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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Fünfzehntes Kapitel.

Schon begannen die Nachmittagsschatten länger zu werden, als sich ein prächtiger Wagen der Pforte des Terrassentempels näherte.

Paaker, der Wegeführer des Königs, stand auf ihm und lenkte seine edlen und feurigen syrischen Rosse. Hinter ihm stand sein alter äthiopischer Sklave und seine große Dogge folgte mit lechzender Zunge dem schnellen Gespanne.

In der Nähe des Tempelthores ward er angerufen und hemmte den Lauf seiner Pferde. Ein winziges Männchen eilte ihm entgegen, und als er in demselben den Zwerg Nemu erkannt hatte, rief er unwillig:

»Um Deinetwillen, Knirps, unterbrech' ich meine Fahrt. Was willst Du?«

»Dich bitten,« sagte der Kleine, indem er sich demüthig verneigte, »mich, wenn Du Deine Geschäfte in der Todtenstadt beendet hast, mit hinüber zu nehmen nach Theben.«

»Du bist der Zwerg des Rosselenkers Mena?« fragte der Wegeführer.

»Mit nichten,« gab Nemu zurück, »ich gehöre seiner verlassenen Gattin, der Herrin Nefert. Ich kann mit meinen kleinen Beinen den Weg nur langsam verzehren, während die Hufe deiner Rosse ihn verschlingen, wie ein Krokodil seine Beute.«

»Steig' auf,« befahl Paaker. »Bist Du zu Fuß in die Todtenstadt gekommen?«

»Nein, Herr,« antwortete Nemu, »zu Esel; aber ein Dämon ist in das Vieh gefahren und hat es mit Krankheit geschlagen. Mitten auf dem Wege mußt' ich's liegen lassen. Die Thiere des Anubis werden heute besser zu Abend essen als wir.«

»Es soll nicht eben reichlich hergehen bei Deiner Herrin?« fragte der Wegeführer.

»Brod haben wir noch,« gab Nemu zurück, »und der Nil ist voll Wasser. Viel Fleisch ist nicht nöthig für Frauen und Zwerge, aber unser letztes Vieh nimmt eine Gestalt an, die für menschliche Zähne zu hart ist.«

Der Wegeführer verstand nicht den Scherz des Zwerges und schaute ihn fragend an.

»Es wird zu Geld,« sagte der Kleine, »und das läßt sich nicht kauen; bald aber wird auch das fort sein und dann gilt es, ein Rezept zu finden, aus Erde, Wasser und Palmenblättern nahrhafte Kuchen zu backen. Mir kann es gleich sein; ein Zwerg braucht nicht viel; aber die arme, zarte Herrin!«

Paaker peitschte seine Pferde mit einem so heftigen Geißelhiebe, daß sie sich hoch aufbäumten und es seiner ganzen Kraft bedurfte, ihr Feuer zu bändigen.

»Du wirft den Pferden die Kinnladen zerbrechen,« mahnte der alte Sklave hinter dem Wegeführer. »Schade um das schöne Vieh.«

»Hast Du es zu zahlen?« herrschte Paaker. Dann wandte er sich wiederum an den Zwerg und fragte erregt: »Warum läßt Mena die Frauen darben?«

»Er liebt seine Hausfrau nicht mehr,« erwiederte der Zwerg, indem er betrübt die Augen niederschlug. »Bei der letzten Beutevertheilung schlug er Gold und Silber aus und nahm dafür fremde Weiber in sein Zelt. Böse Dämonen haben ihn verblendet, denn wo lebte eine Frau, die schöner wäre als Nefert!«

»Du liebst Deine Herrin?«

»Wie meine Augen.«

Während dieses Gespräches waren die Beiden bei dem Terrassentempel angelangt. Paaker warf dem Sklaven die Zügel zu, befahl ihm, mit Nemu zu warten, und wandte sich an den Pförtner, um ihm seinen mit einer Hand voll Geld unterstützten Wunsch, zu dem Vorsteher des Tempels, Pentaur, geführt zu werden, vorzutragen.

Der Thürhüter ließ ihn, indem er mit einer flüchtigen Handbewegung ein Weihrauchbecken vor ihm hin und her schwenkte, in das Heiligthum ein und sagte:

»Du wirst ihn auf der dritten Terrasse finden; aber unser Vorsteher ist er nicht mehr.«

»So nannten sie ihn doch im Setihause, woher ich komme,« gab Paaker zurück.

Der Pförtner zuckte spöttisch lächelnd die Achseln und mit den Worten: »Man steigt den Palmbaum rasch hinan und fällt noch schneller hinunter,« ließ er den Fremden von einem Tempeldiener zu Pentaur führen.

Dieser Letztere erkannte den Mohar sogleich, fragte nach seinem Begehr und erfuhr, daß er gekommen sei, um ein wunderbares Traumgesicht von ihm deuten zu lassen.

Paaker erklärte, ehe er zu erzählen begann, daß er diesen Dienst nicht umsonst verlange; und als er wahrnahm, daß sich des Priesters Züge verfinsterten, fügte er hinzu: »Ich werde eurer Göttin ein schönes Opferthier senden, wenn Deine Deutung mir Günstiges verheißt.«

»Und im entgegengesetzten Falle?« fragte der Dichter, welcher im Setihause niemals das Geringste mit den Zahlungen der Beter und den Gaben der Frommen zu thun gehabt hatte.

»So schick' ich einen Hammel,« antwortete Paaker, dem der feine aus den Worten des Dichters herausklingende Spott entging und auch die Gaben der Gottheit je nach ihrem Werthe für seine Person zu zahlen gewohnt war.

Pentaur dachte an das Urtheil, welches der alte Gagabu vor zwei Abenden über den Mohar gefällt hatte, und es gefiel ihm zu prüfen, wie weit die Verblendung dieses Mannes gediehen sei. Darum fragte er, indem er ein Lächeln unterdrückte:

»Und wenn ich Dir nun nichts eben Schlechtes, aber auch nichts vollkommen Gutes voraussagen kann?«

»Eine Antilope und vier Gänse,« erwiederte Paaker schnell.

»Aber wenn ich nun gar nicht Willens wäre, Dir zu Diensten zu sein?« fragte Pentaur. »Wenn ich nun dächte, es sei unwürdig eines Priesters, die Götter je nach den Graden ihrer Huld gegen den Einzelnen bezahlen zu lassen, wie bestechliche Beamte, wenn ich nun – und ich kenne Dich von der Schulbank her – Dir, und gerade Dir zeigen möchte, daß es Dinge gibt, die sich nicht mit ererbtem Gelde erkaufen lassen?«

Der Wegeführer trat überrascht und ingrimmig zurück; Pentaur aber fuhr gelassen fort:

»Ich stehe hier als Diener der Gottheit und doch, das zeigt mir Dein Angesicht, fehlte nicht viel, daß Du Deinen gewalttätigen Sinn zu Deinem Schaden auch an mir erprobtest. Die Himmlischen senden uns die Träume nicht, um uns Vorfreude zu schaffen oder vor Schaden zu warnen, sondern um uns zu mahnen, unsere Seelen so zu bereiten, daß wir das Ueble still ergeben zu ertragen und das Schöne herzlich dankbar zu empfangen und aus beiden Gewinn für unser inneres Leben zu ziehen vermögen. Ich will Deine Träume nicht deuten! Komm ohne Gaben, aber demütigen Herzens und sehnsüchtig nach innerer Läuterung wieder, und ich werde die Götter bitten, daß sie mich erleuchten und Dir auch den bösen Traum also auslegen, daß er Dir zum Segen gereiche. Verlaß mich und den Tempel!«

Paaker knirschte vor Zorn; aber er bezwang sich und sagte nur, indem er sich langsam zurückzog:

»Hätte man Dich nicht schon Deines Amtes entsetzt, so würde es Dich vielleicht die Frechheit, mit der Du mich abweisest, gekostet haben. Wir treffen uns wieder und dann wirst Du erfahren, daß ererbtes Geld in der rechten Hand mehr vermag, als Dir lieb ist.«

»Noch ein Feind,« dachte der Dichter, als er allein war, und richtete sich hoch auf im frohen Gefühle, dem Rechten zu dienen.

Während der Unterredung des Wegeführers mit Pentaur hatte sich der Zwerg Nemu mit dem Pförtner des Terrassentempels unterhalten und von diesem erfahren, was dort vorgefallen war.

Paaker bestieg bleich vor Ingrimm seinen Wagen und trieb seine Rosse an, ehe Nemu das Trittbrett erklettert hatte; aber der äthiopische Sklave ergriff den Kleinen und stellte ihn behutsam hinter seinem Herrn auf die Füße.

»Schurke, Elender, das soll er mir büßen; Pentaur heißt er, der Hund,« murmelte der Wegeführer vor sich hin.

Dem Zwerge entging keines seiner Worte und sobald er den Namen des Dichters vernommen hatte, rief er den Wegeführer an und sagte.

»Einen Schandbuben hatten sie zum Vorsteher dieses Tempels ernannt; Pentaur heißt er. Aus dem Setihause ist er wegen seiner Sinnlosigkeit verbannt worden und nun soll er die Schüler zum Aufstande verführt und unreine Weiber in das Heiligthum gelockt haben. Meine Lippen wagen es nicht auszusprechen, aber der Pförtner beschwor es, daß ihn der erste Horoskop aus dem Setihause bei einer Zusammenkunft mit Bent-Anat, der Tochter des Königs, betroffen und sofort seines Amtes entsetzt hat.«

Paaker wiederholte fragend:

»Mit Bent-Anat?« und murmelte, ehe der Zwerg zu einer Antwort Zeit finden konnte. »Ja, mit Bent-Anat,« denn er gedachte des vorgestrigen Tages und wie lange die Prinzessin mit dem Priester in der Hütte des Paraschiten geblieben war, während er mit Nefert gesprochen und die Zauberin aufgesucht hatte.

»Ich möchte nicht in des Priesters Haut stecken,« sagte Nemu, »denn wenn Ramses auch fern ist, so ist doch der Statthalter Ani nahe genug. Das ist zwar ein Herr, der selten scharf zufaßt, in's eigene Nest läßt sich aber selbst der Tauber nicht greifen.«

Paaker schaute sich fragend um.

»Ich weiß es,« versicherte der Zwerg. »Der Statthalter wirbt bei Ramses um seine Tochter.«

»Er hat schon geworben,« betheuerte Nemu, als der Wegeführer ungläubig lächelte, »und der König ist nicht abgeneigt, das Jawort zu geben; er stiftet gern Ehen, das weißt Du am besten!«

»Ich?« fragte der Wegeführer erstaunt.

»Hat er doch Katuti gezwungen, ihre Tochter Nefert seinem Wagenlenker zum Weibe zu geben. Das weiß ich von ihr selbst. Sie kann Dir's bestätigen.«

Paaker schüttelte verneinend den Kopf, der Zwerg aber sagte dringend: »Doch, doch! Katuti wollte Dich und nur Dich zum Schwiegersohne und der König, nicht sie, hat das Verlöbniß gebrochen. Du mußt damals schlecht angeschrieben gewesen sein bei der hohen Pforte, denn Ramses hat harte Worte über Dich gebraucht. Unsereiner ist wie die Maus hinter dem Vorhang, die Manches erfährt.«

Paaker zwang seine Rosse jählings zum Stillstande, sprang vom Wagen, warf seinem Sklaven die Zügel in die Hand, rief den Zwerg an seine Seite und sagte:

»Wir wandern von hier bis zum Strom und Du sagst mir, was Du weißt; aber wenn ein unwahres Wort über Deine Lippen geht, so laß ich Dich von meinen Hunden zerreißen.«

»Ich weiß, daß Du Wort hältst,« seufzte der Kleine; »aber geh' weniger schnell, wenn Du willst, daß mir der Athem nicht ausgeht. Laß Dir von Katuti selbst erzählen, wie das Alles gekommen ist. Ramses hat sie gezwungen, Nefert dem Rosselenker zu geben. Ich weiß nicht, was er über Dich sagte, aber schmeichelhaft ist es nicht gewesen. Meine arme Herrin! Sie ließ sich von dem Laffen, dem Weiberhelden, kirren und klagt jetzt und weint. Wenn ich mit Katuti an dem hohen Thore Deines Hauses vorübergehe, so seufzt sie oft bitter und klagt wohl mit Recht, denn bald ist es vorbei mit unserer Herrlichkeit und wir werden unter den AmuSemiten, die zur Zeit unserer Erzählung das östliche Delta bevölkerten. Siehe Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's, sowie den Abschnitt. »Semiten und Aegypter« in Brugsch's »Geschichte Aegyptens unter den Pharaonen.« Aus dem alten Amu-Namen wurde später der der Bi-amiten. im Unterland eine bescheidene Freistätte aufsuchen, denn die Edlen werden uns wie die Aussätzigen meiden. Du magst froh sein, daß Du Dein Geschick nicht an das unsere gebunden hast, ich aber habe ein treues Herz und gehe mit meiner Herrin in's Elend.«

»Du redest in Räthseln,« sagte Paaker. »Was habt ihr zu fürchten?«

Nun erzählte der Zwerg, daß Nefert's Bruder die Mumie seines Vaters verspielt habe, wie ungeheuer die verlorene Summe sei und daß Katuti, und ihre Tochter mit ihr, der Ehrlosigkeit verfallen werde.

»Wer sollte sie retten,« jammerte er. »Ihr schändlicher Gatte verpraßt Erbgut und Beute, Katuti ist arm und das Wörtchen ›gib mir‹ verscheucht die Freunde wie der Schrei des Habichts die Hühner. Meine arme Herrin.«

»Die Summe ist groß,« murmelte Paaker vor sich hin.

»Ungeheuer ist sie,« seufzte der Zwerg, »und wo könnte man sie in diesen schweren Zeiten finden? Es stünde anders um uns, wenn, ja wenn – und dabei, es ist zum Tollwerden, dabei glaub' ich nicht, daß Nefert sich noch etwas aus dem Prahlhanse macht. Sie denkt so viel an Dich wie an ihn!«

Paaker schaute den Zwerg halb ungläubig, halb drohend an.

»Ja, an Dich,« betheuerte der Kleine. »Seit eurer Fahrt in die Todtenstadt, vorgestern war es wohl, spricht sie nur von Dir und lobt Deine Tüchtigkeit und Deinen strengen, männlichen Sinn. Es ist, als zwänge sie ein Zauber, an Dich zu denken.«

Der Wegeführer begann so schnell zu schreiten, daß ihn der Zwerg von Neuem bitten mußte, seinen Schritt zu mäßigen.

Schweigend gelangten sie an den Nil, wo Paaker's reiche Barke wartete, welche auch sein Gespann aufnahm. Er ließ sich in dem Kajütenhause nieder, rief den Zwerg an seine Seite und sagte:

»Ich bin Katuti's nächster Verwandter; wir haben uns ausgesöhnt; warum wendet sie sich nicht an mich in ihrer Noth?«

»Weil sie stolz ist und Dein Blut auch in ihren Adern fließt. Eher würde sie mit ihrem Kinde sterben, hat sie gesagt, als Dich, an dem sie gesündigt, um ein Almosen bitten.«

»So hat sie an mich gedacht?«

»Sogleich, und auch nicht an Deinem Edelmuth gezweifelt. Sie hält Dich hoch, ich wiederhol' es, und wenn ein Chetapfeil oder die Strafe der Götter Mena erreichte, sie führte Dir ihr Kind glückselig in die Arme und Nefert, das glaube mir, hat ihren Spielgefährten nicht vergessen. Schon vorgestern Abend, als sie aus der Todtenstadt heimkehrte, ehe noch die Briefe aus dem Lager zu uns gekommen waren, war sie voll von Dir,»Voll (meh) von Jemand sein« wird auch in der ägyptischen Sprache für »verliebt sein in Jemand« gebraucht. ja sie hat Dich im Traume gerufen; ich weiß es von Kandake, ihrer schwarzen Zofe.«

Der Wegeführer blickte zu Boden und sagte:

»Seltsam! in derselben Nacht hatte auch ich ein Gesicht, in dem mir Deine Herrin erschien; der freche Priester im Hathortempel sollt' es mir deuten.«

»Und er weigerte Dir's, der Narr? Aber es verstehen sich noch andere Leute auf Träume und ich bin nicht der Letzte unter ihnen. Frage Deine Diener! Neunundneunzigmal unter hundert treffen meine Deutungen zu. Wie war das Gesicht?«

»Ich stand am Nil,« sagte Paaker, indem er die Augen niederschlug und mit seiner Geißel Linien durch die Wolle des bunten Kajütenteppichs zog, »und das Wasser war still und ich sah Nefert am andern Ufer stehen und mir winken. Da rief ich sie und sie trat auf das Wasser, das sie trug, als wäre es dieser Teppich. Sie ging über die Wellen hin wie über Steine, die in der Wüste liegen, trockenen Fußes. Ein seltsamer Anblick! Näher kam sie mir und näher und schon griff ich nach ihrer Hand, da tauchte sie unter wie ein Schwan. Ich war in das Wasser getreten, um sie zu empfangen, und als sie wieder emporstieg, umfaßte ich sie mit meinen Armen; aber da ereignete sich das Seltsamste! Sie zerfloß, sie zerrann wie der Schnee in den syrischen Bergen, wenn man ihn in die Hand nimmt, und doch anders, denn aus ihren Haaren wurden Wasserlilien, aus ihren Augen zwei blanke Fischchen, die munter fortschwammen, aus ihren Lippen zwei Korallenzweige, die schnell versanken, und aus ihrem Leibe ward ein Krokodil mit dem Kopfe des Mena, welcher mich lachend angrinste. Da erfaßte mich blinde Wuth, ich stürzte mit gezogenem Schwert auf ihn ein, er schlug seine Zähne in mein Fleisch, ich stieß ihm meine Waffe in den Rachen, der Nil verdunkelte sich durch unser strömendes Blut, und so kämpften wir miteinander und kämpften, – es dauerte eine Ewigkeit, – bis ich erwachte.«

Der Wegeführer athmete tief bei den letzten Worten und es war, als ängstige ihn sein wilder Traum zum andern Male.

Der Zwerg hatte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört; aber es verstrichen mehrere Minuten, ehe er anhob:

»Ein seltsamer Traum; doch kann die Deutung dem Kundigen nicht schwer fallen. Nefert strebt Dir zu, sie will die Deine werden, aber ob Du sie auch schon in Deinen Armen zu halten wähnst, so wird sie sich Dir entziehen, so wird Deine Hoffnung zerrinnen wie Eis und verwehen wie Sand, wenn Du nicht das Krokodil aus dem Wege zu räumen verstehst.«

In diesem Augenblick stieß das Boot an die Landungsbrücke. Der Wegeführer sprang auf und rief:

»Wir sind am Ziele!«

»Wir sind am Ziele,« wiederholte der Kleine nachdrucksvoll. »Nur noch die schmale Brücke dort ist zu überschreiten!«

Als Beide am Ufer standen, sagte der Zwerg:

»Habe Dank für Deine Gastfreundschaft und wenn ich Dir dienen kann, so gebiete.«

»Komm hierher,« rief der Wegeführer und zog Nemu mit sich fort unter den Schatten einer vom Dämmerlichte der scheidenden Sonne umwebten Sykomore.

»Was meintest Du mit der Brücke, die wir zu überschreiten hätten? Ich verstehe die verblümten Reden nicht und verlange deutliche Worte.«

Der Zwerg besann sich einen Augenblick und fragte dann:

»Darf ich ohne Schleier, nackt und offen sagen, was ich meine, und willst Du nicht zürnen?«

»Sprich!«

»Mena ist das Krokodil. Schaffe ihn aus der Welt und Du hast die Brücke überschritten, denn Nefert wird Dein sein, – wenn Du mir folgst.«

»Was soll ich thun?«

»Schaff' den Rosselenker aus der Welt!«

Paaker machte eine Bewegung, als wollte er sagen, das sei eine längst beschlossene Sache, und wandte dann der guten Vorbedeutung wegen sein Antlitz so, daß der aufgehende Mond zu seiner Rechten stand; der Zwerg aber fuhr fort:

»Sichere Dir Nefert, damit sie nicht vor Dir zerfließe wie Deine Traumgestalt, eh' Du am Ziele bist: das heißt, löse die Ehre Deiner künftigen Mutter und Gattin ein, denn wie möchtest Du eine Gebrandmarkte in Dein Haus führen?«

Paaker schaute nachdenklich zu Boden, Nemu aber sagte:

»Darf ich der Herrin verkünden, daß Du sie retten willst? Ich darf?! Nun so wird Alles gut, denn wer für seine Liebe ein Vermögen hingibt, der wird sich nicht besinnen, für seine Liebe und seinen Haß zugleich eine Erzspitze und einen Rohrstab zu opfern!«

 
Ende des ersten Bandes.

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