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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
projectid4722cc33
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Zweites Kapitel.
Vom Magister Xylander.

In dem Waldgebirge, wo wir das fahrende Volk verlassen haben, entspringt ein Flüßchen, die Ammer geheißen. Kurz nachdem ihr durch Zuflüsse verstärktes Gewässer aus den Bergen in ein weites, grünes Thal getreten ist, fließt sie im Bogen um ein altes Städtchen, dem sie den Namen Ammerstadt gegeben hat. Dann zieht sich der Fluß in anmuthigen Windungen weiter, um nach einem Lauf von wenigen Meilen die Mauern einer zweiten, ebenso kleinen Stadt zu bespülen; das ist Finkenburg.

Ammerstadt und Finkenburg sind jetzt unbedeutende Ortschaften, damals aber, als sich das zutrug, was wir im vorigen Kapitel erzählt haben, waren sie die Hauptstädte zweier Fürstentümer und die Residenzen zweier demselben Geschlecht angehörigen Fürsten.

Der Herr von Ammerstadt, Fürst Rochus, war noch minderjährig und stand unter Vormundschaft. In Finkenburg regierte ein alter Herr. Er hieß Moritz, schrieb sich aber Mauritius, und zu dem Namen fügte er eine lange römische Zahl, welche ersichtlich machte, daß er in seinem Hause nicht der erste dieses Namens sei.

Seine Regierung war gesegnet, und seiner väterlichen Fürsorge hatte es das Land zu verdanken, daß es von allen Ländern des deutschen Reiches während des großen Krieges am wenigsten zu leiden hatte.

Kein Glück auf Erden ist ungetrübt; Fürst Mauritius hatte keine männlichen Leibeserben, sondern nur eine Tochter. Mit Grausen blickten daher die Finkenburger in die Zeit, da das Fürstenthum an Ammerstadt fallen, da aus der Residenz Finkenburg eine glanzlose Landstadt werden mußte. Ein Trost für den Fürsten und das Volk war es, daß es der Diplomatie gelang, eine Verlobung zwischen der Prinzessin Dorothea von Finkenburg und dem jungen Fürsten Rochus zustande zu bringen, und als es bekannt wurde, daß letzterer nach dem Ableben des Fürsten Mauritius sein Hoflager abwechselnd in den beiden Städten halten werde, da erschien dem Volk der Finkenburger die Zukunft minder schwarz.

Damit dem jungen Fürsten die Zeit bis zu seinem Regierungsantritt, welchem das Beilager folgen sollte, nicht zu lang werde, beschloß man ihn reisen zu lassen, und so machte sich denn Fürst Rochus, mit Geld und Wechseln reichlich versehen und von einem kleinen Gefolge erlesener Kavaliere und erprobter Diener begleitet, auf den Weg, um die Welt, das heißt die Höfe von Deutschland, Frankreich und Italien kennen zu lernen.

Bald nach der Abreise des Fürsten kam nach Ammerstadt ein junger Mann von der Hochschule zurück, woselbst er das übliche Triennium hindurch die Humaniora eifrig studirt hatte. Es war dies der Magister Hieronymus Holzmann, Sohn des Bürgers Christoph Holzmann, weiland Hofbäckers zu Ammerstadt.

Er war ein kleiner, magerer Mann mit gutmüthigen Augen und zierlichen, weißen Händen. An dem Mittelfinger der rechten hatte er zuweilen einen Tintenfleck, aber dann nahm er ein Stück Zitrone und rieb den Finger so lange, bis das Makel getilgt war.

Als der Magister von der über Jahr und Tag angesetzten Vermählung des Fürsten Rochus hörte, zuckte es in seinem Tintenfinger. Eilig packte er seine Habseligkeiten aus und begann mit übergroßem Eifer einen Bogen Papier zu beschreiben, daß die Tinte herumspritzte. Zuweilen kaute er auch an der Feder, rieb sich die Stirn und lief ein paarmal in seiner Kammer auf und ab, dann setzte er sich wieder zum Schreiben nieder und trieb dies bis zum Abend, ohne Speise und Trank zu genießen. Dann überlas er das Geschriebene; es waren lateinische Hexameter, subtil gearbeitet und fließend zu lesen. Aber beim Lesen ward dem Magister klar, daß er eine Arbeit begonnen, die Wochen und Monde in Anspruch nehmen würde. Es war ein Carmen zur Feier der bevorstehenden fürstlichen Hochzeit, was der Magister zu dichten unternommen hatte, und als gründlicher Gelehrter hatte er mit dem Ahnherrn des Geschlechtes begonnen, welcher in der Schlacht bei Ikonium den Heldentod gefunden hatte.

Aber der Magister schreckte nicht zurück vor der Größe des geplanten Werkes. Täglich stand er mit den Hühnern auf und dichtete, daß ihm die hellen Tropfen auf der Stirn standen, und das trieb er mit kurzen Unterbrechungen fort, bis der Wächter mit Hornstoß und frommem Spruch die Bürger zum Schlafengehen aufforderte. Am Ende mußte er sich entschließen, eine Reise nach Finkenburg zu unternehmen, um sich über die fürstliche Braut und manches andere zu informiren. Er packte seine Siebensachen zusammen und fuhr in einem Wägelein gen Finkenburg. Sein Manuskript hielt er sorglich auf dem Schoß wie eine Mutter ihr Kind.

In Finkenburg angekommen, miethete er sich in der Löwenapotheke ein Hinterstübchen, wo der Straßenlärm sein Ohr nicht traf, und ging dann aus, um Erkundigungen einzuziehen.

Seine Bemühungen waren mit Erfolg gekrönt. Der alte Prediger, der die Prinzessin in der Glaubenslehre unterwiesen, auch die historia mundi, insonderheit die Geschichte ihres Hauses mit ihr getrieben, gab dem Dichter reiches Material.

Als Fürst Mauritius von der Anwesenheit und dem Vorhaben des Magisters erfuhr, sprach er seine höchste Zufriedenheit aus. Er beschied den Magister auf das Schloß, unterhielt sich lange mit ihm in sehr gnädiger Weise und theilte ihm eine Menge von Einzelheiten aus dem Leben seiner Tochter mit. Er versprach auch das Hochzeitscarmen drucken zu lassen, und ordnete an, daß dem Magister das Deputat eines herzoglichen Kanzlisten verabreicht werde. Dasselbe bestand in einem halben Ries Papier, vier Bündeln Federspulen, sechs Krüglein Tinte, zwei Pfunden Streusand und einem Messerlein, um die Federn zu schneiden.

Der Magister blieb lange in Finkenburg, und der mit Laubthalern gefüllte Strumpf, den ihm seine selige Mutter als Nothpfennig hinterlassen hatte, war merklich leichter geworden. Endlich konnte der Dichter das Wort Finis unter seine Verse setzen, dann ward das Carmen, – es füllte einen mäßigen Band – auf fürstliche Kosten gedruckt und mit einem Deckel aus grasgrünem Sammet versehen. Und als das geschehen war, kam die Nachricht, daß Fürst Rochus auf dem Heimweg begriffen sei. Da säumte Magister Holzmann nicht länger und packte ein. Sein Gönner hieß ihm einen ansehnlichen Zehrpfennig reichen und entließ den Magister sehr gnädig, der sich alsbald verabschiedete und wohlgemuth seiner Heimat zufuhr.

Als er die Mauern und Thürme seiner Vaterstadt erblickte, klopfte sein Herz in geschwinderen Schlägen. Es war am Abend, die ganze Stadt schwamm in rothem Licht, und das Dach des fürstlichen Schlosses glänzte und funkelte wie Dukatengold. Der Magister freute sich darüber, denn er hielt es für ein gutes Omen. Da aber verfinsterte sich plötzlich das Firmament, und über der ganzen Stadt lag anstatt des Sonnenscheins jener graue Nebel, der sich allabendlich, wenn die Hausfrauen das Nachtessen kochten, über die Dächer verbreitete.

Fürst und Dichter trafen fast gleichzeitig in Ammerstadt ein. Die Empfangsfeierlichkeiten waren vorüber, und der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo der Fürst die Regierung antreten und sich vermählen sollte.

Da kam mit schwarzen Fledermausflügeln ein unheimliches Gerücht herangeflattert. In den Schenken steckten die Bürger flüsternd die Köpfe zusammen, und am Marktbrunnen und auf der Bleiche erzählten sich die Weiber haarsträubende Dinge. Fürst Rochus, besagte das Gerücht, werde sich allerdings nach erlangter Großjährigkeit vermählen, aber nicht mit seiner Base Dorothea, sondern mit einer anderen Prinzessin, die er auf seiner Reise kennen gelernt. Und so war es auch.

Das waren schreckliche Zeiten für die beiden Städte, und um das Bangen der Bürger noch zu vermehren, erschien am Himmel ein gräulicher Komet; sein Kern stand über dem Residenzschloß von Ammerstadt, und sein Schweif wies nach Finkenburg hinüber. Das bedeutet Krieg, Krieg zwischen den beiden Nachbarstaaten, meinten die Leute, und Übervorsichtige suchten sich bereits in Hof und Garten geeignete Orte aus, um daselbst ihr Silber zu vergraben.

Der Magister Holzmann aber war gebrochen, vernichtet.

Zum Krieg kam es glücklicherweise nicht. Der drohende Konflikt fand eine unvermuthete, freilich auch sehr betrübende Lösung. Prinzessin Dorothea erkrankte an den Blattern und starb. Da legte Fürst Rochus Trauerkleider an, verschob seine Hochzeit mit der fremden Prinzessin rücksichtsvoll auf ein Jahr, und über die Bürger kam allmählich wieder Frieden und Ruhe.

Dem Magister aber, dessen Hoffnung so schmählich zu schanden geworden, ward das Leben in Ammerstadt unerträglich. Er verkaufte sein Habe und wanderte nach Finkenburg aus, woselbst er sein Hochzeitscarmen in einen Nekrolog der entschlafenen Prinzessin umarbeitete. Er dedicirte es dem alten Fürsten Mauritius.

Auf des letzteren Wunsch übertrug der Magistrat von Finkenburg dem Magister eine erledigte Stelle an dem städtischen Lyceo.

Fürst Mauritius gab auch seinen Konsens dazu, daß der Magister seinen Namen verändere. Dieser hatte schon längst beabsichtigt, nach dem Vorbild anderer Gelehrten seinen Namen ins Griechische zu übersetzen: jetzt führte er seinen Vorsatz aus und nannte sich fortan nicht mehr Magister Holzmann, sondern Magister Xylander.

Das geschah in dem Jahre der großen Hitze, da wir Fritz Hederich, den Baccalaureus, in Gesellschaft des fahrenden Doktors verlassen haben.

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