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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
projectid4722cc33
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Achtes Kapitel.
Fritz wird Schauspieler aus Desperation.

Als Fritz am anderen Morgen zu guter Stunde in dem geheimen Laboratorium erschien, fand er Herrn Thomasius beschäftigt, große Klumpen Zinnober im Mörser zu zerstampfen.

»Wie geht's, Fritz?« fragte Herr Thomasius theilnehmend.

»Ich bin nicht krank.«

»Das freut mich,« sagte der Apotheker und reichte seinem Subjekt die Hand. »Kopf oben, Fritz! und trinkt brav kalt Wasser, das ist das Beste in solchen Fällen.«

Man ging an die Arbeit. Fritz wiederholte noch einmal im kleinen das Experiment, und es gelang wie gestern. Nun drängte der Apotheker zu dem Versuch im großen.

»Die ersten Skrupel Gold,« sagte er, »werden angewandt, um den Löwen, den die Apotheke als Zeichen führt, zu vergolden. Ich habe mir bereits vom Magister, dem ich gestern Abend unsere, oder vielmehr Eure Entdeckung unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut habe, eine Inschrift aufsetzen lassen, die ich auf das Fußgestell des Löwen zu setzen gedenke.«

Er zog ein Papier aus der Brusttasche und reichte es dem Baccalaureus. Dieser las:

» Me renovavit et ornavit auro, quo D ipse fe Cit, Danie LVs ThomasiVs.«

»Die dicken Buchstaben,« erklärte der Apotheker, »stellen zugleich die Jahreszahl dar. Ja, das muß man dem Magister lassen, auf solche Sachen versteht er sich wie kein Zweiter.«

Fritz nickte schweigend und gab den Zettel zurück.

Die beiden Adepten gingen an's Werk; bald wirbelte trübgelber Dampf auf und zog durch den Rauchfang. Draußen schien die Sonne, die Vögel sangen in den Bäumen des Gartens, grüne Eidechsen spielten auf der Mauer, und tausend Mücken tanzten in der Luft.

Die beiden Goldmacher standen am Schmelzofen und kümmerten sich nicht um die Welt. Der Apotheker dachte nur an das gelbe Metall und blickte in die dampfende Masse; Fritz Hederich starrte in's Leere.

Ein müder Schwimmer, hatte er sich an's Ufer gerettet und das Land, welches ihn aufgenommen, dankbar bebaut. Er war stillzufrieden, hatte mit den Weltfreuden abgeschlossen und sehnte sich nicht wieder hinaus in das Leben. Da zeigte ihm das Schicksal das Erdenglück in der verlockenden Gestalt der blonden Else noch einmal. Eine süße Gewalt riß ihn in's Leben zurück, und er begann wieder zu hoffen, sich zu freuen. Nun war sein Hoffen zu Schanden geworden, die Ruhe, aus der man ihn gewaltsam aufgerüttelt hatte, war dahin, das liebgewordene Stillleben war ihm verleidet. Was lag vor ihm? Neue Stürme, neues Ringen. Sollte er den Kampf noch einmal wagen, oder sollte er die Arme sinken lassen und untergehen? Er hatte manche Phiole unter seiner Obhut, deren Inhalt ihm bald zur ewigen Ruhe verholfen haben würde. Sollte er der Welt gute Nacht sagen? – Nein, die Welt ist doch schön, trotz allen Elends, das sie hegt und aller Narren, die auf ihr herumstolpern! Das Wanderlied zog ihm durch den Sinn:

»Wohin des Wegs,
Müd' Menschenkind?
Zum Glück durch Leid,
Zur Ruh durch Qual
Über Berg und Thal –
Die Welt ist weit!«

Er richtete sich auf und reckte seine Glieder. Er fühlte sich so stark, er hätte dem Atlas das Weltgebäude abnehmen mögen.

Es war ein Glück, daß er so kräftig war, denn im nächsten Augenblick hatte er seinen Prinzipal aufzufangen, der todtenblaß vom Schmelztiegel zurücktaumelte. Er nahm ihn in die Arme, wie man ein kleines Kind nimmt und setzte ihn in den Lehnstuhl. Herr Thomasius kam wieder zu sich und deutete mit der Hand nach dem Schmelztiegel. Fritz Hederich blickte hinein und konnte sich sofort den Zufall des Apothekers erklären, denn der Tiegel zeigte statt des Goldes einen trüben Bodensatz, der sich trotz aller Mühe nicht in Gold verwandeln ließ.

Fritz Hederich betrachtete kopfschüttelnd den Tiegel.

»Ohne Sorgen, Herr Thomasius,« rief er dann, »es ist Zufall, ich bin meiner Sache gewiß. Gebt Acht, das nächste Mal gelingt's!«

Der Apotheker stand auf und drängte mit fieberhafter Angst zur Wiederholung des Experiments. Fritz arbeitete jetzt allein, er ging mit großer Sorgfalt zu Werke, aber kein Gold kam zum Vorschein.

»Es war Blendwerk,« murmelte Herr Thomasius.

»Nein,« antwortete Fritz, dem jetzt ein Licht aufging, »es war kein Blendwerk, aber ich war ein Thor. In dem Zinnober, den ich zum Versuch angewandt, war Gold enthalten, und ich habe es nur hervorgezogen. Dieser Zinnober enthält kein Gold, darum bleibt keins im Tiegel zurück. So ist's und nicht anders.«

»Das war eine schlimme Täuschung,« seufzte der Apotheker, »schlimm für Euch. Nun bleibt uns wieder nur die Tinktur, und diese muß gerathen, sie muß – denn es wäre eine beispiellose Grausamkeit vom Schicksal, wenn wieder ein Unfall einträte.«

Er ging nach dem großen Kolben, der über einem gelinden Feuer stand, und betrachtete die trübpurpurne Flüssigkeit.

»Seht Fritz, es klärt sich schon. Nur Geduld, nur Geduld! – Fritz, laßt's Euch nicht anfechten, daß Euch das Glück genarrt hat. Finde ich das Magisterium, so soll es keinem mehr zu Gute kommen, als Euch. Aber jetzt wachsam und vorsichtig! diesmal muß es gelingen.«

Fritz Hederich räusperte sich. »Herr Thomasius,« sagte er, »ich hab' eine Bitte an Euch.«

»Was giebt's?«

»Ich habe Euch treu gedient, und Ihr wißt, daß ich meine Sache verstehe.«

»Gewiß, das weiß ich und erkenne es an.«

»Ich danke Euch für Eure gute Meinung,« fuhr Fritz fort. »Ihr seid ein angesehener Mann und weit im Land herum bekannt. Euer Wort gilt etwas. Erweist mir die Gunst und fragt bei Euren Kollegen an, ob mich keiner brauchen kann, denn ich muß fort, fort aus dem Haus und aus der Stadt.«

»Fritz, seid gescheit, wollt Ihr gleich den Muth verlieren, weil Euch der erste Versuch in der Alchymie mißglückt ist?«

»Es ist mir nicht darum,« entgegnete Fritz; »mich treibt etwas anderes fort, Ihr wißt schon was.«

»Hm, so, so,« sagte der Apotheker und neigte den grauen Kopf. »Ihr habt am End' Recht. Es ist besser für Euch. Ich verliere Euch ungern, denn ohne Schmeichelei, ich hab' Euch lieb gewonnen, aber es ist besser, Ihr verlaßt die Stadt. Für einen guten Platz will ich schon Sorge tragen, vielleicht in Ammerstadt oder sonst wo. Aber augenblicklich könnt Ihr nicht fort, Ihr müßt bleiben, bis die Tinktur fertig ist. In zwei, drei Wochen – es kann aber auch noch länger dauern – denk' ich, sind wir am Ziel; so lange müßt Ihr aushalten. Wollt Ihr mir das versprechen?«

Fritz wäre am liebsten gleich gegangen, doch versprach er dem Apotheker, die bestimmte Zeit bleiben zu wollen und indessen sorgfältig auf die Tinktur zu achten.

»Von der Arbeit in der Offizin,« sagte Herr Thomasius, »entbinde ich Euch gänzlich, aber hier müßt Ihr desto fleißiger aufpassen, sechs Stunden ich, sechs Stunden Ihr; lange dauert's ohnehin nicht mehr.«

*

Es war sechs Uhr Abends. Fritz war in der Wache bei der Tinktur von seinem Prinzipal abgelöst worden und saß in seiner Stube. Da klopfte es an die Thür, und herein trat der Magister. Er war hochroth im Gesicht, und seine Nasenflügel zitterten. Das war immer der Fall, wenn er sehr aufgeregt war.

»Ach, Herr Baccalaureus,« sagte er mit bebender Stimme, »ach, ach, ach!«

»Was giebt's denn, Herr Magister, wo fehlt's denn?« fragte Fritz theilnehmend.

»Ach, Werthgeschätzter, mir ist etwas Arges zugestoßen; denkt Euch, der Heiland ist krank geworden, oder vielmehr er simulirt eine Krankheit, bloß um mich zu kränken.«

Dem Baccalaureus wurde angst. Der Apotheker war nahe daran, über dem großen Magisterium den Verstand zu verlieren, er selbst wußte nicht, wo ihm der Kopf stand, und nun kam ihm noch der Magister mit seinen verworrenen Reden auf den Hals.

»Ruhe, Herr Magister, Ruhe!« mahnte er. »Setzt Euch und erholt Euch, Euch ist etwas zugestoßen?«

»Freilich, freilich, und ich selbst bin Schuld daran,« antwortete der Magister und schlug sich vor die Stirn, »denn ich habe ihm eine Pönitenz diktirt.«

Fritz Hederich griff sich gleichfalls an die Stirn.

»Er hat sich aber auch ein unverzeihliches Delictum zu Schulden kommen lassen,« fuhr der Magister fort.

»Wer?« fragte Fritz; »der Heiland?«

Der Magister nickte.

Jetzt war es dem Baccalaureus klar, daß es bei dem Magister rappelte, und er begann ihn mit Vorsicht zu behandeln. Zunächst faßte er ihn beim Handgelenk.

»Euer Puls zappelt wie eine Maus im Milchtopf. Nur ruhig, Herr Magister! Was hat er denn begangen?«

»Er hat, nein ich kann's kaum sagen, er hat – ut cum indicativo konstruirt,« stöhnte der Magister.

Der Baccalaureus lachte hell auf. »Das ist freilich ein großes Vergehen!«

»Nicht wahr?« ächzte der Magister. »Natürlich konnte ich nicht anders, als ihm eine Pönitenz auferlegen. Nun thut er mir den Possen an und stellt sich krank! Wer soll nun nächsten Sonntag den Herrn Jesus spielen?«

Jetzt ging dem Baccalaureus ein Licht auf.

»Gott sei Dank,« sagte er, »daß es nichts weiter ist. Der Schüler, der in Eurer Komödie den Heiland spielen soll, ist plötzlich erkrankt? Nicht so?«

»So ist's,« bestätigte der Magister, »habt Ihr mich denn nicht verstanden? Der Sekundaner Kaspar Krautmann, welcher in meiner Komödie die Rolle des Jesus übernommen hat, hat in seinem letzten Exercitio ut cum indicativo gesetzt. Das ist etwas Unerhörtes für einen Sekundaner, und ich habe ihn deshalb mit einer Pönitenz belegt.«

»Das war aber auch unklug, Herr Magister!« wandte Fritz ein.

»Das Gewissen, Herr Baccalaureus, das pädagogische Gewissen,« entgegnete eifrig der Magister. »Ich mußte das thun. Wer hätte auch dem Krautmann die Bosheit zugetraut, krank zu werden. Ich weiß, er ist gesund wie ein Fisch im Wasser, aber er behauptet steif und fest, sterbenskrank zu sein, und unglücklicher Weise ist Doktor Krautmann sein Oheim; der schreibt ihm richtig ein Testimonium, daß er das Zimmer hüten muß. Und ich sitze da in der höchsten Verlegenheit. Auf Sonntag ist das Spiel angesagt, alles in Bereitschaft, und nun wird mein Heiland krank!«

Fritz Hederich war in einer Stimmung, daß, wenn ihm wer gesagt hätte, morgen gehe die Welt unter, er nicht außer Fassung gerathen sein würde. Der Magister aber in seiner Verzweiflung kam ihm so komisch vor, daß er Mitleid mit ihm zu fühlen begann. Theilnehmend fragte er:

»Kann denn kein anderer von Euren Lyceisten die Rolle des Herrn übernehmen? Bis zum Sonntag sind ja noch sechs Tage, und so gar viel wird der Heiland doch nicht zu sprechen haben.«

»Das nicht, aber unter meinen Schülern ist keiner, der für die Rolle tauglich wäre. Die besten habe ich bereits anderweitig verwendet; der kleine Müller spielt die Jungfrau Maria, der Sekundaner Hans Spieß macht die Braut, und ich habe meine liebe Noth gehabt, noch ein paar halbwegs taugliche Brautjungfern zu finden, alle übrigen sind kleine, untersetzte Knirpse oder ungeschlachte Bengel, kaum gut genug für die Hochzeitsgäste und Teufel. Und ich kann doch den Heiland nicht von einem so hagebüchenen Lümmel oder von einem dickköpfigen, bausbäckigen Stöpsel spielen lassen! Nein, Fritz – Herr Baccalaureus, wollte ich sagen –, wenn Ihr mich nicht rettet, so weiß ich nicht, in welches Mausloch ich mich vor Scham verkriechen soll. Ihr müht den Jesus spielen.«

»Ich?« fragte der Baccalaureus und lachte. »Magister, wenn Ihr wüßtet, wie mir's zu Muth ist, Ihr verlangtet Derartiges nicht von mir.«

»Weiß schon, weiß schon,« erwiderte der Magister, »Topf zerbrochen, Brühe ausgelaufen oder sonst etwas; Herr Thomasius hat mir vorhin etwas Ähnliches vorgewinselt. Hirngespinst, Herr Baccalaureus, Hirngespinst! Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr Euch von der Narrheit des übrigens sehr ehrenwerthen alten Herrn anstecken lassen würdet. Gold wollt Ihr machen? Überlaßt den Mammon den andern; Ihr seid zu Höherem geboren. – Spielt mir den Heiland, und Ihr werdet's nicht zu bereuen haben. Meiner Fürsprache bei unserm allergnädigsten Fürsten seid Ihr gewiß, und wenn der hohe Herr einmal aufmerksam auf Euch geworden ist und Euch seine Gunst zuwendet, so seid Ihr geborgen. Viel ist's nicht, was Ihr zu lernen habt, nichts als Stellen aus den Evangelisten, die Ihr als guter Christ so wie so kennt, nur hab ich sie in Verse gebracht, und das lernt sich desto leichter.«

Fritz Hederich befand sich in einer Lage, wo der Mensch jedwede Gelegenheit ergreift, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Es kam ihm lächerlich vor, daß er gegenwärtig, wo er alles verloren, wo er im Begriff stand, wieder in die Welt hinauszufahren und sich mit dem Geschick herumzuschlagen, Komödie spielen sollte. Er lachte und erschrak selbst vor seinem Lachen, als er dem Magister versprach, die Rolle zu übernehmen.

Diesem fiel mit der Zusage des Baccalaureus ein Stein vom Herzen. »Mit Herrn Thomasius habe ich schon gesprochen,« sagte er, »der hat nichts dagegen.«

Er wiederholte seine Verheißung und ging, um die Rolle zu holen, die Fritz auswendig lernen sollte.

In den nächsten Tagen lernte Fritz, während er am Feuer saß, über dem die rothe Tinktur brodelte, die Xylandrischen Verse auswendig. Es war ihm lieb, daß er etwas hatte, was sein Denken fesselte, und – er malte sich den Abend aus, wenn er auf dem Theater stehen und das veilchenblaue Augenpaar der falschen Else nach ihm blicken würde.

Herr Thomasius hatte seinen Konsens gegeben, daß Fritz sich an der Aufführung des Festspiels betheilige. Er war zwar ein abgesagter Feind aller Poeterei und hatte bereits mit Bestimmtheit erklärt, der Komödie in keinem Fall beiwohnen zu wollen, aber er glaubte, seinem Subjekt, dem das Schicksal so übel mitgespielt hatte, alles bewilligen zu müssen, was diesem zur Zerstreuung seiner trüben Gedanken ersprießlich wäre.

Der Magister war in diesen Tagen in großer Aufregung. An dem Spiel mußte hie und da gekürzt werden, dort war's nöthig, etwas einzuflicken, und wieder an einer andern Stelle beantragte der Rektor eine Änderung; und was Herr Paulus Crusius sagte, das mußte geschehen, wenn's auch dem Magister nicht immer einleuchtete.

Täglich wurde eine Probe gehalten, und dabei gab's viel Ärger. Hans Spieß, der die Braut spielte, war ein Faulpelz ersten Ranges, er konnte seine kleine Rolle immer noch nicht und lachte in einem fort. Die Jungfrau Maria fing unglücklicher Weise an, die Stimme zu wechseln und sprach bald fein, bald grob. »Er muß Kreide essen, damit seine Stimme fein wird!« befahl der Magister. Der kleine Müller versicherte unter Thränen, das könne er nicht, die Kreide mache ihm übel. Endlich bequemte er sich zu Eidotter und Honig, und nun krächzte er minder rauh. Ein Trost war es, daß Fritz Hederich seine Sache gut machte. Mit seinen langen Locken, seinem etwas angegriffenen Gesicht glich er in der That dem Bild des Heilands, und wenn der Magister beim Auftreten der übrigen Mimen die Stirn runzelte, so verklärte sich sein Antlitz, wenn Fritz Hederich seine Rolle sprach.

Wohl nie hat ein Komödiendichter solche Plackereien gehabt, wie der Magister Hieronymus Xylander. Endlich klappte alles so ziemlich zusammen. Am Sonnabend war die letzte Probe gehalten worden, morgen Abend sollte das Spiel abgehalten werden, da ereignete sich noch etwas.

Der Oberstkämmerer des Fürsten kam nämlich am Sonnabend Abend zu dem Rektor des Lycei und erinnerte denselben, daß morgen, als am Tage der Komödie, der Sterbetag der hochseligen Fürstin Mutter sei. Der Herr Rektor werde wohl wissen, daß an diesem Tage weder Musik noch Tanz gestattet sei. Er, der Oberstkämmerer, bringe dies bei dem Herrn Rektor in Erinnerung, damit bei dem morgen stattfindenden Festspiel dies Gebot respektirt werde.

Obgleich Herr Crusius keineswegs an den Trauertag gedacht hatte, so versicherte er doch dem Oberstkämmerer, daß man diesem Umstand wohl Rechnung getragen habe, und geleitete den fürnehmen Besuch unter tiefen Bücklingen bis an die Hausthür. In sein Zimmer zurückgekehrt, ergriff er Stock und Hut und begab sich eiligen Schrittes nach der Goldenen Gans, wo Herr Xylander um diese Zeit ein Schöpplein zu trinken pflegte.

Dort theilte er dem Magister mit, daß morgen keinerlei Musik gemacht werden dürfe, dieweil auf morgen der Todestag der hochseligen Fürstin Mutter falle. Er, der Rektor, setze voraus, daß dem Magister dies bekannt sei.

Der Magister antwortete: er wisse das allerdings, habe auch bereits die nöthigen Änderungen an der Komödie gemacht, trank sein Schöpplein aus und begleitete den Rektor auf die Straße, wo er sich von demselben verabschiedete. Dann ging er, um Fritz Hederich aufzusuchen.

»Es ist, als ob sich alles wider mich verschworen hätte,« begann er. »Denkt Euch, Herr Baccalaureus, da fällt mir eben ein, daß morgen der Sterbetag der hochseligen Fürstin Mutter ist.«

»Und da dürft Ihr das Spiel nicht aufführen?« fragte Fritz.

»Das wohl, aber es darf weder musizirt noch getanzt werden, das bricht der Komödie die Spitze ab. Eine Komödie ohne Musik und Tanz zum Schluß ist noch gar nicht dagewesen. Und nun denkt Euch, wenn der Speisemeister zu Jesus spricht:

»Erlaubt, o Herr, daß wir zum Tanz uns rüsten:
Die städtischen Geiger und die Zinkenisten,
Sie stimmen schon die Zinken und die Geigen,
Um aufzuspielen zu dem Hochzeitsreigen –«

und Ihr als Heiland darauf antwortet:

»Da thut Ihr recht, denn einen Tanz in Ehren
Kann niemand nicht mit Fug und Recht verwehren.
Es tanzte selbst ohn' Ärgernuß und Schade
Der König David um die Bundeslade –«

und wenn dann alles still und stumm auseinandergeht – was wird das für einen Eindruck machen?«

»Könnt Ihr das Spiel nicht um einen Tag verschieben?«

»Unmöglich! Am Montag beginnen die Stoppelferien, da müssen die Schüler, wenigstens die ärmeren, ihren Eltern auf dem Felde helfen. Und wenn ich die Komödie bis nach den Ferien verschieben wollte, so würden die Schlingel unterdessen alles verschwitzt haben; dann geht auch die Jagd auf, und Serenissimus haben keine Zeit mehr, Komödien anzusehen.«

Die Beiden sannen hin und her, und schließlich mußte der Magister doch ohne Trost abziehen. Er fand lange die ersehnte Ruhe nicht. Das Bild des Martin Opitz konnte ihn zwar nicht des Nachts mehr erschrecken, denn er pflegte es allabendlich vor dem Schlafengehen umzukehren, aber die Sorge um den Schluß der Komödie ließ ihn nicht schlafen. Da – gegen Mitternacht – wurde an die Thür des Xylanderschen Musei geklopft. Der Magister fuhr mit dem Kopf unter die Decke, er erinnerte sich an die Sage von dem Gespenst, welches im Haus umgehen sollte. Aber das Klopfen wiederholte sich, und eine Stimme rief:

»Herr Magister, ich bin's, Fritz Hederich.«

Der Magister Xylander zündete seine Lampe an und öffnete die Thür. Fritz Hederich betrachtete die Gestalt des Dichters, der keine Zeit gehabt hatte sich anzukleiden, mit verbissenem Lächeln.

»Herr Magister,« sagte er, »ich hab's.«

»Was habt Ihr?«

»Ich hab' einen Ausweg gefunden und etwas zu Papier gebracht, was Euch morgen bei der Aufführung über alles hinweghilft. Hier.«

Er reichte dem Magister einen Zettel. Dieser stellte die Lampe auf den Tisch und brachte das Papier an seine blinzelnden Augen. Seine nackten Beine und der Zipfel seiner Nachtmütze zitterten, während er las.

» Optime, mein Freund,« rief er, als er gelesen hatte, und flog dem Baccalaureus an den Hals, daß sein Hemdlein flatterte.

» Optime, Herr Baccalaureus! Ich sag's und bleib' dabei, Ihr seid ein Ingenium. Das ist ein herrlicher Gedanke, das wird wirken. Fritz gebt Acht, Euch blüht das Glück. Und wenn alles gut geht, und mir der Fürst – nun, was er thut, das weiß ich nicht, aber etwas thut er sicherlich, dann – Fritz, ich bin Euer Freund, und wenn ich Else heirathe – nächsten Frühling ist die Hochzeit – so sollt Ihr mein Brautführer werden; hier meine Hand drauf!«

Der Magister sprach's und klapperte vor Frost mit den Zähnen.

»Geht nur wieder zu Bett,« mahnte Fritz, »und für Eure gutgemeinte Absicht danke ich Euch. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Herr Baccalaureus, und nochmals meinen Dank,« sagte der Magister, »morgen will ich nachholen, was ich heute an Schlaf versäumt habe. Gute Nacht!«

Der Baccalaureus entfernte sich, der Magister verriegelte sorgfältig hinter ihm die Thür und ging – nicht in's Bett, er kleidete sich vielmehr wieder an und setzte sich an sein Schreibpult, um das, was auf dem Zettel des Baccalaureus stand, auszufeilen, denn die Verse des Subjekts waren sehr schlecht.

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