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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Fünftes Kapitel.

Als Nemu, von dem Statthalter heimkehrend, sich der Wohnung seiner Herrin näherte, wurde er von einem Knaben angehalten, der ihn aufforderte, ihm in das Fremdenviertel zu folgen.

Der Bote zeigte dem Zwerg, als er zauderte, den Ring seiner Mutter Hekt, welche in Geschäften zur Stadt gekommen war und ihn zu sprechen begehrte.

Nemu war müde, denn er war gewohnt zu reiten, aber sein Eselchen war todt und Katuti konnte ihm kein neues geben. Die Hälfte von Mena's Vieh war verkauft und das übrige genügte kaum zur Feldbestellung.

An den Ecken der belebtesten Straßen und auf den Märkten standen Knaben mit Grauthieren, welche sie gegen geringes Entgelt vermietheten,In den modernen ägyptischen Städten vertreten gesattelte Esel unsere Droschken. Auf den Denkmälern finden sich nur Fremde, die auf Eseln reiten, abgebildet; aber fast alle Großen zählen in ihren Grüften schon in früher Zeit ihren Besitz an Eseln auf und dieser ist oft sehr beträchtlich. Auch blieb eine Darstellung aus dem alten Reiche erhalten, die einen vornehmen Herrn zeigt, der auf einem auf dem Rücken zweier Esel ruhenden Tragstuhle sitzt. Lepsius, Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien, Abth. II. 126. aber Nemu hatte seine letzten Ringe für ein Kleid und eine neue Perrücke verausgabt, um würdig angethan vor dem Statthalter erscheinen zu können. In früheren Tagen war seine Tasche niemals leer gewesen, denn Mena hatte ihm manches Stück Silber oder Gold zugeworfen, aber seine unruhige und ehrgeizige Seele beklagte nicht das verlorene Wohlleben. Mit Ingrimm gedachte er an jene Jahre des Ueberflusses, und während er sich jetzt keuchend durch den Staub schleppte, fühlte er sich groß und befriedigt.

Der Statthalter hatte ihm zu reden gestattet und es war dem gewandten Männlein bald gelungen, sein Ohr zu fesseln. Bei seiner Schilderung der wahnsinnigen Leidenschaft Paaker's waren Ani vor Lachen Thränen über die Wangen gelaufen, und bei seinen übrigen Berichten und Forderungen hatte er sich ernst und entgegenkommend gezeigt.

Nemu fühlte sich wie eine auf dem Lande herangewachsene Ente, die man in's Wasser setzt, wie ein im Käfig erwachsener Vogel, dem es zum ersten Male gestattet ist, seine Schwingen auszubreiten und zu fliegen. Ohne Klage würde er sich zu Tode geschwommen und geflogen haben, wenn die Verhältnisse seinem Eifer und Thatendurst keine Grenzen gesteckt hätten.

In Schweiß gebadet und mit Staub bedeckt gelangte er zu dem bunten Zelt im Fremdenviertel,Herodot II. 112 erwähnt das Tyrierviertel zu Memphis, das südlich vom Tempel des Ptah gelegen war und in dem die Fremden-Aphrodite (ξεινὴ ’Αφροδίτη) verehrt wurde. Brugsch hat es mit dem Quartiere anch ta (d. i. die Welt des Lebens) der Menesstadt zusammengebracht. wo selbst die Zauberin Hekt einzukehren pflegte, wenn sie nach Theben kam.

Weitsehende Anschläge ersinnend, Möglichkeiten erwägend, feine Pläne schmiedend, als überfein verwerfend und durch ausführbarere und weniger gefährliche ersetzend, hatte der kleine Staatsmann keinen Sinn für das bunte Treiben, welches ihn hier umgab. An dem Tempel, in dem die Leute von Kaft ihre AstarteDiese phönizische Göttin tritt auf ägyptischen Denkmälern mehrmals für Sechet ein. S. Anmerkung 44. In Edfu wird sie löwenköpfig gebildet und steht auf einem mit Pferden bespannten Wagen. In den Papyrus aus der Zeit unserer Erzählung kommt ihr Name, mit dem Ramses II. auch eines seiner Leibrosse und einen Hund belegte, nicht selten vor. verehrten, und dem Heiligthum des Seth, bei dem sie ihren BaalenNach Papyr. Sallier I. erwählte der Hyksoskönig Apepi (Apophis) »den Seth zum Herrn und er diente keinem andern Gotte, welcher in Aegypten war.« Später wurden die Baale der Semiten von den Aegyptern selbst mit dem Namen des Seth belegt, wie der zu Karnak wiedergefundene Friedensvertrag Ramses II. mit den Cheta lehrt, in welchem von der einen Seite die verschiedenen Seth der Cheta, Astarte &c. und von der andern die ägyptischen Gottheiten angerufen werden. Neben der Form Seth kommt auch die andere »Sutech« vor. Ueber Seth-Typhon ward gehandelt außer in Diestel's älterer Schrift von Pleyte in seinen études égyptiologiques u. a. a. O., von Chabas in seiner voyage d'un Égyptien, von Ebers in seinem Aegypten und die Bücher Mose, von Brugsch in seinen geogr. Inschriften und jüngst von E. Meyer in seiner Dissertation über Seth. Die phönizischen Kulte am eingehendsten behandelt in Movers berühmtem Werke. opferten, war er vorbeigegangen, ohne sich von dem Geschrei der tanzenden Beter, dem Cymbelklang und Lautenspiel, das aus ihren Ringmauern an sein Ohr drang, stören zu lassen.

Die Zelte und leicht gebauten Holzhäuser der Tänzerinnen und Dirnen lockten ihn nicht. Ihre Bewohnerinnen, die am Abend mit buntem Flitterstaat behängt die Jugend von Theben zu mancherlei Lust und Thorheit verführten, ruhten ohnehin so lange die Sonne am Himmel glühte. Nur in den Spielhäusern ging es lebendig her und die Polizeimannschaften hatten Mühe, die Leidenschaft der Soldaten, welche ihren Beuteantheil verloren, oder die Wuth der Matrosen, die betrogen zu sein glaubten, im Zaum zu halten und Blutvergießen zu verhüten.

Vor den Schenken lagen trunkene Leute und andere bemühten sich, fleißig die Becher füllend und leerend, sich den Geistern des Weines und Bieres gefangen zu geben. Von den mancherlei Musikanten, Taschenspielern, Feuerfressern, Jongleuren, Schlangenbändigern und Possenreißern, welche hier am Abend ihre Künste zum Besten gaben, war jetzt nichts zu sehen und doch glich auch so das Fremdenviertel einem niemals aufhörenden Jahrmarkt.

Aber diese Genüsse, denen Nemu tausendmal begegnet war, hatten ihn niemals angelockt. Die Liebe der Dirne und der Gewinn beim Spiele galten ihm nichts; das mit plumpem Zugreifen leicht und mühelos zu Erreichende konnte ihm keinen Reiz gewähren; den Spott der Tänzerinnen und ihrer Besucher fürchtete er nicht, ja er suchte ihn gelegentlich auf, denn das Wortgefecht behagte ihm und er glaubte, daß Niemand in Theben lebe, der ihm gegenüber das letzte Wort zu behalten vermöge. Auch Fremde theilten diese seine Ansicht, denn erst vor Kurzem hatte Paaker's Haushofmeister von Nemu gesagt:

»Unsere Zungen sind Stöcke, aber die des Kleinen ist ein Dolch.«

Das Ziel des Zwerges war ein sehr großes, buntes Zelt, durch nichts unterschieden von vielen ähnlichen in seiner Nähe. Das in den Innenraum führende Thor war breit, jetzt aber durch ein die Thür vertretendes grobes Stück Leinwand verschlossen.

Nemu drängte sich zwischen der Zeltwand und der beweglichen Pforte hindurch und trat in den beinahe kreisrunden vielseitigen Innenraum, dessen kegelförmiges Dach auf einem säulenartigen Stabe ruhte.

Auf dem staubigen Boden des Zeltgemaches lagen abgenutzte Teppichstücke und auf diesen hockten einige bunt gekleidete junge Weiber, mit deren Ausschmückung sich eine alte Frau emsig beschäftigte. Sie färbte die Fuß- und Fingernägel der Schönen mit orangefarbener Hennah, schwärzte ihre Wimpern und Augenlider mit Mestem,Stibium oder Spießglas. S. Anmerkung 42. um ihrem Blick einen hellern Glanz zu verleihen, legte ihnen weiße und rothe Schminke auf die Wangen und salbte ihr Haar mit duftigem Oel.

Es war sehr heiß in dem Zelt und keines der Mädchen redete ein Wort. Sie hielten der Alten still ohne sich zu rühren. Nur dann und wann griff Eine oder die Andere nach einem der am Boden stehenden porösen Thonkrüge, um zu trinken, oder öffnete ein Schächtelchen, um eine neue KyphipilleS. Anmerkung 43 und 53. auf die geschminkten Lippen zu legen.

An der Zeltwand lehnten musikalische Instrumente: Handtrommeln, Flöten und Lauten, vier Tambourine lagen auf dem Boden. Auf dem Kalbfelle des einen schlief, von dem Schellenreifen umgeben, eine Katze, deren zierliche Junge mit den Glöckchen an einem andern Tambourin spielten.

Durch die kleine Hinterthür des Zeltes ging ein altes Negerweib aus und ein, um, von Fliegen und Mücken umschwärmt, irdene Schüsseln mit Speiseresten, Granatäpfelschalen. Brodkrumen und Knoblauchstengel fortzuräumen, welche auf einem der Teppiche seit der vor mehreren Stunden beendeten Mahlzeit der Mädchen gestanden und gelegen hatten.

Die alte Hekt saß weitab von den Dirnen auf einer buntbemalten Kiste, holte ein Päckchen aus der Tasche und rief der Dienerin zu:

»Da nimm dieß Rauchwerk und verbrenne sechs Körner, dann wird das Ungeziefer« – und sie wies auf die Fliegen, welche den Teller in ihrer Hand umflogen, – »verschwinden. Wollt ihr, so vertreib' ich auch die Mäuse und locke die Schlangen aus ihren Löchern, besser noch als die priesterlichen Aerzte.«Rezepte zur Vertreibung der genannten schädlichen Thiere finden sich im Papyrus Ebers.

»Behalte Deine Zaubereien für Dich,« sagte eines der Mädchen mit heiserer Stimme. »Seit Du die Worte über mich gesprochen und mir den Trank gegeben hast, um mich wieder schlank zu machen und geschmeidig, stört mir ein schlimmer Husten die Nächte und Mattigkeit überfällt mich beim Tanze.«

»Aber schlank bist Du doch geworden,« erwiederte Hekt, »und bald wirst Du auch nicht mehr husten.«

»Weil sie todt sein wird,« flüsterte die Dienerin der Alten zu. Ich kenne das. So enden die meisten.«

Nemu's Mutter zuckte die Achseln und erhob sich von der Kiste, als sie den Zwerg in das Zelt schlüpfen sah.

Auch die Mädchen bemerkten den Kleinen und erhoben jenen unbeschreiblichen, dem Gackern der Hühner ähnlichen Schrei, den die Weiber des Orients bei jedem Gemüthsaffekt auszustoßen pflegen.

Nemu war den Dirnen wohl bekannt, denn nur in ihrem Zelte hielt sich seine Mutter auf, so oft sie nach Theben kam, und die munterste von ihnen rief:

»Du bist größer geworden seit Deinem letzten Besuche, Kleiner.«

»Du auch,« antwortete Nemu schnell, »aber nur was Deinen Mund betrifft.«

»Und Du bist so bös als Du klein bist,« gab das Mädchen zurück.

»Dann ist meine Bosheit gering,« lachte der Zwerg, »denn ich bin sehr klein und niedlich. Heil euch, ihr Mädchen. Helfe euch Besa bei eurem Schmucke. Sei gegrüßt, Mutter, Du ließest mich rufen?«

Die Alte nickte, der Zwerg ließ sich auf der Kiste neben ihr nieder und sie begannen mit einander zu flüstern.

»Wie staubig Du aussiehst und ermüdet,« sagte Hekt. »Ich glaube gar, Du bist im Sonnenbrand zu Fuße gegangen.«

»Mein Esel ist todt,« antwortete Nemu, »und ich hatte kein Geld, mir ein Reitthier zu miethen.«

»Der Anfang des künftigen Glanzes,« kicherte die Alte. »Was hast Du verrichtet?«

»Paaker hat uns gerettet,« erwiederte der Zwerg, »und ich komme von einem langen Gespräch mit dem Statthalter.«

»Nun?«

»Er wird Dir den Freibrief erneuern, wenn Du den Wegeführer in seine Hand gibst.«

»Gut, gut. Ich wollte, er entschlösse sich, mich aufzusuchen; natürlich verkleidet; ich hätte . . .«

»Er ist zaghaft und wollt' ich ihm solches Unausführbare rathen, es würde nicht klug sein.«

»Hm,« murmelte die Alte, »vielleicht könntest Du recht haben; denn wer oft zu fordern hat, darf nur das Erfüllbare heischen. Ein freches Verlangen verdirbt oft für immer dem Gönner die Lust am Gewähren. Wollen sehen, wollen sehen. Was hat sich weiter ereignet?«

»Des Statthalters Heer hat die Aethiopier geschlagen und bringt reiche Schätze nach Theben.«

»Damit kauft man die Leute,« murmelte die Alte. »Gut, gut!«

»Paaker's Schwert ist geschliffen. Ich gebe für meines Herrn Leben nicht mehr, als ich in meiner Tasche habe, und Du weißt, warum ich zu Fuß durch den Staub hieher gekommen bin.«

»Kannst heimwärts reiten,« erwiederte Hekt und reichte dem Kleinen ein silbernes Ringlein. »Hat der Wegeführer Deine Herrin Nefert wiedergesehen?«

»Da sind seltsame Dinge vorgefallen,« sagte der Zwerg und erzählte seiner Mutter, was sich zwischen Katuti und Nefert ereignet hatte. Nemu war ein guter Horcher und er hatte kein Wort von dem Gehörten vergessen.

Die Alte hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu und murmelte dann:

»Sieh', sieh'! Doch auch einmal etwas Ungewöhnliches! Was sonst in den Menschen vorgeht, sieht sich widerlich gleich in Palästen und Hütten. Die Mütter sind allesammt Aeffinnen, die sich mit Lust von ihren Kindern, die es ihnen schlecht genug danken, zu Tode quälen lassen, und die Ehefrauen pflegen die Ohren weit zu öffnen, wenn man ihnen von dem schlimmen Wandel ihrer Männer erzählt. Aber Deine Herrinnen, das laß ich gelten!«

Die Alte blickte sinnend zu Boden und fuhr dann fort:

»Im Grunde läßt sich auch dieß sehr einfach erklären und ist nicht ungewöhnlicher als das Gähnen der müden Dirne da drüben. Du erzähltest mir einmal, es sei ein reizender Anblick, die Mutter mit der Tochter, wenn sie zu den Festen und Panegyrieen fahren, nebeneinander auf dem Wagen stehen zu sehen. Katuti, sagtest Du, trüge auch Sorge, daß dann die Farben ihrer Gewänder und die Blumen in ihrem Haar zusammenstimmten. Für welche von Beiden wird der Anzug zuerst gewählt bei solchen Anlässen?«

»Immer für die Herrin Katuti, die von bestimmten Farben nicht abgeht,« antwortete Nemu eifrig.

»Siehst Du,« lachte die Hexe, »das muß so sein. Diese Mutter denkt immer zuerst an sich und an diejenigen Dinge, die sie zu erreichen wünscht. Aber die hängen hoch und da tritt sie auf Alles, was ihr zur Hand ist, auch auf ihr Kind, um sie zu erlangen. Sie schickt Paaker dem Mena auf den Hals, so wahr mir das Ohr klingt, denn dieß Weib wäre im Stande, mit den Augen ihrer Tochter Mora zu spielen und sie an den lahmen Windhund dort zu verheirathen, wenn sie dadurch ihre ehrgeizigen Pläne verwirklichen könnte.«

»Aber Nefert?« fragte der Kleine. »Du hättest sie sehen sollen. Ein Löwe ward aus dem Täubchen.«

»Weil sie Mena liebt, wie ihre Mutter sich selbst,« antwortete die Alte. »Die Dichter würden sagen: ›Sie ist voll von ihm.‹ Bei ihr trifft das zu! Da bleibt kein Raum für was Anderes. Eins nur will sie besitzen und wehe Dem, der es angreift!«

»Ich habe auch schon verliebte Frauen gesehen,« sagte Nemu, »aber . . .«

»Aber,« lachte die Alte so jäh auf, daß die Dirnen sich umwandten, »aber die geberdeten sich anders wie Deine Herrin Nefert? Das will ich Dir glauben und unter Tausenden gibt es nicht Eine, welche so von jener Krankheit ergriffen wird, die wüthender schmerzt als kuschitisches Pfeilgift in der offenen Wunde, und rascher um sich frißt als der Brand, und schwerer zu tilgen ist als das Siechthum, an dem die hustende Dirne dort abstirbt. Wen dieses Leidens Dämon beherrscht, der ist elend wie ein Verdammter oder auch,« und bei diesen Worten senkte sie ihre Stimme, – »glückseliger als die Götter, so viel ihrer sind. Ich kenne das Alles – Alles, denn auch ich war eine Besessene unter den Tausend und heute noch . . .«

»Nun?« fragte der Zwerg.

»Thorheiten,« brummte die Hexe und dehnte sich als wenn sie aus dem Schlaf erwache. »Unsinn. Der, den ich meine, ist längst verstorben, und wär' er's nicht, mir könnt' es gleich sein. Alle Männer sehen einander ähnlich und Mena wird sein wie die anderen.«

»Aber den Wegeführer Paaker beherrscht doch wohl der Dämon, den Du schilderst?« fragte der Kleine.

»Kann sein,« entgegnete die Alte; »aber er soll ja eigenwillig sein bis zur Tollheit. Jetzt ließe er sein Leben, um zu erreichen, was ihm versagt ist. Wenn Deine Herrin Nefert ihm gehörte, vielleicht würd' er ruhiger werden! Aber wozu das Geschwätz? Ich muß noch hinüber in das goldene Zelt, wo jetzt Alles verkehrt, was den Beutel voll Geld hat, um mit der Wirthin zu sprechen –«

»Was willst Du von Der?« fragte Nemu.

»Die kleine Uarda drüben,« gab die Alte zurück, »wird bald wieder gesund sein. Du hast sie ja wiedergesehen. Ist sie nicht schön geworden, wundervoll schön? Nun will ich sehen, was die Wirthin mir bietet, wenn ich sie ihr verschaffe. Leichtfüßig ist das Mädchen wie eine Gazelle und kann, tüchtig geübt, in wenigen Wochen den Tanz erlernen.«

Nemu erbleichte und sagte entschieden:

»Das solltest Du nicht thun!«

»Warum nicht?« fragte die Alte, »wenn es etwas Rechtes abwirft?«

»Weil ich Dir's verbiete,« flüsterte der Zwerg mit heiserer Stimme.

»Siehe da!« lachte die Zauberin. »Du möchtest meine Nefert sein und ich soll ihre Mutter Katuti spielen. Aber ernst gesprochen. Hast Du die Kleine wiedergesehen und begehrst Du sie für Dich selber?«

»Ja,« entgegnete Nemu. »Wenn wir zum Ziele gelangen, so spricht Katuti mich frei und macht mich reich. Dann kauf' ich dem Nachbar Pinem seine Enkelin ab und nehme sie zum Weibe. Ich baue uns ein Haus in der Nähe der Gerichtshalle und stehe den Klägern und Beklagten mit Rath zur Seite, wie der bucklige Sent, der jetzt auf seinem eigenen Wagen durch die Straßen fährt.«

»Hm,« sagte die Alte. »Das würde sich hören lassen, aber vielleicht ist's zu spät. Das Mädchen sprach im Fieber von dem Priester aus dem Setihause, der sie in Ameni's Auftrage besuchte. Das ist ein stattlicher Bursch, der sich wohl ihrer annimmt. Eines Gärtners Sohn soll er ja sein und sie nennen ihn Pentaur.«

»Pentaur?« fragte der Kleine. »Pentaur? Der hat die stolze Haltung und das Antlitz des verstorbenen Mohar und will höher hinaus; aber sie werden ihm bald den hochmüthigen Nacken brechen.«

»Um so besser,« gab die Alte zurück. »Uarda wäre eine Frau für Dich, sie ist gut und bescheiden, und man kann nicht wissen . . .«

»Was?« fragte der Zwerg.

»Wer ihre Mutter gewesen; denn die war keine der Unseren. Aus der Fremde kam sie hieher und sie haben ein Geschmeide mit seltener Schrift bei ihr gefunden. Man muß es den Kriegsgefangenen zeigen, sobald sie Dir gehört, denn vielleicht weiß einer von ihnen die fremdartigen Lettern zu deuten. Aus gutem Hause stammt sie, das weiß ich gewiß, denn Uarda ist das leibhaftige Ebenbild ihrer Mutter, und schon als sie zur Welt kam, sah sie aus wie das Kind eines Großen. Du lächelst, Du Narr! Tausend Säuglinge sind durch meine Hand gegangen und wenn sie in Lumpen gewickelt zu mir kommen, so vermag ich doch zu erkennen, ob ihre Eltern zu den Großen gehören oder den Kleinen. Der Bau des Fußes verräth es und andere Zeichen. Mag Uarda nun bleiben, wo sie ist; ich werde Dir helfen. Wenn sich Neues ereignet, so laß es mich wissen!«

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