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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 29
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Carl Maria von Weber

1786 – 1826

»Weber tod im vierzigsten Jahre« schrieb sich noch im Juni 1826 der ertaubte Beethoven in das Konversationsheft.

Über Karl Maria von Webers Vorfahren (1926) hat F. Hefele berichtet (Karlsruhe i.B. 1929). Aus der beigegebenen Stamm- und Ahnentafel kann ich nicht erkennen, daß Lungenschwindsucht in der Familie vorgekommen ist. Hefele hebt nur hervor (S. 52), daß seine Ahnen kleinbürgerlicher, bäuerlich-gewerblicher Herkunft waren. Seine Urgroßväter waren ein Müller, ein Perückenmacher, ein Bauer und ein Jäger. Webers Mutter wird als eine sanfte stille leidende Frau geschildert. Der Sohn, Carl Maria, geboren in Eutin am 18. Dezember 1786 hatte von Geburt an ein Leiden am Schenkelknochen, das ihn in der ersten Jugend den Knabenspielen entzog und niemals im Leben das Gefühl voller Gesundheit genießen ließ. Infolgedessen lahmte er in späteren Jahren etwas auf dem rechten Fuße. (L. Nohl. Weber, bei Reclam.) Es bestand wohl eine tuberkulöse Hüftgelenksentzündung.

Es mag hier erwähnt werden, daß Weber, Vater und Sohn, im Oktober 1802 in Eutin Freundschaft mit Joh. H. Voß schlossen, von dem der Sohn manches Lied komponiert hat.

In den Jahren 1810 bis 1812 – in Webers Wanderjahren – wird seine Gestalt als schwach, klein und unscheinbar geschildert, dabei war der Hals schlank und lang über den schmalen Schultern. Auch in den Jahren 1822 bis 1823, in denen er die »Euryanthe« komponierte, wird er – nach einer schweren Krankheit (1819) – als kleiner schmalbrüstiger Mann mit etwas langen Armen und sehr blassem Gesicht geschildert. Bereits im Dezember 1821 zeigte sich die Brustkrankheit, die seinem Leben nach wenig Jahren ein so frühes Ende bereiten sollte. 1824 schreibt Weber an den Hofkapellmeister Sutor in Hannover (Katalog Salomon. 71,17 491); es war die Zeit, als er die Arbeit am »Oberon« begann: »Seit 2 Monaten war ich abgestorben für alles, schrieb keine Zeile und war allein, nach der Vorschrift des Arztes, beschäftigt, meine Gesundheit in Marienbad wieder etwas herzustellen. Inwieweit dieser Zweck erreicht worden ist, muß die Zukunft lehren; noch fühle ich mich sehr angegriffen.« Im Frühjahr 1825 sehen wir Weber in Ems, das ihn auch körperlich so weit erfrischte, daß er mit erneuter Hoffnung an die Arbeit ging. Aber die Krankheit, die sich in Lunge und Kehlkopf festgesetzt hatte, nahm bedenklich zu. Als Weber von Holtei gefragt wurde, wie sein Befinden sei, antwortete er: »Wie mir's geht? Sehr gut! Nur daß ich die Halsschwindsucht habe; aber das macht weiter nichts, theuerster Gönner.«

Als Weber im Frühling 1826 auf der Reise nach London in Berlin war, traf er mit Gubitz zusammen, den die »offenbarsten Zeichen seines höchst gesteigerten Krankheitszustandes« erschütterten. Als Weber dann von seinem Leiden sprach und Gubitz ihn beruhigen wollte, entgegnete dieser: »Lieber Freund, ich erwerbe in London ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie schuldig; aber ich weiß, ich gehe nach London, um dort zu krepieren!« »Was ich erwiderte,« sagt Gubitz, »ist meinem Gedächtnis entschwunden; die Festigkeit des Ausdrucks in seiner Rede hatte mich erschreckend bestürzt.« (Vgl. Gubitz, Erlebnisse, hg. von P. Friedrich. Berlin 1922. S. 328 ff.)

In Webers Briefen an seine Gattin Carolina (Leipzig 1886), von den Reisen, die ihn 1825 nach Wien zur ersten Aufführung der »Euryanthe« und 1826 nach London zur ersten Aufführung des »Oberon« führten, hören wir viele Einzelheiten über das sich immer mehr entwickelnde Lungen- und Kehlkopfleiden. Als Weber Ende 1821 von Blutspucken befallen wurde, und er beim Anblick desselben blaß wurde, rief er aus: »Wie Gott will!« Aber dabei blieb er gefaßt, und konnte selbst nach wie vor heiter und sogar ausgelassen sein. In den Reisebriefen an seine Frau sucht Weber über seinen Gesundheitszustand möglichst zurückhaltend zu berichten, redet höchstens über ein bissel Husten, aber nicht stärker als zu Hause. Als Weber aber am 7. Februar 1826 – bereits mit geschwollenen Füßen – in den Reisewagen stieg und seine Frau die Wagentüre zuwerfen hörte, rief sie entsetzt: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören.« Auf der Reise hat »der Mosjö Husten seine Capricen, er kommt und geht ohne Ursache.« Mitunter tritt ein schlimmer »Krampfhusten-Anfall« auf. In London setzen Anfälle von Atemnot ein; Dr. Struve verordnet Selterswasser mit heißer Milch, das ihm gut zu tun scheint. Immerhin ist ihm der Husten ein Patron, der ganz seiner eigenen Phantasie folgt. »Möge er mich hassen und fliehen.« Der Chemiker und Arzt Severin verordnet noch Pillen zur »Beruhigung des krampfhaften Reizes« und – ein Hasenfell auf die Brust.

Am 9. Dezember 1825 konnte Weber in seinem Tagebuch notieren, daß die Ouvertüre zum »Oberon« beendigt sei, und damit die ganze Oper. »Gott sei Dank!«

Seit dem 11. April 1826 beginnen Notizen in seinem Tagebuch über seinen Krankheitszustand, ein Zeichen, daß der merkliche Niedergang der Kräfte eingesetzt hatte. So z.B. am 16. u. 17.:

»Mehr Blut ausgeworfen, darüber sehr erschrocken. Nichts gegessen, sehr unwohl« und »Schmerz in der Seite.«

18. April: Lange Conferenz mit Dr. Kind (Arzt).
19. " Sehr unwohl. Zweiter Besuch des Dr. Kind.
20. " Erträglich.
22. " Sehr unwohl.
23. " Unwohl.
24. " Sehr unwohl. Dr. Kind brachte die Blausäure, – in Gottes Namen auch dieses noch. (Weber sollte Blausäuredämpfe einatmen.)
25. " Unwohl.
27. " Um 10 Uhr so unwohl, solcher Krampf!!         O Gott!
28. " Ohne Appetit. Abends Dämpfe eingeatmet.
1. Mai:   Auf einmal Fieber.
2. " Sehr krank. Am 3. Mai 1826 schreibt C. M. von Weber in einem offenbar bisher unbekannten Brief (Katalog von Hellmuth Meyer und Ernst 1930, Nr. 949): »Ich bin ganz elend. Mittwoch reise ich ab. Gott sey Dank. Der Himmel vergelte Ihnen Ihre liebe Teilnahme. Mein Dank folgt Ihnen überall. Gott erhalte Sie immer gesund und mir Ihr Andenken.«
6. " Zwei Mal Krämpfe, sehr unwohl.
7. " Fieberhaft.
8. " Sehr schlechte Nacht. Husten, Bruststechen.
9. " Sehr unwohl, entsetzlich asthmatisch. O Gott!

Am 12. Mai schreibt Weber der Frau, die um sein Wohl sehr besorgt ist: »Es wäre freilich kein übler Ruhm für einen jungen Mann, wenn er mich herstellen könnte, – aber lieber Gott, ich glaube an Nichts, als an Ruhe und die Natur selbst.«

Am 13. Mai dirigierte er noch den »Freischütz« und die Jubelouverture. Am 16. heißt es im Tagebuch: Schreckliche Nacht, trockene Hitze.

17. Mai: Höchst leidend, den ganzen Tag ... Sehr schlecht, gar keine Luft.

19. Mai: Sehr gute Nacht, ziemlich wohl, mit ziemlichem Appetit gegessen. Gottlob, seit Monaten ein ganz guter Tag!

20. Mai: gegen 3 Uhr wieder unwohl. Abends im Familienconcert sehr krank.

21. Mai: Recht wohl. (Ausflug nach Richmond.)

24. Mai: Sehr unwohl. Krampfhusten.

26. Mai: Sehr angegriffen, sehr unwohl, so erschüttert. Ich hielt es im Concert mit der größten Not aus. Senfpflaster auf die Brust, entsetzliche Beängstigung.

27. Mai: Süße Nacht, ziemlich wohl, ganzen Tag recht erträglich. Gegen 10 Uhr wieder die Kurzatmigkeit.

28. Mai: Sehr angegriffen und erschüttert, täglich um 4 kaltes Fieber, sehr krampfig gehustet.

29./30. Mai: Sehr unwohl, gar keinen Atem, früh entsetzliche Hitze, 4–5 Uhr Kälte. Abweichen.

31. Mai: Gute Nacht, aber dieselbe Kurzatmigkeit. Abends sehr schlecht.

1. Juni: Sehr krank, gar keinen Atem (»handgroßer Vesicator auf der Brust«).

2. Juni: Gute sanfte Nacht. Im Bett bis 12 Uhr. Sehr matt.

Webers Wunsch, seinen »Freischütz« noch einmal zu seinem Benefiz dirigieren zu können, wurde nicht mehr erfüllt. Er konnte nur noch im Lehnstuhle liegen, seine matte Stimme berührte immer wieder die Rückreise. Eine fiebernde Angst quälte ihn, die Seinen doch vielleicht nicht wiedersehen zu sollen. »Ich muß fort zu den Meinigen, sie noch einmal zu sehen, und dann geschehe Gottes Wille«, sagte er zu seinen Freunden, die Weber zum Abwarten mahnten.

Am 4. Juni mußten Webers Freunde den Künstler zu Bette bringen. »Nun laßt mich schlafen!« waren seine letzten Worte. Am Morgen fand man ihn tot im Bett, friedlich auf der rechten Hand eingeschlafen. (5. Juni.) Kein Kampf, kein Schmerz hatte seine edlen Züge entstellt. (Eine gute Photographie der Weberschen Totenmaske findet sich auf Tafel 12 in Langer-Gruhle, Totenmasken. Leipzig 1927. Exemplare der Maske sind in Düsseldorf, Dresden und in der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Vgl. auch Benkart, Das ewige Antlitz. S. 66.)

Die Sektion der Leiche, die in London vorgenommen wurde, ergab (Nohl, S. 91): »ein nußgroßes Geschwür im Halse und die Lunge voll von Tuberkeln.«

Eines der beiden, fährt Nohl fort, hätte genügt, den Tod mit Sicherheit herbeizuführen. Der bis zum Gerippe abgemagerte Leichnam wurde in einen Metallsarg gelegt. Erst Ende 1844 wurde auf Anregung Richard Wagners die Leiche in Dresden beigesetzt. (5 Abbildungen von Weber, sein Geburtshaus, seine Wohnung in Klein-Hosterwitz, sein Grab in Dresden usw., sowie biographische Daten finden sich in den Klassikern der Tonkunst. Universal-Edition. S. XXXV–XLV.)

So erlag in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1826 Carl Maria von Weber in London, durch Anstrengungen aufgerieben, von Heimatsehnsucht verzehrt, seinen langen qualvollen Leiden.

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