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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 23
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Friedrich Schiller

1759 – 1805

Wenn ich hier in aller Kürze Vgl. Erich Ebstein, Schillers Krankheiten, in: Arch. f. Gesch. der Medizin. Bd. 19 (1927) S. 197-203. – Derselbe, Schiller als Arzt in: Z. f. med. Chemie. 1927, Nr. 3. – Derselbe, Über Schillers Krankheiten, in: Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Bd. 6 (1927) S. 128-239. Derselbe in: Forschung und Fortschritte. (1927), Nr. 15, S. 118-119. den Versuch mache, Schillers 15jährige Krankengeschichte epikritisch zu beleuchten, so handelt es sich für mich bei diesen posthumen Krankengeschichten nicht nur darum, die betreffende Krankheit genauer zu erkennen, als es bei Lebzeiten möglich war, sondern vor allem auch darum, zu zeigen, wie es um die Erkennung der Krankheiten zu der Zeit bestellt war und wie die behandelnden Ärzte sich zu ihnen und zu dem Patienten gestellt haben. Sind alle diese Fragen erledigt, so wird es dann Sache des Literarhistorikers sein, daraus das Fazit zu ziehen. Für Schiller haben derartige Untersuchungen bisher noch gefehlt. Bei der kaum zu übersehenden Literatur habe ich mich natürlich auf Schillers Briefe und die zeitgenössischen Stimmen stützen müssen. Wie kritiklos in den Schiller-Biographien von Schillers Krankheiten gesprochen wird, dafür nur ein Beispiel: »Manche erklärten das Übel für Magenkrebs, andere für ein Darm- und Herzleiden«. Derartige Sätze können nur ohne jegliches Quellenstudium niedergeschrieben sein.

Nach Statur und Körperbau müssen wir Schiller zu den Asthenikern oder Schwächlingen rechnen, wie sie die heutige Konstitutions-Pathologie nennt Er war der zweitgeborene unter 6 Geschwistern.). Die sogenannten »kleinen« Krankheiten in Schillers jugendlichem Alter dürfen wir heute nicht nur lediglich als bedeutungslos ansehen. In seiner Rothaarigkeit, die auch die Mutter, die dieselbe Konstitution hatte, zeigte, gepaart mit Sommersprossen, sehen wir u.a. ein Zeichen der Empfänglichkeit für Lungenschwindsucht. Die ersten Keime dieser Krankheit dürfen wir in diese Zeiten zurückdatieren. Unter Schillers Vorfahren finden sich mit Sicherheit keine schweren Lungenkrankheiten, jedenfalls sind die erreichten Altersstufen nicht als niedrig zu bezeichnen.

Was Schillers Mannheimer Erkrankung anlangt, so hören wir, daß er damals an dreitägigem Fieber litt. Er kam immer zwei Tage dazwischen zu dem Verleger Schwan und las ihm vor, was an Dichtungen entstanden war; den dritten Abend, wo das Fieber kam, schickte er die Aushängebogen, auch nicht selten bekam er das Fieber in der Wohnung bei Schwan. Nach dieser Notiz ist kaum zweifelhaft, daß es sich bei Schiller um ein drittägiges »Wechselfieber« gehandelt hat. Dies ist bei uns heute noch der häufigste Typus.

Mannheim war damals von allen möglichen Infektionskrankheiten heimgesucht. Es werden genannt: Ruhrepidemien und typhöse Erkrankungen im Sommer. Das Trinkwasser war dort so schlecht, daß sich der Hof dieses aus Heidelberg kommen ließ. Außerdem wird die Lungenschwindsucht epidemisch und für 1780 wird Grippe angegeben, die auch Schiller im Jahre 1782 bis in den Anfang Juni hinein ganz unfähig machte.

Ob und inwieweit eine schwere Malariaerkrankung zur Lungentuberkulose disponieren kann, ist eine Frage, die auch heute noch nicht ganz einfach zu beantworten ist. Es ist jedenfalls nicht angängig zu sagen – und entspricht auch den Tatsachen nicht –, daß Schillers Arzt aus Unfähigkeit während der Erkrankung eine Hungerkur verordnete, wie manche Biographen behaupten. Wir treffen vielleicht das Richtige, wenn wir sagen, daß Schillers schwache Konstitution durch die infolge der Kur bedingte Unterernährung sowie durch die Rückfälle der Krankheit, die nachweislich bis in den Mai 1784 und vielleicht noch weiter reichen, stark mitgenommen wurde. Auch mögen die Folgen der Grippeerkrankung, die damals in schwerer Form pandemisch auftrat, so daß z. B. Mannheim die Theater schließen mußte, nicht spurlos an Schiller vorübergegangen sein. Es darf hier daran erinnert werden, daß auch Iffland damals erkrankte, der später in demselben Alter wie Schiller – 46 Jahre alt – der Lungenschwindsucht erlag.

Bei den damaligen Kenntnissen über diese Erkrankung und die begrenzte Möglichkeit, ihr Frühstadium zu erkennen, wird es nicht wundernehmen, daß auch Schiller selbst, nachdem er der Mannheimer Seuchengefahr entronnen war, sich in der Dresdner Zeit, wie er schreibt, gesund, arbeitsam und im ganzen genommen heiter fühlte. Erst von Beginn des Jahres 1787, als Schiller im 29. Lebensjahr stand, beginnt die Kette von Beschwerden, die in Katarrhen und häufigen Schnupfenanfällen bestanden, so daß er es selbst ordentlich ein Wunder nennt, wenn er vier Wochen lang mal keinen Besuch von Schnupfen gehabt hat. Neben den ersten katarrhalischen Erscheinungen, die im einzelnen nicht zu analysieren sind, da von regelmäßigen Temperaturmessungen damals noch keine Rede war, scheinen sich ab und zu »dumme Geschichten im Unterleib« gemeldet zu haben. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß von einer früheren Infektion noch ruhrartige Anfälle oder Neigung zu solchen zurückgeblieben sein mögen. Anderseits sind bei dem Dichter offenbar schon frühzeitig die Erscheinungen einer sekundären Darmtuberkulose Erich Ebstein, Einige Beiträge zur Geschichte der sekundären Darmtuberkulose. Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. 18. S. 202-208. aufgetreten, die durch Verschleppung der Bazillen auf dem Blutweg und besonders durch Infektion mit verschluckten Sputis zustande kommt. Da die klinischen Untersuchungsmethoden zu dieser Zeit in den allerersten Anfängen waren, brauchen wir uns nicht zu wundern, daß die exakte Diagnose einer Lungen- und Rippenfellentzündung noch Schwierigkeiten machte. Selbst die Methode der Auskultation des Kranken wurde damals noch nicht geübt; deren Früchte haben vielleicht noch Goethe, aber nicht mehr Schiller zum Nutzen gereicht.

Als Schillers schwere Krankheit sich im Anfang 1791 zeigte, der sich verschiedene Rückfälle anschlossen, wurde sie mit verschiedenen Namen belegt: heftiges Katarrhfieber, Lungenentzündung, hitzige Brustkrankheit, Brustzufall, Brustfieber, mehr Seitenstich als Lungenentzündung, Asthma convulsivum, Asthma suffocativum, endlich Verdacht auf Lungenschwindsucht, den Schiller wohl selbst am meisten fürchtete; es wurde ihm wohl aber von seinen Ärzten, besonders von dem Jenaer Professor Stark, in dessen Händen die Hauptbehandlung Schillers in den langen Reihen von Jahren lag, ausgeredet. Stark, ein Mann von großer Erfahrung, erklärt in seinem Handbuch merkwürdigerweise z. B. sehr ausdrücklich »eine Rippenfellentzündung werde besser Brustentzündung« genannt. Heute wissen wir, daß die Lungentuberkulose häufig durch eine Rippenfellentzündung eingeleitet wird. Auch hier gilt nach des Klinikers Wilhelm von Leubes Ansicht die Regel, daß die Pleuritis nicht den Grund zur Tuberkulose legt, sondern umgekehrt, daß das Rippenfell in solchen Fällen sekundär entzündlich affiziert wird. Dabei tritt zu einer beginnenden, bis dahin schleichend verlaufenen Lungentuberkulose, die dem Patienten überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen ist, eine scheinbar spontan einsetzende Pleuritis, in deren Verlauf oder nach deren Heilung die Spitzentuberkulose dann deutlich hervortritt. So bestätigt auch das von Huschke niedergeschriebene Sektionsprotokoll Schillers, daß seine linke Lunge mit der Pleura und selbst mit dem Herzbeutel so fest verwachsen war, daß diese kaum mit dem Messer zu trennen war; es hat sich also bei Schiller jedenfalls im Jahre 1790/91 um eine linksseitige tuberkulöse Pleuritis gehandelt. Dementsprechend hat Schiller auf der linken Brustseite immer noch jahrelang Schmerzen gespürt, die erst in der letzten Periode der Krankheit nachgelassen haben. Es mag hier erwähnt werden, daß Schiller – ebenso wie seinerzeit Gellert – von seinen Ärzten nach Karlsbad geschickt wurde, da man die Ursache des Übels im Unterleib vermutete.

Der Gebrauch der Karlsbader Kur (vom 9. Juli bis 6. August 1791) bestand in Sprudeltrinken, von dem er 18 Becher täglich trank. Außerdem ging Schiller spazieren, ritt auf Eseln und machte Geselligkeit mit. (Vgl. E. Ebstein a. a. O. S. 170 f.)

Im Jahre 1802 war Schiller bei dem Keuchhusten, den seine Kinder durchmachten, auch von dieser Krankheit über sechs Wochen geplagt. Jedes Jahr nach der großen Krankheit 1790–1791 ließ sich Schiller Anfang Januar zur Ader lassen. Dieses Verfahren war ihm von seinen medizinischen Studien her wohl vertraut, und er selbst erörtert ausführlich, wie das Blutlassen die Beklemmung auf der Brust aufzuheben vermag, wie anderseits, wenn das nicht geschieht, der Kranke dem Stickkatarrh erliegen kann.

Wir müssen jetzt noch einmal im Zusammenhang auf die Erscheinungen zurückkommen, die Schillers Darmleiden betreffen und die wir bereits als sekundäre Darmtuberkulose angesprochen haben. Bei ihr zeigt sich anfangs unmotivierter Durchfall, dann auch Verstopfungssymptome, diese relativ am häufigsten bei örtlicher tuberkulöser Erkrankung in der Ileocöcalgegend. Darmblutungen sind im Verhältnis zu den häufigen und tiefen Geschwürsprozessen im Dünn- und Dickdarm selten. Schiller hatte im Juli 1804 einen solchen Anfall durchzumachen, den er selbst als »harten Stoß« bezeichnete, während die Zeitgenossen ihn als »rote Ruhr«, also als schleimigen Darminhalt mit Blutbeimengung buchen. Die kolikartigen Schmerzen, sein Malum domesticum, denen Schiller oft ausgesetzt war, beruhen auf der Anspannung der Darmmuskulatur zur Überwindung eines Hindernisses; sie lassen also auf Verwachsung oder gar Verengerung im Darm schließen. Meteorismus des Leibes, mit Atembeschwerden infolge Hochstand des Zwerchfells, peristaltische Unruhe, Übelkeit, periodisch auftretende Darmkoliken und Neigung zu Erbrechen treten auf, die Schmerzen und die sogenannte Darmversteifung können sich wehenartig steigern. Alle diese Erscheinungen sind dem Dichter nicht erspart geblieben.

Bei dem sogenannten »Choleraanfall«, der Schiller im Dezember 1797 befiel, handelte es sich nicht etwa um eine echte Cholera, sondern, wie auch Stark dies in seinem Handbuch definiert, um eine Brechkolik. Auch Schiller selbst berichtet in diesem Sinne, daß er von einem starken Erbrechen und Durchfall befallen sei. Wenn Schiller hinzufügt, daß es sich, wie er höre, um ein epidemisches Übel in der Jenaer Gegend handele und den Schluß zieht, daß dieser Choleraanfall also mit seiner übrigen Krankheit, wie es scheine, nichts zu tun habe, so war das sicherlich auch die Ansicht Starks, der die wirkliche Ursache des Leidens dem Kranken vielleicht verheimlichen wollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach muß auch dieser Anfall von Darmkolik, der mit Erbrechen vergesellschaftet war, den Erscheinungen der sekundären Darmtuberkulose zugerechnet werden.

Als Schiller im Februar 1805 von dem zweiten »harten Stoß«, wie er ihn nennt, überfallen wurde, war sein Leib von Blähungen aufgetrieben, wie der junge Voß berichtet. Dabei litt Schiller an der hartnäckigsten Verstopfung und da er vier Tage nichts gegessen hatte, war er noch entkräfteter; er war so schwach, daß er nur mit Vossens Unterstützung durch die Stube gehen konnte. Es befiel ihn auch bald eine Ohnmacht, daß er wie tot dalag. Voß rieb ihm die Schläfe und Brust mit Spiritus; als er sich erholt hatte, gab ihm Voß Opium und Naphtha (Hoffmannstropfen). Nachdem Schiller die Ohnmacht überwunden hatte, erfolgte Erleichterung und Erholung durch den Stuhlgang; besonders der Mangel an Öffnung machte Schiller so unruhig und bange. Voß riet ihm, nur einen Versuch zu machen und geduldig die Zeit zu erwarten. Schiller tat es auch. »Als er nun so auf jenem Stuhle, der auch für Könige bedeutender wird als der Thron, saß, verglich er sich mit Cato, der auch einmal in dieser Positur gesessen und so Audienz gegeben habe.« Voß erzählte ihm dabei allerlei lustige ähnliche Geschichten und so verflossen ein paar fröhliche Stunden. »Endlich und endlich erfolgte Linderung, und Gott weiß, wie herzlich und innig ich gratulierte.« Nun sagte er ganz gleichgültig: »Nun bin ich gesund.« Damals tat er zu Voß den charakteristischen Ausspruch: »Ach! die verwünschten Verstopfungen, die rauben mir alle zwei Jahre zwei Trauerspiele, die ich ohne sie schreiben würde.«

Damals schrieb Schiller an Goethe: »Die zwei harten Stöße, die ich nun in einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen hatte, haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben mich zu erholen.«

Geht man Schillers Briefwechsel sowie die zeitgenössischen Dokumente genau auf die krankhaften Zustände in seinem Leben durch, so zeigt sich, daß Schiller nur ungern, und zwar nur in allgemeinen Ausdrücken von seinen Leiden redet, deren Natur ihm wohl nicht unbekannt geblieben ist. Höchstens spricht er sich Körner oder Goethe gegenüber darüber aus. Die häufig auftretenden Darmerscheinungen in der eben skizzierten Weise verboten dem Dichter auch, längere Zeit Besuch zu empfangen.

Daß unter dem in den Briefen Schillers gebrauchten Ausdruck »Krämpfe« nicht etwa nur Brustkrämpfe, die ihn natürlich auch heimsuchten, verstanden sind, sondern oft Krämpfe im Bereich des Unterleibes, Darmkoliken, Erscheinungen und Veränderungen des Darmes, wie sie eben bei der sekundären Darmtuberkulose und besonders bei der Ileocöcaltuberkulose in Erscheinung treten, dafür sei nur die Stelle im Brief an Goethe hier mitgeteilt, wo es heißt: »Ich habe immer noch viel von meinem Husten zu leiden, bin aber viel freier von meinem alten Übel, wobei indes meine Stimmung und meine Tätigkeit nicht viel gewinnt; denn das neue Übel greift mir den Kopf weit mehr an, als das Malum domesticum, die Krämpfe, zu tun pflegen.

Überblicken wir Schillers Krankheitszustände in ihrer Gesamtheit, so sehen wir eine Kette von Leiden, denen er schließlich im Alter von 46 Jahren erlegen ist; aber seelisch ist Schiller, durch die Kraft seines Willens von einer fast nie versagenden Energie, Herr über sein Leiden geblieben. Von ihm gelten die Worte Wilhelm von Humboldts, daß Schiller »die Krankheit in dem Körper verschlossen hielt. Denn zu welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war sein Geist ruhig und heiter und aufgelegt zu wissenschaftlicher Mitteilung und interessantem, selbst tiefem Gespräch. Er pflegte sogar wohl zu sagen, daß man besser bei einem gewissen, doch freilich nicht so angreifenden Übel arbeite, und ich habe ihn in solchen wirklich sehr unerfreulichen Zuständen Gedichte und prosaische Aufsätze machen gefunden, denen man diesen Ursprung gewiß nicht ansah ... Er litt sehr, er litt dauernd und wußte, wie auch eingetroffen ist, daß diese beständigen Leiden nach und nach seinen Tod herbeiführen würden. Anhaltende selbsttätige Beschäftigung des Geistes verließ Schiller fast nie und wich nur den heftigeren Anfällen seines körperlichen Übels; dies schien ihm Erholung, nicht Anstrengung.«

Jüngst hat ein Kliniker im Hinblick auf Thomas Manns Zauberberg den Gedanken ausgesprochen, Schiller würde, hätte er den Tuberkelbazillus schon gekannt und all unser heutiges Wissen um die Tuberkulose gehabt, hätte es zu seiner Zeit schon Lungensanatorien gegeben, möglicherweise ein paar Jahre länger gelebt, aber seinen »Wilhelm Tell« und das »Lied an die Freude« vielleicht nicht geschrieben haben.

»Es ist der Geist, der sich den Körper baut.«

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