die Sonne begann sich zu neigen, bald mußten die Besucher der Todtenstadt die Nekropole verlassen und noch immer wollte sich Bent-Anat, deren Erscheinen das Volk mit Ungeduld erwartete, nicht zeigen. Einer erzählte dem Andern, die Tochter des Königs sei verflucht worden, weil sie der erkrankten, weißen und schönen Uarda, die Vielen bekannt war, Heilmittel gebracht habe.

Unter den zusammengeströmten Neugierigen befanden sich viele in der Nekropole wohnende Balsamirer, Bauarbeiter und geringe Leute. Der aufrührerische und widersetzliche Sinn der Aegypter, welcher ihnen unter den späteren Fremdherrschern so schwere Leiden zuzog, erwachte und steigerte sich mit jeder Minute. Man schalt auf den Stolz der Priester und die unsinnige, unwürdige Satzung. Ein trunkener Soldat, der bald wieder in die Schenke, welche er kaum verlassen, zurücktaumelte, machte sich als Rädelsführer breit und war der Erste, der einen schweren Stein aufhob, um ihn gegen die mit Erz beschlagene große Tempelpforte zu schleudern. Einige Knaben folgten schreiend seinem Beispiel, auch gesetztere Männer, fortgerissen von dem Geheul fanatisirter Weiber, ließen sich zu Steinwürfen und Schmähworten verleiten.

Im Setihause tönten die priesterlichen Sänge ununterbrochen fort; endlich aber, als das Lärmen der Menge lauter wurde, öffnete sich seine Hauptpforte und feierlichen Schrittes trat Ameni in vollem Ornate, gefolgt von zwanzig Pastophoren, welche Götterbilder und heilige Symbole auf den Schultern trugen, mitten in die Menge hinein.

Alles schwieg.

»Warum stört ihr unsere Gebete?« fragte er laut und gelassen.

Ein wirres Durcheinanderrufen, in dem nur der häufig wiederholte Name Bent-Anat's zu erkennen war, antwortete ihm.

Ameni bewahrte seine unerschütterliche Ruhe und seinen Krummstab hoch hebend rief er:

»Macht Platz für die Tochter des Ramses, die bei den Göttern, welche die Schuld des Höchsten schauen, wie die des Geringsten unter euch, Reinheit suchte und Reinheit fand. Sie lohnen den Frommen, aber sie strafen den Frevler. Kniet nieder und laßt uns beten, daß sie euch verzeihen und euch und eure Kinder segnen.«

Ameni ließ sich von einem Pastophoren das heilige SistrumBeim Gottesdienste der Aegypter gebrauchtes Klapperblech, von dem sich verschiedene Exemplare, die in den Museen konservirt werden, erhalten haben. Plutarch beschreibt es richtig so: »Das Klapperblech ist oben rund gebogen und dieser Bügel umfaßt die vier geschüttelten Stäbe . . . Auf der Rundung des Klapperblechs oben befestigen sie das Bild einer Katze mit einem Menschengesichte, unter die vier geschüttelten Stäbchen kommt auf einer Seite das Gesicht der Isis, auf der andern das der Nephthys.« Auf dem Bügel eines Bronzesistrums im berliner Museum ist die Katze befestigt; an anderen Exemplaren sieht man am obern Ende der Griffe gewöhnlich Masken der Hathor. Im Sanktuarium des Tempels dieser Göttin zu Dendera ward das Bild des heiligen Sistrum an bevorzugter Stelle angebracht. reichen und hob es hoch empor, die Priester hinter ihm stimmten einen feierlichen Hymnus an und die Menge sank auf die Kniee und regte sich nicht, bis der Gesang verstummte und der Oberpriester von Neuem ausrief: »Die Himmlischen segnen euch, durch mich, ihren Knecht. Verlaßt diese Stätte und macht Platz der Tochter des Ramses.«

Nach diesen Worten zog er sich in den Tempel zurück und die Scharwache säuberte, ohne auf Widerstand zu stoßen, die zum Nil führende, von Sphinxen eingefaßte Straße.

Als Bent-Anat ihren Wagen bestieg, sagte Ameni: »Du bist ein Königskind. Das Haus Deines Vaters steht auf den Schultern des Volkes. Lockre die alten Satzungen, die es in Banden halten, und die Menge wird sich bewegen, wie diese Unsinnigen.«

Ameni zog sich zurück. Bent-Anat ordnete langsam die Zügel in ihrer Hand. Dabei ruhte ihr Auge in dem des Dichters, welcher, an einen der Thorpfeiler gelehnt, wie ein Verklärter zu ihr aufschaute.

Sie ließ ihre Geißel zur Erde fallen, damit er sie aufheben und sie ihr zurückgeben möge; aber er gewahrte es nicht. Ein Läufer sprang herzu und überreichte sie der Prinzessin, deren Rosse sich hoben und wiehernd anzogen.

Pentaur blieb wie gebannt an dem Pfeiler stehen, bis das Rasseln der auf den Steinfliesen der Sphinxstraße dahinrollenden Räder ihres Wagens allmälig verklang und der Wiederschein des glühenden Abendrothes die östlichen Berge mit sanften Rosenfarben bemalte.

Der weithin tönende Klang einer geschlagenen Erzscheibe weckte den Dichter aus seiner Verzückung. Er legte die Linke auf die Stelle seines Herzens und preßte seine Stirn mit der Rechten, als wolle er mit ihr seine in die Irre gehenden Gedanken zusammenfassen.

Das Tamtam rief ihn zur Pflicht, zu den Vorlesungen über die Redekunst, welche er in dieser Stunde den jüngeren Priestern zu halten hatte.

Schweigend ging er dem offenen Hofe, in welchem seine Schüler auf ihn warteten, gewohnheitsmäßig entgegen; aber anstatt wie sonst auf diesem Wege den zu behandelnden Stoff zu durchdenken, beschäftigte sich sein Geist und Herz mit den Erlebnissen der letzten Stunden.

Ein ihn beseligendes Bild beherrschte seine Vorstellungswelt, und dieß war das der schönsten Frau, die strahlend in königlicher Hoheit und bebend vor Stolz sich in den Staub geworfen hatte um seinetwillen.

Es war ihm, als hätte ihre That seinem ganzen Wesen einen neuen fürstlichen Werth verliehen und ihr Blick ihn durchleuchtet, als athme er leichtere Lüfte und als habe sein schreitender Fuß Flügel gewonnen.

In solcher Stimmung trat er vor seine Zuhörer.

Als er all' den bekannten Gesichtern gegenüberstand. besann er sich auf das, was ihm oblag. Sein Lieblingsschüler, der junge Anana, überreichte ihm das Buch, an welches er vor vierundzwanzig Stunden anzuknüpfen versprochen hatte.

Pentaur lehnte sich an die Wand des Hofes, er öffnete die Papyrusrolle, schaute auf die sie bedeckenden Schriftzeichen und fühlte, daß er nicht im Stande sei, zu lesen.

Gewaltsam raffte er sich zusammen, schaute aufwärts und versuchte den Faden wieder zu finden, den er am Ende der gestrigen Stunde abgeschnitten und in der heutigen wieder aufzunehmen gedacht hatte; aber es war ihm, als läge zwischen gestern und heut ein weites Meer, dessen brausender Wogenschlag sein Gedächtniß und sein Denkvermögen übertäube.

Seine Schüler, die auf einer Strohmatte mit gekreuzten Beinen ihm gegenüber am Boden hockten, schauten erstaunt auf den schweigenden, sonst so redegewandten Lehrer und sahen einander fragend an.

Ein junger Priester flüsterte seinem Nachbar zu: »Er betet,« und Anana beobachtete mit stiller Besorgnis die starken Hände seines Meisters, die sich so fest um die Schriftrolle schlossen, daß das zarte Material, aus dem sie bestand, zu zerbröckeln drohte.

Endlich senkte Pentaur den Blick. Er hatte sein Thema gefunden. Während er aufwärts schaute, war sein Auge dem an die ihm gegenüberliegende Wand gemalten Namen des Königs und dem ihn begleitenden Titel »der gute Gott« begegnet. Anknüpfend an diese Worte stellte er nun an seine Zuhörer die Frage: »Wie erkennen wir die Güte der Gottheit?«

Er forderte einen Priester nach dem andern auf, dieß Thema, als stände er vor seiner künftigen Gemeinde, zu behandeln.

Mehrere Schüler erhoben sich und redeten mit größerer oder geringerer Wahrheit und Wärme. Endlich kam die Reihe an Anana, der in wohlgesetzten Worten die zweckvolle Schönheit der beseelten und unbeseelten Schöpfung feierte, in der die Güte des Amon,Amon, d. i. der Verborgne. Der Gott von Theben, der, nachdem unter seiner Aegide die Hyksos aus dem Nilthal vertrieben waren, mit dem Ra von Heliopolis vereint und mit den Attributen aller übrigen Götter ausgestattet wurde. Sein Wesen wird immer mehr vergeistigt, bis man es in der esoterischen Lehre unter den Ramessiden der das All erfüllenden und ordnenden Intelligenz gleich setzt. Er ist »der Gemahl seiner Mutter, sein eigener Vater und sein eigener Sohn«. Als »lebendiger Osiris« beseelt und durchgeistigt er das Geschaffene, welches erst durch ihn in eine höhere Existenzordnung eintritt. Er wird »wohlthätig«, »schön«, »ohne Gleichen«, aber auch ein »Vernichter des Uebels« genannt, in dem der Mensch mit Befriedigung die geheime Kraft verehrt, die das Gute erhebt und das Böse niederwirft. Man erkennt ihn an der hohen Doppelfeder auf seiner Krone. Als Amon-Chnem wird er widderköpfig gebildet. des RaUrsprünglich der Sonnengott; später wird sein Name in der pantheistischen Geheimlehre für den des Gottes, der das All ist, eingeführt. und Ptah,Ptah (gr. Hephaistos), ist der älteste unter den Göttern, der große Bildner des Grundstoffs der Schöpfung, »der Uranfängliche«, den die sieben Chnemu als Architekten helfend zur Seite stehen, und welcher, da die Gesetze und Bedingungen des Werdens von ihm herrühren sollen, »der Herr der Wahrheit« genannt wird. Er schuf auch die Keime des Lichts, steht deswegen an der Spitze der solaren Götter und wird der Schöpfer des Eis genannt, aus dem, nachdem er es zerschlagen, Sonne und Mond hervortraten. Daher sein Name: »Der Eröffner«. Memphis war die Hauptstätte seiner Verehrung, der Apis sein heiliges Thier. In der Unsterblichkeitslehre und der Unterwelt tritt er gewöhnlich als Ptah Sokar Osiris auf, welcher der untergehenden Sonne wie den Verstorbenen die Bedingungen verleiht, deren sie zum neuen Aufgange und ihrer Auferstehung bedürfen. sowie der anderen Götter in die Erscheinung trete.

Pentaur hörte dem Jünglinge mit gekreuzten Armen zu, bald fragend dreinschauend, bald Beifall nickend. Dann knüpfte er an seinen zu Ende geführten Vortrag an und begann selbst zu sprechen.

Wie gehorsame Jagdfalken auf den Ruf ihres Zähmers, so schossen die Gedanken zu ihm hernieder und die in seiner Brust erwachte göttliche Leidenschaft durchleuchtete und durchglühte seine sich in immer freieren und gewaltigeren Flügelschlägen erhebende, begeisterte Rede. In Rührung hinschmelzend, aufjauchzend in Entzücken pries er die Herrlichkeit der Natur und wie ein demantheller, klarer Strom flossen die Worte von seinen Lippen, als er die ewige Ordnung der Dinge und die unerfaßliche Weisheit und Sorgfalt des Weltenschöpfers, des Einen pries, der einzig sei und groß und sonder Gleichen.

»So unvergleichlich,« schloß er, »ist die Heimat, die Gott uns gegeben. Alles was er, der Eine, erschaffen, ist durchdrungen von seinem eigenen Wesen und legt Zeugniß ab von seiner Güte. Wer ihn zu finden weiß, der schaut ihn überall, der ist in jeder Sekunde ein Genosse seiner Herrlichkeit. So suchet ihn, und habt ihr ihn gefunden, dann fallet nieder und singet Lob. Aber preiset den Höchsten nicht nur zum Dank für die Herrlichkeit dessen, was er geschaffen, sondern auch dafür, daß er uns mit der Fähigkeit des Entzückens über sein Werk begabte. Ersteigt die Spitzen der Berge und schaut in das weite Land, fallet nieder, wenn das Abendroth wie Rubinen und das Morgenroth wie Rosen erglüht, tretet hinaus in die Nacht und seht die Sterne, wie sie in ewigen, fehlerlosen, unermeßlichen und unendlichen Kreisen die Himmelsbläue auf silbernen Barken durchfahren, stellt euch an die Wiege des Kindes und neben die Knospe der Blume und seht, wie die Mutter sich über dieses neigt und blanker Morgenthau auf jene fällt. Aber wollt ihr wissen, wohin sich der Strom der göttlichen Güte am vollsten ergießt, wo die Huld des Schöpfers die reichsten Gaben niederlegt und wo seine heiligsten Altäre prangen? Das ist in eurem eigenen Herzen, dafern es rein ist und von Liebe erfüllt. In solchem Herzen spiegelt sich die Natur wie in jenen Zauberspiegeln, auf deren Fläche das Schöne dreifach schön erscheint. Da reicht das Auge über Strom und Fruchtland und Berge weit hinaus und überschaut das ganze Erdenrund, da leuchtet das Morgen- und Abendroth nicht wie Rosen und Rubinen, sondern wie die Wangen der Göttin der Schönheit, da befahren die Sterne nicht schweigend, sondern mit den gewaltigen Klängen unendlich reiner Harmonieen den Himmel, da lächelt das Kind als junger Gott und die Knospe entfaltet sich zur Wunderblume, da endlich erweitert sich der Dank und vertieft sich die Andacht und wir werfen uns einem Gott in die Arme, der, wie stell' ich seine Herrlichkeit dar, – der ein Gott ist, zu dem die erhabene Neunzahl der großen Götter wie elende Bettler hülfebedürftig betet!«

Das Tamtam, welches den Schluß der Stunde anzeigte, unterbrach ihn.

Pentaur schwieg tief aufathmend und minutenlang regte sich keiner seiner Schüler.

Endlich legte der Dichter die Papyrusrolle aus seiner Hand, wischte den Schweiß von seiner glühenden Stirn und näherte sich langsam der in den heiligen Hain des Tempels führenden Thüre des Hofes. Schon hatte er die Schwelle betreten, als er fühlte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Er schaute sich um.

Hinter ihm stand Ameni und sagte kühl:

»Du hast Deine Hörer entzückt, mein Freund. Schade nur, daß Dir die Harfe fehlte.«

Wie Eis, das wir auf die Brust eines Fiebernden legen, berührten Ameni's Worte die erregte Seele des Dichters.

Er kannte diesen Ton in seines Meisters Stimme, denn so pflegte er schlechte Schüler und sündige Priester mit Worten zu strafen; ihn selbst aber hatte er noch niemals also angeredet.

»Freilich,« fuhr der Oberpriester mit bitterer Kälte fort, »will es scheinen, als habest Du im Rausche vergessen, was dem Lehrer im Schulhofe zu reden geziemt. Vor wenigen Wochen hast Du in meine Hände geschworen, das Mysterium zu hüten, und heute hältst Du das Geheimniß von dem unnennbaren Einen, den heiligstem Besitz der Geweihten, wie eine billige Waare auf offenem Markte feil!«

»Du schneidest mit Messern,« sagte Pentaur.

»Möchten sie scharf sein,« rief der Oberpriester, »und die unreifen Flecke und das Wucherkraut in Deiner Seele vertilgen.. Du bist jung, zu jung; aber nicht wie der zarte Fruchtbaum, der sich gerade ziehen und veredeln läßt, sondern wie das grüne Obst am Boden, das den Kindern, die es auflesen, zum Gifte wird, und wäre es auch von einem heiligen Baume gefallen. Gegen die Stimmen der Mehrzahl der Geweihten nahmen Gagabu und ich Dich unter uns auf. Wir widersprachen allen Denen, die wegen Deiner jungen Jahre an Deiner Reife zweifelten, und dankbar und begeistert schwurst Du mir, das Gesetz und das Mysterium zu hüten. Heute nun stell' ich Dich zum ersten Male aus dem Frieden der Schule auf den Kampfplatz des Lebens. Und wie hast Du das Feldzeichen behauptet, das Dir hochzuhalten und zu vertheidigen oblag?«

»Ich that das, was mir wahr und recht schien,« antwortete Pentaur tief erregt.

»Recht ist für Dich wie für uns, was das Gesetz vorschreibt; und was ist Wahrheit?!«

»Keiner hat ihren Schleier gelüftet,« sagte Pentaur; »aber meine Seele stammt aus dem beseelten Leibe des Alls, ein Theil des untrüglichen Geistes der Gottheit regt sich in meiner Brust, und wenn er sich in mir wirksam zeigt . . .«

»Wie leicht halten wir die Schmeichelstimme der Eigenliebe für die der Gottheit.«

»Sollte der in mir, wie in Dir, wie in Jedem wirkende und redende Gott sich selbst und seine eigene Stimme nicht wieder erkennen?«

»Und hörte Dich die Menge,« unterbrach ihn Ameni, »so setzte sich Jeder auf seinen kleinen Thron, erklärte die Stimme des Gottes in seiner Brust für seinen Lenker, zerrisse das Gesetz und ließe seine Fetzen vom Ostwinde in die Wüste wehen.«

»Ich bin ein Wissender, den Du selbst den Einen zu suchen und zu finden lehrtest. Das Licht, welches ich beseligt schaue, würde die Menge – ich leugne es nicht – wenn ich es ihr zeigen wollte, mit Blindheit schlagen . . .«

»Und dennoch blendest Du unsere Schüler mit dem gefahrvollen Glanze –«

»Ich erziehe sie zu künftigen Wissenden.«

»Und das mit den glühenden Ergüssen eines liebetrunkenen Herzens?«

»Ameni!«

»Auch ungerufen stehe ich vor Dir, als Dein Meister, der Dich auf das Gesetz verweist, welches immer und überall klüger ist als der Einzelne, dessen ›Befestiger‹ der König selbst sich in seinen prunkendsten Titeln zu sein berühmt, und dem der Wissende sich beugen soll wie der gemeine Mann, den wir zum blinden Glauben erziehen, – steh' ich vor Dir als Dein Vater, der Dich von Kind auf geliebt und von keinem seiner Schüler Größeres erwartet hat, als von Dir, und Dich darum weder verlieren, noch die auf Dich gesetzte Hoffnung preisgeben will. – Bereite Dich vor, in der Frühe des morgenden Tages unser stilles Haus zu verlassen. Du hast Dein Lehramt verwirkt; das Leben soll Dich nun in die Schule nehmen und Dich reif machen für die Würde eines Eingeweihten, die Dir durch meine Schuld zu früh verliehen ward. Ohne Abschied verläßt Du Deine Schüler, wie schwer Dir solches auch werden mag. Nach dem Aufgange des SothissternesDer der Isis heilige Sirius oder Hundsstern, dessen Lauf in der Pharaonenzeit gleich war dem astronomisch richtigen Sonnenjahre und darum schon früh der Zeitrechnung der Aegypter zur Grundlage diente. hole Dir Deine Weisungen, Du wirst in den nächsten Monaten die Priesterschaft im Tempel der Hatasu zu leiten und Dir in dieser Stellung unter meinen Augen unser Vertrauen, welches Du verscherztest, zurückzugewinnen suchen. Keinen Widerspruch! Heute Nacht empfängst Du meinen Segen und unsere Vollmacht; – die aufgehende Sonne hast Du auf den Terrassen der neuen Stätte Deines Wirkens zu begrüßen. Der Unnennbare möge das Gesetz in Deine Seele prägen!«

Ameni begab sich in seine Gemächer zurück.

Er ging ruhelos in ihnen auf und nieder. Auf einem kleinen Tische lag ein Spiegel. Er schaute auf die blanke Metallscheibe und legte sie, als habe er in ihr ein fremdes, ihm mißfallendes Antlitz erblickt, auf ihren alten Platz zurück.

Die Erlebnisse der letzten Stunden hatten ihn tief erregt und sein Vertrauen auf sein sicheres Urtheil über Menschen und Verhältnisse erschüttert.

Die Priester am jenseitigen Nilufer waren Bent-Anat's geistliche Rathgeber und er hatte die Prinzessin als fromme und begabte Jungfrau rühmen hören. Ihr unvorsichtiger Bruch der Satzung schien ihm eine willkommene Gelegenheit zu bieten, ein Mitglied der Familie des Ramses öffentlich zu demüthigen.

Nun sagte er sich, daß er dieses junge Wesen unterschätzt, daß er ungeschickt, ja vielleicht unklug gegen sie gehandelt habe, denn er verhehlte sich keinen Augenblick, daß ihre rasche Wandlung weit eher auf Grund einer warmen Aufwallung ihres Mitgefühls, vielleicht ihrer Neigung, als durch die Erkenntniß ihres Unrechts erfolgt sei, und nur wenn sie sich schuldig fühlte, konnte er ihre Uebertretung ungefährdet benutzen.

Dabei war er nicht groß genug, um frei von Eitelkeit zu sein, und gerade diese letztere fühlte sich tief verletzt durch den stolzen Widerstand der Prinzessin.

Als er Pentaur befahl, ihr strafend gegenüber zu treten, hatte er gehofft, seinen Ehrgeiz zu wecken durch das stolze Gefühl, Gewalt zu haben über die Mächtigen der Erde.

Und nun?

Wie hatte sein begeisterter Bewunderer, der hoffnungsvollste unter all' seinen Schülern, seine Probe bestanden!

Sein Lebensideal, die unbeschränkte Herrschaft der priesterlichen Idee über die Geister und der Priesterschaft selbst über den König, war bisher von diesem seltsamen Jüngling unverstanden geblieben.

Er sollte es begreifen lernen!

»Hier als letzter unter hundert höher Gestellten wird die Widerstandskraft dieser schwungvollen Seele gereizt,« sagte sich Ameni. »Im Tempel der Hatasu wird er über tiefer stehende Opferschlächter und Rauchpfannenschwenker zu gebieten haben und, Gehorsam fordernd, die Nothwendigkeit desselben schätzen lernen. Der Rebell, dem ein Thron zufällt, wird zum Tyrannen!

»Pentaur's Dichterseele,« so dachte er weiter, »hat sich schnell den Reizen Bent-Anat's gefangen gegeben, und welches Weib widerstünde diesem Hochbegnadigten, der in Schönheit wie Ra Harmachis strahlt und von dessen Lippen die süße Rede Techuti'sToth-Hermes. Anmerkung 16. fließt! Sie dürfen einander nicht wiedersehen, denn kein Band darf ihn mit dem Hause des Ramses verknüpfen.«

Von Neuem schritt er auf und nieder und murmelte: »Was ist das!? Wie Palmen das niedere Gewächs, überragten zwei meiner Schüler an Geist und Gaben ihre Genossen. Ich erzog sie zu meinen Nachfolgern, zu den Erben meiner Bestrebungen und Hoffnungen.

»MesuDer ägyptische Name des Mose, den wir als einen Zeitgenossen des Ramses, unter dessen Nachfolger der Auszug der Juden stattfand, betrachten dürfen. fiel ab und Pentaur möchte ihm folgen.

»Muß mein Ziel schlecht sein, weil es die Edelsten nicht anzulocken vermag? Mit nichten! Jene fühlen sich von besserem Stoffe als ihre Schicksalsgenossen, gestalten sich ihr eigenes Gesetz und scheuen sich, das Höhere in dem Geringeren aufgehen zu sehen; ich aber denke anders, mische mich wie ein eisenhaltiger Bach am Libanon mit dem großen Strome und färbe ihn mit meiner Farbe.«

Solches denkend blieb Ameni stehen.

Dann rief er einen der sogenannten heiligen Väter, seinen Geheimschreiber und sagte: »Setze sogleich ein an alle Priesterkollegien des Landes zu sendendes Schreiben auf. Theile ihnen mit, daß die Tochter des Ramses sich gegen das Gesetz schwer vergangen und verunreinigt habe, und schreibe ihnen vor, daß man öffentliche, hörst Du, ›öffentliche‹ Gebete für ihre Reinigung in allen Tempeln sprechen möge. Lege mir den Brief in einer Stunde zur Unterschrift vor! Doch nein! Gib mir Dein Rohr und Deine Palette, ich werde die Verordnung selbst verfassen!«

Der »heilige Vater« reichte ihm das Schreibzeug und trat in den Hintergrund des Zimmers; Ameni aber murmelte. »Der König will uns unerhörte Gewalt anthun. Wohl! Dieß Schreiben sei der erste Pfeil als Entgegnung auf seinen Lanzenwurf.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.