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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Siebentes Kapitel.
Der Fürst kommt.

Else stand weiß gekleidet, mit Blumen geschmückt in der Mitte ihres Gemaches, die alte Hanne kniete vor ihr auf der Erde, zupfte an dem Festgewand und betrachtete ihren Liebling mit strahlenden Augen.

Nicht mit strahlenden, sondern mit neidischen Augen betrachteten sie zwei andere, gleichfalls in Festschmuck prangende Mädchen, Bürgermeisters Käthe und Stadtschreibers Lore, die gekommen waren, um ihr Gespiel abzuholen. Den drei Jungfrauen war nämlich bei dem Empfang des Fürsten, der heute seinen Einzug in Finkenburg hielt, eine wichtige Rolle zu Theil geworden.

Hanne erhob sich, trat einen Schritt zurück, stemmte die Arme in die Seite und musterte Else.

»Du bist die Schönste von allen,« sagte sie dann mit großer Bestimmtheit. »Was wird der Fürst für Augen machen, wenn er Dich sieht!«

Bürgermeisters Käthe und Stadtschreibers Lore rümpften die Stumpfnäschen und stießen sich an. Erstere trat vor, beschaute Else mit prüfenden Blicken und sagte:

»Die Hanne hat Recht, Else. Nur schade, daß man den braunen Fleck, den Du auf der Schulter hast, sieht. Hättest Du denn das Leibchen nicht ein wenig höher machen können?«

Else wurde roth und drehte ihren Kopf nach der Seite, um das Mal zu betrachten. Käthe warf der Stadtschreibers Lore einen triumphirenden Blick zu.

»Ach was,« knurrte die alte Hanne, »der kleine Fleck steht der Else gut, da sieht man erst recht, wie weiß ihre Haut ist. – Else, wie ich Dich jetzt angekleidet habe, habe ich an den Tag gedacht, da ich Dich mit Kranz und Schleier schmücken werde. Das wird ein Tag für mich werden! Ich habe mir sogar vorgenommen, an Deinem Ehrentage einen Tanz zu machen. Und gieb Acht, es währt nicht mehr lange bis dahin. Im Frühling hab' ich den Kuckuck gefragt; er hat nur einmal gerufen. Und der verwunschene Bäckerknecht lügt nicht, denn ich weiß es noch sehr gut, wie ich jung und schön war und den Kuckuck fragte, hat er wohl an die sechzig Mal geschrien, und ein paar Tage drauf hat sich mein Peter anwerben lassen und ist zwanzig Jahre im Felde gelegen, und ich bin unterdessen eine alte Jungfer geworden.«

Das Geplauder der Alten war der blonden Else peinlich, da sie recht wohl sah, wie ihre beiden Gespielinnen im Stillen über die gute Hanne spotteten. Sie wandte sich zu ihnen und sagte:

»Ihr glaubt nicht, wie mir's bang zu Muthe ist; ich wollte, die ganze Geschichte wäre schon vorüber.«

»Du hast just keine Ursache, ängstlich zu sein. Du und die Lore, Ihr habt ja nichts zu thun, als den Herrschaften die Blumensträuße in den Wagen zu reichen, aber ich (Käthe wurde um zwei Zoll größer), ich muß den Willkomm sprechen, und das ist keine Kleinigkeit.«

Sie zog ein Blatt Papier aus dem Busen und las:

»Durchlauchtigster Landesvater, allergnädigster Fürst und Herr, durchlauchtigste Fürstin, allergnädigste Landesmutter u. s. w. – Wenn ich nur erst glücklich über den Anfang hinaus wäre, ohne mich zu versprechen, das Übrige ist dann leicht.«

Die drei Freundinnen schickten sich an zu gehen. Zuvor schlüpfte die alte Hanne aus dem Zimmer und klopfte an die Thür des geheimen Laboratorii. Als kurz darauf die geschmückten Mädchen die Treppe herunterkamen, stand Fritz Hederich im Hausflur und betrachtete angelegentlich eine Süßholzwurzel. Er grüßte höflich und erhaschte von Else einen schnellen Blick.

»Wer war denn der?« fragte Stadtschreibers Lore.

»Nur der Subjekt des Herrn Thomasius,« antwortete Käthe. Else wurde roth, sie wollte gern etwas Scharfes entgegnen, besann sich aber und schwieg.

Draußen vor der Apotheke saß Jakob der Rabe mit struppigem Gefieder und sonnte sich. Als die Jungfern aus dem Hause traten, hüpfte er flügelschlagend herzu und rief Else beim Namen. Aber weder diese noch ihre Begleiterinnen beachteten ihn, und Jakob zog sich gekränkt zurück.

Die ganze Stadt prangte im Festschmuck. Die Häuser waren mit Laubgewinden geziert, und von den Giebeln der Dächer wehten Fahnen in den Landesfarben der beiden Städte Finkenburg und Ammerstadt. Die Kaufläden waren geschlossen, die Handwerker feierten, und alles strömte festlich gekleidet nach dem untern Thor, wo eine Ehrenpforte errichtet war.

Bald nachdem Else das Haus verlassen hatte, schritt auch Herr Thomasius aus dem Thor, er trug sein gesticktes Staatskleid, eine mächtige Perrücke, die ihm das Ansehen eines alten Löwen gab, und unter dem Arm einen kleinen, mit goldenen Tressen besetzten Hut. Er nahm seinen Weg nach dem Rathhaus, denn von dort aus sollte sich der Zug der Senatoren mit dem Bürgermeister an der Spitze in Bewegung setzen.

Jakob der Rabe blickte dem langsam Dahinschreitenden mit erstauntem Blick nach.

Wieder etwas später hielt der Magister seinen Auszug, und zuletzt trat die geputzte Hanne aus dem Haus, um ihren Weg nach dem untern Thor zu nehmen.

An der Ehrenpforte vor dem Thor war alles in bester Ordnung aufgestellt. Oben, auf dem Triumphbogen in einer Art von Hühnerkorb saßen die Stadtzinkenisten. Sie hatten's am besten von allen, da oben war's lustig, und der dicke Posaunenbläser hatte die Vorsicht gebraucht, ein kleines Fäßlein hinaufschroten zu lassen, dem man zur Erhöhung der Feststimmung wacker zusprach.

Unter der Ehrenpforte stand der Bürgermeister, umringt von den Senatoren, wie ein Truthahn unter dem Hühnervolk, ferner die Geistlichkeit und die drei Festjungfrauen, Bürgermeisters Käthe, Stadtschreibers Lore und Apothekers Else. Ihnen schlossen sich auf beiden Seiten die übrigen Jungfrauen Finkenburgs an, deren Aufgabe es war, den einziehenden Herrschaften Blumen auf den Weg zu streuen. An diese reihten sich die Schulen, es folgten die Zünfte mit ihren Fahnen, und den Beschluß bildeten die Grenadiere des Fürstenthums, die sich bis an den Eingang des Schlosses ausdehnten. Die trutzigen Krieger standen etwas weitläufig, denn der Weg bis zum Schloß war lang.

Um zehn Uhr sollte der Einzug stattfinden, und schon eine halbe Stunde früher war die Aufstellung fertig. Der Bürgermeister hielt das rothsammtene Kissen, auf welchem die neuvergoldeten Schlüssel der Stadt lagen, auf den Armen wie eine Amme den Säugling, und repetirte für sich die Rede, die er zu halten hatte.

Es schlug zehn Uhr, jetzt muß er kommen, aber nichts kam. Es verging wieder eine Viertelstunde, die Sonne schien heiß, die Leute wurden des Stehens müde und die Kehlen durstig. Da kam mit verhängten Zügeln ein Reiter einhergesprengt, welcher meldete, die hohen Herrschaften würden frühestens in einer Stunde eintreffen.

Der Herr Bürgermeister blickte die Senatoren fragend an. Eine volle Stunde – da könnte man ja in der Goldenen Gans, die nächst dem Thor gelegen war, in aller Ruh noch ein Schöpplein zur Stärkung trinken. Der Rath däuchte den Vätern der Stadt gut, und alsbald machten sie sich auf nach der Goldenen Gans. Die anderen Leute lösten sich in Gruppen auf und suchten sich die Zeit durch Gespräche zu kürzen. Vorsorgliche Bürger hatten wohl auch im Rocksack einen eingewickelten Imbiß und ein Fläschlein mit Gutem; das zog man jetzt hervor und theilte brüderlich mit Freunden und Nachbarn.

Der Wirth zur Goldenen Gans, dessen Nase zur Feier des Festes noch feuriger schimmerte als sonst, empfing die gestrengen Herren mit tiefen Bücklingen und schaffte alsbald den begehrten Labetrunk zur Stelle. Schon setzte der Bürgermeister den Becher an den Mund, da entstand draußen auf der Straße ein heftiges Drängen, und vom Kirchthurm herab gaben die Glocken das Zeichen, daß die fürstlichen Wagen am Weichbild der Stadt angelangt seien. Da galt es flink sein. Ohne die Lippen befeuchtet zu haben, stürzte der Bürgermeister auf die Straße und lief, so schnell er konnte, der Ehrenpforte zu. Kaum waren die athemlosen Väter der Stadt an ihrem Platz angekommen, kaum hatte man einige Ordnung hergestellt, so kam auch schon der erste Vorreiter auf schäumendem Pferde angesprengt.

Die Musikanten droben in ihrem Hühnerkorb bliesen, die Glocken bimmelten, und in langen Pausen krachte eine ausgediente Kanone.

Jetzt sah man eine große Staubwolke. »Sie kommen, sie kommen!« hieß es. Der Bürgermeister griff sich an die Halsbinde und krallte seine Finger in das Purpurkissen.

Bürgermeisters Käthe wurde bald roth, bald blaß und murmelte:

»Allerdurchlauchtigster Fürst und Landesmutter – Else, mir wird schwindelig, gieb mir geschwind Dein Riechfläschchen!«

Aber ehe ihr Else das Verlangte reichen konnte, rollte der Prachtwagen heran. Der Fürst und die Fürstin saßen nebeneinander, auf dem Rücksitz der kleine Prinz. Der Wagen hielt unter der Ehrenpforte, der Bürgermeister trat vor, und siehe da, es ging alles viel leichter, als er sich's vorgestellt hatte. Der Fürst sprach leutselig und freundlich – und als nun erst die Jungfrauen an den Wagen traten und ihre Blumensträuße überreichten, da floß der Mund der hohen Herrschaften von Honigseim über. Bürgermeisters Käthe sprach ihre paar Worte, und die Fürstin, eine gar schöne Dame, reichte zuerst ihr, dann den beiden andern Mädchen die Hand und fragte jede nach ihrem Namen. Auch der kleine Prinz streckte sein Händchen aus dem Wagen, und Else zeichnete er noch insbesondere dadurch aus, daß er sie an ihren blonden Locken zupfte, eine Aufmerksamkeit, die von der alten Hanne, welche im Gedränge stand, mit großer Genugthuung und Freude bemerkt wurde. Noch einmal grüßte das hohe Herrscherpaar, dann zogen die Pferde wieder an. Die Jungfrauen streuten Blumen, die Schuljugend unter Anführung ihrer Lehrer brüllte Vivat, die ehrsamen Zünfte liehen ihre Fahnen flattern und schwenkten schreiend ihre Hüte, die Grenadiere präsentirten, das Spiel ward gerührt, und die Wagen fuhren in den Schloßhof. Jetzt verstummte das Glockengeläute, die Musik hörte auf zu spielen, und nur die Kanone krachte noch ein paar Mal. Bürgermeister, Senatoren, Geistlichkeit, Festjungfrauen, Handwerker, Schuljugend und Grenadiere zogen in schönster Ordnung ab, und damit war die erste Festlichkeit vorüber. Es sollten aber noch viele andere nachfolgen.

Herr Thomasius holte seine Tochter aus dem Gedränge heraus und ging mit ihr seiner Behausung zu. Er blickte mit Wohlgefallen auf sein schönes Kind, das so sittsam neben ihm herging. Der Magister kam des Wegs, er wurde angerufen und mußte sich anschließen. Die Leute auf der Straße blieben stehen und sahen dem Trifolium nach. Herr Thomasius grüßte freundlich nach rechts und links; jetzt feierte er seinen Triumphzug. Er selbst repräsentirte den Reichthum, seine Else die Schönheit, der Magister die Gelehrsamkeit. Was fehlte noch?

Vor der Thür auf der Freitreppe stand Fritz Hederich; er schien den Apotheker zu erwarten.

»Herr Thomasius,« rief er dem Herankommenden entgegen, »ich habe –«, sein Blick fiel auf Else, die ihn mit leuchtenden Augen ansah, und er vergaß, weiter zu sprechen. Er dachte einen Augenblick: »Wenn ich ihr jetzt um den Hals fiele und sie auf den rothen Mund küßte – freilich meines Bleibens wäre nicht länger im Haus, aber ich hätte gelebt.«

»Lump!« rief Jakob der Rabe, und das brachte ihn zur Besinnung.

»Was habt Ihr denn? Was steht Ihr da, wie die Kuh vor dem neuangestrichenen Hofthor?« polterte Herr Thomasius. »Ist etwas zerschlagen worden? Heraus mit der Sprache!«

»Nein, Herr Thomasius, es ist kein Unfall geschehen, im Gegentheil – kommt nur und seht.«

»Magister, thut mir den Gefallen und geht mit der Else hinauf, ich muß sehen, was den Fritz so aufgeregt hat,« sagte Herr Thomasius.

Else stieg gefolgt vom Magister die Treppe hinauf, und Fritz zog den Apotheker nach dem Laboratorium.

»Da seht!« sagte Fritz und hielt seinem Prinzipal einen Schmelztiegel vor.

Der Apotheker stieß einen Freudenruf aus. »Gold, Gold! Junge, laß Dich umhalsen; wie hast Du das angestellt?«

»Prüft's nur erst, ob's auch wirklich Gold ist,« entgegnete Fritz, aber mit einer Stimme, der man die Siegesgewißheit anhörte.

Der Apotheker prüfte genau; es ließ sich nicht leugnen, der schimmernde Überzug auf dem Grund des Tiegels war Gold. Der Alte setzte sich nieder, ein Zittern war ihm in die Glieder gefahren.

»Sprecht, sprecht,« sagte er, »wie habt Ihr's angestellt?«

Fritz gab Bescheid. Er erzählte, wie er aus Zinnober den Schwefel ausgeschieden habe, und wie dann nach Entfernung des Merkurs das Gold als Rückstand geblieben sei.

»Wartet hier,« sprach Herr Thomasius, »ich will mich umkleiden und sogleich wieder hierher kommen; das Experiment muß sogleich wiederholt werden.«

Herr Thomasius vertauschte sein Staatsgewand schnell mit dem Arbeitskleide und erschien wieder im Laboratorium.

»Jetzt munter, Fritz, den Zinnober her!«

Fritz Hederich brachte eine Büchse mit Zinnober herbei und wiederholte das Experiment. Athemlos mit vorgestrecktem Hals stand Herr Thomasius und sah dem Baccalaureus zu. Dieser arbeitete mit fieberhafter Hast, und siehe da – auf dem Grund der Schale befand sich abermals ein goldener Spiegel.

»Es ist richtig, Fritz,« keuchte der Apotheker, »Ihr habt's gefunden. Freilich,« setzte er hinzu, »die Tinktur ist's nicht, und großer Gewinn ist just auch nicht zu hoffen, denn des Goldes ist wenig und der Zinnober ist theuer; aber Gold habt Ihr gemacht, das steht fest.«

Er machte eine lange Pause, dann begann er von neuem mit unsichrer Stimme:

»Fritz, ich bin Euer Freund –«

»Ich weiß, ich weiß, Herr Thomasius. Wenn Ihr nicht gewesen wäret, wer weiß, was aus mir geworden wäre.«

»Das wollte ich nicht sagen, Fritz, ich meinte – Fritz, ich bin reich, reicher, als Ihr denkt. Ich will Euch glücklich machen; Fritz, ich beschwöre Euch, verkauft mir das Geheimniß. Seht, ich bin fünfundfünfzig Jahre alt, habe mich mein ganzes Leben lang geplagt, um das Magisterium zu finden, und nun wirft's Euch der Zufall, ja der Zufall, Fritz, in den Schooß. Verkauft mir das Geheimniß, laßt mir die Ehre, den Ruhm, Ihr sollt genug haben für Zeit Lebens.«

»Herr Thomasius,« sagte Fritz mit stockender Stimme, »ich verkaufe Euch das Geheimniß –«

»O du Goldjunge!«

»– Ich lasse Euch den Ruhm und die Ehre, wenn Ihr mir –«

»Was, was? Heraus mit der Sprache! Was willst Du, mein Sohn?«

»Gebt mir Eure Else,« sagte Fritz Hederich leise und schlug die Augen nieder.

»O weh, o weh,« jammerte der Apotheker, »daran hab' ich nicht gedacht. Armer Junge, den Gedanken laß Dir vergehen, daraus kann nichts werden. Ich glaub's wohl, daß sie Dir in die Augen gestochen hat, sie ist das schönste Mädel in Stadt und Land, aber – armer Junge – schlag' sie Dir aus dem Sinn! Höre mich an, Fritz. Ich will Dich reich machen, ich will Dir die Apotheke abtreten, sie ist viel, viel werth; ich will Dein Fürsprech sein bei der reichsten, schönsten Jungfer, des Bürgermeisters Käthe zum Beispiel wäre nicht uneben, Du sollst sie haben, und wenn Du sie willst, – der Bürgermeister ist mein Gevattersmann, – verlaß Dich auf mich! Aber meine Else ist nichts für Dich!«

»Und warum wollt Ihr mir Eure Tochter nicht geben?« fragte Fritz mit tonloser Stimme. »Bin ich Euch nicht gut genug?«

»Du wärst mir ein lieber Tochtermann,« antwortete Herr Thomasius, »aber sieh, die Else ist mein einzig Kind, ich habe sie so lieb, nein, viel lieber noch als mein Leben, und ich möchte ihr um alles in der Welt keinen Zwang anthun. Der Magister, der Magister Xylander hat ihr das Herz gestohlen mit seinem gelehrten Wesen und seinen Manieren, den und keinen andern mag sie, und darum wird er, wenn Else noch etwas älter ist, mein Schwiegersohn. Du wärst mir freilich, offen gestanden, lieber, Du machst keine Verse, Du bist ein Pharmaceute, und die Apotheke bliebe bei der Familie. Aber es geht nun einmal nicht. Schlag Dir die Else aus dem Sinn!«

Fritz Hederich stand da todtenbleich. »Also hat sie ihr Spiel mit mir getrieben,« dachte er. »Narr, der ich war! Vorbei, vorbei!« Er schlug die Hände vor's Gesicht.

»Armer Junge,« murmelte der Apotheker, »aber es wird vorüber gehen, ich kenne das. – Fritz,« sagte er dann laut, »sei ein Mann, Du kannst mein Sohn nicht werden, aber Du sollst mir darum nicht minder werth sein. Dein Glück ist gemacht, das bischen Liebesgram bringt Dich nicht um, Du hast eine gute Natur. Gehe jetzt und erhole Dich. Die Hanne soll Dir Dein Essen in die Stube bringen, auf die Tinktur will ich heut selber Acht geben, denn die dürfen wir nicht vernachlässigen trotz Deiner Entdeckung. Und morgen, wo Du hoffentlich wieder auf dem Zeuge bist, beginnen wir mit einem großen Quantum Zinnober zu experimentiren, dann sprechen wir auch weiter über unsere Angelegenheiten.«

Er reichte dem Baccalaureus die Hand, und dieser ging gebrochen aus dem Laboratorium.

*

Der Wirth zur Goldenen Gans trug seine funkelnde Nase hoch, der Einzug des Fürsten kam ihm vor allen zu Gute.

Zur Feier des Festes ruhte alle Arbeit, und die Trinkstube der Goldenen Gans war gesteckt voll. Diese suchte aber auch ihresgleichen. Hier war's im Sommer kühl und wohlig warm im Winter, dazu drang durch die halbblinden Fensterscheiben so wenig Sonne, daß man schon um vier Uhr Nachmittags bei Licht zechen konnte; und bei Kerzenschein mundet der Wein bekanntlich besser, als wenn das Tageslicht in den Becher scheint. Was den Wein anbelangt, so war er immer gut, der Ganswirth taufte ihn nur so viel, wie jeder christliche Wirth thun muß, um nicht zu Schaden zu kommen.

Den besten Tisch hatten die Altmeister der ehrsamen Zünfte eingenommen, und das große Wort führte der dicke Metzgermeister. Er war als junger Bursche weit in der Welt herumgekommen und hatte eine Zeit lang im Dienst des gewaltigen Herzogs von Friedland gestanden, von dem er, so oft sich eine Gelegenheit dazu ergab, erzählte. Auch heute hatte er, anknüpfend an die Ähnlichkeit des Fürsten mit dem Friedländer, von der Glanzzeit seines Lebens zu sprechen begonnen, aber die Meister hatten heute kein Ohr für dergleichen Sachen, der Einzug des neuen Herrn gab überreichen Stoff für ihr Gespräch.

Der Ganswirth lief wie ein Wieselein hin und her. Bald schleppte er einen frisch gefüllten Henkelkrug aus dem Keller herauf, bald stand er ehrerbietig hinter dem Stuhl eines angesehenen Gastes und gab Bescheid über das Alter des Weins; jetzt fuhr er mit Schüsseln und Tellern klappernd in der Küche umher, und gleich darauf stand er an der Kammerthür, die mit Keilschrift bedeckt war, und notirte die Anzahl der geleerten Schoppen; es war, als wenn der Ganswirth sich verdoppeln könnte. Dabei war er lustig und guter Dinge, hatte für jeden Gast ein Wort und vergaß keineswegs, für sein eigenes Wohl zu sorgen, denn nach regelmäßigen Zwischenräumen rutschte ein Schöpplein durch seine ewig durstende Kehle.

Der Ganswirth hatte aber auch noch einen zweiten Grund, sich über den Besuch des Fürsten zu freuen, denn dieser hatte das ganze zweite Stockwerk des Hauses, sogar die Küche, die sich oben befand, gemiethet. Schwere Kasten waren von fürstlichen Dienern gebracht und mit großer Vorsicht in die gemietheten Zimmer getragen worden. Den Dienern auf dem Fuß waren zwei Männer gefolgt, denen man gleich an der Nase ansah, daß es Fremde waren. Der eine von ihnen, ein großer Mann, dessen Bart bis auf die Brust herabreichte, schien der Herr, der andere sein Untergebener zu sein, wenigstens traf der erstere alle Anordnungen. Er ließ ein gutes Mahl für zwei Personen auftragen, und als der neugierige Wirth die Schüsseln und den Wein auf den Tisch gestellt hatte, sagte ihm der fremde Herr, er wolle allein mit seinem Genossen bleiben, schob, ohne viel Umstände zu machen, den Ganswirth zur Thür hinaus und verriegelte dieselbe.

Daß die Fremden zum Gefolge des Fürsten gehörten, das war das Einzige, was der Ganswirth von ihnen wußte, und das genügte, ihn dienstwillig und gefügig zu machen; in welcher Beziehung jene zu dem Fürsten standen, das auszuforschen, hatte er heute weder Zeit noch Gelegenheit; er ließ sich aber darum keine grauen Haare wachsen, denn er sah voraus, daß er bald erfahren werde, was es mit den Beiden für ein Bewandtniß habe.

Als die Fremden ihre Mahlzeit beendigt hatten, begannen sie ihre Kisten und Laden auszukramen.

Allerlei sonderbare Geräthe kamen da zum Vorschein, deren Zweck nicht leicht zu ergründen war, außerdem Flaschen, Schmelztiegel, Kolben und dergleichen. Das Geräth wurde in die Küche und in das größte Zimmer geschafft, und als alles an Ort und Stelle war, sah es in der Wohnung der Fremden fast ebenso aus wie in dem geheimen Laboratorio des Herrn Thomasius. Doch sah man hier noch andere Dinge, zum Beispiel eine Tafel, auf welche Sternbilder gezeichnet waren, eine Himmelskugel, einen großen Tubus und zwei vollständige Todtengerippe.

Der Mann mit dem langen Bart betrachtete alles, verschloß dann die Thüren und begab sich mit seinem Gefährten in eins der beiden anderen Zimmer, in denen sich nur gewöhnlicher Hausrath befand.

»Laß den Kopf nicht hängen,« sagte er zu dem andern, »es wird alles gut gehen.«

»Meister,« erwiderte der Angeredete und verzog das Gesicht, »mir ist's Höllenangst, Ihr hättet nicht hierher kommen sollen; mir schwant Böses.«

»Du bist ein Hasenfuß,« entgegnete der andere. »Ich habe in den Sternen gelesen –«

»Meister,« fiel jener ein, »spart Euer Gefasel, Eure Weisheit wollt' ich sagen, für den Fürsten und andere erleuchtete Männer. Ich habe nicht in den Sternen gelesen, kann überhaupt nicht lesen, aber das weiß ich, daß es unklug von Euch war, hierher zu gehen. Die Meise geht nicht zweimal in den Schlag. – Wenn er uns erkennt!«

»Wer? der Grünschnabel? Gesetzt er hält sich noch hier auf, so erkennt er mich sicherlich nicht.«

»Euch nicht, aber mich, das Gesicht läßt sich nicht verstecken.«

»So bleib' zu Hause, wenn Du Dich fürchtest.«

»Schöne Aussicht das! Sechs Monate will der Fürst hier bleiben, und ich soll die ganze Zeit über gefangen sitzen!«

»Sechs Monate bleibt der Fürst hier,« sagte der andere und strich sich seinen langen Bart, »damit ist aber nicht gesagt, daß auch wir so lange in diesem Nest liegen bleiben. Nein, unsere Zeit ist bald um, es gilt noch einen Hauptschlag auszuführen.«

»Wie wär's, Meister, wenn wir uns gleich jetzt drückten; heute denkt niemand an uns. Wir haben Reisegeld genug.«

»Du bist ein Narr. Nein, wir haben nicht genug, aber wir werden bald genug haben, verlaß Dich auf mich!«

Der Getröstete schnitt ein Gesicht.

»Sei guten Muths und trinke, dann wirst Du auf andere Gedanken kommen,« sagte der Bärtige und schob seinem Gesellen den Weinkrug hin.

Dieser grinste, nahm ihn in Empfang und verließ das Zimmer.

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