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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 5
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Jean Baptiste Poquelin de Molière

1622 – 1673

Poquelin, der sich als Schauspieler und Dichter Molière nannte, wurde am 15. Januar 1622 in Paris als Sohn eines wohlhabenden, auch in königlichen Diensten verwendeten Tapezierermeisters getauft. Er war der Erstgeborene unter 10 Geschwistern. Etwa 10 Jahre (1631–1639) lang besuchte er das Collège de Clermont, fühlte sich aber immer stärker zum Theater hingezogen und gründete bereits 1643 mit der Schauspielerin Béjart ein eigenes Theater. Als dies Unternehmen zusammenbrach, schloß er sich mit Madelaine einer Schauspielertruppe an und konnte endlich 1658 in Paris als Theaterdirektor wieder Fuß fassen. In den 14 Jahren, die ihm dort noch beschieden waren, entstanden die Werke, die ihn in seiner Zeit zum vielbewunderten und vielbefehdeten Manne gemacht haben.

Im Februar 1662 heiratete Molière als Vierzigjähriger die 19jährige Schauspielerin Armande Béjart, die Schwester oder die Tochter Madelaines. Am 17. Februar 1673 ist Molière – 51 Jahre alt – gestorben. (Vgl. W. Küchler, Molière. Leipzig und Berlin 1929. S. 231 f.)

Über die Entwicklung seiner Krankheit wissen wir nicht viel. Von Hause aus scheint er kränklich gewesen zu sein. Die erste ernste Erkrankung, die wie die späteren von der Brust ausging, fiel in den Winter 1665/66. Er selbst sprach von »Fluxion«. (La grande Encyclopédie XXIV. S. 12.) Damals wurde Molière durch fortwährenden Husten gequält, sowie durch Beklemmungen und Atemnot. Öfters versagte seine Stimme vollständig. Er konnte sich nur von Milch ernähren. (H. Schneegans, Molière. Berlin 1902. S. 150 f.)

Die zweite schwere Erkrankung des Schauspielers und Dichters setzte am 10. Juni 1667 ein, und war so ernster Natur, daß man an seinem Aufkommen zweifelte. (Schneegans S. 169.)

So sehr sich Molière über die Heilmittel der damaligen Arzneikunst lustig machte, so ersehen wir doch aus den überlieferten Rechnungen, daß er zwei Apotheker beschäftigte. Wir wissen sogar, daß man ihn während einer Beklemmung an einem Tage viermal zur Ader ließ. Seit 1669 hatte er einen ständigen Arzt Mauvillain, der allerdings bei der Pariser Fakultät als Ketzer galt.

Als 1670 unter dem Titel: »Elomire hypocondre ou les médecins vengés« ein gehässiges Pamphlet gegen Molière erschien, vernehmen wir – wenn auch tendenziös gefärbt – von seinen Beziehungen zur Medizin und seinen Vertretern. So hören wir, daß Molière in seiner Krankheit erst die Hilfe der bekannten Ärzte, dann die der Spezialisten und Charlatane anrief. (Schneegans S. 234 f.)

Drei Jahre später, am 10. Februar 1673, fand die Erstaufführung des: »Eingebildeten Kranken« statt. Als das Stück am 17. Februar zum vierten Mal über die Bretter ging, war Molières Zustand so besorgniserregend, daß seine Frau und Freunde ihn dringend baten, an dem Tage doch nicht zu spielen. Doch er ließ sich nicht abhalten, die Rolle des eingebildeten Kranken bis zu Ende zu spielen. Gerade, als er in der letzten Szene den Eidschwur leisten sollte und das Wort »juro« sprach, wurde er von einer Konvulsion ergriffen. Als er sah, daß das Publikum es merkte, verbarg er seinen Schmerz hinter erzwungenem Lachen. Als das Stück zu Ende ging, mußte er totenbleich und am ganzen Körper zitternd, nach Hause getragen werden. Zu Hause angelangt, setzte der Husten erneut wieder ein und zwar so stark, daß das Blut ihm so reichlich aus dem Munde floß, daß es ihn erstickte. Um 10 Uhr abends war der Tod eingetreten.

In dem Stück »Der eingebildete Kranke« legt Molière, der Todkranke, Argan folgende Worte in den Mund:

»Wenn ich Arzt wäre, würde ich mich an der Unverschämtheit dieses Mannes schon rächen; und wenn er krank wäre, würde ich ihn ohne Hilfe dahinsterben lassen. Er könnte noch soviel bitten, ich würde ihm nicht den geringsten Aderlaß, nicht das geringste Klystier verschreiben; ich würde ihm sagen: Krepiere, krepiere! das wird dich lehren, ein andermal die Fakultät zu verspotten.«

Béralde antwortet darauf: Molière werde von den Ärzten wohl gar keine Hilfe verlangen. Aus guten Gründen, denn:

»Er sei der Ansicht, daß sich dies nur die Stärksten und Rüstigsten leisten können; die, welche genug Kraft in sich hätten, die Heilmittel mit der Krankheit über sich ergehen zu lassen; er habe dagegen nur soviel Kraft, sein Leiden zu tragen.«

Mit solchen Worten, sagt Küchler (S. 270) mit Recht, »erhebt sich Molière in der Komödie durch die Kraft des Humors über seine Krankheit. Wenn man nicht wüßte, daß Molière krank war, als er dieses Stück schrieb, aus dieser Stelle allein könnte man es herauslesen, und diese Stelle ist hochkomisch. Nirgends sonst durch die Worte und Szenen der Farce des eingebildeten Kranken bricht etwas von den körperlichen oder seelischen Schmerzen und Traurigkeiten des kranken Menschen Molière hindurch. Wir erleben nur die künstlerische Bewältigung des Themas »Le malade imaginaire« aus der komischen Gestaltungskraft des ungebrochenen Dichters. Es ist, als ob er im Schaffen sich selbst vergessen hätte. Wunderbares glückliches Vergessen seiner selbst im Feuer des Schaffens. Dem komischen Dichter vergönnt durch den Humor, der ihn alle Beschwerden und Leiden des Leibes vergessen läßt, ihn von der Materie befreit und hinaufträgt in das Phantasiereich der Kunst, in das ewige Reich, in dem er noch heute lebt, über dessen Tor das Wort steht: »Ars longa. Vita brevis est«.

(Vgl. neuerdings Hanns Heiß, Moliere. Leipzig. Quelle und Meyer 1929, S. 46, 100, 132, 140 ff, 176 ff sowie O. Temkin, in Kyklos. Bd. 2, 1929, S. 66 ff.)

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