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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zwölftes Kapitel.

Die Sonne des neunundzwanzigsten Morgens des zweiten Ueberschwemmungsmonats29. Phaophi. Die Aegypter besaßen drei Jahreszeiten oder Tetramenieen zu je vier Monaten; die Ueberschwemmungs-, Saat- und Erntezeit (Scha, per und schemu). Der zweite Ueberschwemmungsmonat hieß Phaophi, und der 29. Phaophi, an dem das Fest des Thales gefeiert wurde, entsprach unserem 8. November. war aufgegangen und die Bürger und Bürgerinnen, die Greise und Kinder, die Freien und Sklaven in Theben brachten dem aufsteigenden Tagesgestirne vor den Pforten der Tempel, zu denen das von ihnen bewohnte Stadtviertel gehörte, unter Leitung der Priester ihre Huldigung dar.

Familienweise standen die Thebaner zusammen vor den Pylonen und warteten auf die Prozession der Priester, der sie sich anzuschließen gedachten, um mit ihr zu dem großen Reichstempel zu wallen und von ihm aus mit den Festbarken über den Strom in die Nekropole zu fahren.

Heute, am Feste des Thales, wurde Amon, der große Gott von Theben, in feierlichem Aufzuge hinüber geführt in die Todtenstadt, damit er dort, wie die Priester sagten,Maspero, Mémoire sur quelques Papyrus du Louvre, p. 75. Pap. Nr. 3. Bulaq. T. 3. Z. 22, 23. seinen Eltern im Jenseits opfere. Nach Westen richtete sich die Fahrt, und hier, wo auch die irdischen Reste der Menschen Ruhe fanden im Grabe, waren die Millionen Sonnen verschwunden, denen täglich eine neue, aus der Nacht erstehende, gefolgt war.

Das verjüngte Licht, sagten die Priester, vergißt des erloschenen nicht, aus dem es erstanden, und bringt ihm als Amon seine Huldigung dar, um die Frommen zu mahnen, der Dahingegangenen nicht zu vergessen, denen sie das Leben verdanken.

»Bringe Opfer,« sagte ein frommer Spruch, »Deinem Vater und Deiner Mutter, welche im Thale der Gräberstätte ruhen, denn solches ist den Göttern genehm, welche diese Spenden annehmen wollen, als wären sie ihnen selbst gebracht. Besuche häufig Deine Verstorbenen, damit das, was Du für sie thust, Dein Sohn für Dich thue.«Aus dem zu Bulaq konservirten Papyrus 1V., welcher moralische Vorschriften enthält. Er ward publizirt von Mariette und übersetzt von Brugsch, E. de Rougé und zuletzt in einer vorzüglichen analytischen Behandlungsweise von Chabas in seiner Zeitschrift l'Égyptiologie.

Das Fest des Thales war ein Todtenfest, aber kein trauriges, mit Jammer und Wehklagen gefeiertes, sondern ein frohes, dem pietätsvollen Gedenken an Diejenigen gewidmetes, die man auch nach dem Tode nicht zu lieben aufhörte, die man als Selige glücklich pries und deren man freundlich gedachte, während man, gesellig in den Grabkapellen oder vor ihrer Gruft vereint, Opfer brachte und schmauste.

Vater, Mutter und Kinder schlossen sich eng aneinander. Die Sklaven des Hauses folgten ihnen mit Mundvorrath und Fackeln, um das Dunkel der Gruft und die Nacht bei der späten Heimkehr zu erhellen.

Auch der Aermste hatte schon am Tage vorher für ein Plätzchen in einem der großen Boote gesorgt, welche die Prozession über den Strom setzten. Der Reichen Barken standen für ihre Besitzer und deren Hausstand im glänzenden Aufputz bereit, und die Kinder hatten in der Nacht von dem heiligen Festschiffe des Amon geträumt, dessen Pracht, wie die Mutter ihnen erzählte, der Herrlichkeit der goldenen Barke nur wenig nachstand, aus welcher der Sonnengott mit seinen Begleitern den Ozean des Himmels befuhr.

Schon wimmelte die große Stromtreppe des Reichstempels von Priestern, das Ufer von Bürgern und der Fluß von Booten, schon übertönte rauschende Festmusik das Getöse der Volksschaaren, die einander, von Staubwolken umhüllt, drängten, um die Schiffe und Barken zu erreichen; schon waren alle Häuser und Hütten von Theben leer und das Hervortreten des Gottes aus der Tempelpforte wurde erwartet; aber es fehlten immer noch die Mitglieder des Königshauses, welche sonst an diesem Tage zu Fuß den großen Tempel des Amon zu betreten pflegten, und im Volke fragte Einer den Andern, warum Bent-Anat, die schöne Tochter des Ramses, so lange ausbleibe und den Aufbruch der Prozession verzögere.

Schon stimmten die Priester ihre Gesänge hinter der Mauer an, welche dem Volke den Einblick in die bunten Räume des Tempels versperrte, schon hatte der Statthalter mit glänzendem Gefolge das Heiligthum betreten, schon öffneten sich die Thore, schon zeigten sich die leichtgeschürzten Knaben, welche Blumen auf den Weg des Gottes zu streuen hatten, schon verkündeten Weihrauchsdüfte, daß Amon sich nahe, und noch immer wollte sich die Tochter des Ramses nicht zeigen.

Mancherlei Gerüchte wurden laut, darunter höchst widersinnige; aber das Eine stand fest und wurde auch zum Bedauern der Menge von den Tempeldienern bestätigt: die Prinzessin nahm nicht Theil an der Prozession, Bent-Anat war ausgeschlossen von dem Feste des Thales.

Mit ihrem Bruder Rameri und der Gattin des Mena stand sie auf dem Altan ihres väterlichen Palastes und schaute nach dem Strom und dem nahenden Gotte hin.

In der Frühe des gestrigen Tages hatte ihr der alte Oberpriester des Amon von Theben, Bek en Chunsu, die Reinheit zurückgegeben, am Abende war er gekommen, um ihr mitzutheilen, daß Ameni ihr untersage, die Nekropole zu betreten, bevor sie nicht die Vergebung der Götter des Westens für ihre Vergehen erlangt habe.

Im Stande der Unreinheit hatte sie den Hathortempel besucht und ihn befleckt, und der strenge Vorsteher der Todtenstadt war im Rechte, das gestand Bek en Chunsu ein, wenn er ihr das Gebiet des Westens verschloß.

Nun rief Bent-Anat Ani's Hülfe an, aber obgleich der Statthalter ihr zusagte, für sie einzutreten, so kam er doch spät am Abend zu ihr, um ihr mitzutheilen, daß Ameni sich seinen Bitten unzugänglich zeige. Der Statthalter gab ihr dabei mit der Miene des Bedauerns den Rath, um ein öffentliches Aergerniß zu vermeiden, der ehrenwerthen Strenge Ameni's nicht zu trotzen und sich von dem Feste fern zu halten.

Frau Katuti sandte zur selben Stunde den Zwerg Nemu zu ihrer Tochter, um diese aufzufordern, mit ihr an dem Zuge Theil zu nehmen und in der Gruft ihrer Väter zu opfern; aber Nefert ließ ihr die Antwort ertheilen, daß sie sich nicht von ihrer Freundin und Herrin trennen könne und wolle.

Bent-Anat hatte die vornehmeren Mitglieder ihres Hofstaates beurlaubt und sie gebeten, bei der schönen Feier auch ihrer zu gedenken.

Als sie von dem Altan aus das Volk sich versammeln und die Boote wimmeln sah, trat sie in ihr Gemach zurück, rief den die Frechheit Ameni's mit zornigen Worten strafenden Rameri zu sich heran, faßte seine beiden Hände und sagte: »Wir haben Beide gefehlt, Bruder, laß uns die Folgen unserer Schuld geduldig tragen und handeln, als wäre der Vater bei uns.«

»Er würde dem übermüthigen Priester das Pantherfell von den Schultern reißen,« rief der Prinz, »wenn er in seiner Gegenwart Dich so zu demüthigen wagte.«

Bei diesen Worten rannen Thränen des Ingrimms über seine jugendlichen Wangen.

»Laß jetzt das Zürnen,« entgegnete Bent-Anat. »Du warst noch klein, als der Vater zum letzten Mal Theil nahm an diesem Feste.«

»O, ich erinnere mich wohl jenes Morgens,« rief Rameri, »und werde ihn niemals vergessen.«

»Ich dacht' es,« sagte Bent-Anat. »Bleibe nur, Nefert, Du bist ja jetzt meine Schwester! Es war ein köstlicher Morgen. Wir Kinder waren festlich geschmückt in der großen Halle des Königs versammelt. Da ließ er uns in diese Räume rufen, welche die Mutter bewohnt hatte, die vor wenigen Monaten gestorben war. Jeden Einzelnen nahm er bei der Hand und sagte ihm, er vergebe ihm Alles, was er etwa gefehlt, wenn er es ernstlich bereue, und drückte Jedem einen Kuß auf die Stirn. Dann winkte er uns zu sich heran und sagte so bescheiden als wär' er Einer von uns und nicht der gewaltige König: ›Vielleicht hab' auch ich Einem unter euch Unrecht gethan oder ihm nicht sein volles Recht widerfahren lassen. Ich bin mir dessen nicht bewußt, aber wär' es geschehen, so thut es mir leid!‹ – Da stürzten wir Alle auf ihn zu und Jeder wollte ihn küssen, er aber wehrte uns lächelnd ab und sagte: ›Eines hat Jedes von euch zu gleichen Theilen genossen, das wißt ihr ja auch! Ich meine die Liebe des Vaters, und nun sehe ich, daß ihr mir wiedergebt, was ich euch reichte.‹ – Und dann erinnerte er uns an die verstorbene Mutter und sagte, daß auch der zärtlichste Vater nicht im Stande sei, die Mutter zu ersetzen. Dann gab er uns ein schönes Bild der selbstlosen Hingebung der Verstorbenen und forderte uns auf, an ihrer Ruhestätte mit ihm zu beten und zu opfern und uns zu geloben, ihrer würdig zu leben, nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen, das ja das Leben bilde, wie die Stunden den Tag und das Jahr. – Wir Größeren drückten damals einander die Hände und niemals war ich wohl besser, als in jener Stunde und dann am Grabe der Mutter!«

Nefert schlug ihre thränenfeuchten Augen auf und sagte: »Mit solchem Vater muß es leicht sein, gut zu bleiben.«

»Hat Deine Mutter am Morgen dieses Festes nicht auch gute Worte in Dein Herz gelegt?« fragte Bent-Anat.

Nefert erröthete und sagte: »Es wurde immer spät mit unserem Putz und dann mußten wir eilen, um zur rechten Zeit im Tempel anzukommen.«

»So laß mich heute Deine Mutter sein!« rief Bent-Anat, »und Deine, Rameri. Weißt Du auch noch, wie der Vater den Hofbeamten und Dienern Verzeihung bot, und wie er ihnen und uns einschärfte, an diesem Tage jeden Groll aus unserer Brust zu tilgen? ›Zu diesem Feste,‹ sagte er, ›gehört nicht nur ein reines Kleid, sondern auch ein Herz ohne Flecken.‹ Also, Bruder, kein böses Wort mehr über Ameni, den sein Gesetz vielleicht zu solcher Strenge zwingt. Der Vater wird ja das Alles erfahren und richten. Mir ist das Herz so voll, als sollt' es überfließen. Komm', Nefert, gib mir einen Kuß, und Du auch, Bruder! Ich gehe jetzt in mein Kapellchen, in dem die Ahnenbilder stehen, und denke an die Mutter und die seligen Geister unserer Lieben, denen ich ja heute nicht opfern darf.«

»Ich gehe mit Dir,« sagte Rameri.

»Du, Nefert,« sprach Bent-Anat, »bleibe hier und schneide so viel Du willst von meinen Blumen. Die schönsten sollst Du nehmen! Winde aus ihnen einen Kranz, und wenn er fertig ist, so senden wir einen Boten hinüber und lassen ihn mit anderen Gaben in's Grab der Mutter Deines Mena legen.«

Als nach einer halben Stunde die Geschwister zu der jungen Frau zurückkehrten, hingen zwei zierliche Kränze an Nefert's Hand: für die verstorbene Königin der eine, für Mena's Mutter der zweite.

»Ich bringe die Kränze hinüber und lege sie in die Grüfte,« rief Rameri.

»Ani glaubt, es wär' besser, wenn wir uns nicht dem Volke zeigten,« warnte Bent-Anat. »Sie bemerken kaum, daß Du unter den Schülern fehlst, aber . . .«

»Aber ich will nicht als Sohn des Ramses, sondern als Gärtnerbursche hinüber fahren,« unterbrach sie der Prinz. »Hört nur die Posaunenstöße! Jetzt tragen sie den Gott in's Freie!«

Rameri trat auf den Altan und die beiden Frauen folgten ihm und schauten nach dem Schauplatze der Einschiffung hin, den sie mit ihren scharfen Augen zu überblicken vermochten.

»Es wird ein dünner und armseliger ZugBei der Beschreibung der Prozession hab' ich mich besonders nach den Darstellungen des großen Auszuges beim Feste der Treppe zu Medinet Habu gerichtet. werden ohne den Vater und uns,« sagte Rameri, »das ist mein Trost. Das Musikchor ist stattlich! Nun kommen die Federträger und Sänger. Da ist der erste Prophet des Reichstempels. der alte Bek en Chunsu. Wie ehrwürdig er aussieht! aber das Gehen wird ihm sauer. Jetzt naht der Gott, denn schon riech' ich den Weihrauch.«

Bei diesen Worten warf sich der Prinz auf die Kniee und die Frauen folgten seinem Beispiel, als sich zuerst ein herrlicher Stier, in dessen hellem glatten Fell sich die Sonne spiegelte und der eine goldene, mit glänzend weißen Straußenfedern geschmückte Scheibe zwischen den Hörnern trug, zeigte, und sodann, nur durch einige Wedelträger von dem Stiere getrennt, der Gott selbst erschien, oft sichtbar, öfter noch durch die großen halbkreisförmigen, an langen Stäben befestigten Schirme von schwarzen und weißen Straußenfedern, mit denen ihn die Priester beschatteten, den Blicken entzogen.

Geheimnißvoll wie sein Name war sein Gang, denn er schien auf seinem kostbaren Sitze langsam von der Tempelpforte dem Strom entgegen zu schweben. Sein Thron stand auf einem mit Blumensträußen und Guirlanden überreich geschmückten Tische, der mit Decken von purpurnem Goldbrokat verkleidet war, welche auch die die Tafel langsam und in gleichem Schritt forttragenden Priester verhüllten.

Sobald der Gott im Festschiffe Platz gefunden hatte, erhoben sich die Geschwister und Nefert von den Knieen.

Es zeigten sich Priester, welche eine Kiste mit den immergrünen heiligen Bäumen des Amon trugen, und als von Neuem Liedergesang und Weihrauchduft das Ohr und Auge der von der Feier Ausgeschlossenen erreichten, murmelte Bent-Anat: »Jetzt würde der Vater kommen.«

»Und Du!« rief Rameri. »Und gleich dahinter Nefert's Gatte, Mena mit den Garden. Der Oheim Ani geht zu Fuß. Wie sonderbar er sich gekleidet hat, wie ein umgekehrter Sphinx!«Es gab keine weiblichen Sphinxe in Aegypten. Der Sphinx hieß Neb, d. i. der Herr. Die liegenden Löwenkörper tragen entweder Männer- oder Widderköpfe.

»Wie so?« fragte Nefert.

»Ein Sphinx,« lachte Rameri, »hat einen Löwenkörper und Menschenkopf und der Oheim trägt an seinem Leib ein friedliches priesterliches Gewand und auf seinem Kopfe den Helm des Kriegers.«

»Wäre der König hier, der Leben Spendende,« sagte Nefert, »Du würdest nicht unter seinen Trägern fehlen, Rameri.«

»Gewiß nicht!« gab der Prinz zurück, »und das Ding macht sich doch anders, wenn des Vaters Heldengestalt seinen goldenen Thron schmückt, hinter ihm die Bildsäule der Wahrheit und Gerechtigkeit ihre Schwingen schützend ausspannt, vor ihm sein gewaltiger Schlachtgenosse, der Löwe, ruht und über ihm der mit Uräusschlangen geschmückte Baldachin sich breitet. Die Horoskopen und die Pastophoren mit den Standarten und Götterbildern und die Heerden des Schlachtviehs nehmen gar kein Ende! Sieh' nur, auch das Nordland hat seine Festgesandten geschickt, als wäre der Vater hier. Ich unterscheide die Zeichen auf den Standarten.Jeder Nomos oder Gau von Aegypten (es gab deren 44) hatte sein wappenartiges Zeichen, welches bei feierlichen Aufzügen auf Standarten umhergetragen wurde. Vollständige Listen wurden schon in Seti I. Zeit zu Abydos angebracht. In den Ptolemäertempeln (namentlich zu Philä, Edfu und Dendera) lehren die die Gaulisten begleitenden Texte viel interessantes Einzelnes, namentlich über das religiöse Leben in jedem Nomos. Mit der geographischen Einteilung des Nilthals beschäftigten sich besonders Harris, Brugsch, Dümichen und J. de Rougé. Erkennst Du die Bilder der königlichen Ahnen, Bent-Anat? Nicht recht? Ich auch nicht; aber mir war es, als hätte der erste Ahmes, der Vertreiber der Hyksos, dem unsere Großmutter entstammt, und nicht der Großvater Seti den Zug eröffnet, wie sich's doch ziemte. Nun kommen die Krieger! Es sind die Regimenter, welche Ani ausgerüstet hat und die erst heute Nacht siegreich aus Aethiopien heimkehrten. Wie das Volk ihnen zuruft, sie haben sich auch wacker gehalten! Denkt nur, Bent-Anat und Nefert, wie das erst sein wird, wenn der Vater zurückkehrt mit hundert gefangenen Fürsten, die seinem Gespanne, das Dein Mena lenkt, demüthig folgen, mit den Brüdern allen, den Edlen des Landes und den Garden auf ihren prächtigen Wagen.«

»Noch denken sie nicht an die Heimkehr,« seufzte Nefert.

Während immer neue Schaaren der Truppen des Statthalters, Musikchöre und seltene ThiereSolche wurden in großer Menge bei einem Festzuge aufgeführt, welchen Ptolemäus Philadelphus veranstaltete und den ein Augenzeuge (Kallixenos) in den Deipnosophisten des Athenäus ausführlich beschreibt. Der Lagide ahmte damit eine Sitte nach, welche schon, wie die Darstellungen im Grabe des Rech ma Ra (18. Dynastie) und anderen Grüften lehren, in früher Zeit geübt ward. sich in der Prozession zeigten, stieß das Festschiff des Amon von der Landungstreppe ab.

Es war ein herrliches, großes Fahrzeug, ganz aus glänzend polirtem, reich mit Gold ausgelegtem Holze, dessen Bord mit schimmernden Glasfüßen,Von den Aegyptern mit großer Kunst hergestellt und in verschiedenen Gestalten und Farben erhalten. In der Minutoli'schen Sammlung und in anderen Kollektionen, namentlich der zu Bulaq, finden sich Mosaikperlen, deren Nachahmung selbst unseren Künstlern auf diesem Gebiete schwer fallen möchte. welche Smaragden und Rubinen nachahmten, geschmückt war. Die Maste und Raaen waren vergoldet und vor den letzteren wehten purpurne Segel. Aus Elfenbein bestanden die Sitze für die Priester, und um das Schiff, seine Maste und Taue schlangen sich Guirlanden von Lilien mit Rosen vermischt.

Des Statthalters Nilboot war nicht weniger reich. Das Holzwerk schimmerte in starker Vergoldung, mit bunten babylonischen Teppichen war das Kajütenhaus bekleidet und an seinem Schnabel zeigte sich, wie weiland an den Meerschiffen Hatasu's, ein goldener Löwenkopf, aus welchem als Augen zwei große Rubinen leuchteten.

Nachdem die Priester sich eingeschifft hatten und die heilige Barke am jenseitigen Ufer gelandet war, stürzte das Volk in die Boote, welche bald, oft bis zum Sinken überfüllt, den Strom in der Breite von Theben so ganz erfüllten, daß nur an wenigen Stellen die Sonne ein Plätzchen fand, sich in seinem gelblichen Wasser zu spiegeln.

»Jetzt leih' ich mir von einem Gärtner die Kleider,« rief Rameri, »und fahre mit den Kränzen hinüber!«

»Du willst uns allein lassen?« fragte Bent-Anat.

»Mach' mir das Herz nicht schwer, Schwester,« bat Rameri.

»So gehe nur,« sagte die Prinzessin. »Wenn der Vater hier wäre, wie gern führe ich mit Dir hinüber!«

»Versuch' es mit mir!« rief der Jüngling. »Es findet sich wohl auch für euch eine Verkleidung!«

»Thorheiten,« gab Bent-Anat zurück und schaute Nefert, welche ihrerseits die Achseln zuckte, als wolle sie sagen: »Dein Wille ist meiner,« fragend an.

Dem klugen Rameri war dieses Augenspiel der Freundinnen nicht entgangen und lebhaft rief er; »Ihr kommt mit mir; ich seh' es euch an! Jeder Bettelbub wirft heute seine Blume in das Sammelgrab, welches die schwarze Mumie seines Vaters birgt, und des Ramses Kinder und seines Rosselenkers Weib sollten ausgeschlossen sein und ihren Verstorbenen keinen Kranz bringen dürfen?«

»Ich würde die Gruft durch meine Gegenwart beflecken,« sagte Bent-Anat erröthend.

»Du, Du!« rief der Prinz, umhalste seine Schwester und küßte sie. »Du liebes, großmüthiges Geschöpf, das nur lebt, um Schmerzen zu lindern und Thränen zu trocknen, Du schönes Ebenbild unseres Vaters, unrein! Eher glaub' ich, daß die Schwäne da unten schwarz sind wie die Krähen, und die Rosenranken hier am Altan lauter Schierlingsstauden. Bek en Chunsu hat Dir die Reinheit zurückgegeben, und wenn Ameni . . .«

»Ameni ist doch wohl in seinem Rechte,« sagte Bent-Anat freundlich, »und Du weißt, was wir uns gelobt haben. Ich will heute kein böses Wort über ihn hören.«

»Gut denn! Er hat sich gütig und gnädig gegen uns erwiesen,« spottete Rameri, indem er sich nach der Nekropole hin tief verneigte, »und Du bist unrein. So tritt meinetwegen nicht in die Gruft und den Tempel, sondern bleibe mit uns unter dem Volke. Die Wege da drüben sind nicht sehr empfindlich; ziehen doch täglich viel unreine Paraschiten und ihresgleichen auf ihnen hin und her. Sei verständig, Bent-Anat, und komme mit! Wir verkleiden uns, ich führe euch, ich lege die Kränze an ihren Platz, wir beten zusammen vor der Gruft, wir sehen den heiligen Auszug und die Werke der Wunderthäter und hören die Festrede. Denke nur, daß Pentaur, trotz Allem, was sie gegen ihn haben, sie halten darf. Das Setihaus will heute glänzen und Ameni weiß recht gut, daß Pentaur, wenn er den Mund aufthut, tiefer wirkt, als all' die weisen Herren, wenn sie zusammen im heiligen Chore singen! Komm' mit mir, Schwester!«

»Es sei denn!« sagte Bent-Anat schnell entschlossen.

Rameri erschrak über dieses rasche Wort, das ihn doch erfreute; Nefert aber schaute sie fragend an, um ihre großen Augen bald wieder niederzuschlagen. Sie wußte nun, wer ihrer Freundin Erwählter sei, und die bange Frage: Wie soll das enden? zog durch ihre Brust.

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