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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 47
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Anton Pawlowitsch Tschechow

1860 – 1904

Man hat Tschechow den »Dichter der Dämmerung, der Wehmut, der müden und gebrochenen Seelen, die so reich sind und mit ihrem Reichtum nichts anzufangen wissen, genannt.« (A. Luther, Geschichte der russ. Lit. Leipzig 1924. S. 377 ff.)

Der Dichter wurde am 29. (17.) I. 1860 zu Taganrog am Asowschen Meer geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums wurde er in Moskau in der medizinischen Fakultät immatrikuliert. Die Wahl der Fakultät scheint rein zufällig gewesen zu sein. Später hat sich Tschechow in folgender Weise darüber geäußert: »Von den Fakultäten hatte ich damals eine recht schwache Vorstellung, und ich weiß selbst nicht mehr, warum ich mich für die medizinische entschied; aber ich bereute später diese Wahl nie ... Ich zweifle nicht, daß die Beschäftigung mit medizinischen Wissenschaften einen wichtigen Einfluß auf meine literarische Tätigkeit hatte; sie erweiterten bedeutend das Gebiet meiner Beobachtungen, bereicherten mich mit Kenntnissen, deren wahren Wert für mich, als einen Dichter, nur der ermessen kann, der selbst Arzt ist... Die Bekanntschaft mit den Naturwissenschaften ließ mich stets auf der Hut sein, und ich bemühte mich, wo es ging, mich nach den Ergebnissen der Wissenschaft zu richten; wo es aber nicht ging, zog ich vor, gar nicht zu schreiben.«

Dieses Bekenntnis ist für die realistische Art Tschechows außerordentlich bezeichnend. (A. Eliasberg, Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts. München 1922, S. 123 bis 181.) In dieser Beziehung sagte Tolstoi von Tschechow: »Er entnahm dem Leben das, was er sah, unabhängig vom Inhalt dessen, was er sah ... Und wenn er etwas nahm, so gab er es erstaunlich plastisch und verständlich wieder und klar bis ins kleinste Detail ... Er war aufrichtig, und das ist ein großer Vorzug; er schrieb über das, was er sah und wie er es sah ...«

Mit 24 Jahren (1884) absolvierte Tschechow die Universität in Moskau und erhielt ein ärztliches Diplom. Zur Ausübung der ärztlichen Praxis in größerem Umfang scheint es nie gekommen zu sein. Nur gelegentlich leistete Tschechow Hilfe, wie in Moskau, wo an seiner Tür ein Schild » A. P. Tschechow, Arzt,« prangte, ebenso auf dem Lande, wo die Bauern sich an ihn wandten.

1890 unternahm Tschechow eine Reise nach der Verbrecherinsel Sachalin, deren Ergebnis eine der vollendetsten Reiseschilderungen war. 1891 und 1897 ging es nach Wien, Venedig und Paris. Denn ein Lungenleiden, über das er schon seit 1884 klagte, veranlaßte ihn, den Süden aufzusuchen. Im Frühjahr 1904 hatte sich die Krankheit so verschlimmert, daß er Badenweiler aufsuchen mußte. Über die Schwere seiner Krankheit war er genau unterrichtet. In der Nacht auf den 15. Juli starb Tschechow im 45. Jahr.

Aus Tschechows Briefen (in: Karl Nötzel, Russische Meisterbriefe. München 1922, S. 337–359) seien hier einige Stellen wiedergegeben, die sich auf seine Krankheit und seine Tätigkeit als Arzt beziehen.

Am 2. 1. 1885 an Frau Sawaljeff: »Meine Krankheit hat mich ein wenig erschreckt und mir dabei gleichzeitig (es kommen solche Wunderlichkeiten vor!) nicht wenig schöne, fast glückliche Augenblicke bereitet. Ich erhielt so viele Beweise aufrichtiger freundschaftlicher Teilnahme, daß ich mir vorkommen konnte wie ein Prinz von Arkadien, der viele Höflinge hat. Bis zu meiner Krankheit wußte ich gar nicht, daß ich so viele Freunde habe ...«

Am 28. III. 1886 an Grigorowitsch: »Ich habe mich sehr rasch daran gewöhnt, meine eigenen Arbeiten mit Herablassung zu betrachten – und habe drauflos geschrieben! Das ist die erste Ursache. Die zweite – ich bin Arzt und bis über die Ohren versunken in meine Medizin, sodaß das Sprichwort von den zwei Hasen niemanden mehr schlaflose Nächte bereitet hat wie mir.«

Am 30. V. 1888 an Suvorin: »Als Arzt bin ich gewöhnt, Leute zu sehen, die bald sterben werden, und es überkam mich stets ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn vor mir Leute lachten oder weinten, denen der Tod ganz nahe war.«

Von einer Ärztin heißt es: »Die Patienten sind für sie die richtige Folter, und sie ist für sie ängstlich bis zur Psychose. Bei den Beratungen sind wir stets verschiedener Meinung. Ich bin Heilverkündiger dort, wo sie den Tod sieht, und ich verdopple die Dosen, die sie verordnet. Wo aber der Tod offenbar und unabweisbar ist, da benimmt sich meine Ärztin durchaus nicht mehr ärztlich. Einmal empfing ich mit ihr Patienten auf einer Feldscherstation. Es kam da eine junge Bäuerin mit einer bösartigen Drüsengeschwulst am Nacken und am Hals. Die Krankheit war schon so weit vorgeschritten, daß jede Heilung ausgeschlossen war. Deshalb aber, weil dieses Weib zwar jetzt keine Schmerzen empfindet, in einem halben Jahr unter furchtbaren Qualen sterben muß, blickte die Ärztin sie so tief schuldig an, als wolle sie sich entschuldigen deswegen, weil sie selber gesund sei, und als schäme sie sich persönlich, daß die Medizin hier versage ...« (Vgl. E. Ebstein, Tschechow als Arzt. Dm. Wochenschr. 1925. Praemedicus Nr. 12.)

Ossip Dymow berichtet (Vossische Zeitung 16. Juli 1929, Nr. 163) anläßlich von Tschechow's 25. Todestag, daß er sehr leicht zum Lachen aufgelegt war. Nicht einmal verstummte sein tiefes rollendes Gelächter, als er in den letzten Monaten vor seinem Tode bereits ununterbrochen Blut spie.

Es existieren zwei Versionen, wie Tschechow zu seiner Lungenschwindsucht kam. Denn in der Familie litt niemand an dieser Krankheit.

»Zur Zeit, als Tschechow von seinen leichten humoristischen Erzählungen, die er mit dem Pseudonym »Antoscha Tschechont« signierte, zu ernsteren Arbeiten überging, war in Rußland die Meinung verbreitet, daß ein Schriftsteller politisch »leiden« müsse. Er müsse vorbestraft, verhaftet, verschickt gewesen sein, sich im Gefängnis, in Sibirien aufgehalten haben. Sonst könne er den Ruf eines ernst zu nehmenden Schriftstellers nicht erwerben. Da aber niemand daran dachte, Tschechow ins Gefängnis zu setzen, so rieten ihm seine Freunde, nach der Insel Sachalin zu fahren, die damals der Verbannungsort für Verbrecher allerniedrigster Sorte war. Tschechow befolgte diesen Rat, fuhr nach Sachalin und erkältete sich dort. Daher, berichtet die Legende, stamme seine Krankheit.

Seine Familie aber behauptet, daß er sich bei einem Kranken angesteckt habe, den er als Arzt behandelte. Tschechow selbst sprach nie davon und klagte auch nicht.

Seine letzten Jahre verbrachte er in Jalta in der Krim, wo er ein eigenes Haus besaß. Seine Schwester Marie – »Mascha« – pflegte ihn. Wenn der Dichter zu einem Spaziergang auf die Straße trat, so riefen ihm die Straßenjungen nach:

»Antoscha Tschachòtka!«

So verdrehten sie seinen Namen, in dem sie eine Ähnlichkeit mit dem Wort »Tschachòtka« – die Schwindsucht – erblickten. Der Kranke tat, als höre er diese unbewußt grausame Verhöhnung nicht.

Als seine Leiche aus Deutschland nach Rußland übergeführt wurde, erwartete eine Gruppe Verehrer den traurigen Zug auf dem Bahnhof. Zu ihrem größten Erstaunen lasen sie auf dem Wagen, in dem sich der Sarg befand:

»Waggon zum Transport der Austern.«

Das war ganz im Geiste der grotesken Einfälle Tschechows.

Heute ist das Haus, in dem er gelebt hat, in ein Tschechow-Museum umgewandelt und zur Besichtigung geöffnet. Seine Schwester führt selbst die Besucher durch die Räume.«

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