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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Siebentes Kapitel.

Während dieses Gespräches weilte drüben in der Nekropole der Arzt Nebsecht noch immer vor der Hütte des Paraschiten und harrte mit wechselnden Empfindungen des Alten.

Bald zitterte er für ihn, bald vergaß er gänzlich der Gefahr, in welche er den Greis gestürzt hatte, und hoffte nur auf die Erfüllung seines Wunsches und wunderbare Enthüllungen durch das seinen Untersuchungen preisgegebene Menschenherz.

Auf Minuten hing er wissenschaftlichen Betrachtungen nach; aber immer und immer störte ihn die Besorgniß um den Paraschiten und Uarda's ihn tief erregende Nähe.

Stundenlang war er mit ihr allein geblieben, denn ihr Vater und die Großmutter hatten sich den Anforderungen ihres Berufes nicht länger entziehen können.

Der Erstere mußte Kriegsgefangene nach Hermonthis geleiten und die Alte gehörte, seitdem ihre Enkelin erwachsen war und dem kleinen Hausstande vorzustehen vermochte, zu den Klageweibern, welche mit aufgelösten Haaren und indem sie Stirn und Brust mit Nilschlamm bestrichen, jammernd und wehklagend die Leichen auf ihrem Wege zur Nekropole zu begleiten hatten.

Uarda lag, als die Sonne sich neigte, noch immer vor der Hütte.

Sie sah bleich und müde aus.

Ihr volles Haar hatte sich wiederum aufgelöst und das Stroh ihres Lagers vermischte sich mit demselben. Wenn Nebsecht sich ihr nahte, um ihren Puls zu fühlen oder ihr zuzusprechen, so wandte sie geflissentlich ihr Antlitz von ihm ab.

Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, neigte er sich abermals über sie und sagte:

»Es wird kühl; soll ich Dich nicht in die Hütte tragen?«

»Laß mich,« sagte sie verdrossen. »Mir ist heiß; rück' mir ferner! Ich bin nicht mehr krank und könnte allein in die Hütte, wenn ich nur wollte; aber die Großeltern kommen ja gleich.«

Nebsecht stand auf, setzte sich auf einen Hühnerkorb nieder, der mehrere Schritte von Uarda entfernt stand, und fragte stotternd:

»Soll ich noch weiter rücken?«

»Thu' was Du willst,« gab sie zurück.

»Du bist unfreundlich,« entgegnete er traurig.

»Du siehst mich immerfort an,« sagte Uarda, »das mag ich nicht leiden und ich bin voller Unruhe, denn der Großvater war heute Morgen anders wie sonst und hat seltsame Reden geführt vom Tode und dem hohen Preis, der für meine Genesung von ihm gefordert werde. Dann bat er mich, ihn nicht zu vergessen, und war so bewegt und so seltsam. Wo er nur bleibt; ich wollte, er wäre wieder bei mir.«

Nach diesen Worten begann Uarda still zu weinen, Nebsecht aber erfaßte eine namenlose Angst um den Paraschiten und es fiel ihm schwer auf's Herz, daß er als Preis für eine bloße Pflichterfüllung ein Menschenleben verlangt habe. Er kannte genau das Gesetz und wußte, daß man den Alten ungesäumt zwingen würde, den Giftbecher zu leeren, wenn man ihn beim Raube eines Menschenherzens ertappte.

Es wurde dunkel. Uarda hörte auf zu weinen und fragte den Arzt:

»Kann er vielleicht in die Stadt gegangen sein, um die hohe Summe zu borgen, die Du oder Dein Tempel für eure Arzneien gefordert? Aber da ist ja der goldene Reif der Prinzessin und die halbe Beute des Vaters und in der Truhe dort liegt unangetastet der Lohn, den Großmutter in zwei Jahren als Klagefrau heimtrug. Ist euch das Alles noch nicht genug?«

Die letzte Frage des Mädchens klang ingrimmig und vorwurfsvoll und der Arzt, dem strenge Wahrhaftigkeit zur Lebensgewohnheit geworden, schwieg, weil er sich nicht »ja« zu sagen getraute. Er hatte mehr für seine Hülfe verlangt als Gold und Silber. Jetzt erinnerte er sich an Pentaur's Warnung und als die Schakale zu bellen begannen, ergriff er den FeuerbohrerDie Hieroglyphe sam scheint uns den Feuerbohrer darstellen zu sollen. und zündete einige bereit liegende Pechstücke an. Dabei fragte er sich, was wohl Uarda's Schicksal sein würde ohne ihre Großeltern und ihn, und ein abenteuerlicher Plan, der ihm seit vielen Stunden nebelhaft vorschwebte, gewann jetzt in seiner Seele scharfe Umrisse und erkennbare Gliederung. Er wollte, wenn der Alte nicht heimkehrte, die Kolchyten oder Balsamirer, die ihn um seiner Geschicklichkeit willen schwerlich abgewiesen hätten, um Aufnahme bitten in ihre Zunft,Diese Zunft bestand noch in der römischen Kaiserzeit und Vieles ist uns durch griechische Papyrus über sie bekannt geworden. dann wollte er Uarda zu seinem Weibe machen und mit ihr, abgeschieden von der Welt, seinem neuen Berufe, bei dem er Vieles zu lernen hoffen durfte, und seinen Studien leben. Was fragte er nach Bequemlichkeit und Behagen, Anerkennung der Mitmenschen und eine bevorzugte Lebensstellung!

Auf dem neuen steinigen Pfade konnte er schneller vorwärts zu kommen hoffen, als auf dem alten, schön geglätteten Wege. An dem Bedürfnisse, sich auszusprechen und seine Errungenschaften Anderen mitzutheilen, fehlte es ihm ohnehin; das Wissen an sich genügte ihm völlig. An seine Verbindlichkeiten gegen das Setihaus dachte er nicht mehr. Drei Tage lang hatte er das Gewand nicht gewechselt, war kein Scheermesser an sein Angesicht und seinen Scheitel gekommen, hatte kein Tropfen Wasser seine Hände und Füße benetzt. Er fühlte sich halb verwildert, halb zum Balsamirer und, war es so bestimmt, zum verachtetsten unter den Menschen, zum Paraschiten, geworden. Dieses Herabsteigen reizte ihn wunderbar, denn es machte Uarda ihm ebenbürtig, und sie, die da mit wirrem Haar, krank und geängstigt neben ihm lag, paßte gerade so in die Zukunft, die er sich ausmalte.

»Hörtest Du nichts?« fragte plötzlich das Mädchen.

Er lauschte mit ihr in das Thal hinaus, Hunde schlugen an und bald stand der Paraschit mit seinem Weibe vor der Hütte und nahm Abschied von der alten Hekt, die ihm bei ihrer Heimkehr aus Theben begegnet war.

»Ihr seid lange geblieben,« rief Uarda, als ihre Großeltern endlich vor ihr standen, »ich habe mich so geängstigt.«

»Der Arzt war ja bei Dir,« sagte die Alte und ging in die Hütte, um ein einfaches Mahl zu rüsten, während der Paraschit neben seiner Enkelin niederkniete und sie innig, aber doch so achtungsvoll, als sei er nicht ihr naher Blutsverwandter, sondern nur ihr treuer Diener, liebkoste.

Dann stand er auf und reichte Nebsecht, dessen Glieder vor Erregung bebten, die Tasche von grobem Linnen, die er an einem schmalen Tragbande mit sich zu führen pflegte.

»Da drinnen liegt das Herz,« flüsterte er dem Arzte zu, »nimm es heraus und gib mir den Sack zurück, denn meine Messer liegen noch darin und ich brauche ihn.«

Nebsecht nahm mit zitternden Fingern das Herz aus dem Beutel, entfernte einige Büchsen ans seinem Arzneikasten und legte es sorgfältig hinein, griff dann in seine Brusttasche, näherte sich dem Paraschiten und flüsterte ihm zu:

»Da nimm die Verschreibung, hänge sie an Deinen Hals und wenn Du stirbst, so laß ich Dir wie einem Großen ein Buch vom Hinaustreten in den TagS. Anmerkung 102. in die Binden wickeln. Aber damit ist es nicht genug. Das Vermögen, das ich ererbte, verzinst mir mein geschäftskundiger Bruder und seit zehn Jahren rührte ich nicht an den Einkünften. Die werd' ich Dir senden und Du sollst mit Deiner Frau ein sorgloses Alter genießen.«

Der Paraschit hatte das Säckchen mit dem Papyrusstreifen in Empfang genommen und dem Arzte bis an's Ende zugehört. Jetzt wandte er sich von ihm ab, indem er gelassen, aber entschieden sagte:

»Behalte Dein Geld, wir sind quitt. Das heißt,« fügte er bitter hinzu, »wenn das Mädchen gesund wird.«

»Sie ist halb genesen,« stotterte der Arzt. »Warum willst – willst Du aber mein Geschenk . . .«

»Weil ich bis heute niemals geborgt oder gebettelt habe,« unterbrach ihn der Paraschit, »und in meinem Greisenalter nicht damit anfangen möchte. Leben gegen Leben; aber das, was ich heute gethan, das könnte selbst Ramses mit all' seinen Schätzen nicht zahlen!«

Nebsecht schaute zu Boden und wußte dem Greise nichts zu erwiedern.

Jetzt erschien die Alte, setzte eine Schüssel mit gekochten Linsen, die sie rasch gewärmt hatte, Rettige und ZwiebelnDie »Zukost« bei ägyptischen Mahlzeiten. Rettig, Zwiebel und Knoblauch finden sich häufig auf den Denkmälern. Beim Bau der Cheopspyramide sollen davon nach Herodot II. 125 für 1600 Talente, das sind 2,400,000 Thaler aufgegessen worden sein. vor die Männer nieder, führte Uarda, die nicht mehr getragen zu werden wünschte, in die Hütte und forderte den Arzt auf, an ihrem Mahle Theil zu nehmen. Nebsecht folgte ihrer Einladung, denn er hatte seit dem gestrigen Abend keinen Bissen genossen.

Nachdem die Alte wiederum in der Hütte verschwunden war, fragte er den Paraschiten:

»Wessen Herz brachtest Du mir und wie ist es in Deine Hände gekommen?«

»Erst sage mir,« entgegnete der Alte, »warum Du mir eine so schwere Sünde zu begehen auferlegtest?«

»Weil ich mich von der Beschaffenheit des menschlichen Herzens überzeugen will,« gab Nebsecht zurück, »damit ich, wenn mir kranke Herzen begegnen, sie heilen kann.«

Der Paraschit blickte einige Zeit lang schweigend zu Boden und fragte dann:

»Sprichst Du die Wahrheit?«

»Ja,« antwortete der Arzt mit überzeugender Bestimmtheit.

»Das freut mich,« sagte der Alte, »denn Du leihst auch den Armen Deine Hülfe.«

»So gern wie den Reichen! Nun aber sage, wem nahmst Du das Herz?«

»Ich kam in das Haus der Balsamirer,« begann der Greis, nachdem er einige große Feuersteine vor sich hingelegt hatte, um ihnen durch kunstgerechtes Behauen die Gestalt von Messern zu geben. »Ich kam also in das Haus der Balsamirer und fand da drei Leichen, in die ich mit meinem Steinmesser die acht vorgeschriebenen Einschnitte zu machen hatte. Wenn die Todten so daliegen, unbekleidet, auf der Holzbank, dann sehen sie einander alle gleich und der Bettler hält mir so still wie der leibliche Sohn eines Königs.

»Aber ich wußte wohl, wer da vor mir lag. Der starke, alte Körper in der Mitte des Tisches gehörte dem verstorbenen Propheten des Hatasutempels an, abseits dicht neben einander ruhte ein Steinmetz aus der Nekropole und eine an Lungensucht verstorbene Dirne aus dem Fremdenviertel, zwei elende, abgezehrte Gestalten. Den Propheten hatte ich wohl gekannt, denn hundertmal war er mir in seiner goldenen Sänfte begegnet, und sie nannten ihn immer den reichen Rui. Ich that meine Pflicht an den Dreien, man vertrieb mich mit den üblichen Steinwürfen und ich ordnete dann mit den Gefährten ihre inneren Theile. Die des Propheten sollten später in schönen KanopenS. Anmerkung 100. von Alabaster verwahrt, die des Steinmetzen und der Dirne in ihre Körper zurückgelegt werden. Nun fragte ich mich: Wem thu' ich das Leid und nehm' ihm sein Herz? Ich ging zu den Armen und näherte mich rasch der sündigen Dirne. Da hört' ich die Stimme eines Dämon, der meinem eigenen Herzen zurief: Das Mädchen war arm, verachtet und elend wie Du, so lange sie wandelte auf dem Rücken des Seb;Die Erde. Plutarch nennt Seb, der auf den Denkmälern oft »der Vater der Götter« heißt, Kronos. Er ist der Gott der Zeit, und da die Aegypter die Materie für ewig hielten, so ist es nicht zufällig, daß bei der hieroglyphischen Schreibung für Ewigkeit das die Erde darstellende Zeichen benutzt ward. vielleicht wird sie Billigung finden und Freude in jener Welt, wenn Du sie ihr nicht freventlich raubst! Und als ich auf des Steinmetzen magern Leib und seine Hände schaute, die schwieliger waren als meine, da flüsterte mir der Dämon das Gleiche zu. Nun stellt' ich mich vor den fleischigen Leib des am Schlagfluß verstorbenen Propheten Rui und ich dachte an die Ehren und den Reichthum, die er auf Erden genossen, und daß er doch wenigstens einmal viel Glück und Freuden erfahren. Da faßt' ich, sobald ich allein war, schnell in den Beutel und vertauschte das Hammelherz mit dem seinen.

»Vielleicht bin ich doppelt schuldig, weil ich solches verruchte Spiel mit dem Herzen eines Propheten getrieben; aber sie werden des reichen Rui Leiche mit hundert Amuleten behängen, ScarabäenNachbildungen des heiligen Scarabäuskäfers aus verschiedenem Material wurden an Stelle des Herzens in die Mumie gesteckt. Auf größeren Exemplaren finden sich oft das 26.–30. und 64. Kapitel des Todtenbuchs, welche vom Herzen handeln. an Stelle seines Herzens stecken und ihn mit heiligem Oel und guten Schriften vor allen Feinden auf den Pfaden der Amenti schützen, während den Armen Niemand hülfreiche Talisman weihen wird. Und dann! Du hast mir's geschworen, in jener Welt, in der Halle des Gerichts, meine Schuld auf Dich zu nehmen.«

Nebsecht reichte dem Alten die Hand und sagte:

»Das that ich, und ich würde wie Du gewählt haben. Nimm nun dieses Wasser, theil' es in vier Theile und reiche Uarda je einen von ihnen vier Abende hinter einander.In den medizinischen Papyrus sehr häufige Vorschrift. Beginne gleich heute; schon übermorgen, denk' ich, wird sie gesund sein. Ich komme bald wieder und sehe nach ihr. Jetzt gehe zur Ruhe und gönn' wir hier draußen ein Plätzchen. Eh' der Isisstern erloschen ist, brech' ich auf, denn sie erwarten mich schon lange im Setihause.«

Als der Paraschit am folgenden Morgen in's Freie trat, war der Arzt verschwunden, aber ein bei der Feuerstelle liegendes Tuch mit einem großen Blutflecke lehrte den Alten, daß der ungeduldige Nebsecht in der vergangenen Nacht das Herz des Propheten untersucht und wahrscheinlich zerschnitten habe.

Grausen erfaßte ihn und mit schwerer Seelenangst warf er sich auf die Kniee, als der Sonnengott in seiner goldenen Barke am Himmel erschien, und betete inbrünstig erst für Uarda und dann für das Heil seiner gefährdeten Seele.

Ermuthigt stand er auf, überzeugte sich, daß seiner Enkelin Genesung fortschreite, sagte den Frauen Lebewohl, steckte seine Feuersteinmesser und seinen BronzehakenMit einem Haken ward nach Herodot II. 87 den Leichen das Hirn aus der Nase gezogen. Czermak fand bei der Analyse zweier prager Mumien das Siebbein zerstoßen. zu sich und ging in das Haus der Balsamirer, um dort seine traurige Arbeit zu verrichten.

Die Gebäudegruppe, in welcher ein großer Theil der Bewohner von Theben die Mumisirung empfing, lag auf nacktem Wüstenboden weit von seiner Hütte entfernt südlich vom Setihause am Fuße des Gebirges, und bildete für sich einen ziemlich ausgedehnten, von einer rohen Mauer aus getrockneten Nilziegeln umgebenen Flecken.

Durch das dem Nile zugekehrte Hauptthor wurden die Leichen den KolchytenS. Anmerkung 148. Die ganze Zunft der Balsamirer. zugeführt, während die Priester Paraschiten, Taricheuten, Weber und Handlanger, welche hier ihr Tagewerk zu verrichten hatten, sowie unzählige Wasserträger, die mit Schläuchen beladen vom Nile herkamen, durch eine Nebenpforte Eingang in die Anlage fanden.

Am äußersten Nordende derselben erhob sich mit einer eigenen Thür ein stattliches Gebäude von Holz, in dem die Bestellungen der Leibtragenden, oft aber auch von frisch im Leben stehenden Menschen angenommen wurden, die zeitig auf eine ihnen zusagende Bestattung bedacht waren.Nach den bekannten Stellen bei Herodot II. 85–90 und Diodor I. 91, welche durch einige Manuskripte aus dem alten Aegypten die wichtigsten Ergänzungen erfahren; namentlich durch den von Mariette publizirten Papyrus 1II. aus Bulaq und den Papyrus 5158 des Louvre. Vorzüglich behandelt in Maspero, mémoires sur quelques papyrus du louvre, II. Le rituel de l'embaumement. – Aus diesem Balsamirungsritual lernen wir viel bis dahin unbekanntes Einzelnes über die Mumisirung und die bei ihr beobachteten Gebräuche. Lehrreich sind auch die bilinguen Papyrus Rhind und andere funeräre Texte. Wie wunderbar selbst die zartesten Gewebe des menschlichen Körpers durch die Balsamirung erhalten wurden, lehrt Ezermal's physiologische Untersuchung zweier prager Mumien.

Der Zudrang zu diesem Hause war ziemlich stark. Gegenwärtig bewegten sich in seinen Räumen an fünfzig Männer und Frauen von verschiedenen Ständen und nicht nur aus Theben, sondern aus vielen kleineren Städten Oberägyptens, um Einkäufe zu machen oder den Beamten, welche hier thätig waren, Aufträge zu ertheilen.

Der Todtenbazar war reich genug ausgestattet, denn Särge in allen Formen von der einfachen Kiste bis zu dem reich vergoldeten und bemalten Kasten in Mumienform standen aufgerichtet an den Wänden. In Holzregalen lagen zahllose Rollen von gröberer und feinerer Leinwand, mit denen die Glieder der Mumien umwunden und welche unter dem Schutze der der Weberei vorgehenden Göttinnen Neith, Isis und Nephthys von den Leuten des Balsamirungshauses verfertigt oder aus der Ferne, namentlich von Sais, verschrieben worden waren.

Den Besuchern der Modellräume stand unter den Särgen und Binden die Wahl frei, ebenso wie unter den Halsbändern, Scarabäen, Säulchen, Uzaaugen, Schleifen, Kopfstützen, Dreiecken, Winkeln, gespaltenen Ringen, Stableitern und anderen symbolischen Figuren,Lauter Amulete, welche in großer Zahl an den Mumien angetroffen werden und die man in allen ägyptischen Museen finden kann. Wir kennen die oft sehr wunderliche Bedeutung der meisten, denn fast einem jeden ist ein Kapitel des Todtenbuchs gewidmet. die man den Todten als heilige Amulete an den Leib zu befestigen oder in die Binden zu wickeln pflegte.

Zahlreich waren die Stempel von gebranntem Thon, welche in die Erde vergraben wurden, um bei etwaigen Grenzstreitigkeiten anzuzeigen, wie weit das Gebiet eines Erbbegräbnisses reiche, die Götterfigürchen, die man in den Sand legte, um ihn, der dem Seth-Typhon angehörte, zu reinigen und zu heiligen,Oft in erstaunlichen Mengen, namentlich bei den Ausgrabungen des Herrn Mariette im Sande gefunden. sowie die Schebti genannten Statuetten, welche man zu mehreren in kleinen Kasten oder einzeln in das Grab zu stellen pflegte, und von denen man erwartete, daß sie mit der Hacke, dem Pfluge und Saatbeutel, die man an ihren Schultern anbrachte, den Verstorbenen bei ihren Arbeiten in den Gefilden der Seligen behülflich sein sollten.S. Anmerkung 15.

Die Wittwe und der Haushofmeister des verstorbenen reichen Propheten des Hatasutempels Rui und ein sie begleitender vornehmer Priester unterhielten sich lebhaft mit den Beamten des Balsamirungshauses und wählten die kostbarsten unter den vorhandenen Sargmodellen (die Mumie in Papiermachébekleidung sollte in eine Holzkiste und diese in einen Steinsarkophag gelegt werden), die feinste Leinwand und Amulete von Malachit und Lapis lazuli, Blutjaspis, Karneol und grünem Feldspath,Der sogenannte Viktoriastein, der sich nur fern von Aegypten findet und dessen frühes Vorkommen beweist, wie weit die Handelswege reichten, welche schon in der ältesten Zeit die Völker verbanden. sowie schöne Alabasterkanopen für den jüngst Dahingegangenen aus. Sie schrieben auf eine bereitliegende Wachstafel den Namen des Verstorbenen, seiner Eltern, seiner Gattin und Kinder sammt all' seinen Titeln und ordneten an, welche Texte auf seinen Sarg, welche auf die ihm mitzugebende Papyrusrolle geschrieben und auf seinen Namen ausgestellt werden sollten. Ueber die an den Gruftwänden, dem Sockel der im Grabe aufzustellenden Statue und die Fläche der daselbst zu errichtenden Todtenstele anzubringenden Inschrift sollte noch Näheres mitgeheilt werden; einem Priester des Setihauses sollte sie zu schreiben und das Verzeichniß der reichen von den Hinterbliebenen zu stiftenden Todtenopfer abzufassen übertragen werden; letzteres erst später, wenn man nach der Erbtheilung die Größe des hinterlassen Vermögens übersehen konnte. Die bloße Mumisirung mit den feinsten Oelen und Essenzen, Binden, Amuleten und Särgen kostete ohne den Steinsarkophag eine Last Silber.Nach Diodor I. 91 kostete eine Balsamirung erster Klasse ein Talent Silber oder 1500 Thaler, zweiter Klasse zwanzig Minen oder etwa 400 Thaler.

Die Wittwe trug ein langes Trauergewand, ihre Stirn war mit Nilschlamm leicht bestrichen und mitten während ihres Feilschens mit dem Beamten des Balsamirungshauses, dessen Preise sie ungeheuer und räuberisch schalt, brach sie von Zeit zu Zeit, denn das verlangte die Sitte, in ein lautes Klagegeschrei aus.

Bescheidenere Bürger wurden schneller mit ihren Bestellungen fertig, doch war es nichts Ungewöhnliches, daß sie für die Mumisirung eines Familienhauptes, des Vaters oder der Mutter, die Einkünfte eines ganzen Jahres opferten.

Die Mumisirung der Armen war billig und die der Aermsten hatten die Kolchyten als Abgabe an den König, dem sie auch Leinwand aus ihren Webereien zu steuern verpflichtet waren, zu besorgen.

Dieses Geschäftslokal des Mumisirungshauses war sorgfältig getrennt von den übrigen Theilen der Anlage, zu denen Nichtbetheiligten der Zutritt auf's Strengste untersagt war. Die Kolchyten bildeten eine fest geschlossene Zunft, der einige Priester, aus deren Mitte der Leiter der viele Tausende zählenden Genossenschaft gewählt wurde, vorstanden. Diese Letzteren waren wohl angesehen, auch die mit dem eigentlichen Balsamirungswerke betrauten Taricheuten durften sich unter den anderen Bürgern sehen lassen, obgleich man ihnen in Theben immerhin mit einiger Scheu aus dem Wege ging; nur die Paraschiten, denen das Oeffnen der Leichen oblag, belastete der volle Fluch der Unreinheit.

Freilich war die Stätte der Thätigkeit dieser Leute unheimlich genug.

Der steinerne Saal, in dem man die Körper öffnete, und die Hallen, in denen sie gesalbt wurden, waren verbunden mit mancherlei Präparirräumen, Laboratorien und Niederlagen von Droguen jeder Art.

In einem nur von einem Schirmdach aus Palmenzweigen vor den Sonnenstrahlen geschützten Hofe befand sich ein großes ausgemauertes Bassin mit einer Natronlösung, in der die Körper gesalzen wurden; in einem steinernen Tunnel trocknete man sie in künstlich erzeugter heißer Zugluft.

Die Webereien wie die Werkstätten der Sargtischler und Lackirer lagen in zahlreichen kleinen Holzhäusern in der Nähe der Modellräume, weit abgelegen von den letzteren aber das allergrößte unter den zahlreichen Gebäuden dieser Anlage, das zwar niedrige, doch unabsehbar lange, massive und fest bedachte Steinhaus, in welchem die fertig präparirten Körper mit den Binden umwickelt, mit Amuleten ausgeschmückt und für den Weg in die andere Welt fertig gemacht wurden. Was im Innern dieses Gebäudes, in welches die Laien, aber immer nur auf kurze Minuten, eingelassen wurden, vorging, war im höchsten Grade befremdlich, denn hier schienen sich die Götter selbst an den irdischen Leibern thätig zu erweisen.

Aus den der Straße zugewandten Fensteröffnungen schollen Tag und Nacht Recitationen, Hymnen und Klagerufe. Die hier beschäftigten priesterlichen Beamten trugen die Masken der Götter der Unterwelt.Darauf schien schon Vieles in mancherlei Darstellungen zu deuten und wir haben es neu bestätigt gefunden durch den Papyrus 1II. des Museums von Bulaq. Die Fabrikation von Masken aus Papiermaché war den Aegyptern schon früh bekannt. Am Kopfende von vielen Mumienkästen findet sich die Maske des Verstorbenen in Cartonnage. Vielfach vertreten war ein Anubis mit dem Kopfe eines Schakals, den Knaben mit den Gesichtern der sogenannten Horuskinder bei seiner Arbeit unterstützten. Zu Häupten und Füßen jeder Mumie stand oder hockte je ein Klageweib, dieses mit dem Embleme der Göttin Nephthys, jenes mit dem der Isis auf dem Haupte.

Jedes einzelne Glied des Verstorbenen wurde mit Hülfe von heiligen Oelen, Amuleten und Sprüchen einer bestimmten Gottheit zugeschrieben. Für die Umhüllung jeder Muskel war ein besonders zubereitetes Zeugstück bestimmt, jede Drogue und jede Binde sollte einer Gottheit ihren Ursprung verdanken und das Durcheinander der Gesänge, der verkleideten Gestalten und verschiedenartigen Wohlgerüche an dieser Stelle wirkte betäubend auf die Sinne der Besucher dieses Raumes.

Es versteht sich von selbst, daß die gesammte Balsamirungsstätte und ihre Nachbarschaft im weitesten Kreise von kräftigen Harzgerüchen, süßen Rosenöl-, unvertilgbaren Moschus- und scharfen Spezereidüften umhüllt ward.

Wenn der Wind von Südwesten her wehte, so führte er sie zu Zeiten über den Nil nach Theben hinüber, und das ward für ein übles Vorzeichen angesehen, und mit Recht, denn von Südwesten her wehte der die Thatkraft der Menschen lähmende und die Karawanen gefährdende Wüstenwind.

Im Hofe vor dem Modellhause standen mehrere Gruppen von Bürgern aus Theben, um einzelne Personen geschaart, denen sie ihr Beileid aussprachen. Ein neuer Ankömmling, der Vorsteher der Schlachtopfer des Amonstempels, der Vielen bekannt zu sein schien und mit Ehrerbietung begrüßt ward, berichtete, eh' er der Wittwe des Propheten Rui sein Beileid bezeugte, ganz erfüllt von der Furchtbarkeit des Geschehenen, daß ein Unheil bedeutendes Zeichen sich drüben in Theben an keiner geringern Stätte, als in dem Tempel des Königs der Götter selbst, ereignet habe.

Viele neugierige Lauscher umstanden ihn, als er erzählte, daß der Statthalter Ani in der Freude über den Sieg seiner nach Aethiopien ansgesandten Truppen unter die Garnison von Theben und auch unter die Wachtmannschaften des Amonstempels Wein in Fülle habe vertheilen lassen und daß, während die Leute geschmaust hätten, WölfeDie Wölfe gehörten zu den heiligen Thieren und wurden zu Lykopolis (Wolfsstadt), dem heutigen Siut, verehrt und begraben. Wolfsmumien sind dort gefunden worden. Nach Herodot II. 67 begrub man die Wölfe, wo man sie todt fand. Der zu den heiligen Thieren gezählte Wolf ist der heute noch in Aegypten vorkommende canis lupaster. Außer diesem gibt es noch drei Arten von wilden Hunden, den Schakal, Fuchs und Fenek, canis cerda. in den Stall der heiligen Widder des Gottes gebrochen wären. Einige waren dem Tode entgangen; den herrlichen Widder aber, welchen Ramses selbst aus MendesIn Mendes wurden die Widder besonders verehrt. Unweit von Mansura im Delta sind die Trümmer der alten Stadt wieder aufgefunden worden, und Brugsch hat dort entdeckte Inschriften veröffentlicht, welche ausführliche Mittheilungen über den Widderkultus enthalten und einige Nachrichten über denselben bei den Alten bestätigen und in ein neues Licht setzen. zum Geschenk gesandt hatte, als er in den Krieg zog, das edle Thier, welches Amon zur Wohnung seiner Seele auserwählt hatte,Die Widder heißen wie die Seele »Ba«, und die heiligen Exemplare unter ihnen hielt man für irdische Erscheinungsformen der Seele des Ra. war zerrissen von den Soldaten, die die Stadt sogleich mit der Trauerkunde erschreckten, vorgefunden worden. In derselben Stunde war aus Memphis die Kunde eingetroffen, daß der heilige Apisstier gestorben sei.

Die um den Vorsteher der Schlachtopfer versammelten Leute erhoben sofort ein weithin tönendes Klagegeschrei, in welches dieser selbst und die Wittwe des Propheten Rui lebhaft einstimmten.

Aus dem Modellhause traten die Verkäufer und Beamten, aus den Munisirungshallen die Taricheuten, Paraschiten und Handlanger, aus den Webereien die Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Vorstehern hervor und alle betheiligten sich, sobald sie erfahren hatten, was sich ereignet habe, an der Klage, schrieen und heulten, bestreuten ihr Haar und bestrichen ihre Stirnen mit Staub.

Der Lärm war wild und sinnverwirrend.

Als seine Heftigkeit nachließ und die Klagenden wieder an ihr Geschäft gingen, konnte man deutlich den vom lebhaften Ostwinde hieher getragenen Jammer der Nekropolenbewohner, vielleicht sogar der Bürger von Theben vernehmen.

»Ueble Nachrichten,« sagte der Vorsteher der Schlachtopfer, »vom Könige und dem Heere werden nun nicht auf sich warten lassen; der Tod des Widders, den wir mit seinem Namen belegten, wird von Ramses noch tiefer beklagt werden, als der Hingang des Apis. Ein böses, böses Zeichen!«

»Mein verstorbener Gatte, der Osiris Rui,« sagte die Wittwe, »hat das Alles vorhergesehen. Wenn ich nur sprechen dürfte, so könnt' ich Manches verkünden, was Vielen nicht lieb sein möchte.«

Der Vorsteher der Schlachtopfer lächelte, denn er wußte, daß der Prophet des Hatasutempels dem alten Königshause angehangen hatte, und gab zurück:

»Die Sonne Ramses kann wohl von Wolken verdeckt werden, aber ihren Untergang werden weder Diejenigen erleben, welche ihn fürchten, noch Diejenigen, welche ihn herbeiwünschen.«

Der Priester grüßte kühl und betrat das Haus der Weber, in dem er zu thun hatte, und die Wittwe bestieg ihre an der Pforte harrende Sänfte.

Der alte Paraschit Pinem hatte mit seinen Genossen den Tod der heiligen Thiere beklagt und saß jetzt in dem Sektionssaale auf dem harten Estrich, um einen Imbiß zu sich zu nehmen, denn es war Mittag geworden.

Das steinerne Gemach, worin er seine Mahlzeit verzehrte, war schlecht beleuchtet; es empfing sein Licht durch eine kleine Oeffnung im Dache, über welcher die Mittagssonne senkrecht stand und ein Bündel von glänzenden Strahlen, in denen wirbelnde Stäubchen ihr Spiel trieben, durch den dämmerigen Raum auf das graue Steinpflaster herniederschoß. An allen Wänden lehnten Mumienkästen und auf glatt polirten Tischen lagen mit groben Tüchern bedeckte Körper. Ueber den Estrich huschte dann und wann eine Ratte und aus den breiten Fugen der Steinplatten, die den Boden bedeckten, krochen träge Skorpione hervor.

Der alte Paraschit war längst abgestumpft gegen die Schauer, welche diese Stätte umgaben. Er hatte ein grobes Tüchlein vor sich hingebreitet und legte die Speisen, die ihm seine Frau in den Vorrathsbeutel gesteckt hatte, bedächtig nieder; erst einen halben Brodkuchen, dann ein wenig Salz, und dann einen Rettig.

Aber das Säckchen war noch nicht leer.

Er griff hinein und fand ein in zwei Kohlblätter gewickeltes Stück Fleisch. Die alte Hekt hatte für Uarda einen Gazellenschinken aus Theben mitgebracht und er sah nun, daß die Weiber ihm ein Stück davon zu seiner Kräftigung in den Beutel gesteckt hatten. Mit Rührung blickte er auf diese Gabe; aber er getraute sich nicht sie anzugreifen, denn es war ihm, als würde er dadurch die Kranke berauben. Während er das Brod und den Rettig verzehrte, betrachtete er das Fleischstück wie ein kostbares Kleinod, und als eine Fliege sich darauf zu setzen wagte, zerschlug er sie mit Entrüstung.

Endlich kostete er das Fleisch und gedachte an manchen früheren Mittag und wie oft er in seiner Vorrathstasche eine Blume gefunden, die Uarda, um ihn zu erfreuen, zu dem Brode gelegt hatte.

Seine guten alten Augen füllten sich mit Thränen und sein ganzes Herz war voll von Dank für so viel Liebe. Er richtete seine Blicke aufwärts und dabei fielen sie auf den Leichentisch und er fragte sich, wie das gewesen wäre, wenn statt des seines Herzens beraubten Propheten, die Sonne seines Alters, seine Enkelin, dort bewegungslos läge. Ein kalter Schauer überrieselte ihn und er meinte, daß er den rettenden Arzt auch um den Preis seines eigenen Herzens nicht zu theuer bezahlt haben würde. Und doch! Er hatte in seinem langen Leben so viel Leid und Schmach erfahren, daß er die Hoffnung auf ein besseres Loos im Jenseits nicht aufzugeben vermochte. Darum ergriff er den ihm von Nebsecht ausgestellten Schein, hielt ihn mit beiden Händen in die Höhe, als wollte er ihn den Himmlischen zeigen, und betete zu den Göttern der Unterwelt und besonders zu den Richtern in der Halle der Wahrheit und Gerechtigkeit, daß sie ihm nicht anrechnen sollten, was er für Andere und nicht für sich selber verbrochen, und daß sie dem seines Herzens beraubten Rui die Rechtfertigung nicht versagen möchten.

Während sich so seine Seele in Andacht erhob, wurde es vor der Thür des Sektionshauses lebendig. Es war ihm, als höre er seinen Namen aussprechen, und kaum hatte er sich lauschend erhoben, als ein Taricheut zu ihm eintrat und ihm befahl, ihm zu folgen.

Vor den von harzigen Düften und Wohlgerüchen ganz erfüllten Sälen, in denen die Arbeit der eigentlichen Balsamirung verrichtet wurde, standen viele Taricheuten und beschauten einen in einer Alabasterschale ruhenden Gegenstand. Dem Alten erbebten die Kniee, als er in diesen das Thierherz erkannte, welches er zu den inneren Organen des Propheten Rui gelegt hatte.

Der oberste Taricheut fragte ihn, ob er den verstorbenen Propheten geöffnet habe.

Pinem stammelte eine bejahende Antwort.

Ob dieß das Herz desselben sei?

Der Alte nickte bestätigend.

Die Taricheuten beachteten ihn nicht weiter, flüsterten untereinander, einer von ihnen entfernte sich und kehrte bald mit dem Vorsteher der Schlachtopfer aus dem Amonstempel in Theben, den er noch im Hause der Weber gefunden hatte, und dem obersten aller Kolchyten zurück.

»Zeigt mir das Herz,« sagte der Vorsteher der Schlachtopfer, indem er sich den Taricheuten näherte; »im Dunkeln kann ich entscheiden, ob ihr recht gesehen. Hundert Thierherzen prüfe ich täglich. Gebt her! – Bei allen Göttern der Höhe und Tiefe, dieß ist das Herz eines Widders!«

»Und in Rui's Brust ward es gefunden,« betheuerte der Taricheut entschieden. »Gestern ward er von diesem alten Paraschiten in unserer Gegenwart geöffnet.«

»Wunderbar,« sagte der Amonspriester, »und unglaublich. Aber vielleicht ist doch nur eine Verwechselung vor sich gegangen. Habt ihr etwa hier oben geschlachtet und . . .«

»Wir reinigen uns,« unterbrach der oberste Kolchyt den Opferpriester, »für das Fest des Thales und seit zehn Tagen hat bei uns kein Thier zur Speise getödtet werden dürfen; auch liegen die Ställe und Schlachthöfe weit von hier jenseits der Webereien.«

»Seltsam!« wiederholte der Priester. »Verwahr' dieß Herz auf's Sorgsamste, Kolchyt, oder besser, laß es in eine Kapsel thun. Wir wollen es zum ersten Propheten des Amon hinüber bringen. Es scheint, als sei hier ein Wunder geschehen.«

»Das Herz gehört in die Nekropole,« erwiederte der oberste Kolchyt, »und darum wäre es schicklicher, wenn wir es dem ersten Propheten des Setihauses, dem großen Ameni, brächten.«

»Du hast hier zu gebieten,« gab der Andere zurück. »Laß uns denn aufbrechen!«

Wenige Minuten später wurden der Opferpriester und der oberste Kolchyt in ihren Sänften thalabwärts getragen. Ihnen folgte ein Taricheut, welcher auf einem zwischen zwei Eseln befestigten Stuhle saß und ein Kästchen von Elfenbein, in dem das Hammelherz ruhte, behutsam in seinen Armen hielt.

Der alte Paraschit Pinem sah die Priester hinter einem Tamariskengebüsch verschwinden. Am liebsten wäre er ihnen nachgeeilt und hätte ihnen Alles bekannt.

Sein Gewissen quälte ihn mit marternden Vorwürfen, schalt ihn einen Betrüger, und wenn sein langsamer Geist ihm auch nicht zu überblicken gestattete, welche Folgen seine That nach sich ziehen könne, so ahnte ihm doch, daß er eine Saat gestreut habe, aus der Täuschungen jeder Art erwachsen müßten. Es war ihm, als sei er der Sünde und Lüge ganz verfallen und als wende ihm die Göttin der Wahrheit, der er sein Lebenlang redlich gedient, vorwurfsvoll den Rücken. Niemals konnte er nach dem Geschehenen hoffen, als ein »die Wahrheit Redender«Anmerkung 105. von den Todtenrichtern selig gesprochen zu werden. Verloren, verscherzt war das Ziel eines langen an Entsagungen und Gebeten reichen Lebens! Seine Seele weinte blutige Thränen, vor seinen Ohren hörte er ein heftiges Sausen, das seinen Geist trübte, und als er wieder an seine Arbeit gehen und einer Leiche die Fußsohlen ablösen wollte,Bei seiner Untersuchung zweier prager Mumien entdeckte J. Czermak, daß man der einen die Sohle abgelöst und in die Brust gesteckt habe. Das 125. Kapitel des Todtenbuchs enthält eine Stelle, aus der sich entnehmen läßt, daß dieß geschehen sei, damit der Fuß der vor Osiris Geladenen den geweihten Boden der Halle des Gerichts nicht verunreinige. Die schon oben erwähnte Czermak'sche Arbeit findet sich in den Sitzungsberichten der k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien, math.-naturw. Klasse. 1852. zitterten seine Hände so heftig, daß er das Messer nicht zu gebrauchen vermochte.

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