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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zweites Kapitel.

In der Frühe des folgenden Tages ging der Zwerg Nemu mit einem Mann im langen schlichten Gewande, dem Haushofmeister einer vornehmen Familie, an der von Uarda's Vater wieder hergestellten Hütte, in der der Soldat einst mit seinem Weibe gewohnt hatte, vorüber und der Höhle der alten Hekt entgegen.

»Hier unten, hoher Herr,« sagte der Zwerg, »bitt' ich Dich einige Augenblicke zu warten, damit ich Dich meiner Mutter melde.«

»Das klingt ja ganz vornehm,« erwiederte der Andere; »aber sei es. Nur noch Eins! Die Alte soll mich nicht bei Namen nennen oder meinen Titel in den Mund nehmen. Sie rufe mich Haushofmeister, denn man kann nie wissen . . . Ich denke zwar, es erkennt mich Niemand in dieser Verkleidung.«

Nemu eilte zu der Höhle, vor der er seine Mutter fand, die ihm entgegenrief: »Laß nur den Herrn nicht warten, ich erkenne ihn wohl!«

Nemu legte den Zeigefinger an den Mund und sagte: »Du sollst ihn Haushofmeister rufen.«

»Gut,« murmelte die Alte, »so steckt der Strauß den Kopf unter die Federn, wenn man ihn nicht sehen soll.«

»War das Prinzchen gestern noch lange bei Uarda?«

»Nein, Du Narr,« lachte die Hexe. »Die Kinder spielen miteinander. Rameri ist ein junger Widder, der noch hörnerlos ist und doch schon die Stelle fühlt, an der sie ihm wachsen werden, und sie zu gebrauchen versucht. Pentaur kann Dir bei dem Rothköpfchen gefährlicher werden. Schnell nun, man läßt solchen Haushofmeister nicht lange warten.«

Die Alte gab dem Zwerg einen Stoß und dieser eilte zu Ani zurück, während sie den kleinen, auf sein Brett gebundenen Scherau in die Hütte trug und den braunen Sack über ihn warf.

Wenige Minuten später stand der Statthalter vor ihr.

Sie verneigte sich mit einem Anstande, welcher mehr an die Sängerin Beki, als die Zauberin Hekt erinnerte, und bat ihn, auf dem einzigen Stuhle, den sie besaß, Platz zu nehmen.

Als er sich durch eine Handbewegung weigerte, sich niederzulassen, sagte sie: »Doch, doch, setze Dich! Man sieht Dich dann nicht vom Thal aus, wegen des Felsens hier nebenan. Warum wähltest Du diese Stunde für Deinen Besuch?«

»Weil das, was ich mit Dir zu besprechen wünsche, eilt,« sagte Ani, »und ich am Abend leicht von den Wächtern angerufen werden könnte. Meine Verkleidung ist gut. Unter diesem Rocke trag' ich mein gewöhnliches Gewand. Von hier aus geh' ich hinüber zur Gruft meiner Väter, lege dort das grobe Ding und womit ich sonst noch verkleidet bin, ab und erwarte meinen Wagen, der schon bestellt ist. Ich werde den Leuten sagen, ich hätt' ein Gelübde, die Gruft zu Fuß und in Demuth zu besuchen, heute erfüllt.«

»Gut ersonnen,« murmelte die Alte; Ani aber wies auf den Zwerg und sagte verbindlich: »Dein Schüler!«

Seit ihrer Erzählung war die Zauberin für ihn nicht mehr die gewöhnliche Hexe.

Die Alte empfand das und neigte sich mit einer Verbeugung, deren förmliche Höflichkeit einen zahmen Raben zu ihren Füßen so sehr in Erstaunen versetzte, daß er seinen schwarzen Schnabel weit öffnete und ein lautes Geschrei ausstieß. Sie warf ein Stück Käse hinein und der Vogel hüpfte, seinen gebrochenen Flügel nachschleppend, davon und schwieg.

»Ich habe mit Dir über Pentaur zu sprechen,« sagte Ani.

Der Alten Augen blitzten auf und lebhaft fragte sie. »Was ist's mit dem?«

»Ich habe Grund,« antwortete der Statthalter, »diesen Menschen für gefährlich zu halten. Er steht mir im Wege. Mancherlei Frevel hat er begangen, ja, er hat gemordet; aber er ist wohl gelitten im Setihaus und man möchte ihn dort am liebsten ungestraft lassen. Die Herren haben das Recht, über einander zu Gericht zu sitzen, und ich kann an ihrem Urtheil nichts ändern. Vorgestern haben sie den Spruch gesprochen. Sie wollen ihn nach ChennuDie Steinbrüche von Chennu (heute Gebel Silsileh) sind von ungeheurer Ausdehnung. Fast alle zu den Tempelbauten in Oberägypten verwandten Sandsteine wurden dort gebrochen. in die Steinbrüche senden. Meine Einwände blieben ungehört und, nun ja . . . Nemu, geh' hinüber in das Grab des Amenophis und warte dort auf mich! Ich habe Einiges mit Deiner Mutter allein zu reden!«

Nemu verneigte sich und ging den Berg hinab, verdrossen zwar, aber doch in der sichern Erwartung, später Alles zu erfahren, was die Beiden miteinander verhandeln würden.

Als der Kleine verschwunden war, fragte Ani: »Hast Du noch ein Herz für das alte Königshaus, dem Deine Eltern so treu ergeben waren?«

Die Alte nickte.

»Wohl, so wirst Du seiner Aufrichtung durch mich Deine Hülfe nicht versagen! Du begreifst, wie nöthig ich jetzt der Priester bedarf, und ich habe geschworen, Pentaur nicht nach dem Leben zu trachten; aber ich wiederhole es: er steht mir im Wege! Ich habe meine Späher im Setihaus und weiß durch sie, was die Versendung des Dichters in die Brüche von Chennu bedeutet. Eine Zeitlang lassen sie ihn Sandsteine hauen und das wird die Gesundheit des baumstarken Mannes nur fördern. In Chennu befindet sich, wie Du weißt, außer den Brüchen das große Priesterkollegium, das mit dem Setihaus in enger Verbindung steht. Wenn der Fluß zu steigen beginnt und man in Chennu das große Nilfest feiert,Bei Chennu verengt sich der Strom und unter Ramses II. und seinem Nachfolger Mernephtah wurden dort große Stelen aufgestellt, welche schöne Hymnen an den Nil und die Liste der an den Nilfesten darzubringenden Opfer enthalten. Die Inschriften lassen sich durch Vergleichung ergänzen. Dieß ist von meinem Freunde Stern und mir an Ort und Stelle geschehen. Ersterer hat sie dann vortrefflich behandelt in der Zeitschrift für ägyptische Sprache und Alterthumskunde 1873 S. 129. Ramses der Große stiftete zwei Nilfeste. Stern vergleicht sie mit den beiden heute noch gefeierten: »die Nacht des Tropfens«, welche immer auf den 11. Baûneh (1873 = den 17. Juni) fällt, in welcher Zeit der Nilstand am niedrigsten ist, und »den Durchschnitt des Dammes«, ein nach dem Stande des Wassers anberaumtes Fest. Wie die Nilfeste von Chennu, so liegen die heute noch gefeierten zwei Monate auseinander. so haben die dortigen Priester das Recht, sich drei der in den Steinbrüchen thätigen Verbrecher zu ihrem eigenen Dienst auszusuchen. Natürlich wählen sie im kommenden Jahr Pentaur, lassen ihn frei und man lacht über mich.«

»Gut ersonnen!« sagte die Hexe.

»Ich habe nun bei mir selbst, mit Katuti und auch mit Nemu Rath gehalten,« fuhr Ani fort: »doch Alles, was sie ersonnen, wäre wohl ausführbar, ist aber ungeschickt und muß mindestens zu Muthmaßungen führen, die ich jetzt vermeiden möchte. Was wäre Dein Rath?«

»Assa's Stamm soll untergehen!« murmelte die Alte düster.

Dann schaute sie sinnend zu Boden und sagte endlich:

»Laß das Schiff anbohren und bevor es nach Chennu kommt, mit den gebundenen Gefangenen versinken.«

»Nein, nein, daran dachte ich selbst und auch Nemu rieth es,« rief Ani. »Das ist hundertmal dagewesen. Ameni soll mich nicht für meineidig halten und ich habe geschworen, Pentaur nicht an's Leben zu gehen.«

»Ja so, das hast Du geschworen und untereinander haltet ihr Männer euch Wort. Wart' ein wenig, wie wäre denn das? Du läßt das Schiff mit den Gefangenen nach Chennu absegeln, doch mit dem geheimen Befehl an den Kapitän, in der Nacht an den Brüchen vorbei und so eilig als möglich weiter bis nach Aethiopien zu fahren. Von Suan aus läßt Du die Gefangenen durch die Wüste in die Goldbergwerke führen. Vier Wochen, aber auch acht können vergehen, bis man hier erfährt, was geschehen. Tritt dann Ameni Dir gegenüber, so zeigst Du Dich zornig über dieß Versehen und kannst bei allen Göttern der Höhe und Tiefe schwören, Pentaur nicht nach dem Leben getrachtet zu haben. Mit Erkundigungen vergehen andere Wochen. Inzwischen thut wohl Paaker das Seine und Du das Deine und Du bist König. Mit dem Szepter, dächt' ich, ließe sich leicht ein Gelöbniß zerhauen, und willst Du ja Dein Wort halten, so laß nur Pentaur in den Goldbergwerken. Es ist noch Keiner von dort zurückgekehrt. Auch meines Vaters und meiner Brüder Gebein hat dort die Sonne gebleicht.«

»Aber Ameni wird an den Irrthum nicht glauben,« unterbrach Ani ängstlich die Zauberin.

»So bekenne, daß Du die Fahrt befohlen!« rief Hekt. »Erkläre, Du habest erfahren, was sie in Chennu mit Pentaur vorgehabt, und zwar Dein Wort gehalten, aber einen Verbrecher nicht straflos lassen wollen. Sie werden Erkundigungen einziehen, und finden sie den Enkel des Assa am Leben, so bist Du gerechtfertigt. Folge meinem Rath, wenn Du ein tüchtiger Hausverwalter sein und Herr auf Deinem Besitzthum bleiben willst.«

»Es geht nicht,« sagte der Statthalter, »ich brauche die Unterstützung Ameni's nicht nur heut und morgen. Ich will sein blindes Werkzeug nicht werden, aber er muß mich jetzt dafür halten.«

Die Alte zuckte die Achseln, stand auf, ging in ihre Hütte und brachte ein Fläschchen aus derselben zurück.

»Nimm das,« sagte sie. »Vier Tropfen davon in den Wein bringen den Trinker unfehlbar um den Verstand. Versuche den Trank an einem Sklaven und Du wirst sehen, wie gut er ist.«

»Was soll ich damit?« fragte Ani.

»Dich rechtfertigen vor Ameni,« lachte die Zauberin.. »Du befiehlst dem Schiffsführer, zu Dir zu kommen, sobald er heimkehrt, bewirthest ihn mit Wein, und warum sollte Ameni, wenn er den Verrückten sieht, nicht glauben, daß er im Irrsinn an Chennu vorbeigefahren sei!«

»Das ist klug, das ist herrlich!« rief Ani. »Was ungewöhnlich war, wird nie zum Gemeinen. Du warst die größte Sängerin und bist jetzt die weiseste der Frauen, Frau Beki.«

»Ich bin nicht mehr Beki, ich heiße Hekt,« sagte die Alte rauh.

»Wie Du willst! Freilich, hätt' ich Beki's Gesang vernommen, so würd' ich ihr zu noch größerem Danke verpflichtet sein, als nun der Hekt,« lächelte Ani. »Doch ich möchte die klügste Frau in Theben nicht verlassen, ohne noch eine ernste Frage an sie zu richten. Ist es Dir gegeben, in die Zukunft zu schauen? Stehen Dir Mittel zu Gebote, voraus zu sehen, ob das große Wagniß, Du weißt schon, welches ich meine, – gelingen oder fehlschlagen wird?«

Hekt schaute zu Boden und sagte dann nach kurzer Ueberlegung: »Noch kann ich nichts Gewisses behaupten, aber Deine Sache steht gut. Sieh' dort die beiden Sperber mit den Kettchen an den Füßen: sie nehmen von keinem Menschen Nahrung an, als von mir. Der mausernde mit den geschlossenen grauen Lidern ist Ramses, der schmucke und glatte mit den blitzenden Augen bist Du! Es kommt nun darauf an, wer von Beiden am längsten lebt. Bis jetzt, Du siehst es, bist Du im Vortheil.«

Ani warf einen bösen Blick auf den kranken Sperber des Königs, Hekt aber sagte: »Man muß beide ganz gleich behandeln, denn das Schicksal läßt sich keine Gewalt anthun.«

»Füttere sie gut!« rief der Statthalter, warf Hekt seine Börse in den Schooß und fügte hinzu, indem er sich zum Aufbruch rüstete: »Wenn einem der Vögel etwas begegnet, so laß es mich bei Zeiten durch Nemu wissen.«.

Ani stieg den Berg hinunter und schritt dem benachbarten Grabe seiner Väter entgegen; Hekt aber lachte ihm nach und murmelte vor sich hin: »Jetzt schützt mich der Narr schon um seines Vögelchens willen! Der lächelnde, muthlose, denkfaule Mann will Aegypten beherrschen! Bin ich denn um so Vieles weiser als die anderen Menschen, oder kommen nur die Thoren zu der alten Hekt? Aber Ramses wählte doch Ani, um ihn zu vertreten! Vielleicht weil er den nicht sonderlich Klugen für nicht sonderlich gefährlich hielt. Hätt' er das gedacht, so wär' er nicht weise, denn Niemand pflegt selbstbewußter und frecher zu sein, als gerade die Dummen!«

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