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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 51
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Aubrey Beardsley

1872 – 1898

Aubrey Beardsley wurde am 24. August 1872 in Brighton geboren und starb bereits am 16. März 1898 an der Lungenschwindsucht in Mentone. Von dem jungen Künstler und zeichnerischen Vertreter einer raffinierten Dekadentenkunst besitzen wir aus den letzten drei Lebensjahren wertvolle Briefe. (Letzte Briefe. Übertragen von K. Moorburg. Mit Anmerkungen von Max Meyerfeld. Leipzig, Insel-Verlag 1910; Briefe, Kalendernotizen von A. Beardsley. Hans von Weber. München 1908 und Künstlerbriefe aus dem 19. Jahrhundert. Verlag B. Cassirer. Berlin 1914. S. 494 bis 503.)

Im Mittelpunkt von Beardsleys Krankheit stehen die ewigen Blutstürze. So berichtet er (3. Mai 1896): »Mein Blut zeigt, nebenbei gesagt, schon seit langem nicht mehr die geringste Lust, wieder hervorzusprudeln.« Als Kranker eilt er von Ort zu Ort. Von Epsom geht er nach Boskombe, das seine Ärzte für ihn für ausgezeichnet halten. Aber auch dort treten die Lungenblutungen wieder auf. Dort heißt es: »Mein alter Freund, das Blut, ist wieder aufgetaucht, aber ich unterdrücke es durch Acidum Gallicum.« (22. Sept. 1896.) Resigniert schreibt Beardsley wenige Tage später: »Arzneien, Milch, Zurückgezogenheit und Boskombe-Luft scheinen nichts zu frommen und nicht zu vermögen, das Blut zurückzuhalten, das – wie Mord – ans Tageslicht will. Gestern lag ich infolge eines Blutsturzes gleich einer Leiche da. Für mich und meine Lunge scheint es wenig Hoffnung mehr zu geben.« – Am 1. November 1896: »Die Blutung dauert an; nicht möglich sie zu stillen. Gott allein weiß, in welchem Zustand sich meine Lunge befinden muß, da sie ewig leck ist.« Am 5. November kommen die Blutungen endlich zum Stillstand: »Worte vermögen nicht, den entsetzlichen Zustand zu schildern, in dem ich mich befand. Der heutige Tag brachte mir den ersten Stillstand im Blutspeien. Ich hatte aber auch Nachts über solch ein dreckiges Riesenpflaster aufgelegt.« Etwa ein Monat später (13. Dezember) heißt es: »Das Kapitel Blut scheint kein Ende zu nehmen. Immerhin geht es mir heute besser.«

Beardsley bezweifelt Anfang des neuen Jahres (6. Januar) die Natur seiner Krankheit: »Vielleicht war es Influenza, woran ich litt. Alle Symptome sprechen dafür. Die Ärzte sind Betrüger.« Dazwischen tritt wieder ein Hoffnungsschimmer auf (19. Februar): »Ich könnte mich ja noch für unabsehbare Zeit hinschleppen, wenn nur das Blutspucken einmal ein Ende nähme.« – »Vorgestern kam ein Tröpfchen Blutsturz, das ich jedoch verheimlichte. Erwähnen Sie es also nicht. Ich glaube trotzdem, daß es besser um mich steht.« (25. Februar.) Am 4. März klingt es wieder traurig: »Wiederum Bett und Blut. Geradezu scheußlich. Diese Märzwinde haben mir teuflisch mitgespielt.« – »Der jüngste Anfall hat plötzlich eine heimtückische Fratze hervorgekehrt. Alle Pläne sind dadurch über den Haufen geworfen. Ich fürchte, London wird ein großes Wagnis sein. Sehen Sie, ich habe vielleicht nur wenige Monate mehr zu leben und muß für die nächste Zeit ein Fleckchen finden, wo ich mich endgültig niederlassen kann. Wo das sein wird, weiß Gott allein. Mein Arzt spricht heute von der Normandie und Bretagne; er hat Angst mich weiter reisen zu lassen. ... Das Blut ist hartnäckig, trotz Gallic. Acid. und Ergotin.« Doch es nahen Mitte März »neue Schrecken! Kaum hat das Blut aufgehört, der Lunge zu entströmen, fließt es in beträchtlichen Mengen aus der Leber, Briefe von Beardsley. München 1908. S. 126 und Beardsley, Letzte Briefe. Insel-Verlag 1910. S. 48: Das Blut ... floß ziemlich reichlich aus der Leber, wenigstens glaubt Dr. H., daß die neue Blutung daher kommt. Er meint, daß ich an einer Schwellung der Leber leide. (Vgl. Erich Ebstein, Leber und Lungenblutungen. In: Die Tuberkulose. 1930. Nr. 5. S. 105.) via ... Einfach scheußlich, nicht?«

Ende des Monats meldet Beardsley, daß er in »ewigem Fieberschauer« lebt. Ende des Monats schreibt er glücklich aus Mentone: »Ich habe mich von meiner Erschöpfung wieder erholt und blühe in diesem wundervollen Sonnenschein auf. Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich bin, wieder besser zu sein. Die Schmerzen in der Lunge sind verschwunden, und der Husten ist lange nicht mehr so quälend. Ich schlafe ohne jede Störung und esse tüchtig. Selbst nach diesen paar Tagen fällt es den Leuten auf, daß ich Fortschritte mache...Ich bin glücklicher und ruhiger, als da ich Dir zuletzt schrieb. Hoffentlich kann ich Dir bald immer bessere Berichte von mir schicken.« Aber bereits am 2. April 1897 schreibt Beardsley wieder seinem Verleger: »Heute morgen trat leider wieder ein leichtes Blutspeien ein. Gestern war es so kalt und winterlich, und meine Lunge geriet in einen so gereizten Zustand, darum war ich nicht allzu überrascht von diesem kleinen Rückfall. Dr. H. schlägt mir vor, bald in ein sehr viel wärmeres Klima zu gehen, ist aber nicht dafür, daß ich mich weiter als in den Süden von Frankreich wage. Das ist natürlich ein herrlicher Plan, wenn er sich nur ausführen läßt. Ich habe Dr. H. gebeten, Dir über mich zu schreiben, da er Dir einen viel sachlicheren Bericht über meinen gegenwärtigen Gesundheitszustand geben kann, als ich dazu imstande bin. Du wirst mir auch besser raten können, nachdem Du von ihm gehört hast. Ich glaube, daß er im ganzen mit mir recht zufrieden ist.

Obgleich ich mir oft bange Sorgen um mich mache wegen meines Zustandes, so glaube ich dennoch manchmal, daß das Ende mir nicht so nahe ist, wie es den Anschein hat. Ich weiß, daß mein Leiden unheilbar ist, aber sein schnelles Fortschreiten kann doch gewiß aufgehalten werden. Halte mich nicht für töricht, wegen ein paar Monaten zu schachern. Du wirst verstehen, lieber ..., wie kostbar sie mir jetzt aus verschiedenen Gründen werden können.«

Am 13. April 1897 hören wir von Beardsley aus Paris (Hotel Voltaire): »Die Bedienung ist gut, und die Kellner sind sehr willig, mich die Treppe hinaufzutragen, so oft ich es wünsche ...

Ich bin ein ganz anderer Mensch, als ich es vor acht Tagen war, und wenn kein neues Unheil bevorsteht, wirst Du Dich über meine Besserung wundern.«

Zwei Tage später meldet Beardsley seinem Verleger, daß es ihm glänzend geht. »Sie werden mich nicht wieder erkennen ... Ich unterziehe mich auf eigene Faust einer Heiß-Wasser-Kur, die, wie ich glaube, Wunder an mir wirken wird.« Ende April ist Beardsley »abermals zusammengebrochen und habe manch' blütenweißes Tuch mit meinem Blute rot gefärbt. Ist das scheußlich! Ich glaube nicht, daß ich den Winter überdaure.«

Anfang Juni gibt der Arzt von St. Germain, der gelehrt, berühmt und dekoriert ist, über den Zustand seiner Lunge »ein sehr hoffnungsreiches Gutachten ab und sagt, daß man mich eigentlich garnicht schwindsüchtig nennen könne. Er behauptet, daß sich meine Schwäche bei nötiger Sorgfalt verlieren würde, und rät mir, früh morgens von 4–6 Uhr im Wald spazieren zu gehen. – Ich habe den Versuch noch nicht gemacht, da ich ein paar Stunden nach der Konsultation einen überaus heftigen Blutsturz hatte. Dieser ging übrigens rasch wieder vorüber und ich habe mich dann sogar wohler gefühlt. Es hat mich nicht Wunder genommen, daß er mich überraschte, denn ich habe mich die letzte Zeit hindurch fürchterlich abgesorgt und infolgedessen kaum irgendwelche Nahrung vertragen können.« – Wenige Tage später heißt es: »Mein großartiger Blutsturz hat mir außerordentlich wohlgetan. Der Arzt hegt jetzt die besten Hoffnungen und sagt, ich sei vollkommen heilbar. Er rät mir für den Winter seiner Lustbarkeiten wegen Monte Carlo an. Wetter und Kost sind göttlich hier. Ich fühle mich 1 a.« – Die Verstimmung tritt immer wieder auf. »Wenn ich mich nur rascher der Gesundung näherte, würde ich diese unwürdige Lebensführung noch verzeihen. Aber so hinzuleben, Monat um Monat, unfähig irgend etwas zu beginnen, das ist hassenswert.«

Für den Sommer bringt man den kranken Künstler nach Dieppe und im Herbst nach Paris, von da nach Mentone. »Die Reise hat mich beinahe umgebracht (nebst anderem ein kleiner Blutsturz in Dijon).« Von Ende November bis zu seinem Tode (16. März 1898) bleibt er in Mentone. In dieser Zeit wird er die Zeichnung gemacht haben, die ihn im Lehnstuhl zeigt, mit der Unterschrift »Sickest«. Etwa acht Tage vor dem Hinscheiden haben wir noch jenen schaurigen Brief an seinen Verleger, der den vollen seelischen Umschlag zeigt, d. h. die schroffste Abwendung vom bisherigen Leben und Treiben, erzwungen durch die den inneren Menschen schwer bedrängende Todesnähe. Der Brief ist durchweht von allen Schmerzen und Ängsten der Sterbestunde:

Hotel Cosmopolitain, Mentone, 7. März 1898.
Jesus ist unser Herr und Richter!

Lieber Freund,

ich flehe Sie an, alle Exemplare der »Lysistrata« und alle unsittlichen Zeichnungen zu vernichten. Zeigen Sie dies Politt, und beschwören Sie ihn, dasselbe zu tun. Bei allem, was heilig ist, alle obscönen Zeichnungen.

Aubrey Beardsley
In meiner Todesagonie.

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