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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zweites Kapitel.

Der Tempel, in dessen erstem Vorhofe Paaker wartete, und in dem der Priester, um den Arzt zu rufen, verschwunden war, wurde das »Setihaus« genannt und gehörte zu den größten in der Todtenstadt. Nur der Prachtbau aus der Zeit der von dem Großvater des regierenden Königs entthronten Königsfamilie, welchen Thutmes III. gegründet und dessen Thor Amenophis III. mit ungeheuren KolossenDie bekannten Kolosse, deren nördlicher als »klingende Memnonssäule« berühmt wurde. geschmückt hatte, überbot ihn in Bezug auf die Großartigkeit seiner Anlage; indessen gebührte in jeder andern Hinsicht dem »Setihause« der erste Platz unter den Heiligthümern der Nekropole. Ramses I. hatte es kurz nachdem es ihm gelungen war, sich mit Gewalt des ägyptischen Thrones zu bemächtigen, gegründet und sein großer Sohn Seti den Bau fortgesetzt, in welchem man den Todtenkultus für die Manen der Mitglieder des neuen Königshauses und die hohen, den Göttern der Unterwelt zu feiernden Feste begehen sollte. Große Summen waren für seine Ausstattung, den Unterhalt der Priesterschaft dieses Heiligthums und die Erhaltung der mit ihm verbundenen Institute ausgesetzt worden. Diese letzteren sollten mit den uralten Stätten der Priesterweisheit von Heliopolis und Memphis gleichen Schritt halten, waren nach ihrem Muster eingerichtet und hatten die Aufgabe, die neue oberägyptische Residenzstadt Theben auch in Bezug auf wissenschaftliche Leistungen über die Hauptstädte von Unterägypten zu erheben.

Unter den erwähnten InstitutenDiese Beschreibung einer ägyptischen Schulanstalt ist in jedem einzelnen Zuge aus Quellen geschöpft, welche der Zeit Ramses II. und seines Nachfolgers Merneptah entstammen. zeichneten sich einige Lehranstalten rühmlich aus. Da war zunächst die hohe Schule, in welcher Priester, Aerzte, Richter, Mathematiker, Astronomen, Grammatiker und andere Gelehrte nicht nur Unterricht genossen, sondern auch, nachdem sie Einlaß in die höchsten Grade der Erkenntniß erworben und die Würde der »Schreiber« erlangt hatten, eine Freistätte fanden, in der sie auf Kosten des Königs ernährt wurden und sich, vor äußeren Sorgen geschützt und im Verkehr mit ebenbürtigen und ähnlichen Interessen ergebenen Mitarbeitern, wissenschaftlichen Forschungen und Spekulationen hingeben konnten.

Eine große Bibliothek, in der Tausende von Schriftrollen aufbewahrt wurden und an die sich eine Papyrusfabrik schloß, stand den Gelehrten zur Verfügung, von denen einige mit dem Unterricht der jüngeren Schüler betraut waren, die in der gleichfalls zum Setihause gehörenden Elementarschule herangebildet wurden. Diese letztere stand jedem Sohne eines freien Bürgers offen und wurde von mehreren hundert Knaben besucht, die hier auch Nachtquartier fanden. Freilich waren die Eltern gehalten, entweder Kostgeld zu zahlen oder die für den Unterhalt der Kinder nothwendigen Speisen in die Schule zu senden.

In einem besondern Gebäude wohnten die Tempelpensionäre, einige Söhne der vornehmsten Familien, die hier gegen hohe Entschädigungssummen von den Priestern erzogen wurden.

Seti I., der Gründer dieser Anstalt, hatte seine eigenen Söhne, ja selbst den Thronfolger Ramses in ihr erziehen lassen.

Die Elementarschulen waren stark besucht und der Stock spielte in ihnen eine so große Rolle, daß ein Pädagog der Anstalt den Satz: »Die Ohren des Schülers sind auf seinem Rücken; er hört, wenn man ihn schlägt,« aussprechen konnte.

Diejenigen Jünglinge, welche aus den Elementarklassen in die hohe Schule überzugehen wünschten, hatten sich einem Examen zu unterziehen. War dieses bestanden, so konnte sich der junge Studirende unter den Gelehrten der höheren Grade einen Meister wählen, der seine wissenschaftliche Führung übernahm und dem er sein Leben lang wie der Klient dem Patron ergeben blieb. Durch ein zweites Examen war der Titel eines »Schreibers« und der Eintritt in die öffentlichen Aemter zu erlangen.

Neben diesen Gelehrtenschulen bestand hier auch eine Lehranstalt für Künstler, in welcher diejenigen Jünglinge Unterweisung empfingen, die sich der Baukunst, der Bildhauerei und Malerei zu widmen wünschten. Auch in ihr wählte sich jeder Lehrling seinen Meister.

Alle Lehrer in diesen Anstalten gehörten zu der Priesterschaft des Setitempels, welche aus mehr als achthundert, in fünf Klassen getheilten Mitgliedern bestand, die von drei sogenannten Propheten geleitet wurden.

Der erste Prophet war der Hohepriester des Setihauses und zugleich der Oberste von all' den Tausenden von niederen und höheren Dienern der Gottheit, welche zu der Todtenstadt von Theben gehörten.

Das eigentliche Setihaus war ein Tempel aus massivem Kalkstein. Eine Reihe von Sphinxen führte vom Nil aus zu der Umfassungsmauer und dem ersten breiten Pylon, welcher Einlaß in einen großen, aus zwei Seiten von Säulengängen umgebenen Vorhof gewährte, hinter dem ein zweiter Thorbau sich erhob. Durchschritt man die in ihm zwischen zwei Thürmen in Gestalt von abgestumpften Pyramiden sich erhebende Pforte, so kam man aus einen zweiten, dem ersten gleichenden Vorhof, dessen Rückseite von einer stattlichen Säulenreihe abgeschlossen ward, die zu dem Kern des Tempels gehörte.

Das Innere des letzteren wurde jetzt von einigen Lampen matt erleuchtet.

Hinter dem Setihause erhoben sich große, viereckige Gebäude von Nilziegeln, die aber immerhin einen stattlichen und geschmückten Anblick gewährten, war doch das schlichte Material, aus dem sie bestanden, mit Kalk beworfen und dieser wiederum mit bunten Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften bemalt.

Die innere Anordnung all' dieser Häuser war die gleiche. In der Mitte befand sich ein unbedeckter Hof, in den die Thüren der Zimmer der Priester und Gelehrten mündeten. An jeder Seite eines solchen Hofes war ein schattenspendender bedachter Säulengang von Holz angebracht und in seiner Mitte ein mit Zierpflanzen geschmückter Wasserbehälter. In dem obern Stockwerke befanden sich die Wohnungen der Schüler, während der Unterricht selbst in den gepflasterten und mit Matten belegten Höfen abgehalten zu werden pflegte.

Besonders stattlich und durch wehende Fahnen ausgezeichnet war das zwischen einem wohlgepflegten Haine und einem klaren Teiche, dem heiligen See des Tempels, etwa hundert Schritt hinter dem Setihause gelegene Haus der obersten der Propheten, welche indessen nur um ihres Amtes zu warten hieher kamen, während die stattlichen Häuser, die sie mit Weib und Kind bewohnten, im eigentlichen Theben am jenseitigen Ufer des Stromes gelegen waren.

Der späte Besuch des Tempels konnte in der priesterlichen Gelehrtenkolonie nicht unbemerkt bleiben. Wie die Ameisen, wenn eine Menschenhand in ihren Haufen stößt, unruhig hin und her laufen, so hatte eine ungewöhnliche Bewegung nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer und Priester ergriffen. Gruppenweis näherten sie sich der Umfassungsmauer, Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert. Eine Botschaft des Königs sollte angelangt, die Prinzessin Bent-Anat von Kolchyten überfallen worden sein, und ein Schalk unter den ausgebrochenen Knaben erzählte, der Wegeführer des Königs, Paaker, sei gewaltsam in den Tempel gebracht worden, um hier besser schreiben zu lernen. Da der also Verspottete ein früherer Zögling des Setihauses war und noch manche ergötzliche Kunde von seinen stylistischen Verbrechen im Munde der späteren Knabengenerationen fortlebte, so erntete diese Nachricht fröhlichen Beifall und schien, so widersinnig sie war, denn Paaker bekleidete einen der höchsten Posten im Felddienste des Königs, einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, als ein ernster junger Priester versicherte, den Wegeführer im ersten Vorhofe des Tempels gesehen zu haben.

Das lebhafte Hin und Her, das Lachen und Jauchzen der Knaben in so ungewöhnlicher Stunde blieb auch von dem Oberpriester nicht unbemerkt.

Dieser ungewöhnliche, einem alten und edlen Hause entstammende Prälat, Ameni, der Sohn des Nebket, war weit mehr als der unbeschränkte Leiter der Tempelgenossenschaft, der er mit Kraft und Weisheit vorstand, denn die Priesterkollegien des ganzen Landes erkannten seine Ueberlegenheit an, verlangten in schwierigen Fällen seinen Rath und widersprachen nicht den von dem Setihause, das heißt von Ameni ausgehenden Anordnungen in geistlichen Dingen. Man sah in ihm die Verkörperung der priesterlichen Idee, und wenn er zu Zeiten an die einzelnen Kollegien schwierige, ja befremdliche Anforderungen stellte, so fügte man sich ihnen, weil die Erfahrung gelehrt hatte, daß auch die verschlungenen Wege, die er zu wandeln gebot, immer nur dem einen Ziele zustrebten, die Macht und das Ansehen der Hierarchie zu erhöhen. Auch der König schätzte diesen seltenen Mann und hatte längst versucht, ihn als Siegelbewahrer an den Hof zu ziehen. Ameni aber war nicht zu bewegen gewesen, seine scheinbar bescheidene Stellung aufzugeben, denn er verachtete äußeren Glanz und prunkende Titel, wagte es zu Zeiten den Maßregeln des »Großhauses«»Großhaus«, »erhabenes Haus«, »hohe Pforte« ist die Uebersetzung des ägyptischem Peraa, woraus das »Pharao« der Hebräer entstanden ist. entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen und war nicht gewillt, die unbedingte Leitung der Geister für die bedingte Herrschaft über ihm kleinlich erscheinende äußere Angelegenheiten im Dienste des nur zu selbständigen, schwer zu beeinflussenden Pharao aufzugeben.

Regelmäßig in seinen Lebensgewohnheiten ordnete er sein Dasein in ungewöhnlicher Weise.

Acht von je zehn Tagen verblieb er in dem ihm anvertrauten Tempel, zwei von ihnen widmete er seiner am jenseitigen Nilufer wohnenden Familie; aber er ließ Niemand, selbst nicht die Seinigen, wissen, welchen Abschnitt der erwähnten zehn Tage er seiner Erholung zu weihen gedenke. Er bedurfte nur vier Stunden Schlaf. Diese genoß er gewöhnlich in einem von keinem Geräusch zu erreichenden, tief zu verdunkelnden Gemach um die Mittagszeit, niemals in der Nacht, deren Kühlung und Ruhe seiner Arbeitskraft förderlich schien und in der er sich zu Zeiten dem Studium des gestirnten Himmels hingeben konnte.

Allen Ceremonien, die sein Stand von ihm forderte: den Waschungen, Reinigungen, Scheerungen und Fasten unterzog er sich mit peinlicher Strenge und sein äußeres entsprach seinem inneren Wesen.

Ameni stand im Anfang der fünfziger Jahre, seine Gestalt war hoch und entbehrte gänzlich jener Fülle, der die Orientalen in diesem Alter anheimzufallen pflegen. Die Form seines glatt rasirten Schädels war ebenmäßig und bildete ein längliches Oval. Seine Stirn war weder breit noch hoch, aber sein Profil von seltener Feinheit. Auffallend waren die schmalen, trockenen Lippen seines Mundes und die gewaltigen Augen, die unter dichten Augenbrauen weder feurig noch prächtig glänzten, sondern gewöhnlich zu Boden schauten, aber groß, klar und leidenschaftslos sich langsam erhoben, wenn es zu sehen und zu prüfen galt.

Der junge Pentaur, der Dichter des Setihauses, der diese Augen kannte, hatte sie besungen und von ihnen gesagt, sie glichen den gut geführten Heeren, die der Feldherr vor und nach dem Kampfe ruhen lasse, damit sie mit voller Kraft siegesgewiß in die Schlacht treten könnten.

Die vornehme Gemessenheit seines Wesens war ebenso königlich als priesterlich, denn theils war sie ihm ureigen und angeboren, theils eine Folge der geistigen Beherrschung seiner selbst. An Feinden fehlte es ihm nicht, aber die Verleumdung wagte sich selten an Ameni's überlegene Natur.

Jetzt blickte der Oberpriester erstaunt über die ihn störende Unruhe in den Höfen des Heiligthums von seiner Arbeit auf.

Das Gemach, in dem er sich befand, war sehr geräumig und kühl. Der untere Theil der Wände war mit Fayencekacheln belegt, der obere mit Stuck beworfen und bemalt. Aber man sah wenig von den bunten Meisterwerken der Künstler des Institutes, denn fast überall wurden sie von hölzernen Repositorien bedeckt, in denen Schriftrollen und Wachstafeln lagen. Ein großer Tisch, ein mit Pantherfell bezogenes hohes Sopha, vor dem eine Fußbank und auf welcher eine halbmondförmige KopfstützeEin Gestell mit halbmondförmigem Bügel, auf den man den Kopf legte. Viele Exemplare wurden in den Grüften gefunden und das gleiche Geräth wird heute noch in Nubien gebraucht. von Elfenbein stand, mehrere Stühle, ein Gestell mit Becken und Kannen und ein anderes mit Flaschen in jeder Größe, Schalen und Büchsen bildeten die Ausstattung des Saales, der von drei mit Kikiöl gefüllten Lampen in Vogelgestalt erleuchtet wurde.

Ameni trug einen fein gefältelten Rock von schneeweißer Leinwand, der ihm bis an die Knöchel reichte. Um seine Hüften schlang sich eine mit Fransen verzierte Schärpe, welche vorn zusammengeschürzt war und deren breite, stark gesteifte Enden bis auf seine Kniee reichten.. Ein breites Tragband von weißem Silberbrokat hielt den Faltenrock. Von dem Halse des Priesters hing bis tief auf seine nackte Brust herab ein aus Perlen und Steinen zusammengesetztes, mehr als eine Spanne breites Halsband und an seinen Oberarmen glänzten große goldene Armbänder. Er erhob sich von dem löwenfüßigen Ebenholzstuhle, auf dem er saß, und winkte einem der an einer Wand seines Wohngemaches kauernden Diener. Dieser verstand auch ohne Worte das Verlangen seines Herrn, setzte behutsam und schweigend eine lange und dichte LockenperrückePerrücken trugen die vornehmen Aegypter auf den geschorenen Köpfen. Mehrere werden in den Museen konservirt. auf den kahlen Schädel desselben und hängte ein Pantherfell, dessen Kopf und Krallen mit Goldblech überzogen waren, um seine Schultern. Ein zweiter Diener hielt Ameni einen Metallspiegel hin, in welchen er, das Fell und den Hauptschmuck zurechtrückend, einen aufmerksamen Blick warf.

Eben wollte ein dritter Sklave dem Prälaten den Krummstab, das Zeichen seiner hohen Würde, überreichen, als ein Priester eintrat und den Schreiber Pentaur meldete.

Ameni winkte und derselbe junge Geistliche, mit welchem die Prinzessin Bent-Anat an dem Thore des Tempels verhandelt hatte, betrat das Gemach.

Pentaur küßte knieend die Hand des Prälaten, der, indem er ihn segnete, mit wohlklingender Stimme und in so dialektloser und gut stylisirter Sprache, als läse er ein Buch vor, sagte: »Steh' auf, mein Sohn. Dein Erscheinen wird mir einen Gang in dieser unfrühen Stunde ersparen, wenn Du mir mittheilen kannst, was die Schüler in unserem Tempel beunruhigt. Rede!«

»Es ist wenig Bemerkenswertes vorgefallen, heiliger Vater,« gab Pentaur zurück, »ja ich würde Dich jetzt kaum gestört haben, wenn sich nicht unter den Schülern ein ganz unbegründeter Lärm erhoben hätte und die Prinzessin Bent-Anat nicht in eigener Person erschienen wäre, um uns um einen Arzt zu bitten. Die ungewöhnliche Stunde und das Gefolge, mit dem sie erschien . . .«

»Ist die Tochter des Pharao erkrankt?« fragte der Prälat.

»Nein, mein Vater. Sie ist wohl bis zum Uebermuthe, denn als sie die Schnelligkeit ihrer Rosse prüfen wollte, überfuhr sie die Tochter des Paraschiten Pinem. Edelherzig wie sie ist, brachte sie das schwerbeschädigte Mädchen in eigener Person nach Hause.«

»Sie betrat die Hütte des Unreinen?«

»Du sagst es.«

»Und sie bittet nun, daß wir sie reinigen?«

»Ich glaubte sie freisprechen zu dürfen, Vater, denn die reinste Menschenliebe bewog sie zu einer Handlung, die freilich gegen die Sitte verstößt, aber . . .«

» Aber?« fragte der Prälat mit ernster Stimme und seine Augen, welche bis dahin gesenkt geblieben waren, begannen sich zu erheben.

»Aber,« fuhr der junge Priester, seinerseits den Blick senkend, fort, »aber doch kein Verbrechen sein kann. Wenn Ra in seiner goldenen Barke den Himmel befährt, dann bescheint sein Licht nicht früher und nicht reicher den Palast des Pharao als die Hütte des Geächteten, und sollte denn das schwache Menschenherz sein holdes Licht, die Gnade, dem Niedrigen vorenthalten, weil er elend ist?«

»Ich höre den Dichter Pentaur reden,« sagte der Prälat, »nicht den Priester, dem die Gnade zu Theil ward, in die höchsten Grade des Wissens eingeführt zu werden, und den ich meinen Bruder nenne und meines gleichen. Nichts hab' ich vor Dir voraus, Jüngling, als hinfällige Kenntnisse, die die Vergangenheit für Dich erworben hat, wie für mich, als einige Wahrnehmungen und Erfahrungen, die der Welt nichts Neues bringen, wohl aber lehren, wie man das Alte lebensfähig und wirksam zu erhalten habe. Dasselbe, was Du vor wenigen Wochen gelobtest, das habe ich vor vielen Jahren im Angesichte des Allerheiligen beschworen. Das Wissen zu hüten als der Eingeweihten ausschließliches Eigenthum. Denn es gleicht einem Feuer, das den Vorbereiteten zu edlen Zwecken dient, das aber in den Händen eines Kindes, – und das Volk, die Menge, kann niemals zum Manne reifen, – zum vernichtenden Brande werden, wüthend und unauslöschbar um sich fressen und Alles vernichten würde, was die Vergangenheit erbaut und geschmückt hat. Wie aber können wir die Wissenden bleiben und die Erkenntniß, ohne die Schwachen zu gefährden und zu ihrem Frommen, unter dem Schutze und im Frieden unserer Tempel vertiefen und fortentwickeln? Du weißt es und hast nach diesem Wissen zu handeln geschworen! Die Menge festzuhalten an dem Glauben und den Satzungen der Väter ist Deine, ist jedes Priesters Pflicht. Die Zeiten haben sich geändert, mein Sohn. Unter den alten Königen war das Feuer, von dem ich zu Dir, dem Richter, im Bilde sprach, von ehernen Mauern umgeben, an denen die Menge stumpf vorüberging. Jetzt sehe ich Risse in den alten Schranken, und die Augen der ungeweihten Sinnenmenschen haben sich verschärft, und der Eine erzählt dem Andern, was er, halb geblendet durch die glühenden Spalten, erspäht zu haben meint.«

Ein leise Bewegung hatte sich der Stimme des Redners bemächtigt und indem er mit seinen gewaltigen Augen den Dichter gebannt hielt, fuhr er fort: »Wir fluchen und wir stoßen aus einen jeden Geweihten, der diese Risse erweitert, wir strafen auch den Freund, der es lässig versäumt, sie mit Erz und Hammerschlägen zu verschließen.«

»Mein Vater!« rief Pentaur und warf betroffen den Kopf zurück, während ihm das Blut in die Wangen stieg.

Der Oberpriester trat ihm näher und legte beide Hände auf seine Schultern.

Beide waren von gleicher Größe und von gleich vollendetem Ebenmaße der Gestalt, und selbst die äußere Form der Züge ihres Antlitzes glich einander. Dennoch würde sie Niemand auch nur für entfernte Verwandte gehalten haben, denn der Ausdruck ihrer Gesichter war unendlich verschieden. In den Zügen des Einen spiegelte sich der Wille und die Kraft, das Leben und sich selbst kühl und ernst zu beherrschen, in denen des Andern das liebenswürdige Verlangen, die Mängel und Noth der Welt zu übersehen und das Leben so zu betrachten, wie es sich in dem Alles verschönernden Zauberspiegel seiner Dichterseele malte. Frische und Freudigkeit sprachen aus seinen glänzenden Augen, aber das feine Lächeln an seinem Mund beim Austausche von Gedanken, oder wenn sein Gemüth erregt war, lehrte, daß Pentaur, weit entfernt von naiver Sorglosigkeit, manchen schweren Seelenkampf bestanden und den Trank des Zweifels gekostet habe.

In diesem Augenblicke regten sich wechselnde Empfindungen in seiner Seele. Es war ihm, als müsse er dem Gehörten widersprechen, und doch übte des Andern gewaltige Persönlichkeit einen so tiefen Einfluß auf seine zum Gehorsam erzogene Seele, daß er schwieg und ein frommer Schauer ihn durchzuckte, als Ameni's Hände seine Schultern berührten.

»Ich tadle Dich,« sagte der Oberpriester, indem er den Jüngling noch immer festhielt, »ja ich muß Dich strafen zu meinem Schmerze; und doch –« und nun erst trat er von ihm zurück und ergriff seine Rechte, »und doch freue ich mich dieser Notwendigkeit, denn ich liebe Dich und ehre Dich als Einen, den der Unaussprechliche mit hohen Gaben gesegnet und zu großen Dingen bestimmt hat. Das Unkraut läßt man wachsen oder jätet es aus, aber Du bist ein edler Baum und ich gleiche dem Gärtner, der ihn mit dem Stabe zu versehen vergaß und der nun dankbar ist, daß er eine Krümmung an ihm wahrnimmt, die ihn an seine Versäumniß mahnt. Du siehst mich fragend an und ich lese in Deinen Zügen, daß Du mich für einen überstrengen Richter hältst. Was ist Dir vorzuwerfen? Du hast geduldet, daß an einer Satzung der Vorzeit gerührt worden ist. – Das will, so denkt der kurzsichtige und leichte Sinn, nicht viel heißen; ich aber sage Dir: Du hast Dich doppelt vergangen, denn die Uebertreterin war die Tochter des Königs, auf welche Jedermann sieht, die Großen wie die Kleinen, und deren Thaten dem Volke zum Vorbilde dienen sollen. Wenn die Berührung des von der alten Satzung mit dem schwersten Makel Behafteten die Höchste nicht verunreinigt, wen dann? In wenigen Tagen wird es heißen: die Paraschiten sind Menschen wie wir und das alte Gesetz, sie zu meiden, war Thorheit. Und sollten die Erwägungen des Volkes hiebei stehen bleiben, da es ihm doch so nahe liegt, sich zu sagen, daß wer in einem Punkte irrte, auch in anderen fehlbar sei? Bei Fragen des Glaubens, mein Sohn, gibt es nichts Kleines. Ueberläßt Du dem Feinde einen Thurm, so ist die ganze Festung in seiner Hand! In dieser unruhigen Zeit steht unsere Lehre wie ein Wagen, unter dessen Rädern ein Stein liegt, auf dem Abhange eines Berges. Ein Kind nimmt das Hinderniß fort und das Fuhrwerk rollt zu Thale und zerschmettert. Stelle Dir vor, die Prinzessin sei dieses Kind und der Stein unter dem Rade ein Brod, und sie wollte es einem Bettler reichen, um ihn zu speisen. Würdest Du sie gewähren lassen, wenn Dein Vater und Deine Mutter und Alles, was Dir lieb ist und werth, auf dem Wagen stünde? Keine Entgegnung. Die Prinzessin wird morgen den Paraschiten von Neuem besuchen. Du erwartest sie in der Hütte des Mannes und wirst ihr dort verkünden, daß sie sich vergangen habe und unserer Reinigung bedürfe. Für dießmal sei Dir jede weitere Strafe geschenkt. Der Himmel gab Dir einen reichen Geist. Erwirb Dir, was Dir fehlte: die Kraft für Eines – und Du kennst dieses Eine – alles Andere zu unterdrücken, selbst die verführerische Stimme des Herzens und die betrügliche Deiner Einsicht. – Noch Eins! Sende Aerzte in das Hans des Paraschiten und befiehl ihnen, die Verwundete so zu behandeln, als wäre sie die Königin selbst. Wer kennt die Wohnung des Mannes?«

»Die Prinzessin,« antwortete Pentaur, »hat den Wegeführer des Königs, Paaker, im Tempel zurückgelassen, um die Aerzte in das Haus des Pinem zu führen.«

Der ernste Oberpriester lächelte und sagte. »Paaker, der für ein Paraschitenmädchen wacht!«

Da erhob Pentaur halb zaghaft bittend, halb schalkhaft die Augen, welche er bis dahin niederschlagen hatte, und seufzte: »Und Pentaur, der Gärtnerssohn, welcher der Tochter des Königs die Reinheit abspricht!«

»Pentaur der Diener der Gottheit und Pentaur der Priester wird es nicht mit der Tochter des Königs, sondern mit der Uebertreterin des Gesetzes zu thun haben,« erwiederte Ameni ernst. »Laßt Paaker sagen, ich wünschte ihn zu sprechen.«

Der Dichter verneigte sich tief und verließ das Zimmer; der Oberpriester aber murmelte vor sich hin. »Er ist noch nicht wie er sein soll und meine Rede blieb ohne Wirkung auf ihn.«

Dann verstummte er, ging nachdenkend auf und nieder und sagte halblaut denkend: »Und doch ist dieser Jüngling zu großen Dingen bestimmt. Welche Gabe des Geistes fehlte ihm wohl? Er versteht zu lernen, zu denken, zu empfinden und Herzen zu gewinnen, – auch das meine. Rein und bescheiden hat er sich erhalten . . .«

Bei diesen Worten blieb der Oberpriester stehen, schlug mit der Hand auf die Lehne des vor ihm stehenden Stuhls und sagte; »Das ist's, was ihm fehlt! Er kennt noch nicht die Flamme des Ehrgeizes. Entzünden wir sie zu seinem und zu unserem Besten!«

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