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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Sechstes Kapitel.

Die Oasenbewohner hatten sich schon vor Jahrhunderten den Pharaonen unterworfen und zahlten ihnen Tribute; dafür war ihnen zugestanden worden, daß kein ägyptischer Soldat ohne ihre Erlaubnis ihren Grund und Boden betreten dürfe.

Die Aethiopier hatten denn auch außerhalb des Oasenortes Bent-Anat's Zelte und ihr eigenes Lager aufgeschlagen; bald aber kam es zu mancherlei Händeln zwischen den müßigen Kriegern und Amalekitern, die dann und wann einen blutigen Verlauf nahmen und ein ernsteres Ansehen gewannen, als eines Abends trunkene Soldaten einige Amalekiterinnen beim Wasserschöpfen überfielen.

Heute am frühen Morgen war einer der Treiber erwacht, hatte Pentaur und Nebsecht vermißt und seine Kameraden, zu denen sich auch Uarda's Vater wiederum gesellt hatte, geweckt.

Wüthend eilten die Wächter der Zwangsarbeiter zu dem Befehlshaber der Aethiopier und theilten ihm mit, zwei Gefangene wären entkommen und müßten von den Amalekitern verborgen gehalten werden.

Diese Letzteren erwiederten die Aufforderung, die Flüchtlinge, von denen sie nichts wußten, herauszugeben, mit spöttischen Worten, die den Feldhauptmann so sehr erbitterten, daß er die Oase mit Gewalt zu durchsuchen beschloß und, nachdem man seinen Botschafter verhöhnt hatte, endlich mit der größeren Hälfte seiner Mannschaft in die Freistätte der Amalekiter vorrückte.

Die Wüstensöhne waren zu den Waffen geeilt und wichen vor der geschlossenen Schaar der Aegypter zurück, die sie siegesgewiß bis zu der Stelle verfolgten, an der das Thal sich erweitert und einen FelshügelDer heutige Meharret-Hügel mit der Ruine der Kirche des Bisthums Pharan. umarmt.

Hinter diesem verborgen stand die Hauptmacht der Amalekiter, welche, sobald die Aethiopier, nichts ahnend, an dem Hügel vorbeimarschirt waren, hervorstürzten und ihnen in den Rücken fielen, während ihre verfolgten Stammgenossen sich wandten und Lanzen und Pfeile auf die überraschten Soldaten warfen, von denen nur wenige entkamen.

Unter diesen Letzteren befand sich der Feldhauptmann, der, leicht verwundet und schäumend vor Wuth, sich an die Spitze der zur Bewachung Bent-Anat's zurückgebliebenen Schaar stellte, auch den Treibern der Gefangenen ihm zu folgen befahl und von Neuem in die Oase vordrang.

An ein Entweichen der Prinzessin dachte er nicht, diese aber hatte kaum den letzten ihrer Wächter verschwinden sehen, als sie dem Ceremonienmeister und ihren Begleitern erklärte, nun sei die Zeit zur Flucht gekommen.

Die Leute der Königstochter waren ihr ganz ergeben, beluden sich mit den nothwendigsten Gegenständen für den täglichen Gebrauch, nahmen die Sänften und Lastthiere mit sich und während der Kampf in der Oase wüthete, führte sie der junge Salich die Höhe des Sinai hinan und dem Hause seines Vaters entgegen.

Unterwegs bereitete Uarda die Prinzessin auf die Begegnung vor, die ihrer bei dem Jäger wartete, und wir wissen, wie Bent-Anat den Dichter fand.

Hand in Hand wandelten die Beiden auf dem Bergpfade hin, bis zu einem schattigen Felsenvorsprunge. Pentaur belegte diesen mit Moos, sie ließen sich zusammen auf ihm nieder und eröffneten einander ihr Herz und erzählten sich die Geschichte ihrer Liebe und ihres Leidens, ihrer Wanderungen und Errettung.

Als um Mittag die Tochter des Jägers mit einem Kruge voll Ziegenmilch vorüberkam und ihnen denselben bot, füllte Bent-Anat die Kürbisschale mehrmals für den geliebten Mann, und als sie ihn so bediente, erfüllte sich ihr Herz mit Stolz und seines mit dem demüthigen Wunsche, sein Blut und Leben für sie hingeben zu dürfen.

Bisher hatten sie um der Vergangenheit und Gegenwart willen an die Zukunft nicht denken mögen und während sie einander hundertmal wiederholten, was sie längst wußten und doch nimmer genug hören konnten, die unmittelbare Gefahr vergessen, in der sie schwebten.

Nach dem schlichten Mahle sänftigte sich der seit seinem Morgengebete hochgehende Wogendrang in der Seele des Dichters und während er bis dahin zu fliegen gemeint hatte, fühlte er nun wieder den Fuß auf der Erde und prüfte sinnend mit Bent-Anat, was ihnen in der nächsten Zukunft zu unternehmen obliege.

In ernstem, einer Berathung gleichendem Gespräch, zu dem der Glücksschimmer, welcher aus ihren Augen strahlte, nur wenig paßte, stiegen sie Hand in Hand zu der Hütte ihres Gastfreundes hernieder.

Der Jäger kam ihnen, von seiner Tochter geführt, auf halbem Wege entgegen und zwar in Begleitung eines stattlichen Mannes in vollem Waffenschmucke des Häuptlings der die Oase bewohnenden Amalekiter.

Beide neigten sich und küßten den Boden vor Bent-Anat und Pentaur.

Sie hatten erfahren, daß die Prinzessin von den äthiopischen Truppen mit Gewalt in der Oase zurückgehalten worden sei, und der Wüstenfürst AbocharabosDieser Name ist echt, denn nach Procop schenkte der Sarazenenhäuptling Abocharabos den Palmenhain mitten auf der Sinaihalbinsel dem Justinian. Die Manuskripte haben Abocharagos; dieß wird aber, gewiß mit Recht, von Tuch in Abocharabos verändert. erzählte nun, nachdem er Pentaur, den er für einen Sohn des Königs hielt, und Bent-Anat versichert hatte, er und die Seinen wären dem Pharao Ramses, der ihre Rechte stets geachtet habe, treu ergeben, nicht ohne Stolz, daß die Aethiopier bis aus wenige von ihm gefangen gehaltene Leute von seinen Kriegern aufgerieben worden wären.

»Sie sind gewohnt,« sagte er, »gegen die schwarzen hündischen Memmen von Kusch zu kämpfen; wir aber sind Männer und wissen uns zu wehren wie die Löwen in unseren Thälern. Zwingt uns die Uebermacht, so bergen uns wie den Steinbock die felsigen Klüfte dieses Gebirges.«

Bent-Anat, der der kecke Mann mit den blitzenden Augen und der Adlernase, dessen braune Wangen noch immer die blutigen Spuren eines Schwerthiebes zeigten, wohl gefiel, versprach ihm, ihn und die Seinen der Huld ihres Vaters anzuempfehlen und gab ihm den Wunsch zu erkennen, sich unter Pentaur's, des ihr bestimmten Gemahls, Führung so bald als möglich in das Lager des Königs zu begeben.

Der Häuptling hatte, während sie sprach, Bent-Anat und Pentaur mit den Augen gemessen und sagte dann: »Du, Königstochter, gleichst dem Monde und Dein Gefährte dem Sonnengotte Dusare. Außer Abocharabos,« und er schlug seine Brust, »und seinem Weibe kenn' ich kein Paar wie euch Beide. Bis nach Hebron geleite ich euch selbst mit einigen von meinen besten Kriegern. Aber Eile thut Noth, denn ich muß zurück sein, ehe der verrätherische Mann, der jetzt über Mizraim gebietet, und der euch verfolgte, neue Truppen gegen uns aussendet. Zieht jetzt hinunter! Kein Huhn fehlt bei euren Zelten! Morgen, bevor es Tag wird, brechen wir auf.«

Bei der Hütte des Jägers begrüßte Pentaur die Begleiter der Prinzessin.

Der Ceremonienmeister schaute ihn nicht ohne Beängstigung an.

Der König hatte ihm zwar bei seinem Aufbruche befohlen, Bent-Anat in allen Stücken, als wäre sie die Königin selbst, zu gehorchen; aber solche Wahl eines künftigen Gemahls war unerhört und wie mochte Ramses das Alles aufnehmen?

Nefert freute sich an der vornehmen Gestalt des Dichters und versicherte häufig, daß er ihrem verstorbenen Oheim, dem Vater des Wegeführers Paaker, wie ein jüngerer Bruder gleiche.

Uarda wurde nicht müde, ihn und die Prinzessin zu betrachten.

Sie sah ihn nicht mehr für ein höheres Wesen an, aber das schöne Paar schien ihr wie eine verkörperte glückliche Vorbedeutung für Nefert's und vielleicht auch für ihre eigene Liebe.

Der Arzt Nebsecht hielt sich in bescheidener Ferne.

Der Kopfschmerz, der ihn lange geplagt hatte, war in der frischen Bergluft von ihm gewichen. Als Pentaur ihm die Hand reichte, sagte er: »Nun hat's ein Ende mit dem lustigen Schelten! Es ist doch ein seltsames Ding mit dem Lauf der Geschicke der Menschen. Von nun an zieh' ich immer im Streit mit Dir den Kürzeren, denn die Disharmonien in Deinem Leben hat der große Musikant, zu dem Du betest, wirklich recht artig aufgelöst.«

»Es klingt ja fast, als thäte Dir das leid; aber auch für Dich wird sich Alles freundlich wenden.«

»Kaum!« entgegnete der Arzt, »denn ich seh' es nun klar. Jeder Mensch ist ein Instrument für sich, aus gutem oder schlechtem Holz, geschickt oder ungeschickt, so oder so gestaltet, schon vor seiner Geburt in verborgener Werkstätte. Irgend Etwas, es ist gleich wie wir's nennen, spielt an ihm herum, und je nachdem das Instrument gemacht ist, klingt es dann gut oder übel. Du bist eine Aeolsharfe; erfreulich tönt es, wenn der Hauch des Schicksals Dich berührt, ich aber bin eine Wetterfahne und suche immer richtig zu zeigen, woher der Wind weht, aber dabei knarr' ich, daß mir und den Andern die Ohren dabei weh' thun. Ich bin schon zufrieden, wenn es einmal diesem oder jenem Schiffer gelingen sollte, nach meiner Weisung die Segel richtig zu stellen. Aber auch das ist mir im Grunde Eins! Unbeirrt will ich mich drehen, ob es die Anderen bemerken oder nicht, was thut's?«. –

Als Pentaur und seine Geliebte mit ihrem Gefolge von dem reich beschenkten Jäger Abschied nahmen, ging die Sonne zur Rüste und die Zackenkrone des Sinai erglühte, als bestünde sie aus Rubinglas, hinter dem der Brand eines Erdtheils lodere.

Am folgenden Morgen ward die Reise zum Lager des Königs angetreten. Abocharabos, der Amalekiterhäuptling, begleitete die Karawane, zu der auch Uarda's Vater gehörte, welcher von den Oasenbewohnern gefangen genommen und auf Bent-Anat's Bitte freigegeben worden war.

Bei der ersten Raststätte wurde der Rothbart aufgefordert, zu erzählen, wie es ihm gelungen sei, Pentaur statt in die Steinbrüche von Chennu in die Bergwerke der Sinaihalbinsel zu bringen.

»Ich wußte,« begann der Soldat in seiner schlichten Weise, »durch Uarda, wohin dieser Mann, der sein Leben für uns armes Volk eingesetzt hatte, gebracht werden sollte; und daß ich ihn retten müßte, sagte ich mir selbst. Aber das Denken ist nicht meine Sache und Anschläge konnte ich niemals ersinnen. Es würde auch nur zu irgend einer Gewaltthat, die vielleicht übel abgelaufen wäre, gekommen sein, wenn mich nicht ein Anderer auf Etwas gebracht hätte, noch ehe mir Uarda erzählt hatte, was Pentaur bedrohe.

»Das war so gekommen.

»Ich sollte die zur Arbeit in den Mafkatgruben Verurtheilten über den Nil zur Abfahrtsstelle in der Nekropole führen. Am Hafen drüben in Theben dürfen die armen Schelme ihren Angehörigen Lebewohl sagen. Hundertmal habe ich das mit angesehen, aber mich noch immer nicht daran gewöhnen können und man wird doch sonst gleichgültig gegen so Vieles! Der laute Jammer und das wilde Geheul sind nicht das Schlimmste; die Schreier, das hab' ich erfahren, finden sich zuerst in ihr Schicksal, aber die Blassen, denen die Lippen weiß werden und das Kinn zittert, als wenn sie frören, und deren trockene Augen starr in's Leere schauen, die hat es am tiefsten gefaßt. Auch damals gab es viel Elend, lautes und stilles. Am meisten leid that mir ein Mann, den ich schon lange kannte, Huni hieß er und gehörte zum Amonstempel, wo er den Pflegern der heiligen Widder des Gottes als Aufseher vorstand. Er war mir oft begegnet, als ich die Arbeiter bewachte, die die großen Säulenhallen zu vollenden haben, und er stand bei allen Leuten in Ehren und versah seinen Dienst untadelhaft. Einmal freilich ist er unachtsam gewesen; gerade in jener Nacht, ihr erinnert euch noch, als die Wölfe in den Tempel einbrachen und die Widder zerrissen und das heilige Herz in die Brust des Propheten Rui versetzt ward. Einer mußte da büßen und es traf den armen Huni, der seiner Fahrlässigkeit wegen zur Zwangsarbeit in den Mafkatgruben verurtheilt wurde. Seine Nachfolger werden nun aufpassen! Niemand war da, der Huni das Geleit gab, und ich wußte doch, daß er ein Weib habe und viele Kinder. Grau sah er aus wie dieß Tuch und war einer von Denen, denen der Gram das Herz abfrißt. Ich trat zu ihm heran und fragte ihn, warum die Seinen nicht kämen? Er hätte in seiner Wohnung Abschied genommen, antwortete er mir, denn die Kinder sollten ihn nicht sehen unter Fälschern und Mördern. Acht unversorgte Würmer blieben bei der Mutter zu Hause und vor Kurzem hatte ein Brand ihre Habe vernichtet. Keine Krume war da, um die schreienden Mäuler zu stopfen. Das erzählte er mir nicht so hin, nein, es fiel ihm ein Wort hinter dem andern aus dem Munde, wie Datteln aus einem zerrissenen Sacke; ich mußte mir jedes auflesen und als er sah, daß ich Theil an ihm nahm, da ward er grimmig und sagte: ›Mich könnten sie meinetwegen in die Goldminen schicken oder in Stücke hacken, aber daß die Kinder nun hungern sollen, das, das!‹ Dabei schlug er die Stirn und ich ging fort, um Uarda Lebewohl zu sagen, und auf dem Wege zu ihr wiederholte ich immer ›das, das‹ und sah den Mann vor mir und die acht Würmer. Wäre ich reich, dacht' ich, dem wollte ich helfen! Als ich nun zu der Kleinen komme, erzählt sie mir von dem vielen Gelde, das der Arzt Nebsecht dort ihr geschenkt habe, und bietet's mir an, um Pentaur zu retten. Da fährt es mir durch den Sinn: das bekommen die Kinder des Huni und er läßt sich dafür nach Aethiopien schleppen. Ich laufe zum Hafen, rede mit dem Manne, finde ihn gern bereit, gebe der Frau das Geld und in der Nacht bei der Einschiffung glückt mir auch die Vertauschung. Pentaur kam mit mir auf mein Schiff unter dem Namen des Andern und Huni fuhr nach Süden und ward Pentaur genannt. Ich hatte dem Manne nicht verschwiegen, daß er nicht nach Chennu, sondern in die Goldgruben komme, denn Keinen fällt es so sauer zu betrügen, als Diejenigen, die man am leichtesten betrügen könnte. Das ist seltsam! Eine Lust machen sie sich daraus, einen Schlaukopf oder einen Starken hinter's Licht zu führen, aber ein Kind oder einen Kranken, wer könnte wohl das? Huni freilich wäre nun auch in einen der Feuertöpfe der Hölle gestiegen, ohne zu klagen, und heitern Sinnes ging er von mir. Das Andere und wie wir hergelangt sind, wißt ihr ja selber. In Syrien werdet ihr in dieser Jahreszeit unter Regen leiden. Ich kenne das Land, denn ich habe von daher viele Kriegsgefangene nach Aegypten geleitet und fünf Jahre war ich dort mit der Schaar des großen Mohar, dem Vater des Wegeführers Paaker.«

Bent-Anat dankte dem braven Manne und Pentaur und Nebsecht setzten seine Erzählung fort.

»Während der Fahrt,« sagte der Arzt, »war ich besorgt um Pentaur, denn ich sah, wie er sich innerlich verzehrte; aber in der Wüste raffte er sich wieder auf, und wenn wir rasteten, flüsterte er mir oft schöne Lieder zu, die er auf dem Marsche gedichtet hatte.«

»Seltsam,« rief Bent-Anat, »auch mir ist es wohler geworden in der Wüste.«

»Sage doch das Verschen von der BeytherânpflanzeCantolina fragrantissima Forsk.,« bat Nebsecht.

»Kennst Du das Kraut?« fragte der Dichter die Prinzessin. »Es wächst hier an vielen Stellen. Da ist es! Rieche nur, wie es duftet, wenn man die fetten Stengel und die Blättchen reibt. Mein Verschen ist recht einfach; es fiel mir ein nach vielen anderen Liedern, von denen Du schon die besten kennst.«

»Sie priesen alle dieselbe Göttin,« lächelte Nebsecht.

»Aber Dein Verschen,« bat Bent-Anat.

Der Dichter sprach leise:

»Oft sah ich auf der Wüste staubiger Bahn
In schlichtem Grün das Pflänzchen Beytheràn.
Aus jedem Blatte, jeder Faser quillt
Der süße Wohlgeruch, der es erfüllt.
Wie kommt es, daß in unfruchtbarem Sand
So süße Gaben dieses Pflänzlein fand,
Und wie geschieht's, daß in der Wüste wieder
Mir neu erwachen die entschlaf'nen Lieder?«

»Schreibst Du der Wüste nicht zu, was Du der Liebe schuldest?« fragte Nefert.

»Ich habe beiden zu danken; aber bekennen muß ich, daß die Wüste ein wunderbarer Arzt ist für eine kranke Seele. Aus dem Einerlei um uns her retten wir uns in unser eigenes Innere, die Sinne ruhen und ungestört und unbeeinflußt von Außen ist es uns hier gegeben, jeden Gedanken auszudeuten bis auf's Letzte, jedes Gefühl durchzuempfinden bis in seine feinste Gliederung. In den Städten ist Jeder immer nur ein Theil eines größern Ganzen, von dem er abhängt, dem er gibt und von dem er empfängt; der einsame Wüstenwanderer aber ist ganz auf sich gestellt, und, gleichsam abgelöst von jeder größern Menschengemeinschaft, muß er sich mit dem eigenen Ich begnügen und in diesem suchen, was seinem Dasein Inhalt und Sinn zu geben vermag. Hier, wo die Gegenwart bescheiden zurücktritt, findet auch der in die Ferne denkende Geist keine Schranken.«

»Es denkt sich gut in der Wüste,« bestätigte Nebsecht. »Klar ist mir hier geworden, was ich in Aegypten nur ahnte.«

»Das wäre?« fragte Pentaur.

»Erstens,« gab der Arzt zurück, »daß ich und wir Alle nichts Rechtes wissen, und dann, daß der Esel die Rose wohl lieben mag, aber nicht die Rose den Esel, und das Dritte muß ich für mich behalten, denn das ist eben mein Geheimniß, und wenn es auch alle Menschen angeht, so kümmert sich doch Keiner darum. Herr Ceremonienmeister, wie kommt das? Du weißt genau, wie tief sich die Leute je nach ihrem Stande vor der Prinzessin zu bücken haben, und ahnst nicht, wie so ein Rückgrat gebaut ist.«

»Wozu auch?« fragte der Andere. »Ich hab' auf das Aeußere zu sehen, während Du wohl Tag und Nacht in's Innere schaust; Dein Haar würde sonst glatter und Dein Kleid weniger fleckig sein!«

Ohne Zwischenfall gelangten die Reisenden nach der alten Chetiterstadt Hebron, woselbst sie Abschied von Abocharabos und den Seinen nahmen, und strebten nunmehr, von ägyptischen Truppen sicher geleitet, gen Norden.

Pentaur trennte sich hier von der Prinzessin und Bent-Anat sagte ihm ohne Klage Lebewohl.

Uarda's Vater, der im Dienste des ältern Mohar Weg und Steg in Syrien genau kennen gelernt hatte, begleitete den Dichter, während der Arzt Nebsecht bei den Frauen zurückblieb, deren guter Stern mit Pentaur's Entfernung unterzugehen schien, denn heftige Winterregen fielen in den samaritanischen Bergen, verdarben die Wege, durchnäßten die Zelte und zwangen sie oft zu unerwünschtem Aufenthalt. In Megiddo wurden sie von dem Befehlshaber der ägyptischen Besatzung mit hohen Ehren empfangen und sie waren gezwungen, hier länger zu verweilen, denn Nefert, welche mit besonderem Eifer zur Eile gedrängt hatte, war erkrankt und der Arzt Nebsecht mußte ihr die Weiterreise in dieser Jahreszeit untersagen.

Uarda ward bleich und nachdenklich. Bent-Anat sah mit Besorgniß das zarte Roth von den Wangen ihres holden Lieblings schwinden, aber wenn sie sie fragte, was ihr fehle, so gab sie ausweichende Antwort. Weder hatte sie vor der Prinzessin jemals Rameri's Namen genannt,. noch ihr ihr Kleinod gezeigt, denn es war ihr, als wenn Alles, was sich zwischen ihr und dem Prinzen ereignet hatte, ein Geheimniß sei, das ihr nicht allein gehöre. Auch noch eine andere Ursache schloß ihr den Mund. Sie war Bent-Anat leidenschaftlich ergeben und sie sagte sich, daß sie, wenn sie ihr Alles erzählte, ihren Bruder tadeln oder gar über ihre Neigung lachen würde wie über ein Kinderspiel; und wenn das geschähe, meinte sie, würde sie die Schwester Rameri's nicht mehr lieben können.

Schon bei der ersten Grenzstation war ein reitender Bote in das Lager des Königs geschickt worden mit der Anfrage, welchen Weg die Prinzessin und ihre Begleiter von Megiddo aus einschlagen sollten. Nun kehrte der Gesandte mit einem kurzen und entschiedenen, aber zärtlichen, von des Pharao eigener Hand geschriebenen Briefe zurück, in dem er seiner Tochter befahl, Megiddo,Aegyptisch Maketha. Auf den Denkmälern häufig erwähnte palästinäische Stadt, welche längst vor ihrer Erneuerung durch Salomo I. Könige 9, 15. eine eminente strategische Bedeutung besaß. Schon die großen Eroberer der 18. Dynastie (16. Jahrh. v. Chr.) hatten sie zu belagern und einzunehmen. die sichere Vorrathsstadt des Heeres, den wohlbefestigten und von einer starken Garnison beschützten Ort, welcher die Zugänge zu Nord- und Mittelpalästina vom Meere her beherrschte, nicht zu verlassen. Entscheidende Schläge, schrieb er, bereiteten sich jetzt vor und sie wisse ja, daß die Aegypter ihre Frauen und Töchter von Kriegsfahrten ausschlössen, um sie sich um so sicherer als besten Siegeslohn für den Frieden aufzusparen.

Während die Frauen in Megiddo warteten, zog Pentaur mit dem Rothbart und einer kleinen, berittenen Schaar, welche ihm der Befehlshaber von Hebron mitgegeben hatte, gen Norden.

Er selbst saß stattlich zu Roß, obgleich er auf dieser Reise zum ersten Mal ein Pferd bestieg. Es war, als wäre er mit der Kunst des Reitens zur Welt gekommen. Sobald er seinem Begleiter die Handgriffe abgesehen und sich mit der Natur des Pferdes vertraut gemacht hatte, gewährte es ihm die höchste Lust, ein feuriges Roß zu bändigen und zu tummeln.

Sein Priestergewand hatte er in Aegypten gelassen.

Hier trug er einen Waffenrock, ein Schwert und Schlachtbeil wie ein Krieger, und der volle Bart, der ihm in seiner Gefangenschaft gewachsen war, wallte jetzt lang auf seine Brust hernieder.

Uarda's Vater schaute ihn oft verwundert an und sagte: »Man möchte denken, der osirische Mohar, mit dem ich mehr als einmal diese Straße gezogen, sei von den Todten erstanden. So wie Du sah er aus, so sprach er, so rief er die Mannschaft, ja so saß er, wenn der Weg für seinen WagenDie Mohar bedienten sich der Wagen aus ihren Reisen. Dieß geht mit Sicherheit aus dem Papyrus Anastasi I. hervor, in dem die Mühseligkeiten lebendig geschildert werden, welche der Beruf eines Syrien bereisenden Mohar mit sich bracht. zu schlecht war, zu Pferd und hielt die Zügel.«

Keiner von Pentaur's Leuten, außer dem Rothbart, war ihm mehr als ein gemieteter Diener, darum ritt er am liebsten allein dem Zuge voraus, rückwärts, selten vorwärts sinnend und gewöhnlich Alles, was sich an seinem Wege zeigte, mit offenen Augen betrachtend.

Bald war der Libanon erreicht. Zwischen ihm und dem Antilibanon durch das »hohle Syrien« führte eine Straße dahin. Es freute ihn, mit eigenen Augen die weithin schimmernden, mit weißem Schnee bedeckten Gipfel zu sehen, von welchen die Krieger gern erzählten.

Fruchtbar und reich gesegnet war das Land zwischen den beiden hohen Gebirgen, von deren Abhängen Sturzbäche und wilde Wasser zu Thale rauschten. Viele Dörfer und Städte lagen an seinem Weg, aber die meisten hatte der Krieg beschädigt. Den Bauern waren die Zugstiere, den Hirten die Heerden fortgetrieben worden, und wenn ein Winzer, der seine Rebstöcke aufband, den nahenden Hufschlag vernahm, so entfloh er in die Schluchten und Wälder.

Ueberall zeigten sich Spuren des Pfluges und des Spatens, aber jetzt waren die meisten Felder unbestellt, denn die jüngeren Bauern standen unter den Waffen, Gärten und Wiesen waren von den Soldaten zertreten, Häuser und Hütten ausgeplündert, verstört oder niedergebrannt worden. Alles trug die verwüstenden Spuren des Krieges, nur die Eichen- und Cedernwälder prangten stolz und gesund an den Abhängen der Berge, Johannisbrodbäume und Platanen bildeten Haine und in den Schluchten und Rissen der spärlich gegliederten Kalkberge, welche das fruchtbare Tiefland begrenzten, wuchs immergrünes Strauchwerk.

Saftig und wasserreich war hier Alles in dieser Jahreszeit und Pentaur verglich dieß Land mit Aegypten und wie dieselben Wirkungen hier durch andere Kräfte erzielt wurden wie dort. Er gedachte jenes Morgens am Sinai und sagte sich wieder: »Hier walten andere als unsere Götter, und die alten Meister, welche die Fremde gottlos schalten und die Ungeweihten, denen das Geheimniß vom Einen verschlossen bleiben soll, warnten, die Heimat zu verlassen, hatten nicht Unrecht.«

Je mehr er sich dem Lager des Königs näherte, je lebhafter beschäftigte er sich mit Bent-Anat, je schneller schlug ihm zu Zeiten das Herz, wenn er an die Stunde seiner Begegnung mit dem Könige dachte.

Im Ganzen war er voll von freudiger Zuversicht, die er selbst thöricht schalt und gegen die er doch nicht ankämpfen mochte.

Ameni hatte ihn oft, wenn er gern hinter Andere zurücktrat, wegen seiner übergroßen Bescheidenheit und seines Mangels an Ehrgeiz getadelt. Daran dachte er jetzt und lächelte und verstand sich selbst immer weniger, denn obgleich er sich geflissentlich hundertmal wiederholte, daß er ein niedrig geborener, armer, ausgestoßener Priester sei, so wollte ihn doch das Gefühl, daß er ein Recht besitze, Bent-Anat für sich zu fordern, nicht verlassen.

Und wenn nun der König ihm seine Tochter weigerte, wenn er ihn seine Kühnheit mit dem Leben bezahlen ließ?

Keine Wimper, das wußte er, würde ihm unter dem Beile zucken und glücklich würde er sterben, denn das, was sie ihm gewährt hatte, besaß er und konnte kein Gott ihm nehmen!

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