Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Baumbach >

Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
projectid4722cc33
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.
In der Löwenapotheke.

Der Herbst war ins Land gekommen. Die Laubbäume, die den Sommer über ihren Blätterschmuck kräftig gegen den anstürmenden Wind vertheidigt hatten, wurden müde und schwach und überließen ihre vergilbten Blätter dem Meister Boreas, der sie lustig über die Wege tanzen ließ. Die Schwalben hielten große Volksversammlungen auf dem Dach der Löwenapotheke und rathschlagten über den Tag der Abreise. Jakob, der Rabe, spazierte auf seiner Treppe auf und ab und betrachtete das Schwalbenvolk mit geringschätzigen Blicken. »Lump, Lump, Lump!« sagte er, und in der Rabensprache setzte er hinzu: »Bleibe im Lande und nähre dich redlich, ich lobe mir eine feste Anstellung.«

Ähnliches dachte Fritz Hederich. Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus bösem Traum erwacht. Eifrig erfüllte er seine Pflicht, und wenn die Mörser erklangen, wenn die Flammen unter den Kolben und Tiegeln prasselten, so däuchte ihm das liebliche Musik, und es war ihm, als ob durch das einförmige Geräusch die Weise des Wiegenliedes vom schwarzen und weißen Schaf leise klinge.

Doktor Rapontiko war nach überstandener Strafe mit seinem Hanswurst, Balthasar Klipperling, eiligst von dannen gezogen, ohne, wie Fritz Hederich und sein nunmehriger Prinzipal befürchtet hatten, eine Bosheit auszulassen.

Fritz hatte sich rasch in die neue Thätigkeit gefunden, und Herr Thomasius hatte seine Freude an dem fleißigen Gehilfen. Anfangs hatte er wohl ein scharfes Auge auf den Subjekt; als er aber inne ward, daß derselbe seine Sache verstehe, so ließ er ihn gewähren und kam des Tages nur für eine oder zwei Stunden in die Offizin. Außer dem Laboratorium, in welchem Fritz Hederich hantirte, hatte Herr Thomasius ein zweites, in welchem er allein arbeitete. Niemand durfte die Schwelle desselben überschreiten, und immer war die Thür verschlossen. Zuweilen arbeitete Herr Thomasius mehrere Tage ununterbrochen in dem geheimen Gemach, dann mußte ihm die alte Hanne das Essen durch ein Schiebfensterlein reichen.

Die alte Hanne war die Gönnerin des neuen Herrn Subjekts von der Stunde an, da dieser zum erstenmal das Haus betreten hatte. In den ersten Tagen betrachtete sie ihn mit gespannter Miene, es war ihr immer, als müsse er plötzlich seine Hülle abwerfen und sich als ein goldener Prinz entpuppen. Da aber nichts dergleichen geschah, vielmehr Fritz Hederich sich um nichts als um die seiner Obhut anvertrauten Büchsen und Phiolen kümmerte, so verlor er in den Augen der Schaffnerin allerdings von Tag zu Tag mehr von seinem Nimbus, aber keineswegs etwas von ihrer Zuneigung. Diese bethätigte sie vorläufig dadurch, daß sie ihm jeden abgesprungenen Knopf sofort wieder annähte und ihm Busenstreifen und Manschetten mit einem Lockeisen kräuselte.

Mit Else kam der Baccalaureus nur Mittags zusammen. Herr Thomasius saß da am oberen Ende des Tisches, rechts von ihm Else, links der Magister Xylander und neben diesem Fritz Hederich. Das Tischgespräch drehte sich stets um solche Dinge, die dem letzteren fern lagen, und so nahm er denn sein Mahl meist schweigend ein. Er hatte mit Else noch kein Wort gesprochen, außer wenn er ihr die Tageszeit bot, und Else dankte ihm dann jedesmal mit einem kurzen Kopfnicken. Sie ist hochmüthig, dachte Fritz Hederich. Er ist ein Stock, dachte Else.

Was den Magister Xylander betrifft, so war er in der ersten Zeit sehr zurückhaltend gegen den neuen Hausgenossen gewesen, nachdem er aber vom Apotheker vernommen hatte, daß der Subjekt ein Studirter, ja sogar Baccalaureus sei, hatte er sich ihm genähert und gefunden, daß Fritz Hederich ein Mensch sei, mit dem man ein vernünftiges Wort sprechen könne.

Der Magister fühlte sich in dem Hause des Herrn Thomasius sehr behaglich, aber etwas hatte er bisher vermißt, und der neue Subjekt schien ganz geeignet, die Lücke ausfüllen zu können.

Herr Hieronymus Xylander war, wie wir wissen, Lehrer am Finkenburger Lyceo, und er erfüllte seine Pflicht gewissenhaft. Als seinen eigentlichen Beruf aber sah er das Lehramt nicht an, er betrachtete es eben nur als Milchkuh, und sein Hoffen war auf etwas ganz Anderes gerichtet.

In seinem Museo hing unter Glas und Rahmen ein Holzschnitt, welcher einen Mann darstellte, der einen Lorbeerkranz trug. Dieser Mann war kein anderer, als der hochberühmte, gekrönte Dichter Martin Opitz von Boberfeld. Unter dem Bild hing, gleichfalls unter Glas, ein Blatt Papier, auf welchem stand:

Über Herrn Martin Opitzen auf Boberfeld sein Ableben.

»So zeuch denn hin in dein Elyserfeld,
Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten,
Und untermenge dich mit diesen großen Leuten,
Die ganz in deinen Geist sich hatten hier verstellt.

Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held,
Der jetzt nichts Gleiches hat, du Herzog deutscher Saiten,
O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten,
O ewiger Schatz und auch Verlust der Welt.

Germania ist todt, die Herrliche, die Freie,
Ein Grab verdecket sie und ihre ganze Treue,
Die Mutter, die ist hin. Hier liegt nun auch ihr Sohn,

Ihr Rächer und sein Arm. Laßt, laßt nur alles bleiben,
Ihr, die ihr übrig seid, und macht euch nur davon;
Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdig's zu beschreiben.

Paul Flemming.«

Zu dem Bild des gekrönten Poeten blickte der Magister oft mit sehnendem Auge empor und fuhr sich dann mechanisch mit der Hand über den Kopf, wo freilich kein Lorbeer, sondern nur spärliches blondes Haar zu finden war.

Der Magister Xylander war ein Dichter, dem nichts fehlte als die Anerkennung, aber er gab die Hoffnung nicht auf und arbeitete unverdrossen.

Wenn er nun ein Poem gedichtet, ausgefeilt und sauber abgeschrieben hatte, so wollte er es natürlich auch jemandem vorlesen, aber da erging es ihm übel. Anfangs hatte er dazu die Tochter des Herrn Thomasius ausersehen. Als er nach Finkenburg gezogen war und sein Quartier in der Löwenapotheke aufgeschlagen hatte, war Else eben zum ersten Male an den Tisch des Herrn getreten und also vom Schulbesuche losgesprochen. Herr Thomasius hatte den Magister gebeten, er möge, wenn er wolle und Zeit habe, hin und wieder seiner Else einige Belehrung über allerlei wissenswerthe Dinge angedeihen lassen, und der Magister hatte sich auch bereit dazu erklärt. Er erzählte der blonden Else vom Perserkönig Xerxes, vom Stachelschwein, von den ägyptischen Pyramiden, vom feuerspeienden Berg Vesuvius, von Romulus und Remus, von den Menschenfressern, von Diogenes, vom Walfisch und noch manchem Anderen, und Else hörte gern zu. Als aber der Magister anfangen wollte, seine Schülerin in die Gesetze der Poeterei einzuführen, und ihr seine Gedichte vorlas, begann sie zu gähnen und zum Fenster hinauszusehen, ja sie erklärte ihm rund heraus, sie langweile sich, alle Lieder, die man nicht sänge, seien ihr zuwider. Der Magister wollte sie eines Bessern belehren, aber Else blieb dabei, die Poesie sei langweilig, und ihr Vater bestärkte sie in dieser Ansicht, indem er dem Magister eines Tages sagte, er könne nicht begreifen, wie ein verständiger Mann solche Allotria treiben möge. Seit dieser Zeit behielt der Magister seine Perlen für sich, und wenn er durchaus nicht anders konnte, so deklamirte er seine Carmina des Abends, wenn alles schlief, den vier Wänden seines Musei und blickte dabei abwechselnd in den Spiegel und auf das Bild des Boberschwans.

Seitdem Fritz Hederich in die Löwenapotheke eingezogen, brauchte der Magister nicht mehr den tauben Wänden zu predigen. Der Subjekt lieh ihm nicht nur willig sein Ohr, sondern er zeigte sogar Verständniß für die Schönheiten der Xylandrischen Poesei.

Mehrmals in der Woche, wenn die Offizin geschlossen war, stieg Fritz Hederich mit seiner Lampe hinauf in den zweiten Stock, wo ihn der Magister in seinem Museo erwartete. Da war es gar wohnlich und traulich. Im Ofen prasselten mächtige Scheite, und nahe beim Ofen stand ein großer Lehnstuhl für den Herrn Subjekt. Auf dem Tische neben der Lampe lag eine giftgrüne Mappe, welche die Manuskripte des Magisters barg, und etwas abseits stand eine bauchige Flasche nebst zwei Gläsern. Während der Magister eins seiner langen Helden- oder Lehrgedichte vortrug, lehnte sich der müde Fritz behaglich im Lehnsessel zurück, nahm hin und wieder einen Schluck und ließ seine Gedanken spazieren gehen. Machte der Magister eine Pause, so murmelte Fritz halblaut: »Vortrefflich, sehr gut gesagt!« oder etwas dergleichen. Und wenn er gar um sein Urtheil befragt wurde, so pflegte er zu antworten: »Ich bin zwar kein feiner Kenner, Herr Magister, aber mein Gefühl sagt mir, daß –« So weit kam er jedesmal, dann fiel ihm der Magister in die Rede und sprach: »Ihr wollt sagen, Herr Baccalaureus –« und nun entwickelte er seine eigene Ansicht, und Fritz Hederich nickte mit dem Kopfe und sagte: »So meinte ich's.«

Der Magister hatte also auch Ursache, mit dem Baccalaureus zufrieden zu sein, und er äußerte oft gegen Herrn Thomasius, er solle sich glücklich schätzen, einen solchen Subjekt zu besitzen, worauf ihm einmal der Apotheker trocken erwiderte: der Subjekt Hederich sei allerdings ein sehr geschickter Mensch, hoffentlich sei er auch gescheit genug, sich durch die Poeterei nicht verderben zu lassen.

Es waren ruhige Tage, welche die Insassen der Löwenapotheke, vom Hausherrn bis herab zu Jakob, dem Raben, verlebten.

Draußen wirbelten die Flocken; die steinernen Männer, mit denen das Haus geziert war, und der Löwe neben der Thür trugen weiße Kappen, und Jakob hinterließ bei seinen Spaziergängen zierliche Fußtapfen.

Die Finkenburger gingen einher in großen, mit vielen Krägen versehenen Mänteln, alle hatten Nasen, wie der Wirth zur goldenen Gans, dessen Zinken auch zur Sommerzeit, nicht nur im Winter, wenn es schneite, funkelte wie auf dem Kirchendach der Wetterhahn im Abendsonnenschein.

In der Löwenapotheke war starke Nachfrage nach Mitteln gegen Frostbeulen, und der Lehrling des Herrn Thomasius verabreichte die lindernde Salbe mit Händen, die roth wie gesottene Krebse und unförmlich wie Bärentatzen waren. Er trug seine Leiden mit Geduld, denn er wußte, daß er von Herrn Thomasius zum Weihnachtsgeschenk ein Paar Fäustlinge erhalten werde.

Wie im Innern der Löwenapotheke die Tage, Wochen und Monde sich gleichmäßig abhaspelten, so auch draußen in Stadt und Land.

Im Wirthshaus zur goldenen Gans, wo sich im Herrenstübchen allabendlich die Patrizier der Stadt Finkenburg versammelten, wurde zwar hin und wieder von Kriegsgefahr und kommenden schweren Zeiten gesprochen, aber der Herr Bürgermeister verjagte alle Sorgen mit der bündigen Versicherung, daß man Frieden halten werde, und er mußte es doch wissen.

Der Winter neigte sich seinem Ende zu, und der Schnee schmolz. Die Ammer trat, wie sie das seit Jahrhunderten gethan hatte, über und hemmte für einige Tage den Verkehr; den Weiden entsproßten silberne Kätzchen, und die Grenadiere, die vor dem fürstlichen Schlosse schilderten, trugen keine Mäntel mehr. Auf den von Schnee befreiten Plätzen sammelten sich die Kinder, um ihre Frühlingsspiele, Ball- und Reifenschlagen, zu beginnen. Der saftige Weidenbaum mußte seine Zweige zu Pfeifen und Schalmeien hergeben, und nun quiekte und dudelte die Finkenburger Jugend um die Wette mit den Spatzen, die dem rauhen Winter mannhaft Stand gehalten hatten und jetzt dem abziehenden den Reisemarsch pfiffen.

Da geschah etwas, was sich die ärgsten Schwarzseher aus dem Herrenstübchen der goldenen Gans nicht hatten träumen lassen.

Fürst Mauritius starb plötzlich, und das Land mußte nun an Ammerstadt fallen.

Die Finkenburger waren sehr niedergeschlagen, denn jetzt war es um den Glanz der Stadt gethan.

Fürst Rochus war überdies bekannt als ein Mann, der Neuerungen liebe: hatte er doch in Ammerstadt das Amt des Kuhhirten und das des Nachtwächters, welche seit undenklichen Zeiten in einer Person vereinigt gewesen, eigenmächtig getrennt, anderer Reformen von geringerer Tragweite nicht zu gedenken. Er erließ zwar sofort nach dem Tode seines Vetters ein Manifest, in welchem er gelobte, die Rechte der Stadt Finkenburg zu wahren und alljährlich einige Monate in Finkenburg zu residiren, aber die Bürger sahen doch mit trüben Blicken in die Zukunft.

Rochus, Fürst von Ammerstadt-Finkenburg war ein kluger Herr; wohlweislich ließ er in Finkenburg vorläufig alles beim alten, sogar von seinem Vorsatz, die citrongelbe Montur der Finkenburger Grenadiere mit der kleidsameren apfelgrünen des Ammerstädter Heeres zu vertauschen, stand er einstweilen ab, wodurch er sich rasch in der Gunst der Finkenburger festsetzte.

Auf dem Marktbrunnen stand ein steinerner Sankt Georg mit dem Lindwurm, beide, Ritter und Drache, waren aber vom Zahn der Zeit arg mitgenommen, und aus dem Rachen des Ungeheuers sproß lustig Gras und Unkraut. Der Fürst ließ die Gruppe entfernen und an ihrer Statt ein Standbild des hochseligen Herrn errichten.

Das Denkmal ward feierlich enthüllt, und als der Prediger den Bürgern in einer blumenreichen Rede die väterliche Liebe des neuen Landesherrn zu Gemüth führte, die sich eben in der Errichtung dieses Monumentes manifestirte, da standen sie alle tief ergriffen um den Brunnenkasten herum, und als dann der Bürgermeister ein dreimaliges Hoch auf den Landesvater ausbrachte, da stimmten sie alle aus vollem Herzen und Halse ein, bis auf Einen.

Dieser Eine war der Magister Hieronymus Xylander. Als Ordinarius der Quarta hatte er seine Klasse zu der Einweihung des Standbildes führen müssen, aber als das Vivatgeschrei der Übrigen erschallte, heuchelte er einen heftigen Hustenanfall; er hatte mit dem Fürsten Rochus seinen Frieden noch nicht gemacht.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.