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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zwölftes Kapitel.

Ueber der pelusinischen Ebene glänzten vom wolkenlosen Himmelsgewölbe Mond und Sterne. In weißlichem Lichte schimmerten wie Schneehügel durch die Nacht die leichten Dächer von tausend Zelten, unter denen hier die heimgekehrten Krieger schlummerten, dort die zum Empfang des Königs herbeigeströmten Aegypter ruhten.

In dem Lager der Soldaten war es hoch hergegangen. Drei ungeheure bekränzte Weinschläuche, welchen bei jeder Bewegung der von dreißig Ochsen gezogenen Fuhrwerke, auf denen sie lagen, Rebensaft entfloß, fuhren durch die Zeltstraßen hin und her, und als es dunkelte, wurden an vielen Stellen des Lagers Schenktische aufgeschlagen, bei denen des Statthalters Diener die Truppen mit weißem und rothem Wein bewirtheten.

Die Zelte der den Pharao empfangenden ägyptischen Bürger waren von dem Prachtbau des Ani nur durch den schnell hergestellten Garten, in dessen Mitte er stand, und den ihn umgebenden Zaun getrennt.

Die Lagerwohnung des Statthalters zeichnete sich vor allen anderen durch Glanz und Größe aus. Zu ihrer Rechten erhoben sich die leichten Behausungen für die Deputationen der Priesterkollegien, zu ihrer Linken die seines Hofstaats. Unter den letzteren befanden sich auch die Zelte seiner Freundin Katuti, ein größeres für ihren eigene Bedarf und mehrere kleinere für ihre Dienerschaft bestimmte.

Hinter Ani's Wohnung stand ein mit hohen, einer spanischen Wand vergleichbaren Leinwandschranken umgebenes Zelt, in dem die alte Hekt hauste, welche Ani heimlich in seinem eigenen Boote mit sich geführt hatte.

Nur Katuti und seine vertrautesten Diener wußten, wer hinter den Schranken des geheimnißvollen Zeltes sein Wesen trieb.

Die Hexe hockte, während die Gäste in Ani's Halle schmausten, auf dem sandigen Boden ihrer engen, von einem kegelförmigen Leinwanddach überwölbten Behausung. Sie athmete schwer, und Herzkrämpfe, an denen sie schon lange gelitten hatte, gefährdeten sie jetzt häufiger und ernstlicher.

Vor ihr brannte ein kleines Lämpchen von rothem Thon und auf ihrem Schooße hockte ein kranker Sperber. Das Thierchen zuckte oft zusammen und schloß mit seinen weißlichen Lidern die Augen, welche grimmig auffunkelten, wenn es Hekt in die dürre Hand nahm, um ihm Luft in den gekrümmten, immer noch kampfbereiten Schnabel zu blasen.

Zu ihren Füßen lag auf einer Matte der kleine Scherau und schlief.

Jetzt stieß sie das Kind mit dem Fuße und sagte, als es sich schlaftrunken aufrichtete: »Du hast junge Ohren; mir war es, als hätte in Ani's Zelt ein Weib geschrieen. Hörst Du etwas?«

»Freilich,« sagte der Kleine, »es klingt wie Gewimmer, aber jetzt, das war ein Schrei. Von dort kam er, aus Nemu's Zelt.«

»Krieche hier durch,« befahl die Alte, »und sieh, was es gibt.«

Das Kind gehorchte, die Hexe beschäftigte sich wieder mit dem Vogel, der nun nicht mehr hockte, sondern auf der Seite lag, aber immer noch seine Krallen zu brauchen versuchte, wenn sie ihn anfaßte.

»Er verendet,« murmelte die Alte, »und der, den ich Ramses nannte, wird immer glätter. Das ist ja Alles Unsinn, und doch, doch! des Statthalters Spiel geht zu Ende und er verliert es! Da streckt sich das Vieh, da fällt sein Kopf, da zuckt es zusammen, da beißt es noch einmal in mein Kleid und jetzt ist es todt.«

Eine Zeitlang behielt sie den Leichnam des Sperbers auf ihrem Schooße, dann nahm sie ihn auf, warf ihn in eine Ecke des Zeltes und rief dabei: »Gute Nacht, König Ani, es wird nichts mit der Krone!«

Die Alte schaute nachdenklich zu Boden und murmelte vor sich hin: »Was sie nur noch vorhaben? Zwanzigmal hat er gefragt, ob das große Unternehmen gelingen werde oder nicht. Als ob ich das besser wüßte als er! Auch Nemu deutete Allerlei an, aber zum ersten Male wollt' er nicht reden. Es geht etwas vor, und ich, und ich? – Da kommt es wieder.«

Die Alte drückte ihre Hand auf's Herz, schloß die Augen und ihre Züge verzogen sich schmerzlich. Sie bemerkte nicht Scherau's Rückkehr, sie hörte nicht, daß er sie beim Namen rief und, als sie ihm nichts antwortete, sie wieder verließ.

Wohl eine Stunde lang blieb sie ohne Besinnung, dann erwachte wiederum die Thätigkeit ihres Geistes, aber es war ihr, als flössen statt des warmen Blutes kalte Tropfen langsam durch ihre Adern.

»Hätt' ich für mich selbst einen Sperber gehalten,« murmelte sie bitter vor sich hin, »der folgte bald dem andern in die Ecke! Ob Ani Wort hält und mich balsamiren läßt? Wie sollt' er, da es ja auch mit ihm zu Ende geht! Verfaulen lassen sie mich, verwesen und es gibt für mich kein Jenseits und kein Wiedersehen mit Assa.«

Die Alte schwieg lange; endlich murmelte sie düster zu Boden blickend: »Erlösung bringt der Tod und wär' es nur von der Qual der Erinnerung. Aber es gibt auch ein Leben im Jenseits; ich lasse die Hoffnung nicht, ich will sie nicht lassen! Die Verstorbenen sollen da gleichberechtigt und den nämlichen Gesetzen unterworfen sein. Wo werd' ich ihn finden; bei den Seligen oder bei den Verdammten? Und ich? und ich? Gleichviel! Je tiefer der Abgrund ist, in den sie mich stoßen, je besser! Kann Assa, wenn er selig geworden ist, selig bleiben, wenn er sieht, bis wohin er mich brachte? Balsamiren müssen sie mich, ich darf nicht verwesen und verwehen, mich nicht auflösen in Nichts!«

Während sie diese Worte murmelte, trat der Zwerg Nemu leise in ihr Zelt.

Scherau war, als er die Alte besinnungslos fand, zu ihm gelaufen und hatte ihm mitgetheilt, seine Mutter läge mit geschlossenen Augen am Boden und sterbe.

Als die Alte den Zwerg bemerkte, sagte sie: »Gut, daß Du kommst. Ich werde todt sein, ehe die Sonne ausgeht.«

»Mutter!« rief der Kleine erschrocken. »Leben sollst Du, und besser leben als bisher, denn Großes ist für uns im Werke.«

»Ich weiß, ich weiß,« sagte die Hexe. »Hinaus mit Dir, Scherau! Flüstere mir jetzt in's Ohr, was ihr vorhabt.«

Der Zwerg konnte sich dem bannenden Blick ihrer Augen nicht entziehen, näherte sich ihr und sagte leise: »Der Bau, in dem der König mit den Seinen schläft, besteht aus Holz; Stroh und Pech liegt zwischen den Wänden und unter den Dielen. Sobald sie zur Ruhe gegangen sind, legen wir die Flammen an die Zünder. Die Wächter sind schwer berauscht und schlafen.«

»Gut erdacht,« murmelte Hekt. »Hast Du das ersonnen?«

»Meine Herrin und ich,« sagte Nemu nicht ohne Stolz.

»Anschläge zu ersinnen versteht ihr,« sagte die Alte, »aber in der Ausführung seid ihr weniger stark. Blieb der Plan verschwiegen? Habt ihr tüchtige Helfer?«

»Niemand weiß darum,« entgegnete der Zwerg, »außer Katuti, Paaker und ich. Wir Drei entzünden den Brand an den vorgezeichneten Stellen. Ich bin thätig bei den Zimmern Bent-Anat's, Katuti, die man überall zuläßt, bei der zu den oberen Stockwerken führenden Treppe im Innern des Hauses, die durch den Schlag auf eine Feder zusammenfällt, und Paaker unter den Räumen des Königs.«

»Gut, gut; das kann glücken,« stöhnte die Alte. »Aber was war das für ein Weibergeschrei in Deinem Zelte?«

Der Zwerg zauderte mit der Antwort; Hekt aber sagte: »Sprich ohne Scheu. Todte Weiber sind verschwiegen!«

Der Zwerg, welcher vor innerer Erregung zitterte, wies seine Bedenken zurück und flüsterte schnell: »Ich habe die verschwundene Uarda, des Paraschiten Pinem Enkelin, wiedergefunden und hierher gelockt, denn sie und keine Andere soll mein Weib werden, wenn Ani König und Katuti groß ist und mich freigibt und reich macht. Sie steht in der Prinzessin Bent-Anat Diensten, schläft in ihrem Vorgemach und soll nicht mit ihrer Herrin verbrennen. Sie wollte durchaus in den Palast zurück und weil es sie, als wäre sie eine Mücke, nach dem Feuer zog, und sie doch nicht darin umkommen soll, so band ich sie fest.«

»Hat sie sich nicht gewehrt?« fragte die Alte.

»Wie eine Unsinnige,« erwiederte der Zwerg, »aber des Statthalters stummer Sklave, dem sein Herr befohlen, mir heut in allen Dingen zu gehorchen, hat mir geholfen. Wir haben ihr auch den Mund verbunden, damit man ihr Wimmern nicht hört.«

»Laßt ihr sie allein, wenn ihr an's Werk geht?« fragte die Zauberin.

»Ihr Vater bleibt bei ihr.«

»Der Rothbart Kaschta?« fragte die Zauberin erstaunt. »Und er hat euch nicht in Stücke geschlagen wie irdene Töpfe?«

»Er rührt sich nicht,« lachte Nemu, »denn als ich ihn fand, machte ich ihn mit Ani's altem Wein so schwer betrunken, daß er daliegt wie eine Mumie. Von ihm erfuhr ich, wo Uarda steckte, ging zu ihr und lockte sie mit mir, indem ich ihr erzählte, ihr Vater sei schwer erkrankt und bitte sie, ihn noch einmal zu besuchen. Wie eine Gazelle lief sie neben mir her, und als sie den Rothbart regungslos daliegen sah, warf sie sich neben ihm nieder und verlangte nach Wasser, um seine Stirn zu kühlen, denn er redete wie in Fieberträumen von Ratten und Mäusen, die ihn überfallen hätten. Als es später wurde, wollte sie zu ihrer Herrin zurück und da mußten wir denn Gewalt anwenden. Wie schön sie geworden ist, Mutter; Du kannst es nicht glauben!«

»Doch, doch,« sagte Hekt; »Du wirst sie zu hüten haben, wenn sie erst Dein ist.«

»Wie eines Großen Weib will ich sie halten,« rief Nemu, »und eigene Frauen bezahlen, um sie zu bewachen! Aber Katuti ist vorhin mit der Gattin des Mena heimgekehrt, die Sterne gehen nieder und gleich . . . Das war schon das erste Zeichen! Wenn Katuti zum dritten Male pfeift, dann gehen wir an's Werk. Leih' mir Deine Zunderbüchse, Mutter, sie ist besser als die meine.«

»Nimm sie,« sagte Hekt, »ich brauche sie nicht mehr. Gewiß, es ist aus mit mir! Wie Deine Hände zittern! Halte die Schachtel fest, sonst fällt sie zu Boden, eh' Du das Feuer gebohrt hast!«

Der Zwerg sagte der Alten Lebewohl und sie ließ es, ohne sich zu regen, geschehen, daß er sie beim Abschiede küßte.

Als er sie verlassen, lauschte sie tief athmend in die Nacht hinaus. Ihre klugen Augen funkelten und schnelle Gedanken jagten einander in ihrem rastlosen Hirn.

Als sie das zweite Zeichen aus der silbernen Pfeife der Wittwe vernahm, richtete sie sich hoch auf und murmelte: »Der Unglücksvogel Paaker, seine eitle Base und der Knirps da sind auch dem schlafenden Ramses nicht gewachsen. Ani's Sperber ist todt; er hat nichts von dem Schicksale zu hoffen und ich nichts von ihm. Aber wenn Ramses wollte, wenn mir der echte König verpflichtet wäre, dann, ja dann könnte mein alter Leichnam . . . Das ist es! Ja wahrlich, so soll es sein!«

Also redend erhob sie sich mühsam, hinkte tief gebückt und bebend an ihrem Stabe in die Mitte des Zeltes, steckte dort ein Fläschchen und ein Messer zu sich und schleppte sich mit dem Aufgebot der letzten ihr innewohnenden Kräfte, als der dritte Pfiff erschallte, in Nemu's Zelt.

Hier fand sie die an Händen und Füßen gebundene Uarda und den im schweren Schlafe der Trunkenheit am Boden liegenden Kaschta.

Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen, als sie die Hexe erblickte, und der neben ihr kauernde kleine Scherau streckte der Alten bittend und abwehrend die Hände entgegen.

»Nimm das Messer, Junge,« sagte die Hexe, »schneide die Stricke durch, mit der sie das arme Ding gebunden haben. Die PapyrusseileAus der Papyrusstaude wurden nicht nur Blätter zum Schreiben, sondern auch Seile bereitet. Mit Papyrusstricken waren auch die Schiffbrücken zusammengekoppelt, welche Xerxes über den Hellespont legen ließ. sind fest; benütze die Klinge als Säge!«

Während der Kleine freudig seine Kräfte aufbot, um diesem Befehle zu gehorchen, rieb sie dem Rothbart die Schläfe mit der in dem mitgenommenen Fläschchen enthaltenen Essenz und träufelte ihm einige Tropfen derselben auf die Lippen.

Kaschta kam zu sich, dehnte sich und musterte erstaunt seine Umgebung. Sie reichte ihm Wasser, befahl ihm, es zu trinken, und sagte, als Uarda von ihren Banden befreit vor ihr stand:

»Zu wichtigen Dingen haben die Götter Dich ausersehen, Du weißes Mädchen. Höre nun, was die alte Hekt Dir sagt: Des Königs und seiner Kinder Leben ist schwer bedroht. Ich will ihn und die Seinen retten und verlange dafür keinen andern Lohn, als daß er meinen Leichnam wohl balsamiren und zu Theben bestatten läßt. Schwöre mir, daß Du ihm das, wenn Du ihn gerettet hast, wiederholen wirst.«

»Um der Götter willen, was ist im Werke?« rief Uarda außer sich.

»Schwöre, daß Du für meine Bestattung Sorge tragen willst,« wiederholte die Zauberin.

»Ich schwöre!« schrie Uarda. »Aber bei Deinem Leben . . .«

»Katuti, Paaker und Nemu sind ausgegangen, um den Palast, in dem Ramses schlummert, an drei Stellen in Brand zu stecken. Hörst Du, Kaschta? Ihr eilt jetzt Beide den Mordbrennern nach und weckt die Diener und versucht es, den König zu retten.«

»Fort, Vater!« rief das Mädchen und Beide stürzten in die Nacht hinaus.

»Sie ist redlich und wird Wort halten,« murmelte die Alte und versuchte sich in ihr Zelt zurückzuschleppen, aber ihre Kräfte versagten in der Mitte des Weges.

Der kleine Scherau wollte sie unterstützen, doch war er zu schwach, um ihr aufzuhelfen. Im Sande des Weges streckte sie sich aus und schaute in die Ferne. Da sah sie, wie von dem als dunkle Masse vor ihr liegenden Palaste aus erst eine lichter und lichter werdende Wolke, dann schwarzer Rauch, dann, diesen durchbrechend, eine helle Flamme und endlich ein unzählbares Heer von flatternden Funken aufstieg.

»Laufe in's Lager, Junge,« rief sie, »und schreie ›Feuer‹ und wecke die Schläfer.«

Scherau eilte mit laut erhobener Stimme von dannen.

Hekt griff an ihr Herz und murmelte: »Da ist es wieder!«, »Im Jenseits,« »Assa« und nochmals »Assa« und ihre zuckenden Lippen schlossen sich für immer.

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