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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zehntes Kapitel.

Seit der entscheidenden Schlacht bei Kadesch waren beinahe drei Monate vergangen.

Heute ward in dem festen Pelusium, dem Schlüssel Aegyptens für alle von Osten her nahenden Heere,S. Lepsius, Chronologie der Aegypter, S. 338 fgd., woselbst alle Ueberfälle, welche das Nilthal von Osten her zu erleiden hatte, aufgezählt werden. der mit seinen Truppen siegreich heimkehrende Pharao erwartet.

Glänzende Vorkehrungen waren für seinen Empfang getroffen worden, und Derjenige, welcher die festlichen Anordnungen mit einem bei der Gelassenheit seiner Natur doppelt überraschenden Eifer leitete, war kein Geringerer als der Statthalter Ani.

Ueberall sah man seinen Wagen; bald bei den Arbeitern, welche die Triumphbögen mit frischen Blumen auszuschmücken hatten, bald bei den Sklaven, die die für diese besondere Gelegenheit hergestellten hölzernen Löwen an der Straße mit Kränzen umschlangen, bald, und hier verweilte er am längsten, bei dem ungeheuren, schnell aufgeführten Holzpalast auf der Stätte des früheren Hyksoslagers,Das Abaris des Manetho ist Pelusium, wie wir in unserem Aegypten und die Bücher Mose's I. S. 209 bewiesen haben. Spuren der alten Wälle mit festungsartigen Einbiegungen blieben erhalten. Lepsius, Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften, 17. Mai 1866. in welchem das eigentliche Empfangsfest gefeiert werden und der Pharao mit den Seinen wohnen sollte.

Durch das Aufgebot von vielen tausend Menschenkräften war es gelungen, in wenigen Wochen diesen PrachtbauHerodot II. 107 läßt diesen Holzbau zu Daphnä bei Pelusium erbaut worden sein, Diodor I. 57 in Pelusium selbst. Wir können Denen nicht beistimmen, welche den Verrath des Statthalters gegen Ramses III. und nicht gegen Sesostris (Ramses II.) gerichtet sein lassen. Freilich hat unter Ramses III. (s.  Deveria, le Papyrus judiciaire de Turin) eine Haremsverschwörung stattgefunden, welche bezweckte, den Bruder des Pharao auf den Thron von Aegypten zu erheben; aber von dergleichen Palastrevolutionen wird auch sonst erzählt. Schon im alten Reiche, z. B. unter Amenemha I.(12. Dyn.) im Papyrus Sallier II. herzustellen. Es fehlte in demselben nichts, was einem an üppigen Glanz gewöhnten Könige nur immer begehrenswert erscheinen konnte.

Eine hohe Freitreppe führte von einer aus dem Nichts hervorgerufenen Gartenanlage aus in die Vorsäle, hinter denen der Festsaal sich öffnete.

Dieser letztere war von ungewöhnlicher Höhe und seine gewölbte Holzdecke, welche auf blauem Grunde tausend Sterne zeigte und den gestirnten Himmel darstellen sollte, ruhte auf Säulen, von denen einige wie Dattelpalmen, andere wie Cedern vom Libanon gestaltet waren. Die Blätter und die Nadelzweige an ihnen bestanden aus künstlich gefestigten und bemalten Geweben. Zarte Bogen von bläulicher Gaze verbanden die Säulen in der ganzen Breite des Saales. Nur in der Mitte der östlichen Hinterwand der Halle waren sie zu einer Muschel zusammengesteckt, welche, mit grünen und blauen Glasflüssen, Perlmutter, spiegelblanken Marienglasplättchen und anderen glänzenden Zieraten übersäet, sich als Baldachin über den hohen Thron des Pharao breitete. Dieser Königssitz trug die Gestalt eines von Löwen, die als Lehnen zu seinen beiden Seiten ruhten, bewachten Schildes, unter dessen Wucht vier gefesselte asiatische Fürsten zusammenzubrechen schienen.

Schwere Teppiche, welche den Boden des Meeres zur Anschauung brachten, denn sie zeigten auf blauem Grunde verschiedenartige Gestalten von Muscheln, Fischen und Wasserpflanzen, bedeckten den Boden des Festsaals, in welchem für die Großen des Reichs und die Führer des Heeres dreihundert Sessel vor zierlichen Tischen standen.

Tausende von Lampen in Gestalt von Lilien und Tulpen hingen überall, und in der Vorhalle standen große Körbe voll Rosen, welche bei der Ankunft des Königs ausgestreut werden sollten.

Auch die Schlafgemächer für den König und die Seinen waren prächtig ausgestattet. Reichgestickte Purpurgewebe bedeckten als Tapeten die Wände, ein leichtes Gewölk von bläulich weißer Gaze war an der Decke aufgesteckt, und statt mit Teppichen war der Fußboden mit Giraffenfellen bekleidet.

Mehr nach der Stadt zu erhoben sich die für die Garden und Leibwächter bestimmten Baracken und die Marstallsgebäude, welche von dem Palast durch den den letzteren umgebenden Garten getrennt waren.

Ein vergoldeter, mit Blumen bekränzter Pavillon sollte die Rosse, welche den König in die Schlacht gefahren hatten und die von ihm dem Sonnengotte geweiht worden waren, aufnehmen.

Der Statthalter Ani durchschritt mit Frau Katuti diese schnell errichteten Festräume.

»Ich dächte, es wäre Alles wohl gelungen,« sagte die Wittwe.

»Nur Eines vermag ich nicht zu entscheiden,« entgegnete Ani, »soll ich Deinen erfinderischen Geist oder Deinen feinen Geschmack lauter bewundern?«

»Laß das,« lächelte die Wittwe, »wenn etwas an mir Lob verdient, so ist es mein Eifer, Dir zu dienen. Was gab es in der von widrigen Insekten erfüllten Luft dieser sumpfigen GegendNach einer, wenn auch unrichtigen Etymologie bei Strabo, p. 802, würde Pelusium (von πηλός) »Schlammstadt« bedeuten. nicht Alles auszudenken, zu erwägen, zu ordnen und zum Abschluß zu bringen, bis dieses Bauwerk dastand! Nun ist es vollendet, und für wie lange?«

Ani schaute zu Boden und wiederholte: »Für wie lange?«

Dann fuhr er fort: »Ein großes Wagniß ist schon mißglückt, Ameni ist kühl geworden und rührt sich nicht mehr, die Truppen, auf welche ich zähle, sind mir vielleicht noch ergeben, aber viel zu schwach, die Hebräer, die hier ihre Rinder hüten und die ich für mich gewann, indem ich sie von den Zwangsarbeiten freisprach, haben niemals Waffen getragen. Und Du kennst ja das Volk. Dem ruhmreichen Sieger küssen sie die Füße und sollten sie durch ihrer Kinder Blut zu ihm hinwaten. Mir fehlt das Zutrauen. Und außerdem . . . es ist, es hat sich, nun ja der Sperber, den die alte Hekt für mich pflegt, ist gerade heute krank und müde . . .«

»Er wird sich morgen um so stolzer heben, wenn Du ein Mann bist,« sagte Katuti, und ihre Augen funkelten zornig. »Du kannst nicht mehr rückwärts! Hier in Pelusium, gleich einem Gotte von Dir empfangen. nimmt Ramses Dein Fest an. Ich kenne den König! Er ist zu stolz, um mißtrauisch zu sein, und so dünkelhaft, daß er nichts schwerer zugibt, als sich in einem Menschen, gleichviel ob Freund oder Feind, getäuscht zu haben. Den Mann, welchen er, als er ihn zu seinem Statthalter ernannte, für den würdigsten im Lande erklärte, wird er ungern verdammen. Heute noch gehört Dir sein Ohr, morgen schon Deinen Feinden, und zu viel ist in Theben geschehen, als daß es sich verwischen ließe. Du gleichst dem Löwen, welcher zwischen seinem Wärter und dem Gitter steht. Läßt Du jetzt die Zeit unbenutzt verrinnen, so steckst Du im Käfig; fühlst und zeigst Du Dich nur heute als Löwe, so ist es um Deinen Bändiger geschehen!«

»Du drängst und drängst mich,« erwiederte Ani. »Wenn nun, nachdem Paaker's vortrefflich ausgedachter Plan mißglückt ist, auch Dein Anschlag fehlschlägt?«

»So steht Deine Sache nicht schlechter als jetzt,« antwortete Katuti. »Die Götter, nicht die Menschen, lenken die Elemente. Ist es wahrscheinlich, daß Du einen so schön geschmückten Bau mit solcher Sorgfalt zu Ende führtest, um ihn zu verbrennen? Mitwisser haben und bedürfen wir nicht!«

»Wer aber soll den Brand in die von Nemu und meinem stummen Sklaven mit Stroh und Pech erfüllten Räume legen?« fragte Ani

»Ich,« entgegnete Katuti entschieden, »und mit mir Einer, der nichts von Ramses zu hoffen hat.«

»Das wäre?«

»Paaker.«

»Der Mohar ist hier?« fragte der Statthalter erschrocken.

»Du hast ihn selbst gesehen.«

»Du irrst,« rief Ani, »ich würde . . .«

»Erinnerst Du Dich des einäugigen, grauköpfigen Schwarzen, der Dir gestern das Schreiben von mir überbrachte? Das ist der Sohn meiner Schwester.«

Der Statthalter griff sich an die Stirn und murmelte schaudernd: »Der Arme.«

»Furchtbar ist er verändert,« sagte Katuti. »Er hätte nicht der Färbung bedurft, um selbst seiner Mutter unkenntlich zu sein. Im Kampfe mit Mena hat er das Auge verloren, ein Schwertstich meines Schwiegersohnes verletzte seine Lunge, denn mühsam athmet und spricht er, das Fleisch ist von den breiten Schultern geschwunden und die stämmigen Beine, mit denen er prahlte, sind jetzt dünner wie die eines Negers. Unbedenklich gesellte ich ihn zu meinen Dienern. Noch kennt er nicht meinen Anschlag, aber ich weiß, daß er, auch wenn ihm tausend Tode drohten, uns helfen würde. Um der Götter willen laß jetzt das Zagen und Schwanken! Wir wollen den Baum für Dich schütteln, sei Du nur zur Hand, wenn es morgen gelten wird, die Früchte vom Boden zu lesen. Eines nur muß ich fordern! Befiehl dem Kellermeister, den Wein nicht zu schonen, damit uns die Garden und sardinischen Wächter nicht beunruhigen. Ich weiß, daß Du den Befehl gegeben, von den fünf Schiffen, welche den Inhalt Deiner Weinspeicher herbrachten, nur drei zu entladen. Ich dächte, der künftige Besitzer Aegyptens sollte weniger ängstlich sparen!«

Katuti's Lippen zuckten verächtlich, während sie die letzten Worte sprach.

Ani bemerkte es und sagte: »Du hältst mich für zaghaft. Nun ja, ich gesteh' es, es würde mir lieber sein, wenn manches auf Deinen Antrieb Unternommene ungeschehen zu machen wäre. Ich stünde auch gern von dem neuen Anschlage ab, so sorgfältig wir ihn auch schon bei der Anlage dieses Bauwerkes und seiner Ausschmückung vorbereitet haben. Den Wein will ich opfern. Freilich sind Krüge dabei, die noch aus der Zeit meines Vaters stammen; doch es muß eben sein. Du hast Recht! Manches ist geschehen, was den König erzürnen wird! Du bist ja klug! Thu', was Du für gut hältst! Ich schlafe nach dem Feste im Lager unter den Aethiopiern.«

»Sie rufen Dich zum Könige aus, sobald die Emporkömmlinge verbrannt sind,« rief Katuti. »Wenn nur Einige schreien, so folgen die Anderen, und wenn Du Ameni auch erzürnt hast, so huldigt er Dir immer noch lieber als Ramses. Da kommt er und drüben erheben sich schon die Fahnen!«

»Sie nahen,« sagte der Statthalter. »Und nun nur noch Eins! Sorge Du persönlich dafür, daß die Prinzessin Bent-Anat die für sie bestimmten Räume bezieht. Sie darf nicht verbrennen.«

»Noch immer?« fragte Katuti schalkhaft und doch nicht ohne Bitterkeit lächelnd. »Sei unbesorgt, ihre Zimmer liegen zu ebener Erde und sie soll gewarnt werden.«

Ani sagte ihr Lebewohl.

Noch einen Blick warf er in die große Halle und seufzte dann: »Mein Herz ist beklommen; ich wollte, dieser Tag und diese Nacht wären vorüber!«

»Du kommst mir vor,« lächelte Katuti, »wie dieser schön geschmückte Festsaal, der jetzt öde, fast unheimlich aussieht; heute Abend, wenn ihn die Gäste füllen, wird sich das ändern. Zum Könige bist Du geboren und doch kein König. Ganz Du selber wirst Du erst sein, wenn Dir Krone und Szepter gehören.«

Ani lächelte ihr dankend zu und verließ sie; Katuti aber murmelte vor sich hin: »Bent-Anat wird mit den Anderen verbrennen; ich habe keine Lust, die Herrschaft über diesen mit ihr zu theilen!«

Aus allen Theilen Aegyptens waren Männer und Frauen zusammengeströmt, um den heimkehrenden Sieger und seine Truppen an der Grenze seines Reiches zu empfangen.Die schönste Darstellung einer solchen Empfangsfeierlichkeit, welche dem aus Syrien heimkehrenden Vater unseres Ramses galt, blieb an der Nordwand des Tempels von Karnak erhalten.

Jedes größere Priesterkollegium hatte Ramses eine Deputation entgegengeschickt; das der Nekropole von Theben fünf seiner Mitglieder, an deren Spitze der Oberpriester Ameni und der zweite Prophet des Setihauses, der alte Gagabu, standen.

Im feierlichen Aufzuge näherten sich die weiß gekleideten Diener der Gottheit der Brücke, welche über den östlichsten, den pelusinischen Nilarm, und also in das eigentliche von den Wassern des heiligen Stromes befruchtete AegyptenDas Orakel des Amon gab den Bewohnern von Marea und Apis den Bescheid, daß Alles zu Aegypten gehöre, was von dem austretende Nil überschwemmt würde. Herod. II. 18. führte.

Die Deputation des ehrwürdigen Ptahtempels von Memphis, den schon Mena, der erste König, welcher die Krone von Ober- und Unter-Aegypten getragen hatte, gegründet haben sollte und zu deren Oberhaupt der älteste Sohn des Ramses, Chamus, ernannt worden war, eröffnete den Zug. Ihr folgten die Abgeordneten des nicht minder ehrwürdigen Heliopolis und diesen die Vertreter des Reichstempels und der Nekropole von Theben.

Nur wenige Mitglieder dieser Deputationen trugen das schlichte weiße Linnengewand der Diener der Gottheit; die meisten waren mit dem Pantherfelle der Propheten geschmückt. Jeder trug einen hohen mit Rosen und Lilien und grünem Laubwerk geschmückten Stab und Viele führten goldene Arme mit gebogenen Händen, in deren Höhlung kostbares Rauchwerk beim Nahen des Königs angezündet werden sollte.

Unter der Deputation der Priesterschaft des Amon von Theben befanden sich auch vornehme, bei dem Kultus dieses Gottes thätige Frauen,Die sogenannten Pallakiden, denen wir am häufigsten beim Kultus des Amon, aber auch beim Dienste von Göttinnen, wie der Isis und Bast, begegnen. Obgleich sie auf der Tafel von Tanis »Jungfrauen« genannt werden, so konnte Katuti doch zu ihnen gehören, da in älterer Zeit viele von ihnen verheirathet waren. und mit ihnen die vor Kurzem auf des Statthalters besondern Wunsch ihnen zu gesellte Katuti.

Der Oberpriester Ameni schritt nachdenklich neben dem Propheten Gagabu hin.

»Wie ist das Alles so ganz anders gekommen, als wir dachten und wollten!« sagte der Letztere leise. »Wir sind Boten mit versiegelten Briefen, wer kennt ihren Inhalt?«

»Ich begrüße Ramses mit freudigem Herzen,« erwiederte Ameni entschieden. »Nach dem, was ihm vor Kadesch begegnet, kehrt er nicht als derselbe heim, der er war, als er in's Feld zog. Er weiß nun, was er dem Amon schuldet. Seinen Lieblingssohn stellte er schon in den Dienst des memphitischen Gottes, herrliche Tempel zu bauen und die Himmlischen reich zu beschenken hat er gelobt, und Ramses pflegt besser zu halten was er verspricht, als der lächelnde Schwächling dort auf dem Wagen.«

»Mir bangt für Ani,« sagte Gagabu.

»Der Pharao wird ihn nicht strafen, gewiß nicht,« versicherte der Oberpriester. »Und er hat nichts von ihm zu befürchten, denn dieß schwankende Rohr ist ohne kräftige Stütze ein Spiel der Winde.«

»Und doch wie Großes hast Du von ihm gehofft!«

»Nicht von ihm, aber durch ihn, den von uns Geleiteten,« erwiderte Ameni leise, aber mit Nachdruck. »Daß ich ihn aufgab, hat er selbst verschuldet. Unsern ersten Wunsch, den Dichter Pentaur zu schonen, hat er mißachtet und den Bruch eines Eides nicht gescheut, um uns zu betrügen und eines der herrlichsten Werke der Götter, denn das war der Dichter, um eines kleinlichen Grolles willen zu vernichten. Gegen arglistige Schwäche kämpft es sich schwerer als gegen redliche Kraft. Sollten wir wohl den Mann, der uns Pentaur gestohlen, mit einer Krone belohnen? Einen betretenen Weg zu verlassen, um einen bessern zu wählen, einen schon halb durchgeführten Plan aufzugeben, um einem förderlichen zu folgen, fällt dem Einzelnen schwer und stellt ihn als unbeständig dar vor den Menschen; wir sehen nicht links und nicht rechts und wenn wir für das Ganze handeln, so halten wir uns nicht in den Schranken. mit denen Gesetz und Sitte des Einzelnen Thaten begrenzen. Wir treten zurück kurz vor der Erreichung des Ziels, wir lassen Den fallen, den wir hochgehoben, und erheben den von uns selbst zu Boden Geschlagenen zu höchster Höhe, kurz, wir bekennen uns, und haben uns seit Jahrtausenden zu der Lehre bekannt: Jeder Weg ist gut, der zu dem großen Ziele führt, der Priesterschaft die Herrschaft über dieses Land zu sichern. Der durch ein Wunder gerettete, Tempel gelobende Ramses wird seinen Thatendurst nicht mehr als Krieger, sondern als Bauherr befriedigen. Er wird uns brauchen, und wer unserer bedarf, den können wir leiten. Ich huldige jetzt mit Freuden dem Sohne des Seti.«

Noch sprach Ameni, als die Flaggen an den Masten der Ehrenpforten aufgezogen wurden, am jenseitigen Ufer des Nilarms Staubwolken aufwirbelten und Posaunenklänge sich hören ließen.

Jetzt zeigten sich die Rosse, welche Ramses in die Schlacht gefahren. Der König lenkte sie selbst und freudig strahlten seine Augen, als ihn die Seinen jenseits der Brücke mit unbeschreiblichem Jubel begrüßten, Zehntausende ihn mit Thränen der Rührung und Begeisterung empfingen und der Raub von unzähligen Gärten: Blumen, Knospen, grünes Laubwerk und Palmenzweige, vor ihm niederfiel.

Allen, die ihn empfingen, schritt Ani voran.

Demüthig warf er sich vor den Rossen in den Staub, küßte die Erde und überreichte dann dem Könige das auf einem seidenen Kissen liegende ihm anvertraute Szepter.

Huldreich rief ihn der König heran, und als Ani sein Gewand ergriff, um es zu küssen, neigte sich Ramses zu ihm hernieder und berührte mit seinen Lippen die Stirn seines Vertreters, den er nun bat, seinen Wagen zu besteigen und die Zügel seiner Rosse zu führen.

Des Königs Augen waren feucht von dankbarer Bewegung.

Er war nicht getäuscht worden!

Als beglückender und geliebter Vater, nicht als strafender Herr konnte er das Land betreten, für dessen Größe und Wohlfahrt er lebte.

Innig bewegt empfing er die Begrüßung der Priester und betete mit ihnen vor dem versammelten Volke.

Dann ließ er sich zu dem für ihn vollendeten Prachtbau führen, schritt freudig die hohe Freitreppe hinan, begrüßte von ihrer Spitze aus die drängende Menge seiner herbeigeströmten treuen Unterthanen, sah zweitausend reich geschmückte Stiere und ebenso viele Haus-Antilopen,Die Pracht der Feierlichkeit, welche wir Ani veranstalten lassen, erscheint ärmlich, wenn wir sie mit derjenigen vergleichen, die Ptolemäus Philadelphus nach dem Berichte des Augenzeugen Kallixenos (bei Athenäus) bei einer festlichen Veranlassung vor den Alexandrinern entfaltete. welche den Göttern zum Dank für seine glückliche Heimkehr geschlachtet werden sollten, gezähmte Löwen und Leoparden, seltene Bäume, auf deren Zweigen sich bunte Vögel wiegten, Giraffen und mit Straußen bespannte Wagen an sich vorbei führen, und erwartete den sich vom Hafen her nahenden Zug, an dessen Spitze Bent-Anat in ihrer Sänfte getragen ward.

Vor allem Volke umarmte Ramses seine Tochter. Es war ihm, als müsse er seine Unterthanen Theil nehmen lassen an dem Glück und der herzlichen Dankbarkeit, welche ihn erfüllten.

So schön wie heute war ihm sein Lieblingskind noch niemals erschienen, und mit bewegtem Herzen ließ er sich durch sie an seine verstorbene Gemahlin, der sie immer ähnlicher zu werden schien, erinnern.

Die Gattin des Mena war als Trägerin des Fächers der Prinzessin ihrer fürstlichen Freundin gefolgt und kniete vor dem Pharao, während er sich des Wiedersehens mit seiner Tochter freute.

Jetzt bemerkte er auch Nefert, befahl ihr freundlich, sich zu erheben, und sagte: »Was ich heute nicht Alles erlebe! Ich habe erfahren, daß das, was ich sonst wohl für das höchste Glück hielt, doch noch einer Steigerung fähig sei, und nun seh' ich, daß auch das Schönste über sich selbst hinaus zu wachsen vermag. Aus Mena's Stern ist eine Sonne geworden.«

Ramses erinnerte sich bei diesen Worten seines Rosselenkers. Einen Augenblick furchte sich seine Stirn, dann neigte er langsam mit gesenkten Augen sein Haupt.

Bent-Anat kannte diese Bewegung ihres Vaters. Sie war der Vorbote eines jener freundlichen, oft neckischen Entschlüsse, mit denen er die Seinen zu überraschen liebte.

Dießmal schaute er länger zu Boden als gewöhnlich. Endlich hob er das Haupt und liebreich glänzten seine großen Augen, als er seine Tochter fragte:

»Was hat Deine Freundin gesagt, als sie hörte, daß ihr Gatte eine fremde Schöne in sein Zelt genommen und Monate lang darin beherbergt habe? Ich bitte um die volle Wahrheit, Bent-Anat!«

»Dieser That des Mena, die doch verzeihlich sein muß, da Du lächelnd ihrer gedenkst,« erwiederte die Prinzessin, »bin ich dankbar, denn sie führte seine Gemahlin zu mir. Ihre Mutter schalt ihren Gatten mit bitterer Härte, sie aber glaubte an ihn und verließ sein Haus, weil es ihr unerträglich erschien, ihn tadeln zu hören.«

»Ist das wahr?« fragte Ramses.

Nefert senkte bejahend ihren schönen Kopf und zwei Thränen rannen über ihre erröthenden Wangen.

»Wie gut muß Derjenige sein,« rief der König, »dem die Götter solches Glück bescheren! Ceremonienmeister! Befiehl dem Mena, daß er mich heute bei Tisch bediene, wie vor den Kämpfen bei Kadesch. Die Zügel warf er fort in der Schlacht, als er seinen Feind erblickte; nun soll er sich hüten, mit dem Becher das Gleiche zu thun, wenn ihn seine geliebte HerrinS. Anmerkung 141 beim Schmause mit diesen Augen anschauen wird. Ihr Frauen nehmt Theil an dem Mahle.«

Nefert sank dankend vor dem Könige nieder; er aber wandte sich von ihr ab, begrüßte die Würdenträger, welche zu seinem Empfange herbeigekommen waren, und fuhr dann in den Tempel, um der Schlachtung der Opfer beizuwohnen und sein Gelübde, zum Dank für seine Errettung aus der Todesgefahr einen herrlichen Tempel in Theben zu errichten, vor der Priesterschaft und allem Volke feierlich zu wiederholen.

Unerhört war die Begeisterung, mit der er empfangen wurde, wo er sich zeigte. Sein Weg führte ihn auch an dem Hafen und den Zelten vorbei, in denen die zu Schiff nach Aegypten vorausgesandten Verwundeten verpflegt worden waren. Er grüßte sie mit besonderer Herzlichkeit von seinem Wagen hernieder.

Der Statthalter Ani lenkte wiederum die Rosse.

In langsamem Schritt ließ er die edlen Thiere durch die Reihen der Genesenden schreiten; aber plötzlich bewegte er heftig die Zügel, die Pferde bäumten sich und waren nur mühsam in eine ruhigere Gangart zurück zu bringen.

Ramses schaute sich betroffen um.

Da wo seine Rosse zusammenschraken, hatte auch ihn ein Schauder erfaßt, denn er meinte seinen Lebensretter von Kadesch erblickt zu haben.

Hatte eines Gottes Anblick die Pferde erschreckt, war er einer Sinnentäuschung unterworfen gewesen, oder war sein Retter ein sterblicher Mensch und verwundet vom Schlachtfelde heimgekehrt?

Der Mann, welcher neben ihm die Zügel hielt, hätte ihm Auskunft geben können, denn Ani hatte Pentaur erkannt und dabei entsetzt in die Zügel gegriffen.

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