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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 17
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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Johann Wolfgang Goethe

1749 – 1832

Über Goethes Krankheiten in seinem langen Leben ist viel geschrieben worden. Die Frage: »An welcher Krankheit starb Goethe?« habe ich in Bd. 1 des Jahrbuchs der Sammlung Kippenberg (Leipzig 1921, S. 313-320) beantwortet. Besonders viel Federn hat des jungen Goethe schwere Krankheit in Leipzig (1768) in Bewegung gesetzt. Ich erinnere nur an die Pathographie von Möbius, an B. Fränkel's Studie (1910) und an die von Friedrich Schultze (1915), die sich alle für eine tuberkulöse Erkrankung Goethes entscheiden.

Wilhelm Alexander Freunds Arbeit (Münch. med. Wochenschr. 1898 Nr. 48), neigte zu der Ansicht, daß die Leipziger Krankheit syphilitischer Natur gewesen sei. Er hat sie noch kurz vor seinem Tode in den »Allotria eines alten Mediziners usw.« Berlin (Jul. Springer) 1917, einer Abhandlung, die nicht in den Buchhandel kam, mit neuen Dokumenten verfochten. H. Kirstein (Allg. med. Centralzeitung 1898. S. 1209) trat mit Möbius der Freundschen Annahme entgegen, der sich B. Fränkel mit seiner kritischen Schrift anschloß, ebenso wie Fr. Schultze.

Im Jahre 1919 schrieb H. Schelenz (Berliner klin. Wochenschr. Nr. 11) »Nochmals Goethe's Krankheit«, der (ebenda Nr. 45) eine Erwiderung von Hansen folgte. Schelenz kam zu dem Schluß: »Bündig dürfte die Frage kaum je beantwortet werden.«

Bereits im Jahre 1904 (Baltische Monatsschrift Heft 4) hat Emil Rathlef – ein Nichtmediziner – ebenfalls den Nachweis einer tuberkulösen Erkrankung in Leipzig geführt und er sieht in Goethe einen »bei günstigem Verlauf der Krankheit fast gänzlich geheilten Tuberkulösen.« Rathlef nimmt dann weiter an, daß der damals verheilte Lungenherd auch den Altersblutsturz im September 1830 veranlaßt habe. Man kann aber deshalb nicht Goethe für sein ganzes Leben als Phthisiker betrachten. Denn jeder große Denker und Dichter trägt den Keim des Todes in sich, wie alle anderen Sterblichen.

Als Goethe am 26. September 1830, zwei Tage, nachdem ihm der Tod seines Sohnes August gemeldet war, einen heftigen Blutsturz bekam, nannte ihn Goethes Arzt, Vogel, eine Lungenblutung und sprach sich darüber so aus: »Bei der Lungenblutung war der Puls weniger frequent (50), das erstickende, stromweise aus den geborstenen bedeutenden Blutgefäßen durch den Mund fließende Blut hatte ein tiefes und weites Waschbecken ausgefüllt.« Damals verordnete Vogel einen Aderlaß, durch den er dem 80jährigen Manne 2 Pfund Blut entzog. Goethe erholte sich danach schnell.

Eine neue Notiz Goethes über seine Leipziger Erkrankung finde ich in den von Paul Zimmermann herausgegebenen Briefen Goethes an E. Th. Langer, die 1922 in Wolfenbüttel erschienen. Dort ist der erste Brief Goethes abgedruckt, den er nach seiner Rückkehr aus Leipzig – im Elternhause in Frankfurt – an Freund Langer geschrieben hat. Da heißt es:

»Die Nachricht, daß meine Reise ruhig und glücklich abgelaufen, und daß mein Medicus hier, meinen Zufall nicht sowohl aus einem Schaden aus der Lunge als einer Beschädigung der Luftröhre herleitet, wird allen, die mich lieben, angenehm sein ...«

Der in Leipzig zur ersten Hilfe hinzugezogene Arzt Dr. G. Chr. Reichel (1717–1771), in dessen Hause Goethe wohnte, war Prof. der Medizin in Leipzig und war damals 51 Jahre alt. Man konnte ihm daher wohl Erfahrung zutrauen. Reichel hatte den Blutsturz für den Beginn von Lungenschwindsucht gehalten. Daher schrieb Goethe an Chr. G. Schönkopf: »Ich befinde mich so gut als ein Mensch, der in Zweifel steht, ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann; doch geht es besser, ich nehme an Backen wieder zu.« Fast interessanter und schwieriger in der Deutung erscheint mir Goethes Erkrankung in Frankfurt, vielleicht eine Störung der Darmtätigkeit, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.

Wie unkritisch auch bei der Beantwortung dieser Frage vorgegangen wurde, zeigt Hermann Türcks Annahme, daß Goethe Liquor Silicum (Kieselsaft) eingenommen habe und als Medizin gebraucht hätte. Davon steht in Dichtung und Wahrheit (II, 8) kein Wort. Türcks Annahme, daß »Goethes Kur der Tuberkulose mittelst Kieselsäure uns den Dichterfürsten gerettet hat«, entbehrt also jeglicher Berechtigung. Ich habe mich gegen diese »arzneiliche Goethe-Legende« in der Z. f. med. Chemie 1926. Nr. 8. S. 63 ausgesprochen.

Zum Schluß werden wir uns, wie es Fränkel in musterhafter Weise getan hat, die Frage vorlegen, was Goethe etwa getan hat, um der Gefahr eines Fortschreitens der Lungenschwindsucht vorzubeugen.

Wir wissen, daß Goethe soviel als irgend möglich im Freien lebte und soviel körperliche Übungen trieb, wie die Zeit irgend erlaubte. So wechselten 1777 Tanzen, Reiten, Wandern, Fischen, Jagen, Scheibenschießen, Baden, Eislauf, Schlittenfahren, Fechten, Kegeln nach der Jahreszeit miteinander ab. Damals bekam Goethes Gartenhaus einen neuen Altan, der aber nur noch auf älteren Abbildungen zu erkennen ist. Dort konnte er im Freien schlafen – und er tat es auch. Sonst im Altanstübchen bei geöffneter Türe. Vielleicht haben diese Abhärtungsmethoden, die heut noch mit zu den Grundzügen der modernen Phthiseotherapie gehören, dazu beigetragen, Goethes kostbares Leben zu verlängern. (Vgl. auch Gerber. Nochmals Goethes Leipziger Krankheit. Berl. Hin. Wochenschr. 1910. S. 1482 und H. Porzgen, Die Tuberkulose Johann Wolf gang Goethes. In: Auf dem Liegestuhl. Nr. 4, 1929, S. 70 f.)

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