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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Elftes Kapitel.

Zugleich mit dem Bäcker fuhren Hunderte von Leuten trotz der vorgerückten Zeit in die Nekropole.

Es war ihnen gestattet, dort unter den Augen der Sicherheitswächter in der dem Feste vorangehenden Nacht zu verweilen, denn sie hatten ihre Verkaufstische und Schirmdächer aufzustellen, ihre Waaren auszulegen, ihre Zelte aufzuschlagen, und sobald die Sonne des nächsten Tages sich zeigte, war auf dem heiligen Strome jeder geschäftliche Verkehr verboten, durften nur Festbarken und solche Boote von Theben abfahren, welche die an der großen Prozession teilnehmenden Wallfahrer, Männer, Frauen und Kinder, Einheimische und Fremde an das jenseitige Ufer führten.

Auch in den Sälen und Laboratorien des Setihauses ging es lebendiger her als sonst.

Die Heiligsprechung des wunderbaren Herzens hatte die Vorbereitungen zum Feste auf kurze Zeit unterbrochen. Jetzt wurden wieder hier Chöre geübt, dort das auf dem heiligen See aufzuführende Schauspiel geprobt,Zu jedem Tempel gehörte ein heiliger See. Herodot II. 171 erwähnt die Vorstellungen, welche auf dem heiligen See der Neith zu Sais in der Nacht gegeben wurden. »Man nennt sie Mysterien,« sagt er, »aber obgleich ich Vieles davon weiß, so schweige ich doch aus Ehrfurcht darüber.« Zur Aufführung kam die Mythe von Isis, Osiris und Seth-Typhon. da Götterbilder abgestaubt und bekleidetDie Stolisten hatten die Götterbilder zu bekleiden, und an einigen Reliefs finden sich noch Häkchen, an denen man die Gewandstücke befestigte. Das Aus- und Ankleiden der Götterbilder hatte beim Kultus in fest vorgeschriebener Ordnung vor sich zu gehen. In Bezug auf diese in all' ihren Theilen bedeutungsvollen Handlungen sind besonders lehrreich die Inschriften in den sieben Sanctuarien von Abydos. Herausgegeben von A. Mariette. und die Farben der heiligen Embleme aufgefrischt, hier die Pantherfelle und andere Stücke des priesterlichen Ornats gelüftet und in Stand gesetzt, da Szepter, Rauchpfannen und anderes Metallgeräth geputzt und dort die in der Prozession umherzutragende Festbarke ausgeschmückt.Sie hieß nach den heute noch im Setihause (dem Tempel von Qurnah) erhaltenen Darstellungen die Sambarke. Im heiligen Haine des Setihauses flochten die kleineren Schüler, von den Tempelgärtnern geleitet, Guirlanden und Kränze zur Ausschmückung des Landungsplatzes, der Sphinxe, des Tempels und der Götterbilder. Die Fahnen wurden an den mit Erz beschlagenen MastenS. Bd. II. S. 73. vor den Pylonen aufgehißt und Schatten spendende Purpursegel über die Mitte der Höfe gebreitet.

Der Vorsteher der Opfergaben nahm, von Schreibern, welche alles Abgelieferte notirten, von fest zugreifenden Neokoren und leibeigenen Ackerknechten unterstützt, an einer Nebenpforte schon jetzt das Vieh, die Korn und Fruchtspenden in Empfang, welche von den Bürgern aus allen Theilen des Landes am Feste des Thales dem Setihause gesteuert zu werden pflegten.

Ameni war bald bei den Sängern, bald bei den Wundertätern, welche dem Volke überraschende Verwandlungen vorführen sollten, bald bei den Neokoren, welche Thronsessel für den Statthalter, die Gesandten der anderen Priesterkollegien des LandesDaß selbst aus dem Delta Festboten in das Setihaus (den Tempel von Qurnah) gesandt wurden, lehren die Inschriften in dem Säulengange an der Ostseite dieses Tempels.und die Propheten von Theben aufstellten, bald bei den das Rauchwerk herstellenden Priestern, bald bei den tausend Lampen für die Festnacht rüstenden Dienern, – kurz überall; hier anfeuernd, dort lobend. Als er die Ueberzeugung erlangt hatte, daß Alles in bestem Gange sei, befahl er einem »heiligen Vater«, Pentaur zu rufen.

Der junge Priester hatte sich, nach seinem Abschiede von dem aus dem Tempel verwiesenen Ramsessohne Rameri, mit seinem Freunde Nebsecht in dessen Arbeitszimmer begeben.

Der Arzt ging unruhig zwischen seinen Flaschen und Käfigen einher. Fieberhaft erregt, bald ein Pflanzenbündel mit dem Fuße fortstoßend, bald mit der Faust auf den Tisch schlagend, bewegte er heftig seine ungelenken Glieder, während er Pentaur erzählte, wie er bei seiner Heimkehr sein Arbeitszimmer gefunden.

Seine Lieblingsvögel waren verhungert, seine Schlangen hatten sich befreit und sein Affe war, wahrscheinlich aus Angst vor ihnen, ihrem Beispiel gefolgt.

»Das Vieh, das Scheusal!« rief er zornig, »hat die Töpfe mit den Käfern umgeworfen, die Kiste mit dem Mehl, das meine Vögel und Würmer zu fressen bekommen, ausgemacht und sich darin herumgewälzt, meine Messer, Nadeln, Zangen, meine Stifte, Zirkel und Rohrfedern hat er zum Fenster hinausgeworfen und als ich in das Zimmer trat, saß er, so weiß wie ein äthiopischer Sklave, der Tag und Nacht die Mühle dreht, auf dem Schranke da oben und hielt die Rolle, welche meine Aufzeichnungen über den Bau des thierischen Körpers, die Resultate von jahrelangen Studien enthält, in der Hand und schaute mit schrägem Kopfe ernst hinein. Ich will ihm das Buch abnehmen, er aber flieht mit der Rolle, springt zum Fenster hinaus, läßt sich auf dem Rande des Brunnens nieder und zerfetzt und zerreibt da wüthend den Papyrus. Ich springe ihm nach, er aber setzt sich in den Eimer, reißt an der Kette und läßt sich, indem er mich höhnisch anglotzt, in den Brunnen hinab. Als ich ihn wieder herausziehe, springt er mit den Resten des Buches in die Tiefe.«

»Der arme Kerl ist ertrunken?« fragte Pentaur.

»Ich fischte ihn mit dem Eimer heraus und legte ihn zum Trocknen in die Sonne. Aber er hatte auch allerlei Arzneien ausgesoffen und ist heute Mittag verendet. Meine Notizen sind auch hin! Manches freilich hab' ich behalten; es gilt aber doch im Ganzen von Neuem anzufangen. Du siehst, die Affen sind meinen Arbeiten ebenso feindlich wie die Weisen. Da in der Lade liegt die Bestie!«

Pentaur hatte bei der Erzählung seines Freundes gelacht und dann seinen Verlust bedauert. Jetzt fragte er besorgt:

»Dort liegt das Thier? Du vergißt doch nicht, daß er in der Kapelle des Toth bei der Bücherei gepflegt werden sollte. Er hat zu der heiligen Art der HundskopfsaffenDie Hundskopfsaffen (Kyknokephalos) waren dem Toth-Hermes als dem Mondgotte heilig. Mumien derselben sind zu Theben und beim alten Hermopolis gefunden worden. Mit scheinbarem Ernst in ein Buch vertiefte Hundskopfsaffen wurden oft sehr lebensvoll abgebildet. Statuen dieser Thiere wurden in großer Zahl gefunden. Im Bibliothekszimmer des Isistempels zu Philä ist ein besonders gelungenes Reliefbild eines Kynokephalos an der linken Wand angebracht. gehört und alle guten Zeichen sind an ihm gefunden worden. Der Bibliothekar vertraute ihn Dir an, um sein krankes Auge zu heilen.«

»Das war wieder gesund,« antwortete Nebsecht unbefangen.

»Aber sie werden den unangetasteten Leichnam von Dir verlangen, um ihn zu balsamiren,« sagte Pentaur.

»Sie werden?« murmelte Nebsecht und schaute den Freund an wie ein Knabe, von dem man einen Apfel zurückverlangt, den er längst aufgegessen.

»Da hast Du wieder etwas Schönes begangen!« rief Pentaur freundlich drohend.

Der Arzt nickte und sagte: »Ich habe ihn geöffnet und sein Herz untersucht.«

»Du bist auf Herzen versessen, als wärest Du ein gefallsüchtiges Weib!« rief der Dichter. »Wie ist es denn mit dem Menschenherzen geworden, das der alte Paraschit Dir verschaffen sollte?«

Nebsecht erzählte nun ohne Rückhalt, was Uarda's Großvater für ihn gethan, daß er ein Menschenherz untersucht und nichts in ihm gefunden habe, was das Thierherz nicht auch enthalte. »Aber ich muß es in Zusammenhang mit den anderen Organen des Menschen arbeiten sehen,« rief er erregt, »und mein Entschluß steht fest. Ich verlasse das Setihaus und bitte die Kolchyten, mich in ihre Zunft aufzunehmen. Wenn es sein muß, so verrichte ich anfänglich die Dienste der niedrigsten Paraschiten.«

Pentaur zeigte dem Arzte, einen wie schlechten Tausch er machen werde, und rief endlich, als Nebsecht ihm lebhaft widersprach: »Dieß Zerschneiden der Herzen mißfällt mir. Du sagst selbst, daß es Dich nichts gelehrt habe. Findest Du es gut, schön oder auch nur nützlich?«

»Mich kümmert es nicht,« gab Nebsecht zurück, »ob das, was ich beobachte, gut oder schlecht, schön oder häßlich, nützlich oder unnütz erscheint, ich will nur wissen, wie es ist, weiter nichts!«

»Also um der Neugier willen,« rief Pentaur, »willst Du die Seligkeit von tausend Mitmenschen gefährden, das trübseligste Handwerk auf Dich nehmen und diese edle Arbeitsstätte verlassen, in der wir nach Erleuchtung ringen, nach innerer Läuterung und Wahrheit!«

Der Naturforscher lachte höhnisch.

Da schwoll auf Pentaur's hoher Stirn die Zornesader und seine Stimme klang drohend, als er fragte:

»Glaubst Du, daß Deine Finger und Augen die Wahrheit gefunden haben, nach der edle Geister mit all' ihrer Kraft seit tausend Jahren vergeblich ringen? Zu den Sinnesmenschen steigst Du hinab durch Dein thörichtes Wühlen im Staube, und je bestimmter Du meinst, Du besäßest die Wahrheit, je schmählicher führt Dich der elende Irrthum am Seile.«

»Glaubt' ich wirklich die Wahrheit zu haben, würd' ich denn nach ihr suchen?« fragte Nebsecht. »Je mehr ich beobachte und erkenne, je tiefer empfind' ich die Mängel unsres Könnens und Wissens.«

»Das klingt bescheiden,« gab der Dichter zurück, »aber ich kenne die Selbstüberhebung, zu der Deine Arbeit Dich führt. Untrüglich scheint Dir Alles, was Du mit den Augen siehst und den Fingern betastest, und unwahr nennst Du in Deinem Innern mit überlegenem Lächeln Jedwedes, was Deinen Erfahrungen widerstrebt. Aber diese Erfahrungen erwirbst Du nur im Bereiche der Sinnenwelt und vergißt, daß es Dinge gibt, die auf einer andern Ordnung stehen.«

»Diese Dinge kenne ich nicht,« entgegnete Nebsecht ruhig.

»Wir Geweihten aber,« rief der Dichter, »wenden auch ihnen unsere Aufmerksamkeit zu. Ahnungen über ihre Beschaffenheit und Wirksamkeit sind vor Jahrtausenden unter uns ausgesprochen worden. Hundert Generationen haben diese Ahnungen geprüft, gebilligt und sie uns als Glauben hinterlassen. Mangelhaft ist all' unser Wissen und doch vermögen begnadigte Propheten in die Zukunft zu schauen, magische Kräfte werden vielen Sterblichen verliehen; das widerspricht doch den Gesetzen der Sinnenwelt, die Du allein anzuerkennen geneigt bist, und erklärt sich dennoch so leicht, wenn wir eine höhere Ordnung der Dinge annehmen. Gottes Geist lebt wie in der Natur in jedem von uns. Der Sinnenmensch kann nur zum gemeinen Wissen gelangen, in dem Propheten aber wirkt die göttliche Eigenschaft des Wissens in ungetrübter Form, das ist die Allwissenheit, und den Wundertäter befähigt zu übernatürlichen Werken nicht die menschliche Kraft, sondern zu Zeiten die von keiner Schranke gehemmt göttliche, das ist die Allmacht.«

»Geh' mir mit Propheten und Wundern!« rief der Arzt.

»Ich dächte,« entgegnete Pentaur, »daß auch jene Ordnung der Natur, die Du anerkennst, Dir täglich die herrlichsten Wunden vorführt, ja der Eine verschmäht es nicht, zu Zeiten die gemeine Ordnung der Dinge zu durchbrechen, um denjenigen Theil seines Wesens, welchen wir unsere Seele nennen, auf das hohe Ganze, dem sie angehört, auf ihn selbst, hinzuweisen. Noch heute hast Du gesehen, wie das Herz des heiligen Widders . . .«

»Mann, Mann!« unterbrach Nebsecht seinen Freund. »Das heilige Herz ist das Herz eines armseligen Hammels, den ein dem Trunk ergebener Soldat für Lumpengeld einem feilschenden Viehmäster abgekauft hat, und der am Herd eines Unreinen geschlachtet ward. Ein geächteter Paraschit steckte es in die Brust des Rui und – und«, bei diesen Worten öffnete er die Lade, warf den Leichnam des Affen und einige Kleidungsstücke auf den Boden und holte dann eine Alabasterschüssel hervor, die er dem Dichter hinhielt, »und die Muskeln da in der Salzlache, das Zeug hier, hat einst in der Brust des Propheten Rui geschlagen. Mein Hammelherz werden sie morgen in der Prozession umhertragen! Ich würde es Dir gleich erzählt haben, wenn ich mir nicht wegen des alten Mannes Schweigen auferlegt hätte, und dann . . . aber Mann, Mann, was ist Dir?«

Pentaur hatte sich von dem Freunde abgewandt, schlug beide Hände vor sein Angesicht und stöhnte, als habe ihn ein heftiger Körperschmerz ergriffen.

Nebsecht ahnte, was in dem Dichter vorgehe. Wie ein Kind, das seiner Mutter ein Unrecht abbitten möchte, näherte er sich ihm, blieb zaghaft hinter ihm stehen und wagte es nicht, ihn anzureden.

So vergingen mehrere Minuten. Plötzlich richtet Pentaur sich in seiner ganzen Größe auf, erhob die Hände gen Himmel und rief: »Du Einer, wenn Du auch Sterne vom Himmel fallen läßt in Sommernächten, so lenkt doch Dein ewiges, unwandelbares Gesetz in schönen Harmonieen die Bahnen der Nimmerruhenden. Du die Welt durchdringender lauterer Geist, der Du Dich in mir kund thust durch den Abscheu vor der Lüge, wirke fort in mir, wenn ich denke als Licht, wenn ich handle als Güte, wenn ich rede als Wahrheit! immer als Wahrheit!«

Mit tiefer Inbrunst rief der Dichter diese Worte und Nebsecht lauschte ihnen, als wären es Töne aus einer fernen schönen Welt. Liebreich näherte er sich dem Freunde und reichte ihm die Hand. Pentaur erfaßte sie, drückte sie heftig und sagte: »Das war eine schwere Stunde! Du weißt nicht, was mir Ameni gewesen, und nun, nun?«

Er hatte nicht ausgesprochen, als sich Schritte dem Zimmer des Arztes näherten und ein junger Priester die Freunde aufforderte, sogleich im Versammlungssaal der Eingeweihten zu erscheinen.

Wenige Augenblicke später betraten Beide die mit Lampen hellerleuchtete Sitzungshalle.

Keiner von den Leitern des Setihauses fehlte.

Ameni saß an einem länglichen Tisch auf einem hohen Thronsessel, zu seiner Rechten der alte Gagabu, der zweite, und zu seiner Linken der dritte Prophet des Tempels. Auch die Vorsteher der einzelnen Priesterklassen und unter ihnen der Erste der Horoskopen hatten an dem Tische Platz gefunden, während die übrigen Priester, alle in schneeweißen Leinengewändern, in weitem, doppelten Halbkreis, in dessen Mitte sich eine Bildsäule der Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit erhob, würdevoll saßen.

Hinter Ameni's Thron stand die buntbemalte Figur des ibisköpfigen Toth, des Gottes, der das Maß und die Ordnung der Dinge bewahrte, der mit weiser Rede die Götter berieth wie die Menschen, und den Wissenschaften und Künsten vorstand.

In einer Nische am äußersten Ende der Halle war die Dreiheit der Götter von Theben zu schauen, der Ramses I. und sein Sohn Seti, die Gründer der Anstalt, mit Opfern nahten. Die Priester waren streng nach ihrer Würde und der Zeit ihrer Einführung in das Mysterium geordnet. Pentaur nahm den untersten Platz ein von allen.

Bis jetzt war nicht eigentlich Rath gehalten worden in dieser Versammlung, denn Ameni fragte, erhielt Antworten und ertheilte Befehle in Bezug auf das am folgenden Tage zu feiernde Fest.

Alles schien, wohl vorbereitet und geordnet, einen stattlichen Verlauf der Feier zu verheißen, obgleich die heiligen Schreiber über den spärlichen Eingang des Opferviehs von Seiten der von harten Kriegssteuern bedrückten Bauern klagten, und diejenigen Personen in der Prozession fehlen sollten, welche ihr sonst den größten Glanz verliehen; der König und seine Familie.

Dieser Umstand erweckte die Mißbilligung einiger Priester, welche meinten, daß es bedenklich sei, die beiden in Theben weilenden Kinder des Ramses von der Theilnahme an der Feier des Festes auszuschließen.

Da erhob sich Ameni.

»Den Knaben Rameri,« sagte er, »haben wir aus diesem Hause verwiesen, Bent-Anat der Reinheit entkleiden müssen, und wenn sie der weiche Leiter des Amonstempels zu Theben auch freispricht, so mag sie für rein gehalten werden da drüben, wo man dem Leben lebt, nicht aber hier, wo es uns obliegt, die Seelen für den Tod zu bereiten. Der Statthalter, ein Enkel der großen vom Throne gestürzten Könige, wird in der Prozession mit allem Glanze der Hoheit erscheinen. Ich sehe euch staunen, ihr Freunde! Jetzt nur das Eine. Es vollzieht sich Großes und es kann geschehen, daß bald eine neue mild glänzende Sonne des Friedens aufgehen wird über unserem vom Kriege gelichteten Volke.

»Es geschehen Wunder und im Traum erkannt' ich einen lenksamen Frommen auf dem Throne der Stellvertreter des Ra auf Erden. Er hörte auf unsere Stimme, er gab uns, was uns gebührt, er führte unsere in den Krieg gesandten Hörigen auf unsere Aecker zurück, er stürzte die Altäre der Götter des Auslandes und verjagte die unreinen Fremden von diesem heiligen Boden.«

»Du meinst den Statthalter Ani!« rief der Erste der Horoskopen.

Eine lebhafte Bewegung bemächtigte sich der Versammlung, Ameni aber fuhr fort:

»Vielleicht war er ihm nicht ungleich; gewiß aber ist das Eine. Er trug die Züge der echten und rechten Nachkommen des Ra, denen Rui anhing, in dessen Brust das heilige Widderherz eine Zuflucht suchte. Morgen wird dieß Pfand der göttlichen Gnade dem Volke gezeigt und ein Anderes wird ihm verkündet. Höret und lobet die Fügungen des Höchsten! Vor einer Stunde erhielt ich die Nachricht, daß unter den Heerden des Ani zu Hermonthis ein neuer Apis mit allen heiligen Zeichen entdeckt worden sei.«

Wiederum erfaßte Unruhe die lauschende Schaar.

Ameni ließ den Aeußerungen der Ueberraschung unter den Priestern freie Bahn, endlich aber rief er:

»Und nun zur Erledigung der letzten Frage! Dem hier anwesenden Priester Pentaur war das Amt des Festredners übertragen worden. Er hat sich schwer vergangen, doch denke ich, daß wir ihn erst nach der Feier verhören und, seines reinen Strebens gedenkend, ihm die ehrende Pflicht nicht entziehen. Ihr theilt meinen Wunsch? Es erhebt sich kein Einspruch? So tritt denn vor, Du Jüngster von Allen, dem diese heilige Gemeinschaft so Großes vertraut!«

Pentaur erhob sich und stellte sich ernst Ameni gegenüber, um, dazu aufgefordert, ein Bild dessen, was er vor dem Volk und den Großen zu reden gedenke, in klaren und kräftigen Zügen zu entwerfen.

Die Versammlung und selbst seine Gegner hörten ihm beifällig zu. Auch Ameni schenkte ihm lobende Worte und sagte sodann; »Ich vermisse nur Eines, wobei Du länger verweilen und das Du mit besonderer Wärme hervorheben wirst; das Wunder, meine ich, welches uns heute die Seele erregte. Es kommt darauf an, zu zeigen, daß die Götter das heilige Herz –«

»Gestatte mir,« unterbrach Pentaur den Oberpriester und schaute ihm ernst in die mächtigen, vor Kurzem noch von ihm selbst besungenen Augen. »Gestatte mir, Dich zu bitten, mich nicht zum Verkünder des neuen Wunders zu erwählen.«

Erstaunen malte sich in den Zügen der versammelten Eingeweihten. Mancher blickte seinen Nachbarn, den Dichter und endlich auch Ameni fragend an. Der Letztere kannte Pentaur und wußte, daß keine launenhafte Regung, sondern ernste Beweggründe seine Weigerung bewirkt haben mußten. Zaudernd, fast widerwillig hatte seine helle Stimme geklungen, als er die Worte »das neue Wunder« aussprach.

Er zweifelte an der Echtheit des göttlichen Zeichens!

Langsam und prüfend maß der Prophet Pentaur mit den Augen und sagte sodann: »Du hast Recht, mein Freund. Ehe Dir das Urtheil gesprochen ist, ehe Du wieder in der alten Lauterkeit dastehst, die wir an Dir schätzen, ist Dein Mund nicht würdig, das göttliche Wunder dem Volke zu künden. Greife tief in die eigene Seele und zeige den Frommen die Schrecken der Sünde und die von Dir anjetzt zu betretenden Pfade der Läuterung des Herzens. Ich selber werde das Wunder verkünden!«

Die Weißgekleideten begrüßten freudig diesen Entschluß ihres Meisters; Ameni schärfte noch dem Einen Dieß, dem Andern Jenes, Allen aber unverbrüchliches Stillschweigen selbst über den Traum ein, welchen er ihnen mitgetheilt hatte, und löste die Versammlung auf. Nur den alten Gagabu und Pentaur bat er zu bleiben.

Sobald sie allein waren, fragte Ameni den Dichter:

»Warum weigertest Du Dich, dem Volke das seltene Wunder zu künden, das alle Priester der Nekropole mit Freuden erfüllt?«

»Weil Du mich gelehrt hast,« antwortete der Dichter, »die Wahrheit sei die höchste Stufe und eine höhere gäbe es nicht.«

»Das lehre ich Dich zum andern Male in dieser Stunde,« sagte Ameni. »Und weil Du Dich zu dieser Lehre bekennst, so frag' ich Dich im Namen der lichten Tochter des Ra: zweifelst Du an der Echtheit des Wunders, das greifbar deutlich vor unseren Augen geschah?«

»Ich zweifle,« erwiederte Pentaur.

»Verharre auf der hohen Stufe der Wahrheit,« fuhr Ameni fort, »und sage uns weiter, damit wir's erfahren, welche Bedenken Dir den Glauben trüben.«

»Ich weiß,« gab der Dichter finster blickend zurück, »daß das Herz, dem die Menge mit göttlicher Verehrung nahen soll und vor dem selbst die Geweihten sich neigen, als wäre es das Gefäß der Seele des Ra, der blutenden Brust eines gemeinen Heerdenthieres geraubt und eingeschwärzt worden ist in die Kanopen, welche die Eingeweide des Rui enthielten.«

Ameni trat einen Schritt zurück und Gagabu rief: »Wer hat das gesagt? Wer kann das beweisen? Alt wird man, um immer Ungeheuerlicheres mit den Ohren zu hören!«

»Ich weiß es,« sagte Pentaur entschieden, »doch muß ich den Namen Dessen verschweigen, von dem ich es erfuhr.«

»So glauben wir, daß Du irrst, und daß ein Betrüger Dich narrte,« rief Ameni. »Wir werden ergründen, wer Solches erfand, und werden ihn strafen! Die Stimme der Gottheit zu höhnen ist Sünde, und fern von der Wahrheit ist Jeder, der willig den Lügen sein Ohr leiht. Heilig und dreimal heilig, verblendeter Thor, ist das Herz, das ich morgen mit diesen Händen dem Volke zu zeigen gedenke, und vor dem Du selber, wenn nicht mit Güte, so doch mit Zwang Dich niederwerfen sollst, anbetend im Staube! Geh' jetzt und denke der Worte, mit denen Du am morgenden Tage die Seelen des Volkes erheben sollst, und wisse noch Eines: Verschiedene Stufen hat auch die Wahrheit und mannigfaltig ist ihre Gestalt, wie die Formen der Gottheit. Wie die Sonne nicht fortläuft auf ebener Bahn und auf geraden Wegen, wie die Sterne gebogene Pfade wandeln, die wir mit den Windungen der Schlange MehenDie in den Texten »Von dem was sich in der Tiefe (Unterwelt) befindet« häufig vorkommende wellenförmig gekrümmte Schlange Mehen stellt die Windungen symbolisch dar, denen die Sonne auf ihrer Fahrt durch die Nacht und Unterwelt zu folgen hatte. Die schlangenförmigen mythologischen Figuren haben eben so oft freundliche als feindliche Bedeutung. In jedem Tempel wurden heilige Schlangen gehalten, Schlangenmumien (und zwar von vipera cerastes) fanden sich in Theben. Plutarch (Isis und Osiris c. 74) sagt, die Schlange sei heilig gehalten worden, weil sie nicht altere und sich ohne Glieder leicht hingleitend bewege, dem Gestirne vergleichbar. vergleichen, so ist es den Auserwählten, die Raum und Zeit überschauen, und denen es anheimfiel, das Schicksal der Menschen zu lenken, gestattet nicht nur, nein geboten, um höheren Zwecken den Sieg zu erringen, auf verschlungenen Wegen zu wandeln, die ihr nicht versteht und von denen ihr wähnt, sie wichen weit ab von den Pfaden der Wahrheit. Ihr seht nur das Heute, wir sehen das Morgen und was wir als Wahrheit euch bieten, das habt ihr zu glauben! Und merke auch das noch: Die Lüge befleckt, doch der Zweifel mordet die Seele!«

In großer Erregung hatte Ameni gesprochen. Als Pentaur sich entfernt hatte und er mit Gagabu allein war, rief er aus:

»Was sind das für Dinge? Wer verdirbt uns den reinen, kindlichen Sinn dieses hochbegnadigten Jünglings?«

»Er verdirbt sich wohl selber,« sagte Gagabu. »Er schiebt das alte Gesetz zur Seite, weil er fühlt, daß ein neues in seinem schöpferischen Geist erwächst.«

»Aber die Gesetze,« rief Ameni, »werden und wachsen wie schattende Wälder; nie macht sie Einer! Ich liebte den Dichter, doch muß ich ihn binden, sonst wächst er heran wie der zu hoch geschwollene Nil, der die Dämme zerreißt. Und was er da sagt von dem Wunder . . .«

»Hast Du es veranlaßt?« fragte Gagabu.

»Bei dem Einen, nein!« rief Ameni.

»Doch Pentaur ist wahr und zu glauben geneigt,« entgegnete der Alte bedenklich.

»Ich weiß es,« gab Ameni zurück. »Geschehen ist, was er sagte. Doch wer that es und wer weihte ihn ein in die Schandthat?«

Beide Priester blickten sinnend zu Boden.

Ameni unterbrach zuerst das Schweigen und rief: »Mit Nebsecht trat Pentaur hier ein und Beide sind innig befreundet. Wo war der Arzt, während ich in Theben verweilte?«

»Er pflegte das von Bent-Anat verwundete Kind des Parasiten Pinem und blieb drei Tage lang bei ihm,« entgegnete Gagabu.

»Und Pinem war es,« rief der Oberpriester, »der die Brust des Rui geöffnet. Nun weiß ich, wer Pentaur den Glauben getrübt hat! Der stammelnde Grübler war es und soll es mir büßen. Gedenken wir jetzt des morgenden Festes, doch übermorgen verhör' ich den saubern Gesellen und eiserne Strenge soll walten!«

»Erst laß uns den Forscher in Ruhe verhören,« sagte Gagabu. »Er ist eine Zierde des Tempels, denn er hat Vieles ergründet und groß ist seine Geschicklichkeit.«

»Das Alles mag nach dem Feste erwogen werden,« unterbrach Ameni den Alten. »Es bleibt uns noch viel zu besorgen.«

»Und später noch mehr zu bedenken,« gab Gagabu zurück. »Wir haben einen gefährlichen Weg beschritten. Du weißt ja, ich bleibe ein Stürmer, obgleich ich an Jahren ein Greis bin; und, ach und weh, die Zagheit war nie meine Sache! Aber Ramses ist ein gewaltiger Mann und mir gebietet die Pflicht, Dich zu fragen: Verleitet Dich nicht der Haß zu allzu schnellem und unvorsichtigem Handeln gegen den König?«

»Ich fühle keinen Haß gegen Ramses,« antwortete Ameni ernst. »Trüge er nicht die Krone, so könnt' ich ihn lieben. Ich kenn' ihn ja auch, als wär' ich sein Bruder, und schätze an ihm Alles was groß ist, ja ich gesteh' es gern, ihn verunziert nichts Kleines. Wenn ich nicht wüßte, wie gewaltig der Feind ist, wir stürzten ihn wohl mit geringeren Mitteln! Wie mir, so ist es auch Dir bewußt: Er ist unser Feind! Nicht Deiner, nicht meiner, auch nicht unserer Götter, wohl aber der altehrwürdigen Satzungen, nach denen dieß Volk und dieß Land gelenkt werden soll, und darum vor Allem auch Derer, denen es obliegt, die heiligen Lehren der Vorzeit zu hüten und dem Herrscher die Wege zu weisen, der Priesterschaft, mein' ich, die zu lenken mir obliegt und für deren Rechte ich kämpfe mit allen Mitteln des Geistes. In diesem Ringen bekleiden, Du weißt es, nach unserem geheimen Gesetz die Götter selbst Alles, was sonst als Lüge, Verrath und Arglist verdammenswerth scheint, mit dem Glanze des reinen Lichtes der Wahrheit. Wie der Arzt das Messer gebraucht und das Feuer, um Kranke zu heilen, so dürfen wir Furchtbares thun, um das Ganze zu retten, sobald es gefährdet. Jetzt siehst Du mich kämpfen mit jeglichem Mittel, denn bleiben wir müßig, so werden wir bald aus den Leitern des Staats zu Sklaven des Königs.«

Gagabu nickte zustimmend, Ameni aber fuhr in steigender Wärme und in jener rhythmischen Sprechweise, mit der er, wenn er aus dem Allerheiligsten kam, die Befehle der Gottheit wiederzugeben pflegte, zu reden fort. »Du warst mein Lehrer und ich schätze Dich hoch, darum sollst Du nun Alles vernehmen, was mich bewegt und was mich bestimmt hat, den furchtbaren Kampf zu beginnen. Ich ward, wie Du weißt, in diesem Hause mit Ramses erzogen, und es war weise von Seti, daß er allhier seinen Sohn mit andern Knaben belehren ließ. Nur der Thronfolger und ich gewannen die Preise im Ernst und im Spiele. Wohl war er mein Meister im schnellen Erfassen – in kühnen Gedanken, mir aber eignete größere Sorgfalt und tieferes Sinnen. Oft lachte er meines mühseligen Strebens, mir aber erschien sein glänzendes Können wie eitles Blendwerk. Ich ward ein Geweihter, er aber lenkte den Staat mit dem Vater und endlich allein, als Seti gestorben. Wir wurden älter und doch blieb unverändert der innerste Grund unseres Wesens. Er stürmte hinaus zu herrlichen Thaten, die Völker warf er zu Boden und durch Ströme des Blutes seiner Bürger erhob er den Glanz des ägyptischen Namens zu schwindelnder Höhe.

»In emsiger Arbeit verbracht' ich mein Leben und lehrte die Jugend und wachte über die Satzung, die das Beisammenwohnen der Menschen ordnet und das Volk mit der Gottheit verbindet. Mit Eifer hab' ich geforscht in den alten Schriften und manch' lehrreiches Wort von den Greisen vernommen. Dann hielt ich das Jetzt mit dem Früher zusammen. Was waren die Priester? Wie sind sie geworden zu dem was sie sind? Was wäre Aegypten, wenn wir nicht gewesen? Da blüht keine Kunst, kein Wissen, kein Können, das wir nicht ersonnen, gebildet, geübt. Wir krönten die Fürsten, wir nannten sie Götter und lehrten das Volk, sie als solche zu ehren, denn die Menge bedarf einer Hand, die sie leitet und vor der sie erzittert wie vor der Faust des übermächtigen Schicksals. Wir dienten gern dem Gott auf dem Throne, der, wie der Eine nach ewigen Gesetzen, nach unserer Satzung gebot und herrschte. Aus unserer Mitte erwählt' er die Rather, wir thaten ihm kund, was dem Lande fromme, er hörte uns willig und führte es aus. Die alten Könige waren die Hände, wir aber, die Priester, waren das Haupt. Und nun, mein Vater? Was sind wir geworden? Wir werden gebraucht, um das Volk im Glauben zu erhalten, denn wenn es aufhörte, die Götter zu ehren, wie sollt' es sich vor den Königen neigen? Viel wagte Seti und mehr noch sein Sohn, drum begehrten sie Beide der himmlischen Hülfe. Ein Frommer ist Ramses, er opfert fleißig und liebt das Gebet. Wir sind ihm notwendige Rauchfaßschwenker, Hekatombenschlächter, Gebetesprecher und Träumedeuter, jedoch seine Rather sind wir nicht mehr. Mein osirischer Vater, ein würdigerer Oberpriester als ich, bat den seinen im Auftrag des großen Raths der Propheten, er solle den frevlen Plan aufgeben, das Nordmeer durch einen schiffbaren Graben mit der unreinen Flut des Schilfmeers zu verbinden. Nur den Asiaten kommt ja solch' Werk zu Gute.Die Häfen am Schilfmeere, d. i. dem rothen Meere, waren in den Händen der Phönizier, die von hier aus gen Süden segelten, um sich mit den Gewürzen Arabiens und den Schätzen von Ophir zu bereichern. Doch Seti hörte nicht unsern Rath.König Necho begann gleichfalls die Anlage eines Suezkanals, aber er soll ihn nicht vollendet haben, weil (nach Herodot II. 58) das Orakel ihm vorstellte, daß der Nutzen des Unternehmens den Fremden zufallen werde. Des Landes alte Theilung wollten wir wahren, doch Ramses führte die neue ein, zum Schaden der Priester. Wir warnten vor neuen blutigen Kriegen und der König zog wieder und wieder in's Feld. Wir besitzen die alten geheiligten Briefe, die unsere Bauern von der Heerfolge befreien, und Du weißt ja, daß er sie frevelnd zerriß. Seit alten Zeiten soll Niemand in diesem Lande den fremden Göttern Tempel erbauen und Ramses begünstigt die Söhne des Auslandes und baut im Nordlande nicht allein, nein auch in dem altehrwürdigen Memphis und hier in Theben im Fremdenviertel den blutigenSchon früh wurden von den Aegyptern die Menschenopfer, welche noch in später Zeit dem Moloch der Phönizier dargebracht wurden, abgeschafft. Lügengöttern des Ostens Altäre und stattliche Heiligthümer.«

»Du sprichst wie ein Seher,« rief der alte Gagabu. »Und was Du sagst, ist völlig wahr! Wir heißen noch Priester, doch, ach und weh, nach unserem Rathe wird wenig gefragt. ›Ihr habt den Menschen in jener Welt ein schönes Loos zu bereiten,‹ hat Ramses gesagt; ›ihre Geschicke auf Erden lenk' ich allein!‹«

»So sprach er,« rief Ameni. »Und hätte er nichts gesagt als Das, so wär' er gerichtet! Er und sein Haus sind unserer Rechte und unseres edlen Landes Feinde. Brauche ich Dir zu sagen, woher die Sippe des Pharao stammt? Einst nannten wir die von Osten kommenden Schaaren, die unser Vaterland wie Heuschreckenschwärme überfallen, es ausgeraubt und geknebelt hatten, ›Pestplage‹ und ›Räuber‹. Zu ihnen gehörten des Ramses Väter. Als Ani's Ahnen die Hyksos vertrieben, verlangte die muthige Häuptlingssippe, die jetzt Aegypten regiert, die Gnade, am Nil zu verbleiben. Sie diente im Heere, sie that sich hervor und endlich gelang es dem ersten Ramses, die Truppen für sich zu gewinnen und das alte, in Ketzereien verstrickte Geschlecht der echten Söhne des Ra vom Throne zu stoßen. Nur ungern gesteh' ich's, die rechtgläubigen Priester – Dein Großvater war unter ihnen und meiner – unterstützten den kühnen Kronenräuber, der den alten Lehren in Treue anhing. Nicht weniger als hundert Ahnen von meinem und ebenso viele von Deinem Hause und vielen anderen Priestergeschlechtern sind hier am heiligen Nil gestorben, von Ramses' Ahnen kennen wir zehn und wissen, daß sie der Fremde entstammten, dem Amugelichter! Wie all' die Semiten, so ist auch er. Sie lieben das Wandern und nennen uns ›Pflüger‹Die Beduinen nennen heute noch die Ackerbau treibende Bevölkerung Aegyptens verächtlich Fellah (Pluralis Fellahin) oder Pflüger. und spotten der weisen gemessenen Ordnung, in der wir, den schwarzen Boden bestellend, in redlicher Arbeit des Geistes und Leibes dem langen Tode entgegenleben. Sie schweifen umher auf Beutezügen und stellen das Meerschiff auf salzige Fluten und kennen kein liebes gefestigtes Heim. Sie lassen sich nieder, wo Gewinn ihnen blüht, und gibt es nichts mehr zu erraffen, so bauen sie an anderen Stätten ihr Haus. Und so war Seti und so ist Ramses! Ein Jahr verbleiben sie wohl in Theben, doch dann ziehen sie fort in den Krieg und die Fremde. Sich fromm zu bescheiden, den Rath zu vernehmen der weiseren Mahner, verstehen sie mit nichten und werden's nicht lernen. Und wie der Vater, so sind die Kinder! Gedenke des frevlen Thuns der Bent-Anat. Ich sagte, der König schätze die Fremden. Hast Du denn erwogen, was das uns bedeutet? Wir streben nach hohen, nach edlen Zielen und haben uns aus den Fesseln der Sinne heraufgerungen zu Pflegern der Seele. Der Aermste lebt sicher im Schutz der Gesetze und nimmt durch uns Theil an den Gaben des Geistes, dem Reichen bieten sich herrliche Schätze der Kunst und des Wissens. Nun schau in die Fremde! Im Osten und Westen durchstreifen die Wüste in elenden Zelten Nomadenzüge, im Süden betet verthiertes Gesindel zu Federposen und niedrigen Götzen, die Schläge bekommen, wenn es dem Beter am Glück gebricht. Im Norden gibt es geordnete Staaten; doch was sie an Kunst und an Wissen besitzen, zum bessern Theile danken sie es uns; und immer noch bluten auf ihren Altären als ekle Opfer die Leiber der Menschen. Nur Rückgang im Guten gewährt uns die Fremde, drum ist es verständig, sich ihr zu verschließen, drum ist sie auch unseren Göttern verhaßt. Und Ramses, der König, gehört in die Fremde durch sein Blut, seinen Sinn, sein Herz und sein Antlitz. Stets denkt er in's Weite; dieß Land ist ihm zu eng, und sein wahres Bestes wird er niemals begreifen, so schnell auch sein Geist ist. Er hört keine Lehre, er schädigt Aegypten, drum sag' ich: herunter mit ihm von dem Thron!«

»Herunter mit ihm!« wiederholte Gagabu lebhaft.

Ameni reichte dem Alten seine vor Erregung bebende Hand und fuhr ruhiger fort:

»Der Statthalter Ani ist von Seiten des Vaters und der Mutter ein echtes Kind dieses Landes. Ich kenne ihn genau und weiß, daß er zwar klug, aber ängstlich rücksichtsvoll ist und uns in unser altes, uns rechtmäßig zugehörendes Erbtheil wieder einsetzen wird. Hier fällt die Wahl nicht schwer. Ich habe gewählt und pflege durchzuführen, was ich einmal begonnen! Nun weißt Du Alles und wirst mir helfen!«

»Mit Leib und Leben!« rief Gagabu.

»Kräftige auch die Herzen der Genossen,« sagte Ameni, Abschied nehmend. »Jeder Geweihte mag ahnen, was vorgeht, aber niemals soll es ausgesprochen werden.«

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