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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zehntes Kapitel.

Während Nefert, von Entsetzen gefesselt, kein Wort fand, ihre fürstliche Freundin zu begrüßen, eröffnete Bent-Anat mit königlicher Würde der Wittwe ihren Entschluß, ihrer Tochter die Ehrenstelle ihrer vornehmsten Gefährtin zu übertragen. Heute noch, so befahl sie, sollte die Gattin des Mena zu ihr in den Palast ziehen.

So hatte sie niemals mit Katuti geredet, und dieser konnte es nicht entgehen, daß Bent-Anat geflissentlich den alten vertraulichen Ton umgestimmt habe.

»Nefert hat mich bei ihr angeklagt,« sagte sie sich, »und sie hält mich nicht mehr für würdig der früheren freundschaftlichen Güte.«

Sie fühlte sich verletzt und geängstigt, und wenn sie auch empfand, mit welchen Gefahren sie die geöffneten Augen ihrer Tochter bedrohten, so schlug doch der Gedanke, ihr Kind zu verlieren, ihrem Herzen schmerzliche Wunden. Darum waren die Thränen, welche ihre Augen erfüllten, und das ihre Stimme durchzitternde Weh aufrichtig, als sie der Prinzessin erwiederte:

»Du forderst die bessere Hälfte meines Lebens, aber Du hast zu befehlen und ich gehorche.«

Bent-Anat winkte stolz mit der Rechten, als wollte sie der Wittwe Ausspruch bestätigen; Nefert aber eilte auf ihre Mutter zu, schlang ihre Arme um ihren Hals und weinte lang an ihrem Busen.

Auch in der Prinzessin Augen schimmerten Thränen, als Katuti ihr endlich ihre Tochter zuführte und noch einmal einen Kuß auf ihre schöne Stirn drückte.

Bent-Anat faßte Nefert's Hand und ließ sie nicht los, während sie die Wittwe ersuchte, den Dienerinnen und Haussklaven, welche sie senden werde, die Kleider und den Schmuck ihres Kindes zu übergeben.

»Und vergiß nicht die Schachtel mit den trockenen Blumen und meine Götterbilder und Amulete,« bat Nefert. »Auch den Nehabaum, den der Oheim mir schenkte, möcht' ich haben.«

Ihr weißes Kätzchen spielte zu ihren Füßen mit dem zu Boden gefallenen Strauße Paaker's, und als sie es bemerkte, hob sie es auf und küßte es.

»Nimm das Thierchen mit,« sagte die Prinzessin. »Es war Dein Lieblingsspielzeug.«

»Nein,« entgegnete Nefert und erröthete.

Die Prinzessin verstand sie, drückte ihre Hand und fragte, indem sie auf Nemu zeigte: »Der Zwerg ist ja auch Dein Eigenthum. Soll er Dir folgen?«

»Ich schenke ihn der Mutter,« gab Nefert zurück, ließ sich von dem Kleinen das Gewand und die Füße küssen, umarmte Katuti noch einmal und verließ mit ihrer fürstlichen Freundin den Garten.

Sobald Katuti allein war, eilte sie in das Kapellchen, in welchem, abgesondert von denen des Mena, ihre Ahnenbilder standen. Vor der Statue ihres verstorbenen Gatten warf sie sich nieder, bald klagend, bald dankend.

Wohl war diese Trennung ihrem Herzen sauer gefallen, aber sie erlöste sie zugleich von einem schweren, ihre Brust bedrückenden Alp. Seit gestern war ihr zu Sinne gewesen, wie einem am Rande eines Abhangs dahinschreitenden Wanderer, dem sein Feind auf den Fersen folgt. Bald gewann das Gefühl der Bedrohten, erlöst zu sein, die Oberhand über den Schmerz der Mutter. Die Abgründe vor ihr hatten sich ausgefüllt, eben und zu rüstiger Wanderung ladend lag vor ihr die Bahn zum letzten Ziel ihres Strebens.

Schnell und heftig durchmaß die sonst so würdevoll schreitende Wittwe die Gänge des Gartens und zum ersten Male seit der Unglückspost aus dem Feldlager gelang es ihr, unbeirrt und klar den Stand der Dinge zu überblicken und die Maßregeln durchzudenken, welche Ani in der nächsten Zukunft zu ergreifen habe.

Sie sagte sich, daß Alles gut stehe und daß die Zeit zu schnellen und kühnen Thaten gekommen sei.

Als die Boten der Prinzessin erschienen, leitete sie mit ruhiger Ueberlegung die Verpackung der Gegenstände, welche Nefert mit sich zu nehmen gewünscht hatte, und sandte sodann ihren Zwerg zu Ani, um ihn zu bitten, daß er sie besuchen möge. Aber ehe Nemu das Erbe des Mena verlassen, zeigten sich ihm die Vorläufer des Statthalters, sein Wagen und die Schaar seiner ihm folgenden Trabanten.

Bald darauf ging Katuti mit ihrem fürstlichen Freunde in ihrem Garten auf und nieder, erzählte ihm, daß Bent-Anat ihr Nefert genommen, und wiederholte ihm Alles, was sie in den letzten Stunden erwogen und geplant hatte.

»Dir ward der Geist eines Mannes,« sagte Ani, »und dießmal drängst Du mich nicht vergeblich. Ameni ist zu handeln bereit und Paaker sammelt heute schon seine Schaar; morgen will er noch dem Feste des Thales beiwohnen und übermorgen zieht er nach Syrien.«

»Er war bei Dir?« fragte Katuti.

»Aus Deinem Hause kam er in den Palast,« gab Ani zurück. »Mit glühenden Wangen und entschlossen zum Aeußersten, obgleich er noch nicht ahnt, daß ich ihn in meiner Hand halte.«

Also redend betraten sie die Veranda, in der sich Nemu aufgehalten und sich nun, um sie zu belauschen, hinter die Blattpflanzen versteckt hatte. Sie setzten sich nebeneinander an Nefert's Frühstückstisch nieder und Ani fragte seine Freundin, ob Nemu ihr das Geheimniß seiner Mutter anvertraut habe. Katuti stellte sich unwissend, ließ sich die Geschichte von dem Liebestrank erzählen und spielte die entsetzte Mutter mit großem Geschick. Der Statthalter behauptete, indem er sie beruhigte, daß es keine wirksamen Liebestränke gäbe; die Wittwe aber rief:

»Nun versteh' ich, nun begreif' ich erst meine Tochter. Paaker hat ihr den Trank in den Wein gegossen, denn sobald Nefert heute Morgen ihren Becher geleert hatte, war sie wie verwandelt. Zärtlich klangen die Worte, die sie an Paaker richtete, und wenn er sich Dir vorhin so freudig zur Verfügung stellte, so that er's, weil er der Liebe meiner Tochter gewiß zu sein glaubt. Die Arznei der Alten war wirksam!«

»Es gibt also doch solche Tränke,« sagte Ani nachdenklich. »Sie werden wohl aber nur den jungen Männern die Herzen gewinnen. Ist das der Fall, so macht die Alte ein schlechtes Geschäft, denn die Jugend an sich ist ein Liebe weckender Zauber. Ja, wär' ich so jung wie Paaker! Du lächelst über den seufzenden Mann, sprech' ich's nur aus, den seufzenden Alten! Freilich, den Alten, denn die Mitte des Lebens liegt hinter mir. Und doch, Katuti, Freundin, klügste der Frauen, erkläre mir Eines! Da ich jung war, bin ich viel geliebt worden und habe mich an vielen Weibern gefreut, aber keine war mir mehr als ein Spielzeug, selbst nicht meine früh verstorbene Gattin; und nun streck' ich die Hand aus nach einer Jungfrau, deren Vater ich sein könnte, nicht um mich ihrer zu freuen, sondern um sie meinen Zwecken dienstbar zu machen, und da sie mich verschmäht, fühle ich mich so beunruhigt und närrisch wie . . . es fehlte nicht viel und ich gliche dem Liebestrankkäufer Paaker!«

»Du hast mit Bent-Anat gesprochen?« fragte die Wittwe.

»Und war so klug,« gab Ani zurück, »mir die Abweisung, die mir die Prinzessin durch Dich übersandt hatte, von ihrem eigenen Munde wiederholen zu lassen. Du siehst, mein Geist hat gelitten!«

»Und mit welchen Vorwänden wies sie Deine Werbung zurück?« fragte die Wittwe.

»Vorwände?« rief Ani. »Bent-Anat und Vorwände! Das muß wahr sein, königlichen Stolz besitzt dieß Weib und die große Ma in eigener Person ist nicht wahrhaftiger als sie. Daß ich's nur gestehe! Ihr gegenüber erschien mir unser Treiben ungewöhnlich erbärmlich. Meine Adern enthalten nun einmal viele Tropfen von dem Blute des Thutmes, und wenn mich auch das Leben gelehrt hat, den Rücken zu krümmen, so thut mir das Bücken doch weh. Das Frohgefühl der Zufriedenheit mit meiner Lage und meinem Thun hab' ich niemals gekannt, denn ich war immer mehr als ich sein durfte, und that stets weniger als ich hätte thun sollen. Um nicht alle Zeit ingrimmig dreinzuschauen, lächle ich immer. Ich habe nichts auf dem Gesichte wie die Haut, mit der mich die Mutter gebar, und trage doch stets eine Maske, ich diene Dem, dessen geborner Herr ich zu sein glaube, ich hasse Ramses, der mich, aufrichtig oder nicht, seinen Bruder nennt, und während ich mich stelle, als festigte ich das Fundament seiner Herrschaft, unterwühl' ich es fleißig. Mein ganzes Dasein ist eine Lüge!«

»Aber es wird zur Wahrheit werden,« unterbrach ihn Katuti, »sobald die Götter Dich das sein lassen, was Du bist, den echten König dieses Landes.«

»Wunderbar,« lächelte der Statthalter. »Beinah der gleichen Worte bediente sich heute der Oberpriester Ameni. Die Klugheit der Priester und Frauen hat viel Verwandtes; ihr kämpft ja auch mit ähnlichen Waffen. Statt der Schwerter dienen euch Worte, statt der Lanzen Schlingen und ihr werft eure Fesseln nicht um den Leib, sondern um die Seelen.«

»Willst Du uns damit tadeln oder loben?« fragte die Wittwe. »Unmächtig sind wir jedenfalls nicht und darum, sollt' ich meinen, brauchbare Bundesgenossen.«

»Das seid ihr,« lächelte Ani, »fällt doch in diesem Lande keine Thräne, sei sie vor Schmerz geweint oder vor Freude, an der nicht am letzten Ende ein Priester Schuld wäre oder ein Weib. Im Ernste, Katuti! Unter zehn großen Ereignissen habt ihr Frauen bei neun die Hand im Spiele. Du gabst den Antrieb zu Allem, was sich hier vorbereitet, und ich will nur gestehen, daß ich vor wenigen Stunden, ungeachtet unserer jüngsten Erfolge, meinen Ansprüchen auf den Thron entsagt haben würde, hätte das Weib Bent-Anat statt eines ›Nein‹ ein ›Ja‹ gesagt.«

»Du machst mich glauben,« entgegnete Katuti, »das schwache Geschlecht sei mit kräftigerem Willen begabt, als das starke. Ihr nennt uns ja auch in der Ehe ›die Herrinnen des Hauses‹, und wenn die Eltern der Bürger schwach werden, so liegt es hier zu Lande nicht den Söhnen, sondern den Töchtern ob, sie zu erhalten. Aber wir Frauen haben auch unsere Schwächen und zu diesen gehört in erster Reihe die Neugier. Darf ich fragen, mit welchen Gründen Bent-Anat Dich abspeiste?«

»Du weißt so viel,« antwortete Ani, »daß Du Alles wissen magst. Sie gestattete mir, sie allein zu sprechen. Es war noch früh und eben kam sie aus dem Tempel, wo ihr der alte, schwache erste Prophet die Reinheit zurückgegeben hatte. Frisch, schön und stolz trat sie mir entgegen, stark und gesund wie eine Göttin und Fürstin. Mir schlug das Herz, als wär' ich ein Jüngling, und während sie mir ihre Blumen zeigte, sagt' ich mir: Du bist gekommen, um ein neues Anrecht auf den Thron durch sie zu gewinnen, aber willigt sie ein, die Deine zu werden, so will ich des Ramses treuer Bruder und Statthalter sein und Ruhe und Glück genießen an ihrer Seite und durch sie, eh' es zu spät ist. Weist sie mich ab, so mag sich das Geschick erfüllen und statt des Friedens und der Liebe wähl' ich den Kampf um die meinem Hause entrissene Krone. – Ich begann die Werbung; sie aber schnitt mir das Wort vom Munde, nannte mich einen edlen Mann und würdigen Freier . . .«

»Doch nun kam das ›Aber‹,« unterbrach ihn Katuti.

»Es kam,« gab Ani bestätigend zurück, »und zwar in Gestalt eines freimüthigen ›Nein‹. Ich fragte nach den Gründen. Sie bat mich, mich mit dem ›Nein‹ zu begnügen. Da ward ich dringender, bis sie mich unterbrach und mit stolzer Entschlossenheit bekannte, daß sie einen Andern mir vorziehe. Ich wünschte den Namen des Glücklichen zu erfahren. Sie wies mich zurück. Jetzt erst begann mein Blut zu sieden und mein Verlangen nach ihr groß zu werden, und doch mußte ich sie verlassen, abgewiesen, ohne Hoffnung und mit einem neuen brennenden Gift im Herzen.«

»Du bist eifersüchtig,« sagte Katuti. »Und weißt Du, auf wen?«

»Nein,« entgegnete Ani. »Aber ich hoffe es durch Dich zu erfahren. Was sich hier drinnen bewegt, weiß ich nicht bei Namen zu nennen. Eines aber weiß ich, und das ist: daß ich als ein schwankender Mann den Palast betrat und ihn mit fester Entschlossenheit verließ. Ich stürme jetzt vorwärts, um nicht mehr rückwärts zu können. Du wirst mich von nun an nicht mehr zu treiben, sondern aufzuhalten haben, und, als hätten die Götter mir zeigen wollen, daß sie mir beizustehen gewillt sind, fand ich den Oberpriester Ameni und den Wegeführer Paaker in meinem Hause auf mich wartend. Ameni wird für mich in Aegypten, Paaker in Syrien handeln. Meine aus Aethiopien siegreich heimkehrenden Truppen ziehen morgen in der Frühe triumphirend, als habe der König an ihrer Spitze gefochten, in Theben ein und nehmen dann Theil an dem Feste des Thales. Später senden wir sie in das Nordland und legen sie in die Festungen,Ueber die Aegypten vor den Einfällen der Asiaten schützende Festungslinie ist eingehend gehandelt worden in unserem Aegypten und die Bücher Mose Bd. II. S. 78 ff. welche Aegypten vor den von Osten her kommenden Feinden beschützen. nach Tanis, Pelusium, Daphne und Migdol. Ramses verlangt, wie Du weißt, die Hörigen der Priester sollten hier geübt und ihm als Hülfstruppen nachgesandt werden.. Ich schicke ihm die Hälfte der Leibeigenen, die andere Hälfte soll meinen Zwecken dienen. Die dem Ramses ergebene Besatzung von Memphis wird nach Nubien geschickt und von Truppen abgelöst, die mir treu sind. Das Volk von Theben läßt sich von den Priestern leiten und morgen wird Ameni ihm zeigen, wer sein echter König ist, wer den Krieg einstellen und sie von Steuern befreien wird. Sehen sollen sie, wer den Göttern genehmer ist, der letzte Sproß des alten Königshauses oder der Nachwuchs des neuen. Des Ramses Kinder werden ausgeschlossen sein von der Feier, denn Ameni erklärt trotz des ersten Propheten des Amon in Theben Bent-Anat für unrein. Der junge Rameri hat Uebles begangen, und Ameni, der noch anderes Großes im Sinn hat, wird ihn aus dem Setihause verweisen. Das wirkt auf die Menge! Wie die Sachen in Syrien stehen, weißt Du. Ramses hat viel zu leiden von den Cheta und ihren Verbündeten. Ganze Tausendschaften sind des ewigen im Felde Liegens müde und werden uns, wenn es zum Aeußersten kommen sollte, anhängen; vielleicht aber, und zwar wenn Paaker seine Schuldigkeit thut, werden wir auch siegen ohne zu kämpfen. Vor allen Dingen gilt es jetzt mit Schnelligkeit zu handeln!«

»Ich erkenne den viel erwägenden, behutsamen Zauderer nicht wieder,« sagte Katuti.

»Weil vorsichtiges Bedenken jetzt Unvorsichtigkeit sein würde,« erwiederte Ani.

»Und wenn nun der König vorzeitig Nachricht von Allem erhielte, was hier geschieht?« fragte Katuti.

»Ich sagt' es,« rief Ani. »Wir wechseln die Rollen!«

»Du irrst,« entgegnete Katuti. »Ich dränge auch jetzt vorwärts; möchte Dich aber an eine notwendige Vorsichtsmaßregel erinnern. Nur Deine Briefe und keine anderen dürfen in den nächsten Wochen in das Lager gelangen.«

»Wieder findest Du Dich mit dem Priester zusammen,« lachte der Statthalter, »denn Ameni rieth mir das Gleiche! Was auch von Briefen die Festungslinie zwischen Pelusium und dem Schilfmeere passiren will, wird aufgehalten. Nur meine Schreiben, in denen ich über die räuberischen Wüstensöhne klage, welche die Boten überfallen, gelangen zum Könige.«

»Das ist weise,« sagte die Wittwe. »Laß auch die Häfen am Schilfmeere überwachen und die Schreiber bewahren. Wenn Du König bist, so wirst Du aus ihnen erkennen, wer Dir wohl oder übel gesinnt war.«

Ani schüttelte verneinend den Kopf und gab zurück:

»Das würde mich in eine schwierige Lage bringen, denn wollt' ich Diejenigen, die jetzt an ihrem Könige hängen, bestrafen und die Anderen erheben, so würd' ich mit treulosen Dienern zu regieren und die treuen zu verstoßen haben. Du brauchst nicht zu erröthen, Freundin, denn wir sind eines Blutes und meine Sache ist Deine Sache.«

Katuti ergriff die ihr dargereichte Hand und sagte:

»Das ist sie. Auch verlang' ich keinen andern Lohn, als das Haus meiner Väter neu aufgerichtet zu sehen.«

»Vielleicht wird es gelingen,« erwiederte Ani, »aber auf wie kurze Zeit, wenn nicht, – wenn nicht . . . . Denke nach, Katuti, forsche, nimm die Hülfe Deiner Tochter in Anspruch. Wer ist es, den sie – Du weißt, wen ich meine, – wen liebt Bent-Anat?«

Die Wittwe erschrak, denn mit einer seiner höfischen Art fremden Heftigkeit hatte Ani die letzten Worte ausgerufen; bald aber lächelte sie wieder und zählte dem Statthalter die Namen der wenigen jungen Edlen vor, die dem Könige nicht in den Krieg gefolgt und in Theben verblieben waren. »Könnt' es ihr Bruder Chamus sein?« fragte sie endlich. »Der ist zwar im Lager, indessen . . .«

In diesem Augenblicke trat Nemu, dem kein Wort des mitgeteilten Gespräches entgangen war, als käm' er aus dem Garten, in die offene Halle und rief:

»Verzeiht mir, meine Gebieter; aber seltsame Dinge hab' ich vernommen.«

»Rede!« winkte Katuti.

»Die edle Prinzessin Bent-Anat, die göttliche Tochter des Ramses, soll in einem offenen Liebesverhältniß mit einem jungen Priester des Setihauses leben.«

»Unverschämter!« rief Ani und seine Augen funkelten zornig. »Erweise was Du sagst, oder es ist um Deine Zunge geschehen!«

»Als einem Verleumder und Staatsverräther laß sie mir ausschneiden nach dem Gesetze,« sagte der Kleine unterwürfig und doch schelmisch lächelnd; »aber dießmal darf ich sie wohl behalten, denn was ich sage, das kann ich verbürgen. Ihr wißt, daß Bent-Anat für unrein erklärt ward, weil sie im Hause eines Paraschiten eine Stunde und länger verweilte. Dort hatte sie ein Stelldichein mit dem Priester. Bei einem zweiten, im Hathor-Tempel der Hatasu, überraschte sie Septah, der erste Horoskop des Setihauses.«

»Wer ist der Priester?« fragte Ani mit scheinbarer Ruhe.

»Ein niedrig geborener Mann,« gab Nemu zurück, »dem sie Freischule im Setihause gegeben, und der nun als Deuter der Träume und Versemacher berühmt ist. Pentaur heißt er, und schön und stattlich darf man ihn nennen. Er gleicht Zug für Zug dem verstorbenen Vater des Wegeführers Paaker, – hast Du ihn gesehen, mein Fürst?«

Der Statthalter schaute düster zu Boden und machte eine bejahende Bewegung; Katuti aber rief:

»Ich Thörin! der Zwerg hat Recht! Ich sah, wie sie erglühte, als ihr Bruder erklärte, die Buben wollten um seinetwillen sich gegen Ameni empören. Sie denkt an Pentaur und keinen Andern!«

»Es ist gut,« sagte Ani, »wir werden sehen!« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Wittwe, die, als er im Garten verschwand, vor sich hin murmelte:

»Er war heute von seltener Entschiedenheit und Klarheit; aber die Eifersucht fängt schon an ihn zu blenden und wird ihn bald fühlen lassen, daß er meiner scharfen Augen nicht zu entbehren vermag.«

Nemu war dem Statthalter nachgeschlichen.

Hinter dem Feigengebüsch rief er ihn an und flüsterte schnell, indem er sich ehrerbietig verneigte:

»Meine Mutter weiß sehr Vieles, hoher Herr! Der heilige IbisIbis religiosa. Nunmehr aus Aegypten verschwunden. Es gab zwei Arten dieses dem Toth geheiligten Thieres, von dem sich an vielen Stellen Mumien gefunden haben. In Hermopolis, erzählt Aelian, sei ein unsterblicher Ibis gezeigt worden. »Der Ibis,« sagt Plutarch, »vertilgt die giftigen Kriechthiere und zeigte zuerst den Gebrauch einer ärztlichen Ausleerung, indem man sah, daß er so durch Einspritzungen (mit dem Schnabel) sich selbst reinigte. Die gewissenhaftesten Priester schöpfen ihr reinigendes Weihwasser da, wo der Ibis getrunken hat, denn er trinkt nie ein ungesundes oder vergiftetes Wasser, noch nähert er sich ihm &c.« Plutarch, Isis und Osiris c. 75. watet ja auch durch den Sumpf, wenn er auf Beute ausgeht, warum solltest Du nicht einmal Gold aus dem Staube auflesen? Ich wüßte, wie Du die Alte unbemerkt sprechen könntest.«

»Rede,« murmelte Ani.

»Wirf sie auf einen Tag in's Gefängniß, verhöre sie und laß sie dann laufen – beschenkt, wenn sie Dir diente; im andern Falle mit Schlägen. Aber etwas unsagbar Wichtiges wirst Du erfahren, das sie selbst mir hartnäckig verschweigt.«

»Wir werden sehen,« entgegnete der Statthalter, warf dem Kleinen einige Goldringe zu und bestieg seinen Wagen.

In der Nähe des Palastes hatte sich ein so dichter Menschenknäuel gesammelt, daß der Statthalter Schlimmes besorgte und seinem Rosselenker den Lauf der Pferde zu hemmen und einigen Polizeisoldaten seine Vorläufer zu unterstützen befahl; aber frohe Kunde schien seiner zu warten, denn bei dem Thore des Schlosses hörte er das nicht zu verkennende Jubelgeschrei der Menge und im Palasthofe fand er eine Gesandtschaft des Setihauses, die ihm und dem Volke in Ameni's Auftrag verkündete, ein großes Wunder habe sich ereignet, denn das Herz des von wilden Thieren zerrissenen Widders des Amon sei in der Brust des frommen verstorbenen Propheten Rui wiedergefunden worden.

Ani entstieg sogleich seinem Wagen, kniete vor allem Volke, das seinem Beispiele folgte, nieder, erhob betend die Arme und dankte den Göttern mit lauter Stimme.

Als er sich nach vielen Minuten wieder erhoben und den Palast betreten hatte, erschienen Sklaven, welche im Auftrage des Ani Brod unter die Menge verteilten.

»Der Statthalter hat eine offene Hand,« sagte ein Schreiner aus Theben zu seiner Nachbarin. »Sieh' nur, wie weiß das Gebäck ist. Ich stecke es ein und bring' es den Kindern.«

»Gib' mir ein Stückchen,« rief ein nackter Knabe, riß dem Schreiner sein Brödchen aus der Hand und entfloh, indem er sich behend zwischen den Beinen der Leute hindurchschlängelte.

»Krotodilsbrut!« schrie der Beraubte. »Die Zügellosigkeit der Buben wächst alle Tage.«

»Sie sind hungrig,« sagte die Frau entschuldigend. »Die Väter sind im Kriege und die Mütter haben für die Kinder nichts als Papyrusmark und Lotoskörner.«S. Anmerkung 88

»Mag's ihm schmecken,« lachte der Schreiner. »Drängen wir uns nach links! Da kommt ein Diener mit neuen Broden.«

»Der Statthalter muß große Freude haben an dem Wunder,« sagte ein Schuster. »Er läßt sich's was kosten.«

»Es hat sich auch lange nichts Gleiches zugetragen,« fiel ein Korbflechter ein, »und es freut wohl Ani besonders, daß gerade Rui mit dem heiligen Herzen begnadigt ward. Ihr fragt warum? Dummköpfe, die ihr seid. Hatasu ist Ani's Ahnfrau.«

»Und Rui war Prophet im Hatasutempel,« sagte der Schreiner.

»Die Priester drüben hängen dem alten Königshause an, ich weiß es,« versicherte der Bäcker.

»Als wenn das ein Geheimniß wäre!« rief der Schuster. »Die alten Zeiten waren auch besser als diese. Alles verschlingt der Krieg und ganz reputirliche Leute laufen jetzt barfuß, weil sie das Leder nicht zahlen können. Mit der Beute sieht's auch windig aus seit dem letzten Jahre. Ramses ist ein großer Kriegsheld und ein Sohn des Ra, aber was vermag er ohne die Götter, denen es ja nicht mehr in Theben zu gefallen scheint; warum suchte sich sonst das heilige Widderherz eine neue Wohnung in der Nekropole und in der Brust eines Anhängers der alten . . .«

»Hüte die Zunge,« warnte der Korbflechter, »da kommt die Sicherheitswache.«

»Ich muß auch an die Arbeit,« sagte der Bäcker, »denn ich habe zum Feste morgen alle Hände voll zu thun.«

»Ich auch,« seufzte der Schuster, »denn wer möchte dem Könige der Götter barfuß in die Nekropole folgen?«

»Ihr müßt schönes Geld verdienen,« rief der Korbflechter.

»Es würde ja angehen,« entgegnete der Schuster, »wenn man bessere Hülfe hätte; aber die Gesellen sind alle im Kriege. Mit lumpigen Jungen muß man sich behelfen. Und dann die Frauen! Meine hat sich für die Prozession ein neues Gewand und für die Kinder, selbst für die kleinen, Halsbänder gekauft. Man ehrt ja gern seine Todten und sie vergelten's auch manchmal durch gnädigen Beistand, aber was die Opfer mich kosten, es ist nicht zu sagen. Noch mehr als die Hälfte des ganzen Verdienstes geht damit dahin –«

»Im ersten Schmerz um meine verstorbene Hausfrau,« sagte der Bäcker, »hab' ich mich auch an jedem Neumond ein kleineres und in jedem Jahre ein größeres Opfer zu bringen verpflichtet. Die Priester erlassen nichts von dem Gelobten und die Zeiten werden doch immer schlechter. Dabei ist die Verstorbene mir übel gesinnt und undankbar wie bei Lebzeiten, denn wenn sie mir im Traume erscheint, so gönnt sie mir kein gutes Wort und quält mich nicht selten.«

»Sie ist jetzt ein leuchtender, allwissender Geist,« sagte das Weib des Korbflechters, »und gewiß warst Du ihr treulos. Die Verklärten wissen Alles, was auf Erden geschieht und geschehen ist.«

Der Bäcker räusperte sich bedenklich, der Schuster aber rief:

»Bei Anubis, dem Herrn der Unterwelt, ich wünsche vor meiner Alten zu sterben, denn wenn die bei Osiris erfährt, was ich hier auf Erden Alles gethan, und sie darf sich in jede Gestalt verwandeln, die sie will, so erscheint sie mir jede Nacht und zwickt mich als Krebs und drückt mich als lastender Alp.«

»Wenn Du zuerst stirbst,« sagte das Weib, »so kommt sie doch später zu Dir in die Unterwelt und wird dort Dich durchschauen.«

»Ist weniger gefährlich,« lachte der Schuster, »denn dann bin ich ja selbst ein Verklärter und ihr vergangenes Leben liegt offen vor mir. Das wird auch nicht ganz weiß sein, und wirft sie mit dem Schuh, so werf' ich mit dem Leisten.«

»Komm' mit nach Hause,« sagte des Korbmachers Weib und zog ihren Mann mit sich fort, »Du hörst hier nichts Gutes.«

Die Umstehenden lachten, der Bäcker aber rief:

»Es ist die höchste Zeit, ich muß in der Nekropole sein, eh' es dunkelt, und den Tisch aufschlagen lassen für das morgende Fest. Meine Waaren stehen dicht bei dem schmalen Eingang in das Thal. Führ' Deine Kleinen zu mir, Schuster, ich schenke ihnen was Süßes. Fährst Du mit mir hinüber?«

»Mein jüngerer Bruder,« entgegnete der Schuster, »ist schon mit der Waare hinüber. Wir haben noch mit den Kunden in Theben zu thun und da steh' ich hier und verschwatze die Zeit! Ob das wunderbare Herz des heiligen Widders wohl morgen gezeigt wird?«

»Gewißlich,« sagte der Bäcker. »Lebe wohl! Da sind meine Kisten.«

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