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Trug-Gold

Rudolf Baumbach: Trug-Gold - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRudolf Baumbach
titleTrug-Gold
publisherVerlag von Albert Goldschmidt
printrun63. bis 68. Tausend
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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Erstes Kapitel.
Was sich im Wald begab.

Wenn im Sommer des Jahres 165* ein Mägdlein auf dem Tanzboden ihrem Tänzer die Worte zuflüsterte: »Es ist heute recht heiß«, und der Angeredete stotternd und erröthend zur Antwort gab: »Fürwahr, tugendsame und ehrbare Jungfrau, Ihr habt Recht, es ist sehr heiß«, so war keiner, der dem Pärlein widersprochen hätte, denn die Hitze war in der That sehr groß, und zwar nicht erst zur Zeit der Hundstage, wo die Sonne vom Kalendermacher Erlaubniß hat zu sengen und zu brennen, sondern, wie die Chronik meldet, schon zu Ende Mai.

Halbverbrannt von den heißen Strahlen der Sonne war Saat und Wieswachs; Gräser und Kräuter lechzten nach Regen, aber keine Wolke senkte sich nieder, um die halbverdursteten zu tränken. Und das war schlimm. Ja, hätte Frau Holle ihr Federbett im Winter tüchtig geschüttelt, daß sich im Frühling die Saaten im schmelzenden Schnee hätten sättigen können, so würde man wohl den lieben Regen noch eine Weile haben missen können. Nun aber hatte es im Winter fast gar nicht geschneit, und eine Bauernregel sagt:

»So folgt ein Frühling trocken, heiß,
Dem Winter ohne Schnee und Eis,
Dann gute Nacht Kern, Korn und Heu,
Denn mit der Ernte ist's vorbei.«

Item, es war an einem solchen heißen Maientag. Drückend lag die Hitze auf den Feldern, durch die sich wie eine weiße Schlange die staubige Landstraße hinwand. Glühend hing die Sonne am wolkenlosen Himmel, und das nahe Waldgebirge sandte kein erfrischendes Lüftchen herüber; der Wald brauchte seine Kühle für sich selbst.

Auf der Flur war's einsam.

Die geschäftige Frau Feldmaus lag faul und verdrossen auf ihrem Lotterbettlein im unterirdischen Haus; sie getraute sich nicht, nach dem Stand ihres Weizens zu sehen.

Im tiefen Keller saß Meister Maulwurf, aber auch zu ihm drang die Hitze. Er verspeiste Engerlinge, Regenwürmer und andere kühlende Sachen in großer Menge, doch das half nur wenig; er litt viel und verwünschte seinen Pelzrock, auf den er sonst so stolz war.

Es gab auch einen, der sich des unfruchtbaren Wetters freute, das war der Hamster. Der alte Geizhals hockte in seinem geräumigen Vorrathshaus, bewachte wie ein Drache seinen Hort und berechnete an seinen Krallen, wieviel er bei der zu erwartenden Mißernte an seinem vorjährigen Korn gewinnen könne.

Von den vornehmen Bewohnern der Flur war also keiner sichtbar, aber Gesindel trieb sich genug umher. Der Buschklepper Carabus lauerte an der Heerstraße, um unschuldige Marienkäfer und harmlose Würmer zu würgen; das Ameisenproletariat schaffte und schanzte, und das Heupferd in seinem grünen Wämslein, nebst seiner Sippe Grille und Heimchen, geigten und spielten auf ihren Hackebrettlein unverdrossen, denn dem Volk wird jeder Tag zum Fest.

Die Vögel waren allesammt dem Buchenwald auf der Höhe zugeflogen: dort war's kühl. Aus dem Porphyrfelsen sprang schäumend und sprudelnd ein lebendiger Brunnen, der sich als Bach in vielen Krümmungen, oft durch Steine gehemmt, thalwärts seinen Weg suchte.

Über den saftigen Kräutern und Blumen, die am Bach wuchsen, schwebten blaue Wasserjungfern und buntscheckige Falter, goldiggrüne Käfer schwärmten brummend um die duftigen Hollunderdolden, und aus der Krone der höchsten Buche erscholl das Lied des Edelfinken. Er sang nicht lange allein; die anderen Vögel, nachdem sie an der Quelle ihren Durst gelöscht hatten, fielen ein, und bald sang der Chor vollstimmig das ewige Lied von der Waldschönheit. Das klang so glockenrein und wunderbar, wie kaum der Englein Gesang im Himmelssaal erschallen mag.

Plötzlich schwiegen die Sänger und verbargen sich im Laub. Nahte sich ein Marder oder eine Wildkatze, schlich sich ein hungriger Fuchs heran, oder zog ein Weih seine Kreise über dem Wald? Keins von dem; es kam ein Wanderer, ein junger, schlanker Gesell, der gar mühsam am Stab einherhinkte. Sein mit Federn geschmückter Hut war arg bestäubt und zerdrückt. Er trug an einem Bandelier von Leder ein langes Stoßrapier, auf dessen stählernem Gefäß die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach hie und da drangen, lustig blinkten und blitzten. Hinten hing ihm ein kleines Ränzel, doch schien nicht viel darin zu sein.

Der Bursche zog den Hut vom Haupt und strich sich die braunen Locken aus dem erhitzten Gesichte zurück. Die frische Waldluft spielte mit seinen Haaren und kühlte ihm wohlthuend die heißen Schläfen.

»Hier will ich Mittagsruhe halten,« sprach er, »die Quelle ist Wirth, ich bin der Gast.«

Nach diesen Worten löste er sein Schwertgehänge, warf Degen und Ränzel auf das Moos und zog aus dem Sack ein Stück Brot nebst einer strohumflochtenen Flasche. Diese füllte er knieend an der Quelle und trank in tiefen Zügen das kalte Bergwasser.

»Bei meiner Ehr',« sprach er, »Hippokrates und Galenus haben Recht, wenn sie das Wasser preisen. Hätte selbst nimmer geglaubt, daß es so köstlich zu trinken wär'. Indessen ist ein Schluck Wein auch nicht zu verachten, wenn man einen hat.«

Er sprach's, trank von neuem und streckte sich dann am Rand des Baches zum Mahle nieder. Das Brot war schwarz und von der Sonne wohl ausgedörrt. Der Gesell fragte indeß nicht lange, hieb vielmehr wacker mit den Zähnen ein, und in kurzer Zeit war er fertig.

Als der Wandergesell seine karge Mahlzeit beendigt hatte, seufzte er tief auf und lächelte hinterdrein, dann starrte er in das schäumende Wasser, als wolle er die Steine auf dem Grunde zählen, und schließlich summte er halblaut ein Lied. Es war ein Wanderlied, in welchem das Wasser, der Vogel und die Sonne gefragt werden: wohin des Wegs? und alle geben Bescheid, alle haben ein Ziel. Der Schluß aber lautet:

»Wohin des Wegs,
Müd' Menschenkind?
Zum Glück durch Leid,
Zur Ruh durch Qual
Über Berg und Thal –
Die Welt ist weit!«

So sang der junge Gesell und wischte sich eine Thräne von der Wange; sein Haupt sank matt zurück, er hatte eben noch Zeit, sich das Ränzel unter den Kopf zu schieben und das Rapier an sich heranzuziehen, dann fielen ihm die Augen zu.

Droben in den Buchen rauschte es leis' und lind, der Brunnen murmelte und schäumte, und auf dem Moos am Bach lag der junge Wanderer und träumte von seinem Glück.

Jetzt kamen die Vögel wieder aus ihren Verstecken hervor. Fürwitzig flog die Meise voran, ihr folgte muthig der Fink, der Sperling schwirrte im Zickzackflug herbei, und mit Würde nahte sich Ehren-Dompfaff, um das schlafende Menschenthier zu betrachten.

Aber sie sollten bald wieder verscheucht werden. Eine Peitsche knallte, das Knirschen von Wagenrädern ward vernehmbar, und abermals zerstob die gefiederte Schar.

Der Wagen kam heran, es war ein starkes, mit einem weißen Tuch überspanntes Vehikel, das von zwei kleinen, dickköpfigen Pferden gezogen wurde, deren Kummete mit rothen Wollenlappen, Dachsfellen und Messingscheiben gar sauber verziert waren.

Neben dem Wagen schritt der Fuhrmann, der einen sonderbaren Anblick bot. Seine Beine steckten in ungarischen Stiefeln, die einstmals sehr schön gewesen sein mochten. Sein Oberkörper war mit einem blauen, schmutzigen Kittel bekleidet, und auf dem Kopf trug er einen spitzen Hut, den er so weit zurückgeschoben hatte, daß seine ganze Stirn und noch ein zerzauster Haarbüschel über derselben sichtbar war. Das Gesicht des Burschen hatte eine Menge Falten und Runzeln, obgleich er noch nicht dreißig Jahre zählen mochte.

Der Wagen näherte sich der Stelle, wo der Wanderer im Moos lag; weder das Geräusch der Räder, noch das Klingen der Messingbleche am Pferdegeschirr störte seine Ruhe.

Der Kerl im blauen Kittel hielt die Pferde an, als er den Schläfer sah, steckte seinen Kopf unter das Leintuch des Wagens und sprach ein paar Worte in das Innere hinein. Alsbald kam ein dreieckiger Hut zum Vorschein, unter demselben ein gelbes, mit einer großen krummen Nase versehenes Gesicht und sodann der übrige Körper eines Menschen, der, als er auf seinen Füßen stand, sich als ein stattlicher, in den besten Jahren stehender Mann erwies. Er richtete seinen Blick auf die Stelle, nach welcher der andere mit dem Peitschenstiel deutete, schlich dann leise wie eine Katze näher und betrachtete den schlafenden Gesellen.

»Erkennst du ihn?« fragte er dann leise den anderen.

Der Gefragte nickte verdrossen.

»Laß einmal Deine Peitsche knallen!«

Der im blauen Kittel that, wie ihm geheißen, und jetzt erwachte der Schläfer. Sein erster Griff war nach dem Degengefäß, er ließ jedoch die Hand wieder sinken, als er den Wagen und die beiden Männer sah, und erwiderte ihren Gruß.

»Nichts für ungut,« nahm der stattliche Mann mit dem Dreispitz das Wort, »nichts für ungut, daß wir Euch aus dem Schlaf geweckt haben. Ihr thätet besser, Euren Weg zwischen die Beine zu nehmen, anstatt hier an der Straße zu liegen. Es läuft im Land noch immer viel Gesindel umher, das trotz des Friedens den Krieg auf eigene Faust forttreibt. Gesellt Euch zu uns, wenn Ihr Lust habt, und falls Ihr müde seid, mögt Ihr immerhin aufsteigen; es ist Platz genug für mich und Euch im Wagen. Daß wir keine Buschklepper sind, seht Ihr.«

Der Angeredete lachte. »Ich wäre sicher unter Räubern und Mördern,« sagte er; »wer nichts zu verlieren hat, hat wenig zu fürchten. Übrigens ist mir's lieb, in Gesellschaft zu reisen, und wenn Ihr's mit Eurem Anerbieten ernst meint, so bin ich's gern zufrieden, eine Wegstrecke zu fahren, denn müde bin ich wie ein Hund.«

Die beiden stiegen in den Wagen, der griesgrämliche Rosselenker knallte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, und fort ging's.

Drinnen unter dem weißen Tuch war's ganz wohnlich; ein paar Bündel und Kästen ließen Platz genug für zwei Personen, und für einen weichen Sitz war durch Stroh und darüber gebreitete Pferdedecken auch gesorgt. Ein schneeweißer Spitz mit klugen, schwarzen Augen kam schweifwedelnd herbei und schnupperte an den Kleidern des Fremden; sein Herr faßte ihn beim Kragen und hob ihn auf das Wagentuch. Dort stand er nun mit gespreizten Beinen und betrachtete sich die Gegend.

Der Mann mit dem Dreispitz holte aus einer Ecke eine Flasche und bot sie seinem Gast.

»Das ist ein Tropfen,« sagte er, »wie hierzuland keiner wächst,« und der Bursche nickte, als er getrunken hatte, zustimmend.

»So,« fuhr jener fort, »jetzt macht's Euch bequem und laßt uns eins plaudern, damit die Zeit schneller vergeht. Wer seid Ihr und wohin wollt Ihr?«

Dem jungen Gesellen schien die Frage nicht sehr zu behagen, er mußte aber doch eine Antwort geben, darum sprach er zögernd:

»Daß ich ein Student bin, das erseht Ihr wohl aus meiner Kleidung, und wenn ich Euch sage, daß ich gegenwärtig ein fahrender bin, so werdet Ihr mir's auch glauben. Wollt Ihr aber noch mehr wissen, so kann ich Euch vermelden, daß ich ein Baccalaureus der Medizin bin und jetzo von der Universität Zechstädt in meine Heimat reise.«

»Ei,« sagte der andere, »das ist ja ein glückliches Zusammentreffen! Wisset, Herr Baccalaureus, daß ich gelernter Medicus bin. Ich nenne mich Doktor Rapontiko und bin in Padua daheim. Der dort mit der Peitsche ist mein Gehilfe Balthasar Klipperling aus Wien, dies sind meine Pferde Pyramus und Thisbe, und der dort oben auf dem Wagen sitzt, ist Salep, mein Spitz. Nun kennt Ihr meine Angehörigen. In Padua und Bologna habe ich die Medizin von Grund aus studirt, bin auch durch eifriges Studium der alten Schriften und anhaltendes Meditiren und Experimentiren hinter manch Geheimniß gekommen, davon Ihr im Reich nichts ahnt, und jetzo fahre ich in Deutschland umher, um meine Arkana feilzubieten. Mehr als ein Reichsfürst hat mich an seinem Hoflager mit großen Ehren ausgezeichnet, und mancher hat mich beschworen, sein Leibmedicus zu werden. Doch hab' ich's ihnen immer rundweg abgeschlagen, denn als ansässiger Doktor könnte ich nicht mehr hilfespendend im Land umherreisen; und das geht nicht an, denn die ganze Menschheit soll theilhaft sein der wundersamen Medikamente des Doktor Rapontiko.«

Der Student blickte während dieser Rede den Sprecher von der Seite an; er wußte recht wohl, was von dergleichen fahrenden Ärzten zu halten sei, und als Baccalaureus der Medizin fühlte er sich weit erhaben über das Gelichter der Quacksalber und Theriakkrämer. Weil ihm aber der Mann Gastfreundschaft erwiesen, wollte er ihn nicht kränken mit stolzer Rede, er ließ es sich also gefallen, daß der andere ihn Kollege titulirte, und hörte schließlich mit Wohlgefallen den Aufschneidereien des Doktors zu.

»Ja,« fuhr dieser fort, »man hat mich allenthalben hoch geehrt, und wo ich gewesen bin, preist jung und alt meine heilkräftigen Tränklein und Latwergen. Aber ich habe auch Feinde und Widersacher; dazu gehören namentlich meine seßhaften Kollegen, die mir allerlei Hindernisse in den Weg legen; freilich ist's nicht zum Verwundern, wenn die armen Schelme vor Neid grün und gelb anlaufen, denn vor meinem Elixir, meinen Magenpillen, meiner Kropfsalbe können ihre Medikamente nicht bestehen. In Zechstädt, wo ich mich zuletzt aufhielt, haben es die Herren Professoren der Medizin sogar durchgesetzt, daß mir die Ausübung meiner Kunst von Amts wegen untersagt wurde, aber im geheimen habe ich nichtsdestoweniger viel praktizirt und viele meiner Arzneien abgesetzt. Ja, sogar die Ehefrau des Doktor Heinsius, der am heftigsten wider mich gestritten, ist bei mir auf der Herberge gewesen und hat mich ihres Kropfes wegen um Rath gefragt. Ist das nicht ein Triumph meiner Kunst?«

»Da, in Zechstädt,« fuhr der Doktor Rapontiko fort, »habe ich eine seltsame Geschichte vernommen. Doch Ihr kommt ja selbst von der Universität und habt jedenfalls auch von der Teufelsbeschwörung gehört, die dorten alle Gemüther in Aufregung gebracht hat?«

Der Baccalaureus besah seine Fingernägel mit großer Aufmerksamkeit und sagte, er sei schon lange aus der Stadt fort, er habe sich unterwegs bei Vettern und Freunden ausgehalten, auch bei den Herren Pastoren vorgesprochen und wisse daher nichts von dem, was der Doktor meine.

»Dann will ich's Euch erzählen, so gut ich's eben weiß,« erwiderte dieser und schlug behaglich ein Bein übers andere.

»Es ist ein Kleeblatt von Studenten gewesen, die haben, wie es die Herren zu thun pflegen, gern allerlei Kurzweil und Narrethei getrieben, und eines Tages ist es ihnen denn beigefallen, den Satanas zu zitiren. Wie sie's angestellt haben, weiß ich nicht, aber das steht fest, daß der Gottseibeiuns wirklich erschienen ist. Dem einen, und zwar dem tollsten der drei Gesellen hat er sogleich den Hals umgedreht, die andern sind an dem Ort, wo sie die Beschwörung vorgenommen, halbtodt vorgefunden worden. Einer von den beiden ist wenige Stunden darauf gestorben, nachdem er noch vor giltigen Zeugen den ganzen Hergang getreulich berichtet hat. Der andere war mehrere Tage schwer krank, endlich ist er aber wieder genesen, und alsbald haben ihn die Herren vom Konsistorio beim Schopf gefaßt und eine rigorose Untersuchung angestellt. Da der Student nichts hat bekennen wollen, so hat das Gericht beschlossen, schärfer zu inquiriren und die peinliche Frage anzuwenden. Der Scharfrichter mit seinen Knechten ist von der Hauptstadt gekommen, und alles ist für die Tortur hergerichtet worden. Aber die Zechstädter sind wie die Nürnberger; sie hängen keinen, sie hätten ihn denn vorher. Als die Richter gekommen sind, um den Inquisiten abzuholen, war der Käfig leer. Nun könnt Ihr Euch denken, wie wüthend die Herren vom Gericht und von der Geistlichkeit darüber sind, daß ihnen der Braten aus den Zähnen genommen ist. Es ist ihnen seit lange nicht geworden, einem mit den Daumenschrauben und den spanischen Stiefelein zu Leibe zu gehen und ihn schließlich zu Gottes Ehre zu verbrennen. Darum haben sie aber auch nach allen Weltgegenden hin Landreiter nach dem Flüchtlinge ausgeschickt, und ich glaube, sie bringen ihn zurück, denn weit kann er noch nicht sein.«

Der Student war mit dem Beschauen seiner Fingernägel noch nicht zu Ende gekommen.

»Ei,« sagte er, »das ist ja eine sonderbare Geschichte, aber daß sie ihn zurückbringen, das ist denn doch nicht wahrscheinlich; das Land ist nicht groß, und er wird nunmehr sicherlich über die Grenze sein.«

»Das hilft ihm wenig,« sagte Doktor Rapontiko und zog die Augenbrauen in die Höhe, »das hilft ihm wenig, denn wie Ihr vielleicht wißt, sind hier herum alle Fürsten miteinander verschwistert und verschwägert, und einer thut dem andern gern den Gefallen, einen Flüchtling auszuliefern, notabene wenn er ihn hat. Es ist noch keine Stunde her, daß uns ein Landreiter begegnet ist; er hieß uns anhalten, guckte in den Wagen und forschte, ob wir keinen Burschen gesehen hätten, der so und so ausschaue. Er berichtete auch, daß dem, welcher den entflohenen Teufelsbanner einbrächte, eine Belohnung von zwanzig Thalern verheißen sei, und das ist viel Geld, zumal bei den schlechten Zeiten.«

Der Baccalaureus wurde blaß.

»Es sollte mir leid sein um das junge Blut, wenn sie ihn fingen,« fuhr der Doktor fort, »es ist ein gar schmucker Gesell.«

»Kennt Ihr ihn denn?« fragte der andere rasch und erhob sich aus seiner liegenden Stellung.

»Ei freilich,« erwiderte der Medikus und streckte sich bequemer aus, »freilich kenne ich ihn; ich habe mir den Vogel zeigen lassen, als er bewußtlos im Spital lag, und habe mir seine Züge genau eingeprägt.«

Der Student ließ seinen Blick über die Gestalt des Sprechenden gleiten und spielte mit dem Griff des neben ihm liegenden Rapiers. Der Doktor blieb in seiner bequemen Lage und sprach weiter:

»Er ist, wie ich sagte, ein schlanker, kräftiger Knabe, ungefähr von Eurem Wuchs, hat auch solche Locken wie Ihr, und große blaue Augen, just wie Ihr. Auf der linken Wange hat er eine kleine Narbe, gerade wie Ihr. Und wenn Ihr seinen Namen wissen wollt, so kann ich Euch auch dienen; er heißt Fritz Hederich und ist Baccalaureus der Medizin wie Ihr.«

»Hört einmal, Meister Rapontiko,« sagte der Student, »ich will Euch ein Wörtlein im Vertrauen sagen. Der Fritz Hederich bin ich.«

»Was Ihr nicht sagt!« fuhr der Doktor auf und gab sich Mühe, ein erstauntes Gesicht zu machen.

»Laßt mich ausreden,« sprach der andere. »Wenn Ihr mich in der Absicht in Euren Wagen gelockt habt, um mich zu verrathen, so habt Ihr gehandelt, verzeiht mir das Wort, wie ein Esel. Denn ehe ich mich von Euch an's Messer liefern lasse, eher nagele ich Euch wie einen Frosch mit meinem Rapier an den Boden des Wagens fest. Das hättet Ihr bedenken sollen, werther Doktor Rapontiko.«

Und im Nu blinkte der Stahl in der Faust des Baccalaureus, und die Spitze der langen Klinge war drohend auf das runde Bäuchlein des Doktors gerichtet. Der aber gerieth nicht aus der Fassung.

»Ihr seid mir ein schöner Kumpan!« sagte er. »So also vergeltet Ihr Gastfreundschaft! Einen unbewehrten Mann und überdies Euren Wirth wollt Ihr niederstechen? Das wäre fürwahr eine Heldenthat. Schämt Euch, Herr Baccalaureus!«

Fritz Hederich ließ die Klinge sinken.

»So sprecht, was Ihr von mir wollt, damit ich weiß, woran ich mit Euch bin.«

»Trinkt erst einmal auf den Schreck,« sagte der Medicus in gemüthlichem Tone und reichte dem Flüchtling die Weinflasche. »Ich habe nur Gutes mit Euch vor. So, trinkt noch einmal, und nun setzt Euch wieder nieder.«

Fritz Hederich gehorchte, behielt aber den Degen in der Hand.

»Ich will Euch nicht verhehlen,« fuhr der Doktor fort, »daß ich Euch auf den ersten Blick erkannt habe, als ich Euch an der Quelle schlafend fand. Ich habe Euch aber keineswegs aufgenommen, um Euch den Häschern zu überliefern, sondern aus christlicher Nächstenliebe.«

Der Medicus machte dazu ein sehr ernstes, ehrliches Gesicht.

»Ja, aus purer Nächstenliebe,« fuhr er fort, »denn es hätte mir aufrichtig leid gethan, wenn ein Mann wie Ihr dem hochpeinlichen Gericht überliefert worden wäre. Daß ich mir den Spaß machte, Euch ein wenig mit meiner Erzählung zu torquiren, war wohl nicht ganz recht. Ihr seid indessen immer noch glimpflicher weggekommen, als wenn Ihr dem Meister Hämmerlein und seinen Gesellen in die Hände gefallen wäret. Ich bitt' Euch also alles ab und hoffe, Ihr tragt mir's nicht weiter nach.«

Der Sprecher reichte dem Baccalaureus die Hand, welche dieser zögernd ergriff.

»Gut,« fuhr der Doktor fort, »das wäre abgemacht. Und nun, werthgeschätzter Kollega, sagt mir, wie könnt Ihr so unvorsichtig sein, in Eurer Studentenkleidung in die Welt hineinzulaufen und Euch am hellen lichten Tage an der Landstraße zum Schlaf niederzustrecken? Wie durch ein Mirakel seid Ihr den Landreitern entgangen.«

»Ich glaubte, hier jenseits der Grenze sicher zu sein,« erwiderte Fritz Hederich.

»Darüber,« versetzte der Medicus, »seid Ihr nun aufgeklärt; nein, Ihr seid keineswegs außer Gefahr, und um Euch zu behüten, habe ich Euch in meinen Wagen genommen. Ihr müßt Eure Kleidung vertauschen, und ich will Euch gern dazu behilflich sein. Für's erste verbergt den Lerchenspieß und den Hut mit den Federn unter dem Stroh.«

Fritz Hederich blickte den Doktor mißtrauisch an.

»Oho, lieber Gesell,« rief dieser halb lachend, halb zornig, »traut Ihr mir immer noch nicht? Na wartet, ich will Euch ein Pfand geben.«

Er griff in die Brust und zog eine lange Pistole unter dem Wams hervor.

»Da nehmt das,« sagte er, »und sobald Ihr Unrath merkt, schießt mich nieder. Überzeugt Euch nur, die Pistole ist wohl geladen.«

Fritz Hederich wurde roth und reichte dem Arzt die Hand. »Ich traue Euch,« sagte er und verbarg dann Hut und Degen unter dem Stroh.

Der Doktor gab ihm eine Jacke von grobem, blauem Tuch nebst einem dreieckigen Hut und sagte:

»Nun müssen wir noch das Gesicht ein wenig verändern.« Er befahl seinem Gesellen, die Pferde anzuhalten, nahm ein Kästchen unter den Arm und stieg mit seinem Gast aus. Etwas abseits von der Straße im Walde mußte sich Fritz Hederich auf einen Stein setzen, und Doktor Rapontiko begann mit großem Geschick ihm die Haare zu kürzen.

»Das Bärtlein nehmen wir auch weg, es ist ohnedies noch zu jung und wollig,« sagte der Doktor und entfernte behend den Stolz des Baccalaureus. »Und nun erlaubt, daß ich Euch ein wenig dunkler mache.«

Er nahm aus einem Büchslein eine Salbe und bestrich das Gesicht des jungen Gesellen.

»So, nun beschaut Euch einmal!« Er hielt ihm ein kleines Spiegelglas vor. »Eure eigene Mutter würde Euch nicht wieder erkennen.«

»Die ist lange todt,« murmelte der Student.

»Todt, ei das ist ja recht schlimm, und der Herr Vater?«

»Auch todt, alles todt,« erwiderte Fritz und ließ den Kopf hängen.

Der Medicus betrachtete den jungen Burschen, und seine kleinen Augen funkelten vor Freude.

»Und wohin gedenkt Ihr jetzt zu gehen?« fragte er lauernd. »Weiß ich's?« antwortete jener. »Vom Aufgang zum Untergang; die Welt ist weit.«

»Hm, hm«, brummte der Doktor, »das ist eine eigene Geschichte. »Da ist's wohl mit Eurem Säckel gut bestellt?«

Fritz Hederich lächelte wehmüthig und zog aus der Tasche ein ledernes Beutelchen; es war schlaff wie ein alter Handschuh. Er warf's in's Gras.

Dem Doktor genügte diese Antwort, und er trieb den Baccalaureus an, wieder zu dem Wagen zurückzukehren. Da der Weg jetzt ziemlich steil bergauf führte, so stiegen die beiden nicht wieder auf, sondern schritten hinter dem Gefährt drein.

Einige Zeit lang sprach man kein Wort, jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Die Sonne neigte sich der blauen Bergkette zu, und im Wald ward's stiller und stiller.

Doktor Rapontiko räusperte sich. »Ihr habt also kein bestimmtes Reiseziel, Herr Baccalaureus?«

»Nein.«

»Seht,« fuhr der Doktor fort, »ich ziehe jetzt auf die Messe nach Judenfurth, und wenn Ihr mich begleiten wollt, – wer weiß, ob dort nicht Euer Glück blüht.«

Der Baccalaureus schwieg.

»Zieht mit mir, unterstützt mich in der Ausübung meiner Kunst und ich gebe Euch dafür Zehrung und Obdach; mit anderen Worten, werdet mein Gehilfe.«

Fritz Hederich stand still und blickte den Sprecher fragend an. War das Ernst oder Scherz? Er, ein Baccalaureus, sollte Geselle eines fahrenden Arzneikrämers werden?

»Na, was sagt Ihr zu meinem Vorschlag?« fragte der Doktor.

»Ich sage Euch großen Dank für Eure Absicht,« war die Antwort, »aber daraus kann nichts werden.«

»Oho, nicht so hitzig! überlegt Euch einmal die Sache. Seht, ich bin ein Mann, der weiß, wo Barthel den Most holt, und es hat's noch keiner zu bereuen gehabt, der sich mir anschloß. Ihr macht Euer Glück. Ihr seid, ich will Euch nicht schmeicheln, ein hübscher, schlank gewachsener Bursche, so eine rechte Augenweide für die Frauen und Mägdelein. Wenn Ihr mein Kamerad seid, gebt Acht, wie sich alles, was Hauben und lange Röcke trägt, zu Euch drängt und Rath begehrt gegen Zahnschmerz, Seitenstechen, Herzklopfen und noch ganz andere Leiden und Gebresten.«

Er kniff die Augen zu und blinzelte den Baccalaureus an.

»Malt Euch das einmal recht aus. Auch will ich nicht unbillig sein und Euch gern einen Theil des Gewinnes überlassen, vielleicht den Zehnten oder ein Achtel. Na, was meint Ihr?«

»Meister,« sprach Fritz Hederich, »ich kann's nicht; ich könnte es nicht über's Herz bringen, vor Eurer Bude zu stehen und die Leute durch allerlei Späße und Possen anzulocken, wie das so zu Eurem Handwerk gehört. Ich kann's nicht.«

»Ei, wer spricht denn davon? Habt Ihr geglaubt, Ihr sollt mein Hanswurst werden? Hohoho! So war's nicht gemeint. Das würde auch der dort,« er wies auf den Rosselenker, »nicht zugeben, denn er ist mein Hanswurst, und was für ein Hanswurst! Balthasar Klipperling aus Wien ist ein Genie, er kann alles: Gesichter schneiden, Rad schlagen, Pech fressen, Feuer speien und hundert Ellen Band aus dem Mund ziehen: er weiß alle Thierstimmen nachzuahmen, kann Karten tanzen und Geld verschwinden lassen, Messer und Gabeln verschlucken und sich mit dem Fuß hinterm Ohr kratzen. Balthasar Klipperling aus Wien ist der erste Hanswurst im heiligen römischen Reich. Aber seine Künste sind nur für den großen Haufen, ich selber befasse mich nicht mit dergleichen, und auch von Euch will und kann ich solches nicht verlangen.«

»Also,« fiel Fritz Hederich ein, »was für Dienste wollt Ihr, daß ich Euch leiste?«

»Für's erste,« antwortete Doktor Rapontiko, »helft Ihr mir beim Anfertigen meiner Tränklein und Pulver. Das ist für Euch, der Ihr die Materia medica kennt, ein Kinderspiel; und wenn Ihr mir beiläufig ein Geheimniß abguckt, will ich's nicht krumm nehmen. Zweitens – hm, hm – ja zweitens – seht, lieber Gesell, ich will einmal recht aufrichtig mit Euch reden. Also ich habe Euch schon berichtet, daß ich in Padua und Bologna studirt und absolvirt; das ist aber schon eine Weile her, und über dem Experimentiren und der Praxis ist mir so manches entfallen, was ich einstmals inne hatte, z. B. die lateinischen und griechischen Wörter, ohne die der Doktor doch einmal nicht auskommt. Ihr kommt gerade frisch aus der Lehre und werdet ohne Zweifel in diesen Dingen gut beschlagen sein.«

Der Baccalaureus strich sich das Kinn und nickte.

»Gut,« fuhr der Doktor fort, »da würde es denn Eure Sache sein, mit Eurem Latein einzuspringen, wenn es sozusagen mit meinem Latein zu Ende ist. Und drittens, doch das habe ich Euch schon gesagt, drittens sollt Ihr mir helfen, die Kunden zu bedienen, wobei ich hauptsächlich das Weibervolk im Auge habe. Dafür erhaltet Ihr eine gute Verpflegung – Schmalhans ist bei mir weder Küchen- noch Kellermeister – nebst einem Theil der Einnahme, und wenn Ihr nebenbei einen Handel mit Riechfläschchen, Scheermessern und Kalendern halten wollt, so will ich auch nichts drein reden. Nun, wie ist's? Schlagt ein, Herr Baccalaureus!«

Fritz Hederich steckte seine Rechte unter das Wams, aber er schlug das Anerbieten seines Gastfreundes auch nicht geradezu aus. Er müsse sich die Sache überlegen, meinte er, guter Rath komme über Nacht, und morgen sei auch noch ein Tag.

Doktor Rapontiko aber ließ nicht ab mit Zureden und malte das Wanderleben so lustig und bunt aus, daß dem andern das Bedenken mehr und mehr schwand.

Die Sonne war längst untergegangen, und die Pferde, müde von dem heißen langen Weg, schleppten den Wagen nur noch mühsam vorwärts.

»Kommen wir bald zur Herberge?« fragte Fritz Hederich.

»Bald,« antwortete der Doktor, »das heißt, Ihr werdet es Euch gefallen lassen, im Wagen zu schlafen, falls es Euch unter den Bäumen zu kühl sein sollte, denn wir kommen heute an kein Haus mehr und müssen im Walde übernachten.«

Er wandte sich zu Balthasar Klipperling und sprach mit ihm in einer fremden, sonderbar klingenden Sprache. Wieder ging's vorwärts in den finstern Wald hinein, die Buchen verschwanden und an ihre Stelle traten Tannen, die immer mächtiger wurden, je weiter man vordrang.

Jetzt brach durch das Dickicht ein rother Lichtschimmer; Salep der Spitz schlug an, die Pferde wieherten und standen dann plötzlich still. Fritz Hederich, der mit dem eifrig sprechenden Medicus ein Stück zurückgeblieben war, sah, wie rechts und links vom Weg dunkle Gestalten auftauchten und den Hanswurst anhielten.

»Habt keine Furcht,« sagte der Doktor mit Würde, »Ihr steht unter meinem Schutz,« und zog den Baccalaureus nach vorn. Dort wechselte er mit den Männern ein paar Worte, diese schüttelten ihm zur großen Verwunderung des Jünglings derb die Hände und sprangen dann wieder rechts und links in den Wald. Fritz Hederich wünschte sich jetzt die Pistole, die er dem Doktor großmüthig überlassen hatte. Dieser beeilte sich, seinen Gefährten aufzuklären.

»Denkt nichts Schlimmes,« sagte er. »Die dort im Walde lagern, sind Spielleute und Gaukler, lauter fahrendes Volk, welches gleich mir auf die Messe nach Judenfurth zieht. Die Waldblöße da drüben – sie heißt der Brand – ist ein Lagerplatz, der alljährlich wieder aufgesucht wird, weil er just in der Mitte des Waldes liegt; Dörfer und Einkehren sind hier weit und breit nicht zu finden. Ihr werdet hier lustige Gesellschaft treffen. Seht nur, meine Pferde rennen wie die arme Seele nach der Himmelsthür; sie kennen die Stelle so gut wie ich und wissen, daß sie dort gute Rast halten können.«

Man kam zum Lagerplatz. Da sah's bunt aus. Über einem großen Feuer briet ein mächtiger Hirschziemer am Spieß, den ein in bunte Lappen gekleideter, buckeliger Knirps wandte. Wagen, mit Leinwanddecken versehen, standen ringsumher, große Hunde lagen vor denselben, die Pferde weideten im Wald. Männer, Weiber und Kinder, die ersteren zum Theil bewaffnet, lagen oder saßen in Gruppen auf dem Moos. Einige schliefen, andere tranken, schwatzten, schrieen und lachten, wieder andere arbeiteten an den Wagen, an Pferdegeschirren oder an Geräthschaften, die sie zur Ausübung ihrer Kunst brauchten. Aus dem dunkelsten Winkel des Lagers klangen leise Saitentöne in richtiger und falscher Folge, und aus den Wagen heraus drang zuweilen feines Kinderweinen.

Doktor Rapontiko und sein Hanswurst schienen unter diesen Leuten sehr angesehen zu sein, denn von allen Seiten drängte man sich an sie heran, als sie mit ihrem Wagen angefahren kamen, und das Händeschütteln, Begrüßen und Befragen wollte schier kein Ende nehmen. Fritz Hederich wurde gemustert und, wie es ihm schien, mit mißtrauischen Blicken betrachtet, als ihn aber der Doktor als seinen Gehilfen vorstellte, ward auch er willkommen geheißen.

Der Hanswurst spannte die Pferde aus, fesselte ihnen die Vorderfüße und ließ sie grasen. Ein Bund Stroh und einige Decken aus dem Wagen des Doktors wurden auf dem Boden ausgebreitet, und nun war man zu Hause. Balthasar Klipperling aus Wien mischte sich unter die übrigen, Doktor Rapontiko aber blieb bei seinem Schützling zurück. Er saß gravitätisch, die Hände auf einen beschlagenen Stock gestützt, auf einem Strohbündel und sprach sehr herablassend mit den Leuten, die an seinen Sitz herankamen. Auch ärztlichen Rath mußte er spenden. Es wurde ihm ein krankes Kind gebracht, und ein bärtiger Mann, der an Krücken herbeihinkte, bat ihn, seinen Fuß zu besichtigen; es war ein Seiltänzer, der einen bösen Fall gethan hatte. Der Doktor willfahrte den Bittenden mit großer Bereitwilligkeit, und Fritz Hederich sah mit Erstaunen, daß der Arzt ganz dieselben Mittel anwandte, die er selbst verordnet haben würde. Er begann, den Mann mit günstigeren Blicken zu betrachten.

Der Braten am Spieß war mittlerweile gar geworden und wurde nun vertheilt. Der Doktor erhielt das beste Stück, auch Fritz Hederich ward gut bedacht. Dem Mahle, welches gemeinschaftlich eingenommen wurde, fehlte es nicht an Getränken; der buckelige Bursche, der vorhin den Bratspieß gedreht hatte, versah jetzt das Amt des Schenken. Der Wein war aber keineswegs vorzüglich, deshalb ließ Doktor Rapontiko aus seinem Wagen ein wohlverspundetes Fäßlein bringen und gab den Inhalt desselben preis. Bei der Behauptung des Doktors, das Fäßchen sei das Geschenk eines reichen, dankbaren Patienten, blickte Balthasar Klipperling aus Wien den Baccalaureus von der Seite an und schnitt eine Fratze. Die fahrenden Leute ließen sich's wohl sein, der starke Wein that seine Wirkung, und man sang, jauchzte und schrie, daß der Wald widerhallte.

Ein brauner Bursche mit wirren Haaren sprang mit einer Geige in den Kreis und setzte den Bogen an. Alles war still, und die Geige begann leise zu klingen wie die Klage eines verlassenen Mädchens. Fritz Hederich horchte auf. Die Weise wurde schneller, die Töne wurden stärker, schneidiger, und endlich brauste es aus der Geige so wild und zaubergewaltig, daß sich der Baccalaureus an die Stirn griff.

»Das war eine Zigeunerweise«, sagte der Doktor zu ihm, als der Geiger plötzlich geendigt hatte. »Und nun gebt Acht!«

In den Kreis sprangen ein Bursche und ein Mädchen, beide schön an Körper und phantastisch gekleidet. Der Zigeuner begann von neuem zu spielen, und mit den ersten Tönen seiner Geige begann der Bursche sich dem Mädchen zu nähern. Sie wich ihm aus. Lockender, wollüstiger klang die Teufelsgeige, dringender wurde der Tänzer, bis endlich sein Arm ihre Hüfte umfaßt hatte. Und nun drehten und wirbelten sich die zwei engverschlungen in rasender Eile nach dem immer schneller werdenden Tempo des Spiels, bis dieses jählings abbrach. Laute Beifallsrufe lohnten den Künstlern.

»Das war ein ungarischer Tanz,« erklärte der Doktor. »Wie gefällt Euch die Dirne? Ihr solltet sie erst einmal auf dem Seil sehen!«

Der Zigeuner spielte von neuem zum Tanz auf, ein bleiches, hohlwangiges Weib schlug die Zither, und der kleine Buckelige handhabte das Triangel. Jetzt tanzte wer Lust hatte, und was für gewandte Tänzer sah man da! Klipperling, der Hanswurst, war keiner der schlechtesten; mitten im Tanz überschlug er sich, kam auf die Hände zu stehen und tanzte so eine Weile, während er mit den Beinen strampelte. Die Weiber und Mädchen in ihren bunten Fetzen und Flittern sprangen wie die Korkstöpsel und überboten sich in üppigen, herausfordernden Stellungen. In den Pausen machte der Becher fleißig die Runde, und auch Fritz Hederich blieb im Trinken nicht zurück. Er lag mit seinem Beschützer unter einer alten, moosbehangenen Tanne und blickte auf das vom Feuer beleuchtete Gewirre der wilden, bunten Gestalten.

Das schöne Mädchen, welches zuerst getanzt hatte, trat auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen; sie sprach auch ein paar Worte, aber der Baccalaureus verstand ihre Sprache nicht. Willenlos folgte er ihr, und im nächsten Augenblick befand er sich unter den Tanzenden. Der feurige Wein des Doktors hatte seine müden Lebensgeister gewaltsam aufgerüttelt und seinen Jugendmuth zu wilder Lust angefacht. Das Mädchen in seinem Arm flog wie eine Feder über den Boden, er fühlte ihren Athem, das Wogen ihrer Brust, er sah ihre leuchtenden Augen, ihre kleinen Zähne und ihre weiße Stirn unter dem schwarzen Lockengeringel, und dann sah er nichts mehr.

Als der Tanz zu Ende war und die Musikanten einen Augenblick rasteten, trat der Doktor zu Fritz Hederich und fragte:

»Wie behagt's Euch unter uns? Habt Ihr Ähnliches hinter Euren Mauern, in Euren dumpfen Städten, wo um zehn Uhr die Lumpenglocke läutet und der Nachtwächter mit seinem Spieß an die Fensterläden klopft, hinter denen noch ein Licht schimmert? Ist das nicht ein Leben wie im Elysio? Wie steht's, lieber Gesell, habt Ihr Euch besonnen, so schlagt ein und werdet mein Gehilfe. Was ich Euch zugesagt, das halte ich. Schlagt ein, Ihr werdet's nicht bereuen!«

Doktor Rapontiko hielt dem Baccalaureus die Hand hin; dieser hatte nur halb gehört, was jener zu ihm gesprochen. Mit den Augen suchte er das Mädchen, das ihm entflohen war, und als er sie, vom Tanz rastend, tiefathmend an eine Tanne gelehnt erblickte, so besann er sich nicht länger, schlug in die dargereichte Rechte und eilte dann in raschen Sprüngen auf die Schöne zu, die ihm die Arme entgegenstreckte. Im Nu waren die beiden wieder in dem tanzenden Knäul; Doktor Rapontiko aber rieb sich schmunzelnd die Hände und ging.

Unablässig erklangen die Instrumente, unermüdlich rasten die Tänzer, erscholl das tolle Jauchzen und Kreischen der fahrenden Leute. Das Feuer sandte mächtige Rauchwolken zu dem klaren Sternenhimmel, und aufgescheuchte Vögel flogen mit klagendem Ruf dem Innern des Waldes zu. Wäre ein Wanderer zufällig durch den Wald gekommen, er würde geglaubt haben, die wilde Jagd habe sich aus der Luft auf die Erde niedergelassen und feiere hier einen Sabbath.

Fritz Hederich saß mit seiner Tänzerin unter einem Baum; sie füllte ihm den Becher, wenn er ihn hastig geleert hatte, immer wieder aufs neue und küßte ihm den letzten Tropfen von der Lippe. Er lehnte das Haupt an den Stamm der Tanne und zog das Mädchen an seine Brust, dann schloß er die Augen. Es schien ihm, als ob die Musik und das Jauchzen der Tanzenden sich immer weiter entfernte, jetzt klang es ihm nur noch im Ohr wie leises Summen, und dann war alles still.

Doktor Rapontiko trat zu dem Schlafenden. Er winkte dem Mädchen, kniff sie in die Wange und sprach in leisem Ton sehr freundlich mit ihr. Dann griff er in die Tasche, zog eine Schnur böhmischer Granaten hervor und gab sie der Dirne, welche mit frohlockendem Gesicht leisen Fußes sich entfernte, um sich wieder unter die Tanzenden zu mischen.

Der Doktor blieb noch eine Weile allein bei dem Schlafenden, den er wohlgefällig betrachtete. Dann ging er und kam mit Balthasar Klipperling zurück. Mit vereinten Kräften hoben sie den schlafenden Baccalaureus auf und legten ihn in den Wagen.

»Wir haben ihn,« sprach Doktor Rapontiko.

Der andere nickte, warf seinen Hut zwischen die Beine hindurch und fing ihn sehr geschickt wieder mit dem Kopf. Das war ein Kunststück, auf welches sich Balthasar Klipperling, der Hanswurst, viel einbildete.

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