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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 6
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Angelus Silesius (Johannes Scheffler)

1624 – 1677

wurde in Breslau Ende Dezember 1624 geboren. Seine Mutter war die Tochter eines schon 1614 gestorbenen angesehenen Arztes. Schefflers Vater, der am 14. September 1637 im Alter von 75 Jahren starb, hatte außer Johannes noch eine Tochter, Magdalena, die später einen Arzt heiratete, und einen Sohn, Christian, der später geisteskrank wurde und in der Umnachtung seinen älteren Bruder lange überlebte.

Vielleicht hat das Beispiel des Großvaters mütterlicherseits mit dazu beigetragen, daß Johannes sich in Straßburg, wo er am 4. Mai 1643 immatrikuliert wurde, für die Medizin entschied. Doch wünschte sein Breslauer Lehrer, Köler, nicht, daß er sich auf die Medizin allein beschränke: denn die staatliche Gemeinschaft sei das im Großen, was der menschliche Leib im Kleinen. Deshalb tue der Arzt gut daran, die im Körper gemachten Erfahrungen auf den Staat anzuwenden. Aus diesem Grunde riet Köler seinem Schüler, die Heilkunde mit Politik und Geschichte zu verbinden.

Im Sommer 1644 scheint Scheffler Straßburg verlassen zu haben. Jedenfalls wurde er am 6. September dieses Jahres in Leiden als Mediziner immatrikuliert. Über die Ausbildung in diesem Fach wissen wir nichts. Aber dort erfolgte die Wandlung, die sein Leben bis zum Ende bestimmt hat; es setzt die inbrünstige Hingabe an die Religion ein. Bis zum Frühherbst scheint Scheffler in Leiden geblieben zu sein. Dann wandte er sich nach Padua, wo er am 25. September 1647 immatrikuliert wurde. Nach bestandener Lehrzeit wurde Scheffler hier am 9. Juli 1648 zum Doctor Philosophiae et medicinae promoviert. (G. Ellinger, Angelus Silesius. Breslau 1927 und C. Seitmann, Angelus Silesius. Breslau 1896. S. 6 f.)

Ob Scheffler eine medizinische Dissertation geschrieben oder über Thesen disputiert hat, geht aus dem erhaltenen Diplom nicht hervor. (Aug. Kahlert, Angelus Silesius. Breslau 1853. S. 11 ff.)

Erst 1649 kehrte Scheffler nach Breslau zurück, wo er am 3. November des Jahres – durch die Empfehlungen seines Schwagers – und »um seiner beywohnenden guten Qualitäten und in Medicina erlangten Experientz« vom Herzog Sylvius Nimrod zu Württemberg und Oels zu dessen Leib- und Hofmedicus mit einem Gehalt von 175 Thalern sowie mancherlei anderen Bezügen angestellt und ihm zugleich das Recht zugesprochen wurde, auch eine Privatpraxis in der Residenzstadt wie auf dem Lande auszuüben. Scheffler siedelte also nach Oels über. Diese Stelle behielt Scheffler bis Ende 1652. Bereits am 12. Juni 1653 trat der Protestant Scheffler zur römisch-katholischen Kirche über und nahm den Namen Angelus an. Seine ärztliche Tätigkeit scheint er nicht mehr ausgeübt zu haben. Doch entschädigte man ihn dadurch, daß ihn Ferdinand III. am 3. März 1654 zum k. k. Hofmedicus ernannte. Scheffler erhielt damit denselben Titel, den sein Großvater getragen hatte. Die Verleihung dieser Würde entsprang dem Wunsche, ihn für seinen Bekenntniswechsel zu belohnen. (Ellinger S. 135.) Seit etwa 1665 hören wir, daß Scheffler kränkelte. Es scheint, daß sein durch Askese entkräfteter Körper den Aufregungen des Kampfes nicht gewachsen war; er zog sich daher immer mehr von der Welt in das Stift der Kreuzherren von St. Matthias zurück. 1675 fühlte er sich erschöpft und elend. Lungenschwindsucht war Schefflers Krankheit. In den letzten Wochen seines Lebens nahm er keinen Besuch mehr an. Dem Körper durch kräftige Speise aufzuhelfen scheint ihm sein asketischer Sinn verboten zu haben. Die Leichenpredigt berichtet: »Die wenige Nahrung hat ihm mit seinem Leib fast gleich gemacht denjenigen, so keinen Leib natürlich und wesentlich haben.«

Am 9. Juli 1677 ist Scheffler gestorben »nach langer Leibesschwachheit, langen und dörrsüchtigen Beschwerden.« (E. Ebstein. Angelus Silesius als Dr. med. in Mitt. z. Gesch. d. Med. Bd. 18, 1919. S. 156); er wurde drei Tage darauf in der Matthiaskirche in Breslau feierlich beigesetzt.

Aus der Zeit von Schefflers Krankheit, die ihn 12 Jahre lang quälte, haben wir zwei Bilder, die erst neuerdings an den Tag gekommen sind. (Ellinger a. a. O. bei S. III und S. 208.) An Ähnlichkeit gleichen sich beide; das eine ist kurz vor Schefflers Tode gemalt. Wir sehen ein hageres Gesicht mit Schnurr- und Kinnbart; die Züge durchgeistigt; der Gesichtsausdruck ernst, etwas zerstreut, als ob die Gedanken ganz anderswo weilten; die Augen tiefliegend, geisterhaft, unergründlich – alles das weist auf den Asketen, den ekstatischen Schwärmer, den Himmelssucher, der die sehnsüchtigen Blicke immer in die Ferne richtet, obgleich er sich selbst einst zugerufen hatte:

»Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir, Suchst du Gott anderswo, du fehlst Ihn für und für.«

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