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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Drittes Kapitel.
Das Galgenmännlein.

In der Hauptstraße der Stadt Finkenburg fiel ein stattliches Haus vor allen anderen Gebäuden in die Augen. Es war ganz massiv und mit steinernen Figuren reich geschmückt. Unter jedem Fenster befand sich ein Widderkopf und am Giebelfeld eine Gruppe von Ungeheuern, deren Schwänze gräulich untereinander verschlungen waren. Die beiden Enden der Dachrinne waren durch kupferne Delphine gebildet, die bei Regenwetter auf die Köpfe der arglos Vorübergehenden große Wasserstrahlen spieen. Eine breite, mit einem eisernen Geländer versehene Treppe führte zu einer gewölbten Thür, deren oberer Theil runde, in Blei gefaßte Fensterscheiben hatte. Über derselben stand mit großen Buchstaben geschrieben: »Apotheke zum goldenen Löwen«; und wer das gelesen hatte, der konnte mit Zuhilfenahme einiger Phantasie in dem pudelartigen Thier, das in einer Nische neben dem Eingang stand, ein Konterfei des Wüstenkönigs erkennen; von Vergoldung war nichts mehr vorhanden.

Auf der breiten Freitreppe spazierte häufig und namentlich wenn die Sonne schien, ein großer Rabe würdevoll auf und nieder. Er hieß Jakob, war uralt und in der ganzen Stadt bekannt. Jakob versah eine Art von Wächteramt vor der Apotheke und hatte es namentlich auf die nackten Füße der Finkenburger Gassenjungen abgesehen. Es gehörte zu den Lieblingsvergnügungen der Straßenjugend, dem Löwen neben der Thür eine Brotrinde oder einen Knochen in den Rachen zu stecken, oder auch demselben einen papiernen Hut aufzusetzen; aber so oft einer der Schlingel bei seinen Kameraden Derartiges in Vorschlag brachte, pflegte man sich zuvor nach dem Raben umzusehen. Wehe dem Unglücklichen, den Jakob bei solch freventlichem Treiben ertappte; leise schlich er sich heran und versetzte dann dem Fuß des Arglosen einen so fürchterlichen Schnabelhieb, daß der Getroffene heulend und hinkend den Schauplatz seines verruchten Thuns verließ.

Der Besitzer dieses wundervollen Raben, sowie der Apotheke, war Herr Daniel Thomasius, ein gar angesehener Mann. Herr Thomasius war Wittmann, sonst besaß er aber alles, was zum täglichen Brot gehört, Haus und Hof, Geld und Gut und außerdem noch eine schöne Tochter, Namens Else.

Mit dieser bewohnte er die Zimmer des ersten Stockes, im Erdgeschoß befanden sich die Offizin, das Laboratorium, mehrere Vorrathskammern und noch einige andere Gemächer. Das zweite Stockwerk des Hauses stand größtentheils leer; eine geräumige Stube, die nach dem Garten zu gelegen war, hatte Herr Magister Xylander inne.

Schon damals, als er sich in Finkenburg aufhielt, um Stoff für das bewußte Carmen zu sammeln, hatte er in der Löwenapotheke gewohnt und war auf diese Weise mit Herrn Thomasius bekannt und befreundet geworden. Als er dann später ganz nach Finkenburg übersiedelte, war es ihm sehr angenehm, sein altes Quartier wieder beziehen zu können, und hier wohnte er nun bereits seit anderthalb Jahren. In seine Studirstube, er nannte sie sein Museum, drang kein Geräusch von der Straße, und wenn auch des Abends und des Morgens die Nachtigallen im Garten etwas zu laut wurden, so war das doch nur einige Monate im Jahr, und die übrige Zeit war's desto stiller.

Herr Thomasius stand hinter dem Rezeptirtisch. Er war ein behäbiger Fünfziger mittlerer Größe, sein wohlwollendes Gesicht hatte eine etwas bleiche Farbe, und auch sein Haar war stark ergraut. Daran waren aber mehr die Dünste seines Laboratoriums, als Alter und Krankheit schuld. Er war vielmehr ein kerngesunder Mann, der sich seines Lebens freute.

Heute war Herr Thomasius etwas mürrisch, denn sein Gehilfe war plötzlich ausgetreten, und er mit dem Lehrling vermochte kaum der Arbeit Herr zu werden. Dazu war noch ein Ärger über seine Schaffnerin, die alte Hanne, gekommen. Die alte Hanne hatte nämlich – doch ich muß etwas weiter ausholen.

In Finkenburg ward alljährlich um Michaelis ein Markt abgehalten, welcher den sonderbaren Namen »Zwickmarkt« führte. »Zwick« nämlich hieß ein Gebäck, welches in Finkenburg um jene Zeit gebacken wurde. Nun bestand unter Freunden und Hausgenossen die schöne Sitte, daß man sich am Morgen des Markttages auflauerte, in die Arme kneipte und dazu »Zwick« schrie. Der Gekneipte hatte die Verpflichtung, dem Kneipenden einen »Zwick« zu verehren.

Herr Thomasius war es seit Jahren gewohnt, zuerst von seiner Schaffnerin, dann der Reihe nach von seiner Tochter, dem Herrn Gehilfen, dem Lehrling und schließlich vom Knecht gezwickt zu werden. Alle, namentlich der Lehrling, kneipten sehr zart, und es fiel dem Hausherrn nicht ein, sich gegen das altehrwürdige Herkommen aufzulehnen, vielmehr stellte er sich jedesmal, wenn er gekneipt wurde, höchst überrascht und gab gern einem jeden das überzuckerte, mit Mandelkernen gespickte Backwerk; seiner Else schenkte er auch wohl noch etwas anderes.

Diesmal hatte Herr Thomasius, von Arbeit überhäuft, nicht an den Zwick gedacht. Er war des Nachts geweckt worden, um ein Tränklein zu brauen, hatte deshalb schlecht geschlafen und kam in früher Morgenstunde, als es noch dämmerig war, mißmuthig in das Wohnzimmer, um seine Morgensuppe zu verzehren. Als er die Thür öffnete, huschte eine dunkle Gestalt hinter dem großen Kleiderspind hervor, und im nächsten Augenblick fühlte Herr Thomasius einen heftigen Schmerz im Oberarm.

»Au!« schrie der erschrockene Apotheker, und »Zwick, Zwick!« kreischte eine gellende Stimme. Es war die der alten Hanne, welche ihren Herrn hatte überraschen wollen.

»Kreuztürkenschockschwerenoth!« polterte Herr Thomasius, »ist Sie verrückt, Hanne, oder hat Sie getrunken? Was fällt Ihr ein, mich so zu erschrecken. Sie alte Schneegans!«

Die brave Hanne stand sprachlos da und blickte mit großen Augen in das geröthete Gesicht des Apothekers. So etwas war ihr noch nicht vorgekommen; ihre Mundwinkel verzogen sich in bedenklicher Weise, sie faßte den Schürzenzipfel und brachte ihn an die Augen.

»Nun, nun«, lenkte Herr Thomasius ein, »jetzt lasse Sie die Kindereien; es war nicht bös gemeint. Sie ist eine brave, treue Person, Sie soll ihren Zwick haben, verlasse Sie sich darauf, nur heule Sie nicht!«

Er wollte ihr auf die Achsel klopfen, aber seine Herablassung ward übel ausgenommen. Die alte Hanne wandte sich kurz ab und ging schluchzend zur Thür hinaus.

Das war der Vorfall, der die Verstimmung des Apothekers noch gesteigert hatte.

Er präparirte jetzt ein Pulver, und während seine Augen auf das vor ihm liegende Rezept gerichtet waren und er mit der Reibschale hantierte, waren seine Gedanken bei der alten Hanne, die in der Küche saß und heulte. Er mußte sie versöhnen, sonst konnte er es in seinem eigenen Hause nicht mehr aushalten, das stand fest, aber über das Wie war er noch nicht mit sich einig. Er hatte auch keine Zeit, über so etwas nachzudenken, denn alle Augenblicke trat ein Kunde in die Offizin. Heute am ersten Markttag gab's doppelte Arbeit, und kein Gehilfe war zur Hand. Herr Thomasius war sehr übel gelaunt.

Der Magister kam die Treppe herab, um, wie er zu thun pflegte, dem Hausherrn einen kurzen Besuch zu machen, bevor er in's Lyceum ging. Im letzten Jahre hatte sich Herr Thomasius für das Gezwicktwerden schadlos gehalten, indem er seinerseits den arglosen Magister mit einem derben Zwick überrumpelte; heute unterließ er es und erwiderte nur kurz und mürrisch die Fragen seines Miethsmannes.

Gegen Mittag fingen die Kunden an, spärlicher zu erscheinen, Herr Thomasius hatte sich durch ein Schöpplein Wein gestärkt und war etwas besser gelaunt. Er schickte den Knecht fort, um das nöthige Backwerk zu holen, und beauftragte ihn auch noch, ein Tuch von bunter Wolle für die alte Schaffnerin zu kaufen. Der Knecht brachte das Tuch, und Herr Thomasius trug es nebst einem großen Zwick in die Küche, wo Hanne am Feuer hantierte.

Sie wollte erst nichts hören und sehen; zögernd nahm sie endlich das Geschenk an und knurrte etwas, was sich Herr Thomasius mit »Schön Dank« übersetzte.

»Hanne,« sagte er, »wenn Sie ein wenig auf den Markt gehen will, um sich die Raritäten anzusehen, so geh' Sie; die Else kann einstweilen Acht geben, daß die Suppe nicht anbrennt.«

Hanne antwortete nicht, und als der Apotheker noch ein paar Worte hinzufügte, raspelte sie ein Stück altes Brot auf dem Reibeisen so heftig, daß er sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Er ging wieder in seine Offizin.

Eine Viertelstunde später sah er die alte Hanne, angethan mit dem neuen Tuch, aus dem Haus schreiten und den Weg nach dem Markt nehmen. Herr Thomasius hatte seine gute Laune wieder.

Unterdessen stand die blonde Else in einer weißen Schürze bei dem Feuer, trällerte ein Lied und klapperte hin und wieder mit den Deckeln der Töpfe, in denen es lustig zischte und brodelte. Die Küchenthür knarrte.

»Bist Du's, Hanne?« fragte Else.

»Nein, Elslein, ich bin's,« erwiderte eine zuckersüße Stimme, und herein hüpfte mit einem zierlichen Kratzfuß der Magister Xylander. Er trug etwas Eingewickeltes in der Hand. »Es ist doch erlaubt, hier einzutreten?«

»Ich will's Euch nicht wehren,« sagte Else, »und wenn Ihr mir helfen wollt, so ist mir's auch recht. Dort hängt eine Schürze, und hier habt Ihr einen Kochlöffel.«

»Nein, Elslein, darum bin ich nicht hergekommen, wißt Ihr nicht, daß heute Zwickmarkt ist?«

»Freilich weiß ich's,« erwiderte Else und betrachtete den Magister verwundert. Als sie den eingewickelten Gegenstand in der Hand des Magisters sah, wußte sie, woran sie sei. »Der Magister will von mir gekneipt sein und mir dann einen Zwick verehren, aber da kann er lange warten,« sprach sie bei sich. Sie lächelte boshaft und zeigte dabei zwei Reihen kleiner Mauszähne, daß es dem braven Magister ordentlich schwül wurde.

»Elslein,« sagte er und trat näher, »also Ihr wißt, was heute für ein Tag ist? Wohlan, hier steh' ich; Else, genirt Euch um Gottes willen nicht!«

»Nicht im geringsten, Herr Magister, bleibt meinetwegen bis Mittag hier stehen: seht, ich thue, als ob Ihr gar nicht da wäret,« entgegnete Else und schäumte die kochende Fleischbrühe mit großem Ernst ab, ohne den Magister weiter zu beachten.

»Aha,« dachte dieser, »sie will mich nicht verstehen, vielleicht erwartet sie den Angriff von mir, vielleicht hat sie mir eine Überraschung zugedacht, sie hat neulich in ein Tuch mit blauer Seide ein Blümchen genäht, vielleicht ...«

Er schlich sich auf den Zehen hinter Else und kneipte sie, allerdings sehr behutsam, in den runden Arm.

Aber da kam er gut an. Patsch! fiel der Kochlöffel auf seine Hand, ein paar heiße Wassertropfen spritzten ihm in's Gesicht, und um das Unheil voll zu machen, ertönte hinter ihm das laute Gelächter der alten Hanne, die von ihrem Marktgang zurückgekommen war.

»Recht so, Else!« rief die Schaffnerin, »das war gescheit, seht mir den Herrn Magister!«

Hieronymus Xylander war sehr verwirrt über diesen Ausgang, er faßte sich indessen sehr bald wieder und lachte selbst übermäßig laut.

»Sieht Sie, Hanne,« sagte er dann, »was ich um Sie leiden muß, ich bin nämlich nur Ihr zu Liebe gekommen, ich wollte Ihr diesen Zwick verehren.«

Mit diesen Worten überreichte er der Alten das eingewickelte Gebäck, welches eigentlich für Else bestimmt war. Hanne fühlte sich sehr geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit des Magisters und erschöpfte sich in Danksagungen. Else stand über diese Wendung betroffen und nahm das Band ihrer Schürze in den Mund.

Der Magister aber entfernte sich mit dem so wohlthuenden Gefühl der befriedigten Rache.

Die Spannung zwischen ihm und der blonden Else war indessen nur von kurzer Dauer. Dergleichen Reibereien kamen zwischen den beiden häufig vor, und der Magister Xylander pflegte bei solchen Gelegenheiten zu sagen: »Was sich neckt, das liebt sich.« Else lachte dann jedesmal, wie ein fröhliches Kind lacht. Herr Thomasius aber, wenn er zugegen war, nickte bedeutsam mit dem ergrauten Kopfe.

Als um zwölf Uhr Herr Thomasius, Else und der Herr Magister bei der Suppe saßen, die trotz des Zwischenfalls nicht angebrannt war, herrschte eine fröhliche Stimmung. Die alte Hanne, welche die Speisen auftrug, zeigte gleichfalls ein heiteres Gesicht, und als das Gratias gesprochen war, kam sie der Aufforderung des Hausherrn, von ihrem Marktgang zu berichten, gern nach. Nachdem sie ein Langes und Breites von den prächtigen Waaren erzählt, auch zweier in rothe Wämslein gekleideter Meerkatzen gedacht hatte, fuhr sie fort:

»Denkt Euch, da komm' ich an einen kleinen Tisch, und hinter dem Tisch sitzt ein Weib, und auf dem Tisch steht eine große Glasflasche, und ringsherum ist alles gestopft von Menschen. Ich dränge mich durch, und alsbald fragt mich das Weib, ob ich wahrgesagt haben wolle, es koste bloß einen Batzen. Natürlich sag' ich ja, denn ein Batzen ist nicht zu viel. Das Weib legt die Hand oben auf die Flasche, und da – denkt Euch – kommt ein kleiner, schwarzer Teufel aus dem Hals der Flasche heruntergestiegen, tanzt auf dem Boden hin und her und steigt dann wieder hinauf.«

Else und der Magister saßen sprachlos, Herr Thomasius lehnte sich mit einem überlegenen Lächeln im Sessel zurück.

»Jetzt,« fuhr Hanne fort, »sagt mir das Weib wahr: Ihr seid, sagt sie, in Eurer Jugend sehr schön gewesen und hättet, sagt sie, oft freien können, wenn Ihr nur gewollt hättet, sagt sie. Das traf zu. Weiter sagt sie, werdet Ihr noch viele frohe Tage verleben und nächstens, sagt sie, vielleicht noch heute, werdet Ihr ein Geschenk erhalten. So hat sie gesagt, und das ist auch eingetroffen, denn der Herr Magister hat mir gleich darauf einen Zwick geschenkt. Zum Schluß fragte mich das Weib noch, ob mir der Geist in der Flasche sagen solle, wie alt ich sei. Das hab' ich mir aber schönstens verbeten, so vor allen Leuten.«

Weiter hatte Hanne einen wilden Mann mit einem Ring in der Nase und einer Krone von bunten Federn auf dem Kopf gesehen, und zuletzt berichtete sie von einem berühmten Doktor mit schwer auszusprechendem Namen, der eine große Bude nächst der Stadtkirche und viel Zuspruch habe. Sie zog ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser gefüllt hervor und zeigte es triumphirend den Anwesenden.

Herr Thomasius nahm die Phiole, eröffnete sie und führte sie an die Nase. »Was hat denn das Ding gekostet?« fragte er die Alte.

»Das ist kein Ding, Herr Thomasius, sondern ein Bisamapfel,« erwiderte Hanne. »Er kostet nur zwei Batzen.«

»Nur zwei Batzen,« höhnte der Apotheker. »Hanne Sie ist eine Närrin, das hätte Sie von mir umsonst haben können, das ist keine zwei Heller werth.«

Hanne lächelte ungläubig. Der fremde Doktor hatte ihr gesagt, er habe das wohlriechende Ding aus Arabia mitgebracht; da sie aber wußte, daß Herr Thomasius in solchen Dingen keinen Widerspruch vertragen konnte, so schwieg sie weislich.

»Wenn ich heute Nachmittag nicht so gar viel zu schaffen hätte,« fuhr der Apotheker fort, »so ginge ich selber einmal auf den Markt und betrachtete mir den Kram des Quacksalbers. Zuweilen findet man darunter einen Schatz, von dem der Besitzer selbst nichts ahnt. Meine Jerichorose und den Riesenfinger habe ich auch von solch einem wandernden Arzt erhandelt. – Du aber, Else, wenn Du auf den Markt gehst, hütest Dich wohl, von dem Kerl etwas zu kaufen. Bei Ihr, Hanne, kommt meine Warnung zu spät, und bei dem Magister fruchtet sie nichts, denn ich seh's ihm an, daß er vor Begierde brennt, den Doktor um ein Mittel gegen seine Leichdornen anzugehen. Nun, mir kann's nichts verschlagen. Ich gehe jetzt in die Offizin; wenn Ihr noch ein wenig bei meiner Else sitzen bleiben wollt, Herr Magister, so habe ich nichts dagegen, denn Ihr seid ein gesetzter und gelehrter Mann, von dem Du noch viel lernen kannst, Else!«

Es war Nachmittag, und die Herbstsonne schien heiß auf das Marktgewühl. In den Morgenstunden hatte man die nöthigen Einkäufe für das Haus gemacht, der Nachmittag war dem Vergnügen gewidmet, und daß für mancherlei Unterhaltung gesorgt war, wissen wir bereits aus dem Bericht der alten Hanne. Die Bürger der guten Stadt Finkenburg wandelten mit der Frau Liebsten am Arm bedächtig zwischen den Buden auf und ab, hie und da stehen bleibend, um etwas Augenfälliges zu besichtigen, oder um mit einem Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Bauern und Bäuerinnen im Sonntagsputz bahnten sich mit den Ellenbogen Weg durch das Gedränge, und die Straßenjugend lärmte und musizirte auf kleinen hölzernen Querpfeifen und Trompeten, wie sie um wenige Heller auf dem Markt zu kaufen waren. Da die Besitzer von Schaubuden nicht ermangelten, durch allerlei Getöse, als Beckenschlagen, Trommeln und Knarren die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken, auch die Verkäufer mit immer heiserer werdenden Stimmen ihre Waaren feilboten, so war der Lärm nicht gering. Aber so war's den Finkenburgern eben recht, so war's immer gewesen, und das gehörte mit zu dem Marktvergnügen.

Herr Thomasius hatte Zeit gefunden, auf den Markt zu gehen. Er schritt, den Knopf seines langen Stockes unter das Kinn haltend, würdevoll zwischen den Reihen der Verkaufsstände einher und spähte nach der Bude des Arztes, von dem ihm seine Schaffnerin berichtet hatte.

»Gehorsamer Diener, Herr Thomasius,« schrie ihn ein altes, dürftig gekleidetes Männlein an, welches hinter einem mit getrockneten Kräutern und Wurzeln bedeckten Tisch stand.

»Schön Dank, Wurzelpeter,« lautete die freundliche Entgegnung, »wie gehen die Geschäfte?«

»Schlecht, schlecht, Herr Thomasius, heute will niemand von meinen Kräutern etwas wissen; hier liegen Kamillen, Wohlverlei, Berufskraut, Wurmwurz und Teufelsabbiß noch gerade so, wie ich sie hingelegt habe, niemand kauft, alles läuft dem fremden Doktor zu. Hätt' ich den Schwamm nicht, ich verdiente nicht das Marktgeld.«

Der Alte war ein Kräutermann aus dem Gebirge, der nebenbei auch Schwämme sammelte und Zunder daraus bereitete.

Herr Thomasius, welcher dem Wurzelpeter das Jahr über manchen Groschen zu verdienen gab, bewährte seine Gönnerschaft dadurch, daß er ein großes Stück Zunder kaufte und es, ohne zu handeln, bezahlte.

»Wo hat der Medikus seine Bude?« fragte er.

Das Wurzelmännlein deutete mit dem knöchernen Zeigefinger nach einem Menschenknäuel, über welchem an einer Stange befestigt ein großes Stück bemalte Leinwand schwebte. Herr Thomasius schlug, von einem trüben Blick des Wurzelpeters gefolgt, die angezeigte Richtung ein und gelangte halb schiebend, halb geschoben durch die Menge bis vor die Bude des Arztes.

Das große Bild, welches der Wind leise hin und her bewegte, war in drei Abtheilungen getheilt. In der ersten sah man eine menschliche Figur, deren Körper alle möglichen Gebresten an sich trug; aus ihrem Munde hing ein Zettel, auf dem die Worte standen:

O weh mir armem Lazarus!
Mich schmerzt der Kopf, der Bauch, der Fuß,
Das Aug', das Ohr, der Zahn, die Zunge,
Herz, Leber, Nieren, Milz und Lunge.
Ist denn kein Mensch auf Erden nicht,
Der wieder mich zusammenricht't?

Auf dem zweiten Feld schüttete ein Mann, der einen rothen gestickten Rock und an der Seite einen Degen trug, dem Patienten den Inhalt eines großen Löffels in den offenen Mund. Hier trug der rothe Mann einen Zettel, auf welchem geschrieben war:

Du armer Mann, ich helfe Dir
Mit meinem Lebenselixir.
Mit meinen wunderkräft'gen Pillen
Vermag ich jeden Schmerz zu stillen.
Doktor Rapontiko bin ich genannt,
In allen Reichen wohlbekannt.

In der letzten Abtheilung sah man den geheilten Kranken; er hatte die Krücken weggeworfen, und seine Gliedmaßen strotzten von Fleischbündeln. In seinem Gesicht prangten zwei große, zinnoberrothe Kleckse. Auf dem Zettel, der ihm aus dem Munde hing, stand:

Heisa, juchheisa, Dideldum!
War vormals siech und schwach und krumm,
Bin jetzo wohlgemuth und frisch,
Gleichwie im Wasser die schuppigen Fisch'.
Das hat mit seiner Kunst und Kraft
Doktor Rapontiko geschafft.

Nachdem Herr Thomasius das Bild beschaut und die Verse gelesen hatte, wandte er seine Augen auf die Bude selbst. Diese hatte eine Galerie, zu welcher eine Treppe emporführte. Der Medikus selbst war nicht sichtbar, er übte wahrscheinlich im Innern seine Kunst aus. Einstweilen unterhielt der Hanswurst das Publikum. Unser alter Bekannter, Balthasar Klipperling aus Wien, stand, gekleidet in ein buntes, mit Schellen behangenes Gewand, den spitzen Hut auf dem Kopf, vor der Bude und hielt am Zaum eins der kleinen Pferde, die des Doktors Reisewagen zu ziehen pflegten.

»Pyramus,« redete der Hanswurst das Pferd an, »sag' an, wieviel Monden ein Jahr hat.«

Pyramus tippte zwölfmal mit dem Vorderhuf auf den Boden.

»Und wieviel Tage hat die Woche?«

Das Pferd wußte es.

»Pyramus sag' an, wer ist unter den Herrschaften hier der Gelahrteste?«

Pyramus ging im Kreis herum und blieb vor einem Bauer stehen, der vor Verwunderung das Maul aufsperrte. Laute Beifallsrufe lohnten dem Hanswurst und seinem gelehrigen Schüler.

»Pyramus, wer ist der tapferste Mann unter den Herrschaften?«

Das Pferd suchte und blieb vor einem Grenadier stehen, der mit einer Dirne am Arm dastand und gaffte. Der Kriegsmann machte ein dumm-vergnügtes Gesicht.

»Pyramus, wieviel hat der Herr Korporal Knöpfe am Rock?«

Das Pferd gab die Zahl richtig mit dem Vorderfuß an.

»Pyramus, wer ist das schönste Weiberleut im Kreis?«

Die Weiber und Mädchen kicherten. Pyramus bezeichnete die Dirne am Arme des Soldaten als die schönste. Diese wurde roth und lachte.

Alsdann folgte eine sehr indiskrete Frage, den Lebenswandel der Dirne betreffend, und Pyramus schüttelte energisch den dicken Kopf. Das Volk johlte, das Weibervolk kreischte, die Dirne machte sich von dem Grenadier los und lief davon. Letzterer sah anfangs sehr grimmig aus, da aber alle lachten, so lachte er mit, und das war das beste, was er thun konnte.

Jetzt erschien oben auf dem Gerüst der Doktor Rapontiko. Er trug einen rothen, mit goldenen Tressen besetzten Rock, seidene Strümpfe und einen Degen; die Schnallen auf seinen Schuhen und die Ringe an seinen Fingern blitzten von großen böhmischen Steinen. Er gab mehreren Personen, die ihn konsultirt hatten, das Geleite und blieb dann noch ein paar Augenblicke auf der Galerie stehen. Mit der Rechten strich er sich über die metallenen Knöpfe seiner langschößigen Weste und blickte gedankenvoll zum Firmament empor; die vor seiner Bude versammelte Menge würdigte er keines Blicks. Hinter dem Doktor war ein junger Mann aus dem Innern der Bude getreten. Er war ganz schwarz gekleidet, und sein bleiches Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Wie im Traum ließ er seine großen Augen über die Menge schweifen und starrte dann in's Leere. Unter den Leuten unten erhob sich ein Geflüster, und aller Augen richteten sich auf Fritz Hederich, den Gehilfen des Doktors.

»Der Arme ist ein vornehmer Kranker,« sagte eine Frau, »und der Doktor soll ihn gesund machen.«

»Nein,« sagte eine andere, »er ist der Gesell des Doktors, und so bleich sieht er aus, weil er den ganzen Tag Gift kocht.«

»Er ist aus Welschland,« sagte eine dritte, »dort sind alle Leute blaß. Dieser hat außerdem noch das Heimweh und friert auch, denn hier bei uns im Finkenburgischen ist's viel kälter als in Welschland.«

»Ich hab' gehört,« sprach eine vierte, »daß der junge Mensch ein Prinz von Polen, oder gar aus der Türkei ist, der nur zum Spaß im Lande herum reist.«

»O bewahre,« sagte eine fünfte, »er ist als Kind von den Zigeunern gestohlen worden und weiß selber nicht, wo er daheim ist.«

Mittlerweile waren mehrere Leute auf das Gerüst gestiegen und vom Doktor und seinem Gehilfen in das Innere der Bude geführt worden. Balthasar Klipperling aus Wien unterhielt wieder das Volk mit seinen Späßen. Er war ein vielseitiger Hanswurst, auch die Verse auf dem Aushängeschild hatte er gedichtet.

Herr Thomasius war in die Bude eingetreten. Der Doktor sah ihm sogleich an, daß er eine respektable Person sei, und wollte sich ihm zuerst widmen. Der Apotheker aber sagte kurz:

»Erst die andern, ich will nachher ein Wörtlein mit Ihm sprechen.« Er setzte sich auf einen Stuhl, den ihm Fritz Hederich hinstellte, stützte das Kinn auf sein Rohr und wartete geduldig, bis der Arzt den letzten abgefertigt hatte. Als dies geschehen war, wandte sich Doktor Rapontiko zu ihm mit den Worten:

»Nun bin ich zu Euren Diensten, wo fehlt's, wo sitzt das Übel, daß ich's fasse und mit der Wurzel ausrotte?«

»Mir fehlt, Gott sei Dank, nichts,« antwortete Herr Thomasius, »und gesetzt, es wäre an dem, so käme ich sicherlich nicht zu Ihm, Meister Rapontiko, denn ich verstehe selbst etwas von dem Rummel, ich bin der Apotheker Daniel Thomasius hierselbst.«

So sprach er und erhob sich stolz. Dem Doktor wurde es angst. Kam der Apotheker vielleicht, um ihm auf die Finger zu sehen? Wollte er ihm gar den Verkauf der Medikamente untersagen? Sehr kleinlaut fragte er:

»Womit kann ich denn dem Herrn dienen? Ich will nicht fürchten –«

Herr Thomasius lächelte, als er die Angst des Medikus sah. »Lirum, larum,« sprach er, »denke Er nicht, daß ich Ihm den Markt verderben will. Wenn Er meinen klugen Mitbürgern die Groschen aus der Tasche lockt, was kümmert's mich! Nein, ich komme vielmehr, um Ihm etwas zuzuwenden. Lasse er mich einmal Seinen Kram besehen, vielleicht finde ich etwas, was ich brauchen kann. Hat Er vielleicht Violenwurz?«

» Ireos florentinae radix?« fiel der Doktor ein, »das versteht sich, weiß wie frisch gefallener Schnee. Kommt nur, Ihr werdet staunen, wenn Ihr meine Raritäten seht.«

Der Doktor, der außerordentlich geschmeidig geworden war, winkte seinem Gehilfen und führte den Apotheker in einen Verschlag, wo sich die Niederlage befand. Da sah man allerlei getrocknete Kräuter und Wurzeln, außerdem noch eine Menge anderer Gegenstände, Seeigel, Korallen, Zähne vorweltlicher Thiere, verschrumpftes Gewürm und einen Hasen mit sechs Beinen. Der Apotheker betrachtete alles genau, kaufte einiges.

»Nun will ich Euch meine größte Kuriosität zeigen,« sprach der Medikus, öffnete eine verschlossene Kiste und entnahm derselben ein kleines Kästchen, welches die Gestalt einer Todtenlade hatte; es war mit schwarzem Sammt überzogen und mit silbernen Flittern geziert.

Neugierig streckte Herr Thomasius seine Hand nach dem Särglein aus, aber der Arzt ließ dasselbe nicht, er öffnete den Deckel, und der Apotheker sah, auf Wolle gebettet, einen kleinen, braunen Wurzelmann, angethan mit einem Scharlachröcklein.

»Ein Alraun!« rief entzückt Herr Thomasius, »ein Alraun!«

»Ja, ein Alraun, ein Galgenmännlein,« bestätigte der Arzt und schickte sich an, das Särglein zu verschließen.

Der Apotheker hielt ihn am Ärmel fest und holte tief Athem.

»Wartet, wartet,« sprach er, »laßt mich's doch erst mit Muße beschauen.«

Er betrachtete die Wurzel wie ein Jüngling den Gegenstand seiner ersten Liebe.

»Was wollt Ihr für das Galgenmännlein?« rief er dann, »ich kaufe es, sagt schnell, was Ihr dafür haben wollt!«

»Es ist mir nicht feil,« antwortete der Doktor und verschloß das Kästchen.

»Verkauft mir das Männlein,« bat Herr Thomasius, »ich zahle es gut,« seine Stimme klang weich und flehend wie die eines Kindes, welches bei der Mutter durchsetzen will, daß der Deckel vom Honigtopf weggenommen wird.

»Nein,« erwiderte der Medikus, »es bringt mir Unglück, wenn ich es verkaufe; Ihr glaubt nicht, wie schwer es hält, einen echten kräftigen Alraun zu bekommen.«

»Ich weiß, ich weiß,« versetzte Herr Thomasius, »aber Ihr kommt weit in der Welt umher und findet sicherlich wieder einen anderen Galgenmann.«

»Schwerlich,« sagte der Doktor, »denn wie Ihr wißt, wächst die Wurzel nur auf Richtstätten und muß in der Johannisnacht gegraben werden. Damit ist's aber nicht abgethan. Soll das Galgenmännlein zauberkräftig wirken, so muß es von einer reinen Jungfrau um Mitternacht unter tiefem Schweigen gehoben werden. Ein Hündlein muß es aus der Erde ziehen, dann schreit es wie ein Kind; und wenn die Jungfer sich entsetzt und einen Laut von sich giebt, oder wenn das Hündlein bellt, so bekommen die bösen Geister Gewalt über die Dirne, und sie ist rettungslos verloren. Geht alles soweit gut, und vergißt die Dirne, die Wurzel mit einem Kreuzdorn zusammenzubinden, so verliert sie ihre Kraft, und alles war umsonst.«

Der Apotheker hörte nur mit halbem Ohr, was der andere sagte. Er hatte seine Augen auf das Kästchen gerichtet und seinen Beutel gezogen. Jetzt nahm er einen Dukaten heraus und hielt ihn dem Doktor entgegen.

Dieser lachte. »Einen Dukaten? Wo denkt Ihr hin?«

»Zwei,« bot der Apotheker.

Doktor Rapontiko schüttelte den Kopf.

»Drei, vier, fünf.«

»Zwölf Dukaten, weil Ihr der Apotheker Thomasius seid, nicht mehr und nicht weniger,« sagte endlich der Doktor. »Und dann müßt Ihr mir noch versprechen, mein Hühneraugenpflaster und meine Magenpillen Euren Freunden und Bekannten anzupreisen.«

»Zwölf Dukaten sind viel Geld,« sprach Herr Thomasius nachdenklich, »thut's nicht die Hälfte, nicht sechs?«

»Wenn Ihr nicht wollt, so behalte ich meinen Alraun und Ihr Euer Geld, ich trenne mich ohnehin ungern von meinem Galgenmann.«

»Gebt her, gebt her,« rief der Apotheker leidenschaftlich. Er riß dem Doktor das schwarze Särglein aus der Hand. »Also es gilt, zwölf Dukaten, der Alraun ist mein.«

Als es jetzt an's Bezahlen ging, sah Herr Thomasius, daß er nicht genug Geld bei sich habe. Doktor Rapontiko erbot sich, ihm die Wurzel aufzuheben, bis er das Geld geholt habe, aber das mochte der Apotheker nicht, er wollte sein Kleinod nicht mehr aus der Hand lassen, weil er fürchtete, der Handel möchte den Arzt gereuen.

»Hier,« sagte er, »sind vier Dukaten; gebt mir den da,« er wies auf Fritz Hederich, »mit in meine Behausung, daß ich ihm das fehlende Geld einhändige.«

Der Doktor war's zufrieden. Er gab dem Apotheker noch einige Verhaltungsmaßregeln in Betreff des Alrauns. Wenn Vollmond eintrete, müsse er gebadet werden, sonst schreie er und geberde sich sehr ungestüm. Herr Thomasius hörte das Geschwätz des Quacksalbers geduldig an und ging dann, gefolgt von Fritz Hederich nach der Löwenapotheke. Er schaute nicht rechts, nicht links und hielt das Särglein mit dem Galgenmann krampfhaft fest.

*

Doktor Rapontiko hatte damals richtig gerechnet, als er den flüchtigen Studenten zum Gehilfen annahm. Fritz Hederich war ein unbezahlbarer Lockvogel für alles, was lange Röcke trug, und seit jener Zeit konnte sich der Arzt nimmer über Mangel an Zuspruch beklagen. Dem Baccalaureus behagte anfangs das lustige Leben des fahrenden Volkes sehr, er war guter Dinge und lebte in den Tag hinein wie der Vogel auf der Heide. Als aber das Wanderleben den Reiz der Neuheit für ihn verloren hatte und er das Treiben seiner Gefährten genauer betrachtete, schlug sein Frohsinn in das Gegentheil um.

Der Medikus hatte sich anfangs seinem Gehilfen gegenüber stets einen Schein von Würde und Menschenfreundlichkeit zu geben gewußt, nach und nach ließ er die Hülle fallen und gab sich, wie er war. Da sah denn der Baccalaureus, daß jener nichts war als ein gemeiner Betrüger, dem jedes Mittel, den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken, recht war. Er sah mit Schrecken, daß er der Spießgesell eines Gauners geworden war, und trachtete danach, sobald als möglich frei zu werden. Auf ein Jahr hatte er sich durch Handschlag verpflichtet, und das Jahr wollte und mußte er aushalten; er hörte nicht auf die versuchende Stimme, die ihm zuflüsterte, einem Schurken brauche man nicht das Wort zu halten.

Als das Jahr zu Ende ging, sah sich Fritz Hederich nach einem Unterkommen um. Er wollte versuchen, als Schreiber einen Dienst zu bekommen, aber nirgends, wo er anklopfte, ward ihm aufgethan. Entweder machte man Ausflüchte, man sei von der Brauchbarkeit des Bittstellers überzeugt, könne aber keinen Gebrauch von seinem Anerbieten machen; oder man sagte ihm geradezu, einem fahrenden Gaukler wie ihm könne man kein Vertrauen schenken. Fritz Hederich, der um jeden Preis von dem Arzt loskommen wollte, stellte seine Ansprüche tiefer; er bat und flehte um eine geringe dienstliche Stellung; man verweigerte sie ihm und schlug ihm die Thür vor der Nase zu.

Einstmals traf er einen ehemaligen Kameraden von der Universität. Diesem gab er sich zu erkennen und erfuhr, daß man nach seiner Flucht aus Zechstädt seinen Namen ans schwarze Brett geschlagen habe, daß er auf hundert Jahre relegirt worden sei. Er ersah auch, daß Doktor Rapontiko damals geflunkert hatte, als er von nachsetzenden Landreitern erzählte. Sein ehemaliger Kommilito sagte, die Herren vom Konsistorio seien im Grunde herzlich froh über die Flucht des Baccalaureus gewesen, weil dadurch dem Ärgerniß ein rasches Ende gemacht worden sei. Als nun Fritz seinen Kameraden bat, ihm zu einem ehrlichen Brot zu verhelfen, zuckte dieser mitleidig die Achseln und brachte die Ausflüchte vor, die jener schon oft hatte vernehmen müssen. Wenn ihm mit einem kleinen Geldgeschenk gedient sei, so wolle er ihm nach Kräften geben. Fritz Hederich dankte und ging traurig seines Weges.

Doktor Rapontiko sah recht wohl, was mit seinem Gehilfen vorging, und er lachte jedesmal im Stillen, wenn jener von einem seiner vergeblichen Gänge wieder zu ihm zurückkehrte. Er wußte, daß er den Vogel an einer Kette hielt, die fester war als Stahl und Eisen.

Fritz Hederich wurde immer stiller und schwermüthiger, aber in demselben Maße, als die gesunde Farbe von seinen Wangen wich, stieg sein Werth als Lockvogel. Der arme, todtenblasse junge Mensch in der schwarzen Kleidung war ein noch besseres Anziehungsmittel als der blühende, geschmeidige Bursche von ehemals. Überdies ließen es der Doktor und Balthasar Klipperling, der Hanswurst, nicht an geheimnißvollen Andeutungen über Geburt und Abstammung des bleichen Gesellen fehlen, was natürlich viel dazu beitrug, bei den Leuten das Verlangen zu steigern, mit dem rätselhaften Menschen in Berührung zu kommen.

Zwischen jenem Tage, an welchem der fahrende Arzt den Baccalaureus schlafend an der Quelle gefunden hatte, und heute lagen sechzehn Monate, und diese Zeit hatte genügt, aus dem lebenslustigen, übermüthigen Studenten einen unglücklichen, schwermüthigen Menschen zu schaffen, der mit sich und der Welt haderte.

*

Fritz Hederich schritt hinter Herrn Thomasius her, der sich im Zickzack seinen Weg durch das Marktgewühl bahnte. Er schaute erst auf, als der Apotheker vor seinem Hause ankam.

Jakob der Rabe lief eilfertigen Schrittes auf seinen Herrn zu und grüßte ihn mit wiederholtem Kopfnicken, dann sah er Fritz Hederich von der Seite an und sprach: »Lump!«

Der Apotheker lachte. »Das darf Er ihm nicht übel nehmen,« sagte er zu Fritz, und das war das erste Wort, welches er an ihn richtete. »Mit dem Wort ›Lump‹ begrüßt er jeden Fremden, sogar den Herrn Bürgermeister, meinen Gevattersmann. Er kann drei Worte sprechen: ›Jakob‹, so heißt er selbst, ›Lump‹ und –«

»Else,« schnarrte der Rabe.

»So heißt nämlich meine Tochter,« erklärte der Apotheker; »ist das nicht ein gescheiter Vogel?«

Fritz Hederich bejahte das und bückte sich, um den Raben zu streicheln. Jakob duckte sich, machte einen Katzenbuckel und duldete es, daß Fritz ihm mit der Hand über das glänzende Gefieder fuhr.

»Das wundert mich,« sprach Herr Thomasius, »er ist sonst karg mit seiner Freundschaft. Aber jetzt lasse Er den Raben und komme Er, damit wir unser Geschäft beendigen.«

Der Apotheker schritt durch die Offizin und begab sich, gefolgt von Fritz Hederich, in das erste Stockwerk. Fritz wollte bescheiden vor der Thür warten, aber der Apotheker sagte:

»Komm' Er nur mit herein.«

Wie sie in das Wohnzimmer traten, kam Else ihrem Vater entgegen gesprungen, und als sie das sonderbare Kästlein in seiner Hand sah, klatschte sie in die Hände und rief fröhlich aus:

»Laß sehen, Vater, was Du mir mitgebracht hast.«

»Das ist kein Spielzeug für Dich,« antwortete der Alte, »aber sehen sollst Du's.«

Er öffnete das Särglein und zeigte ihr den Wurzelmann.

»O das herzige Ding! Gelt, Du schenkst mir's?«

»Nein, Else, das bekommst Du nicht. Faß es nicht an! Es ist eine große Rarität, ein Alraun.«

Und nun erklärte er weitläufig, was es für eine Bewandtniß mit der Wurzel habe. Else hörte zu, und über das Galgenmännlein hin flog ihr Auge zu dem Baccalaureus, der, den Hut in der Hand, an der Thür stehen geblieben war.

»Ja so,« sagte Herr Thomasius, den der fragende Blick seiner Tochter an den Wartenden erinnerte, »den dort hatte ich fast vergessen. Komm' Er her, guter Freund, und nehm' Er sich einen Stuhl. Ich gehe, das Geld zu holen.«

Auf dem Tisch stand ein Imbiß, den Else für den Vater hergerichtet hatte. Sie blickte auf den Weinkrug.

»Vater, soll ich ihm einen Becher Wein geben?« flüsterte sie leise, »er sieht so krank aus.«

Herr Thomasius nickte und ging in's Nebenzimmer.

Dem Baccalaureus that die Freundlichkeit des Mannes wohl. Er setzte sich nieder, und als Else ihm einen Becher reichte, trank er hastig den dunklen Wein, aber er sprach kein Wort und sah sein Gegenüber nicht an. Es war lange her, daß Fritz Hederich in einem Zimmer, wie dieses war, gesessen hatte. Der großes grüne Kachelofen, die Schreine mit Schnitzwerk und glänzenden Schlüsselschildern, das kleine Spiegelglas mit der Pfauenfeder dahinter, die alten, gebräunten Familienbilder mit den Immortellenkränzen, die Töpfe mit Goldlack im Fenster, und der sauber gedeckte Tisch vor ihm, das alles heimelte ihn an und weckte in ihm die Erinnerung an sein elterliches Haus, an seine glückliche Kindheit. Eins Thräne fiel heiß auf seine Wange, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.

»Vorbei, vorbei, verloren auf immer!«

Else saß schweigend dem jungen Mann gegenüber; es wurde ihr angst, als sie seine Erregung sah. »Wenn nur der Vater zurückkäme!«

Er kam, setzte sich in seinen Lehnstuhl und zählte die Goldstücke vor sich auf den Tisch. Fritz Hederich rührte die Hand nicht. Der Apotheker griff in die Tasche, holte eine kleine Münze hervor und reichte sie dem Baccalaureus.

»Da hat Er etwas für den Gang. Nun, was wird's, warum nimmt Er das Geld nicht?«

»Herr,« sagte Fritz Hederich mit leiser Stimme, »Ihr seid betrogen; die Wurzel, die Euch der Medikus verkauft hat, ist kein Alraun.«

Als hätte er sich auf einen glühenden Schmelztiegel gesetzt, so fuhr der Apotheker von seinem Sitz auf.

»Was sagt Er? Kein Alraun? Was denn sonst?«

»Eine Zaunrübe,« sagte Fritz Hederich. »Der Doktor hat solcher Wurzeln wohl an die hundert; er versteht's, sie herzurichten, daß sie wie Alraunwurzeln aussehen. Glaubt mir's, er betrügt Euch.«

»Ei da soll doch gleich –« schrie Herr Thomasius und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller und Gläser zusammenklirrten. »Der infame Spitzbube der, der Betrüger! An den Galgen muß er mitsammt seinen hundert falschen Galgenmännlein, an den Galgen!«

»Vater!« mahnte Else ängstlich.

Der Apotheker kam zu sich. Er sah bald auf den Wurzelmann im Särglein, bald auf den Baccalaureus. Sein Gesicht nahm allmählich wieder den gewöhnlichen Ausdruck an.

»Es ist brav von Ihm,« sagte er dann zu Fritz Hederich, »daß er mir reinen Wein einschenkt. Er scheint mir ein ehrlicher Kerl zu sein; geb' Er mir Seine Hand.«

Fritz reichte dem Apotheker die Hand, und in seinem Kopf blitzte der Gedanke auf: wenn dich dieser Mann rettete!

»Nehme Er die Wurzel wieder mit,« sprach Herr Thomasius jetzt in ganz ruhigem Ton, »oder halt! ich will selber mit Ihm gehen und Seinem Herrn die Meinung sagen.«

Er setzte seinen Hut auf und ergriff das lange Rohr.

»Komm' Er!«

»Herr,« sprach Fritz Hederich mit zager Stimme, »erweist mir die Gunst und gewährt mir eine Unterredung unter vier Augen.«

»Was will Er noch?« fragte Herr Thomasius verwundert. »Indessen, Er hat mich vor Schaden bewahrt, darum ist es billig, daß ich Ihm gefällig bin. Komm' Er mit mir da herein.«

Else war allein in der Wohnstube zurückgeblieben. Sie betrachtete das falsche Galgenmännlein noch einmal recht mit Muße, dann nahm sie es aus dem Särglein, versuchte es auf seine Füße zu stellen, und freute sich, wenn der Wurzelmann umpurzelte. Bald aber ward sie des Spiels überdrüssig, sie bettete das kleine Ding wieder in seine Lade und schloß den Deckel. Der Fremde blieb lange bei dem Vater; was er ihm wohl mitzutheilen hatte? Und wie krank der arme Junge aussah! Vielleicht konnte ihm der Vater helfen, denn der Vater – das sagten alle Leute – verstand von der Heilkunst mehr als zwölf Doktoren. Else ging nach der Thür. Horchen – das wäre nicht fein, aber wenn man zufälliger Weise ein Wörtlein aus dem Gespräch hörte, das wäre wohl kein großes Unglück. Im nächsten Augenblick hatte sie ihre schwere Flechte zurückgeschoben und ihr kleines, rosenfarbiges Ohr an das Thürschloß gedrückt. Das waren merkwürdige Dinge, die der Fremde erzählte. Vom Teufel, vom Tod und vom Scharfrichter sprach er. – Else bekam die Gänsehaut. Weiter hörte sie, wie der Vater sagte: die Narren die, – was Teufel – der giftige Dampf, der hat's gethan. – Else richtete sich auf, aber gleich darauf neigte sie ihren blonden Kopf wieder zu der Thür, und jetzt blinzelte sie zur Abwechselung durch das Schlüsselloch. Der Fremde nahm aus seiner Brusttasche ein Päcklein; er entfernte das umhüllende Tuch, entfaltete ein großes Pergament und reichte es dem Vater. Dieser las und nickte während des Lesens mit dem Kopf. – Ich helfe Euch, sprach jetzt der Vater, da habt Ihr meine Hand, Herr Baccalaureus. Er hatte es so laut gesprochen, daß Else erschreckt aufgefahren war.

Als Herr Thomasius gleich darauf in das Zimmer trat, stand Else, den Rücken der Thür zukehrend, am Tisch und betrachtete angelegentlich das Kästchen mit dem Wurzelmann. Als sie aufblickte, kam ihr der Vater viel größer vor als sonst; er schritt kerzengerade wie ein Grenadier aus der Kammer, hinter ihm trat Fritz Hederich in das Zimmer, sein Gesicht zeigte eine helle Röthe, seine Augen glänzten. Herr Thomasius nahm das schwarze Särglein und gab seiner Tochter den Auftrag, die Dukaten aufzuheben, dann ergriff er seinen Stock und entfernte sich mit seinem Begleiter.

Drunten in der Offizin öffnete der Apotheker einen Kasten und hielt dem Baccalaureus eine Hand voll dürren Krautes vor die Nase. »Was ist das?«

»Tormentille.«

»Gut, was ist das?«

Fritz Hederich wußte wiederum Bescheid. Das Examen wurde weiter fortgesetzt, und immer waren die Antworten richtig.

»Ihr scheint nichts verschwitzt zu haben. Nun aber merkt auf! Was ist das?«

Fritz Hederich nahm die getrockneten Blätter in die Hand, beroch sie und sagte dann:

»Das Kraut schaut aus wie Cicuta, ist's aber nicht, sondern Kälberkropf.«

» Optime,« erwiderte der Apotheker und klopfte den Baccalaureus auf die Schulter. »Mein voriger Subjekt hat sich anführen lassen und das Kraut für Cicuta gekauft. Jetzt wollen wir's sein lassen, morgen werde ich sehen, wie Ihr in der Rezeptirkunst beschlagen seid. Zuvörderst wollen wir mit dem saubern Herrn Rapontiko unsere Rechnung in's Gleiche bringen.«

Er schwang seinen Stock, wie ein Feldherr seinen Degen, und trat mit Fritz Hederich auf die Straße. Dieser sagte unterwegs zu seinem Beschützer, er fürchte einen heftigen Auftritt von Seiten des Doktors; derselbe werde ihn jedenfalls nicht gern ziehen lassen, er werde keinen Anstand nehmen, seine, des Baccalaureus Vergangenheit bekannt zu machen, und dann stehe es schlimm um ihn. Der Apotheker sprach ihm Muth ein:

»Ich bin Senator der Stadt Finkenburg, und der Bürgermeister ist mein Gevatter, da müßte es nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn es mir nicht gelänge, Euch dem Alraunfalsarius aus den Zähnen zu nehmen.«

Die beiden Männer kamen zu des Doktors Bude und stiegen die Treppe hinauf. Der Arzt stand an der Galerie und machte einen tiefen Bückling, als der Apotheker das Gerüst betrat.

»Wenn Er glaubt, ich bringe Ihm das Geld, so ist Er auf dem Holzwege,« begann Herr Thomasius. »Hier hat Er seinen Alraun, oder vielmehr seine Zaunrübe, und nun gebe Er mir meine vier Dukaten wieder.«

Doktor Rapontiko machte ein verblüfftes Gesicht. »Ich weiß nicht, was Ihr wollt,« brachte er endlich hervor, »Ihr glaubt doch nicht –?«

»Papperlapapp!« fiel der Apotheker ein, »gebe Er mir im Augenblick mein Geld, oder Er soll sehen, was geschieht!«

Der Medikus warf seinem Gehilfen einen giftigen Blick zu, griff in die Tasche und reichte dem Apotheker die Goldstücke. Dieser besah sie genau und steckte sie dann ein.

»So,« sagte er, »das wäre abgethan. Nun sei Er so gut und rechne Er mit diesem da ab, denn ich nehme ihn mit mir.«

Der Doktor stand starr wie der Sankt Jörg auf dem Marktbrunnen von Finkenburg.

»Ja, Meister,« sprach Fritz Hederich, »erlaubt, daß ich meine Siebensachen hole, ich verlasse Euch und wünsche Euch alles Gute.«

Der Doktor wechselte die Farbe und lachte gezwungen.

»Herr,« sprach er zu dem Apotheker gewandt, »es ist wohl Euer Ernst nicht?«

»Ob es mein Ernst ist!« sagte Herr Thomasius und stieß seinen Stock auf den Boden. »Glaubt Er, daß ich Spaß mit Ihm treibe?«

»Was,« schrie der Arzt, und sein Gesicht wurde kirschbraun, »den da wollt Ihr zu Euch nehmen, den Bettelstudenten, den Teufelsbeschwörer?«

Die Leute, die vor der Bude standen, horchten auf.

Fritz Hederich ballte krampfhaft die Fäuste.

»Nehm' Er sich in Acht!« rief der Apotheker. »Sonst lasse ich Ihn einstecken mit sammt seinem falschen Galgenmann, Er erbärmlicher Quacksalber Er!«

Bei diesen Worten verlor der Doktor seine Selbstbeherrschung; seine schwarzen Augen rollten, seine Zähne knirschten. Er sprang auf den Apotheker zu und führte in der Wuth mit seinem schweren Stocke einen Schlag gegen ihn. Aber Fritz Hederich warf sich dazwischen und fing den Streich mit dem Arme auf. Der Doktor raste wie eine wilde Bestie. Blitzschnell hatte er sein Messer gezogen, und wer weiß, welch' üblen Ausgang die Sache genommen hätte, wenn nicht plötzlich kräftige Fäuste den Wüthenden von hinten gepackt und niedergerissen hätten.

Die gaffende Menge hatte anfangs mit stummer Verwunderung zugesehen, wie einer der angesehensten Bürger mit dem Doktor heftige Worte wechselte, als aber letzterer zu Tätlichkeiten überging, waren im Nu ein paar Bursche die Treppe hinaufgesprungen, und von diesen wurde jetzt der Doktor festgehalten, als ob er in einem Schraubstock säße.

Wie anderwärts, so war es auch in Finkenburg Sitte, daß jede Volksbelustigung durch eine Prügelei ihren würdigen Abschluß fand. Eine Rauferei gehörte zum Markte, wie das Amen zur Predigt.

Die mißvergnügten Stadtknechte, die in ihrer zeisiggrünen Uniform vor dem Rathhause herumlungerten, hatten im Laufe des Nachmittags mehrmals die guten alten Zeiten berufen, da an Markttagen mindestens ein Mann erschlagen wurde. Jetzt schien ihr Weizen zu blühen, denn von der Bude des Arztes her erscholl Schreien und Toben. Die Stadtknechte kamen eben dazu, als der Streit durch das Dazwischentreten der Bürger beendigt war. Sie ließen sich den Hergang erzählen, dann eignete sich einer von ihnen den Stock, der andere das Messer des Doktors an, die übrigen packten diesen selbst. Sie wollten auch den Gehilfen und den Hanswurst mit sich nehmen, aber Balthasar Klipperling hatte sich wohlweislich aus dem Staube gemacht, und für Fritz Hederich erklärte der Senator und Apotheker Thomasius Bürgschaft leisten zu wollen. Die Stadtknechte machten Schwierigkeiten, da erschien aber zum Glück der Herr Bürgermeister.

Der Apotheker sprach angelegentlich mit ihm, die beiden Herren schüttelten sich die Hände, und Fritz Hederich erhielt die Weisung, sein Bündel aus der Bude zu holen.

Er raffte seine Habseligkeiten zusammen und schickte sich an, mit seinem Gönner den Schauplatz zu verlassen. Herr Thomasius hielt ihn noch zurück und machte ihn aufmerksam auf das, was jetzt vorging. An die Stange, welche das Gemälde mit den Versen trug, wurde eine Leiter gelegt und das Bild heruntergenommen, dann kamen Männer mit Hammer und Nägeln und nagelten die Bude des Doktors zu.

Als Fritz Hederich mit dem Apotheker an dem Rathhause vorüberging, sahen sie eine große Menschenmenge vor demselben versammelt, und Herr Thomasius sagte:

»Wenn Ihr Abschied von Eurem bisherigen Meister nehmen wollt, so bemüht Euch dorthin.«

Vor dem Rathhaus stand ein hölzerner Esel, und auf dem Esel ritt im Scharlachrocke der Doktor Rapontiko. Er saß da mit gesenktem Haupt und zerbiß in ohnmächtigem Grimm die Unterlippe. Der Janhagel, der kurz vorher mit andächtigem Maulaufsperren den Medikus betrachtet hatte, jauchzte und gröhlte und bewarf die gefallene Größe mit allen Stoffen, die ihm just zur Hand waren.

»So werden bei uns die bestraft, die den Marktfrieden brechen,« sagte Herr Thomasius und lenkte in die Hauptstraße, wo dem Baccalaureus die Löwenapotheke winkte, wie das Land dem Schiffbrüchigen.

»Hanne,« sprach Herr Thomasius, als er nach Hause gekommen war, »das ist mein neuer Subjekt, Herr Hederich. Führe Sie ihn in seine Stube. – Morgen früh um halb sechs Uhr,« fuhr er zu dem Baccalaureus gewendet fort, »kommt Ihr zum Frühstück zu mir, dann will ich Euch sagen, was Ihr zu thun habt. Heute Abend bleibt Ihr in Eurer Stube, die Hanne wird Euch Euer Abendbrot bringen. Gehabt Euch wohl und nehmt Euch zusammen, damit wir gute Freunde werden.«

Herr Thomasius ging, und Hanne geleitete den neuen Subjekt in seine Stube.

Spät am Abend saß die alte Schaffnerin noch bei der blonden Else. Vom Wurzelpeter hatte Hanne erfahren, was sich auf dem Markte zugetragen, und nun berichtete sie ihrem Herzblatt das Gehörte und noch einiges, welches ihr die Phantasie eingab.

»Und wie manierlich und fein er ist! Denk Dir, Else, wie, ich ihm das Bett überzogen und Trinkwasser gebracht habe, hat er gesagt: »Ich dank' Euch, Jungfer Hanne!« Der vorige Subjekt hat mich immer nur schlechtweg »Hanne« genannt, und »schön Dank« oder so etwas hab' ich niemals von ihm gehört. – Gieb Acht, Else, der neue Subjekt ist kein richtiger Subjekt, der ist was viel Besseres!«

Else machte große Augen.

»Meine Mutter, Gott hab' sie selig,« fuhr Hanne fort, »hat mir einmal eine Geschichte erzählt von einem Gärtner, der hat eine schöne Tochter gehabt, und da ist einmal ein junger Gesell gekommen, der hat sich als Knecht bei dem Gärtner verdingt und – so genau weiß ich die Geschichte nicht mehr – kurz und gut, er ist ein Königsohn gewesen und hat das Mädchen geheirathet, und sie ist eine Königin geworden. Else, denk' an mich, der Vater hat's auch gesagt, hinter dem jungen Gesellen steckt etwas, wenn's auch just kein Prinz ist.«

Else lachte, die alte Hanne küßte ihren Liebling und ging mit ihrem Öllämpchen aus der Kammer. Else vergrub sich in die Federkissen und träumte vom Galgenmännlein.

Unter ihr im Erdgeschoß lag Einer, der schlief einen Schlaf ohne Traum, so sanft und wohlig wie vor Jahren, da ihm noch seine Mutter allabendlich das Kopfkissen schüttelte.

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