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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 19
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Johann Heinrich Voß

1751 – 1826

Heinrich Heine sagt in seinem heute noch lesenswerten Buche über: »Die romantische Schule. Hamburg 1836« von J. H. Voß: »Die Biographie des Mannes ist fast die aller deutschen Schriftsteller der alten Schule. Er wurde geboren am 20. Februar 1751, im Mecklenburgischen, von armen Eltern, studierte Theologie, vernachlässigte sie, als er die Poesie und die Griechen kennen lernte, beschäftigte sich ernsthaft mit diesen beiden, gab Unterricht, um nicht zu verhungern, wurde Schulmeister zu Otterndorf im Lande Hadeln, übersetzte die Alten und lebte arm, frugal und arbeitsam bis in sein fünfundsiebenzigstes Jahr.«

23 Jahre alt – im Mai 1774 – meldet Voß an Brückner: »Kaum hatte ich fünf Züge (an einer Pfeife Tabak) getan, so röchelte mir's in der Brust und gleich darauf spie ich Blut. Ich ließ mich des andern Tags zur Ader, und der Doctor (in Flensburg) versicherte mir, es hätte weiter nichts zu bedeuten. Allein des Abends stellte sich das Blutspeien von neuem ein, und weit stärker als vorher. In der Nacht hatt' ich's noch zweimal, und des Morgens wieder. Ich ward hierauf von neuem zur Ader gelassen, und verlor so viel Blut, daß ich von einer Ohnmacht in die andere sank, und man an meinem Leben verzweifelte. Gegen Abend war mein wenig übriges Blut in so starker Wallung, daß der Arzt wie ich hernach erfahren, einen Blutsturz befürchtete, der mich ohne alle Rettung würde getötet haben. Allein das verhütete Gott, und seit der Zeit bessere ich mich mit jedem Tage... Die Ursache von meiner Krankheit soll Vollblütigkeit und zu große Verdünnung des Bluts sein. Vollblütigkeit befürchtete ich nun garnicht, da ich mich nicht lange vor meiner Reise erst zur Ader gelassen...« (Briefe von Voß. Halberstadt 1829. B. 1,S. 163 f.)

Im Juni hatte sich Voß in die Behandlung des Dr. Hensler begeben, der ihm von neuem Medizin gab und eine strenge Diät vorschrieb, »wobei er mir eine vollkommene Gesundheit zu verschaffen verspricht. Mein Übel soll vom Hypochonder kommen, ungeachtet ich von keinem Hypochonder gewußt. Etwas vom Stiche, der jedoch nur beginnender Schmerz ist, fühl' ich zu Zeiten in der Brust, und kann nur sehr langsam gehen ... Ich sehe meine Krankheit als eine Schickung Gottes an, die zu meinem Besten dient. Mein Gewissen ist frei, daß ich sie mir nicht zugezogen habe, und soll auch wegen der künftigen Schonung frei bleiben. Auch D. Mumsen macht mir die beste Hoffnung, wenn ich mich schonen werde ... (I, 167 f.)

Die Reise von Hamburg nach Göttingen, wo er Ende Juni eintraf, ist ein wenig zu heftig für seine Lunge gewesen. »Auf Anraten Henslers hab ich mich Prof. Richtern anvertraut. Ich bin die vorige Woche zweimal zur Ader gelassen, und jetzo scheints, daß mein Blut anfängt ruhig zu werden. Herzklopfen und Engbrüstigkeit, bisweilen ein Stich in der rechten Brust war das einzige, was mich seit dem Blutspeien beunruhigte. Alle machen mir Hoffnung, daß auch dieses werde bald gehoben werden. Heute habe ich den Selterser Brunnen angefangen, und darf noch wenig lesen und schreiben ... (1,170.)

Am 11. Juli muß Voß allerdings wieder berichten: »Mit mir ist es noch nicht so ganz richtig. Ich speie noch alle Morgen etwas rötliches aus, was Richter für Schleim hält, das mit Blut aus der Leber vermischt ist, denn meine Leber soll verstopft sein. Erich Ebstein, Leber- und Lungenblutungen, in: Die Tuberkulose. 1930, Nr. 5. S. 105. Ich habe in Ankershagen einmal nach einer starken Ärgerniß ein Fieber bekommen, wobei das Weiße in den Augen gelblich ward. Seit der Zeit habe ich des Morgens beständig immer einen bitteren Geschmack gehabt, und auch oft mehr oder weniger rötlichen Schleim aufgebracht. Ich habe nach der Zeit weniger darauf geachtet, weil ich mich sonst recht gut befand. Richter findet hier die erste Spur meiner Krankheit. Ich gebrauche noch den Brunnen und hoffe gute Wirkung. Mit meiner völligen Genesung kann es immer noch bis Michaelis dauern...« (1,172.)

Im November fühlt sich Voß schon so stark, daß er von Göttingen nach Münden reisen und »eine halbe Meile von der Stadt, und ziemlich stark« gehen kann. Mit Voßens Genesung kehrte die Muse aufs Neue ein; die Schwermut, die auf ihm gelastet, wich und er schaute hoffend auf das, was kommen sollte. Es war die Zeit des glücklichen Bräutigams. Seit dieser Zeit ist Voß von Lungenkrankheit frei geblieben und stets tätig gewesen in Wandsbeck, Otterndorf und Eutin. Von hier zog er – reizbar und überarbeitet – erst nach Jena in Ruhestand, siedelte 1805 nach Heidelberg über, wo er nach kurzer Krankheit sein Leben beschloß.

Der 29. März 1826 war Voßens Todestag. Am 28. April 1826 schrieb der Arzt Wedekind aus Auerbach (ungedruckt in meinem Besitz): »Wer war den Voßens Arzt? – Im Anfang Februar war bereits das Dasein eines organischen Fehlers im Herzen anzunehmen; in solchen Fällen müssen Arzt und Patient selbst alles anwenden, um einen auch unbedeutend scheinenden Brustkatarrh schleunigst zu beseitigen. Mit der Verknöcherung im Herzen hätte vielleicht Voß noch eine gute Weile leben können. Haec inter nos.«

In der Todesanzeige der Familie (Paulus, Lebens- und Todeskunden über Voß, Heidelberg 1826. S. 3 f) wird gesagt, daß den Dichter »eine kurze, nicht schmerzhafte Krankheit« in dem »Augenblick, wo er mit einem plötzlichen Ach! nach dem Herzen griff«, fortgenommen hat. (Ebenda S. 43.) In dem Abriß seines Lebens (Paulus S. 16 u. 39) betont Voß, daß er von der oben beschriebenen »Brustkrankheit« durch »Wandsbeckländliche Luft« und Henslers Rat geheilt sei. Diesem seinem Arzte hat er aus Dankbarkeit eine tiefgedachte Ode gewidmet (Gedichte, Auswahl letzter Hand Bd. III, 78), in der er singt:

»Du, der mir zweimal Leben aus Tod erschuf,
Durch Heilungsbalsam, einst der bethränten Braut,
Und jüngst der schon trostlosen Gattin,
Ach! den verwaisenden Tag entfernend,

Mein Hensler! kundig alter Belehrungen,
Durch eigene Forschung kundiger, rasch von Blick,
Stets wolkenlos zu Scherz und Liedern,
Aber gefaßt, wenn es gilt, und mannhaft ...«

Philipp Gabriel Hensler (1733-1805), dessen Lebensarbeit H. Rohlfs (Die med. Klassiker Deutschlands. 1. Abt. Stuttgart 1875. S. 176-247) am ausführlichsten gewürdigt hat, zählte während seiner Hamburger Zeit zu seinen Freunden u. a. Busch, Campe, Klopstock, Reimarus, Voß, Schönborn, Sturz, Basedow, Lessing, die Brüder Stolberg usw.

Noch 1799 hatte Voß (Gedichte III, 282. Königsberg 1802) eine Ode »Der Gesunde« gedichtet, die so anhebt:

»Gesund an Leib und Seele sein,
Das ist der Quell des Lebens.
Er strömet Lust durch Mark und Bein,
Die Lust des tapfern Strebens.
Was man mit frischem Herzensblut
Und keckem Wohlbehagen tut,
Das tut man nicht vergebens.«

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