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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Erster Band.

Erstes Kapitel.

Bei dem alten hundertthorigen Theben erweitert sich der Nil. Die Höhenzüge, welche den Strom zu beiden Seiten begleiten, nehmen hier entschiedenere Formen an; einzelne, beinahe kegelförmige Spitzen überragen scharf geschnitten den flachen Rücken des vielfarbigen Kalkgebirges, auf dem keine Palme gedeiht und kein genügsames Wüstenkraut Wurzel zu schlagen vermag. Steinige Spalten und Schluchten führen mehr oder minder tief in das Gebirge hinein, in dessen Rücken sich die allem Lebenden feindliche Wüste mit Sand und Steinen, mit Felsenklippen und öden Hügelriffen ausbreitet.

Hinter den östlichen Bergen reicht die Einöde bis an das rothe Meer, hinter den westlichen ist sie ohne Grenzen wie die Ewigkeit. Nach dem Glauben der Aegypter beginnt das Reich des Todes in ihrem Rücken.

Zwischen diesen beiden Hügelreihen, die wie Wälle und Mauern den Wüstensand abwehren, fließt der volle und frische Nil, Segen und Gedeihen spendend, zugleich der Vater und die Wiege von viel Millionen Existenzen. Er hat aus seinen beiden Ufern die breiten Flächen des schwarzen Fruchtlandes ausgebreitet und in seinen Tiefen tummeln und nähren sich vielgestaltige Bewohner im Schuppen- und Panzerkleide. Auf dem Spiegel des Wassers schwimmen Lotosblumen und in dem Papyrusschilf am Ufer nisten Wasservögel ohne Zahl. Zwischen dem Nil und den Bergen liegen Felder, die nach der Saatzeit in bläulichem Grün schimmern und wenn die Zeit der Ernte naht, wie eitles Gold erglänzen. Bei den Brunnen und Schöpfrädern erheben sich weithin schattende Sykomorenbäume, und Dattelpalmen gesellen sich, sorgsam gepflegt, zu freundlichen Hainen. – Das ebene, alljährlich von der Ueberschwemmung benetzte und gedüngte Fruchtland sticht von dem sandigen Fuße der Berge hinter ihm ab wie die Gartenerde eines Blumenbeets von gelben Kieswegen.

Im vierzehnten Jahrhundert vor Christus, denn wir führen den Leser in so ferne Zeiten zurück, setzte in Theben die Menschenhand an vielen Stellen durch hohe Steindämme und Uferbauten dem austretenden Wasser unübersteigliche Schranken, um die Straßen und Plätze, die Tempel und Paläste der Stadt vor der Ueberflutung zu schützen.

Fest verschließbare Kanäle führten von den Dämmen aus in das Hinterland und kleinere Zweiggräben in die Gärten von Theben.

Am rechten, östlichen Ufer des Nils erhoben sich die Straßen der berühmten Pharaonenresidenz. Hart am Flusse standen die ungeheuren bunten Tempel der Amonsstadt; hinter diesen und in geringerer Entfernung von den östlichen Bergen, ja bis zum Fuße derselben, theils schon auf dem Boden der Wüste, die Paläste der Könige und Großen und die schattigen Gassen, in denen sich die hohen und schmalen Häuser der Bürger eng aneinanderreihten.

Bunt und lebendig war das Treiben in den Straßen der blühenden Pharaonenresidenz.

Am westlichen Nilufer bot sich ein ganz anderes Bild. Auch hier fehlte es keineswegs an stattlichen Bauten und zahlreichen Menschen; aber während jenseits des Flusses eine kompakte Häusermasse sich erhob und die Bürger laut und fröhlich den Geschäften des Tages nachgingen, sah man auf dem diesseitigen Ufer nur große Prachtbauten, an welche sich kleinere Häuser und Hütten drängten, wie Kinder, die sich an die schützende Mutter schmiegen. Unvermittelt lagen diese Gebäudegruppen neben einander.

Wer den Berg bestieg und schaute zu ihnen hernieder, der empfing den Eindruck, als läge unter ihm eine große Zahl von engbenachbarten Dörfern mit stattlichen Herrenhäusern; wer von der Ebene aus zu dem östlichen Abhange der westlichen Berge hinaufschaute, der entdeckte hier Hunderte von verschlossenen, bald einzeln, bald in Reihen nebeneinander liegenden Thoren, von denen viele am Fuße der Hügel, noch zahlreichere in ihrer Mitte, aber auch einige in beträchtlicher Höhe gelegen waren.

Und wie wenig gleich sah das gemessene, fast feierliche Leben auf den Straßen hier, dem muntern und wirren Getreibe dort! Drüben, auf dem rechten Stromesufer war Alles in heftiger Bewegung bei der Arbeit und Erholung, in Lust und Schmerz, bei der That und Rede; hier auf dem linken wurde wenig gesprochen, schien ein Zauber die Schritte der Wanderer zu hemmen, eine blasse Hand den frohen Blick jeden Auges zu trüben und das Lächeln von jedem Munde zu bannen.

Und doch landete hier manche glänzend geschmückte Barke, fehlte es nicht an singenden Chören, zogen große Festzüge dem Westberge entgegen. Aber die Nilschiffe trugen Todte, die hier ertönenden Lieder waren Klagegesänge und die Festzüge bestanden aus den dem Sarkophage folgenden Leidtragenden.

Wir befinden uns auf dem Boden der Todtenstadt von Theben.

Immerhin fehlte es auch in dieser keineswegs an Verkehr und Leben, denn dem Aegypter starben seine Todten nicht. Er drückte ihnen die Augen zu, er führte sie in die Nekropole, in das Haus des Balsamirers oder Kolchyten und in die Gruft; aber er wußte, daß die Seele des Verstorbenen fortleben, daß sie gerechtfertigt als Osiris in der Sonnenbarke den Himmel befahren und in jeder Gestalt, die sie anzunehmen wünsche, auf Erden erscheinen und in den Lauf des Daseins der Hinterbliebenen eingreifen dürfe. Darum sorgte er für eine würdige Bestattung seiner Todten, vor Allem aber für eine dauerhafte Balsamirung der Leiche und für zu bestimmten Zeiten zu erneuernde Todtenopfer an Fleisch und Geflügel, Getränken und wohlriechenden Essenzen, Gemüsen und Blumen.

Weder bei der Bestattung, noch bei den Darbringungen durften die Diener der Gottheit fehlen und die stille Todtenstadt galt für die günstigste Stätte, für die Anlage von Schulen und Gelehrtenwohnungen.

So kam es, daß in den Tempeln, auf dem Boden der Nekropolis große Priestergenossenschaften beisammen wohnten und in der Nähe der ausgedehnten Balsamirungshäuser zahlreiche Kolchyten, deren Geschäft sich vom Vater auf den Sohn vererbte, ihre Häuser hatten.

Außerdem fehlte es nicht an Fabriken und Verkaufsstätten. In diesen wurden Sarkophage von Stein und Holz, Leinwandbinden zur Umwicklung der Mumien und Amulete für die Ausstattung der letzteren verfertigt, in jenen hielten Kaufleute Spezereien und Essenzen, Blumen, Früchte, Gemüse und Backwerk feil. Rinder, Gazellen, Ziegen, Gänse und anderes Geflügel wurden auf eingehegten Weideplätzen gefüttert und die Leidtragenden begaben sich hierher, um sich unter den von den Priestern für rein erklärten Exemplaren die Opferthiere, deren sie bedurften, auszusuchen und mit dem heiligen Siegel versehen zu lassen. Viele kauften bei den Schlachtbänken nur einzelne Fleischstücke. – Die Armen blieben dieser Stätte fern. Sie erstanden nur buntes Gebäck in Thiergestalt, das die theuren Rinder und Gänse, die ihnen zu erwerben ihre Mittel untersagten, symbolisch zu vertreten hatte. In den stattlichsten Läden saßen priesterliche Diener, welche Bestellungen auf Papyrusrollen annahmen, die man in den Schreibstuben der Tempel mit jenen heiligen Texten versah, welche die Seele der Verstorbenen zu wissen und zu sagen hatte, um die Genien der Tiefe abzuwehren, die Thore der Unterwelt zu öffnen und vor Osiris und den zweiundvierzig Beisitzern des unterirdischen Gerichtshofs gerecht befunden zu werden.

Was in den Tempeln vor sich ging, entzog sich den Blicken, denn ein jeder ward von einer hohen Umfassungsmauer umgeben, deren sorgfältig verschlossene, stattliche Hauptthore sich nur öffneten, wenn in der Morgenfrühe und am Abend ein Priesterchor in's Freie trat, um dem als Horus aufsteigenden und als Tum niedergehenden Gotte fromme Hymnen zu singenDer Lauf des Tagesgestirns ward mit dem des Menschenlebens verglichen. Als Kind (Horus) ging die Sonne auf, erwuchs in der Mittagszeit zum Helden Ra, für den die Uräusschlange an seinem Diadem kämpfte, und wurde am Abend bei ihrem Niedergange ein Greis (Tum). Aus dem Dunkel war das Licht entstanden; Tum wurde also konsequenterweise für älter erklärt, als Horus und die anderen Lichtgötter..

Sobald das Abendlied der Priester verklang, leerte sich die Nekropole, denn alle Leidtragenden und Besucher der Grüfte waren gehalten, nunmehr die Boote zu besteigen und die Todtenstadt zu verlassen. Große Menschenmengen, die in feierlichen Aufzügen das Westufer von Theben betreten hatten, eilten ohne Ordnung an den Fluß, von den Wachtmannschaften getrieben, welche abtheilungsweise den Dienst versahen und die Grüfte vor Räubern zu behüten hatten. Die Verkäufer schlossen ihre Buden, die Kolchyten und Arbeiter beendeten ihr Tagewerk und begaben sich in ihre Häuser, die Priester gingen in die Tempel zurück und die Herbergen füllten sich mit Gästen, welche aus der Ferne hieher gepilgert waren und lieber in der Nähe des Verstorbenen, dem ihr Besuch gegolten hatte, als in der geräuschvollen Stadt am jenseitigen Stromesufer zu übernachten wünschten.

Die Stimmen der Sänger und Klageweiber waren verstummt, selbst der Gesang der Matrosen auf den zahlreichen dem Ostufer von Theben zuströmenden Booten verhallte nach und nach, der Abendwind trug nur noch vereinzelte Töne herüber und endlich schwieg Alles.

Ein wolkenloser Himmel breitete sich über die schweigende Todtenstadt, nur zuweilen verfinstert von leichten Schatten, den in ihre Grüfte und Felsenspalten heimkehrenden Fledermäusen, die allabendlich zum Nil fliegen, um dort Mücken zu jagen, zu trinken und sich so zu ihrem lichtscheuen Tagesschlafe zu stärken. Dann und wann glitten schwarze Gestalten mit langen Schatten über den hellen Boden hin, die Schakale, welche zu dieser Stunde ihren Durst am Stromesufer zu löschen pflegten und sich oft schaarenweis und mit geringer Scheu in der Nähe der Gänsehürden und Ziegenställe zeigten.

Es war verboten, diese nächtlichen Räuber zu jagen, denn sie galten als heilige Thiere des Gottes Anubis, des Wächters der GräberDer schakalköpfig gebildete Gott Anubis ist der Sohn des Osiris und der Nephthys, der Schakal sein heiliges Thier. Schon in der ältesten Zeit stand er der Unterwelt vor. Er leitet die Mumisirung, erhält die Leichen, behütet die Nekropole und zeigt und eröffnet als Hermes Psychopompos (Hermanubis) den Seelen den Weg. Nach Plutarch soll er »für die Götter wachen, wie die Hunde für die Menschen«. und zeigten sich wenig gefährlich, denn sie fanden reichliche Nahrung in den Gräbern.

Die auf den Opferaltären niedergelegten Fleischstücke wurden von ihnen verzehrt; zur Genugthuung der Spendenden, welche, wenn sich das dargebrachte Fleisch am folgenden Tage nicht mehr vorfand, glaubten, es sei von den Unterirdischen für gut befunden und angenommen worden. Auch zeigten sie sich als zuverlässige Wächter, denn sie wurden zu gefährlichen Feinden eines jeden Unberufenen, der unter dem Schutze des Dunkels der Nacht in eine Gruft zu dringen versuchte.

Auch an demjenigen Sommerabende des Jahres 1352, an dem wir den Leser ersuchen, die Todtenstadt von Theben mit uns zu betreten, wurde es, nachdem der priesterliche Abendhymnus verklungen war, still in der Nekropole.

Schon wollten die wachthabenden Soldaten von ihrem ersten Untersuchungsgange heimkehren, als plötzlich ein Hund im Norden der Todtenstadt laut anschlug. Bald folgte ein zweiter, dritter und vierter. Der Wachthauptmann rief seinen Leuten ein »Halt« zu und befahl ihnen, als sich das Gebell weiter und weiter verbreitete und mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm, gen Mitternacht zu marschiren.

Die kleine Schaar hatte den hohen Damm erreicht, welcher das Westufer eines vom Nil abgezweigten Kanals begrenzte, und übersah von hier aus das Fruchtland bis zum Flusse und dem Norden der Nekropole. Noch einmal ward »Halt« kommandirt und als die Soldaten in derjenigen Richtung, in welcher die Hunde am heftigsten bellten, den Schein von Fackeln wahrnahmen, eilten sie vorwärts und erreichten bei den PylonenPylonen (Thore) wurden die durch einen Thorbau verbundenen Thürme an den Eingängen der ägyptischen Tempel genannt. des von Seti I., dem verstorbenen Vater des regierenden Königs, Ramses II., erbauten Tempels die Ruhestörer.

Der Mond war aufgegangen und goß sein blasses Licht über das stattliche Bauwerk, dessen Außenmauern von den mit dunklem Rauch überwehten Flammen der Fackeln in den Händen von schwarzen Dienern röthlich strahlten.

Ein untersetzter Mann in überladen reicher Kleidung pochte mit dem metallenen Griffe einer Geißel so heftig an das mit Erz bekleidete Tempelthor, daß die Schläge weithin durch die Nacht schallten. In seiner Nähe hielt eine Sänfte und ein mit edlen Rossen bespannter Wagen. In jener saß ein junges Weib und in diesem stand neben ihrem Rosselenker die hohe Gestalt einer vornehmen Frau. Mehrere den bevorzugten Ständen angehörende Männer und viele Diener umgaben das Fuhrwerk und die Sänfte. Nur wenige Worte wurden gewechselt. Die Aufmerksamkeit der seltsam beleuchteten Gruppe schien auf das Tempelthor gerichtet zu sein. Die Nacht verhüllte die Züge der Einzelnen, aber das mit dem Mondschein vermählte Licht der Fackeln war hell genug, um dem Pförtner, der von einem Thurme des Pylon auf die Ruhestörer herniederschaute, zu verrathen, daß sie den vornehmsten Ständen, ja vielleicht der königlichen Familie angehörten.

Mit lauter Stimme rief er dem Klopfer zu und fragte nach seinem Begehr.

Der Letztere schaute aufwärts und rief mit einer Stimme, deren verletzend herrischer Ton die Ruhe der Todtenstadt so roh und plötzlich unterbrach, daß sich die Frau in der Sänfte erschrocken aufrichtete:

»Wie lange sollen wir hier auf Dich warten, fauler Hund? Erst komme herunter und öffne das Thor und dann frage! Wenn die Fackeln nicht hell genug brennen, um Dir zu zeigen, wer hier wartet, so wird Dir meine Peitsche auf den Rücken schreiben, wer wir sind und wie man fürstliche Gäste aufnimmt!«

Während der Pförtner eine unverständliche Entgegnung murmelte und die Treppe hinabstieg um das Thor zu öffnen, wandte sich die Frau auf dem Wagen ihrem ungeduldigen Gefährten zu und sagte mit wohllautender, aber entschieden klingender Stimme; »Du vergißt, Paaker, daß Du wieder in Aegypten bist und es hier nicht mit wilden Schasu, sondern mit freundlichen Priestern zu thun hast, von denen wir noch dazu einen Dienst zu erbitten haben. Man klagt auch sonst über Deine Rauhheit, die mir in den ungewöhnlichen Verhältnissen, unter denen wir uns diesem Heiligthume nahen, am wenigsten angebracht zu sein scheint.« –

Obgleich diese Worte mehr im Tone des Bedauerns als in dem des Tadels gesprochen worden waren, so verletzten sie doch die Empfindlichkeit des Angeredeten, denn die Flügel seiner breiten Nase begannen sich heftig zu bewegen, seine Rechte schloß sich fest um den Griff der Geißel und während er sich demüthig zu verneigen schien, führte er einen so kräftigen Schlag auf die nackten Beine seines neben ihm stehenden Sklaven, eines alten Aethiopiers, daß dieser wie von Frost geschüttelt zusammenfuhr, dabei aber, denn er kannte seinen Herrn, keinen Klagelaut vernehmen ließ.

Indessen hatte der Pförtner das Thor geöffnet und zugleich mit ihm trat ein junger hochgestellter Priester in's Freie, um sich nach dem Begehr der Ruhestörer zu erkundigen.

Paaker wollte wiederum das Wort ergreifen, die auf dem Wagen stehende Frau kam ihm aber zuvor und sagte. »Ich bin Bent-Anat, die Tochter des Königs und diese Frau in der Sänfte ist Nefert, die Gattin des edlen Mena, des Rosselenkers meines Vaters. Wir begaben uns in Begleitung dieser Großen in das Nordwestthal der Nekropole, um die neuen Arbeiten zu besichtigen. Du kennst die schmale Felsenpforte, welche in die Schlucht führt. Auf dem Heimwege führte ich selbst die Zügel und hatte das Unglück, ein Mädchen, das mit einem Korbe voll Blumen am Wege saß, zu überfahren und dabei zu beschädigen; recht schlimm zu beschädigen fürcht' ich. Die Gattin des Mena hat die Kleine erst mit eigenen Händen verbunden, dann ließen wir sie in das Haus ihres Vaters schaffen, eines Paraschiten, Pinem soll er heißen; ich weiß nicht, ob Du ihn kennst.«

»Du hast seine Hütte betreten, Prinzessin?« sagte der Priester.

»Ich mußte ja, heiliger Vater,« gab sie zurück. »Zwar weiß ich, daß man sich verunreinigt, wenn man die Schwelle dieser Leute betritt, aber . . .«

»Aber,« rief die Gattin des Mena, sich in ihrer Sänfte aufrichtend, »Bent-Anat kann sich heute von Dir oder von ihrem Hauspriester reinigen lassen, dem armen Vater wird sie indessen schwer, vielleicht auch niemals ein gesundes Kind wiederzugeben vermögen.«

»Doch bleibt eine Paraschitenhöhle bei alledem unrein,« unterbrach der Kammerherr Penbesa, der Prinzessin Ceremonienmeister, die Gattin des Mena, »und ich habe mein Bedenken nicht zurückgehalten, als Bent-Anat ihren Willen, das verfluchte Nest in eigener Person zu betreten, zu erkennen gab. Ich schlug vor,« fuhr er zu dem Priester gewendet fort, »das Mädchen nach Hause tragen zu lassen und dem Vater ein königliches Geschenk zu übersenden.«

»Und die Prinzessin?« fragte der Priester.

»Sie handelte wie immer nach ihrem eigenen höchsten Willen,« gab der Ceremonienmeister zurück.

»Und der trifft stets das Rechte,« rief die Gattin des Mena.

»Wollten doch die Götter, es wäre so!« sagte die Prinzessin mit gedämpfter Stimme. Dann fuhr sie, indem sie sich an den Priester wandte, fort; »Du kennst den Willen der Himmlischen und die Herzen der Menschen, heiliger Vater, und ich bin mir bewußt, daß ich gern gebe und den Armen helfe, auch wenn sie keine anderen Fürsprecher haben, als ihre Armuth. Aber nach dem, was hier geschehen ist und diesen unglücklichen Menschen gegenüber war ich die Bedürftige.«

»Du?« fragte der Kammerherr.

»Ja, ich!« antwortete die Prinzessin entschieden.

Der Priester, welcher bisher ein stummer Zeuge dieser Verhandlung geblieben war, erhob nun wie zum Segen seine Rechte und sagte.

»Du hast recht gehandelt. Die HathorenHathor ist Isis in versinnlichter Form. Sie ist die Göttin des reinen lichten Himmels und trägt die Sonnenscheibe zwischen den Rindshörnern auf dem Kuhkopfe oder dem mit Kuhohren versehenen Menschenhaupte. Sie wird die Schöngesichtige genannt und alle reinen Freuden des Lebens sind ihr Geschenk. Später wird sie zur Muse, die mit Fröhlichkeit, Liebe, Sang und Tanz das Leben schmückt. Als gute Fee sehen wir sie an der Wiege der Kinder stehen und das Geschick ihres Lebens bestimmen. Sie trägt viele Namen und es werden mehrere, gewöhnlich sieben Hathoren, welche die Hauptrichtungen ihrer göttlichen Thätigkeit personifiziren, dargestellt. bildeten Dein Herz und die Herrin der Wahrheit lenkt es. Gewiß störtet ihr unsere Nachtgebete, um uns um einen Arzt für das verwundete Mädchen zu bitten?«

»Du sagst es!«

»Ich werde den Oberpriester um die besten Heilkünstler für äußere Verletzungen bitten und sie sogleich zu der Kranken senden. Aber wo befindet sich das Haus des Paraschiten Pinem? Ich kenne ihn nicht.«

»Nördlich von dem Terrassenbau der Hatasu, dicht bei . . .; aber ich gebe einem meiner Begleiter den Auftrag, die Aerzte zu führen. Es liegt mir ohnehin daran, morgen früh zu erfahren, wie es der Kranken geht. – Paaker!«

Der Gerufene, der rohe Klopfer, welchen wir bereits kennen, verbeugte sich mit herabhängenden Armen bis zur Erde und fragte;

»Was befiehlst Du?«

»Ich bestimme Dich zum Führer der Aerzte,« sagte die Prinzessin. »Dem Wegeführer des Königs wird es leicht sein, das versteckte Häuschen wieder zu finden; auch bist Du mein Mitschuldiger, denn,« und hiebei wandte sie sich an den Priester, »denn, daß ich's nur gestehe, das Unglück geschah, als ich mit meinen Rossen Paaker's syrische Renner, die er für schneller als die ägyptischen ausgab, zu überholen versuchte. Es war ein wildes Jagen.« –

»Und Amon sei gelobt, daß es so ablief,« rief der Ceremonienmeister. – »Paaker's Wagen liegt zerschellt in dem engen Thale und sein bestes Pferd ist schwer verwundet.« –

»Er wird, wenn er den Arzt zu dem Paraschiten geführt hat, nach ihm sehen wollen,« sagte die Prinzessin. »Weißt Du, Penbesa, Du sorgsamer Hüter eines unbesonnenen Mädchens, daß ich mich heute zum ersten Male freue, daß der Vater im fernen Satilande Krieg führt?«

»Er würde uns wenig freundlich empfangen haben,« lächelte der Ceremonienmeister.

»Aber die Aerzte, die Aerzte!« rief Bent-Anat. »Paaker, es bleibt dabei, Du führst sie und bringst uns morgen Nachricht über das Befinden der Kranken.«

Paaker verneigte sich; die Prinzessin winkte, der Priester und seine inzwischen aus dem Heiligthum hervorgetretenen Genossen erhoben segnend die Hände und der nächtliche Zug bewegte sich dem Nil entgegen.

Paaker blieb allein mit seinen beiden Sklaven zurück. Der Auftrag, den die Prinzessin ihm gegeben, verdroß ihn. So lange der Mondschein die Sänfte mit der Gattin des Mena zu unterscheiden gestattete, schaute er ihr nach, dann versuchte er die Lage des Hauses des Paraschiten in sein Gedächtniß zurückzurufen. Der Hauptmann der Sicherheitswache hielt noch immer mit seiner Mannschaft am Thore des Tempels.

»Kennst Du die Wohnung des Paraschiten Pinem?« fragte Paaker.

»Was suchst Du bei dem?«

»Das geht Dich nichts an,« herrschte Paaker.

»Grobian!« rief der Hauptmann. »Linksum und vorwärts, ihr Leute!«

»Halt,« rief Paaker ingrimmig, »ich bin der Wegeführer des Königs.«

»Dann wirst Du um so leichter den Ort wiederfinden, von dem Du herkommst. Vorwärts, Soldaten!«

Diesen Worten folgte wie im Echo ein vielstimmiges Gelächter, bei dessen übermüthigen Tönen Paaker so heftig erschrak, daß er seine Geißel zu Boden fallen ließ. Der Sklave, den er vor wenigen Minuten geschlagen hatte, hob sie demüthig auf und folgte dann seinem Herrn in den Vorhof des Tempels. Beide schrieben das immer noch leise an ihr Ohr schlagende Gekicher, das die ernste Ruhe der Todtenstadt unheimlich störte und dessen Urheber sie nicht zu erspähen vermochten, ruhelosen Geistern zu. Aber auch dem alten Thorhüter waren die übermütigen Töne nicht entgangen und ihm waren die Lacher besser bekannt als dem Wegeführer des Königs, denn kräftigen Schrittes trat er vor das Thor des Heiligthums und rief, dem tiefen Schlagschatten des Pylons folgend und mit seinem langen Stocke blindlings vor sich herschlagend;

»O, ihr nichtswürdige Brut des Seth,Von den Griechen Typhon genannt. Der Feind des Osiris, des Wahren, Guten und Reinen. Die Disharmonie und Unruhe in der Natur. Der für seinen Vater Osiris gegen ihn kämpfende Horus kann ihn niederwerfen und verstümmeln, aber niemals vernichten. ihr Galgenvögel und Höllenbraten, ich werde euch!« Da verstummte das Gekicher, einige jugendliche Gestalten traten in den Mondschein, der Alte verfolgte sie keuchend und nach einer kurzen Jagd eilte eine Schaar von halb erwachsenen Knaben durch die Tempelpforte in das Thor zurück.

Dem Wächter war es gelungen, einen dreizehnjährigen Uebelthäter zu fangen und er hielt ihn so fest am Ohr, daß sein hübscher Kopf in horizontaler Richtung an den Hals gewachsen zu sein schien.

»Ich zeig's dem Schulvorsteher an, ihr Heuschreckenplage und Fledermausgesindel,« rief er schnaubend. Aber das Dutzend Schulknaben, welches die günstige Gelegenheit wahrgenommen hatte und aus seinem Kerker entsprungen war, umschmeichelte ihn freundlich, Worte der Reue klangen aus jedem Munde, aber aus allen Augen blitzte die Lust an dem Geschehenen, das den Thätern doch Niemand nehmen konnte, und als einer der größten Schüler das Kinn des Alten erfaßte und ihm versprach, ihm morgen den Wein, welchen ihm seine Mutter für die folgende Woche schicken werde zur Aufbewahrung zu überlassen, da ließ der Wächter seinen Gefangenen los, der den Schmerz aus seinem glühenden Ohre zu reiben versuchte, und rief noch unfreundlicher als vorher; »Wollt ihr gleich machen, daß ihr fortkommt! Glaubt ihr, ich werde euren Streich so hingehen lassen? Da kennt ihr den alten Baba schlecht genug. Den Göttern werd' ich's klagen, nicht dem Schulvorsteher; und Deinen Wein, Junge, werd' ich opfern, damit euch der Himmel vergebe!«

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