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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 42
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Wilhelm Wundt

1832 – 1920

hat sein arbeitsreiches Leben kurz nach Vollendung seines 88. Geburtstages geendet. Seine Memoiren hat Wundt unter dem bezeichnenden Titel: »Erlebtes und Erkanntes« herausgegeben. (Stuttgart, Alfred Kröner 1920. S. 116 ff.) Hier schildert Wundt, wie er im Alter von 25 Jahren – 1857 – bald nach seiner Habilitation in Heidelberg lungenkrank wurde. Es heißt dort:

»Es war ein etwas kühnes Unternehmen, das ich wagte, als ich für dieses mein erstes Semester bereits die gesamte Physiologie in 6 wöchentlichen Stunden in meiner eigenen Wohnung mit Begleitung von Demonstrationen und Experimenten zu lesen begann. In der Tat zeigte sich bald, daß es ein allzu kühnes gewesen war. Ich hatte soeben den allgemeinen Teil der Physiologie glücklich vor meinen vier Zuhörern beendet, und war im Begriff, zu einem speciellen Kapitel überzugehen, als ich von einem jähen Blutsturz überrascht wurde, der sich am selben Tag, immer heftiger werdend, wiederholte und mich auf viele Tage an das Krankenlager fesselte. Auf die geplanten Vorlesungen mußte ich ebenso wie auf die Arbeiten, die ich mir für die nächsten Semester vorgenommen hatte, verzichten. Eine stille Leidenszeit begann, die erst nach reichlich Jahresfrist einer allmählichen Wiederaufnahme der nach der Rückkehr von Berlin begonnenen Arbeiten Platz machte.

Den Einfluß, den dieser, wie ich bekennen muß, durch die Überhastung und Überlastung der letzten Jahre selbstverschuldete Zusammenbruch hatte, war in der Verzögerung, die er auf meine weiteren Unternehmungen ausübte, von geringer Bedeutung, wenn ich ihn mit der tiefgreifenden Wirkung vergleiche, die er auf mein gesamtes Leben gehabt hat. Da war es freilich nicht diese ganze Leidenszeit, sondern es waren ihre ersten Stunden und Tage, von denen ich sagen darf, daß sie eine völlige Umkehrung meiner Lebensanschauung hervorgebracht haben. Die Ärzte hatten mich aufgegeben, wie ich an ihrem Verkehr mit mir bemerken konnte. Ich selbst hatte meinen auswärts bei einem Amtsgericht tätigen Bruder kommen lassen, um von ihm Abschied zu nehmen. Niemals wieder in meinem Leben habe ich aber später den Eindruck einer so vollkommenen Ruhe empfunden wie in diesen Stunden. Das Gefühl abgeschlossen zu haben mit allem, was das Gemüt beunruhigen kann, mit allem Streben und Wollen, dieses Gefühl, das Leben vollendet zu haben, ist vielleicht dem andern des reinsten, vollkommensten Lebensgenusses am nächsten verwandt. Es setzt allerdings voraus, daß das Ende zugleich ein schmerzloses sei, und es mag sein, daß es eben darum vielen, wenn nicht den meisten Menschen in Wirklichkeit versagt ist, wie man wohl daraus schließen darf, daß so viel vom Todeskampf, aber kaum jemals von der Ruhe des Sterbens die Rede ist. Diese Ruhe des Sterbens einmal erlebt zu haben, schätze ich für einen Gewinn, dem nichts anderes gleichkommt. An ihn ist eben jenes Gefühl der Unvergleichbarkeit dieses Erlebnisses, der Unmöglichkeit, daß es sich jemals wiederholen könne, untrennbar verbunden. Eben darum mag es denen versagt sein, für die der Abschied vom Leben von Schmerzen begleitet ist. Gegen diese gibt es nur eine Hilfe, die vielleicht selten einmal einem Menschen erreichbar, den meisten aber versagt ist: diese Hilfe besteht darin, die körperliche Gebundenheit trotz der Macht, die sie ausübt, ganz zu vergessen und sich so durch Selbstüberwindung zu jener Seelenruhe durchzuringen, die dem schmerzlos Sterbenden von selbst beschieden ist. Mir ist dieser Gegensatz vor nicht langer Zeit noch einmal entgegengetreten in dem Abschied, den ich von einem mit dem Tode ringenden Freunde nahm. Er wünschte mir, dereinst einmal völlig bewußtlos aus dem Leben zu gehen, ohne von dem Augenblick des Scheidens eine Ahnung zu haben. Bei diesem Wunsche erneute sich bei mir momentan die Erinnerung an jenes Erlebnis meiner Jugend, und ich sagte mir: ich wünsche das Gegenteil, um keinen Preis möchte ich dieses Leben verlassen, außer mit vollem Bewußtsein diesen Akt selbst erlebt zu haben.

Noch ein anderer Zusammenhang ist mir aber klar geworden, wenn ich mir in späteren Zeiten meines Lebens diese Momente der letzten Ruhe des Daseins zu vergegenwärtigen suchte. Das war die Verwandtschaft oder, wie ich wohl besser sagen würde, die Einheit dieser Ruhe vom Leben mit dem religiösen Gefühl. Als ich viele Jahre später zum ersten Male die Schriften des Meisters Eckehart zu Gesicht bekam, da fiel mir der Gedanke dieser Einheit wie eine plötzliche Erleuchtung in die Seele.«

Über die Art der Behandlung und Gesundung sagt Wundt merkwürdigerweise kein Wort. Seine Tochter hat Adolf Bauer (W. Wundts Beziehungen zur Lungentuberkulose, in: Korrespondenzblatt der ärztl. Kreis- u. Bezirksvereine in Sachsen. 1915, Nr. 12. S. 196–198) darüber ergänzende Mitteilungen gemacht: »Er sagte manchmal scherzend, er sei eigentlich seiner Zeit vorausgeeilt. Denn damals habe man Lungenkranke nur in ein mildes Klima geschickt, an die Riviera oder nach Meran, während er instinktmäßig die Höhenluft gewählt habe. Er ging nämlich in die Schweiz nach Rigi Scheidegg, wo er ganz gesund wurde.«

Weiter verordnete sich Wundt »selbst Atemgymnastik, indem er sich eines Apparats bediente, den er vor den Mund band und an welchem beim Ein- und Ausatmen eine Klappe abwechselnd geöffnet und geschlossen wurde.« – Damit wurde Wundt der Erfinder einer Atemmaske, wie sie später (1906) von Ernst A. Kuhn (geb. 20. Mai 1873 in Berlin, gest. ebenda August 1920) konstruiert wurde. Sie ermöglicht eine abgestufte Erschwerung der Atmung, wodurch Luftverdünnung im Brustraum und Ansaugung des Bluts nach den Lungen erzielt wird. (E. Kuhn, Die Lungensaugmaske in Theorie und Praxis. Berlin, Jul. Springer, 1911.)

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