Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Georg Ebers: Uarda - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.

Während Bent-Anat die aus dem Feuer gerettete Uarda auf der Brandstätte in's Leben zurück zu rufen versuchte, hatte Rameri Aerzte herbeigerufen und war ihnen in das Zelt seiner Schwester gefolgt. Dort schaute er mit zärtlicher Besorgniß dem halb erstickten, immer noch der Besinnung beraubten, doch unverwundeten Mädchen in's Antlitz und ergriff endlich ihre kleine Hand, um seine Lippen auf ihre Fingerspitzen zu drücken; Bent-Anat aber wies ihn von der Jungfrau zurück. Da bat er sie mit bewegter Stimme, ihm nicht zu wehren, und erzählte ihr leise, wie lieb ihm ihre Retterin seit dem Kampf in der Todtenstadt geworden sei, daß er seit seinem Aufbruch aus Syrien Tag und Nacht an sie gedacht habe, und daß er sich Uarda zum Weibe wünsche.

Bent-Anat erschrak und erinnerte den Bruder an den, den Stamm ihres Vaters befleckenden Makel, durch den sie selbst so schwer gelitten; Rameri aber entgegnete ihr lebhaft: »Die Mutter bestimmt in Aegypten die Herkunft der Menschen, und des braven Kaschta verstorbenes Weib . . . .«

»Ich weiß,« unterbrach ihn Bent-Anat. »Der Arzt Nebsecht erzählte uns schon, sie sei eine stumme Kriegsgefangene gewesen, und ich glaube selbst, daß sie keinem geringen Hause entstammte, denn edel ist Uarda's Bildung.«

»Und zart ihre Haut wie die weichen Blätter einer Blume,« rief Rameri. »Ihre Stimme klingt wie lauteres Gold und . . . . Aber sieh' nur, sie regt sich. Uarda, schlage die Augen auf, Uarda! Wenn die eine Sonne sich zeigt, so preisen wir die Götter. Schlage die Augen auf! Wie will ich jubeln und danken, wenn die beiden Sonnen auf einmal aufgehen!«

Bent-Anat zog lächelnd ihren Bruder von der tief Aufathmenden zurück, denn in das Zelt trat ein Arzt, um mitzutheilen, ein warmes Kräuterbad, das Uarda herstellen würde, stünde bereit.

Die Prinzessin befahl ihren Dienerinnen, der Bewußtlosen Hülfe zu leisten, und schickte sich selbst an, ihr zu folgen, als ein Bote ihres Vaters sie in das Zelt des Königs berief.

Bent-Anat ahnte, was ihr diese Ladung bedeute, und bat Rameri, da sie sich festlich zu kleiden habe, sie allein zu lassen.

Uarda sollte nach dem Bade während ihrer eigenen Abwesenheit der Pflege ihrer Freundin Nefert anvertraut werden.

»Sie ist freundlich und gut und kennt Uarda,« sagte Bent-Anat, »und ihrem zwischen dem tiefen Weh und lang entbehrten Liebesglück hin und her schwankenden Herzen wird die Sorge für dieß liebe Geschöpf wohlthun. Der Vater hat Mena auf mehrere Tage des Dienstes entbunden und ich gab sie frei, denn die Zeit, in der wir einander nöthig waren, hat gestern ihr Ende erreicht. Ich denke, Rameri, es wird uns nach unserer Rettung aus dem schrecklichen Brande ergehen wie dem heiligen Bennu-Vogel, der nach Heliopolis kommt, um sich zu verbrennen, und jung und glänzend, glückselig und beglückend aus seiner Asche emporsteigt.«

Als sie allein war, warf sie sich vor dem Ahnenbilde ihrer Mutter nieder und betete lange, dann goß sie als Opfer Wohlgerüche auf den kleinen Altar der Göttin Hathor, der sie stets begleitete, ließ sich mit froher Zuversicht im Herzen für ihren Vater und auch – sie verhehlte es sich nicht – für Pentaur schmücken, trat dann in Nefert's Zelt, um sie zu ersuchen, Uarda zu pflegen, und folgte endlich dem Rufe des Königs, der, wie wir wissen, ihre Hoffnungen zur Wahrheit machte.

Als Rameri aus dem Zelt seiner Schwester in's Freie trat, sah er wie die Wachen einen Knaben ergriffen und fortführten. Das Kind weinte bitterlich und der Prinz erkannte in ihm den kleinen Bildhauer Scherau, der ihm bei Uarda des Statthalters Anschläge verrathen hatte und den er auch auf der Brandstätte gesehen zu haben meinte. Die Schildwachen hatten ihn mehrmals von dem Zelte der Prinzessin fortgewiesen, er aber war immer wieder zurückgekehrt und diese seine Beharrlichkeit hatte das Mißtrauen eines Offiziers wachgerufen, denn seit dem Brande liefen hundert Gerüchte von Verschwörungen und Anschlägen gegen die königliche Familie durch das Lager.

Rameri befreite den kleinen Verhafteten sogleich, ließ sich von ihm erzählen, daß die alte Hekt vor ihrem Tode den Rothbart Kaschta und seine Tochter zur Rettung des Königs ausgesandt, daß auch er die Krieger geweckt und nun gar keine Heimat habe und zu Uarda wolle.

Der Prinz führte den Kleinen selbst zu Nefert und bat sie, ihm zu gestatten, die Gerettete wiederzusehen und ihn bei ihren Dienern zu lassen, bis er von seinem Vater zurückgekehrt sein werde.

Die Aerzte hatten Uarda's Zustand richtig beurtheilt, denn im Bade kam sie wieder zu sich und als man sie, frisch gekleidet und durch wohlthuende Essenzen und Arzneien, die man sie einathmen und trinken ließ, gestärkt, in Nefert's Zelt führte, erstaunte Mena, der sie zum ersten Male sah, über ihre eigentümliche rührende Schönheit.

»Sie gleicht der Tochter des Danaerfürsten, die ich für ihren Vater in meinem Zelte bewahrte,« sagte er, »aber sie ist jünger und wohl auch schöner als sie.«

Der kleine Scherau kam, um sie zu begrüßen, und sie freute sich über den Knaben; aber sie war traurig und so gütig Nefert ihr auch zusprach, blieb sie doch in sich versunken und schweigsam und von Zeit zu Zeit rann eine einzelne schwere Thräne über ihre Wangen.

»Du hast Deinen Vater verloren,« sagte Nefert tröstend, »ich Mutter und Bruder an einem Tage.«

»Kaschta war rauh, aber gut,« gab Uarda zurück. »Ich werde ihn immer lieb behalten. Er glich den Früchten der Dompalme. Hart wie Knochen ist ihre Schale, aber wer sie zu öffnen versteht, der findet darin süße Speise. Nun ist er todt und meine Mutter und Großeltern sind ihm vorangegangen und ich bin wie das Baumblatt, das ich bei unserer Fahrt hierher auf dem Meere schwimmen sah. Etwas Einsameres als das hab' ich nie gesehen, denn ganz losgelöst von allem ihm Verwandten und Lieben schwamm es auf dem fremden Elemente, auf dem nichts jemals gediehen ist und gedeihen kann, was ihm gleich sieht.«

Nefert küßte ihre Stirn und sagte: »Du hast Freunde, die Dich nicht verlassen werden.«

»Ich weiß, ich weiß,« erwiederte Uarda nachdenklich, »und doch bin ich erst jetzt recht einsam. Als ich noch in Theben war, hab' ich oft den wilden Schwänen nachgeblickt. Wenn sie ziehen, so fliegen einige voran, dann kommt das wandernde Volk und zuletzt, oft in weiten Abständen, ein Nachzügler hinter den anderen. Auch den letzten von ihnen nenn' ich nicht einsam, denn er sieht ja noch seine Brüder vor sich. Aber wenn die Jäger die niedrig fliegenden Zurückbleibenden fortschießen und nur der letzte zurückbleibt und dem Schwarm nicht mehr folgen kann, ihn aus den Augen verliert und weiß, daß er ihn niemals wieder zu finden und zu erreichen vermag, dann erst ist er beklagenswerth. Mir ist weh um's Herz wie dem müden Vogel, denn heute hab' ich Die, zu denen ich gehöre, aus den Augen verloren und bin allein und kann sie niemals wiederfinden.«

»In einem edlern Geschlecht als dem, zu welchem Du durch Deine Geburt gehörst, wirst Du Aufnahme finden,« tröstete Nefert.

Da flammten Uarda's Augen auf, und stolz, beinah trotzig sagte sie: »Mein Geschlecht ist das meiner Mutter, die keinem geringen Hause entstammte. Warum ich heute Morgen umgekehrt bin in den Rauch und in das Feuer, nachdem ich schon wieder, aufathmend, die freie Gottesluft empfand, – was mich zurücktrieb, weil es mir werth schien, dafür zu sterben, das war das Erbtheil meiner Mutter, welches ich mit meinen Feierkleidern fortgelegt hatte, als ich dem schlechten Nemu in's Lager folgte. In den Tod stürzte ich mich, um das Kleinod zu retten, aber wahrlich nicht weil es aus Gold bestand und edlen Steinen! denn ich will nicht reich sein, und zur Nahrung genügt mir ein Stückchen Brod, eine Dattel, eine Schale voll Wasser; – aber weil es in fremder Schrift einen Namen enthielt und weil ich glaubte, es würde mit seiner Hülfe gelingen, das Haus zu entdecken, aus dem meine Mutter geraubt worden ist. Nun hab' ich das Kleinod verloren und mit ihm meinen Stamm, meine Hoffnung, mein Glück.«

Uarda schluchzte laut auf. Nefert näherte sich ihr liebreich und fragte: »Armes Kind, ist Dein Schatz ein Opfer der Flammen geworden?«

»Nein, nein!« rief Uarda lebhaft. »Ich hab' es aus meiner Truhe gerissen und hielt es in der Hand, als Nebsecht mich auf die Arme nahm, und ich hatte es noch, als ich, gerettet, dem brennenden Hause gegenüber lag und Bent-Anat mich pflegte und Rameri auf mich zutrat. Wie im Traume sah ich ihn vor mir und erwachte ein wenig und griff gleich nach dem Kleinod und fühlt' es in meinen Fingern.«

»So ging es auf dem Wege hieher verloren?« fragte Nefert.

Uarda nickte bejahend; der kleine Scherau aber, der neben ihr auf dem Boden gekauert hatte, erhob sich und schlich mit einem zärtlichen, thränenfeuchten Blick auf Uarda zur Zeltthür hinaus.

Stunden vergingen; Uarda schaute schweigend zu Boden und Nefert saß Hand in Hand mit Mena und dachte ihrer Verstorbenen.

Es war sehr still in dem Zelte und die Trauer warf finstere Schatten über das Glück der wiedervereinigten Gatten.

Von dem Zelte des Königs her tönten dann und wann Trompetenstöße. Zuerst, als die asiatischen Fürsten ihren Einzug in die Versammlungshalle hielten, dann als der Danaer sich entfernte und endlich, als der Pharao mir den Besiegten zum Gastmahle schritt.

Der Rosselenker dachte seines Herrn, seiner durch seines Weibes Vertrauen zurückerlangten Würde und drückte Nefert dankbar die Hand.

Da ward es laut vor seinem Zelte und ein Offizier betrat dasselbe, um Mena mitzutheilen, daß der König der Danaer und seine Tochter, von Leibwächtern des Könige geleitet, gekommen waren und ihn und Nefert zu sehen und zu sprechen verlangten.

Die Zeltthore wurden weit geöffnet.

Uarda trat bescheiden in den Hintergrund des Raumes zurück und Mena und Nefert schritten Hand in Hand ihren unerwarteten Gästen entgegen.

Der Danaerfürst war ein älterer Mann. Sein Bart und sein volles Haupthaar waren ergraut, aber seine Bewegungen jugendlich lebhaft und dennoch gemessen und edel. Faltenreich waren seine männlichen, ebenmäßigen Züge, groß, klar und heiter seine blauen Augen, aber an seinem feinen Munde zeigten sich Furchen, die der Kummer gezogen.

Seine neben ihm wandelnde Tochter, deren langes, weißes, mit Purpurstreifen umsäumtes Gewand über den Hüften von einem goldenen Gürtel zusammengehalten und deren goldblondes Haar an der Stirn von einem Diadem gekrönt ward und am Hinterkopfe in vollen Locken auf den Hals herniederwallte, war von mittlerer Größe, aber in jeder Bewegung edel und maßvoll wie ihr Vater. Schmal war ihre reine Stirn und bildete eine Linie mit der fein geschnittenen Nase, freundlich ihr rother Mund und wunderbar schön die Vermittelung des Ovals ihres Antlitzes mit dem schneeweißen Halse.

Neben diesem Paare schritt der Dolmetscher, welcher jedes von den Besuchern und ihren Wirthen gesprochene Wort übersetzte. Hinter ihm wandelten zwei Männer und eben so viel Frauen, jene Geschenke für Mena, diese für seine Gemahlin tragend.

Der Danaerfürst pries den Edelsinn des Rosselenkers mit warmen Worten.

»Du zeigtest mir,« sagte er, »daß die Tugenden der Dankbarkeit, der Enthaltsamkeit und der Treue auch von den Aegyptern geübt werden. Freilich erscheint mir Dein Verdienst, o Mena, geringer, seitdem ich Deine Gattin gesehen, denn wer das Schönste besitzt, enthält sich leicht des Wunsches, das Schöne für sich zu begehren.«

Nefert erröthete und gab ihm zurück: »Deine Großmuth beraubt Deine Tochter, um mich zu bereichern, und die Liebe bewog vielleicht meinen Gatten zu dem gleichen Unrecht, das Dein schönes Kind euch und mir vergeben möge.«

Praxilla trat ihr nun näher, sprach ihr und Mena ihren Dank aus und überreichte ihr das kostbare Diadem, die goldenen Spangen und seltenen Perlenschnüre, welche ihre Dienerinnen trugen. Ihr Vater bat Mena, einen Panzer und einen Schild von kunstreicher getriebener Silberarbeit von ihm anzunehmen.

Dann folgten Beide den Gatten in das Zelt, um sich dort als willkommene Gäste mit Wein und Brod bewirthen und ehren zu lassen.

Während ihr Vater Mena Bescheid that, theilte Praxilla mit Hülfe des Dolmetschers Nefert mit, wie entsetzliche Stunden sie verlebt habe, als sie, nachdem die Aegypter sie gefangen genommen, mit der übrigen Kriegsbeute im Lager des Ramses aufgestellt worden sei, wie ein älterer Befehlshaber sie für sich in Anspruch genommen, Mena aber ihr die Hand gereicht, sie in sein Zelt geführt und dort wie sein Kind gehalten habe. Tiefe Rührung klang aus ihrer und selbst aus des Dolmetschers Stimme, als sie solches erzählte und mit den Worten schloß: »Wie dankbar ich ihm bin, wirst Du erst recht verstehen, wenn ich Dir mittheile, daß der mir bestimmte Gatte bei der Verteidigung unseres Lagers vor meinen Augen verwundet zusammensank. Er ist genesen und bei meiner Heimkehr wartet unser die Hochzeit.«

»Also mögen die Götter es fügen!« rief der Danaer, »denn Praxilla ist der letzte Sproß meines Hauses. Vier blühende Söhne raubte mir, ehe sie ein Weib genommen, der männermordende Krieg und mein Eidam fiel von ägyptischen Händen bei der Verteidigung unseres Lagers, das mitsammt seinem Weib und neugeborenen Sohn in eure Hände fiel. So ist Praxilla mein jüngstes Kind, das einzige, das mir die neidischen Götter gelassen.«

Während er solches sprach, hörte man die Wachen rufen, eine Kinderstimme sich laut erheben und gleich darauf stürzte der kleine Scherau mit hocherhobener Hand in das Zelt und rief. »Ich hab' es, ich hab' es gefunden!«

Uarda, die sich hinter den den Schlafraum des Zeltes verschließenden Vorhang zurückgezogen, aber jedem Worte des Danaers mit Spannung gelauscht und kein Auge von der weißen und blonden Praxilla verwandt hatte, trat jetzt erregt und entschlossen mitten in das Zelt und nahm das Kleinod dem Knaben aus der Hand, um es dem Danaerfürsten zu zeigen, denn während sie Praxilla angeschaut hatte, war es ihr gewesen, als sähe sie sich im Spiegel und die Vermuthung war in ihr lebendig geworden, daß ihre Mutter ein Danaerweib gewesen.

Laut pochte ihr Herz, da sie sich bescheiden mit gesenktem Haupt als Bittende und ihr Kleinod hoch haltend dem Fürsten nahte.

Staunend blickten die Anwesenden auf den alten Helden, denn seine hohe Gestalt begann zu wanken, abwehrend streckte er seine Arme gegen Uarda aus und rückwärts schreitend rief er: »Xanthe, Xanthe! Läßt Hades seine Schatten frei? Willst Du mich rufen?«

Praxilla sah erschreckt auf den Vater, staunend auf Uarda; plötzlich aber stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, riß eine Kette von ihrem Halse, eilte auf Uarda zu, nahm das Kleinod aus ihrer Hand und rief: »Hier ist sie, hier ist sie, die andere Hälfte des Schmuckes meiner armen Schwester Xanthe!«

Tief ergreifend war der Anblick des alternden Fürsten, sein Ringen nach Fassung und die Zärtlichkeit, mit der er Uarda anschaute. Seine starken Hände zitterten, als er seiner Tochter Praxilla's und Uarda's Geschmeide zusammenpaßte. Beide Stücke waren einander vollkommen gleich. Ein jedes stellte den Flügel eines Adlers dar, welcher von einem mit Schrift bedeckten Halboval ausging. Legte man beide zusammen, so ergab sich die Gestalt des seine Schwingen ausbreitenden Vogels, auf dessen Brust in zierlichen, bei ihrem Durchschnitt genau an einander passenden Zeilen folgender Räthselspruch zu lesen war:

»Eins ist ein nichtiges Ding, ein ärmlich prunkender Zierat,
    Doch mit dem Zweiten vereint wird es zum Liebling des Zeus.«

Ein flüchtiger Blick auf diese Worte zeigte dem Danaer, daß er das Geschmeide in der Hand halte, welches er mit eigener Hand seiner Tochter Xanthe bei ihrer Hochzeit um den Hals gehängt und dessen andere Hälfte damals ihre Mutter, von der Praxilla sie ererbte, getragen hatte. Das Kleinod war ursprünglich für seine Gemahlin und ihre früh verstorbene Zwillingsschwester verfertigt worden.

Ehe er Erkundigungen einzog und nach Erklärungen forschte, faßte der Fürst Uarda's Haupt, richtete ihr Antlitz mit beiden Händen dem seinen entgegen und schaute in ihre lieblichen Züge wie in ein Buch, in welchem er die Geschichte der seligsten Stunden seines Lebens verzeichnet zu finden erwarte, und das Mädchen fürchtete sich nicht und wehrte ihm nicht, als er seine Lippen auf ihre Stirn drückte, denn sie wußte, daß sie diesem Manne verwandt sei.

Endlich winkte der Danaer dem Dolmetscher. Uarda wurde befragt, was sie von ihrer Mutter wisse, und erzählte nun, daß sie mit einem bald darauf verstorbenen Knäblein als Kriegsgefangene nach Theben gebracht worden sei, daß ihr Vater sie gekauft und zum Weibe genommen und trotz ihrer Stummheit sehr geliebt habe.

Nach diesem Bericht erkannte sie der Fürst als seine Enkelin an, legte sie in Praxilla's Arme und erzählte Mena und Nefert, daß vor zwanzig Jahren bei einem Ueberfall des Lagers sein Schwiegersohn erschlagen und dessen Weib, seine Tochter Xanthe, deren Ebenbild Uarda sei, mit dem Knäblein an ihrer Brust fortgeschleppt worden wäre. Erschreckt durch die Nachricht von dem Geschehenen starb seine Gemahlin, die ihm wenige Wochen vorher Praxilla geboren hatte. Alle Nachforschungen nach Xanthe und ihrem Kinde waren fruchtlos geblieben, doch erinnerte sich der Fürst, eine Anfrage von Seiten der Aegypter, denen er hohes Lösegeld geboten, ob seine Tochter stumm sei, mit »Nein« beantwortet zu haben. Xanthe hatte vor Kummer und Schreck die Sprache verloren.

Namenlos war die Freude des Fürsten und Uarda ward nicht müde, ihn und seine Tochter zu betrachten und ihre Hände zu erfassen.

Dann wandte sie sich an den Dolmetscher und fragte: »Was heißt: ich bin sehr glücklich?« Lächelnd sprach sie ihm nach und fragte dann weiter. »Wie sag' ich: Uarda will euch von Herzen lieben?« Und auch das wiederholte sie und der verstümmelte Satz klang so innig, so tief empfunden, daß ihr Großvater sie an sein Herz zog.

In Nefert's Augen schwammen Thränen der Rührung und als Uarda sich auch ihr in die Arme warf, sagte sie: »Der verlassene Schwan hat sein Volt, das einsame Blatt seinen Baum wieder gefunden und darf glücklich sein.«

So verging eine Stunde der reinsten Wonne.

Endlich schickte sich der Danaerfürst zum Aufbruch an und wünschte Uarda mit sich zu nehmen; Mena aber bat um Erlaubnis, dem Pharao und seiner Tochter das Geschehene mitzutheilen, denn Uarda gehöre der Letztern an, sei ihm von Bent-Anat anvertraut worden und er dürfe sie nicht, ehe er die Prinzessin gefragt habe, fremden Händen übergeben.

Ohne des Danaers Antwort abzuwarten, verließ er sein Zelt, schaffte sich Zutritt zu dem Gastmahle des Königs und wir wissen bereits, daß ihm Ramses alsbald mit Bent-Anat und Rameri folgte.

Unterwegs gab Mena mit bewegten Worten ein Bild des ergreifenden Vorgangs, dem er soeben beigewohnt hatte, und Ramses fragte seinen Sohn mit einem Seitenblick auf Bent-Anat: »Wärest Du bereit, Deinen Fehler gut zu machen und durch Deine Verlobung mit seiner Enkelin den Danaerfürsten für uns zu gewinnen?«

Der Prinz fand keine Worte, aber er ergriff die Hand seines Vaters und küßte sie so stürmisch, daß Ramses sie ihm entzog und mit dem Finger drohend sagte: »Ich glaube, mein Freund, Du bist uns zuvorgekommen und hast hinter unserem Rücken Staatskunst getrieben!«

Vor Mena's Zelt fand Ramses seinen stolzen Gegner und wollte ihm die Hand reichen, der Danaer aber war schon vor ihm niedergesunken wie die anderen Fürsten und sagte: »Sieh' in mir nicht den Krieger und König, sondern den bittenden Vater. Laß uns Frieden schließen und gestatte mir, daß ich dieses Mädchen, meine Enkelin, mit mir nehme in meine und ihre Heimat.«

Ramses hob den Greis vom Boden auf, reichte ihm seine Rechte und sagte gütig: »Was Du forderst, vermag ich nur zur Hälfte zu gewähren. Ein festes Bündniß und guten, dauernden Frieden biete ich, der König von Aegypten, Dir aus gutem Herzen; wegen dieser schönen Jungfrau aber hast Du mit meinen Kindern zu verhandeln, erstlich mit dieser meiner Tochter Bent-Anat, zu deren Frauen sie gehört, und dann mit dem von Dir gelösten Gefangenen dort, meinem Sohn Rameri, der Uarda zum Weibe begehrt.«

»Ich übertrage meine Rechte auf meinen Bruder,« sagte Bent-Anat, »und frage Dich, Mädchen, ob Du ihn als Deinen Herrn anzuerkennen geneigt bist?«

Uarda nickte bejahend und schaute ihren Großvater mit einem Blick an, den er auch ohne Dolmetscher verstand.

»Ich kenne Dich wohl,« sagte der Fürst, sich an Rameri wendend. »Wir standen einander in der Schlacht gegenüber und ich nahm Dich, als Du betäubt von dem Schlage meines Schwertes vom Wagen sankest, gefangen. Zu stürmisch bist Du noch; aber den Fehler verbessert die Zeit, wenn man ein Held ist von Deiner Art. Höre mich nun, und Du auch, großer Pharao, vergönne mir einige Worte. Laß uns diese Beiden verloben und möge ihre Vereinigung unser Bündniß festigen; aber erst vergönne mir die lang Entbehrte ein Jahr lang bei mir zu behalten, damit ich mich ihrer freue und von ihren Lippen die Sprache ihrer Mutter, die ihr mir fortnahmt, vernehme. Jung sind sie Beide, nach den Bräuchen des Danaerlandes, in dem die Männer und Frauen später reifen als in Deinem Reiche, zu jung fast für den ernsten Bund einer Ehe. Aber Eins vor allem Andern sollte auch euch bestimmen, meinem Wunsche zu willfahren. In niederer Umgebung erwuchs diese Tochter eines edlen Stammes; sie hat hier kein Haus, keine Heimat. Am Wege gleichsam mußte der Prinz um sie werben; doch wenn sie mir folgt, so kann des Pharao Sohn als Freier in den Palast eines Fürsten treten und königlich sei die Hochzeit, die ich ihnen rüste.«

»Gerecht und weise ist, was Du verlangst,« gab Ramses zurück. »Nimm Dein Enkelkind mit Dir als Verlobte Braut meines Sohnes, als unsere künftige Tochter. Ihr Beiden reicht mir die Hände! Geduld wird es euch zu üben gelten, denn Rameri bleibt von heute an ein volles Jahr in Aegypten, zu Deinem Vortheil, Du liebliches Kind, denn der Gehorsam, den er beim Dienst im Heere erlernen wird, kommt einst seiner künftigen Gattin zu gute. Dir, Rameri, soll heute über ein Jahr, und ich denke, Du wirst den Tag nicht vergessen, im Hafen von Pelusium ein tüchtiges, mit phönizischen Leuten bemanntes Meerschiff zur Verfügung stehen, das Dich zum Danaerlande führen mag und zur Hochzeit.«

»So sei es!« rief der Greis, »und bei Zeus, der die Eide vernimmt, ich enthalte Xanthe's Tochter Deinem Sohne nicht vor, wenn er naht.«

Als Rameri in das Zelt zu seinen Brüdern zurückkehrte, warf er sich jedem Einzelnen an die Brust und nahm, als er mit ihrem mürrischen Hausmeister allein war, ihm die Perrücke vom Kopfe, warf sie hoch in die Luft und streichelte die Wangen des würdigen Beamten, während er sie ihm wieder aufsetzte.

 << Kapitel 45  Kapitel 47 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.