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Georg Ebers: Uarda - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleUarda Band I
authorGeorg Ebers
year1879
publisherEduard Hallberger
addressStuttgart und Leipzig
titleUarda
pagesIII-XIV
created20021019
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Elftes Kapitel.

Der Zwerg Nemu trat, sobald Bent-Anat das Erbe des Mena verlassen hatte, mit einem Brief in den Garten und erzählte kurz, aber in so komischer Form von seinen Erlebnissen, daß beide Frauen lachten und Katuti mit einer ihr sonst fremden lebhaften Heiterkeit, indem sie ihn warnte, dennoch seine Geschicklichkeit lobte und mit den Worten: »Das war ein vollkommener Tag, der Großes brachte und Größeres für die Zukunft in Aussicht stellt,« das Siegel des Briefes betrachtete.

Nefert drängte sich nah an sie heran und bat: »Oeffne doch den Brief und sieh, ob nichts von Ihm darin steht.«

Katuti löste das Wachs, überflog das Schreiben mit einem flüchtigen Blicke, streichelte die Wange ihres Kindes und sagte tröstend: »Vielleicht hat Dein Bruder für ihn geschrieben; ich sehe keine Zeile von seiner Hand.«

Nefert blickte nun ihrerseits in den Brief, aber nicht um zu lesen, sondern nur, um nach der ihr wohlbekannten Handschrift ihres Gatten zu suchen.

Wie alle Aegypterinnen aus gutem Hause, so verstand auch sie zu lesen und sie hatte in den ersten beiden Jahren ihrer Ehe oft, sehr oft Gelegenheit gehabt, sich über die schwächlichen Buchstaben zu wundern und doch zu freuen, welche die eiserne Hand des Rosselenkers für sie, die mit ihren zarten Fingern fest und sicher das Schreiberohr zu führen verstand, auf den Papyrus gekritzelt hatte. Aufmerksam schaute sie in den Brief hinein und sagte endlich mit Thränen in beiden Augen. »Nichts! Ich gehe in mein Zimmer, Mutter.«

Katuti küßte sie und sagte: »Höre doch erst, was Dein Bruder schreibt.«

Aber Nefert schüttelte den Kopf, wandte sich schweigend ab und verschwand in dem Hause.

Katuti war ihrem Schwiegersohne nicht hold, aber ihr Herz hing an ihrem schönen und leichtsinnigen Sohne, dem Ebenbild ihres verstorbenen Gatten, dem Liebling der Frauen, dem muntersten Jüngling unter den jungen Edlen, welche die Wagenkämpfergarde des Königs bildeten.

Wie ausführlich hatte er, der das Schreiberohr nur mühsam führte, heute geschrieben!

Das war ein Brief, während er sonst nur in kurzen Worten um neue Mittel zur Befriedigung seiner verschwenderischen Neigungen zu bitten pflegte.

Dießmal durfte sie Danksagungen erwarten, denn vor Kurzem mußte er einen beträchtlichen Zuschuß empfangen haben, den sie wiederum den Einkünften der ihr anvertrauten Güter ihres Schwiegersohnes entnommen hatte.

Sie begann zu lesen.

Die Heiterkeit, mit der sie den Zwerg empfangen hatte, war unecht gewesen und hatte den glänzenden Regenbogenfarben geglichen, welche die dunklen Flächen eines Sumpfwassers bedecken. Ein Stein stürzt in die Lache, der Schimmer schwindet, trübe Wolken wirbeln auf und unreines Dunkel erfüllt sie.

Wie schwere Felsblöcke stürzten die Nachrichten, welche der Brief ihres Sohnes enthielt, in Katuti's Seele.

Das tiefste Leid fließt uns immer aus derselben Quelle zu, die uns mit Wonne zu sättigen vermöchte, und am heißesten brennen die Wunden, die eine geliebte Hand uns schlägt.

Je tiefer Katuti sich in die jämmerlich fehlerhaften und nur mühsam zu entziffernden Sätze vertiefte, die ihr Liebling ihr geschrieben hatte, je bleicher wurde ihr Antlitz, welches sie mehrmals mit den zitternden Händen, denen das Blatt entsunken war, bedeckte.

Nemu kauerte ihr gegenüber am Boden und folgte jeder ihrer Bewegungen.

Als sie mit einem markerschütternden Schrei aufsprang und ihre Stirn an einen rauhen Palmenstamm preßte, schlich er zu ihr heran, küßte ihre Füße und rief mit einer Innigkeit, die selbst Katuti überraschte, welche nur muntere oder beißende Worte von den Lippen ihres Schalksnarren zu hören gewohnt war:

»Herrin, Herrin! was ist geschehen?«

Katuti raffte sich zusammen, wandte sich um und versuchte zu sprechen, aber ihre blutlosen Lippen blieben geschlossen und ihre Augen blickten so glanzlos in's Leere, als habe ein Starrkrampf sie befallen.

»Herrin, Herrin!« rief der Zwerg auf's Neue und mit steigender Wärme. »Was ist Dir? Soll ich Deine Tochter rufen?«

Katuti machte eine abwehrende Handbewegung und rief leise. »Die Elenden, die Verworfenen!«

Ihr Athem begann lebhaft zu fliegen, das Blut stieg in ihre Wangen und ihre glühenden Augen, sie trat auf den Brief und weinte so laut und heftig, daß der Zwerg, der noch niemals Thränen in ihren Augen gesehen hatte, ängstlich auffuhr und mit leisem Vorwurfe rief: »Katuti!«

Da lachte sie bitter und sagte mit bebender Stimme: »Was rufst Du diesen Namen so laut? Er ist entehrt und geschändet. Wie werden die Herren sich freuen und die Frauen! Jetzt kann der Neid sein liebes Kind, die Schadenfreude, gegen uns hetzen. Und eben noch hab' ich diesen Tag gepriesen! Sie sagen, man solle sein Glück auf den Gassen zeigen und das Unglück verbergen. Umgekehrt! Umgekehrt! Selbst den Göttern soll man nicht eingestehen, daß man sich freut und hofft, denn auch sie sind neidisch und schadenfroh!«

Wiederum lehnte sie ihre Stirn an die Palme.

»Du sprichst von Schande und nicht von Tod,« sagte Nemu; »und ich habe doch von Dir gelernt, daß man nichts verloren geben dürfe, außer dem Verstorbenen.«

Diese Worte wirkten kräftigend auf das verzweifelnde Weib. Schnell und heftig wandte sie sich dem Zwerge zu und sprach:

»Du bist klug und auch wohl treu; so höre! Aber wärest Du Amon selbst, es gibt keine Rettung, es gibt keine!«

»Man muß sie suchen,« gab Nemu zurück und seine klugen Augen begegneten denen seiner Herrin.

»Sprich doch!« sagte er, »und traue mir. Vielleicht kann ich nicht helfen; aber daß ich zu schweigen verstehe, das weißt Du.«

»Bald werden sich's die Kinder auf den Gassen erzählen, was dieser Brief mir gebracht hat,« lachte Katuti mit schneidender Bitterkeit. »Nur Nefert darf von dem Geschehenen nichts erfahren, nichts, hörst Du! Was ist das? Der Statthalter kommt! Schnell, eile! Sage ihm, ich sei plötzlich krank geworden, sehr krank! Ich kann ihn nicht sehen, jetzt nicht! Keiner soll vorgelassen werden, Niemand! Hörst Du!«

Der Zwerg entfernte sich.

Als er, nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet hatte, wieder kam, fand er seine Herrin noch immer in fieberhafter Aufregung.

»Höre denn,« sagte sie. »Erst das Kleinere, dann das Furchtbare, Unsagbare. Ramses überschüttet Mena mit Gunstbezeugungen. Es kam zur Vertheilung der Kriegsbeute dieses Jahres. Für jeden Führer lagen große Schätze bereit und der Rosselenker hatte vor allen Anderen zu wählen.«

»Nun?« fragte der Zwerg.

»Nun?« wiederholte Katuti. »Nun? Wie sorgte der würdige Hausherr für die Seinen daheim, wie ehrte er sein armes verlassenes Weib, wie suchte er sein verschuldetes Erbe zu entlasten? Es ist schmählich, abscheulich! An dem Silber, dem Golde und den Edelsteinen ging er lachend vorüber und nahm die schöne gefangene Tochter des Danaerfürsten und führte sie in sein Zelt.«

»Schändlich!« murmelte der Zwerg.

»Arme, arme Nefert!« rief Katuti und bedeckte ihr Angesicht mit den Händen.

»Und das Andere?« fragte Nemu düster.

»Das,« sagte Katuti, »das ist . . . Aber ich will ruhig bleiben, ganz ruhig und kühl. Du kennst meinen Sohn. Er ist leichten Sinnes, aber er liebt mich und seine Schwester mehr als Alles auf der Welt. Ich Thörin hatte ihm, um ihn zur Sparsamkeit zu bewegen, unsere üble Lage lebhaft geschildert; nachdem nun jene Schandthat von Mena begangen worden war, dachte er an uns und unsere Sorgen. Sein Beuteantheil war klein und konnte uns nicht helfen. Die Kameraden würfelten um die gewonnenen Stücke; er setzte das Seine auf's Spiel, um mehr für uns zu gewinnen. Alles verlor er, Alles.– und endlich, gräßlich ist es, unfaßlich –, endlich setzte er gegen eine ungeheure Summe, immer an uns denkend und nur an uns, die Mumie seines verstorbenen Vaters.Der wohl der IV. Dynastie angehörende, von Herodot Asychis genannte König soll es zuerst zugelassen haben, die Mumien seiner Vorfahren zu verpfänden. »Wer dieses Unterpfand einsetzte und die Schuld nicht zurückzuzahlen gewillt war, dem sollte nach seinem Tode weder in seiner väterlichen, noch in irgend einer andern Gruft ein Platz bewilligt werden. Auch seinen Nachkommen sollte das Begräbniß verweigert werden.« Herodot II. 136. Er verlor. Löst er das heilige Unterpfand nicht bis zum Ablauf des dritten Mondes ein, so verfällt er der EhrlosigkeitDie schwerste, wie es scheint, nur über Krieger verhängte Strafe, welche einen ägyptischen Soldaten treffen konnte. Diodor I. 78. und die Mumie dem Gewinner, und Schmach und Ausstoßung ist sein Theil und meines.«

Katuti preßte die Hände vor ihr Angesicht, der Zwerg aber murmelte vor sich hin: »Der Spieler und Heuchler!«

Nachdem seine Herrin ruhiger geworden, sagte er: »Das ist entsetzlich; aber noch ist nicht Alles verloren. Wie viel beträgt die Schuld?«

Es klang wie ein schwerer Fluch, als Katuti antwortete: »Dreißig babylonische Talente

Der Zwerg schrie auf, als habe ihn eine Natter gestochen, und fragte: »Wer wagte es, gegen solchen wahnsinnigen Satz zu bieten?«

»Frau Hathor's Sohn Antef, der schon in Theben das Erbgut seiner Väter verspielt hat,« gab Katuti zurück.

»Der läßt kein Waizenkorn von seiner Forderung fahren!« rief der Zwerg. »Und Mena?«

»Wie konnte sich mein Sohn nach dem Geschehenen an ihn wenden? Das arme Kind bittet mich, die Hülfe des Statthalters anzurufen.«

»Des Statthalters?« fragte der Zwerg und schüttelte seinen großen Kopf. »Unmöglich!«

»Ich weiß, wie es um ihn steht; aber seine Stellung, sein Name!«

»Herrin,« sagte der Zwerg und tiefer Ernst klang aus seinen Worten, »verdirb die Zukunft nicht um der Gegenwart willen. Wenn Dein Sohn seine Ehre unter König Ramses verliert, so kann sie ihm der künftige König Ani zurückgeben! Erweist Dir der Statthalter jetzt einen ungeheuren Dienst, so wird er Dich für abgefunden erachten, wenn unser Werk gelingt und er den Thron besteigt. Jetzt läßt er sich von Dir leiten, weil Du ihn nicht brauchst und nur um seinetwillen an seiner Erhebung zu arbeiten scheinst. Sobald Du ihn anrufst und er Dich rettet, so verlierst Du die Freiheit und Unbefangenheit, deren Du ihm gegenüber bedarfst, und er wird um so unwilliger fühlen, daß Du ihn zu benützen gedenkst, je schwieriger es ihm werden wird, eine so große Summe schnell zu beschaffen. Du kennst seine Lage!«

»Er ist verschuldet,« sagte Katuti, »ich weiß es.«

»Du mußt es wissen,« rief der Zwerg, »denn Du selbst drängst ihn zu ungeheuren Ausgaben. Mit blendendem Festprunk hat er das Volk von Theben gewonnen, als Apispfleger gab er zu Memphis ein großes Vermögen ausAls unter Ptolemäus I. Soter der Apis starb, verwandte sein Pfleger für sein Begräbniß nicht nur die ihm zur Verfügung stehenden Gelder, sondern borgte dazu noch 50 Silbertalente, das sind 75,000 Thaler vom Könige. Zu Diodor's Zeit verwandten die Pfleger des Apis zu demselben Zwecke bis 100 Talente, das sind 150,000 Thaler., mit Tausenden beschenkte er die Führer der nach Aethiopien ausziehenden, von ihm ausgerüsteten Truppen, und was ihm seine Kundschafter im Lager des Königs kosten, weißt Du. Von den meisten Reichen in diesem Lande hat er Summen entliehen und das ist gut, denn so viele Gläubiger, so viele Bundesgenossen besitzt er. Der Statthalter ist ein böser Schuldner, der König Ani, so rechnen sie, wird ein dankbarer Zahler sein.«

Katuti schaute den Zwerg verwundert au und sagte: »Du kennst die Menschen.«

»Leider,« erwiederte Nemu. »Wende Dich nicht an den Statthalter und gib, ehe Du die Arbeit von Jahren und Deine und der Deinen künftige Größe opferst, die Ehre Deines Sohnes preis.«

»Und meines Gatten und meine eigene!« rief Katuti. »Wie kannst Du wissen, was das heißt! ›Ehre‹ ist ein Wort, das der Unfreie wohl nachsprechen, dessen Bedeutung er aber niemals begreifen kann. Ihr reibt die Schwielen, die man euch schlägt, mich würde jeder Finger, der verächtlich auf mich wiese, verwunden, wie eine Lanze von Eschenholz mit vergifteter Erzspitze. O ihr ewigen Götter, wer kann hier helfen?!«

Die geängstigte Frau drückte ihre Hände abermals vor die Augen, als wollte sie ihre Schmach ihren eigenen Blicken entziehen.

Der Zwerg schaute sie mitleidig an und sagte mit verändertem Ton: »Erinnerst Du Dich des Diamanten, der aus Nefert's schönstem Ringe gefallen war? Wir suchten ihn und fanden ihn nicht. Am nächsten Tage ging ich durch das Zimmer und trat auf etwas Hartes. Ich bückte mich und fand den Stein. Was dem edlen Organe des Gesichts, dem Auge, entgangen war, das hatte die schwielige, verachtete Fußsohle gefunden, und vielleicht gelingt es dem unfreien kleinen Nemu, der die Ehre nicht kennt, ein Rettungsmittel auszudenken, das sich dem hohen Geiste seiner Herrin nicht zeigen wollte.«

»Was sinnst Du?« fragte Katuti.

»Rettung,« antwortete der Zwerg. »Ist es wahr, daß Deine Schwester Setchem Dich besucht hat und daß ihr euch versöhntet?«

»Sie bot mir die Hand, und ich nahm sie an.«

»So gehe zu ihr. Die Menschen sind niemals dienstfertiger, als nach einer Versöhnung. Die ausgetilgte Feindschaft erscheint ihnen wie eine eben geheilte Wunde, die man mit Schonung anrühren muß, und Setchem ist Deines Blutes und von weichem Herzen.«

»Sie ist nicht reich,« gab Katuti zurück. »Jede Palme in ihrem Garten kommt von ihrem Gatten und gehört ihren Kindern.«

»Auch Paaker war bei Dir?«

»Gewiß nur auf Antrieb seiner Mutter,« sagte Katuti. »Er haßt meinen Schwiegersohn.«

»Ich weiß es,« murmelte der Zwerg, »aber wenn Nefert ihn bitten wollte?«

Entrüstet fuhr die stolze Wittwe auf. Sie empfand, daß sie dem Zwerge zu viel gestattet habe, und befahl ihm, sie allein zu lassen.

Nemu küßte ihr Gewand und fragte schüchtern:

»Soll ich vergessen, was Du mir vertrautest, oder gestattest Du, daß ich weiter auf Deines Sohnes Rettung sinne?«

Katuti blieb einige Augenblicke unschlüssig, dann sagte sie.

»Was ich zu unterlassen habe, hast Du klug begründet; vielleicht zeigt Dir ein Gott, was ich thun soll. Jetzt laß mich allein!«

»Bedarfst Du meiner morgen früh?« fragte der Kleine.

»Nein!«

»So fahr' ich in die Nekropole und opfere.«

»Geh',« sagte Katuti und schritt mit dem verhängnißvollen Briefe dem Hause entgegen.

Nemu blieb allein zurück. Nachdenklich schaute er zu Boden und murmelte vor sich hin:

»Sie dürfen nicht der Ehrlosigkeit verfallen, jetzt nicht: sonst geht Alles verloren. Was ist diese Ehre?! Alle kommen ohne sie auf die Welt, die Meisten von uns gehen, ohne sie zu kennen, als gute Leute zu Grabe. Nur Einige, die reich sind und müßig, verfilzen mit ihr die schlichten Fäden ihrer Seelen, wie die Kuschiten ihr Haar mit Fett und Balsam, bis es zur KappeDie Denkmäler lehren, daß die schwarzen Bewohner des oberen Nils dieser widrigen Mode ihrer Nachkommen von heute bereits in der Pharaonenzeit gehuldigt haben. wird, die sie entstellt und auf die sie so stolz sind, daß sie sich lieber die Ohren, als das Unding abschneiden lassen. Mir ahnt, mir ahnt . . ., aber eh' ich wieder den Mund aufthue, gehe ich zu meiner Mutter, die mehr weiß als zwanzig Propheten.«

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