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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zweites Kapitel.

Als der Morgen des folgenden Tages dämmerte, verließ der Arzt Nebsecht die Hütte des Paraschiten.

Er war zufrieden mit dem Befinden der Kranken und ging in tiefen Gedanken dem Terrassentempel der Hatasu zu, um seinen Freund Pentaur aufzusuchen und bei ihm die Schrift, welche er dem Alten versprochen hatte, aufzusetzen.

Als sich die Sonne strahlend erhob, erreichte er das Heiligthum. Er erwartete, den Morgengesang der Priester zu hören, aber Alles blieb still. Er klopfte und der Pförtner öffnete verschlafen das Thor.

Nebsecht fragte ihn nach dem Vorsteher des Tempels.

»Der ist in dieser Nacht gestorben,« gähnte der Mann.

»Was sagst Du?« rief der Arzt mit tiefem Entsetzen. »Wer ist gestorben?«

»Unser alter Vorsteher Rui, der brave Mann.«

Nebsecht athmete auf und fragte nach Pentaur.

»Du bist vom Setihaus,« sagte der Pförtner, »und weißt nicht, daß man ihn seines Amtes entsetzt hat? Die heiligen Väter haben sich geweigert, mit ihm die Geburt des Ra zu begrüßen. Er singt wohl für sich allein oben auf der Warte. Da wirst Du ihn finden.«

Der Arzt schritt schnell die Stufen hinan. Mehrere Priester stellten sich, sobald sie ihn bemerkten, singend zusammen. Er ließ sie unbeachtet und fand seinen Freund auf der obersten Terrasse mit Schreiben beschäftigt.

Bald wußte er, was sich ereignet hatte, und ingrimmig rief er: »Den klugen Herren im Setihause bist Du zu wahr, und dem Gesindel hier zu eifrig und rein. Ich wußt' es, daß es so kommen würde, als sie Dich in das Mysterium einführten. Uns Eingeweihten bleibt nur die Wahl, zu lügen oder zu schweigen.«

»Der alte Irrthum!« sagte Pentaur. »Wir wissen, daß die Gottheit Eins ist, wir nennen sie ›das All‹,Die heiligen Texte nennen Gott häufig den »Einen« und den »Einzigen«. Die pantheistische Lehre der Mysterien wird am deutlichsten in denjenigen Texten ausgesprochen, welche sich in fast allen Gräbern der Könige zu Theben an den Wänden des Eingangssaales finden. Sie sind gesammelt worden und enthalten Lobpreisungen des Ra, dessen 75 vorzügliche Erscheinungsformen angerufen werden. Ueber diese Texte und den Pantheismus in der esoterischen Lehre der Aegypter handelt eingehend und vortrefflich E. Naville in seinem Werke La litanie du soleil. Die Texte des Todtenbuchs, der zu Bulaq konservirte, von Stern und Grébaut behandelte Hymnus an die Sonne, die Inschriften auf den Sarkophagen und an den Wänden der Ptolemäertempel und in zweiter Reihe Plutarch's Traktat über Isis und Osiris, des Jamblichus ägyptische Mysterien und die Rede des Hermes Trismegistos an die menschliche Seele sind die vorzüglichsten Quellen für das Studium der ägyptischen Geheimlehre. Die in diesem Gespräche entwickelten vorgeschrittenen Anschauungen scheinen erst im neuen Reiche zur Ausbildung gekommen zu sein. Ausgegangen ist die ägyptische Religion von einem verhältnißmäßig rohen Sonnen- und Nildienste. ›die Hülle des Alls‹Teb temt. In ähnlicher Auffassung legt Eusebius dem Universum die Form eines griechischen Theta (Θ) bei. oder schlechtweg Ra. Aber unter Ra verstehen wir etwas Anderes wie die Sinnenmenschen, denn uns ist das Universum Gott und in jedem seiner Theile erkennen wir eine Erscheinungsform des höchsten Wesens, außer dem nichts ist in der Höhe und Tiefe.«

»Das Alles darfst Du mir sagen, dem Mitgeweihten,« unterbrach ihn Nebsecht.

»Aber ich enthalt' es auch den Laien nicht vor,« rief Pentaur; »nur zeig' ich Denen, die das Ganze nicht verstehen können, die Theile. Bin ich ein Lügner, wenn ich nicht sage: ›ich rede‹, sondern: ›mein Mund redet‹, wenn ich behaupte, Dein Auge schaue, obgleich Du ja selbst der Sehende bist? Wenn das Licht des Einen sich zeigt, so dank' ich ihm brünstig in Liedern und ich nenne die leuchtendste seiner Formen Ra. Wenn ich die grünen Felder da drüben schaue, so ruf' ich die Gläubigen auf, der Rennut zu danken, das ist derjenigen Wirksamkeit des Einen, durch welche das Korn zur üppigen Reife gelangt. Erfüllt mich Erstaunen vor der Gabenfülle, die dieser göttliche Strom, dessen Ursprung verborgen ist, unserem Lande beut, so preis' ich den Einen als Gott Hapi, den geheimnißvollen. Ob wir die Sonne schauen, den Erntesegen oder den Nil, ob wir in der sichtbaren oder unsichtbaren Welt die Einheit und Harmonie mit Bewunderung betrachten, so haben wir es doch immer nur mit dem Einen, dem Allumfasser zu thun, zu dem wir selbst gehören als diejenige seiner Erscheinungsformen, in welche er sein Selbstbewußtsein legte. Der Vorstellungskreis der Menge ist klein . . .«

»Und so geben wir Löwen ihr den Bissen, den wir auf einmal verschlingen,»Die Priester,« sagt Clemens von Alexandrien, »machen Niemand zum Mitwisser ihrer Mysterien, außer dem Könige oder denjenigen in ihrer Mitte, welche sich durch Tugend oder Weisheit auszeichnen.« Das Gleiche lehren die Denkmäler an vielen Stellen. fein zerschnitten und mit Brühe begossen, wie einem Kranken mit schwachem Magen.«

»Nein, wir fühlen nur die Pflicht, den scharfen Trank, der selbst Männer darniederzuwerfen droht, zu mildern und zu versüßen, ehe wir ihn den Kindern, den geistig Unmündigen reichen. In allegorischen Gestalten und Symbolen und endlich in einem schönen und farbenreichen Mythus haben die Weisen der Vorzeit die höchsten Wahrheiten zwar verschleiert, aber doch erkennbar der Menge nahe gebracht.«S. Anmerkung 62.

»Erkennbar?« fragte der Arzt. »Erkennbar? Wozu dann der Schleier?«

»Und glaubst Du, daß die Menge der nackten Wahrheit in's Gesicht zu schauen vermöchte,In Sais hatte das Standbild der Athene (Neith) folgende Inschrift: »Ich bin das All, das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige, meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet.« Plutarch, Isis und Osiris 9, ähnlich citirt von Proklus, in Plato's Timäus. ohne zu verzweifeln?«

»Kann ich's, kann's ein Anderer, der geradeaus sieht und nichts und gar nichts zu schauen bestrebt ist wie die Wahrheit?« rief der Arzt. »Wir wissen Beide, daß die Dinge nur so sind, wie sie sich in dem so oder anders bereiteten Spiegel unserer Seele malen. Ich sehe das Graue grau und das Weiße weiß und habe mich gewöhnt, wenn mich nach Erkenntniß verlangt, von dem Eigenen, wenn in meiner nüchternen Brust überhaupt so etwas vorhanden ist, nicht das geringste dazu zu geben. Du schaust gerade aus wie ich, aber jede Vorstellung wandelt sich in Dir, denn in Deiner Seele sind unsichtbare Bildner thätig, die das Schiefe zurechtrücken, das Gleichgültige mit Reiz, das Ansprechende mit Schönheit bekleideten. Du bist eben ein Dichter, ein Künstler, und ich nur Einer, der nach Wahrheit strebt.«

»Nur?« fragte Pentaur. »Eben um dieses Deines Ringens willen halt' ich Dich hoch und, Du weißt es ja, auch ich will nichts als die Wahrheit.«

Der Arzt nickte dem Freunde zu und sagte dann:

»Ich weiß, weiß! Aber unsere Wege laufen neben einander her, ohne sich je zu berühren, und unser letztes Ziel ist die Lösung eines Räthsels, für das es viele Deutungen gibt. Ihr glaubt im Besitze der rechten zu sein, und vielleicht gibt es gar keine.«

»So begnügen wir uns mit der entsprechendsten und schönsten,« sagte Pentaur.

»Der schönsten?« rief Nebsecht unwillig. »Schön soll das Ungeheuer sein, das ihr Gott nennt, der Riesenleib, der sich ewig selbst erzeugt, um sich wieder selbst zu verschlingen? Gott ist das All, sagt ihr, das sich selbst genügt. Ewig soll er sein und er ist es, weil Alles wieder von ihm aufgebraucht wird, was von ihm ausgeht, und der große Geizhals kein Sandkorn, keinen Lichtstrahl, keine Luftblase fortschenkt, ohne sie zurückzufordern für seinen Haushalt, den kein Zweck regiert, keine Vernunft, keine Güte, sondern ein tyrannisches Muß, dessen Sklave er selbst ist. Nur durch sich selbst erklärbar ist der Feigling, der sich hinter den Schleier der Unfaßbarkeit, den ich ihm abreißen möchte, versteckt. So sehe ich das Ding, das ihr Gott nennt!«

»Ein garstiges Bild,« sagte Pentaur, »weil Du vergißst, daß wir als Essenz des Alls, als die das Universum durchdringende und bewegende Kraft die Vernunft erkannt haben, welche in der Harmonie des Zusammenwirkens seiner Theile und in uns selbst, die wir aus seinem Stoffe geformt und mit seiner Seele beseelt sind, zur Erscheinung kommt.«

»Ist das Kriegsspiel des Lebens etwa vernünftig?« fragte Nebsecht. »Ist dieses ewige Niederwerfen, um wieder aufstehen zu lassen, besonders zweckvoll und weise? Und mit dieser Einführung der Vernunft in das All speist ihr euch selbst mit einem erdachten Gebieter ab, der den gnädigen Herren und Herrinnen, die ihr dem Volke zeigt, erschreckend ähnlich sieht.«

»Nur scheinbar,« entgegnete Pentaur, »nur weil das Uebersinnliche allein durch sinnliche Mittel mittheilbar wird. Indem sich Gott als Weltvernunft offenbart, nennen wir ihn ›das Wort‹. ›Der, welcher seine Glieder mit Namen belegt‹,Nach Inschriften zu Abydos und den Lobpreisungen des Ra zu Biban el Muluk. wie die heiligen Texte sich ausdrücken, ist der den Dingen ihre Unterscheidungsformen verleihende Wille; der Scarabäuskäfer,Nach den gleichen Texten. der ›als sein eigener Sohn in's Leben tritt‹, erinnert an die sich stets selbst erneuernde Werdekraft in der Natur, die Dich veranlaßt, unsern gütigen Gott ein Ungeheuer zu nennen, und die Du ebenso wenig ableugnen kannst, als die glückliche Wahl unseres Bildes; weißt Du doch, daß es nur männliche Scarabäen gibt, und daß diese Thiere sich selbst erzeugen.«Nach Horapollon, wo es heißt: εκ μόνου πατρὸς τὴν γένεσιν έχει ο κάνθαρος.

Nebsecht lächelte und sagte:

»Wenn alle Lehren des Mysteriums so wahr sind, wie dieses Bild glücklich gewählt ist, dann steht es schlimm mit ihnen. Die Mistkäfer sind seit Jahren meine Freunde und Zimmergenossen. Ich kenne ihr Familienleben und sage Dir, daß es unter ihnen Männchen und Weibchen gibt, wie unter den Katzen, Affen und Menschen. Deinen ›guten Gott‹ kenne ich nicht, und was ich bei ruhigem Denken am wenigsten begreife, ist der Umstand, daß ihr überhaupt ein gutes und böses Prinzip in der Welt unterscheidet. Ist das All wirklich Gott, ist Gott, wie die Schriften lehren, die Güte und gibt es nichts außer ihm, wo findet sich dann ein Platz für das Böse?«

»Du sprichst wie ein Schüler,« sagte Pentaur unwillig. »Gut und vernünftig an sich ist Alles was ist, aber der unendliche Eine, der sich seine Gesetze und Bahnen selbst vorschrieb, verleiht dem Endlichen seinen Bestand durch stete Erneuerung und geht immerfort in die wechselnden Formen des Endlichen über. Was wir das Uebel, das Böse, das Trübe nennen, ist an sich göttlich, gut, vernünftig und klar, aber es erscheint unserem umnebelten Sinne in anderem Lichte, weil wir nur den Weg und nicht das Ziel, nur das Einzelne und nie das Ganze schauen. So wie Du, so tadeln flüchtige Beurtheiler das Musikstück, in dem sie eine Disharmonie hören, welche der Harfner doch nur den Saiten entlockte, um seine Hörer die Reinheit der folgenden Harmonieen tiefer empfinden zu lassen; so tadelt den Maler, welcher seine Tafel schwarz färbt, ein Narr, welcher nicht abwartet, bis das Bild vollendet ist, das sich von dem dunklen Grunde heller abheben soll; so schilt ein Kind den edlen Baum, dessen Früchte faulen, damit aus ihren Kernen neues Leben erwachse. Das scheinbare Uebel ist nur eine Vorstufe zu höherem Wohlsein und der Tod die Schwelle zu neuem Leben, sowie jedes Abendroth nur verschleiert wird von der Nacht, um sich bald als Morgenglühen eines kommenden jungen Tages zu zeigen.«

»Wie überzeugend das klingt!« erwiederte Nebsecht. »Alles, auch das Abschreckende, gewinnt eben Reiz auf Deinen Lippen; aber ich könnte Deinen Satz umkehren und sagen, das Uebel regiere die Welt, und manchmal gäbe es uns einen Tropfen süßer Befriedigung zu kosten, um uns die Bitterkeit des Lebens nur desto härter empfinden zu lassen. Ihr seht in Allem Harmonie und Güte; ich habe beobachtet, daß die Leidenschaft das Leben erweckt, daß das ganze Dasein Kampf ist und ein Seiendes das andere auffrißt.«

»Und empfindest Du nicht die Schönheit des Sichtbaren und erfüllt Dich nicht die unwandelbare Gesetzmäßigkeit im All mit demüthiger Bewunderung?«

»Nach der Schönheit,« antwortete der Arzt, »hab' ich niemals ausgeschaut; es fehlt mir wohl auch das Organ, es selbständig zu erfassen, wenn ich mir's auch gerne durch Dich vermitteln lasse; die Gesetzmäßigkeit in der Natur aber, die laß ich völlig gelten, denn sie ist die wahre Weltseele. ›Temt‹S. Anmerkung 111. nennt ihr den Einen, das heißt die Summe, die durch die Addition vieler Zahlen gewonnene Einheit; und das gefällt mir, denn genau gemessen nach Maß und Zahl sind die Bestandtheile des Universums und die Kräfte, welche dem Leben seine Bahnen vorschreiben, aber ohne Güte und Schönheit.«

»Solche Ansichten,« rief Pentaur bekümmert, »sind die Folge Deiner wunderlichen Arbeiten. Du tödtest und zerstörst, um, wie Du Dich ausdrückst, dem Geheimnisse des Lebens auf die Spur zu kommen. Sieh' dem Werden zu in der Natur, öffne dem Organe, von dem Du meinst, daß es Dir fehle, die Augen und die Schönheit des Sichtbaren wird Dich auch ohne meine Beihülfe lehren, daß Du zu einem falschen Gotte betest.«

»Ich bete gar nicht,« sagte Nebsecht, »denn das die Welt bewegende Gesetz läßt sich ebensowenig durch Bitten rühren, wie eure regelmäßig ablaufenden Sanduhren. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Werden nicht auf die Spur zu kommen suche? Ich zeigte Dir ja schon, daß ich die Entstehungsweise der Scarabäen besser kenne als ihr. Ich habe manches Thier getödtet, und nicht nur um seinen Organismus kennen zu lernen, sondern auch um zu ergründen, wie es sich gestaltet hat. Aber gerade bei dieser Arbeit hat sich mein Organ für das Schöne eher verschlossen als eröffnet. Ich sage Dir, es ist ebensowenig reizend, der Entstehung, als der Vernichtung und Zersetzung der Dinge zuzusehen.«

Pentaur schaute den Heilkünstler fragend an.

»Ich will auch einmal,« fuhr der Letztere fort, »im Bilde reden. Da sieh' diesen Wein, wie rein er ist und wie duftig; und doch haben ihn die Winzer mit ihren schwieligen Füßen ausgetreten. Und diese volle Aehre! Goldig glänzt sie und schneeiges Mehl wird sie geben, wenn wir sie mahlen, und doch erwuchs sie aus einem verfaulenden Saatkorn. Neulich priesest Du mir die Schönheit des großen beinah vollendeten Säulensaales im Amonstempel drüben in Theben.Angelegt von Ramses I, fortgeführt von Seti I., vollendet von Ramses II. Die Reste dieser ungeheuren Halle mit ihren 134 Säulen haben nicht ihresgleichen in der Welt. Wie wird ihn die Nachwelt bewundern! Ich hab' ihn entstehen sehen. Da lagen Quadermassen in wüstem Gewirr, der Staub in Haufen und benahm mir den Athem, und vor drei Monaten wurde ich hinübergeschickt, weil über hundert Arbeiter auf einmal beim Steineschleifen im Sonnenbrande zu Tode geprügelt worden waren. Wär' ich ein Dichter wie Du, ich wollte Dir tausend ähnliche Bilder zeigen, die Dir nicht gefallen würden. Einstweilen haben wir genug zu thun, das Seiende zu beobachten und das sie bewegende Gesetz zu ergründen.«

»Ich habe Dein Streben niemals ganz verstehen und schwer begreifen können, warum Du Dich nicht der Wissenschaft der Horoskopen zuwandtest,« sagte Pentaur. »Glaubst Du denn, daß sich das wechselnde und von den Bedingungen ihrer Umgebungswelt abhängende Leben der Pflanzen und Thiere auf Gesetze, Zahlen und Maße zurückführen läßt, wie die Bewegungen der Sterne?«

»Das fragst Du? Sollte nicht die furchtbar starke Riesenhand, welche die Leuchtenden da droben in ihren sorgsam abgesteckten Bahnen fortzusausen zwingt, auch fein genug gebildet sein, um dem Fluge der Vögel und dem Schlage des menschlichen Herzens seine Bedingungen vorzuschreiben?«

»Da wären wir wieder bei dem Herzen,« lächelte der Dichter. »Bist Du Deinem Ziele näher gekommen?«

Der Arzt wurde sehr ernst und sagte:

»Vielleicht werd' ich schon morgen haben, was ich brauche. Da liegt Deine Palette mit rother und schwarzer Farbe, Papyrus und Schreibrohr; darf ich dieses Blatt benutzen?«

»Natürlich; aber erzähle mir erst . . .«

»Frage nicht; Du würdest mein Vorhaben nicht billigen und es gäbe neuen Streit.«

»Ich denke,« sagte der Dichter, indem er seine Hand auf die Schulter des Arztes legte, »daß wir den Streit nicht zu scheuen brauchten. Er ist bisher der Kitt und erfrischende Thau unserer Freundschaft gewesen.«

»So lange es sich um Ansichten gehandelt hat und nicht um Thaten.«

»Du willst Dich eines menschlichen Herzens bemächtigen!« rief der Dichter. »Bedenke, was Du thust! Das Herz ist das Gefäß des in uns lebendigen Ausflusses der Weltseele.«

»Weißt Du das so genau?« rief der Heilkünstler gereizt, »so liefere den Beweis! Hast Du jemals ein Herz untersucht, hat es Einer gethan unter meinen Berufsgenossen? Selbst des Verbrechers und Kriegsgefangenen Herz erklären sie für unantastbar, und wenn wir rathlos neben den Kranken stehen und unsere Medikamente ebenso oft Schaden bringen als Nutzen, woher kommt das? Nur davon, daß wir Aerzte gezwungen sind, zu arbeiten wie Astronomen, denen man zumuthet, die Sterne durch ein Brett zu beobachten. Zu Heliopolis bat ich den großen Urma Rahotep, den wahrhaft gelehrten Vorsteher unserer Zunft, der mich schätzte, das Herz eines verstorbenen Amu untersuchen zu dürfen; er aber weigerte mir's, denn die große SechetLöwenköpfige Göttin. S. Anmerkung 44. führe auch die tugendhaften Semiten in die Gefilde der Seligen ein,Nach dem die berühmten Darstellungen der vier Völker (Aegypter, Semiten, Libyer und Aethiopier) im Grabe Seti I. begleitenden Texte. und dann folgten die alten Bedenken; selbst das Herz eines Thieres zu zerschneiden sei sündhaft, denn auch bei ihm sei es der Träger der Seele, vielleicht einer getrübten und verurtheilten Menschenseele, die, ehe sie zu dem Einen zurückzukehren vermöge, den Läuterungsgang durch die Leiber der Thiere zu unternehmen habe. Ich beruhigte mich nicht und erklärte ihm, daß mein Urgroßvater Nebsecht, eh' er seinen Traktat vom Herzen geschrieben,Dieser Traktat bildet den interessantesten Abschnitt des Papyrus Ebers. Erschienen bei W. Engelmann in Leipzig. gewiß ein solches Organ untersucht habe. Da gab er zur Antwort, die Gottheit habe ihm offenbart, was er geschrieben, und deßwegen sei sein Werk in die heiligen Schriften des TothVon den Griechen »Hermetische Bücher« genannt. Papyrus Ebers ist die von Clemens von Alexandrien »das Buch von den Arzneimitteln« genannte Schrift. aufgenommen worden, die fest stünden und unantastbar wären wie die Weltenvernunft; er wolle mir Ruhe schaffen zu stiller Arbeit, ich sei erlesenen Geistes, vielleicht würden die Himmlischen auch mir mit Offenbarungen nahen. – Ich war damals jung und habe meine Nächte in Gebeten verbracht, aber ich magerte ab und mein Geist ward trüber statt klarer. Da schlachtete ich im Geheimen erst ein Huhn, dann Ratten, dann ein Kaninchen und zerschnitt ihre Herzen und folgte den Gefäßen, welche von ihnen ausgehen, und weiß nun wenig mehr als vorher, aber ich muß der Wahrheit auf den Grund kommen und ein Menschenherz haben.«

»Was soll Dir das?« fragte Pentaur. »Du kannst doch nicht das Unsichtbare und Unendliche mit Deinen menschlichen Augen wahrzunehmen hoffen?«

»Kennst Du den Traktat meines Urgroßvaters?«

»Ein wenig,« gab der Dichter zurück. »Er sagt, daß, wohin er auch seine Finger lege, ob auf den Kopf, die Hände oder den Magen, er überall auf's Herz treffe, weil dessen Gefäße in alle Glieder ausgingen, und das Herz sei der Knotenpunkt all' dieser Gefäße. Dann gibt Nebsecht wohl an, wie dieselben auf die Glieder vertheilt sind, und zeigt – ist es nicht so? –, daß die verschiedenen seelischen Zustände wie Zorn, Kummer, Ekel und auch der Sprachgebrauch des Wortes Herz durchaus für seine Ansicht sprächen.«

»Das ist's; wir haben schon davon gesprochen und ich glaube, daß er Recht hat, soweit es sich um das Blut handelt und die thierischen Empfindungen; aber die reine und leuchtende Intelligenz in uns, die hat einen andern Sitz,« und der Arzt schlug mit der Hand seine breite, aber niedrige Stirn. »Köpfe hab' ich beobachtet zu Hunderten, drunten beim Hochgericht, und auch lebenden Thieren die Schädeldeckel abgenommen. Doch nun laß mich schreiben, ehe wir gestört werden.«Menschliches Gehirn wird als Mittel gegen eine Augenkrankheit im Papyrus Ebers verordnet. Herophilus, einer der ersten Gelehrten des alexandrinischen Museums, studirte nicht nur die Körper der hingerichteten Verbrecher, sondern machte seine Versuche auch an lebenden Uebelthätern. Er behauptete, die vierte Höhle des menschlichen Gehirns sei der Sitz der Seele.

Der Arzt ergriff das Rohr, feuchtete die schwarze, aus Papyruskohle bereitete Farbe an und schrieb in zierlichen hieratischenIn der Zeit unserer Erzählung besaßen die Aegypter zwei Schriftarten; die hieroglyphische, in der die Lettern aus Bildern von konkreten Gegenständen, mathematischen und frei erfundenen Figuren bestanden und die gewöhnlich als Denkmälerschrift benutzt ward, und die hieratische, mit der man auf Papyrus zu schreiben pflegte, und in der die schriftbildenden Gemälde, zum Zwecke der schnelleren Schreibung, so starke Aenderungen und Abkürzungen erfuhren, daß man ihre Vorbilder nur undeutlich zu erkennen vermag. Im 8. Jahrhundert entstand eine weitere Abkürzung der hieratischen Schrift, welche die demotische oder Volksschrift genannt wird, und die man im bürgerlichen Verkehr anwandte. Während der hieroglyphischen und hieratischen Schrift der alte heilige Dialekt zu Grunde liegt, so wurden die demotischen Lettern nur benutzt, um die vom Volke gesprochene Sprache zu schreiben. E. de Rougé's Chrestomathie égyptienne. H. Brugsch's Hieroglyphische Grammatik, Le Page Renouf's kürzere hieroglyphical grammar. Ebers, Ueber das hieroglyphische Schriftsystem, 2. Auflage 1875, in den Virchow-Holtzendorff'schen Vorträgen. Lettern den Zettel für den Paraschiten, durch welchen er ihn zu dem Raube eines Herzens aufgefordert zu haben bekannte und bündigst erklärte, vor Osiris und den Todtenrichtern des Alten Schuld auf sich nehmen zu wollen.

Als er fertig war, streckte Pentaur die Hand nach dem Zettel aus, Nebsecht aber kniff ihn zusammen, steckte ihn in ein Täschchen, worin ein Amulet ruhte, das ihm seine Mutter sterbend um den Hals gehängt hatte, und sagte aufathmend:

»Damit wären wir fertig. Lebe wohl, Pentaur.«

Der Dichter hielt den Freund zurück, sprach ihm mit warmen Worten in die Seele, und beschwor ihn, von seinem Unternehmen abzulassen. Nebsecht aber blieb ungerührt von den Bitten des Andern und suchte seine Finger gewaltsam den starken Händen Pentaur's, die sie wie Eisenklammern umfaßt hielten, zu entziehen.

Der erregte Dichter ahnte nicht, daß er dem Freunde weh thue, bis dieser nach einem neuen und vergeblichen Befreiungsversuche schmerzlich ausrief:

»Du zerquetschest meine Finger!«

Da flog ein Lächeln über des Dichters Antlitz, er ließ den Heilkünstler los und sagte, indem er seine gerötheten Hände wie eine Mutter, die ihr Kind von einem Schmerz abzulenken versucht, streichelte:

»Sei mir nicht bös, Nebsecht; Du kennst meine unglücklichen Fäuste und heute mußten sie Dich ordentlich festhalten, denn Du hast etwas gar zu Tolles vor.«

»Tolles?« fragte der Arzt, indem er seinerseits lächelte. »Meinetwegen; aber weißt Du denn nicht, daß wir Aegypter alle an unseren Thorheiten mit besonderer Zärtlichkeit hängen und ihnen Haus und Hof zu opfern bereit sind?«

»Unser eigenes Haus und den eigenen Hof,« rief der Dichter und fügte dann ernst hinzu. »aber kein fremdes Dasein und kein fremdes Lebensglück.«

»Ich sagte Dir ja, daß ich das Herz nicht für den Sitz unserer Intelligenz zu halten vermag, und was mich betrifft, ebensogern mit einem Hammelherzen als mit meinem eigenen begraben werden will.«

»Ich spreche nicht von dem beraubten Todten, sondern von den Lebenden,« sagte der Dichter. »Wenn die That des Paraschiten entdeckt wird, so ist es um ihn geschehen und das liebe Kind in der Hütte dahinten würdest Du nur gerettet haben, um es in finsteres Elend zu stürzen.«

Nebsecht sah den Andern so erstaunt und erschrocken an, als habe er ihn mit einer Unglückspost aus dem Schlafe geweckt; dann aber rief er. »Ich würde mit der Alten und Uarda theilen, was ich habe.«

»Und wer wird sie schützen?«

»Ihr Vater.«

»Der rohe Trunkenbold, den sie morgen oder übermorgen wer weiß wohin senden werden!«

»Er ist ein guter Mensch,« unterbrach der Arzt seinen Freund mit allen Zeichen der Erregung und heftig stammelnd. »Aber wer möchte dem Kind etwas thun? Sie ist so – so . . . Sie ist so eigen, so gar holdselig und schön.«

Bei den letzten Worten schlug er die Augen nieder und erröthete wie ein Mädchen.

»Du verstehst das,« fuhr er fort, »besser als ich; ja und Du findest sie auch schön! Sonderbar! Du mußt nicht lachen, wenn ich gestehe, – nun ich bin ja ein Mensch wie jeder Andere auch –, wenn ich gestehe, daß ich das Organ, das fehlende Organ für die Schönheit der Formen doch endlich auch in mir entdeckt zu haben glaube; nicht glaube, sondern wirklich entdeckt habe, denn es hat von vorn herein hier, hier nicht gesprochen, sondern geschrieen, getobt, daß mir die Ohren sausten und mich zum ersten Male die Leidende mehr anzog als das Leid. Wie gebannt hab' ich in der Hütte gesessen und ihr Haar angestarrt und ihre Augen und wie sie athmete. Sie müssen mich längst im Setihause vermissen, vielleicht entdeckten sie meine Präparate, während sie mich in meinem Zimmer suchten! Zwei Tage und Nächte hab' ich mich von der Arbeit abziehen lassen um dieses Kindes willen. Wär' ich wie die Laien, die ihr heranzieht, so würd' ich sagen, Dämonen hätten mich verzaubert. Aber das ist es nicht« – und bei diesen Worten flammten des Arztes Augen auf – »das ist es nicht! Das Thier in mir, die gemeinen Triebe, deren Träger das Herz ist, das mir die Brust an ihrem Lager zersprengte, die haben die anderen feinen und reinen Regungen hier, hier in diesem Hirn überwuchert und an der Schwelle des Augenblicks, in dem ich wissend zu werden hoffe wie der Gott, den ihr den Fürsten alles Wissens heißt, muß ich erfahren, daß das Thier in mir stärker ist, als das, was ich meinen Gott nenne.«

Der Arzt hatte während dieser letzten Worte erregt und empört zu Boden geschaut und des Dichters kaum geachtet, welcher ihm staunend und voller Theilnahme zuhörte.

Eine Zeit lang schwiegen Beide, dann legte Pentaur seine Hand aus des Freundes Hand und sagte innig:

»Meiner Seele ist das nicht fremd, was Du empfindest, und mir hat es Kopf und Herz, wenn ich Dir nachsprechen darf, zugleich erregt; aber ich weiß, daß das, was wir fühlen, unseren gewohnten Empfindungen zwar fremd, daß es aber, statt niedriger zu sein, höher und köstlicher ist als diese. Nicht das Thier, Nebsecht, empfindest Du in Dir, sondern den Gott. Die Güte ist das schönste Attribut der Himmlischen, gütig gesinnt bist Du immer gewesen gegen Groß und Klein; aber ich frage Dich, ob es Dich je so unwiderstehlich gedrängt hat, einen Ozean von Güte auf ein anderes Wesen zu ergießen, ob Du für Uarda nicht Alles, was Du bist und hast, freudiger und selbstloser hingeben würdest, als für Vater und Mutter und Deine ältesten Freunde?«

Nebsecht nickte zustimmend; Pentaur aber rief:

»Nun wohl! So folge der neuen göttlichen Regung in Dir und sei gütig gegen Uarda und opfere sie nicht Deinen eitlen Wünschen. Armer Freund! Bei Deinem Forschen nach den Geheimnissen des Lebens hast Du Dich niemals nach dem Leben umgeschaut, das offen und ladend vor unseren Blicken sich weitet und breitet. Glaubst Du, daß die Jungfrau, welche den kühlsten Denker in Theben also entflammen konnte, nicht von hundert Sinnenmenschen begehrt werden wird, wenn ihr der Beschützer fehlt? Muß ich Dir sagen, daß unter den Tänzerinnen im Fremdenviertel neun unter zehn die Töchter sind von geächteten Eltern? Kannst Du den Gedanken ertragen, daß durch Deine Hand die Unschuld dem Laster verschrieben, die Rose in den Schmutz getreten werden soll? Ist das Menschenherz, nach dem Du verlangst, eine Uarda werth? – Nun geh', und morgen komm wieder zu mir, Deinem Freunde, der Alles nachzufühlen versteht, was Du empfindest, und dem Du heute um so Vieles näher gekommen bist, da Du sein reinstes Glück zu theilen gelernt hast.«

Pentaur hielt dem Arzte die Hand hin, dieser schlug langsam ein und ging sinnend und zaudernd und nicht achtend die brennende Glut der Mittagssonne über den Berg in das Thal der Königsgräber und der Paraschitenhütte entgegen.

Hier fand er den Soldaten bei seiner Tochter und fragte dringend: »Wo ist der Alte?«

»Er ging an die Arbeit in das Haus der Balsamirer,« lautete die Antwort. »Wenn ihm etwas begegnet, läßt er Dir sagen, so sollst Du nicht die Verschreibung vergessen und das Buch. Er war wie närrisch, als er uns verließ, und hat das Herz des Hammels in seinen Sack gesteckt und mitgenommen. Bleibe Du bei der Kleinen, die Mutter ist im Dienste und ich muß mit Kriegsgefangenen fort nach Harmonthis.Das heutige Erment, die nächste, in einer Tagreise zu erreichende Stadt südlich von Theben.

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