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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Vierzehntes Kapitel.

Auch Pentaur verließ bald die Hütte des Parasiten..

Nachdenklich betrat er den Bergpfad, welcher zu dem TempelDieser Tempel ist verhältnismäßig gut erhalten geblieben. Abbildungen der interessantesten, in ihm aufgefundenen Darstellungen finden sich im Dümichen's Flotte einer ägyptischen Königin. Der Grundriß in Lepsius' Denkmälern aus Aegypten und Aethiopien kann nach den Freilegungen Mariettes und dem jüngst von ihm veröffentlichten Plan an dieser Stelle vervollständigt werden. führte, dessen Leitung ihm Ameni übertragen hatte.

Unerfreuliche und schwere Stunden sah er nahen.

Das Heiligthum, dem er vorstand, war von der der entthronten Dynastie angehörenden Königin HatasuTochter Thutmes I., Gattin ihres Bruders Thutmes II., Vormünderin ihres zweiten Bruders Thutmes III. Thatkräftige Frau, die große Werke herstellte und sich mit dem Helm und Barte der Männer abbilden ließ. ihrem eigenen Gedächtniß und der Göttin Hathor geweiht worden.

Die Priester, welche es bedienten, befanden sich im Besitz von eigentümlichen, verbrieften Vorrechten, welche bisher streng berücksichtigt worden waren. Ihre Würde war erblich, ging von dem Vater auf den Sohn über und sie durften ihre Leiter aus ihrer eigenen Mitte wählen.

Nun war ihr Vorsteher Rui tödtlich erkrankt und Ameni, dem die Oberaufsicht über sie zustand, hatte ihnen, ohne sie zu befragen, den jungen Pentaur an seiner Stelle gesandt.

Unwillig nahmen sie den Eindringling auf und fest schlossen sie sich gegen ihn zusammen, als es sich zeigte, daß er ein strenges Regiment zu führen und viele unter ihnen zur Gültigkeit gelangte Mißbräuche abzustellen Willens sei.

Die Begrüßung der aufgehenden Sonne hatten sie den Tempeldienern übertragen; Pentaur verlangte, daß wenigstens die Jüngeren an dem Gesange des Morgenhymnus theilnähmen, und leitete selbst die Chöre. Mit den reichen auf den Altar der Göttin gelegten Opfern hatten sie Handel getrieben, ihr neuer Meister wehrte diesem Mißbrauche, sowie den Erpressungen, die sie sich gegen geängstigte Frauen zu Schulden kommen ließen, welche den Tempel der Hathor zahlreicher als irgend ein anderes Heiligthum besuchten.

Der Dichter, im Setihause zur Strenge gegen sich selbst, zu Ordnung, Pünktlichkeit und reinen Sitten erzogen, tief durchdrungen von der Würde seines Standes und gewöhnt, mit besonderem Eifer gegen Trägheit des Körpers und Geistes zu Felde zu ziehen, fühlte sich angewidert von dem Schlaraffenleben und dem trügerischen Treiben seiner Untergebenen und beschloß mit um so feurigerem Eifer, hier ein neues Leben zu erwecken, je tiefere Einblicke ihm der gestrige Tag in das Elend und die Sorge des menschlichen Daseins gewährt hatte.

Die Ueberzeugung, daß die träge Schaar, der er vorstand, berufen sei, in tausend beängstigte Herzen Trost zu gießen, unzählige Thränen zu trocknen und das dürre Holz der Hoffnungslosigkeit mit frischem Grün zu bekleiden, drängte ihn zu kräftigem Handeln.

Gestern hatte er gesehen, wie seine Untergebenen den Klagen der verlassenen Ehefrau, des betrogenen Mädchens, des den ihr versagten Kindersegen erflehenden Weibes, der sorgenvollen Mutter und der vereinsamten Wittwe mit kühler Gleichgültigkeit zuhörten, nur bedacht, das Unglück auszunützen, um Geschenke für die Göttin Hathor, oder besser für ihre eigenen Taschen und Bäuche zu erpressen.

Jetzt näherte er sich wiederum dem Schauplatze seiner neuen Thätigkeit.

Da lag das ehrwürdige Heiligthum, vom Thale aus in vier Terrassen stattlich ansteigend, im Westen gelehnt an die halbrunde, himmelhohe Wand des steilen gelblichen Kalkgebirges, schön und eigentümlich gegliedert.

An den sauber gefügten Unterbauten prangten in den Stein gemeißelte riesige Sperber mit dem Zeichen des Lebens, welche Horus, den Sohn der Göttin der alles Welkende zu neuer Blüte, alles Sterbende zur Auferstehung führt, symbolisch darstellten.

Auf jeder Terrasse stand mit je zweiundzwanzig alterthümlichen PfeilersäulenZunächst beim Gräberbau in der XII. Dynastie (2354 bis 2194 v. Chr.) hergestellte polygonale Säulen, welche nach der Vertreibung der Hyksos von den Königen der XVII. und XVIII. Dynastie auch im Freibau benützt, aber schon unter der folgenden Herrscherreihe nicht mehr angewendet wurden. eine nach Osten zu geöffnete Halle, an deren Hinterwänden schöne Gemälde und Inschriften in seiner Bildhauerarbeit den Nachgeborenen erzählten, was Hatasu mit Hülfe der Götter von Theben Großes geleistet.

Da sah man die Schiffe, welche sie nach PuntArabien; wahrscheinlich auch die Küstenlande Ostafrikas südlich von Aegypten, bis zum Somalilande. Dafür sprechen namentlich die jüngst von Mariette publizirten Listen der von Thutmes III. besiegten Südvölker, welche sich auf Pylonen des Tempels von Karnak gefunden haben. entsandt hatte, um Aegypten mit den Schätzen des Ostens zu bereichern, da waren die nach Theben gebrachten Wunder Arabiens zu schauen, da hatte man die Häuser der Bewohner des Weihrauchlandes und alle Fische des rothen Meeres in scharfer und charakteristischer ZeichnungDie einzelnen Arten sind wohl unterscheidbar. Es ist Dr. Dönitz gelungen, viele von ihnen zu benennen. abgebildet.

Auf der dritten und vierten Terrasse befanden sich kleine von Hatasu und ihren Brüdern Thutmes II. und III. angelegte Räume, die sich an den Felsen lehnten und zu denen man durch granitene Thore gelangte. In ihnen sollten die Reinigungen vollzogen, die Bildsäulen der Göttin verehrt, den Manen der Königin geopfert und bevorzugten Betern die Beichte abgehört werden.

In einem Seitenbau wurden die heiligen Kühe der Göttin gepflegt.

Als Pentaur sich der Hauptpforte des Terrassentempels genähert hatte, wurde er Zeuge eines Schauspieles, das ihn mit Ingrimm erfüllte.

Eine Frau verlangte Einlaß in den Vorhof, um am Altar der Göttin für ihren schwer erkrankten Gatten zu beten, aber der feiste Pförtner wies sie mit rohen Worten zurück.

»Da steht es,« sagte er, indem er auf die Inschrift über dem Thore hinwies, »nur wer rein ist, darf seinen Fuß auf diese Schwelle setzen, und man wird nur rein durch Räucherung.«

»So schwinge das Rauchfaß,« bat das Weib, »und nimm dafür diesen Silberring. Ich habe nicht mehr.«

»Einen Silberring!« rief der Pförtner entrüstet. »Soll die Göttin um Deinetwillen verarmen? Die Antakörner, die wir für die Reinigung bedürfen, kosten das Zehnfache.«

»Aber ich besitze nicht mehr,« wiederholte die Frau. »Mein Mann, für den ich zu beten komme, ist krank. Er kann nicht arbeiten, und meine Kinder . . .«

»Die willst Du mästen, um der Göttin zu entziehen, was ihr gebührt,« rief der Pförtner. »Drei Ringe her, oder ich schließe das Thor.«

»Sei barmherzig,« weinte das Weib. »Was wird aus uns werden, wenn Hathor meinem Manne nicht beisteht?«

»Soll unsere Göttin ihm Arznei reichen?« fragte der Pförtner. »Sie hat mehr zu thun, als kranke Hungerleider zu heilen. Das ist auch nicht ihres Amtes. Geh' hin zu ImhotepSohn des Ptah. – Die Griechen nennen ihn Asklepios (Aeskulap). Hauptstätte seiner Verehrung war Memphis. Gewöhnlich wird er mit einer Kappe auf dem Kopf und einem Buch auf den Knieen abgebildet. Sehr schöne Statuen von ihm in Berlin, im Louvre, zu Bulaq und anderen Museen. Eine Bronze von großer Schönheit ist im Besitze des H. Pastor Haken zu Riga. oder Chunsu dem Plänemacher,Der Dritte in der Trias von Theben. Mit der Jugendlocke geschmückter Sohn des Amon und der Muth, Chunsu, welcher geradezu mit Toth identifizirt wird und als guter Berather bei der Heilung der Kranken häufig angerufen ward. Sein großer Tempel in Theben (Karnak) blieb wohl erhalten. Zur Zeit der XX. Dynastie (1273–1095 v. Chr.) wurde, wie eine von E. de Rougé vortrefflich behandelte Stele in der pariser Bibliothek lehrt, seine Statue einmal nach Asien gesandt, um die von Dämonen besessene Schwester der Gattin Ramses XII. (einer asiatischen Fürstentochter) zu heilen. oder dem großen Techuti selbst, die den Kranken helfen. Hier wird nicht gequacksalbert.«

»Ich verlange nur Trost in meinem Kummer,« schluchzte die Frau.

»Trost?« lachte der Pförtner, indem er die junge und rundliche Frau mit den Blicken maß. »Den kannst Du billiger haben!«

Das Weib erbleichte und schlug die sich nach ihr ausstreckende Hand des Pförtners zurück.

In diesem Augenblicke trat Pentaur voller Ingrimm zwischen die Beiden.

Segnend erhob er seine Hände über das sich tief vor ihm verneigende Weib und sagte:

»Wer die Gottheit brünstig ruft, dem ist sie nahe. Du bist rein! Tritt ein in den Vorhof!«

Sobald sie in dem Tempel verschwunden war, wandte sich der Priester dem Pförtner zu und rief:

»So also dient ihr der Gottheit, so benützt ihr die Noth der geängstigten Herzen? Her mit den Schlüsseln zu dieser Pforte! Dein Amt wird von Dir genommen und morgen schon gehst Du hinaus auf die Weide und hütest die Gänse der Hathor.«

Der Pförtner warf sich laut aufheulend auf die Kniee, aber Pentaur wandte ihm den Rücken, betrat das Heiligthum und stieg die Stufen hinan, welche zu seiner auf der höchsten Terrasse gelegenen Wohnung führten.

Einige Priester, an denen er vorüberging, wandten ihm den Rücken, andere blickten geräuschvoll kauend auf ihre Mahlzeit hernieder und gaben sich den Anschein, als sähen sie ihn nicht. Sie hatten sich fest mit einander verbündet und waren entschlossen, den unbequemen Eindringling um jeden Preis zu verdrängen.

In seinem für seinen erkrankten Vorgänger prunkvoll ausgeschmückten Gemache angelangt, legte Pentaur seinen neuen Ornat an und verglich dabei mit schmerzlichen Empfindungen das Sonst und Jetzt.

Zu welchem Tausche hatte ihn Ameni verdammt!

Stumpfheit und Abneigung begegneten ihm hier, wohin er auch blickte, während, wenn er durch die Höfe des Setihauses wandelte, ihm hundert Knaben entgegeneilten und sich liebevoll an sein Gewand hängten. Geehrt von den Großen und Kleinen, fand jedes seiner Worte eine Stätte, und wenn er täglich Gedanken austheilte, so empfing er diese Gaben in ernsten Gesprächen mit seinen Genossen und Vorgesetzten geläutert zurück und gewann neue Schätze für sein inneres Leben.

»Das Ungewöhnliche,« sagte er sich, »ist das Reizvolle, und doch wie schwer fällt es, das Gewohnte zu entbehren!«

Die Ereignisse der letzten Tage zogen an seinem innern Auge vorüber. Bent-Anat's Bild zeigte sich ihm und gewann immer deutlichere und verführerische Formen. Sein Herz begann heftiger zu schlagen, das Blut eilte rascher durch seine Adern und er verbarg sein Angesicht in die Hände und vergegenwärtigte sich jeden ihrer Blicke und jedes Wort aus ihrem Munde.

»Dir folge ich gern,« hatte sie ihm vor der Hütte des Paraschiten gesagt. Nun fragte er sich, ob er solcher Führerschaft noch würdig wäre.

Wohl hatte er alte Schranken durchbrochen, aber nicht um das Haus, das ihm theuer war, zu schädigen, sondern um neues Licht einzulassen in seine dumpfen Räume.

»Zu thun, was wir mit Ernst als recht empfinden,« sagte er sich, »kann strafbar erscheinen vor den Menschen, aber nicht vor Gott.«

Er athmete auf und trat auf die Terrasse hinaus, hochaufgerichtet und mit dem festen Willen, auch hier nicht nur das Rechte zu thun, sondern dem Rechten eine Stätte zu gründen.

»Wir Menschen,« dachte er, »bereiten Schmerz schon bei unserem Eintritt in die Welt und Jammer, wenn wir sie verlassen; und so ist es unsere Schuldigkeit, in der Zwischenzeit das Leiden zu bekämpfen und Freuden zu säen. Hier gibt es viele Thränen zu trocknen. An's Werk denn!«

Der Dichter fand Niemand von seinen Untergebenen auf den oberen Terrassen; Alle hatten sich im Vorhofe des Tempels vereint und hörten der Erzählung des Pförtners zu, mit dem sie den gleichen Groll zu theilen schienen; er wußte gegen wen.

Festen Schrittes trat er ihnen entgegen und sagte:

»Ich habe diesen Mann aus unserer Mitte verwiesen, weil er uns Schande macht. Morgen verläßt er den Tempel.«

»Ich gehe sogleich,« entgegnete der Pförtner trotzig, »und werde im Auftrage der heiligen Väter (dabei warf er den Priestern einen Blick des Einverständnisses zu) den Oberpriester Ameni fragen, ob es in Zukunft auch Unreinen gestattet sein soll, dieß Heiligthum zu betreten.«

Schon näherte er sich der Pforte; Pentaur aber trat ihm in den Weg und sagte entschieden:

»Du bleibst hier und wirst morgen, übermorgen und immer die Gänse hüten, bis es mir gefällt, Dir zu vergeben.«

Der Pförtner schaute die Priester fragend an.

Keiner rührte sich.

»Geh' in Dein Haus zurück!« rief ihm der Dichter zu und trat ihm näher.

Der Pförtner gehorchte.

Pentaur schloß die Thür des engen Gelasses, gab einem Tempeldiener den Schlüssel und sagte. »Du verrichtest seinen Dienst, bewachst den Mann und wenn er entwischt, so folgst Du ihm morgen nach zu den Gänsen. Seht, meine Freunde, wie viele Beter dort vor unseren Altären knieen; geht hin und thut, was eures Amtes ist. Ich warte im Beichtraume, um Klagen zu vernehmen und Trost zu ertheilen.«

Die Priester gingen auseinander und näherten sich den Opfernden.

Pentaur stieg von Neuem die Treppe hinan und ließ sich in dem schmalen, von einem Vorhange verschlossenen Beichtraume nieder, an dessen Wänden das Gemälde der Hatasu zu sehen war, die aus dem Euter der Hathorkuh die Milch des ewigen Lebens empfing.

Er hatte kaum Platz genommen, als ihm ein NeokoreDie Neokoren bildeten die niedrigste Priesterordnung; es gehörten auch die Tempeldiener zu ihr. die Ankunft einer verschleierten vornehmen Frau verkündete. Die Träger ihrer Sänfte waren tief verhüllt und sie hatte verlangt, in den Beichtraum geführt zu werden.

Der Diener überreichte Pentaur ein Zeichen, durch welches ihr der Oberpriester des großen Amonstempels am andern Nilufer das Vorrecht zusprach, mit den RechiuIn die inneren Räume des Tempels und in höhere Grade der Erkenntniß eingelassene Aegypter. die inneren Räume des Tempels zu betreten und mit allen Priestern, ja sogar mit den höchsten unter den Geweihten, zu verkehren.

Der Dichter zog sich hinter einen Vorhang zurück und erwartete die Fremde mit einer Unruhe, die ihm um so befremdlicher erscheinen mußte, je öfter er sich in ähnlicher Lage befunden hatte. Selbst die vornehmsten Würdenträger waren ihm von Ameni überwiesen worden, wenn sie sich, um dort ihre Traumgesichte deuten zu lassen, in das Setihaus begeben hatten.

Eine hohe Frauengestalt betrat das stille, schwüle steinerne Gemach, ließ sich auf die Kniee nieder und betete lange und tief in sich versunken vor dem Bilde der Hathor. Auch Pentaur erhob, von Niemand gesehen, seine Hände und wandte sich inbrünstig an den das All erfüllenden Geist mit der Bitte um Kraft und Reinheit.

Als er seine Arme sinken ließ, richtete die Frau ihr Haupt in die Höhe. Es war, als hätten sich die Gebete der Beiden vermählt, um gemeinsam aufwärts zu steigen.

Jetzt erhob sich die Verhüllte und ließ ihren Schleier sinken.

Es war Bent-Anat.

Sie hatte in der Erregung ihrer Seele die Göttin Hathor aufgesucht, die den Schlag des weiblichen Herzens leitete und die Fäden wob, welche Mann und Weib verbinden.

»Hohe Herrin des Himmels, vielnamige und schöngesichtige,« begann sie laut zu beten, »goldene Hathor, die Du den Schmerz kennst und die Wonne, die Gegenwart und die Zukunft, nahe Du Deinem Kinde und führe den Geist Deines Dieners, daß er mir rathe. – Die Tochter eines Vaters bin ich, der groß ist und edel und wahrhaftig wie einer der Götter. Er räth mir, – nicht will er mich zwingen, einem Manne zu folgen, den ich nimmer zu lieben vermag. Doch ein Anderer ist mir begegnet, schlicht von Geburt, aber groß an Geist und Gaben . . .«

Bis dahin hatte Pentaur, keines Wortes mächtig, der Prinzessin zugehört.

Sollte er verborgen bleiben und ihr Geheimniß erlauschen, sollte er hervortreten und sich ihr zeigen? Sein Stolz rief laut in ihn hinein: Jetzt nennt sie deinen Namen, du bist der Erwählte der Schönsten und Größten; aber eine andere Stimme, auf die er sich in schwerer Selbsterziehung zu hören gewöhnt hatte, erhob sich und sagte: »Laß die Unwissende nichts sagen, dessen die Wissende sich zu schämen hätte.«

Er erröthete für sie, theilte den Vorhang und trat Bent-Anat entgegen.

Erschrocken wich die Prinzessin zurück und fragte:

»Bist Du Pentaur oder der Himmlischen einer?«

»Ich bin Pentaur,« sagte er fest, »ein Mensch mit allen Schwächen seines Geschlechts, aber mit dem Willen zum Guten. Verweile hier und schütte Deine Seele aus vor unserer Göttin; mein ganzes Leben soll ein Gebet sein für Dich!«

Der Dichter blickte sie voll an und wandte sich so schnell, als habe er einer Gefahr auszuweichen, dem Ausgange des Beichtzimmers zu.

Bent-Anat rief seinen Namen und er hemmte seinen Fuß.

»Des Ramses Tochter,« sagte sie, »bedarf keiner Rechtfertigung wegen ihres Ganges hieher, aber das Mädchen Bent-Anat,« und bei diesen Worten erröthete sie, »vermuthete nicht Dich, sondern den alten Rui hier zu finden und es verlangte sie nach seinem Rath. Jetzt laß mich beten!«

Bent-Anat sank auf die Kniee und Pentaur trat in's Freie.

Als auch die Prinzessin den Beichtraum verlassen hatte, ließen sich an der Südseite der Terrasse, auf welcher sie stand, laute Stimmen vernehmen.

Sie eilte an die Brüstung.

»Heil Pentaur!« rief es von unten herauf.

Der Dichter stürzte herzu und stellte sich neben die Königstochter.

Beide blickten in das Thal hernieder und wurden von Allen gesehen.

»Heil Pentaur!« rief es nun doppelt laut. »Heil unserem Lehrer! Kehre zurück in's Setihaus. Nieder mit den Verfolgern des Pentaur! Nieder mit unseren Unterdrückern!«

An der Spitze der Jünglinge, welche, nachdem sie erfahren hatten, wohin der Dichter verbannt worden sei, aus dem Setihause entwichen waren, um ihm zu sagen, daß sie treu an ihm hingen, standen der Prinz Rameri, der seiner Schwester triumphirend zuwinkte, und der junge Anana, welcher hervortrat, um in einer feierlichen und wohleinstudirten Anrede dem verehrten Meister mitzutheilen, daß sie, im Falle sich Ameni weigern sollte, ihn in's Setihaus zurückzurufen, entschlossen wären, ihre Väter zu ersuchen, sie in eine andere Schule zu versetzen.

Der junge Gelehrte sprach gut und Bent-Anat folgte nicht ohne Beifall seiner Rede; Pentaur aber schaute immer finsterer drein und ehe sein Lieblingsschüler seine Rede zu Ende geführt hatte, unterbrach er ihn mit ernsten Worten.

Seine Stimme klang erst verweisend, dann grollend, und so laut er sie auch erhob, so mischte sich doch in seine Worte kein Zorn, sondern Schmerz.

»Wahrlich,« so schloß er, »jedes Wort, das ich jemals zu euch gesprochen, möcht' ich beklagen, wenn es euch den Muth zu dieser unbesonnenen That stärkte. Ihr seid in Palästen geboren; lernet gehorchen, damit ihr später befehlen könnt. Zurück in die Schule! Ihr zaudert? Wahrlich, so tret' ich euch mit meinen Wächtern entgegen und treibe euch, die ihr mir und euch durch solche Liebesbeweise wenig Ehre bringt, in die Schule zurück, wohin ihr gehört!«

Die Schüler wagten keine Entgegnung, sondern wandten sich erstaunt und enttäuscht zur Umkehr.

Bent-Anat schlug ihre Augen nieder, als sie dem Blick ihres die Achseln zuckenden Bruders begegneten, und schaute halb scheu, halb achtungsvoll zu dem Dichter, bald aber von Neuem in die Ebene hin, denn dichte Staubwolken wirbelten auf, Hufschlag und Rädergerassel ließ sich vernehmen und in derselben Minute hielt der Wagen Septah's, des ersten der Horoskopen, und ein Fuhrwerk mit den schwerbewaffneten Sicherheitswächtern des Setihauses bei der Terrasse.

Der eifrige Greis sprang schnell auf den Boden, rief die Schaar der entflohenen Zöglinge mit strengen Worten an, gab der Wachtmannschaft den Befehl, sie in die Schule zurückzuführen, und eilte wie ein heftiger Jüngling dem Tempelthore zu.

Die Priester empfingen ihn mit tiefer Ehrerbietung und trugen ihm sogleich ihre Klagen vor.

Er hörte sie beifällig an, ließ sie aber nicht ausreden, sondern stieg mühsam, aber schnell die Stufen hinan, auf denen ihm Bent-Anat entgegenkam.

Die Prinzessin fühlte, daß sie sich, wenn der Horoskop sie erkenne, dem Tadel und der Mißdeutung aussetzen werde. Ihre Hand streckte sich nach ihrem dichten Schleier aus, aber sie zog sie schnell zurück, schaute dem Alten mit ruhiger Würde in das zornig blickende Auge und schritt stolz an ihm vorüber.

Der Horoskop verneigte sich, ohne sie zu segnen, und befahl, nachdem er Pentaur auf der zweiten Terrasse gefunden hatte, den Tempel von Betern zu säubern.

Dieß war in wenigen Minuten geschehen und die Priester wurden Zeugen des peinlichsten Auftrittes, welcher sich seit Jahren in ihrem stillen Heiligthum ereignet hatte.

Der erste der Horoskopen des Setihauses war der schroffste Gegner des früh in das Mysterium eingeführten Dichters, dessen kühner Geist nicht selten an den alten Schranken rüttelte, an deren Festigung der eifrige Greis von Jugend an aus Ueberzeugung gearbeitet hatte. Die ärgerlichen Vorfälle, deren Zeuge er im Setihause und vor wenigen Minuten allhier gewesen war, hielt er für Folgen des zügellosen Sinnes eines irregehenden Phantasten und mit harten Worten machte er Pentaur verantwortlich für den »Aufstand« der Schüler.

»Wie unsere Knaben,« rief er, »so hast Du die Tochter des Ramses verführt. Noch ward die Unreinheit nicht von ihr genommen, und doch lockst Du sie zum Stelldichein nicht in das Fremdenviertel, sondern in das heilige Haus dieser reinen Göttin!«

Ungerechtfertigtes Lob kann Schwache gefährden, ungerechter Tadel auch Starke vom rechten Wege ableiten.

Pentaur wies die Vorwürfe des Greises zornig zurück, nannte sie unwürdig seines Alters, Standes und Namens und kehrte ihm, damit der Ingrimm ihn nicht übermanne, den Rücken; aber der Horoskop befahl ihm zu bleiben und verhörte in seiner Gegenwart die Priester, welche den Dichter einstimmig beschuldigten, außer Bent-Anat noch ein anderes unreines Weib in den Tempel geführt und den sich gegen solchen Frevel auflehnenden Pförtner ausgestoßen und in's Gefängniß geworfen zu haben.

Der Horoskop befahl den »Gemißhandelten« zu befreien.

Pentaur setzte dieser Verordnung Widerstand entgegen, machte sein Recht, hier zu befehlen, geltend, und forderte den Horoskopen mit bebender Stimme auf, den Tempel zu verlassen.

Da zeigte ihm Septah Ameni's Ring, durch welchen ihn dieser, während er sich in Theben aufhielt, zu seinem Bevollmächtigten gemacht hatte, entsetzte den Dichter seiner Würde, befahl ihm aber, bis auf Weiteres das Heiligthum nicht zu verlassen, und wandte dem Hatasutempel den Rücken.

Pentaur hatte sich vor dem Ringe seines Meisters schweigend verneigt und sich dann in das Beichtzimmer, in welchem er Bent-Anat begegnet war, zurückgezogen. Er fühlte sich in seinen Grundfesten erschüttert, seine Gedanken kreuzten, seine Gefühle bekämpften einander, ihn fröstelte und wenn er das Gelächter der Priester und des Pförtners, die über ihren leichten Sieg triumphirten, vernahm, so schrak er zusammen wie ein Entehrter, der sein Brandmal im Spiegel erblickt.

Aber nach und nach fand er sich selbst wieder, begann seine Seele sich zu klären, und als er das stille Beichtzimmer verließ, um nach Osten zu schauen, wo sich am jenseitigen Ufer des Nil der Palastbau erhob, in welchem Bent-Anat weilte, da erfüllte ihn tiefe Verachtung gegen seine Feinde, da durchströmte ihn das stolze Gefühl der frischen Manneskraft. Er verhehlte sich nicht, daß er Feinde besitze, daß eine Zeit der Kämpfe für ihn beginne, aber er sah ihnen entgegen wie ein junger Held dem Morgen seines ersten Schlachtentages.

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