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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Fünftes Kapitel.

In froher Laune verging den Zechern eine Stunde, dann wurden sie müde und müder.

Noch stand der Mond nicht hoch, als sie alle schliefen, mit Ausnahme des Rothbarts und Pentaur's.

Vorsichtig erhob sich der Erstere, belauschte die Athemzüge seiner Genossen, näherte sich dann dem Dichter, schloß die Ringe auf, durch welche die zusammengeschmiedete Kette um seine und Nebsecht's Knöchel befestigt waren, und versuchte den Arzt zu wecken, aber vergebens.

»Folge mir,« rief er dem Dichter zu, nahm Nebsecht auf die Schulter und näherte sich der ihm von Uarda bezeichneten Stelle des Baches.

Dreimal rief er den Namen seiner Tochter, der junge Amalekiter zeigte sich und dringend sagte der Soldat: »Folge diesem. Für Nebsecht werde ich sorgen.«

»Den lasse ich nicht!« sagte Pentaur entschieden. »Vielleicht erweckt ihn das Wasser.«

Sie badeten den Arzt, welcher halb erwachte und von seinen Begleitern bald gestützt, bald getragen, auf den rauhen Felsenpfaden schwankend und strauchelnd mit ihnen vor Mitternacht zu dem Ziele der Wanderung, der Hütte des Amalekiters, gelangte.

Der alte Jäger schlief bereits, aber sein Sohn weckte ihn und theilte ihm mit, was Uarda ihm gesagt und verheißen.

Es hätte keiner Versprechung bedurft, um den braven Bergbewohner zur Gastlichkeit zu ermuntern. Mit treuherziger Freundlichkeit empfing er den Dichter, legte den fest entschlafenen Arzt auf eine Matte nieder, bereitete Pentaur ein Lager aus Laub und Thierfellen, rief seine Tochter herbei, ließ ihm die Füße waschen und reichte ihm, als er die Lumpen sah, die seinen Leib bedeckten, sein eigenes Feierkleid.

Pentaur streckte sich aus auf dieser schlichten Ruhestätte, die ihm weicher erschien als das seidene Bett einer Königin, und auf dem er doch keinen Schlaf fand.

Zu mächtig und sinnverwirrend waren die wechselnden Empfindungen, welche sein Herz erfüllten.

Noch standen die Sterne am Himmel, als er von seinen Fellen aufsprang, den Arzt darauf niederlegte und in's Freie eilte.

Neben dem Hause des Jägers sprudelte ein frischer Bergquell. Er ging ihm entgegen und tauchte sein Antlitz in das eiskalte Naß und ließ seinen Leib von ihm überströmen und wieder überströmen. Ihm war, als müßt' er sich säubern bis in die Seele hinein, nicht nur von dem Staube langer Wochen, sondern auch von Groll und Verzagtheit, von Schmach und Bitterkeit, von der Berührung mit dem Laster und der Gemeinheit.

Als er endlich aufstand von der Quelle und in die Hütte zurückkehrte, fühlte er sich so rein wie an einem Feiertagsmorgen im Setihause, wenn er gebadet und frische Gewänder von schneeigem Linnen angethan hatte. Er griff nach dem Feierkleide des Jägers, zog es an und trat dann wieder hinaus in's Freie.

Wie schwarze Gewitterwolken sah er vor sich ungeheure Felsenmassen und über diesen blaute der Himmel mit tausend Sternen.

Das Wonnegefühl der Freiheit und Reinheit erhob seine Seele, und die Luft, die er athmete, war so frisch und leicht, daß er, wie von Flügeln oder unsichtbaren Händen getragen, den steilen Pfad zu der dunklen Masse der Bergspitze entgegenstieg.

Ein Steinbock, dem er begegnete, wich ihm aus und erkletterte fliehend mit seinem Weibchen eine steile Felswand; er aber rief den Thieren zu: »Ich thue euch nichts, ich nicht.«

Als er bei einer kleinen Ebene am Fuße der vielfach zerklüfteten granitenen Spitze des Berges angelangt war, blieb er stehen. Wiederum hörte er einen Quell neben sich murmeln, das Gras, auf welches sein Fuß trat, war feucht und mit einer zarten schimmernden Eisschicht bedeckt, in der sich die Sterne spiegelten, die mälig und mälig verblaßten.

Er schaute auf zu den nimmer ruhenden und ewig stillstehenden Lichtern am Himmel, hin zu der Spitze des Berges, in die Tiefe und fern in die Weite.

Langsam lichtete sich das Dunkel, die mit der Nacht verschwimmende Masse des Berges trat deutlich hervor mit ihrer schimmernden Spitze, die leichte Wolken wie der Rauch eines Feuers umwogten. Aus der Oase und den anderen Thälern zu seinen Füßen stiegen weißliche Dünste empor, schwer und massig und dann sich zertheilend und in leichtem Spiele aufschwebend zu ihm und zum Himmel.

Tief unter ihm wiegte sich ein mächtiger Adler, das einzige beseelte Wesen weit und breit.

Feierliches, lautloses Schweigen umgab ihn rings, und als der Adler sich niederließ und seinen Blicken entschwand und die Nebel sich tiefer senkten, da sagte er sich, daß er hier allein hoch über allem Geschaffenen stehe und nahe der Gottheit.

Tiefere Athemzüge hoben und senkten seine Brust, es war ihm zu Muthe wie in der seiner Weihung folgenden Stunde, in der er zum ersten Mal in das Allerheiligste geführt worden war, und doch ganz anders.

Statt des schweren Weihrauchduftes zog er leichte und reine Lüfte ein und mächtiger als dort der priesterliche Gesang griff ihm hier das tiefe Schweigen des Hochgebirges in die Seele.

Es war ihm, als müsse hier die Gottheit seiner Lippen leisestes Stammeln vernehmen, und doch war sein Herz so übervoll von Dank und Andacht, daß es ihn antrieb, in lautem Gesange dem mächtigen Drange seiner Empfindungen Ausdruck zu geben.

Aber sein Mund verstummte und schweigend kniete er nieder, um zu beten und zu danken.

Andachtsvoll schaute er sich um im Kreise.

Wo war hier der Osten, den in Aegypten ein langer Höhenzug sicher bezeichnete? Dort drüben, wo jetzt über der Oase der Himmel sich lichtete. Zu seiner Rechten lag der Süden, die heilige Heimat des Nils und der Kataraktengötter; aber hier wogte kein Strom, und wo war hier eine Stätte für die sichtbare Wirksamkeit des Osiris und der Isis, des im Papyrusdickicht aus einer Lotosblume erwachsenden Horus oder der Segensgöttinnen Rennut und Zefa? Zu wem von ihnen konnte er hier die Hände erheben?

Ein leiser Luftzug erhob sich, die Nebel schwanden hin wie ruhelose Schatten vor dem Wort des Beschwörers, in scharfen Umrissen zeigte sich ihm die vielzackige Krone des heiligen Sinaiberges und unter ihm traten die Windungen der Thäler und die dunkelfarbige, leise bewegte Fläche des Meeres immer deutlicher hervor.

Alles still, alles unberührt von der Hand des Menschen und doch zu einem großen, herrlichen Ganzen gefügt, doch allen Gesetzen des Alls unterworfen, doch voll von der Gottheit.

Zu dem Führer der Wege Apheru wollte er seine Hände dankend erheben; aber er vermochte es nicht und unendlich klein erschienen ihm die Götter, die er oft vor dem Volke mit begeisterten Worten gepriesen hatte, und die doch nur am Nil einen Sinn, eine Heimat, ein Herrschaftsgebiet besaßen.

»Zu euch,« murmelte er, »bete ich nicht! Hier, wo mein Blick wie der eines Gottes die Ferne umfaßt, hier fühl' ich den Einen, hier ist er mir nah, hier ruf' ich ihn an, hier will ich ihm danken!«

Und nochmals erhob er die Arme und betete laut: »Du Einer, Du Einer, Du Einer!«

Er sagte nichts weiter, aber ein hohes Lied des Dankens und Rühmens erfüllte seine Brust, während er diese Worte sprach.

Als er sich endlich erhob, stand neben ihm ein Mann von hohem Wuchs mit gewaltigen Augen und würdevoll wie ein König, trotz seines schlichten Hirtengewandes.

»Wohl Dir,« sagte der Fremde mit tiefer, langsamer Stimme. »Du suchest den wahren Gott.«.

Pentaur schaute dem bärtigen Manne prüfend in's Antlitz. Dann sagte er: »Ich erkenne Dich jetzt; Du bist Mesu. Ein Knabe war ich, als Du das Setihaus verließest, aber Deine Züge prägten sich in meine Seele. Wie Dich, so weihte Ameni auch mich in die Lehre vom Einen.«

»Er kennt ihn nicht,« entgegnete der Andere sinnend und schaute nach dem lichter erglänzenden Horizont des Ostens.

Der Himmel färbte sich purpurn und die Spitze des mit einem Schleier von Eis umhüllten Granitberges begann zu funkeln und zu leuchten wie ein schwarzer Demantstein, der Sonnenstrahlen getrunken.

Das Tagesgestirn ward sichtbar und Pentaur kehrte ihm sein Antlitz zu und betete nach seiner Gewohnheit.

Als er sich wieder erhob, kniete auch Mesu am Boden, aber er kehrte der Sonne den Rücken.

Nachdem er sein Gebet vollendet, fragte ihn Pentaur: »Warum wandtest Du Dich ab von des Sonnengottes Erscheinung? Es ward uns gelehrt, ihm entgegen zu schauen, wenn er naht.«

»Weil ich,« gab sein ernster Gefährte zurück, »zu einem Andern bete wie ihr. Die Sonne und alle Sterne sind wie Spielbälle der Kinder in seiner Hand, die Erde ist seiner Füße Schemel, der Sturmwind sein Athem und das Meer ist vor seinen Augen wie der Tropfen an diesem Halme.«

»Lehre mich den Großen kennen, zu dem Du betest!« rief Pentaur.

»Suche ihn!« entgegnete der Andere, »und Du wirst ihn finden, denn aus Leid und Elend kommst Du, und an dieser Stätte, an einem Morgen wie diesem, ward er mir offenbar.«

Der Fremde wandte sich ab und bald verbarg ihn ein Felsen dem sinnend in die Weite schauenden Dichter.

Gedankenvoll schritt Pentaur zu Thale und näherte sich der Hütte des Jägers.

Bald hemmte er den Fuß, denn er hörte menschliche Stimmen; aber Felsen verbargen seinen Blicken die nahende Schaar.

Endlich erschienen der Sohn seines Gastfreundes, ein Mann in ägyptischer Tracht, eine Frau von hohem Wuchse, neben der ein Mädchen leicht daherschritt und eine andere, welche Sklaven in einer Sänfte trugen.

Pentaur's Herz erbebte, denn er erkannte Bent-Anat und ihre Gefährtinnen.

Sie verschwanden bei dem Hause des Jägers, er aber blieb, tief aufathmend, wie gebannt an der Felswand stehen, lange, lange und regte sich nicht.

Er hörte nicht, daß sich ihm leichte Schritte nahten und daß sie sich entfernten, er fühlte nicht, daß die Sonne auf ihn und den Porphyr hinter ihm glühende Strahlen zu schleudern begann, er sah nicht das Weib, welches ihm nun entgegenschritt; aber wie ein Tauber, der plötzlich die Gabe des Gehörs zurückgewinnt, schrak er zusammen, als er seinen Namen nennen horte, nennen hörte von welchen Lippen!

»Pentaur!« rief zum andern Male Bent-Anat, und der Dichter öffnete weit seine Arme und die Tochter des Königs sank an seine Brust und er zog sie an sich, als wollte er sie halten und nimmer lassen sein Lebenlang.

Indessen rasteten die Begleiter der Prinzessin vor der Hütte des Jägers.

»Sie eilte an seine Brust, ich hab' es gesehen,« sagte Uarda. »Nie werd' ich das vergessen! Es war als hätte das schimmernde Meer dort sich aufgerichtet und den heiligen Berg umarmt!«

»Wo hast Du solche Gedanken her, Kind?« rief Nefert.

»Aus dem Herzen, tief aus dem Herzen!« sagte Uarda. »Ich bin so namenlos glücklich!«

»Du hast ihn gerettet und seine Gutthat vergolten, das muß Dich wohl freuen.«

»Das ist's nicht allein!« sagte Uarda. »Schon wollt' ich verzagen; nun seh' ich doch wieder, daß die Götter gerecht sind und gut.«

Die Gattin des Mena nickte ihr zu und seufzte: »Die Beiden sind glücklich.«

»Und verdienen's zu sein,« rief das Mädchen. »Wie Bent-Anat denk' ich mir die Göttin der Wahrheit, und wie Pentaur ist kein anderer Mann in Aegypten.«

Nefert schwieg eine Weile; dann fragte sie leise: »Hast Du Mena gesehen?«

»Wie sollt' ich?« entgegnete Uarda. »Warte nur, auch eure Zeit wird kommen. Ich glaube, ich blicke heut in die Zukunft wie eine Prophetin! Aber laß uns nun schauen, ob der Arzt Nebsecht noch immer daliegt und schläft. Der Trank, den ich in den Schlauch goß, muß stark sein.«

»Das ist er,« entgegnete Nefert und folgte dem Mädchen in die Hütte.

Dort lag der Arzt noch immer auf seinem Lager und schlief mit weit geöffnetem Munde.

Uarda kniete neben ihm nieder, schaute ihm in's Antlitz und sagte: »Er ist klug und weiß Alles, aber wie einfältig er jetzt aussieht! Ich werde ihn wecken.«

Uebermüthig zog sie einen Grashalm aus der Streu und berührte damit seine Nase.

Nebsecht erhob sich, nieste und schlief weiter, Uarda aber lachte mit ihrer Silberstimme hell auf. Dann erröthete sie und sagte: »Das war doch Unrecht. Er ist gut und großmüthig!«

Bei diesen Worten ergriff sie die Hand des Schläfers, führte sie an ihre Lippen und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Da erwachte er, schlug die Augen auf und murmelte halb im Traum: »Uarda, liebe Uarda.«

Das Mädchen wich zurück und entfloh.

Nefert folgte ihr.

Als Nebsecht wieder auf den Füßen stand und sich umschaute, fand er sich allein in der fremden Jägerhütte. Er trat in's Freie, wo er Bent-Anat's Gefolge antraf, das sich ängstlich über die geschehenen und zu erwartenden Dinge unterredete.

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