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Tuberkulose als Schicksal

Erich Ebstein: Tuberkulose als Schicksal - Kapitel 16
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authorErich Ebstein
titleTuberkulose als Schicksal
publisherFerdinand Enke Verlag
editorGeorg B. Gruber
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L. Chr. Hölty

1748 – 1776

Seiner körperlichen Beschaffenheit nach war Hölty von mittlerer Statur. Ehe er als Knabe die Blattern durchmachte, galt er als schön. Sein Gang war schleichend und träge, und den Kopf pflegte er kränklich etwas vorzuhängen. Sein Haupthaar war licht, das Barthaar aber rötlich. Sein Gesicht färbte immer kränkliche Blässe, und sein Äußeres war etwas vernachlässigt. (Nach den Schattenrissen edler Teutschen 1784; W. Michael, Höltys Werke II, 216.) Auch hatten seine Augen durch die Blatternerkrankung gelitten.

Dein eherner Fußtritt hallte mir oft, o Tod,
In meiner Kindheit werdenden Dämmerung,
Und manche Mutterträne rann mir
Auf die verblühende Kinderwange.

Als Göttinger Studenten schildert ihn Voß mit den Worten: »Stark von Wuchs, niedergebückt, unbehilflich, von trägem Gange, blaß wie der Tod, stumm und unbekümmert um seine Gesellschaft.«

Am 24. Februar 1775 meldet Hölty zum ersten Mal seiner Freundin Charlotte von Einem aus Göttingen: »Ich befinde mich garnicht wohl; fühle Schmerzen in der Brust, und muß alle Morgen Blut und Eiter auswerfen. Richter schüttelte den Kopf, als ich ihm die Sache erzählte, und sagte, es sei gefährlicher als Voßens Zufall. Er hat mir Arzney verschrieben, und Fleisch und Wein verboten. Studiren soll ich auch nicht viel; es ist ein Glück, daß er mir auch das Versemachen nicht verboten hat. Ich muß nun erwarten, was aus dem Zufalle wird. Doch nichts soll mir ängstliche Sorgen machen, selbst der Tod nicht. Ich gehe aus der Welt, wie ich über Feld gehe.« (Steinberger, Aus dem Nachlaß Charlottens von Einem. Göttingen 1923. S. 31.) Zur Beruhigung schreibt Hölty weiter (ebenda S. 32), daß das Blut nur aus einem Brustgeschwür, aber nicht aus der Lunge zu kommen scheine. Ende März meldet Hölty, daß er sich ein halbes Pfund Blut habe abzapfen lassen. Im April 1775 hat er 3 Wochen Selzerbrunnen mit Ziegenmilch getrunken, und danach brauchte er China. Hölty bemerkt, daß sich dadurch der Schleim zwar etwas gelöst habe, aber daß er jeden Morgen noch Blut auswerfe. Ende des Monats scheint sich der Zustand etwas gebessert zu haben, und er läßt Voßens Arzt in Wandsbeck, den Dr. Hensler, fragen, ob er im Sommer wieder den Brunnen trinken soll, da er in Mariensee bei Hannover keinen Arzt in der Nähe habe. Deshalb sucht er in Hannover gleich den Rat Zimmermanns, weil er wieder alle Morgen Blut auswirft, »das wie Eiter aus Geschwüren aussieht«.

Zimmermann schrieb im Januar 1776 an Lavater über Hölty (E. Ebstein, Ärzte-Briefe usw. S. 30): »Am Anfang des letzten Jahres schien er ein Opfer der Schwindsucht werden zu wollen; ich half ihm durch malgré lui, denn er spie Blut die Menge, hatte die heftigsten Brustschmerzen und beständiges Fieber, ohne sich dadurch einen Augenblick in seiner göttlichen Seelenruhe stören zu lassen.«

Über die Kur, die Zimmermann seinem Patienten angeordnet hat, erfahren wir unter dem 5. Mai 1775: »Der Leibmedikus Zimmermann hat mir eine langwierige Kur verordnet, und eine noch strengere Diät, als ich in Göttingen beobachten mußte. Vorgestern habe ich mich nach seiner Vorschrift zur Ader gelassen, und ich soll die Aderlässe oft wiederholen. Vielleicht, hat Zimmermann Leisewitzen gesagt, könnt' ich noch vor der Schwindsucht gerettet werden, wenn ich die verordneten Arzneien gebrauchte, und die vorgeschriebene Diät befolgte. Du siehst also, wie gefährlich meine Krankheit ist, und auf welch einem schmalen Scheidewege zwischen Leben und Tod ich wandle. So wenig ich mich auch vor dem Tode fürchte, so gern lebt' ich doch noch gern ein Paar Olympiaden, um mit Euch Freunden mich des Lebens zu freuen, um nicht unerhöht mit der großen Flut hinunterzufließen. Doch Gottes Wille geschehe!«

Diese Gedanken hat der Dichter in folgende Verse gegossen:

O wunderschön ist Gottes Erde
Und wert darauf vergnügt zu sein!
Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schönen Erde freun!

Hölty erholt sich soweit, daß er einen lang ersehnten Herzenswunsch erfüllen kann: er reist nach Hamburg und verlebt mit Klopstock, Voß und Matthias Claudius die acht reichsten Tage seines Lebens. Hölty trägt sich immer wieder mit dem Gedanken, in Wandsbeck ein Zimmer zu mieten und mit Voß und Claudius das Idyll des ländlichen Lebens zu teilen. Alle drei hatten ja dieselben Krankheitszustände durchgemacht. Aber Hölty wurde durch den Fortschritt der Lungenkrankheit in Hannover zurückgehalten, und Zimmermann rät von jeder Reise ab. »Wenn es so mit der Krankheit fortgeht«, meint Hölty, »so möchten vielleicht meine künftigen Verse etwas nach dem Gellert schmecken.« Wie ich gezeigt habe, verbarg sich unter Gellerts Hypochondrie ebenfalls eine Lungenschwindsucht.

Da Hölty die Wandsbecker Luft versagt blieb, genoß er die Landluft von Mariensee, wo er noch die letzten sterbenden Schläge der Nachtigall hörte. Nebenher brauchte er Molken und Spiritus Vitrioli. »Wenn ich jetzt meine Gesundheit durch eine anhaltende Kur, durch Landluft und Bewegungen nicht befestige, so fällt sie ganz über den Haufen.« Nach Hannover zurückgekehrt, wurden die Leiden immer schlimmer. Als Hölty Zimmermann holen ließ, fand dieser seinen Zustand hoffnungslos. Dem Freunde Boie reichte er noch die Hand, wollte reden, war aber dazu nicht mehr instande, legte seinen Kopf in seinen Arm und verschied, 28 Jahre alt. Der Dichter hatte seine Mutter verloren, als er kaum sieben Jahre alt war. Es steht im Kirchenbuch zu Mariensee bei Hannover, Höltys Heimat, daß sie im Alter von 32½Jahr am 7. Februar 1756 »an der Schwindsucht verstorben ist.« (Vgl. K. Westerhausen, In Höltys Heimat, in: Die Spinnstube 1929, Nr. 8. S. 117.)

Durch seine Geburt wurde der Mutter Krankheit verschlimmert, und sie selbst hat ihrem Kinde die Krankheit mitgegeben.

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