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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Fünfzehntes Kapitel.

Während die Gäste des Setihauses zechten und Ameni's Boten, um die alte Hekt aus dem Schlafe zu wecken, in das Thal der Königsgräber wanderten, erhob sich von Südwesten her ein heißer Sturm, welcher schwarzes Gewölk am Himmel und braune Staubwolken auf der Erde vor sich her jagte. Er neigte die schlanken Stämme der Palmen, wie ein Schütze das Holz seines Bogens, er riß auf dem Festplatze die Zeltpflöcke aus dem Boden, wirbelte die leichten Dächer von Linnen hoch in die Luft, jagte sie wie ungeheure weiße Gespenster durch das Dunkel der Nacht und peitschte den glatten Spiegel des Nils, bis seine gelblichen Wasser sich aufbäumten und Wogen schlugen wie das unruhige Salzmeer.

Paaker hatte seine bebenden Schiffsleute gezwungen, ihn über den Strom zu fahren. Mehrfach war das Boot dem Umschlagen nahe gewesen, aber mit seiner unverletzten Rechten hatte er selbst das Steuer geführt, fest und sicher, obgleich ihm bei dem Hin- und Herschwanken des Nachens seine gebrochenen Finger heftige Schmerzen verursachten. Nach vielen vergeblichen Bemühungen gelang es ihm, zu landen.

Der Sturm hatte die Laternen an den Masten, die Zeichen, nach welchen seine Leute ausschauten, verlöscht und er fand am Ufer weder Diener noch Fackelträger. Durch das tiefste Dunkel rang er sich gegen den heißen Sturm bis zu der stolzen Pforte seines Hauses. Sonst verkündete das eigenartige Gebell seiner Dogge dem Pförtner die Heimkehr des Herrn, heute mußten die ihn begleitenden Matrosen lange vergebens an den schweren Thorflügeln klopfen.

Als er endlich seinen Hof betrat, fand er Alles dunkel, denn der Sturm hatte auch hier die Laternen und Fackeln verlöscht. Nur die Fenster der Wohnstube seiner Mutter waren erleuchtet.

Jetzt erhoben die Hunde in ihrem unbedeckten Zwinger ihre Stimmen, aber sie klangen wimmernd und jammervoll, denn das Unwetter ängstigte die Thiere. Ihr Geheul schnitt dem Wegeführer in's Herz, denn es erinnerte ihn an den erschlagenen Descher, dessen tiefe Stimme er vermißte.

In seinen Gemächern bewillkommnete ihn sein alter äthiopischer Sklave mit einem lauten Jammergeschrei, das dem Hunde galt, den er für Paaker's Vater groß gezogen und sehr lieb gehabt hatte.

Der Wegeführer warf sich auf einen Stuhl und befahl, daß man ihm Wasser bringe, um seine schmerzende Hand nach der Vorschrift des Arztes Nebsecht darin zu kühlen.

Sobald der Alte die gebrochenen Finger sah, stieß er ein neues Jammergeschrei aus, und als ihm Paaker zu schweigen gebot, fragte er: »Ist Der noch am Leben, der das gethan und den Descher erschlagen?«

Paaker nickte bejahend und schaute, während seine Hand im kühlenden Wasser ruhte, schweigend zu Boden. Er fühlte sich elend und fragte sich, warum der Sturm sein Boot nicht umgeschlagen und der Nil ihn nicht verschlungen habe? Eine grausame Bitterniß erfüllte seine Brust und er wünschte sich, ein Kind zu sein und weinen zu können. Aber bald wandelte sich diese Stimmung, seine Brust begann sich in tiefen Athemzügen zu heben und zu senken und seine Augen strahlten in unheimlichem Glanz. Er gedachte nicht seiner Liebe, wohl aber der Rache, die ihm jetzt noch süßer erschien, als jene.

»Die Ramsesbrut,« murmelte er vor sich hin. »Ich opfere sie alle zusammen, den König und Mena und die stolzen Prinzen und viel mehr noch der Ihren; ich weiß auch schon wie! Wartet nur, wartet!«

Hoch empor schwang er drohend seine geballte Rechte.

Da öffnete sich die Thür seines Zimmers und Frau Setchem, deren Schritte der heulende Sturm übertönt hatte, näherte sich dem Rache sinnenden Sohne und rief, entsetzt vor der sein Antlitz entstellenden Wildheit, seinen Namen.

Paaker schrak zusammen und sagte dann mit scheinbarer Ruhe: »Du bist es, Mutter, der Morgen ist nahe und Schlaf ist besser als wachen in dieser Stunde.«

»Es ließ mir keine Ruhe in meinem Gemache,« erwiederte Frau Setchem. »Schrecklich heult der Sturm und mir ist so bange, so schrecklich bange, wie vor dem Tode Deines Vaters.«

»So bleibe bei mir,« sagte Paaker freundlich, »und ruhe auf meinem Lager.«

»Ich kam nicht hieher, um zu schlafen,« gab Setchem zurück. »Schrecklich ist das, was Dir aus der Landungstreppe begegnet ist, und ängstigt mein Herz! Nein, nein, mein Sohn, es ist nicht wegen der zerschlagenen Hand, so weh es mir thut, daß Du Schmerzen erleidest, es ist wegen des Königs und seines Zornes, wenn er Kunde erhält von Deinem Streite. Er ist Dir weniger hold, als Deinem verstorbenen Vater, ich weiß es! Wie wild Du lachtest und wie Du aussahst, als ich hereinkam! Das ist mir durch Mark und Bein gegangen!«

Eine Zeitlang schwiegen Beide und lauschten auf den immer rasender tobenden Sturm.

Endlich sagte Setchem: »Auch noch ein Anderes bewegt mir Herz und Sinn. Ich kann den Festredner von heute nicht vergessen, den jungen Pentaur. Seine Gestalt, sein Antlitz, seine Bewegungen, ja seine Stimme sind ganz wie die Deines Vaters, in der Zeit, als er um mich freite. Es ist, als wollten die Götter den besten Mann, den sie von hinnen genommen, zum zweiten Male vor ihren Augen wandeln sehen.«

»Ja, Herrin,« rief der alte äthiopische Sklave, »solche Aehnlichkeit hat noch keines Sterblichen Auge geschaut. Ich sah ihn kämpfen vor der Hütte des Paraschiten und da auch sah er dem Verdorbenen völlig gleich! Ja er schwang auch den Pfahl, wie mein Herr in der Schlacht seine Streitaxt.«

»Schweig'!« rief Paaker, »und hinaus mit Dir, Dummkopf! Der Priester, Mutter, gleicht dem Vater, ich gebe es zu; aber er ist ein frecher Gesell, der mich schändlich beleidigt und mit dem ich abzurechnen habe, wie mit manchem Andern.«

»Wie wild Du bist,« unterbrach ihn Setchem, »und voll von bitterem Haß! Dein Vater war so freundlich gesinnt und liebte die Menschen.«

»Lieben sie mich etwa?« fragte der Wegeführer und lachte bitter. »Selbst die Himmlischen sind mir nicht hold und werfen Dornen auf meine Straße. Aber ich räume sie fort mit eigener Hand und werde mir auch ohne die da oben erringen, was ich begehre, und niederwerfen, was sich mir entgegenstellt!«

»Keine Feder können wir aufblasen ohne der Himmlischen Hülfe,« rief Setchem. »Das war die Rede Deines Vaters, der ein anderer Mann war an Leib und Seele, wie Du! Mir graut vor Dir seit diesem Abend und den Flüchen, die Du ausgestoßen gegen die Kinder Deines Herrn und Königs, des Freunds Deines Vaters!«

»Aber meines Feindes!« schrie Paaker. »Du wirst noch Anderes von mir zu hören bekommen als Flüche. Und die Ramsesbrut soll erfahren, ob der Sohn Deines Gatten sich verachten und mißhandeln läßt sonder Rache. In den Abgrund stoß' ich sie und lachen werde ich, wenn sie unter mir im Sande verröcheln.«

»Bube!« rief Setchem außer sich. »Ich bin nur ein Weib und oftmals haben sie mich weich gescholten und schwach; aber so wahr ich Deinen. verstorbenen Vater, dem Du nicht ähnlicher siehst wie ein Dornbusch der Palme, die Treue gehalten, so gewiß reiß' ich mir die Liebe zu Dir aus dem Herzen, wenn Du die – die – Nun seh' ich's! nun weiß ich's! – Stehe mir Rede, Mordgeselle! Wo sind die sieben Pfeile, mit den sündhaften Worten, die sonst hier gehangen? Wo sind die Geschosse, auf die Du gekritzelt: ›Tod dem Mena‹?«

Außer sich und mit fliegendem Athem stieß Setchem diese Worte hervor; der Wegeführer wich vor ihr zurück wie in seiner Knabenzeit, wenn sie ihn einer Unart wegen zu züchtigen drohte. Sie folgte ihm, faßte seinen Gürtel und wiederholte mit heiserer Stimme ihre Frage.

Da zuckte er unwillig zusammen, riß ihre Hand von dem Gürtel los und sagte trotzig. »In meinen Köcher hab' ich sie gesteckt und nicht nur zum Spaße. Nun weißt Du's!«

Keines Wortes mächtig, erhob die empörte Mutter noch einmal die Hand gegen den entarteten Sohn, er aber stieß ihren Arm zurück und sagte: »Ich bin kein Kind mehr und Herr dieses Hauses. Was ich will, das thu' ich und wollten's hundert Weiber mir wehren!«

Bei diesen Worten wies er mit der Hand auf die Thür.

Da schluchzte Setchem laut auf und kehrte ihm den Rücken.

An der Thür seines Zimmers wandte sie sich noch einmal um.

Er hatte sich hingesetzt und seine Stirn zu der Tafel niedergebeugt, auf welcher das kühlende Wasser stand.

Setchem kämpfte einen schweren Kampf. Endlich rief sie noch einmal unter Thränen seinen Namen, breitete ihre Arme aus und sagte: »Da bin ich, da bin ich! Komm' her an mein Herz! Nur laß ab von den gräßlichen Rachegedanken!«

Paaker blieb an dem Tische sitzen, schaute sie nicht an, schwieg und schüttelte verneinend das Haupt.

Da ließ Setchem die Hände sinken und sagte leise: »Was hat Dein Vater Dich gelehrt aus den Schriften? Dem höchstes Lob bestehe darin, so heißt es, Deiner Mutter zu vergelten, was sie für Dich gethan hat, da sie Dich aufzog, damit sie nicht aufhebe ihre Hände zu Gott und er nicht ihre Klage erhöre.«Aus dem moralische Vorschriften enthaltenden, zu Bulaq konservirten Papyrus N. IV. der Mariette'schen Edition. Siehe Anmerkung 61.

Paaker schluchzte laut auf bei diesen Worten, aber er schaute sich nicht um nach seiner Mutter.

Sie rief ihn zärtlich beim Namen, er aber regte sich nicht. Da fielen ihre Augen auf den mit andern Waffen auf einem Ruhesitze liegenden Köcher. Ihr Herz zog sich zusammen und mit bebender Stimme rief sie: »Ich verbiete Dir diese unsinnige Rache, hörst Du? willst Du von ihr lassen? Du regst Dich nicht. Nein? nicht? Ihr ewigen Götter, was soll ich thun?«

Verzweiflungsvoll hob sie die Hände, dann aber ging sie mit einen. raschen Entschluß auf den Köcher zu, riß einen Pfeil heraus und versuchte ihn zu zerbrechen.

Da sprang Paaker von seinem Sitze auf und zog ihr das Geschoß aus der Hand. Die scharfe Spitze schnitt leicht in ihr Fleisch und dunkle Blutstropfen flossen von derselben hernieder auf den Estrich des Zimmers.

Der Mohar sah es und wollte die wunde Hand erfassen, Setchem aber, die, weichen Sinnes, kein Blut sehen konnte, weder das eines Fremden noch ihr eigenes, war leichenblaß geworden, wies ihn zurück und sagte mit einem ihrer freundlichen Stimme fremden dumpfen Tone: »Diese blutende Mutterhand wird die Deine nicht eher erfassen, bis Du in sie hineingeschworen einen großen Eid, die Rache- und Mordgedanken von Dir zu weisen und den Namen Deines Vaters nicht zu entehren! Ich hab' es gesagt und der verklärte Geist Deines Vaters gebe mir Kraft, es zu halten, und sei mein Zeuge!«

Paaker war auf die Kniee gesunken und wand sich in grausamen Kämpfen, während sie der Thür zuschritt. Dort blieb sie noch einmal minutenlang stehen. Ihre Lippen schwiegen, aber ihre Augen riefen ihn zu sich heran.

Vergebens.

Endlich verließ sie das Gemach.

Der Sturmwind warf die Thür gewaltsam hinter ihr zu.

Paaker stöhnte, indem er die Rechte vor seine Augen preßte: »Mutter, Mutter! Ich kann nicht zurück, ich kann nicht!«

Ein furchtbarer Windstoß übertönte seine Klage und zwei heftige Schläge, als wären Felsen vom Himmel gestürzt, ließen sich hören. Er schrak zusammen und trat an das Fenster, durch welches das Zwielicht des trüben, nahenden Morgens graute, um die Sklaven zu wecken. Bald strömten sie herbei und der Haushofmeister rief ihm außer sich schon von fern her entgegen: »Der Sturm hat die Maste an der hohen Pforte des Hauses umgerissen!«

»Unmöglich!« schrie Paaker.

»Doch, doch,« entgegnete der Beamte. »Sie sind über dem Boden angesägt worden. Gewiß hat das der Mattenflechter gethan, dem Du das Schlüsselbein zerschlagen. Er ist in dieser schrecklichen Nacht entflohen!«

»Die Hunde los!« rief der Mohar. »Alles, was Beine hat, setzt dem Halunken nach! Die Freiheit und fünf Hände voll Gold dem Manne, der ihn zurückbringt!«

Schon hatten sich die Gäste des Setihauses zur Ruhe begeben, als man den Oberpriester Ameni von der Ankunft der Zauberin Hekt in Kenntniß setzte.

Er begab sich sogleich in den Saal, in welchem der Statthalter auf die Hexe wartete.

Ani fuhr aus tiefen Gedanken empor, als er die Schritte des Oberpriesters vernahm, und fragte hastig: »Ist sie gekommen?«

Nachdem Ameni dieß bejaht hatte, sagte der Andere, indem er die langen, in Unordnung gerathenen Locken seiner Perrücke sorgfältig entwirrte und sein breites Halsband zurechtschob: »Die Hexe soll nicht ohne Macht sein. Willst Du mir nicht einen Segen geben, um mich vor Bezauberung zu wahren? Zwar trag' ich dieses Horusauge und dieses Blut der Isis,Amulet Thet in Gestalt einer Schleife, das gewöhnlich aus Blutjaspis bestand und auf welchem die ihm gewidmeten Kap. 75 oder 76 des Todtenbuchs zu stehen pflegten. Es wird »Blut der Isis«, »Zauber der Isis«, »Weisheit (chu) der Isis« genannt. aber man kann nicht wissen . . .«

»Meine Gegenwart würde Dich schützen,« sagte Ameni. »Aber . . . nein, nein, ich weiß, Du wünschest sie allein zu sprechen! So mag man sie in einen Raum führen, den heilige Sprüche vor jedem Zauber behüten. Leb' wohl, ich gehe zur Ruhe. – Heiliger Vater, laß die Hexe in eines der geweihten Gemächer ein und führe dann, nachdem Du die Schwelle besprengt hast, den erhabenen Herrn Ani zu ihr.«

Der Oberpriester entfernte sich und begab sich in einen kleinen Raum, der an das Zimmer grenzte, in welchem die Unterredung mit der Alten stattfinden sollte, und in dem man mit Hülfe eines geschickt angelegten Sprachrohrs auch das leiseste in dem Nebengemach gesprochene Wort vernehmen konnte.

Als Ani die Zauberin erblickte, trat er erschrocken zurück.

Ihr Aussehen war entsetzenerregend in dieser Stunde.

Der Sturm hatte ihre Kleider zerrissen und ihr weißliches, immer noch starkes Haar zerzaust, so daß ihr ein Theil desselben in das Gesicht fiel.

Auf ihren Stab gestützt, schaute sie dem Statthalter weit vorgebeugt entgegen, und ihre vom Wüstensand, der ihr in's Gesicht gepeitscht worden war, gerötheten Augen starrten ihn glühend an. Sie hatte das Ansehen einer ihre Beute beschleichenden Hyäne und es überlief Ani kalt, als sie ihre heisere Stimme erhob, um ihn zu begrüßen und ihm vorzuwerfen, daß er eine seltsame Zeit gewählt habe, um sie zu sprechen.

Nachdem sie ihm dann ihren Dank für den erneuerten Freibrief ausgesprochen und bestätigt hatte, daß Paaker einen Liebestrank von ihr erhalten habe, strich sie die Haare aus dem Gesicht. Es kam ihr in den Sinn, daß sie ein Weib sei.

Der Statthalter saß auf einem Lehnsessel, sie stand auf den Füßen. Aber der Gang gegen den Sturm hatte ihren alten Körper ermüdet und darum bat sie Ani, ihr zu gestatten, sich setzen zu dürfen, denn sie habe ihm eine Geschichte zu erzählen, die den Wegeführer zu Wachs in seiner Hand machen werde.

Der Statthalter wies auf eine Ecke des Gemachs.

Sie verstand den Wink und kauerte sich in ihr auf den Estrich nieder.

Nachdem er sie zum Erzählen aufgefordert hatte, blickte sie lange Zeit schweigend zu Boden und sagte dann halb vor sich hin:

»Ich erzähl' es, denn ich will Ruhe haben. Ich mag nicht, wenn der Tod kommt, unbalsamirt bleiben. Man weiß nicht, es gibt doch vielleicht noch etwas in jener Welt und das will ich nicht missen; ich möchte ihn wiedersehen drüben und wäre es auch aus den siedenden Kesseln der Verdammten. – Höre mich denn! Aber eh' ich rede, versprich mir, daß Du, was Du auch erfahren wirst, mich in Frieden wohnen läßt und für meine Balsamirung sorgst, wenn ich todt bin. Sonst schweig' ich.«

Ani nickte zustimmend.

»Nein, nein,« sagte die Alte. »Ich sage Dir den Schwur:

»›Wenn ich der Hekt, dafern sie den Mohar in meine Hand gibt, mein Wort nicht halte, so sollen die Geister, über welche sie gebietet, mich fallen lassen, bevor ich den Thron besteige!‹ – Sei nicht unwillig, Herr, und sage nichts als ›ja‹. Was Du in dieser Stunde erfährst, ist mehr werth, als ein armseliges Wort!«

»Nun denn, ja!« rief der auf wichtige Enthüllungen gespannte Statthalter.

Die Alte murmelte einige unverständliche Worte, dann raffte sie sich zusammen, streckte ihren magern Hals weit vor und fragte, indem sie den ihr gegenübersitzenden Mann mit funkelnden Augen anschaute: »Hast Du noch, als Du jung warst, von der Sängerin Beki gehört? he? Nun, sieh' mich nur an, sie sitzt vor Dir!«

Bei diesen Worten lachte sie heiser auf und zog die Fetzen ihres Gewandes über den dürren Busen zusammen, als schäme sie sich ihrer widrigen Gestalt.

»Ja,« sagte sie, »man freut sich der Trauben und tritt sie aus, und wenn man den Most getrunken, so wirft man die Schalen auf den Mist. Ich bin solche Schale! Sieh' mich so bedauernd nicht an! Ich war doch einmal eine Traube, und so arm ich bin und verachtet, so kann mir doch Niemand nehmen, was ich gewesen. Eines ist mir vor Tausenden geworden: ein ganzes, volles Leben mit aller Lust und jedem Schmerz, mit Liebe und Haß, mit Wonne, Verzweiflung und Rache. Ich soll nur erzählen und mich auf den Sessel da setzen? Laß mich nur, ich bin gewöhnt, so zu hocken! Daß Du mich bis zum Ende reden lassen würdest, das wußt' ich; – ich gehörte ja einst zu euch! Die Spitzen aller Dinge halten sich leicht für Verwandte. Ich hab' es erfahren! Die Größten streckten nach der Schönsten die Hände aus und es gab eine Zeit, da führte ich Deinesgleichen am Seil. – Von vorn soll ich anfangen? Nun gut. Mir ist heute seltsam zu Muthe. Vor fünfzig Jahren hätt' ich in dieser Stimmung ein Lied gesungen, ein Lied! Ich Krähe und singen! Nun also. Mein Vater war ein vornehmer Mann, der Gouverneur von Abydos. Als der erste Ramses sich des Thrones bemächtigte, hielt er treu zu dem Hause Deiner Väter. Da schickte der neue König ihn und sein ganzes Geschlecht in die äthiopischen Goldbergwerke und dort sind sie Alle umgekommen, meine Eltern, Brüder und Schwestern. Ich allein entkam durch ein Wunder. Weil ich schön war und zu singen verstand, nahm mich ein Musikmeister auf in seine Bande, ging mit mir nach Theben und wo ein Fest gefeiert ward im Haus eines Großen, da durfte Beki nicht fehlen. Blumen und Gold und zärtliche Blicke habe ich damals geerntet, so viel ich wollte; aber ich war stolz und kalt und das Unglück der Meinen hatte mich bitter gemacht in den Jahren, in denen sonst auch ein herber Trank wie Honig mundet. Keiner von all' den jungen Söhnen der Fürsten und Großen, die mich begehrten, durfte auch nur meine Hand anrühren! Aber es schlug auch meine Stunde! Schöner und stattlicher als alle Anderen und dabei würdig und ernst war der junge Assa, der Vater des ältern Mohar, des Dichters Pentaur, ich wollte sagen des Wegeführers Paaker Großvater, Du hast ihn ja noch gekannt! Wo ich sang, da saß er mir gegenüber und schaute mich an, und ich konnte nicht fortsehen und das Uebrige magst Du Dir denken! Nein, das kannst Du nicht! Denn so wie ich für den Assa erglühte, hat niemals, weder vor mir noch nach nur, ein Weib geliebt. Warum lachst Du nicht? Es muß doch drollig sein, so etwas aus dem zahnlosen Mund einer Hexe zu hören! Längst ist er gestorben; ich hasse ihn sicher, aber so verrückt es klingt, ich glaube, ich liebe ihn noch! Und Assa hat mich damals auch geliebt und war der Meine zwei Jahre lang. Da zog er mit Seti in den Krieg und blieb lang aus und als ich ihn wiedersah, da hatte er ein Weib aus einem großen reichen Hause gefreit. Ich war noch schön genug damals; er aber sah mich nicht an bei den Festen. Ich trat ihm in den Weg wohl zwanzigmal, er aber floh mich, als wär' ich vom Aussatz behaftet, und ich fing an mich zu grämen und ein Fieber warf mich darnieder. Die Aerzte sagten, es wäre aus mit mir, da sandte ich ihm einen Brief, in dem nichts stand, als die Worte: ›Die sterbende Beki will Assa noch einmal sehen‹ und in den Papyrus legte ich sein erstes Geschenk, einen einfachen Ring. Und was war die Antwort? Eine Hand voll Gold! – Das Gold, das Gold – Du magst es mir glauben – das hat, als ich es sah, meinen Augen weher gethan, als der glühende Stahl, den man Verbrechern in die Sehsterne stößt, um sie zu blenden! Noch heute, wenn ich an diese Stunde denke, dann . . . Aber was wißt ihr Männer, ihr vornehmen Herren vom Elend des Herzens! Wenn zwei oder drei von euch zusammen sitzen und Du erzählst das Stückchen, dann wird der Würdigste mit ehrbarer Stimme sagen: ›Schön gehandelt, fürwahr, hat der Mann; verheirathet war er und böse Worte hätt' er von seinem Weibe geerntet, wenn er zu der Sängerin gegangen wäre.‹ Hab' ich Recht oder Unrecht? Ich weiß ja, Keiner wird denken, die Andere sei ja auch ein fühlender Mensch, sei ein Weib gewesen, Keiner wird sich sagen, daß sein Thun da eine mürrische Stunde verhütet und hier ein halbes Jahrhundert voll Verzweiflung gezeugt hat! Den bösen Worten ist Assa entgangen, aber dafür sind tausend Flüche auf ihn und sein Haus gefallen. Wunder wie tugendhaft dünkte er sich, als er ein freundliches Herz, das nichts verbrochen, als ihn zu lieben, verdorben hat und vergiftet! Ja, und gekommen wäre er doch, wenn er nicht noch etwas für mich empfunden, wenn er nicht Angst vor sich selber gehabt und gefürchtet hätte, die Sterbende könnte die alten, künstlich gedämpften Flammen noch einmal in ihm zu neuer Glut anfachen. Beklagt würd' ich ihn haben; aber daß er das Gold mir sandte, das Gold, das hab' ich ihm niemals vergeben, das büßt er an seinem Enkelkinde.«

Die Alte hatte, ihres Hörers nicht achtend, wie im Traum redend, die letzten Worte gesprochen.

Es graute Ani, als säße er einer Irrsinnigen gegenüber, und unwillkürlich rückte er seinen Stuhl zurück.

Die Hexe bemerkte es, schöpfte Athem und fuhr dann fort: »Ihr Herren, die ihr auf den Höhen wandelt, wißt nicht, wie es in den Abgründen und Schlünden aussieht, und ihr wollt es nicht wissen. Laß mich kurz sein! Ich bin genesen, aber mager und ohne Stimme stand ich auf von meinem Lager. Gold hatte ich genug und damit kaufte ich bei allem Volke, das magische Künste trieb in Theben, bald Mittel, um Assa mit neuer Liebe zu mir zu entflammen, bald ließ ich Beschwörungen sprechen und Zauber bereiten, um ihn zu verderben. Auch meine Stimme sucht' ich zurückzuerlangen; aber die Tränke, welche ich nahm, machten sie rauher statt weicher. Ein ausgestoßener Priester, der berühmteste unter den Magiern, nahm mich in sein Haus und bei ihm erlernte ich Vieles. Er zog, als ihn drüben die alten Genossen verfolgten, hieher in die Nekropole und ich begleitete ihn. Als sie ihn fingen und hängten, blieb ich in seiner Höhle und wurde selbst eine Hexe. Die Kinder weisen auf mich mit Fingern, die braven Männer und Frauen weichen mir aus und ein Greuel sind mir die Menschen und bin ich mir selber. Und an alledem trägt nur Einer die Schuld, nur der ehrenwertheste Bürger von Theben, der fromme Assa!

»Viele Jahre hatt' ich Zauberei getrieben und war erfahren geworden in allerlei Künsten, da brachte mir der Gärtner Sent, von dem ich schon lange Pflanzen für meine Tränke kaufte, – ein Landstück hat er vom Setihause gepachtet, – ein neugeborenes Kind, das mit sechs Zehen geboren war. Ich sollte ihm das überflüssige Glied durch meine Künste entfernen. Die fromme Mutter des Kleinen lag im Fieber; sie hätte das nimmer gelitten. Ich behielt den Schreihals bei mir, denn so etwas läßt sich wohl heilen. Am nächsten Morgen, wenige Stunden nach Sonnenaufgang, ward es lebendig vor meiner Höhle. Die Dienerin eines vornehmen Hauses rief mich. Ihre Herrin hatte mit ihr die Gruft ihrer Väter besucht und war dort eines Knaben genesen. Besinnungslos, sagte die Zofe, läge die Herrin; ich sollte doch kommen und helfen. Da nahm ich den Sechszeh in den Mantel, meine Sklavin mußte mir Wasser nachtragen, und bald stand ich wo? Du kannst es errathen. Vor der Gruft des Vaters des Assa. Die Wöchnerin, die da in Krämpfen lag, war seine Schwiegertochter, Frau Setchem. Der Knabe, den sie geboren, war kerngesund, sie selbst aber in höchster Gefahr. Ich sandte die Zofe mit der Sänfte, die draußen wartete, in's Setihaus, um Hülfe zu heischen. Das Mädchen sagte, ihr Herr, des Kindes Vater, der Mohar, sei im Kriege, der Großvater des Knäbleins aber, der ehrwürdige Assa, habe Frau Setchem in der Gruft zu treffen versprochen und würde bald kommen. Sie verschwand mit der Sänfte. Ich wusch das Kind und küßte es, als wenn es mein eigenes wäre. Da hörte ich ferne Schritte im Thal, und das Gedächtniß an jene Stunde, in der ich sterbenskrank das Gold von Assa empfing und in der ich ihm fluchte, ward in mir lebendig und dann, – noch weiß ich es selbst nicht, wie das geschah, – gab ich meiner Sklavin den neugeborenen Enkel des Assa in den Arm und befahl ihr, ihn in meine Höhle zu tragen, und legte den Sechszeh in meine Lumpen gehüllt in meinen Schooß. Da hab' ich mit ihm gesessen und die Minuten wurden mir zu Stunden, bis Assa erschien; und als er vor wir stand, grau zwar, aber immer noch stattlich und ungebeugt, da gab ich den Gärtnersjungen, den Sechszeh, ihm selbst aus den Arm und tausend Dämonen lachten sich dabei heiser in meinem Herzen. Er sagte mir Dank und erkannte mich nicht und reichte mir nochmals eine Hand voll Gold. Ich nahm es und hörte, wie die Priester, die vom Setihause gekommen waren, dem in glücklicher Stunde geborenen Kleinen viel Schönes verkündeten, und ging dann in meine Höhle zurück und habe dort weiter gelacht bis zu Thränen, ich weiß nur nicht, ob sie vom Lachen kamen. Nach einigen Tagen gab ich dem Gärtner den Enkel des Assa und sagte ihm, der sechste Zehe wäre abgeheilt. Ich hatte den Kleinen leicht am Fuße geritzt, um den Glauben des Dummkopfs zu stärken. So wuchs Assa's Enkel, des Mohar Sohn, als Kind des Gärtners auf und empfing den Namen Pentaur und ward im Setihaus erzogen, und dem Assa ähnlich; des Gärtners Sechszeh aber ist der Wegeführer Paaker. Das ist das Geheimniß!«

Sprachlos hatte Ani der furchtbaren Alten zugehört.

Unwillkürlich ist man Jedem verpflichtet, der uns Fesselndes und der Mittheilung Werthes zu berichten weiß. Es kam ihm nicht in den Sinn, die Frevelthat der Alten zu strafen, vielmehr gedachte er an der älteren Freunde Entzücken, wenn sie von den Liedern und der Schönheit der Sängerin Beki erzählten. Er sah auf die Hexe und es lief ihm kalt über die Glieder. Endlich sagte er:

»Ruhig sollst Du wohnen und stirbst Du, so sorg' ich auch für Deine Balsamirung; aber laß von den Zauberkünsten; Du mußt ja reich sein und bist Du es nicht, so sage, wessen Du bedarfst. Freilich wage ich kaum, Dir Gold zu bieten, es erregt ja Deinen Haß, wie ich hörte.«

»Deines kann ich gebrauchen, aber laß mich nun gehen!«

Sie erhob sich von der Erde und schritt der Thür zu; der Statthalter hieß sie aber bleiben und fragte: »Ist Assa der Vater Deines Sohnes, des kleinen Nemu, des Zwerges der Frau Katuti?«

Da lachte die Hexe laut auf und rief: »Gleicht etwa das Knirpslein dem Assa oder der Beki? Aufgelesen habe ich ihn, wie manche andere Kinder.«

»Aber er ist klug,« sagte Ani.

»Das ist er! Voller Anschläge steckt er und ist seiner Herrin Katuti treu ergeben. Er wird Dir helfen Dein Ziel zu erreichen, denn er selber hat eins.«

»Das wäre?«

»Daß Katuti groß wird durch Dich und reich durch Paaker, der morgen auszieht, um das Weib, das er begehrt, zur Wittwe zu machen.«

»Du weißt Vieles,« sagte Ani nachdenklich, »und Eines möchte ich Dich noch fragen, obgleich ich nach Deiner Erzählung mir die Antwort selbst ertheilen könnte; aber vielleicht hast Du jetzt gelernt, was Dir in Deiner Jugend verborgen war. Gibt es wirksame Liebestränke?«

»Ich will Dich nicht betrügen, weil ich nicht wünsche, daß Du mir Dein Wort brichst,« entgegnete Hekt. »Selten nur wirkt ein Liebestrank und immer nur bei solchen Weibern, die noch nicht lieben. Gibst Du einer Frau, der eines andern Mannes Bild die Brust erfüllt, die Arznei, so steigert sie nur ihre Leidenschaft für den früher Geliebten.«

»Dann noch ein Anderes,« fragte Ani. »gibt es Mittel, einen Feind aus der Ferne zu verderben?«

»Gewiß,« sagte Hekt. »Die kleinen Leute können verleumden und die Großen Andere thun lassen, was sie selbst nicht mögen. Meine Geschichte hat Dir die Galle nur wenig erregt; es will mir scheinen, als wenn Du den Dichter Pentaur nicht liebtest. Du lächelst! Nun wohl! Ich habe ihn nicht aus den Augen verloren und weiß, daß er schön und stolz geworden ist wie Assa. Er steht ihm auch ähnlich und ich hätte wohl Lust, ihn zu lieben, zu lieben, wie dieses thörichte Herz nur zu lieben vermag. Wunderlich ist es. Bei vielen Weibern, die zu mir kommen, seh' ich, daß sie ihr Herz an die Kinder der Männer hängen, die ihnen die Treue gebrochen, und wir Frauen gleichen einander alle in den meisten Stücken. Aber ich will Assa's Enkel nicht lieben, ich mag nicht, ich will ihm schaden und Jedem helfen, der ihn verfolgt, denn Assa ist todt, aber das, was er mir angethan, das bleibt lebendig in mir, so lang ich auch lebe. Mag Pentaur's Geschick sich erfüllen! Willst Du ihm an den Leib, so besprich Dich mit Nemu, der ihm auch nicht hold ist und Dir besser dienen wird, als meine nichtigen Beschwörungen und sinnlos zusammengebrauten Tränke. Nun laß mich nach Hause.«

Wenige Stunden später lud Ameni den Statthalter zum Frühmahle.

»Weißt Du, wer die Zauberin Hekt ist?« fragte Ani.

»Wie sollte ich nicht? Sie ist das frühere Entzücken von Theben, die Sängerin Beki. – Darf man wissen, was sie Dir erzählt hat?«

Ani glaubte dem Oberpriester das Geheimniß der Geburt des Pentaur vorenthalten zu sollen und antwortete ausweichend. Da bat Ameni, ihm zu gestatten, ihm etwas mitzutheilen, wobei die Alte die Hand im Spiel gehabt habe, und erzählte ihm, wenn auch mit einigen Lücken und Aenderungen, als etwas ihm längst Bekanntes die Geschichte, welche er vor wenigen Stunden erlauscht hatte.

Ani stellte sich überrascht und pflichtete dem Oberpriester bei, als dieser ihn bat, Paaker noch nicht von seiner wahren Herkunft in Kenntniß zu setzen.

»Er ist ein seltsam gearteter Mann,« sagte Ameni, »und es könnte sein, daß er uns unberechenbare Streiche spielte, wenn er, bevor er das Seine gethan, erführe, wer er ist.«

Der Sturm hatte sich gelegt und immer heller wurde der in den Frühstunden mit schnell dahinjagenden, zerrissenen Wolkengebilden bedeckte Himmel.

Scharfe Kühlung folgte dem heißen Wehen, aber bald erhitzte die glühende Sonne die Luft von Theben.

In den Gärten und auf den Straßen lag mancher entwurzelte Baum; viele leicht aufgebaute Hütten, und die meisten Zelte im Fremdenviertel waren umgeweht und hundert leichte Dächer von Palmenzweigen fortgerissen worden.

Der Statthalter fuhr jetzt mit Ameni, welcher sich mit eigenen Augen von den Verwüstungen überzeugen wollte, welche der Sturm in seinen Gärten angerichtet, nach Theben.

Auf dem Nil begegnete ihnen Paaker's Boot. Sie ließen es anrufen und Ani forderte den Wegeführer auf, ihn bald im Palast zu besuchen.

Des Oberpriesters Gärten gaben denen des Mohar nichts nach an Größe und Schönheit. Sein seit unabsehbaren Generationen seinem Geschlechte angehörendes Erbe war weit ausgedehnt und sein Haus palastartig und prächtig.

Jetzt saß er in einer schattigen Laube und nahm mit seiner noch immer schönen Frau und seinen jungen, lieblichen Töchtern das Frühmahl ein.

Freundlich tröstete er seine Gattin über manchen kleinen Schaden, den das Unwetter angerichtet, versprach den Mädchen an Stelle des umgewehten Taubenschlags einen schöneren herstellen zu lassen, scherzte mit ihnen und neckte sie.

Hier wurde der strenge Leiter des Setihauses, das ernste Haupt der Nekropole, ein harmloser Mensch, ein freundlicher Gatte, ein zärtlicher Vater, ein sinniger Freund seiner Lieblinge, der Blumen und des bunten Geflügels.

Die jüngere Tochter hängte sich an seinen rechten, die ältere an seinen linken Arm, als er vom Tische aufstand, um mit ihnen den Hühnerhof zu besuchen.

Auf dem Wege dahin meldete ihm ein Diener Frau Setchem, die Mutter Paaker's.

»Führt sie zur Hausfrau,« befahl er.

Als aber der Sklave, der ein reichliches Geldgeschenk in der Hand hielt, versicherte, die Wittwe des Mohar wünsche ihn allein zu sprechen, sagte er unwillig: »Kann ich denn niemals wie andere Menschen der Ruhe genießen? Die Herrin soll sie empfangen und sie kann bei ihr auf mich warten. Nicht wahr, ihr Mädchen, jetzt gehöre ich euch, den Hühnern und Enten und Tauben!«

Seine jüngere Tochter küßte ihn, die ältere streichelte ihn liebreich, und munter führten sie ihn mit sich fort.

Eine Stunde später bat er Frau Setchem, ihm in den Garten zu folgen.

Die betrübte und geängstigte Mutter hatte sich schwer zu diesem Gang entschlossen.

In ihren guten Augen schwammen Thränen, als sie dem Oberpriester mittheilte, was sie bedrückte.

»Du bist sein Gewissensrath,« sagte sie, »und Du weißt ja, wie mein Sohn die Götter des Setihauses ehrt durch Geschenke und Opfer. Seine Mutter will er nicht hören, aber Du besitzest Macht über sein Herz. Schreckliches sinnt er und wenn Du ihn nicht mit der Strafe der Himmlischen schreckst, so erhebt er seine Hand gegen Mena und vielleicht, vielleicht auch . . .«

»Gegen den König,« sagte Ameni ernst. »Ich weiß es und will mit ihm reden.«

»Nimm meinen Dank,« rief die Wittwe gerührt und ergriff das Gewand des Priesters, um es zu küssen. »Du warst es ja selbst, der nach seiner Geburt meinem Gatten kündete, er sei unter glücklichen Zeichen geboren und werde zu seines Hauses und Landes Zier und Ehre erwachsen. Und nun, nun will er sich für das Diesseits und Jenseits verderben!«

»Was ich Deinem Sohne verkündet,« unterbrach sie Ameni, »wird eintreffen, wenn auch die Götter uns Menschen verschlungene Wege führen.«

»Wie diese Worte mir wohlthun!« rief Setchem. »O wenn Du wüßtest, wie furchtbare Angst das Herz mir bedrückte, als ich mich zu Dir zu gehen entschloß. Du weißt auch nicht Alles! Die stolzen Maste von Cedernholz, die Paaker aus Syrien vom fernen Libanon nach Aegypten sandte, um die Fahnen zu tragen und unseres Hauses Pforte zu schmücken, hat der schreckliche Sturm beim Aufgang der Sonne zu Boden geschleudert.«

»So wird Deines Sohnes Trotz gebrochen werden,« sagte Ameni; »Dir aber wird, wenn Du Dich geduldest, neue Freude erwachsen.«

»Ich danke Dir nochmals,« rief Setchem. »Aber etwas bleibt mir zu sagen. Ich weiß ja, wie Du mit den Stunden geizest, die Du den Deinen schenkst, und ich erinnere mich wohl, daß Du einst meinem Gatten sagtest, hier in Theben fühltest Du Dich wie ein Lastpferd, dem man das schwere Geschirr abgenommen, und das sich auf der grünen Weide ergehe. Ich will Dich auch nicht lange mehr stören, aber die Götter schickten mir ein so seltsames Gesicht. Paaker hatte meinen mütterlichen Rath nicht gehört. Voll Kummer ging ich in meine Gemächer zurück und als mich, schon stand die Sonne am Himmel, der Schlummer auf wenige Minuten befiel, da sah ich den Festredner Pentaur, der meinem verstorbenen Gatten gar wunderbar gleicht an Gestalt und an Stimme. Paaker trat ihm entgegen und schmähte ihn furchtbar und ging ihm mit Fäusten zu Leibe. Da erhob der Priester wie zum Gebet seine Arme, just so wie ich ihn gestern auf dem Festplatze gesehen, aber nicht um die Götter zu preisen, sondern um meinen Sohn zu umfassen und mit ihm zu ringen. Nur kurze Zeit währte der Kampf, denn Paaker schrumpfte zusammen und verlor seine menschlichen Formen und nieder zu den Füßen des Dichters fiel nicht mein Kind, sondern ein großes feuchtes Stück Thon, wie die Töpfer ihn brauchen, um Krüge zu bilden.«

»Ein seltsamer Traum!« rief Ameni nicht ohne Erregung. »Ein seltsamer Traum; aber er kündet Dir Gutes. Der Thon, Frau Setchem, ist bildsam und merke nun wohl auf das, was die Götter Dir künden. Einen neuen, einen besseren Sohn gedenken die Himmlischen aus dem alten für Dich entstehen zu lassen; auf welchen Wegen, das bleibt mir verborgen. Geh' hin nun und opfere und traue dem weisen Rathschlusse Derer, die das Leben der Welt und der Sterblichen lenken! Noch ein Anderes möcht' ich Dir rathen! Kommt Paaker zu Dir mit Reue im Herzen, so empfang' ihn liebreich und theil' es mir mit; doch beugt er nicht seinen starren Willen, so verschließe ihm Deine Gemächer und laß ihn ziehen ohne Abschied.«

Als Setchem sich mit aufgerichtetem Herzen entfernt hatte, murmelte Ameni: »Sie wird einen schönen Ersatz für diesen rauhen Gesellen erhalten und soll uns unser Werkzeug, das wir zum Schlagen gebrauchen, nicht weich machen! Oft habe ich gezweifelt an der Zukunft kündenden Eigenschaft der Träume, aber heute hätte ich Grund, den Glauben an sie zu stärken! Freilich, ein Mutterherz sieht mehr, als das der anderen Menschen!«

Bei der Pforte des Palastes begegnete die heimkehrende Setchem dem Wagen ihres Sohnes. Beide bemerkten einander, aber schauten seitwärts, denn sie konnten sich nicht herzlich und wollten sich nicht förmlich begrüßen. Erst als die Rosse die Sänftenträger überholt hatten, schaute sich die Mutter nach dem Sohne und der Sohn nach der Mutter um. Ihre Blicke trafen einander und Beide fühlten einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz.

Am Abende desselben Tages zog der Wegeführer, nachdem er mit dem Statthalter gesprochen, im Setihause Ameni's Segen für all' seine Unternehmungen empfangen und im Grabe seines Vaters geopfert hatte, nach Syrien aus.

Als er den Wagen besteigen wollte, ward ihm verkündet, der Mattenflechter, welcher die Maste vor seiner Pforte angesägt hatte, sei eingebracht worden

»Laßt ihm die Augen ausstechen!« Dieß waren die letzten Worte, welche er auf seinem Erbe sprach.

Frau Setchem schaute ihm lange nach.

Sie hatte ihm das Lebewohl verweigert und bat nun die Götter, sein Herz zu wenden und ihn vor Schaden und Sünde zu behüten.

 
Ende des zweiten Bandes.

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